Die Zukunft der Menschheit im Lichte der christlichen Geschichtstheologie


Von Rober­to de Mattei*

Das hei­li­ge Oster­fest erin­nert uns dar­an, daß das Zen­trum der Geschich­te Jesus Chri­stus ist, das fleisch­ge­wor­de­ne Wort, für uns gekreu­zigt und auf­er­stan­den, um das Men­schen­ge­schlecht zu ret­ten. Die gesam­te Geschich­te kreist um Jesus Chri­stus und um die Kir­che, die aus sei­ner am Kal­va­ri­en­berg durch­bohr­ten Sei­te her­vor­ging. Für den Chri­sten, so erin­nert uns Dom Pro­sper Gué­ran­ger, gibt es kei­ne rein mensch­li­che Geschich­te. Der Mensch ist von Gott zu einem über­na­tür­li­chen Ziel beru­fen, und die Geschich­te der Mensch­heit muß dafür Zeug­nis ablegen.

Es gibt Men­schen, die glau­ben, Chri­sten soll­ten sich nicht um die Geschich­te küm­mern. Das Gegen­teil ist wahr. Das Kenn­zei­chen der katho­li­schen Reli­gi­on ist, daß sie eine geschicht­li­che Reli­gi­on ist. Die Geschich­te darf nicht geleug­net, son­dern soll in ihrem Ver­lauf im Lich­te Jesu Chri­sti und der Kir­che beur­teilt wer­den. Die Offen­ba­run­gen von Paray-le-Moni­al an die hei­li­ge Mar­ga­re­ta Maria Ala­co­que sowie jene der Got­tes­mut­ter an die drei Hir­ten­kin­der von Fati­ma ent­hal­ten prä­zi­se histo­ri­sche und poli­ti­sche Hin­wei­se, die hel­fen, die geheim­nis­vol­len Plä­ne der gött­li­chen Vor­se­hung im mensch­li­chen Gesche­hen zu lesen. Die­se Bot­schaf­ten sind all­ge­mein bekannt. Weni­ger bekannt ist jedoch ein wei­te­rer Text: der Brief des hei­li­gen Gio­van­ni Bos­co vom 14. Mai 1873 an Kai­ser Franz Joseph I., damals Herr­scher eines rie­si­gen Viel­völ­ker­rei­ches, das sich von Mit­tel­eu­ro­pa bis auf den Bal­kan erstreckte.

Zwei Jah­re zuvor hat­te der preu­ßi­sche Sieg über Frank­reich im Jahr 1871 zur Aus­ru­fung des neu­en Deut­schen Rei­ches geführt, mit dem der König von Preu­ßen, Wil­helm I. aus dem Hau­se Hohen­zol­lern, zur Kai­ser­wür­de erho­ben wur­de. Der Sturz Napo­le­ons III. führ­te zur Inva­si­on des Kir­chen­staa­tes und zur Errich­tung der Drit­ten Repu­blik in Frank­reich, wäh­rend Otto von Bis­marck, die Inter­es­sen des Deut­schen Reichs ver­fol­gend, sich gegen Öster­reich wand­te, um es zu schwä­chen und zu demü­ti­gen – zugun­sten des neu­en deut­schen Staates.

In die­sem Moment stell­te das öster­rei­chi­sche Kai­ser­reich noch einen Abglanz jener alten Ord­nung dar, die die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on hat­te zer­stö­ren wol­len. Der wirt­schaft­li­che und sozia­le Ein­fluß des neu­en deut­schen Staa­tes trug dazu bei, das tra­di­tio­nel­le Wien zu ver­än­dern: einst Zen­trum der Glau­bens­aus­brei­tung und des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches, wur­de es zum Wien der Finan­zen und des „Fort­schritts“. Die tra­di­tio­nel­le agra­ri­sche, länd­li­che Wirt­schaft wan­del­te sich in ein moder­nes Ban­ken- und Finanz­sy­stem. Zudem began­nen sich im Wien des Fin de siè­cle posi­ti­vi­sti­sche, ratio­na­li­sti­sche, vita­li­sti­sche und eso­te­ri­sche Strö­mun­gen zu ent­wickeln, die der katho­li­schen Tra­di­ti­on fremd waren.

Doch die gött­li­che Vor­se­hung griff ein, um Öster­reich auf den rech­ten Weg zurück­zu­füh­ren – durch den Appell des hei­li­gen Gio­van­ni Bos­co an den Kai­ser. Hier der Text sei­nes Briefes:

„So spricht der Herr zum Kai­ser von Öster­reich: Fas­se Mut! Sor­ge für mei­ne treu­en Die­ner und für Dich selbst! Mein Zorn ergießt sich über alle Natio­nen der Erde, weil man mein Gesetz ver­ges­sen will; weil man jene ver­herr­licht, die es ent­wei­hen, und jene unter­drückt, die es befolgen.

Willst Du der Stab mei­ner Macht sein? Willst Du mei­ne ver­bor­ge­nen Plä­ne erfül­len und ein Wohl­tä­ter der Welt werden?

Stüt­ze Dich auf die Mäch­te des Nor­dens, aber nicht auf Preu­ßen. Knüp­fe Bezie­hun­gen mit Ruß­land, aber kein Bünd­nis. Ver­bin­de Dich mit Frank­reich. Nach Frank­reich wirst Du Spa­ni­en haben.

Sei eines Gei­stes und eines Han­delns. Bewah­re streng­ste Geheim­hal­tung gegen­über den Fein­den mei­nes hei­li­gen Namens. Mit Klug­heit und Ener­gie wirst Du unbe­sieg­bar sein. Glau­be nicht den Lügen derer, die Dir das Gegen­teil sagen.

Ver­ab­scheue die Fein­de des Gekreu­zig­ten. Hof­fe und ver­traue auf mich, der ich den Armeen den Sieg, den Völ­kern und den Herr­schern das Heil schenke.

Amen. Amen.“

Der Pro­fes­sor Pli­nio Cor­rêa de Oli­vei­ra kom­men­tier­te die­sen Brief und beton­te, daß der Hei­li­ge den Kai­ser ermah­ne, ein Ver­bün­de­ter des katho­li­schen Frank­reichs und Spa­ni­ens zu sein; sich vor Preu­ßen in acht zu neh­men; Bezie­hun­gen zu Ruß­land zu unter­hal­ten, jedoch ohne enge Alli­anz; kei­nen Krieg zu begin­nen oder sich hin­ein­zie­hen zu las­sen; und schließ­lich die Füh­rung der katho­li­schen Sache in ganz Euro­pa zu über­neh­men, begin­nend mit Österreich.

Gott habe Franz Joseph durch Don Bos­co ver­spro­chen, daß Er ihm bei­ste­hen und die Macht des Hau­ses Habs­burg zu höch­stem Glanz füh­ren wer­de, wenn er die­sen Wei­sun­gen ent­spre­che. Lei­der habe der Kai­ser die­sen Appell nicht ange­nom­men – eben­so wie König Lud­wig XIV. von Frank­reich im Jahr 1689 die Bit­te der hei­li­gen Mar­ga­re­ta Maria Ala­co­que nicht erfüllt habe, das Hei­lig­ste Herz Jesu fei­er­lich zu thro­nen und sein Reich ihm zu wei­hen. Hun­dert Jah­re spä­ter brach die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on aus, die Mon­ar­chie wur­de gestürzt und Lud­wig XVI., Nach­kom­me Lud­wigs XIV., wur­de am 21. Janu­ar 1793 guillotiniert.

Auch im Lich­te die­ses Bei­spiels stellt sich die Fra­ge, ob man den unge­hört geblie­be­nen Mahn­ruf Don Bos­cos nicht mit den schwe­ren Kata­stro­phen in Ver­bin­dung brin­gen muß, die spä­ter das öster­rei­chisch-unga­ri­sche Kai­ser­reich tra­fen: die Ent­frem­dung der Kai­se­rin Eli­sa­beth von Bay­ern, die lan­ge Zeit fern vom Hof leb­te und schließ­lich in der Schweiz von einem ita­lie­ni­schen Anar­chi­sten ermor­det wur­de; die Tra­gö­die von May­er­ling mit dem Selbst­mord des Kron­prin­zen Rudolf; das Atten­tat von Sara­je­vo, bei dem der Thron­fol­ger Franz Fer­di­nand ums Leben kam; der Zusam­men­bruch der Mon­ar­chie im Ersten Welt­krieg; und schließ­lich der Tod im Exil von Kai­ser Karl I., der auf der Insel Madei­ra an Tuber­ku­lo­se starb.

Der Brief Don Bos­cos an Franz Joseph erscheint im Rück­blick als eine pro­phe­ti­sche Mah­nung, ähn­lich jener von Fati­ma, wo die Got­tes­mut­ter am 13. Juli 1917 der Schwe­ster Lucia sag­te: „Ich wer­de kom­men, um die Wei­he Ruß­lands an mein Unbe­fleck­tes Herz und die Süh­ne­kom­mu­ni­on an den ersten Sams­ta­gen zu erbit­ten.“ Doch am 29. August 1931 erhielt Schwe­ster Lucia eine inne­re Bot­schaft des Herrn, wonach die­se Bit­ten von den kirch­li­chen Obe­ren nicht erfüllt wor­den sei­en: „Sie haben mei­ne Bit­te nicht erfül­len wol­len. Wie der König von Frank­reich wer­den sie es bereu­en und es doch tun, aber es wird zu spät sein. Ruß­land wird sei­ne Irr­tü­mer in der Welt ver­brei­ten, Krie­ge und Ver­fol­gun­gen gegen die Kir­che ver­ur­sa­chen. Der Hei­li­ge Vater wird sehr lei­den müssen.“

Krie­ge, Ver­fol­gun­gen und Lei­den haben ihre Wur­zel im unge­ord­ne­ten Wil­len der Men­schen, die die Plä­ne der gött­li­chen Vor­se­hung ableh­nen. Die Wor­te Don Bos­cos und von Fati­ma zu betrach­ten bedeu­tet, den über­na­tür­li­chen Sinn der Geschich­te zu erfas­sen. Es bedeu­tet, sich dar­an zu erin­nern, daß der christ­li­che Histo­ri­ker und der christ­li­che Poli­ti­ker ihre Bewer­tun­gen nicht nach rein poli­ti­schen oder wirt­schaft­li­chen Kri­te­ri­en vor­neh­men dür­fen, son­dern im Lich­te der christ­li­chen Geschichts­theo­lo­gie – der ein­zi­gen, die Ord­nung und wah­ren Frie­den für die Mensch­heit gewähr­lei­sten kann.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

Bücher von Prof. Rober­to de Mat­tei in deut­scher Über­set­zung und die Bücher von Mar­tin Mose­bach kön­nen Sie bei unse­rer Part­ner­buch­hand­lung beziehen.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana