Von Vigilius*
Lieber Caminante-Wanderer,
zunächst danke ich Ihnen für die freundliche Veröffentlichung meines Textes auf Ihrem Blog.1 Auch danke ich Ihnen für die Übersendung der beiden Kommentare, auf die ich gern reagiere. Zunächst möchte ich jedoch jenen Lesern, die sich über so schwierige und lange Texte echauffieren, Zweierlei sagen.
Zum einen gibt es Sachzusammenhänge, die ihrer Natur nach komplex sind und entsprechend mühselige Gedankenanstrengungen erfordern. Solche Anstrengungen gehören dazu, wenn der Wahrheit die Ehre gegeben werden soll. Wenn Ingenieure eine komplizierte Brücke bauen, wäre es um unserer eigenen Sicherheit willen auch unsinnig, sich über die Komplexität der Pläne und Berechnungen zu beschweren. Damit schon zum zweiten Punkt. Das primäre Problem des gegenwärtigen konservativ-traditionalistischen Feldes in der Kirche ist meines Erachtens nicht praktisch-politischer Natur, sondern der Theoriemangel, und zwar der Mangel an zureichend differenzierter theologischer und philosophischer Reflexion. Fromme Betrachtungen, Erörterungen liturgischer Entwicklungen, Referenzen auf Privatoffenbarungen, Diskussionen kirchenpolitischer Skandale und Skandälchen – alles schön und gut, aber das ist bei weitem nicht ausreichend. Man sichert nämlich eine religiöse Praxis letztlich nur über eine gute Theorie, sonst zerfällt sie unweigerlich mit der Zeit und kann sich gegen ihre Gegner nicht wirkungsvoll behaupten. Vor allem benötigt das konservative Milieu eine Beschäftigung mit der philosophischen Ebene, auf der letztlich alle Probleme für die Theologie entstehen. Weder wird man den gedanklich äußerst anspruchsvollen Positionen der neuzeitlichen Philosophie, die den Glauben mit einer Intensität herausfordern, wie er noch nie herausgefordert war, mit ein paar Zitaten aus der Summa Theologica, neuscholastischen Handbüchern sowie dem Verweis auf die Antimodernismusenzyklika von Pius X. gerecht, noch lassen sich die vertrackten theologischen Verhältnisse – wie etwa die Papstproblematik oder die christologischen und weihetheologischen Fragen – mit einigen schlichten Bemerkungen abhandeln. Ohne eine valide theoretische Arbeit sieht man auch die Schwachstellen der eigenen Position nicht zureichend und kann sich leicht verrennen. Im Übrigen ist es nicht die Aufgabe des Denkens, Trost zu spenden. Manche Erörterungen bieten keine Lösung von Problemen oder eröffnen sogar neue unerfreuliche Aussichten. Die Frage nach der Wahrheit der Dinge kann ein hartes Brot sein. Wer unbedingt getröstet werden und sich zum Schluß wohlfühlen möchte, sollte sich an Bischof Barron wenden.
Nun zu den beiden übersandten Kommentaren.
„»Christi Lehrer- und Hirte- bzw. Königsein ergeben sich aus seinem ontologischen Grundcharakter, der Hohepriester, also der sich auf Golgotha dem Vater Aufopfernde zu sein.«
Die Tatsache, dass Christus Lehrer und Hirte (bzw. König) ist, ergibt sich aus seinem grundlegenden ontologischen Charakter als menschgewordener Sohn Gottes. Wäre das Wort ohne die Sünde der Menschen Mensch geworden, hätte es nicht gelitten und wäre ebenso Lehrer und Hirte gewesen wie im tatsächlichen Fall.
»Jesus Christus ist logisch primär der, als welchen Johannes [der Täufer] ihn ursprünglich bezeichnet.«
Jesus Christus ist logisch primär der, als den ihn Johannes der Evangelist ursprünglich in Kapitel 1 seines Evangeliums bezeichnet: das Wort, das eine menschliche Natur angenommen hat.“
Natürlich ist der menschgewordene Sohn das Opferlamm bzw. der Hohepriester nur unter den Bedingungen der sündigen Freiheit, die die sich „auf die Spitze ihrer selbst stellende Einzelheit“ (Hegel) ist, die als das Partikulare das Ganze sein will und sich damit in einen fundamentalen Widerspruch zur Gottheit Gottes und zum eigenen Sein begibt. Das sage ich in meinem Text auch. Aber das hohepriesterliche Prädikat Christi hat seine ontologische Ermöglichungsbedingung darin, dass Christus als Person die Selbstgabe des Vaters ist, an den sich der Sohn immerfort zurückgibt und den er verherrlicht. „Meine Speise ist es, den Willen meines Vaters zu tun“ ist die Aussage des Sohnes, der als menschgewordener das realisiert, was er von Ewigkeit her ist: zugleich vom Vater, dem ursprünglichen Geber, und von sich selbst her Selbst-Gabe zu sein. Das Lamm-Gottes-Sein, das Sich-dem Vater-Opfern, ist also in der trinitarischen Wesenslogik, die die Logik eines spezifischen Gebens ist, selber grundiert.
Entscheidenderweise fällt von hierher Licht auf die Rede des Johannesprologs, dass die zweite göttliche Person der Logos Gottes ist. In der Verwendung des Wortes „Logos“ müssen wir besonders behutsam sein. Wir sind in unserem Verständnis des Logos immer schon von der lateinisch-abendländischen Rezeption des griechischen λόγος geprägt, die sich bis tief in die neuzeitliche Metaphysik hineinträgt und in der Philosophie Descartes, Kants und Hegels ihren Höhepunkt findet. Im ursprünglichen griechischen Verständnis ist der λόγος aber nicht bloße Vernunft, vernünftige Rede, logische Rationalität, das Sich-Begreifen bzw. die sich zu sich vermittelnde Selbstgewißheit einer absoluten Subjektivität – sei es die des trinitarischen Gottes wie bei Augustinus oder des „Geistes“ bei Hegel –, sondern vom λέγειν (sammeln, fügen) her verstanden und bildet mit der Wahrheit als ἀλήθεια (Unverborgenheit) eine innere Einheit: Der λόγος ist das In-die-Erscheinung- oder In-die-Unverborgenheit-Bringen, das Entbergen, sowie das In-den-Grund-hinein-Sammeln und Zueinander-Fügen. Ich folge hier der Spur Martin Heideggers, und ich bin davon überzeugt, dass die Grundprobleme der römischen Kirche letztlich aus ihrer distanzlosen Bindung an die lateinische Rezeption des griechischen Denkens resultieren.
Versteht man den Logos Gottes in einem solchen ursprünglicheren Sinne, dann ist der göttliche Logos das In-Erscheinung-Treten und In-Erscheinung-Treten-Lassen der Gottheit, die der Vorgang des Sich-Gebens ist – und die deswegen auch Selbstgabe an die Kreatur ist. Deswegen sage ich, dass der ewige Sohn, der die personale Selbst-Gabe Gottes ist, als diese persongewordene Gabe der Logos Gottes ist, der – und wesenhaft nur er – Mensch wird und wiederum als solcher das In-Erscheinung-Treten des Vaters in der Welt ist. Der Sohn sagt, wer mich sieht, sieht den Vater. Nicht der Logos ist der Sohn, sondern der Sohn ist, ich wiederhole das, als solcher der Logos und damit uns gegenüber der Lehrer. Zugleich ist der Sohn aber auch der „Hirte“, denn er versammelt die kreatürlichen Seienden in sich selbst auf ihren Grund hin, der der Vater ist. Immer wird alles vom Gabecharakter her dekliniert.
Wenn dieser Logos in einer nicht-sündigen Welt Mensch wird, dann realisiert er sich auch in dieser Welt als das Sich-geben der Selbst-Gabe des Vaters und damit als das In-Erscheinung-Treten des Vaters und als die einigende Sammlung auf den Vater hin. Zum einen gibt Christus also sich selbst, seine vom Vater empfangene göttliche Natur, an uns, damit wir zum anderen in ihm zum Vater gelangen. Ich bin wie Scotus auch davon überzeugt, dass der Sohn in jedem Falle Mensch geworden wäre, ansonsten besitzt die Schöpfungsbewegung überhaupt keinen Sinn, sie muß apriori in der einigenden Vergöttlichung der Kreatur und dem Alles-in-allem-Werden Gottes terminieren. Unter dem Vorzeichen der Sünde wird die Selbstgabe des Sohnes zum Opfer, sie muß dazu werden, aber das Opfer ist nur eine bestimmte Ausprägung des Sich-gebens. Das heißt aber, dass unter der faktischen Voraussetzung der sündigen Welt der zur Opfer-Gabe werdende inkarnierte Sohn die Definitionsmitte des Ganzen ist.
In meinem Essay geht es mir darum, die innere Einheit der drei „Ämter“ Christi zu zeigen und sie nicht nur additiv aufzulisten. Damit es eine solche Einheit geben kann, muß die Sache aus einem einigenden Grund heraus verstanden werden, und dieser Grund ist das Gabe‑, resp. das Opfer- und Hohepriestersein, das sich organisch zum Lehrer- und Hirte-Sein Christi entfaltet. Wie die Transzendentalien sind die drei Ämter Christi ineinander konvertierbar, sie fügen und spiegeln sich ineinander, und dennoch gibt es das Grundprinzip des Sich-gebens, das die johanneische Theologie als Liebe bezeichnet, als welche die Gottheit Gottes begriffen wird und als welche sie sich auch in der Welt realisiert.
Der intellektualistische Ansatz der lateinischen Welt, der an der griechischen Erfahrung des λόγος fundamental vorbeigreift und aus sich die machenschaftliche Rationalität und weltunterwerfende Subjektivität, den „homo faber“, gebiert, bringt auch in der okzidentalen Theologie alles in die Schieflage – bis dahin, dass diese Theologie ineins mit dem authentischen Wesen des Geist- und Logos-Seins Gottes auch das Wesen der nur durch das Kreuz bestimmbaren göttlichen Macht nicht denken kann. Der Sohn ist aber als solcher und also als das hohepriesterliche Opferlamm der Logos und der Rex; das Opfer, das Sich-selbst-Geben des inkarnierten Sohnes zur Rettung der Welt, in das die Welt integriert wird, ist als solches die göttliche Herrschaft über die Welt.
Die Verkennung dieser Verhältnisse führt in der römischen Kirche dazu, dass sich jenseits des Opferkultes, also jenseits des Mysteriums des sich selber gebenden Gottes, ein verselbstständigter Macht- und Lehrkomplex herausgebildet hat. Die lateinische Kirche hat sich zu einer Produktionsmaschine von objektivierenden Sätzen und Verwaltungsvorschriften sowie einem politisch-moralischen Engagementbetrieb und einer Agentur zur Feilbietung „religiöser Erlebnisse“ veräußerlicht. Die damit verbundene Aufspreizung der sich noch in ihren ultralinken Gestalten als „Kirchen-Fürsten“ zelebrierenden Bischöfe ist ebenso schwer erträglich wie die begriffliche Arroganz des unablässig schwätzenden „Lehramtes“, das Lawinen von „Verlautbarungen“ produziert. Für dieses Lehramt gibt es kein heiliges Schweigen vor dem Abgrund des Göttlichen und keine Grenzen des Zugriffs auf das Heilige. Dies gilt vor allem für die Kirche in ihrem selbstverneuzeitlichten Modus. Es ist bemerkenswert, wie sehr sich die neuzeitlichen Prozesse innerhalb der säkularen Sphäre und der Kirche ineinander spiegeln; auch die neuzeitliche Kirche nimmt am machenschaftlichen Wesen der Neuzeit teil, und dies gerade dort, wo sie vermeint, pointiert antimodern zu sein. Der Primat der Kodifizierung aller religiösen Verhältnisse vor der Mystagogie und die lang zurückreichende Selbstpolitisierung der Kirche, die mit dem Entwurf des „totalen Papstes“ in der Neuzeit ihren Höhepunkt erreicht, gehören ebenso zu diesem Machenschaftssyndrom wie die Trivialisierung und Marginalisierung des Priesters. Denn der Sacerdos ist der Statthalter des Mysteriums schlechthin. Er ist die sakramentale Selbstrepräsentation des Hohepriesters, der seine zum Opfer gewordene Selbstgabe unter uns im Kult vergegenwärtigen will, um uns zu seinem corpus mysticum und damit zu einer Gabe an den Vater zu machen.
Schließlich werden gedankliche Fundamentalweichenstellungen – wie die Interpretation des λόγος – auch in der Kirche immer praktisch. Es gibt unzählige Miniaturen, in denen das sichtbar wird. Eine der eindrücklichsten ist die Inszenierung vieler Papstmessen, bei denen wir beobachten können, dass auf der Theaterbühne der Papstthron direkt hinter dem Altar aufgebaut ist – und den Altar weit überragt. Bei einem Hochaltar ginge das nicht, er wäre der natürliche Fluchtpunkt der Architektur. Jetzt ist der Fluchtpunkt aber der Sitz des Herrschers, der unentwegt redet und auf den sich alles bezieht. Die Messe hat nur Staffagencharakter für den Auftritt des Papstes, der sich seit Pius IX. gezielt zur christusförmigen, charismatischen Führergestalt stilisiert hat und mit der Masse zur hochemotionalisierten Einheit der Erlebnissubjektivität verschmilzt. Dieser kolossale Narzißmus des „totalen Papstes“, der eine der Manifestationen der durch die abendländische Philosophie entfesselten Subjektivität ist, vermag sich schließlich in der Bugninischen Liturgie am adäquatesten zu zelebrieren; es gibt hier eine geheime Komplizenschaft im Wesen. Die vorkonziliaren Päpste mußten sich immerhin noch mit den Gläubigen zum Kreuz hinwenden. Nun aber ist der sich selbst als Opfer-Gabe auf den Altären vergegenwärtigende Hohepriester nahezu vergessen, und mit ihm verschwindet auch der kirchliche Priester. Die im Kult gründende und wesenhaft auf ihn ausgerichtete potestas sacra, die es im corpus Christi mysticum allein geben kann, wird durch die prinzipiell laikale potestas absoluta der Jurisdiktion und Lehre und das machenschaftlich-synodalistische Kirchen-Engineering, das signifikanterweise die potestas absoluta fördert, ersetzt. Man ist geneigt, mit Heidegger zu sagen: „Ist es so weit gekommen, sind der Gott und die Götter entflohen.“
Dass sich der Charakter der Kirche als corpus mysticum im kirchlichen Bewußtsein mittlerweile weitgehend verflüchtigt hat, ist jedoch kein Zufall oder eine bloße Frucht der letzten Jahrzehnte. Dieses in konservativen Kreisen gern bemühte Narrativ ist viel zu schlicht. Die Verflüchtigung des Mysteriums war aus der ansatzbedingten Dynamik der römischen Kirche selber heraus erwartbar.
Der andere Kommentar lautet:
„Ich glaube, um das Problem zu verstehen, muss man betrachten, wie es im Laufe der Geschichte verstanden wurde, denn durch den Verlust der Ländereien, die den Kult stützten, im Zuge der Säkularisierung und durch die Zentralisierung der kirchlichen Macht beim ehemaligen König des Kirchenstaates sind die Begriffe, die früher sehr klar waren, heute sehr verschwommen.
Was ist zum Beispiel mit den Bischöfen und Erzbischöfen, die auf Phantomdiözesen geweiht wurden – den „in partibus infidelium“?
Es handelt sich um echte Bischöfe, die ihrerseits Priester und Bischöfe weihen können, aber keine Jurisdiktion über irgendjemanden haben (sie sind daher nicht Teil der katholischen Verwaltungs- und Gerichtsstruktur, da sie keine echten Diözesen haben und somit nicht existieren).
Und das schließt nicht aus, dass ihnen zu einem späteren Zeitpunkt ein echter Sitz mit echten Getauften zuerkannt werden kann, denn dies kann automatisch in dem Moment geschehen, in dem sie ihre (echte) Diözese in Besitz nehmen.
Was geschieht, wenn ein Bischof auf seinen Sitz verzichtet?
Er bleibt weiterhin Bischof, hat aber keinerlei Macht mehr; zumindest so lange, bis er in eine andere Diözese berufen wird und diese annimmt.
Dies zeigt deutlich, dass, obwohl die apostolische Vollmacht und das Imperium in derselben Zeremonie verliehen werden, es sich um zwei verschiedene und getrennte Dinge handelt.
Dann haben wir die berühmten Fälle der Äbtissin der Huelgas Reales (Zisterzienserinnen) (Äbtissinnen von Conversano in Apulien, von Fontevraud in Frankreich usw.) Sie besaß kraft ihres Amtes und ab dem Moment, in dem sie das Amt annahm, die Verwaltungsbefugnisse eines Bischofs innerhalb ihrer Lehensgüter und in denen des Hospital del Rey (z. B. einem Priester die Erlaubnis zu erteilen, Beichte zu hören oder zu predigen, eine Pfarrei zuzuweisen), aber sie hatte nicht die apostolische Vollmacht, Priester/Bischöfe zu weihen
Wir haben auch die historischen Fälle der „Komendatäre“, die es nicht nur in Abteien, sondern auch in Kathedralen gab.
Zum Beispiel wurde Hippolyt von Este im Alter von 5 Jahren zum Erzbischof von Esztergom und mit 14 Jahren zum Erzbischof von Mailand ernannt. Da er offensichtlich nicht das kanonische Alter hatte, um zum Priester oder Bischof geweiht zu werden, konnte er als apostolischer Administrator zwar die Einkünfte des Erzbistums beziehen, aber keine Sakramente spenden. Sein Neffe, ebenfalls Hippolyt genannt, wurde im Alter von 10 Jahren zum Erzbischof von Mailand ernannt. Erst mit 50 wurde er zum Priester geweiht…
Diese Personen waren zwar weder geweiht noch hatten sie das kanonische Alter erreicht, waren aber „Verwalter“, weshalb sie die entsprechenden Einkünfte erhielten, während die eigentliche Arbeit von Bischofsvikaren verrichtet wurde. Das heißt, die apostolische und administrative Funktion, die normalerweise mit der Weihe einhergeht, war in diesen Fällen getrennt, und in manchen Fällen war nicht einmal eine formelle Weihe erforderlich, sondern lediglich die richtige Verbindung.
Um auf das komplizierte Geflecht der Lefebvrianer der FSSPX zurückzukommen: Es ist offensichtlich, dass sie gewichtige Gründe haben, Bischöfe ohne päpstliche Genehmigung zu weihen. Tatsächlich ist es dieselbe Situation, in der sich der Spiritaner-Bischof von Dakar dazu gezwungen sah, dies zu tun, obwohl er um die Exkommunikation latae sententiae wusste.
Es handelt sich keineswegs um ein Schisma, aber offensichtlich stehen sie nicht in „Gemeinschaft“ mit Rom (und Rom steht auch nicht in „Gemeinschaft“ mit ihnen, das muss man sagen). Sie wollen einfach nur, dass ihre Organisation, die für das Heil der Seelen so notwendig ist, nicht mit dem physischen Tod ihrer Geweihten verschwindet.
In diesem Sinne verstehen sie, dass ein geringeres Übel ein viel größeres Gut rechtfertigt.“
Kurz noch zum zweiten Kommentar. Die historische Referenz beeindruckt mich nicht. Die Geschichte produziert aus sich selbst keine Normativität. Auch in der Kirche ist die Geschichte nicht einfach nur ein Siegeszug der Wahrheit, sondern ebenfalls ein Sammelsurium von Kuriositäten. Mir geht es um die Gewinnung einer möglichst konsistent formulierten Idee, die ihrerseits der Maßstab für die Beurteilung der historischen Realitäten ist. Dass eine Äbtissin über Priester befehligte, ist ebenso eine Frechheit wie die Ernennung der Signora Brambilla zur Präfektin des Ordensdikasteriums und analoge Phänomene wie die Etablierung von „Priesterreferentinnen“ in etlichen Diözesen, die die Fach- und Dienstaufsicht über Priester besitzen. Auch das Institut des jurisdiktionslosen Weihbischofs – einer ehemals praktischen Notwendigkeit angesichts nicht-geweihter Ortsbischöfe – halte ich für überholungsbedürftig. Und da ich die Dimension des Sacerdotalen für die entscheidende halte, leuchtet mir, weit grundlegender, auch nicht ein, warum das Priestertum gegenüber der Leitungs- und Lehrgewalt verselbstständigt werden kann. Mit anderen Worten: Die beiden Weihestufen des Priesters und des Bischofs erscheinen mir systematisch unbegründbar, der Sacerdos integriert als solcher immer schon die Ämter des Lehrens und Leitens in sich. Vor allem aber kann es neben der potestas sacra keine potestas absoluta geben; die Konstruktion des Papstamtes, wie sie schließlich im I. Vaticanum formelle Gestalt gewonnen hat, vermag ich in der Wesenslogik des corpus Christi mysticum nicht unterzubringen.
Natürlich weiß ich, dass diese Aussagen kontrafaktisch sind und die Kirche das, jedenfalls in Teilen, auch gar nicht mehr ändern kann. Das begrenzt den Gedanken aber nicht. Betrachtet man die Verhältnisse mit kühlem Blick, der sich durch die Wahrheitspolitiken des sich über spirituelle Tabuisierungen schützenden kirchlichen Systems nicht einschüchtern läßt, kommt man meines Erachtens nicht um die Einschätzung herum, dass sich die römische Kirche in fatale Aporien hineinmanövriert hat. Diese Aporien fordern, sogar zunehmend, einen kapitalen Preis. Ich vermute, dass sich als Reflex dieser Aporien zukünftig jenes latente Schisma immer massiver substantiieren wird, das sich längst schon abzeichnet: Auf der einen Seite die aus dem Opferkultmysterium entbundene Kirchenengineering-Großinstitution und auf der anderen Seite die sich tendentiell subkulturell realisierende Kirche in der Kirche, die sich als corpus Christi mysticum begreift.
*Vigilius ist ein deutscher Philosoph und Blogger auf www.einsprueche.substack.com, wo diese Analyse auch erstveröffentlicht wurde.
Bild: Einsprüche
- Caminante Wanderer: El reinado de Cristo y las aporías de la Iglesia romana. Un interrogante teológico sobre las consagraciones episcopales de la FSSPX, 17. April 2016.
Vigilius: Das Königtum Christi und die Aporien der römischen Kirche, 12. März 2026. ↩︎
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