Aporien der römischen Kirche. Antwort an Caminante-Wanderer

Fatale Aporien


Papst Leo XIV. und die durch die Piusbruderschaft angekündigten Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat. Eine Antwort von Vigilius auf Bedenken von Caminante Wanderer.
Papst Leo XIV. und die durch die Piusbruderschaft angekündigten Bischofsweihen ohne päpstliches Mandat. Eine Antwort von Vigilius auf Bedenken von Caminante Wanderer.

Von Vigi­li­us*

Lieber Caminante-Wanderer,

zunächst dan­ke ich Ihnen für die freund­li­che Ver­öf­fent­li­chung mei­nes Tex­tes auf Ihrem Blog.1 Auch dan­ke ich Ihnen für die Über­sen­dung der bei­den Kom­men­ta­re, auf die ich gern reagie­re. Zunächst möch­te ich jedoch jenen Lesern, die sich über so schwie­ri­ge und lan­ge Tex­te echauf­fie­ren, Zwei­er­lei sagen.

Zum einen gibt es Sach­zu­sam­men­hän­ge, die ihrer Natur nach kom­plex sind und ent­spre­chend müh­se­li­ge Gedan­ken­an­stren­gun­gen erfor­dern. Sol­che Anstren­gun­gen gehö­ren dazu, wenn der Wahr­heit die Ehre gege­ben wer­den soll. Wenn Inge­nieu­re eine kom­pli­zier­te Brücke bau­en, wäre es um unse­rer eige­nen Sicher­heit wil­len auch unsin­nig, sich über die Kom­ple­xi­tät der Plä­ne und Berech­nun­gen zu beschwe­ren. Damit schon zum zwei­ten Punkt. Das pri­mä­re Pro­blem des gegen­wär­ti­gen kon­ser­va­tiv-tra­di­tio­na­li­sti­schen Fel­des in der Kir­che ist mei­nes Erach­tens nicht prak­tisch-poli­ti­scher Natur, son­dern der Theo­rie­man­gel, und zwar der Man­gel an zurei­chend dif­fe­ren­zier­ter theo­lo­gi­scher und phi­lo­so­phi­scher Refle­xi­on. From­me Betrach­tun­gen, Erör­te­run­gen lit­ur­gi­scher Ent­wick­lun­gen, Refe­ren­zen auf Pri­vat­of­fen­ba­run­gen, Dis­kus­sio­nen kir­chen­po­li­ti­scher Skan­da­le und Skan­däl­chen – alles schön und gut, aber das ist bei wei­tem nicht aus­rei­chend. Man sichert näm­lich eine reli­giö­se Pra­xis letzt­lich nur über eine gute Theo­rie, sonst zer­fällt sie unwei­ger­lich mit der Zeit und kann sich gegen ihre Geg­ner nicht wir­kungs­voll behaup­ten. Vor allem benö­tigt das kon­ser­va­ti­ve Milieu eine Beschäf­ti­gung mit der phi­lo­so­phi­schen Ebe­ne, auf der letzt­lich alle Pro­ble­me für die Theo­lo­gie ent­ste­hen. Weder wird man den gedank­lich äußerst anspruchs­vol­len Posi­tio­nen der neu­zeit­li­chen Phi­lo­so­phie, die den Glau­ben mit einer Inten­si­tät her­aus­for­dern, wie er noch nie her­aus­ge­for­dert war, mit ein paar Zita­ten aus der Sum­ma Theo­lo­gi­ca, neu­scho­la­sti­schen Hand­bü­chern sowie dem Ver­weis auf die Anti­mo­der­nis­mu­sen­zy­kli­ka von Pius X. gerecht, noch las­sen sich die ver­track­ten theo­lo­gi­schen Ver­hält­nis­se – wie etwa die Papst­pro­ble­ma­tik oder die chri­sto­lo­gi­schen und wei­he­theo­lo­gi­schen Fra­gen – mit eini­gen schlich­ten Bemer­kun­gen abhan­deln. Ohne eine vali­de theo­re­ti­sche Arbeit sieht man auch die Schwach­stel­len der eige­nen Posi­ti­on nicht zurei­chend und kann sich leicht ver­ren­nen. Im Übri­gen ist es nicht die Auf­ga­be des Den­kens, Trost zu spen­den. Man­che Erör­te­run­gen bie­ten kei­ne Lösung von Pro­ble­men oder eröff­nen sogar neue uner­freu­li­che Aus­sich­ten. Die Fra­ge nach der Wahr­heit der Din­ge kann ein har­tes Brot sein. Wer unbe­dingt getrö­stet wer­den und sich zum Schluß wohl­füh­len möch­te, soll­te sich an Bischof Bar­ron wenden.

Nun zu den bei­den über­sand­ten Kommentaren.

„»Chri­sti Leh­rer- und Hir­te- bzw. König­sein erge­ben sich aus sei­nem onto­lo­gi­schen Grund­cha­rak­ter, der Hohe­prie­ster, also der sich auf Gol­go­tha dem Vater Auf­op­fern­de zu sein.«

Die Tat­sa­che, dass Chri­stus Leh­rer und Hir­te (bzw. König) ist, ergibt sich aus sei­nem grund­le­gen­den onto­lo­gi­schen Cha­rak­ter als mensch­ge­wor­de­ner Sohn Got­tes. Wäre das Wort ohne die Sün­de der Men­schen Mensch gewor­den, hät­te es nicht gelit­ten und wäre eben­so Leh­rer und Hir­te gewe­sen wie im tat­säch­li­chen Fall.

»Jesus Chri­stus ist logisch pri­mär der, als wel­chen Johan­nes [der Täu­fer] ihn ursprüng­lich bezeichnet.«

Jesus Chri­stus ist logisch pri­mär der, als den ihn Johan­nes der Evan­ge­list ursprüng­lich in Kapi­tel 1 sei­nes Evan­ge­li­ums bezeich­net: das Wort, das eine mensch­li­che Natur ange­nom­men hat.“

Natür­lich ist der mensch­ge­wor­de­ne Sohn das Opfer­lamm bzw. der Hohe­prie­ster nur unter den Bedin­gun­gen der sün­di­gen Frei­heit, die die sich „auf die Spit­ze ihrer selbst stel­len­de Ein­zel­heit“ (Hegel) ist, die als das Par­ti­ku­la­re das Gan­ze sein will und sich damit in einen fun­da­men­ta­len Wider­spruch zur Gott­heit Got­tes und zum eige­nen Sein begibt. Das sage ich in mei­nem Text auch. Aber das hohe­prie­ster­li­che Prä­di­kat Chri­sti hat sei­ne onto­lo­gi­sche Ermög­li­chungs­be­din­gung dar­in, dass Chri­stus als Per­son die Selbst­ga­be des Vaters ist, an den sich der Sohn immer­fort zurück­gibt und den er ver­herr­licht. „Mei­ne Spei­se ist es, den Wil­len mei­nes Vaters zu tun“ ist die Aus­sa­ge des Soh­nes, der als mensch­ge­wor­de­ner das rea­li­siert, was er von Ewig­keit her ist: zugleich vom Vater, dem ursprüng­li­chen Geber, und von sich selbst her Selbst-Gabe zu sein. Das Lamm-Got­tes-Sein, das Sich-dem Vater-Opfern, ist also in der tri­ni­ta­ri­schen Wesens­lo­gik, die die Logik eines spe­zi­fi­schen Gebens ist, sel­ber grundiert.

Ent­schei­den­der­wei­se fällt von hier­her Licht auf die Rede des Johan­nes­pro­logs, dass die zwei­te gött­li­che Per­son der Logos Got­tes ist. In der Ver­wen­dung des Wor­tes „Logos“ müs­sen wir beson­ders behut­sam sein. Wir sind in unse­rem Ver­ständ­nis des Logos immer schon von der latei­nisch-abend­län­di­schen Rezep­ti­on des grie­chi­schen λόγος geprägt, die sich bis tief in die neu­zeit­li­che Meta­phy­sik hin­ein­trägt und in der Phi­lo­so­phie Des­car­tes, Kants und Hegels ihren Höhe­punkt fin­det. Im ursprüng­li­chen grie­chi­schen Ver­ständ­nis ist der λόγος aber nicht blo­ße Ver­nunft, ver­nünf­ti­ge Rede, logi­sche Ratio­na­li­tät, das Sich-Begrei­fen bzw. die sich zu sich ver­mit­teln­de Selbst­ge­wiß­heit einer abso­lu­ten Sub­jek­ti­vi­tät – sei es die des tri­ni­ta­ri­schen Got­tes wie bei Augu­sti­nus oder des „Gei­stes“ bei Hegel –, son­dern vom λέγειν (sam­meln, fügen) her ver­stan­den und bil­det mit der Wahr­heit als ἀλήθεια (Unver­bor­gen­heit) eine inne­re Ein­heit: Der λόγος ist das In-die-Erschei­nung- oder In-die-Unver­bor­gen­heit-Brin­gen, das Ent­ber­gen, sowie das In-den-Grund-hin­ein-Sam­meln und Zuein­an­der-Fügen. Ich fol­ge hier der Spur Mar­tin Heid­eg­gers, und ich bin davon über­zeugt, dass die Grund­pro­ble­me der römi­schen Kir­che letzt­lich aus ihrer distanz­lo­sen Bin­dung an die latei­ni­sche Rezep­ti­on des grie­chi­schen Den­kens resultieren.

Ver­steht man den Logos Got­tes in einem sol­chen ursprüng­li­che­ren Sin­ne, dann ist der gött­li­che Logos das In-Erschei­nung-Tre­ten und In-Erschei­nung-Tre­ten-Las­sen der Gott­heit, die der Vor­gang des Sich-Gebens ist – und die des­we­gen auch Selbst­ga­be an die Krea­tur ist. Des­we­gen sage ich, dass der ewi­ge Sohn, der die per­so­na­le Selbst-Gabe Got­tes ist, als die­se per­son­ge­wor­de­ne Gabe der Logos Got­tes ist, der – und wesen­haft nur er – Mensch wird und wie­der­um als sol­cher das In-Erschei­nung-Tre­ten des Vaters in der Welt ist. Der Sohn sagt, wer mich sieht, sieht den Vater. Nicht der Logos ist der Sohn, son­dern der Sohn ist, ich wie­der­ho­le das, als sol­cher der Logos und damit uns gegen­über der Leh­rer. Zugleich ist der Sohn aber auch der „Hir­te“, denn er ver­sam­melt die krea­tür­li­chen Sei­en­den in sich selbst auf ihren Grund hin, der der Vater ist. Immer wird alles vom Gabe­cha­rak­ter her dekliniert.

Wenn die­ser Logos in einer nicht-sün­di­gen Welt Mensch wird, dann rea­li­siert er sich auch in die­ser Welt als das Sich-geben der Selbst-Gabe des Vaters und damit als das In-Erschei­nung-Tre­ten des Vaters und als die eini­gen­de Samm­lung auf den Vater hin. Zum einen gibt Chri­stus also sich selbst, sei­ne vom Vater emp­fan­ge­ne gött­li­che Natur, an uns, damit wir zum ande­ren in ihm zum Vater gelan­gen. Ich bin wie Sco­tus auch davon über­zeugt, dass der Sohn in jedem Fal­le Mensch gewor­den wäre, anson­sten besitzt die Schöp­fungs­be­we­gung über­haupt kei­nen Sinn, sie muß aprio­ri in der eini­gen­den Ver­gött­li­chung der Krea­tur und dem Alles-in-allem-Wer­den Got­tes ter­mi­nie­ren. Unter dem Vor­zei­chen der Sün­de wird die Selbst­ga­be des Soh­nes zum Opfer, sie muß dazu wer­den, aber das Opfer ist nur eine bestimm­te Aus­prä­gung des Sich-gebens. Das heißt aber, dass unter der fak­ti­schen Vor­aus­set­zung der sün­di­gen Welt der zur Opfer-Gabe wer­den­de inkar­nier­te Sohn die Defi­ni­ti­ons­mit­te des Gan­zen ist.

In mei­nem Essay geht es mir dar­um, die inne­re Ein­heit der drei „Ämter“ Chri­sti zu zei­gen und sie nicht nur addi­tiv auf­zu­li­sten. Damit es eine sol­che Ein­heit geben kann, muß die Sache aus einem eini­gen­den Grund her­aus ver­stan­den wer­den, und die­ser Grund ist das Gabe‑, resp. das Opfer- und Hohe­prie­ster­sein, das sich orga­nisch zum Leh­rer- und Hir­te-Sein Chri­sti ent­fal­tet. Wie die Tran­szen­den­ta­li­en sind die drei Ämter Chri­sti inein­an­der kon­ver­tier­bar, sie fügen und spie­geln sich inein­an­der, und den­noch gibt es das Grund­prin­zip des Sich-gebens, das die johannei­sche Theo­lo­gie als Lie­be bezeich­net, als wel­che die Gott­heit Got­tes begrif­fen wird und als wel­che sie sich auch in der Welt realisiert.

Der intel­lek­tua­li­sti­sche Ansatz der latei­ni­schen Welt, der an der grie­chi­schen Erfah­rung des λόγος fun­da­men­tal vor­beigreift und aus sich die machen­schaft­li­che Ratio­na­li­tät und welt­un­ter­wer­fen­de Sub­jek­ti­vi­tät, den „homo faber“, gebiert, bringt auch in der okzi­den­ta­len Theo­lo­gie alles in die Schief­la­ge – bis dahin, dass die­se Theo­lo­gie ineins mit dem authen­ti­schen Wesen des Geist- und Logos-Seins Got­tes auch das Wesen der nur durch das Kreuz bestimm­ba­ren gött­li­chen Macht nicht den­ken kann. Der Sohn ist aber als sol­cher und also als das hohe­prie­ster­li­che Opfer­lamm der Logos und der Rex; das Opfer, das Sich-selbst-Geben des inkar­nier­ten Soh­nes zur Ret­tung der Welt, in das die Welt inte­griert wird, ist als sol­ches die gött­li­che Herr­schaft über die Welt.

Die Ver­ken­nung die­ser Ver­hält­nis­se führt in der römi­schen Kir­che dazu, dass sich jen­seits des Opfer­kul­tes, also jen­seits des Myste­ri­ums des sich sel­ber geben­den Got­tes, ein ver­selbst­stän­dig­ter Macht- und Lehr­kom­plex her­aus­ge­bil­det hat. Die latei­ni­sche Kir­che hat sich zu einer Pro­duk­ti­ons­ma­schi­ne von objek­ti­vie­ren­den Sät­zen und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten sowie einem poli­tisch-mora­li­schen Enga­ge­ment­be­trieb und einer Agen­tur zur Feil­bie­tung „reli­giö­ser Erleb­nis­se“ ver­äu­ßer­licht. Die damit ver­bun­de­ne Auf­sprei­zung der sich noch in ihren ultra­lin­ken Gestal­ten als „Kir­chen-Für­sten“ zele­brie­ren­den Bischö­fe ist eben­so schwer erträg­lich wie die begriff­li­che Arro­ganz des unab­läs­sig schwät­zen­den „Lehr­am­tes“, das Lawi­nen von „Ver­laut­ba­run­gen“ pro­du­ziert. Für die­ses Lehr­amt gibt es kein hei­li­ges Schwei­gen vor dem Abgrund des Gött­li­chen und kei­ne Gren­zen des Zugriffs auf das Hei­li­ge. Dies gilt vor allem für die Kir­che in ihrem selbst­ver­neu­zeit­lich­ten Modus. Es ist bemer­kens­wert, wie sehr sich die neu­zeit­li­chen Pro­zes­se inner­halb der säku­la­ren Sphä­re und der Kir­che inein­an­der spie­geln; auch die neu­zeit­li­che Kir­che nimmt am machen­schaft­li­chen Wesen der Neu­zeit teil, und dies gera­de dort, wo sie ver­meint, poin­tiert anti­mo­dern zu sein. Der Pri­mat der Kodi­fi­zie­rung aller reli­giö­sen Ver­hält­nis­se vor der Myst­ago­gie und die lang zurück­rei­chen­de Selbst­po­li­ti­sie­rung der Kir­che, die mit dem Ent­wurf des „tota­len Pap­stes“ in der Neu­zeit ihren Höhe­punkt erreicht, gehö­ren eben­so zu die­sem Machen­schafts­syn­drom wie die Tri­via­li­sie­rung und Mar­gi­na­li­sie­rung des Prie­sters. Denn der Sacer­dos ist der Statt­hal­ter des Myste­ri­ums schlecht­hin. Er ist die sakra­men­ta­le Selbst­re­prä­sen­ta­ti­on des Hohe­prie­sters, der sei­ne zum Opfer gewor­de­ne Selbst­ga­be unter uns im Kult ver­ge­gen­wär­ti­gen will, um uns zu sei­nem cor­pus mysti­cum und damit zu einer Gabe an den Vater zu machen.

Schließ­lich wer­den gedank­li­che Fun­da­men­tal­wei­chen­stel­lun­gen – wie die Inter­pre­ta­ti­on des λόγος – auch in der Kir­che immer prak­tisch. Es gibt unzäh­li­ge Minia­tu­ren, in denen das sicht­bar wird. Eine der ein­drück­lich­sten ist die Insze­nie­rung vie­ler Papst­mes­sen, bei denen wir beob­ach­ten kön­nen, dass auf der Thea­ter­büh­ne der Papst­thron direkt hin­ter dem Altar auf­ge­baut ist – und den Altar weit über­ragt. Bei einem Hoch­al­tar gin­ge das nicht, er wäre der natür­li­che Flucht­punkt der Archi­tek­tur. Jetzt ist der Flucht­punkt aber der Sitz des Herr­schers, der unent­wegt redet und auf den sich alles bezieht. Die Mes­se hat nur Staf­fa­gen­cha­rak­ter für den Auf­tritt des Pap­stes, der sich seit Pius IX. gezielt zur chri­stus­för­mi­gen, cha­ris­ma­ti­schen Füh­rer­ge­stalt sti­li­siert hat und mit der Mas­se zur hoch­emo­tio­na­li­sier­ten Ein­heit der Erleb­nis­sub­jek­ti­vi­tät ver­schmilzt. Die­ser kolos­sa­le Nar­ziß­mus des „tota­len Pap­stes“, der eine der Mani­fe­sta­tio­nen der durch die abend­län­di­sche Phi­lo­so­phie ent­fes­sel­ten Sub­jek­ti­vi­tät ist, ver­mag sich schließ­lich in der Bug­nini­schen Lit­ur­gie am adäqua­te­sten zu zele­brie­ren; es gibt hier eine gehei­me Kom­pli­zen­schaft im Wesen. Die vor­kon­zi­lia­ren Päp­ste muß­ten sich immer­hin noch mit den Gläu­bi­gen zum Kreuz hin­wen­den. Nun aber ist der sich selbst als Opfer-Gabe auf den Altä­ren ver­ge­gen­wär­ti­gen­de Hohe­prie­ster nahe­zu ver­ges­sen, und mit ihm ver­schwin­det auch der kirch­li­che Prie­ster. Die im Kult grün­den­de und wesen­haft auf ihn aus­ge­rich­te­te pote­stas sacra, die es im cor­pus Chri­sti mysti­cum allein geben kann, wird durch die prin­zi­pi­ell lai­ka­le pote­stas abso­lu­ta der Juris­dik­ti­on und Leh­re und das machen­schaft­lich-syn­oda­li­sti­sche Kir­chen-Engi­nee­ring, das signi­fi­kan­ter­wei­se die pote­stas abso­lu­ta för­dert, ersetzt. Man ist geneigt, mit Heid­eg­ger zu sagen: „Ist es so weit gekom­men, sind der Gott und die Göt­ter entflohen.“

Dass sich der Cha­rak­ter der Kir­che als cor­pus mysti­cum im kirch­li­chen Bewußt­sein mitt­ler­wei­le weit­ge­hend ver­flüch­tigt hat, ist jedoch kein Zufall oder eine blo­ße Frucht der letz­ten Jahr­zehn­te. Die­ses in kon­ser­va­ti­ven Krei­sen gern bemüh­te Nar­ra­tiv ist viel zu schlicht. Die Ver­flüch­ti­gung des Myste­ri­ums war aus der ansatz­be­ding­ten Dyna­mik der römi­schen Kir­che sel­ber her­aus erwartbar.

Der ande­re Kom­men­tar lautet:

„Ich glau­be, um das Pro­blem zu ver­ste­hen, muss man betrach­ten, wie es im Lau­fe der Geschich­te ver­stan­den wur­de, denn durch den Ver­lust der Län­de­rei­en, die den Kult stütz­ten, im Zuge der Säku­la­ri­sie­rung und durch die Zen­tra­li­sie­rung der kirch­li­chen Macht beim ehe­ma­li­gen König des Kir­chen­staa­tes sind die Begrif­fe, die frü­her sehr klar waren, heu­te sehr verschwommen.

Was ist zum Bei­spiel mit den Bischö­fen und Erz­bi­schö­fen, die auf Phan­tom­diö­ze­sen geweiht wur­den – den „in par­ti­bus infidelium“?

Es han­delt sich um ech­te Bischö­fe, die ihrer­seits Prie­ster und Bischö­fe wei­hen kön­nen, aber kei­ne Juris­dik­ti­on über irgend­je­man­den haben (sie sind daher nicht Teil der katho­li­schen Ver­wal­tungs- und Gerichts­struk­tur, da sie kei­ne ech­ten Diö­ze­sen haben und somit nicht existieren).

Und das schließt nicht aus, dass ihnen zu einem spä­te­ren Zeit­punkt ein ech­ter Sitz mit ech­ten Getauf­ten zuer­kannt wer­den kann, denn dies kann auto­ma­tisch in dem Moment gesche­hen, in dem sie ihre (ech­te) Diö­ze­se in Besitz nehmen.

Was geschieht, wenn ein Bischof auf sei­nen Sitz verzichtet?

Er bleibt wei­ter­hin Bischof, hat aber kei­ner­lei Macht mehr; zumin­dest so lan­ge, bis er in eine ande­re Diö­ze­se beru­fen wird und die­se annimmt.

Dies zeigt deut­lich, dass, obwohl die apo­sto­li­sche Voll­macht und das Impe­ri­um in der­sel­ben Zere­mo­nie ver­lie­hen wer­den, es sich um zwei ver­schie­de­ne und getrenn­te Din­ge handelt.

Dann haben wir die berühm­ten Fäl­le der Äbtis­sin der Huel­gas Rea­les (Zister­zi­en­se­rin­nen) (Äbtis­sin­nen von Con­vers­a­no in Apu­li­en, von Fon­tev­raud in Frank­reich usw.) Sie besaß kraft ihres Amtes und ab dem Moment, in dem sie das Amt annahm, die Ver­wal­tungs­be­fug­nis­se eines Bischofs inner­halb ihrer Lehens­gü­ter und in denen des Hos­pi­tal del Rey (z. B. einem Prie­ster die Erlaub­nis zu ertei­len, Beich­te zu hören oder zu pre­di­gen, eine Pfar­rei zuzu­wei­sen), aber sie hat­te nicht die apo­sto­li­sche Voll­macht, Priester/​Bischöfe zu weihen

Wir haben auch die histo­ri­schen Fäl­le der „Komen­da­t­ä­re“, die es nicht nur in Abtei­en, son­dern auch in Kathe­dra­len gab.

Zum Bei­spiel wur­de Hip­po­lyt von Este im Alter von 5 Jah­ren zum Erz­bi­schof von Esz­t­er­gom und mit 14 Jah­ren zum Erz­bi­schof von Mai­land ernannt. Da er offen­sicht­lich nicht das kano­ni­sche Alter hat­te, um zum Prie­ster oder Bischof geweiht zu wer­den, konn­te er als apo­sto­li­scher Admi­ni­stra­tor zwar die Ein­künf­te des Erz­bis­tums bezie­hen, aber kei­ne Sakra­men­te spen­den. Sein Nef­fe, eben­falls Hip­po­lyt genannt, wur­de im Alter von 10 Jah­ren zum Erz­bi­schof von Mai­land ernannt. Erst mit 50 wur­de er zum Prie­ster geweiht…

Die­se Per­so­nen waren zwar weder geweiht noch hat­ten sie das kano­ni­sche Alter erreicht, waren aber „Ver­wal­ter“, wes­halb sie die ent­spre­chen­den Ein­künf­te erhiel­ten, wäh­rend die eigent­li­che Arbeit von Bischofs­vi­ka­ren ver­rich­tet wur­de. Das heißt, die apo­sto­li­sche und admi­ni­stra­ti­ve Funk­ti­on, die nor­ma­ler­wei­se mit der Wei­he ein­her­geht, war in die­sen Fäl­len getrennt, und in man­chen Fäl­len war nicht ein­mal eine for­mel­le Wei­he erfor­der­lich, son­dern ledig­lich die rich­ti­ge Verbindung.

Um auf das kom­pli­zier­te Geflecht der Lefeb­vria­ner der FSSPX zurück­zu­kom­men: Es ist offen­sicht­lich, dass sie gewich­ti­ge Grün­de haben, Bischö­fe ohne päpst­li­che Geneh­mi­gung zu wei­hen. Tat­säch­lich ist es die­sel­be Situa­ti­on, in der sich der Spi­ri­ta­ner-Bischof von Dakar dazu gezwun­gen sah, dies zu tun, obwohl er um die Exkom­mu­ni­ka­ti­on latae sen­ten­tiae wusste.

Es han­delt sich kei­nes­wegs um ein Schis­ma, aber offen­sicht­lich ste­hen sie nicht in „Gemein­schaft“ mit Rom (und Rom steht auch nicht in „Gemein­schaft“ mit ihnen, das muss man sagen). Sie wol­len ein­fach nur, dass ihre Orga­ni­sa­ti­on, die für das Heil der See­len so not­wen­dig ist, nicht mit dem phy­si­schen Tod ihrer Geweih­ten verschwindet.

In die­sem Sin­ne ver­ste­hen sie, dass ein gerin­ge­res Übel ein viel grö­ße­res Gut rechtfertigt.“

Kurz noch zum zwei­ten Kom­men­tar. Die histo­ri­sche Refe­renz beein­druckt mich nicht. Die Geschich­te pro­du­ziert aus sich selbst kei­ne Nor­ma­ti­vi­tät. Auch in der Kir­che ist die Geschich­te nicht ein­fach nur ein Sie­ges­zug der Wahr­heit, son­dern eben­falls ein Sam­mel­su­ri­um von Kurio­si­tä­ten. Mir geht es um die Gewin­nung einer mög­lichst kon­si­stent for­mu­lier­ten Idee, die ihrer­seits der Maß­stab für die Beur­tei­lung der histo­ri­schen Rea­li­tä­ten ist. Dass eine Äbtis­sin über Prie­ster befeh­lig­te, ist eben­so eine Frech­heit wie die Ernen­nung der Signo­ra Bram­bil­la zur Prä­fek­tin des Ordens­dik­aste­ri­ums und ana­lo­ge Phä­no­me­ne wie die Eta­blie­rung von „Prie­ster­re­fe­ren­tin­nen“ in etli­chen Diö­ze­sen, die die Fach- und Dienst­auf­sicht über Prie­ster besit­zen. Auch das Insti­tut des juris­dik­ti­ons­lo­sen Weih­bi­schofs – einer ehe­mals prak­ti­schen Not­wen­dig­keit ange­sichts nicht-geweih­ter Orts­bi­schö­fe – hal­te ich für über­ho­lungs­be­dürf­tig. Und da ich die Dimen­si­on des Sacer­do­ta­len für die ent­schei­den­de hal­te, leuch­tet mir, weit grund­le­gen­der, auch nicht ein, war­um das Prie­ster­tum gegen­über der Lei­tungs- und Lehr­ge­walt ver­selbst­stän­digt wer­den kann. Mit ande­ren Wor­ten: Die bei­den Wei­he­stu­fen des Prie­sters und des Bischofs erschei­nen mir syste­ma­tisch unbe­gründ­bar, der Sacer­dos inte­griert als sol­cher immer schon die Ämter des Leh­rens und Lei­tens in sich. Vor allem aber kann es neben der pote­stas sacra kei­ne pote­stas abso­lu­ta geben; die Kon­struk­ti­on des Papst­am­tes, wie sie schließ­lich im I. Vati­ca­num for­mel­le Gestalt gewon­nen hat, ver­mag ich in der Wesens­lo­gik des cor­pus Chri­sti mysti­cum nicht unterzubringen.

Natür­lich weiß ich, dass die­se Aus­sa­gen kon­tra­fak­tisch sind und die Kir­che das, jeden­falls in Tei­len, auch gar nicht mehr ändern kann. Das begrenzt den Gedan­ken aber nicht. Betrach­tet man die Ver­hält­nis­se mit küh­lem Blick, der sich durch die Wahr­heits­po­li­ti­ken des sich über spi­ri­tu­el­le Tabui­sie­run­gen schüt­zen­den kirch­li­chen Systems nicht ein­schüch­tern läßt, kommt man mei­nes Erach­tens nicht um die Ein­schät­zung her­um, dass sich die römi­sche Kir­che in fata­le Apo­rien hin­ein­ma­nö­vriert hat. Die­se Apo­rien for­dern, sogar zuneh­mend, einen kapi­ta­len Preis. Ich ver­mu­te, dass sich als Reflex die­ser Apo­rien zukünf­tig jenes laten­te Schis­ma immer mas­si­ver sub­stan­ti­ie­ren wird, das sich längst schon abzeich­net: Auf der einen Sei­te die aus dem Opfer­kult­my­ste­ri­um ent­bun­de­ne Kir­chen­en­gi­nee­ring-Groß­in­sti­tu­ti­on und auf der ande­ren Sei­te die sich ten­den­ti­ell sub­kul­tu­rell rea­li­sie­ren­de Kir­che in der Kir­che, die sich als cor­pus Chri­sti mysti­cum begreift.

*Vigi­li­us ist ein deut­scher Phi­lo­soph und Blog­ger auf www​.ein​sprue​che​.sub​stack​.com, wo die­se Ana­ly­se auch erst­ver­öf­fent­licht wurde.

Bild: Ein­sprü­che


  1. Cami­nan­te Wan­de­rer: El rein­ado de Cri­sto y las apo­rí­as de la Igle­sia roma­na. Un inter­ro­gan­te teoló­gi­co sob­re las cons­agra­cio­nes epis­co­pa­les de la FSSPX, 17. April 2016.

    Vigi­li­us: Das König­tum Chri­sti und die Apo­rien der römi­schen Kir­che, 12. März 2026. ↩︎

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