Ein kirchenrechtliches Paradox

Freie Hand für die Kommunistische Partei Chinas, gefesselte Hände für die Piusbruderschaft?


Die Kirche, China und die Kommunistische Partei
Die Kirche, China und die Kommunistische Partei

Die jüng­sten Äuße­run­gen von Kar­di­nal­staats­se­kre­tärs Pie­tro Paro­lin zur Lage der Kir­che in der Volks­re­pu­blik Chi­na geben Anlaß zu ern­ster Besorg­nis – und wer­fen grund­le­gen­de Fra­gen nach dem katho­li­schen Kir­chen­ver­ständ­nis auf. In einem Inter­view mit der ita­lie­ni­schen Zeit­schrift Dia­loghi der Katho­li­schen Akti­on ver­tei­digt Kar­di­nal Paro­lin den berg­o­glia­nis­schen Kurs der vati­ka­ni­schen Chi­na-Poli­tik und betont dabei vor allem einen Punkt: die for­ma­le Ein­heit mit dem Papst.

Aus­gangs­punkt sei­ner Über­le­gun­gen ist der Ver­gleich mit der vati­ka­ni­schen Ost­po­li­tik unter Kar­di­nal Ago­sti­no Casaro­li, der die die­ser selbst als „Mar­ti­rio del­la pazi­en­za“, als „Mar­ty­ri­um der Geduld“, bezeich­net hat­te. Paro­lin greift die­ses Bild aus­drück­lich auf und bejaht, daß es auch auf die heu­ti­gen Bezie­hun­gen zur Volks­re­pu­blik Chi­na zutref­fe – ja sogar dar­über hin­aus. Trotz aller Schwie­rig­kei­ten hal­te der Hei­li­ge Stuhl am Dia­log fest.

Die soge­nann­te Ost­po­li­tik galt wäh­rend des Kal­ten Krie­ges in den 1960er und 70er Jah­ren als Kurs­än­de­rung des Vati­kans in sei­ner Hal­tung gegen­über dem kom­mu­ni­sti­schen Ost­block. Sie begann unter Johan­nes XXIII. und wur­de unter Paul VI. syste­ma­tisch ausgebaut. 

Im Zen­trum der „neu­en Ost­po­li­tik“ steht das 2018 geschlos­se­ne pro­vi­so­ri­sche Geheim­ab­kom­men zwi­schen dem Vati­kan und der kom­mu­ni­sti­schen Volks­re­pu­blik Chi­na über Bischofs­er­nen­nun­gen. Paro­lin bemüht sich, des­sen Cha­rak­ter ein­zu­ord­nen: Es hand­le sich „nicht um ein Kon­kor­dat“ und auch nicht um ein poli­tisch-diplo­ma­ti­sches Abkom­men, son­dern aus­schließ­lich um eine Rege­lung des Bischofs­er­nen­nungs­ver­fah­rens. Ent­schei­dend sei aus katho­li­scher Sicht etwas ande­res, so der Kar­di­nal: „Für einen Chri­sten, für einen Katho­li­ken, ist die Gemein­schaft mit dem Nach­fol­ger Petri wesent­lich, nicht optio­nal.“ Dar­aus fol­gert er: „Die Tat­sa­che, daß heu­te alle Bischö­fe in Chi­na in Gemein­schaft mit dem Papst ste­hen, ist grundlegend.“

Durch das Geheim­ab­kom­men erkann­te der Hei­li­ge Stuhl sämt­li­che schis­ma­ti­schen, vom kom­mu­ni­sti­schen Regime ernann­ten Bischö­fe an und bestä­tig­te sie als regu­lä­re Diö­ze­san­bi­schö­fe. Damit wur­de die von der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Chi­nas Ende der 1950er Jah­re erzwun­ge­ne Abspal­tung der offi­zi­el­len katho­li­schen Kir­che von Rom ein­sei­tig für über­wun­den erklärt. Eine ent­spre­chen­de Stel­lung­nah­me der chi­ne­si­schen Regie­rung steht bis heu­te aus; viel­mehr setzt sie ihre eigen­mäch­ti­gen Bischofs­er­nen­nun­gen fort, die seit Papst Fran­zis­kus jeweils nach­träg­lich von Rom bestä­tigt wer­den, wohl­wis­send, daß Peking kei­ne ober­te Loya­li­tät gegen­über dem Papst aner­kennt, son­dern bedin­gungs­lo­se Loya­li­tät gegen­über der KPCh verlangt. 

Kri­ti­ker wer­ten das Geheim­ab­kom­men als einen voll­stän­di­gen Erfolg für das Regime in Peking und spre­chen von einer fak­ti­schen Unter­wer­fung der Kir­che. Die­se habe im Zuge der ein­sei­ti­gen Ver­ein­ba­rung die seit rund sieb­zig Jah­ren stand­haf­te, rom­treue Unter­grund­kir­che dem staat­li­chen Zugriff preisgegeben.

Gera­de die nun von Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Paro­lin beton­te Gewich­tung wirft Fra­gen auf. Denn sie scheint – zumin­dest impli­zit – nahe­zu­le­gen, daß ande­re Kri­te­ri­en, etwa die unver­kürz­te Bewah­rung und Ver­kün­di­gung des katho­li­schen Glau­bens, gegen­über der for­ma­len kir­chen­recht­li­chen Ein­heit zurück­tre­ten könn­ten. Glei­ches gilt für eine im Grun­de inak­zep­ta­ble Ein­schrän­kung der kirch­li­chen Eigen­stän­dig­keit, wenn ein Staat aus eige­ner Macht­voll­kom­men­heit sich anmaßt, die Bischö­fe zu bestimmen. 

Kri­ti­ker sehen in Paro­lins Dar­le­gung eine pro­ble­ma­ti­sche Ver­kür­zung: Wenn Bischö­fe unter staat­li­chem Druck ste­hen, sich poli­ti­schen Vor­ga­ben zu unter­wer­fen, ideo­lo­gi­sche Pro­gram­me mit­zu­tra­gen oder sich Orga­ni­sa­tio­nen anzu­schlie­ßen, die aus­drück­lich Loya­li­tät gegen­über der athe­isti­schen poli­ti­schen Füh­rung ein­for­dern, stellt sich unwei­ger­lich die Fra­ge nach der Sub­stanz die­ser „Gemein­schaft“.

Beson­ders bri­sant ist in die­sem Zusam­men­hang die Rol­le der staat­lich kon­trol­lier­ten katho­li­schen Struk­tu­ren in Chi­na, vort allem der soge­nann­ten Patrio­ti­schen Ver­ei­ni­gung, jener schis­ma­ti­schen Struk­tur, die dem Ein­fluß der kom­mu­ni­sti­schen Füh­rung unter­steht. Daß Bischö­fe, die in die­sem System agie­ren, zugleich als voll in Gemein­schaft mit Rom ste­hend betrach­tet wer­den, wirft ein Span­nungs­ver­hält­nis auf, das durch den blo­ßen Ver­weis auf die Ein­heit mit dem Papst nicht auf­ge­löst wird.

Hin­zu kom­men die poli­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen, die Paro­lin selbst indi­rekt anspricht. Die Fra­ge der diplo­ma­ti­schen Bezie­hun­gen zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und der Volks­re­pu­blik Chi­na ist wei­ter­hin unge­löst, ins­be­son­de­re wegen der Aner­ken­nung Tai­wans (Repu­blik Chi­na) durch den Vati­kan. Paro­lin ver­weist dar­auf, daß bereits vor zwei Jahr­zehn­ten unter Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Ange­lo Sod­a­no signa­li­siert wor­den sei, man kön­ne die diplo­ma­ti­sche Ver­tre­tung von Tai­peh nach Peking ver­le­gen – ohne not­wen­di­ger­wei­se die Bezie­hun­gen zu Tai­wan voll­stän­dig abzu­bre­chen. Dies deu­tet auf eine lang­fri­sti­ge stra­te­gi­sche Offen­heit hin, die sich mit der Gesamt­rich­tung der berg­o­glia­ni­schen Chi­na-Poli­tik deckt.

Auch die Situa­ti­on in Hong­kong wur­de ange­spro­chen. Dort haben staat­li­che Maß­nah­men, ins­be­son­de­re das Sicher­heits­ge­setz, die Frei­hei­ten spür­bar ein­ge­schränkt – auch für die Kir­che. Den­noch betont Paro­lin, die Kir­che hal­te am Dia­log mit den Behör­den fest und bemü­he sich zugleich, die Reli­gi­ons­frei­heit zu sichern.

Gera­de hier zeigt sich die Span­nung, die den gesam­ten Kurs prägt: zwi­schen diplo­ma­ti­schem Dia­log und der Wah­rung grund­le­gen­der Prin­zi­pi­en. Der Anspruch, bei­des gleich­zei­tig zu gewähr­lei­sten, wirkt zuneh­mend wie der Ver­such einer Qua­dra­tur des Krei­ses. Denn die Fra­ge bleibt bestehen, ob eine rein for­ma­le Ein­heit mit Rom aus­reicht, wenn gleich­zei­tig zen­tra­le Ele­men­te kirch­li­cher Frei­heit und Glau­bens­pra­xis unter poli­ti­schen Vor­be­halt geraten.

Vor die­sem Hin­ter­grund drängt sich eine wei­ter­füh­ren­de Fra­ge auf: Wenn die Gemein­schaft mit dem Papst als ent­schei­den­des Kri­te­ri­um her­vor­ge­ho­ben wird – war­um wird die­ses Prin­zip nicht auch in ande­ren kirch­li­chen Kon­flikt­fel­dern in glei­cher groß­zü­gi­ger Wei­se ange­wandt? Etwa im Ver­hält­nis zur Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X., die ihrer­seits betont, in Ein­heit mit Rom ste­hen zu wol­len, deren Sta­tus jedoch kir­chen­recht­lich von Rom ver­wei­gert wird.

Die­ser Punkt ver­dient beson­de­re Auf­merk­sam­keit. Denn gegen­über der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. wird von rom­na­hen Krei­sen mit Exkom­mu­ni­ka­ti­on gedroht, soll­te sie ohne päpst­li­che Erlaub­nis am kom­men­den 1. Juli neue Bischö­fe wei­hen. Im Fall der Pius­bru­der­schaft wer­den somit kir­chen­recht­li­che Sank­tio­nen in Aus­sicht gestellt, die gegen­über der Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei Chi­nas offen­kun­dig kei­ne Anwen­dung finden.

Dabei ist bemer­kens­wert, daß der Codex des Kir­chen­rechts die Exkom­mu­ni­ka­ti­on für uner­laub­te Bischofs­wei­hen erst seit 1983 aus­drück­lich vor­sieht. Die­se Bestim­mung geht als Bestim­mung auf Pius XII. zurück, der in den 1950er Jah­ren – kurz vor sei­nem Tod – genau jene Pra­xis unter­bin­den woll­te, die sich damals in Rot­chi­na abzeich­ne­te: die eigen­mäch­ti­ge Ernen­nung und Ein­set­zung poli­tisch geneh­mer Bischö­fe durch das kom­mu­ni­sti­sche Regime. Ziel war es ins­be­son­de­re, katho­li­sche Prie­ster davon abzu­hal­ten, sich für kir­chen­frem­de Macht­in­ter­es­sen instru­men­ta­li­sie­ren zu lassen.

Vor die­sem Hin­ter­grund ergibt sich heu­te ein Para­dox. Denn aus­ge­rech­net jene Pra­xis, die einst ver­hin­dert wer­den soll­te, kann nun – mit römi­scher Bil­li­gung – fort­ge­setzt wer­den. Gleich­zei­tig sieht sich eine ganz ande­re kirch­li­che Grup­pie­rung, die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X., die sich aus­drück­lich dem über­lie­fer­ten Glau­bens­gut ver­pflich­tet weiß und kei­ner staat­li­chen Macht unter­steht, mit der Andro­hung schwer­ster kirch­li­cher Stra­fen kon­fron­tiert, die damals wegen der Situa­ti­on in Chi­na ein­ge­führt wurden.

Die Aus­sa­gen Paro­lins legen jeden­falls eine Ver­schie­bung der Akzen­te nahe: weg von einer inhalt­lich bestimm­ten Ein­heit im Glau­ben, hin zu einer stär­ker for­mal ver­stan­de­nen kirch­li­chen Gemein­schaft. Ob die­se Gewich­tung lang­fri­stig trag­fä­hig ist, bleibt offen. Sicher ist hin­ge­gen, dass sie inner­halb der Kir­che – gera­de unter jenen, die an der Untrenn­bar­keit von Wahr­heit und Ein­heit fest­hal­ten – für anhal­ten­de Dis­kus­sio­nen sor­gen wird.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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