Synodaler Umbau ohne Ende

Kirche im Prozeß der Selbstveränderung: die neuen Arbeitsgruppenberichte


Tröpfchenweise werden die explosiven Berichte der Arbeitsgruppen der Synodalitätssynode veröffentlicht
Tröpfchenweise werden die explosiven Berichte der Arbeitsgruppen der Synodalitätssynode veröffentlicht

Die nach­syn­oda­len Arbeits­grup­pen des von Papst Fran­zis­kus begon­ne­nen soge­nann­ten Syn­oda­len Pro­zes­ses lie­fern ihre Ergeb­nis­se wei­ter­hin nur tröpf­chen­wei­se. Nun wur­den zwei wei­te­re Abschluß­be­rich­te ver­öf­fent­licht – jene der Arbeits­grup­pen 7 und 9 –, aller­dings bis­lang nur in ita­lie­ni­scher und eng­li­scher Spra­che. Auf deutsch gibt es nicht ein­mal eine Zusam­men­fas­sung, die auf fran­zö­sisch, spa­nisch und por­tu­gie­sisch vor­liegt. Das Sekre­ta­ri­at der Syn­ode beglei­te­te die Publi­ka­ti­on mit einer offi­zi­el­len Mit­tei­lung. Inhalt­lich zei­gen bei­de Tex­te, wohin die Rei­se der „Syn­oda­li­tät“ füh­ren soll: zu ver­än­der­ten Aus­wahl­kri­te­ri­en für Bischö­fe und zu neu­en metho­di­schen Zugän­gen in strit­ti­gen Glau­bens- und Moralfragen.

Bischofsamt im Zeichen der „Synodalität“

Der Bericht der Grup­pe 7 befaßt sich mit Aspek­ten der Gestalt und des Dien­stes des Bischofs. Ver­öf­fent­licht wur­de aller­dings nur ein erster Teil, der sich auf die Aus­wahl­kri­te­ri­en für künf­ti­ge Bischö­fe kon­zen­triert. Wei­te­re The­men – dar­un­ter die rich­ter­li­che Funk­ti­on des Bischofs, die Ad-limi­na-Besu­che in Rom und die Aus­bil­dung der Hir­ten – blei­ben vor­erst „in Bearbeitung“.

Auf­fäl­lig sind, wie schon in den bis­her ver­öf­fent­li­chen Arbeits­grup­pen­be­rich­ten, deut­li­che Akzent­ver­schie­bun­gen: Neben klas­si­schen Anfor­de­run­gen tre­ten nun aus­drück­lich „syn­oda­le Kom­pe­ten­zen“, die Kan­di­da­ten haben soll­ten, um für das Bischofs­amt befä­higt zu sein. Genannt wer­den die Fähig­keit zur Gemein­schafts­bil­dung, Dia­log­be­reit­schaft, kul­tu­rel­le Sen­si­bi­li­tät und die Bereit­schaft zur Inte­gra­ti­on in loka­le Gege­ben­hei­ten. Damit wird ein Bischofs­pro­fil ent­wor­fen, das weni­ger vom Lehr- und Hir­ten­amt im klas­si­schen Sinn als viel­mehr von mode­rie­ren­den und pro­zeß­haf­ten Fähig­kei­ten geprägt ist. Der Hir­te mit Lehr- und Juris­dik­ti­ons­voll­macht soll in sei­ner Per­sön­lich­keits­struk­tur ver­drängt wer­den durch einen Bischof, der nicht mehr Hir­te, Leh­rer und Rich­ter, son­dern Teil des Kol­lek­tivs der Scha­fe ist.

Zugleich for­dert der Bericht struk­tu­rel­le Anpas­sun­gen: Auch die Dik­aste­ri­en der Römi­schen Kurie sol­len ihre Ver­fah­ren „syn­oda­ler“ gestal­ten. Dar­über hin­aus wer­den regel­mä­ßi­ge exter­ne Eva­lu­ie­run­gen der Aus­wahl­pro­zes­se ange­regt – ein bemer­kens­wer­ter Vor­schlag, der Fra­gen nach Kon­trol­le und Ver­ant­wort­lich­keit inner­halb der kirch­li­chen Hier­ar­chie auf­wirft. Wer soll­te die­se „exter­ne Eva­lu­ie­rung“ denn vornehmen? 

Vom „Kontroversen“ zum „Emergenten“

Noch deut­li­cher wird die neue Denk­wei­se im Bericht der Grup­pe 9. Die­ser schlägt vor, künf­tig nicht mehr von „kon­tro­ver­sen The­men“ zu spre­chen, son­dern von „emer­gen­ten Fra­gen“. Die ter­mi­no­lo­gi­sche Ver­schie­bung ist pro­gram­ma­tisch: Kon­flik­te sol­len sprach­lich ent­schärft und in einen Pro­zeß gemein­sa­men Ler­nens über­führt werden.

Der Begriff „emer­gen­te Fra­gen“ ist dabei im Deut­schen aus­ge­spro­chen sper­rig und meint soviel wie „auf­kom­men­de The­men“ „neu ent­ste­hen­de Fra­gen“ oder ein­fach „aktu­el­le Her­aus­for­de­run­gen“. Die Grund­in­ten­ti­on ist, Kon­tro­ver­sen aus dem Weg zu gehen, Kon­flik­te mit der Welt zu ver­mei­den, indem kon­tro­ver­se The­men nicht ein­mal mehr als „kon­tro­vers“ bezeich­net wer­den soll­ten. Anders aus­ge­drückt: Ganz im berg­o­glia­ni­schen Sinn soll die Kir­che auf jede Form des Kul­tur­kamp­fes ver­zich­ten, vor der Welt kapitulieren.

Im Zen­trum steht ein drei­stu­fi­ges Ver­fah­ren: Zunächst soll der Ein­zel­ne „sich selbst hören“, dann die Wirk­lich­keit wahr­neh­men und schließ­lich vor­han­de­nes Wis­sen bün­deln. Die­se Metho­de wird als Weg vor­ge­stellt, um schwie­ri­ge dok­tri­nä­re, pasto­ra­le und ethi­sche Fra­gen gemein­schaft­lich zu „unter­schei­den“.

Kon­kre­te Anwen­dung fin­det die­ser Ansatz exem­pla­risch bei zwei The­men: Homo­se­xua­li­tät und Gewalt­lo­sig­keit, illu­striert am Bei­spiel einer ser­bi­schen Jugend­be­we­gung gegen die Regie­rung Milo­se­vic. Bemer­kens­wert ist dabei, daß der Bericht bewußt auf abschlie­ßen­de Urtei­le ver­zich­tet. Statt­des­sen wer­den offe­ne Fra­gen for­mu­liert und „Wege der ethisch-theo­lo­gi­schen Unter­schei­dung“ vor­ge­schla­gen, die von den Orts­kir­chen wei­ter­ge­führt wer­den sol­len. Die Kir­che soll auch hier auf ihre Hir­ten- und Lehr­voll­macht ver­zich­ten. Sie hat nicht die ihr anver­trau­te Leh­re zu ver­kün­den, son­dern auf die Mei­nun­gen und „Erfah­run­gen“ in der Welt „zu hören“.

Offene Fragen statt verbindlicher Lehre

Gera­de die­ser Ver­zicht auf kla­re Posi­tio­nen mar­kiert die ent­schei­den­de Ver­schie­bung. Wo die Kir­che tra­di­tio­nell lehr­amt­li­che Klar­heit bean­spruch­te, soll nun ein pro­zeß­haf­tes, dia­log­ori­en­tier­tes Modell mit offe­nem Aus­gang tre­ten. Die „Ergeb­nis­of­fen­heit“ ist das Modell des „neu­tra­len“, säku­la­ren Staa­tes. Die­ses welt­li­che Modell soll auf die Kir­che über­tra­gen und die­se neu­tra­li­siert wer­den. Ver­ant­wor­tung wird dabei gewis­ser­ma­ßen nach unten dele­giert, nicht nur hier­ar­chisch, sod­nern auch von den Hir­ten zu den Scha­fen: Jede Gemein­schaft soll ihren eige­nen Weg der Unter­schei­dung gehen.

Der Gene­ral­se­kre­tär der Syn­ode, Kar­di­nal Mario Grech, beton­te, die Berich­te soll­ten der Kir­che hel­fen, „die Kom­ple­xi­tät nicht zu scheu­en“. Tat­säch­lich scheint genau dar­in das Leit­mo­tiv zu lie­gen: Kom­ple­xi­tät wird nicht mehr durch lehr­amt­li­che Klä­rung redu­ziert, son­dern durch fort­ge­setz­ten Dia­log ver­wal­tet – dem Anspruch nach sogar ergebenisoffen.

Zwischen Anspruch und Unschärfe

Bei­de Berich­te ver­deut­li­chen, daß der „syn­oda­le Pro­zeß“ weni­ger auf defi­ni­ti­ve Ant­wor­ten als auf metho­di­sche Ver­än­de­run­gen abzielt, und damit die Vor­aus­set­zun­gen schafft, „neue Ant­wor­ten“ geben zu kön­nen. Die Kir­che soll sich – so der Anspruch – als „ler­nen­de, hören­de Gemein­schaft“ ver­ste­hen. Sie soll dabei aller­dings weni­ger auf Gott, son­dern umso mehr auf die Men­schen, also die Welt hören. Kann ein sol­cher Ansatz die not­wen­di­ge Klar­heit in Glau­bens­fra­gen sicher­stel­len, oder ist er nicht viel­mehr der struk­tu­rel­le Garant für eine wach­sen­den Unbestimmtheit?

Die Ver­öf­fent­li­chung die­ser Tex­te bestä­tigt, daß der syn­oda­le Umbau der Kir­che auch unter Leo XIV. vor­an­schrei­tet – lei­se, schritt­wei­se, aber mit weit­rei­chen­den Kon­se­quen­zen für Amt, Leh­re und Selbst­ver­ständ­nis der Kirche.

Mit dem Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil gelang es pro­gres­si­ven Kräf­ten, eine Bre­sche in die „Por­ta Pia“ der Kir­che zu schla­gen und die­se in der Nach­kon­zils­zeit wei­ter aus­zu­bau­en – frei­lich nicht im erhoff­ten Aus­maß. Paul VI. brem­ste mit der Enzy­kli­ka Hum­a­nae vitae in Fra­gen von Sexua­li­tät und Lebens­recht, wor­auf unter Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. eine von Pro­gres­si­ven wie Neo­mo­der­ni­sten glei­cher­ma­ßen abge­lehn­te „restau­ra­ti­ve Pha­se“ folg­te. Vor die­sem Hin­ter­grund ist häu­fig vom „unvoll­ende­ten Kon­zil“ die Rede.

Unter Fran­zis­kus wur­de erneut der Ver­such unter­nom­men, die­ses Kon­zil gleich­sam „zu voll­enden“. Dazu setz­te er nicht nur punk­tu­ell ent­schie­de­ne Maß­nah­men, son­dern schuf auch struk­tu­rel­le Vor­aus­set­zun­gen durch den „syn­oda­len Pro­zeß“. Die Syn­oda­li­sie­rung der Kir­che soll jene Ver­än­de­run­gen her­bei­füh­ren, die geeig­net erschei­nen, das Kon­zil im Sin­ne des „Kon­zils­gei­stes“ zu Ende zu führen.

Den Auf­takt dazu könn­te die für 2028 geplan­te „gro­ße Kir­chen­ver­samm­lung“ bil­den. Wie­der­holt war davon die Rede, die ange­streb­te Voll­endung kön­ne in Form eines Drit­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils erfol­gen; nun soll offen­bar eine Ver­samm­lung die­se Funk­ti­on über­neh­men, ohne aus­drück­lich als „Kon­zil“ bezeich­net zu wer­den. Dahin­ter steht nicht zuletzt eine aus­ge­präg­te Abnei­gung maß­geb­li­cher Kräf­te gegen­über den klas­si­schen Instru­men­ten der Kirche.

In die­sem Zusam­men­hang ist auch die Umbe­nen­nung der bis­he­ri­gen Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on in ein Glau­bens­dik­aste­ri­um zu sehen, die von Fran­zis­kus voll­zo­gen wur­de, ver­bun­den mit einer umstrit­te­nen Per­so­nal­ent­schei­dung durch die Ernen­nung eines neu­en Prä­fek­ten im Jahr 2023. Das Hei­li­ge Offi­zi­um galt in pro­gres­si­ven Krei­sen als beson­ders ver­haß­te römi­sche Behör­de; sei­ne fak­ti­sche Demon­ta­ge fügt sich in eine Rei­he von Maß­nah­men ein, die das Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus kennzeichnen.

Bis­lang sind unter Leo XIV. kei­ne Anzei­chen erkenn­bar, die­sen berg­o­glia­ni­schen Kurs kor­ri­gie­ren oder been­den zu wollen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: syn​od​.va (Screen­shot)

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