Von Wolfram Schrems*
Wer sich in der Alternative für Deutschland (AfD) engagiert, muß mit dem Schlimmsten rechnen. AfD-Politiker riskieren Ruf und bürgerliche Existenz, manchmal buchstäblich Leib und Leben. Die meistgehaßte Parlamentspartei Deutschlands wird von den anderen Fraktionen geächtet, vom Geheimdienst (ausgerechnet „Verfassungsschutz“ genannt) infiltriert, von den Medien als „Nazis“ dämonisiert und von Straßenschlägern physisch bedroht. Funktionsträger der AfD wurden auch schon bei Überfällen schwer verletzt.1
Zu allem Überfluß halten es katholische und protestantische Amtsträger für notwendig, die Partei immer wieder scharf zu kritisieren und Mitglieder von Kirchenämtern auszuschließen.
Nichtsdestotrotz engagieren sich Menschen, die offenkundig bonae voluntatis sind, in dieser Partei. Nicht wenige von ihnen sind gläubige Christen. Man kann die gegen sie gerichteten Haßeruptionen aus den Reihen der anderen Parteien in den Landtagen und im Bundestag, die dem Beobachter parteiisch erscheinende Vorsitzführung und die häufigen Ordnungsrufe, und besonders die von Medien und „NGOs“ geschaffene Pogromstimmung ohne weiteres als „Weißes Martyrium“ bezeichnen.
Einige von diesen, allem Anschein nach mehrheitlich evangelikale und lutherische, sodann katholische und einige orthodoxe, sind mittlerweile in einer eigenen Vereinigung namens Christen in der AfD, kurz ChrAfD, zusammengeschlossen. Bereits vor acht Jahren erschien auf dieser Seite meine Vorstellung der Publikation Bekenntnisse von Christen in der Alternative für Deutschland.
Die ChrAfD entwickelten sich zwischenzeitlich weiter und nahmen Einfluß auf die Linie der Partei und auf den parlamentarischen Betrieb. Mittlerweile feierten sie am 10. Oktober des Vorjahres ihr zehnjähriges Bestehen. Aus diesem Anlaß wurde vom Vorsitzenden Joachim Kuhs eine sympathische Festschrift herausgegeben und von Volker Münz, MdB a. D. und ebenfalls Funktionär bei ChrAfD, verlegt.
Weil das auch für die Leser einer traditionsorientierten katholischen Netzseite interessant ist, hier einige Worte dazu:
Prominente Gewährsleute: David Engels, Beatrix von Storch, Erika Steinbach
Professor David Engels, den Lesern dieser Seite wohlbekannter deutschbelgischer Historiker (Was tun?, Europa aeterna), steuerte ein gewohnt gehaltvolles Vorwort bei, das die zentralen Themen anreißt: universaler Glaube und partikulare Nationen, Streben nach Seelenheil und irdische Aufgaben, ordo caritatis und Nächstenliebe, Gottgewolltheit der Völker und Völkerengel (Dan 10, 20ff), Islamisierung, Weltstaat und „doppelte Berufung“: „den Himmel als Ziel, die Heimat als Rahmen“.
Grußworte kommen von der Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch und der ehemaligen Bundestagsabgeordneten Erika Steinbach, vormals CDU-Politikerin und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen.
Einundzwanzig Beiträge, von Geschichte der ChrAfD bis zum christlichen Deutschlandlied
In drei Teilen, Glaube – Das Fundament „Werke des Glaubens“, Liebe – der Auftrag und Hoffnung – Licht der Welt, werden einzelne Themen abgehandelt, teils in sehr persönlich gehaltenen Ausführungen. Ein vierter Teil bietet Gründungsdokumente, etwa die aktuelle Satzung der ChrAfD, Resolutionen des Pforzheimer Kreises (eine Vorgängerinitiative zur ChrAfD, Initiator war der evangelikale Theologe Dr. Lothar Gassmann, der in der Festschrift prominent vorkommt und dessen Werk von mir für einen Beitrag im Sammelband von Prof. Dirsch, Der Great Reset, berücksichtigt wurde) und die 10-Punkte-Resolution zu Israel. Der fünfte Teil enthält Personenportraits und einige Illustrationen. –
Politische Forderungen – in grellem Kontrast zu den „Staatskirchen“
Schwerpunkte der ChrAfD sind erwartungsgemäß der Erhalt des Glaubens und der christlichen Prägung Deutschlands, der Schutz des ungeborenen Menschen vor der Abtreibung und der Alten und Kranken vor der „Euthanasie“, die Verteidigung der Familie und der Schutz der Kinder vor sexueller Indoktrinierung und Brechung. Gegenüber der Homosexualität wird eher verhalten aufgetreten, klar abgelehnt wird aber staatliche oder öffentliche Propaganda.
Im pointiert formulierten Beitrag von Bernd Laub (evangelisch-freikirchlich), der das Verhalten der „Kirchen“ bzw. „Staatskirchen“ kritisiert, werden auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit gegenüber der Migrantengewalt und das Recht auf Eigentum gegenüber der „Umverteilungsmaschine“ Staat eingemahnt und „Remigration“ als anzustrebende Maßnahme erwähnt (99f).
Evidenterweise stehen die ChrAfD damit im Widerspruch zur Politik der katholischen Bischofskonferenz und der lutherischen EKD.
Konfessioneller Proporz und Nichtangriffspakt innerhalb der ChrAfD
Wie funktioniert die delikate Zusammenarbeit von Protestanten und evangelikalen Christen mit Katholiken und neuerdings auch Orthodoxen? Wie vermeidet man Kontroversen, die die Außenwirkung lähmen? Eine verständige und – rebus sic stantibus – realitätsnahe Antwort dazu gibt der Katholik Hardi Schumny:
„Die Spaltung der Christenheit in Deutschland ist eine traurige Tatsache. Die damit zusammenhängenden Probleme können ganz sicher nicht im Rahmen der ChrAfD gelöst werden. Insofern sind die Klärung gegensätzlicher theologischer Standpunkte zwischen Protestanten und Katholiken auch nicht Gegenstand der Diskussion in der ChrAfD. Gelegentliche ‚Nadelstiche‘ von der einen oder anderen Seite werden sofort unterbunden“ (50).
Anders wird es vermutlich in einer Organisation wie dieser nicht gehen (und die Wiedergründung einer katholischen Zentrumspartei liegt angesichts der Lage des deutschen Katholizismus ohnehin völlig jenseits des Denkbaren).
Es gibt auch einen fixen Proporz zwischen Protestanten/Evangelikalen und Katholiken/Orthodoxen bei Sprecher- und Stellvertreterpositionen im Vorstand. (Übrigens liefert gerade der orthodoxe Klassische Philologe Janis Pasquale Tortora einen lesenswerten Beitrag zur Notwendigkeit der christlichen Grundlage der Politik mit vielen Fußnoten. Er scheint sich bei den Kirchenvätern gut auszukennen und zitiert auch den bekannten englischen katholischen Konvertiten G. K. Chesterton.) –
Verhältnismäßig prominent kommen Bezugnahmen auf Papst Benedikt XVI. vor (etwa mit seiner historischen Bundestagsrede vom 22. September 2011), beispielsweise durch Frau von Storch, die selbst lutherisch ist. –
Juden in der AfD(JAfD) und die Haltung zu Israel – ein kritischer Punkt
Bemerkenswert ist der Beitrag von Artur Abramovych, Vorsitzender der Juden in der AfD, mit dem Titel „Eine jüdische Verteidigung des Oberhaupts der Christenheit“ (218). Darin werden Angriffe auf das Ansehen von Papst Pius XII. zurückgewiesen, besonders die Diffamierung durch Rolf Hochhuth als „Handlanger Hitlers“. Abramovych bezieht sich auf die rezente deutsche Übersetzung der Arbeit des Rabbiners und Historikers David G. Dalin, The Myth of Hitler’s Pope (Das Märchen von Hitlers Papst). –
Einem Punkt im Selbstverständnis der ChrAfD wird man widersprechen müssen. Es geht um die Positionierung zu Israel (Erklärung des Pforzheimer Kreises zur Israel-Politik vom 14. Juli 2016 und die Aktuelle 10-Punkte-Resolution der ChrAfD zur deutschen Israel-Politik von 2025, 176ff).
Die ausgeprägte pro-zionistische Haltung der ChrAfD ist ein Schwachpunkt dieser ansonsten erfreulichen Initiative. Von der Balfour-Deklaration über den Terror gegen Araber und Engländer bis zur Vertreibung großer Teile der autochthonen Bevölkerung, unter ihnen damals noch viele Christen, ist am Staat Israel alles problematisch.
Aus theologischer Sicht müßte, besonders für die sich auf den Wortlaut der Schrift oder gar auf das Sola-Scriptura-Prinzip berufenden Christen, 1 Thess 2, 15f ausreichend sein, um zionistisches Großmachtsstreben zu delegitimieren.2
Prof. Dr. Max Otte, Mennonit, Ökonom und Unternehmer, bekannter Bestseller-Autor, schreibt, möglicherweise als leichte Kritik an der betreffenden Position der ChrAfD, daß man sich „zunächst um Deutschland zu kümmern und seine Souveränität gerade auch gegenüber den USA und ihrem außenpolitischen Arm NATO und gegenüber der EU zu stärken bzw. wiederherzustellen“ hätte, und folgert:
„Der DEXIT wäre ein guter Schritt, Germany first, nicht Ukraine first und nicht Israel first“ (113).
Für ihn steht das Existenzrecht Israels außer Frage, „aber das Töten in Gaza mit 95% + zivilen Toten und dem Ziel der ethnischen Säuberung kann einen Christen nicht kalt lassen.“
In der Tat.
Sicher wird man den ChrAfD ein Überdenken ihrer Positionierung zu Israel nahelegen müssen.
Resümee
Traditionsorientierte Katholiken, und daher viele Leser von Katholisches.info, stehen der offiziellen „Ökumene“ unter Berufung auf das überlieferte Lehramt (etwa Mortalium animos von Pius XI, 1928) bekanntlich kritisch bis ablehnend gegenüber. Ich schließe mich dieser Haltung grundsätzlich an, zumal die Fatima-Botschaft auch nicht im üblichen Sinn „ökumenisch“ ist.
Interessanterweise deklarieren sich sowohl Dr. Gassmann als auch Prof. Otte in ihren Portraits selbst als „allianz- und ökumenefrei“ (!).
Nun ist es aber so, daß es seit Jahrzehnten de facto ohnehin eine interkonfessionelle Zusammenarbeit im „metapolitischen“ Bereich gibt: Lebensschutz, Marsch für die Familie (siehe etwa meinen Bericht vom besonders „ökumenischen“ Marsch 2020), Schutz der Kinder, Erhaltung der christlich-abendländischen Prägung Europas, Alarmierung zur weltweiten Christenverfolgung.
Prof. Peter Beyerhaus († 2020), protestantischer Theologe ohne antikatholische Aversionen, Referent bei der Theologischen Sommerakademie des Linzer Priesterkreises in Aigen/OÖ im Jahr 1999 und Doktorvater von Lothar Gassmann, prägte unter Rückgriff auf Wladimir Solowjews Kurzer Erzählung vom Antichrist (1900) den Begriff der „Bekenntnis-Ökumene“ und wurde in diesem Sinn selbst aktiv. Ohne das jetzt übertreiben zu wollen, ist dieser Ansatz für die Arbeit von Christen verschiedener Konfessionen in einer politischen Partei doch vernünftig und realitätsbezogen.
Dabei darf das Letzte Ziel nicht aus dem Auge geraten: Prof. Engels wies in seinem Vorwort auf den absoluten Vorrang des Strebens nach dem Seelenheil hin (18f, 23). In diesem Rahmen steht nun einmal so und anders unser ganzes Tun und Lassen. –
Dank und Gratulation an die Initiatoren der ChrAfD und an die Autoren und Produzenten der vorliegenden Schrift! Möge das Wirken der Christen in der AfD Ad Maiorem Dei Gloriam allen nützen.
Festschrift zum 10-jährigen Jubiläum Christen in der AfD, Glaube – Liebe – Hoffnung, hrsg. von Joachim Kuhs, Gerhard Hess Verlag, Uhingen 2025, 214 S.
*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro Lifer, verfolgt seit Jahren immer wieder die oft brillanten Beiträge der Abgeordneten der AfD im deutschen Bundestag.
1 Für 2025 siehe die Anfragebeantwortung der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der AfD.
2 Für Katholiken sollte darüber hinaus Papst St. Pius X. maßgeblich sein, der im Jahr 1904 Theodor Herzl empfing und ihm sagte, er könne das zionistische Projekt nicht segnen. Es würden aber Missionare im Heiligen Land bereitstehen, um zu predigen und zu taufen. Hier ein Bericht aus der Sicht Herzls.
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