Die Reform der Karwoche unter Pius XII.: der Karfreitag

Die "pastorale" Reform, die die Volksfrömmigkeit ignorierte


Unter Pius XII. wurden auch eine ganze Reiche von Neuerungen in der Karfreitagsliturgie eingeführt
Unter Pius XII. wurden auch eine ganze Reiche von Neuerungen in der Karfreitagsliturgie eingeführt

Von Cami­nan­te Wanderer*

Erste Neuerung

Es wird ein neu­er Name ein­ge­führt: Fei­er­li­che lit­ur­gi­sche Hand­lung des Kar­frei­tags, wobei die uralte Bezeich­nung Mes­se der Vor­ge­weih­ten oder Feria sex­ta in Para­s­ce­ve abge­schafft wird.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Die Bezeich­nung „Vor­ge­weih­te“ (mis­sa præsanc­ti­fi­ca­torum) hob die Wei­he der eucha­ri­sti­schen Gestal­ten her­vor, die in einem vor­her­ge­hen­den Got­tes­dienst erfolgt war, und stand in Ver­bin­dung mit dem eucha­ri­sti­schen Ritus. Dies war der Kom­mis­si­on – obwohl es in allen katho­li­schen Riten exi­stiert – beson­ders unan­ge­nehm, wes­halb sie beschloß,

„die struk­tu­rel­le Aus­wei­tung des Mit­tel­al­ters zu redu­zie­ren, die sich in der soge­nann­ten ‚Mes­se der Vor­ge­weih­ten‘ zeig­te, und zu den stren­gen und rei­nen Lini­en einer groß­ar­ti­gen all­ge­mei­nen Kom­mu­ni­on zurückzukehren“.

Zweite Neuerung

Auf dem Altar steht kein ver­hüll­tes Kreuz mehr.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Das ver­hüll­te Kreuz blieb an sei­nem Platz, näm­lich auf dem ent­blöß­ten Altar, umge­ben von zwei Leuchtern.

Das Kru­zi­fix war am ersten Pas­si­ons­sonn­tag ver­hüllt wor­den, damit es an sei­nem natür­li­chen Ort – also auf dem Altar – ver­blei­be und am Kar­frei­tag, dem Tag des Tri­umphs des erlö­sen­den Lei­dens, fei­er­lich und öffent­lich ent­hüllt wer­de. Mit der Reform wird das Kreuz am Grün­don­ners­tag­abend ohne jede Fei­er­lich­keit zusam­men mit den Altar­tü­chern in die Sakri­stei gebracht. Es ist bemer­kens­wert, daß aus­ge­rech­net am wich­tig­sten Tag sei­ner Geschich­te das Kreuz vom Altar abwe­send ist.

Dritte Neuerung

Die Evan­ge­li­en­le­sung unter­schei­det sich nicht mehr von der Passionsgeschichte.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Das Evan­ge­li­um wur­de in einer ande­ren Wei­se gesun­gen als die Pas­si­on, wenn auch an die­sem Trau­er­tag ohne Weih­rauch und Leuchter.

Vierte Neuerung

Die Altar­tü­cher sind zu Beginn der Fei­er nicht aus­ge­brei­tet, und eben­so trägt der Prie­ster anfangs nicht die Kasel, son­dern nur Albe und Stola.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Der Prie­ster trug die schwar­ze Kasel und warf sich beim Errei­chen des Altars nie­der, wäh­rend die Altar­die­ner ein ein­zi­ges Tuch über den ent­blöß­ten Altar legten.

Daß der Prie­ster die Kasel bei einem Ritus trug, der streng genom­men kei­ne Mes­se war, bezeug­te das hohe Alter die­ser Zele­bra­ti­on. Die Kom­mis­si­on behaup­te­te einer­seits, die Zere­mo­nien des Kar­frei­tags bestün­den aus „Ele­men­ten, die seit der Anti­ke im wesent­li­chen unver­än­dert geblie­ben sind“, führ­te ande­rer­seits jedoch Ände­run­gen ein, die die eucha­ri­sti­sche Lit­ur­gie vom „ersten Teil der Lit­ur­gie, der Lit­ur­gie des Wor­tes“ trenn­ten. Die­se moder­ne Unter­schei­dung, die spä­ter in den Novus Ordo Mis­sae Pauls VI. ein­ge­hen soll­te, ist hier bereits vor­han­den und soll­te nach P. Car­lo Bra­ga dadurch zum Aus­druck kom­men, daß der Prie­ster nur die Sto­la und nicht die Kasel trägt.


(Die Fra­ge des Gebets für die Juden in den Gro­ßen Für­bit­ten, die phi­lo­lo­gi­sche Prä­zi­sie­run­gen erfor­dert, wird hier nicht behandelt.)


Fünfte Neuerung

Für das sieb­te Gebet der Gro­ßen Für­bit­ten wird die Bezeich­nung „Pro unita­te Eccle­siae“ eingeführt.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Das Gebet trug kei­nen so mehr­deu­ti­gen Titel.

Durch die­se Aus­drucks­wei­se wird die Vor­stel­lung einer Kir­che ein­ge­führt, die ihre eige­ne sozia­le Ein­heit noch suche und noch nicht erreicht habe.
Die außer­halb der Kir­che Ste­hen­den sol­len in Wirk­lich­keit zu ihr zurück­keh­ren, zu einer bereits bestehen­den Ein­heit, und sich nicht mit den Katho­li­ken zusam­men­schlie­ßen, um erst eine noch nicht exi­stie­ren­de Ein­heit zu schaf­fen. Nach P. Bra­ga bestand das eigent­li­che Ziel der Kom­mis­si­on dar­in, bestimm­te For­mu­lie­run­gen zu ent­fer­nen, die von durch den Teu­fel ver­führ­ten See­len und von der Bos­heit der Häre­sie spra­chen („ani­mas dia­bo­li­ca frau­de decep­tas“ und „hae­re­ti­ca pra­vi­ta­te“) sowie jene, die die Rück­kehr der Irren­den zur Wahr­heit erbit­ten („erran­ti­um corda resi­piscant, et ad veri­ta­tis tuae redeant unitatem“). Die­ses Ziel konn­te jedoch zu die­sem Zeit­punkt nicht erreicht werden.

Das Gebet lautete:

All­mäch­ti­ger, ewi­ger Gott, der du alle ret­test [dem Heils­wil­len nach], und nicht willst, daß jemand zugrun­de geht: schaue auf die See­len, die durch die List des Teu­fels getäuscht sind, damit – nach­dem jede häre­ti­sche Ver­kehrt­heit abge­legt ist – die Her­zen der Irren­den zur Besin­nung kom­men und zur Ein­heit dei­ner Wahr­heit zurück­keh­ren. Durch unse­ren Herrn Jesus Christus …

Sechste Neuerung

Fei­er­li­che Pro­zes­si­on zur Rück­füh­rung des Kreu­zes aus der Sakri­stei in die Kirche.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Das Kreuz blieb ver­hüllt auf dem Altar und wur­de dort öffent­lich ent­hüllt – an dem Ort, an dem es zwei Wochen lang ver­hüllt gestan­den hatte.

In der Lit­ur­gie kehrt das, was in fei­er­li­cher Pro­zes­si­on hin­aus­ge­tra­gen wird, auch in fei­er­li­cher Pro­zes­si­on zurück. Doch in der neu­en Form wird das Kreuz am Grün­don­ners­tag­abend beim Ent­blö­ßen des Altars nahe­zu heim­lich ent­fernt. Der lit­ur­gi­sche Sinn die­ser Neue­rung ist schwer nach­voll­zieh­bar. Viel­leicht han­delt es sich um den Ver­such, einen in Jeru­sa­lem im 4./5. Jahr­hun­dert bezeug­ten Ritus wie­der­her­zu­stel­len, wie ihn Ege­ria beschreibt:

„In Jeru­sa­lem erfolg­te die Anbe­tung auf Gol­go­tha“, und die spa­ni­sche Pil­ge­rin berich­tet, daß „die Gemein­de sich früh am Mor­gen ver­sam­mel­te. Vor dem Bischof […] wur­de das sil­ber­ne Reli­qui­ar mit den Kreuz­re­li­qui­en getragen.“

Bemer­kens­wert ist, daß die­se zwei­fel­haf­te Rekon­struk­ti­on nicht am Kal­va­ri­en­berg oder in der jeru­sal­emi­schen Lit­ur­gie der ersten Jahr­hun­der­te erfolgt, son­dern im Westen und in der römi­schen Liturgie.

Siebte Neuerung

Die Bedeu­tung der eucha­ri­sti­schen Pro­zes­si­on wird reduziert.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Das Aller­hei­lig­ste Sakra­ment wur­de in einer Pro­zes­si­on mit ähn­li­cher Fei­er­lich­keit wie am Vor­tag zurück­ge­führt, und zwar durch den Zelebranten.

Die Kom­mis­si­on beschließt, die Pro­zes­si­on der Rück­kehr des Lei­bes Chri­sti auf eine nahe­zu pri­va­te Form zu redu­zie­ren. Das Aller­hei­lig­ste war am Vor­tag fei­er­lich zum Grab getra­gen wor­den (dies ist die Bezeich­nung, die die gesam­te christ­li­che Tra­di­ti­on ver­wen­det, sogar das Memo­ria­le Ritu­um und die Kon­gre­ga­ti­on der Riten), und es scheint logisch und lit­ur­gisch, daß es auf die­sel­be Wei­se zurück­kehrt. Sogar im Fall einer fei­er­li­chen Mes­se ist es der Dia­kon, der es zurück­bringt, und nicht der Prie­ster. Alles wirkt wie eine Ver­rin­ge­rung der Ehren, die dem Aller­hei­lig­sten Sakra­ment erwie­sen werden. 

Achte Neuerung

Abschaf­fung der Inzen­sie­rung des Allerheiligsten.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Die kon­se­krier­te Hostie wur­de wie üblich inzen­siert, nicht jedoch der Zele­brant. Die Zei­chen der Trau­er waren klar, erstreck­ten sich jedoch nicht auf das Allerheiligste.

Neunte Neuerung

Ein­füh­rung des von den Gläu­bi­gen gemein­sam gespro­che­nen Vaterunsers.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Das Vater­un­ser wur­de aus­schließ­lich vom Prie­ster gesprochen.

„Die pasto­ra­le Sor­ge um eine bewuß­te und täti­ge Teil­nah­me der christ­li­chen Gemein­schaft“ steht bei der Neue­rung im Vor­der­grund. Die Gläu­bi­gen sol­len „wirk­li­che Akteu­re der Fei­er sein … und genau das for­der­ten die Gläu­bi­gen, beson­ders jene, die für die neue Spi­ri­tua­li­tät emp­fäng­lich waren … Die Kom­mis­si­on hat die berech­tig­ten Anlie­gen des Vol­kes Got­tes gehört.“

Es wäre erst zu zei­gen, daß die­se Anlie­gen tat­säch­lich von den Gläu­bi­gen selbst und nicht von einer Grup­pe avant­gar­di­sti­scher Lit­ur­gi­ker aus­gin­gen. Eben­so wäre zu klä­ren, was die Kom­mis­si­on unter „neu­er Spi­ri­tua­li­tät“ verstand.

Zehnte Neuerung

Abschaf­fung des opfer­be­zo­ge­nen Gebets wäh­rend des Kommunionempfangs.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Das Gebet „Ora­te fra­tres ut meum ac vestrum sacri­fi­ci­um…“ wur­de bei­be­hal­ten, auch wenn die übli­che Ant­wort am Kar­frei­tag entfiel.

Es ist wahr, daß es an die­sem Tag im stren­gen Sinn kein eucha­ri­sti­sches Opfer gibt; eben­so ist es jedoch wahr, daß der Emp­fang der am Vor­tag dar­ge­brach­ten Opfer­ga­be ein Teil des Opfers ist, wenn auch kein wesentlicher.

Elfte Neuerung

Abschaf­fung des Ritus der Ver­mi­schung eines Teils der kon­se­krier­ten Hostie mit dem Wein im Kelch.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Eine Par­ti­kel der am Vor­tag kon­se­krier­ten Hostie wird in den Wein gege­ben, jedoch wer­den die Gebe­te, die sich auf den Emp­fang des Blu­tes bezie­hen, weggelassen.

Die­se Pra­xis – die auch im Byzan­ti­ni­schen Ritus exi­stiert – bewirkt selbst­ver­ständ­lich kei­ne Kon­se­kra­ti­on des Wei­nes und wur­de von der Kir­che auch nie so ver­stan­den. Sie sym­bo­li­siert viel­mehr die (nicht rea­le, son­dern sinn­bild­li­che) Wie­der­ver­ei­ni­gung von Leib und Blut Chri­sti sowie die Ein­heit des mysti­schen Lei­bes im ewi­gen Leben. Die Pro­to­kol­le der Kom­mis­si­on geben an, man habe die­sen Ritus abge­schafft, weil angeb­lich seit dem Mit­tel­al­ter der irri­ge Glau­be bestan­den habe, die Ver­mi­schung bewir­ke eine Art „sakra­men­ta­le Osmo­se“. Dafür gibt es jedoch kei­ner­lei Bele­ge; eine sol­che Annah­me wür­de im übri­gen bedeu­ten, daß die römi­sche Kir­che jahr­hun­der­te­lang eine irri­ge Pra­xis bei­be­hal­ten hät­te. Die­se Argu­men­ta­ti­on ist im Kon­text des in den 1950er Jah­ren ver­brei­te­ten posi­ti­vi­sti­schen Ratio­na­lis­mus zu sehen.

Zwölfte Neuerung

Die Ände­rung der Zele­bra­ti­ons­zei­ten führ­te zu erheb­li­chen pasto­ra­len und lit­ur­gi­schen Problemen.

Tra­di­tio­nel­le Pra­xis vor der Reform:
Die Mes­se der Vor­ge­weih­ten fand am Kar­frei­tag­vor­mit­tag statt.

Dies ermög­lich­te am Nach­mit­tag zahl­rei­che Aus­drucks­for­men der Volks­fröm­mig­keit in der Kreuz­ver­eh­rung: den Kreuz­weg, die Pre­digt der Sie­ben Wor­te, die „Pre­digt der Ein­sam­keit“, die für die anda­lu­si­sche Kar­wo­che typi­schen Pro­zes­sio­nen und vie­le wei­te­re, die tief in den loka­len Tra­di­tio­nen ver­wur­zelt waren. Die soge­nann­te „pasto­ra­le Reform“ war somit gera­de nicht pasto­ral, da sie von Fach­leu­ten aus­ging, die kei­nen wirk­li­chen Kon­takt zu Pfar­rei­en und Volks­fröm­mig­keit hat­ten und die­se oft gering schätz­ten und abwürgten.

Nach Ansicht der Refor­mer sei durch die tra­di­tio­nel­le Pra­xis am Kar­frei­tag­nach­mit­tag ein lit­ur­gi­sches Vaku­um ent­stan­den, das durch „Volks­an­dach­ten“ gefüllt wur­de. Um dies zu behe­ben, ver­leg­te man die „lit­ur­gi­sche Hand­lung“ auf 15 Uhr. Man ver­such­te, das ver­meint­li­che „Pro­blem“ der Volks­fröm­mig­keit durch die schlech­te­ste pasto­ra­le Metho­de zu lösen: indem man die­se For­men schlicht igno­rier­te und ihnen kei­ner­lei Bedeu­tung beimaß.

*Cami­nan­te Wan­de­rer ist ein argen­ti­ni­scher Phi­lo­soph und Blogger.

Bis­her ver­öf­fent­lich­te Bei­trä­ge in der Rei­he „Die Reform der Kar­wo­che unter Pius XII.“:

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: New Lit­ur­gi­cal Move­ment (Screen­shot)

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