Seit der Ankündigung durch das Generalhaus der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) am kommenden 1. Juli Bischöfe ohne Erlaubnis Roms zu weihen, gehen die Wogen hoch. Wir setzen die Reihe fort, mit der wir unterschiedliche Positionen dokumentieren, siehe hier, hier und hier.
Der verwaltete Ausnahmezustand
Von José Ignacio Valverde*
Wenn eine kirchliche Maßnahme, die als äußerste Notlösung deklariert wird, sich im Abstand von Jahrzehnten wiederholt, dann liegt das Problem nicht mehr in der Notlage, sondern im System, das sie hervorbringt. Die von der Priesterbruderschaft St. Pius X. angekündigten Bischofsweihen im Sommer 2026 sind daher weniger ein Ereignis als ein Symptom: der routinisierte Ausnahmezustand einer Kirche ohne klare Mitte.
Wieder wird die „schwere Notwendigkeit“ bemüht, wieder das Scheitern der Gespräche mit Rom beklagt, wieder versichert, man handle ohne jeden Geist der Rebellion. Doch gerade diese ritualisierte Selbstrechtfertigung verrät, wie sehr das Außerordentliche längst zum Gewöhnlichen abgesunken ist. Der Notstand ist nicht mehr Reaktion – er ist Struktur.
Die Parallele zu 1988 drängt sich auf. Damals konnte man die Weihen von Écône noch als dramatische Zäsur lesen, als letzten Versuch, die sakramentale Kontinuität gegen eine sich radikalisierende Kirchenpolitik zu sichern. Vier Jahrzehnte später stellt sich die Lage anders dar. Daß dieselbe Begründung unverändert erneut vorgetragen wird, ist kein Beweis ihrer Stärke, sondern ein stilles Eingeständnis der fortgesetzten Kirchenkrise.
Eine wirkliche kirchliche Autorität duldet keine Dauerprovisorien. Wo der Papst real und gemäß Auftrag regiert, bedarf es keiner permanenten Berufung auf Notstand, keiner Bischöfe ohne Mandat, keiner jahrelangen Schwebezustände zwischen Tadel, Toleranz und taktischer Annäherung. Die wechselhafte Behandlung der Bruderschaft durch Rom – einmal verurteilt, dann hofiert, dann ignoriert – offenbart weniger pastorale Klugheit als institutionelle Orientierungslosigkeit. Sie bestätigt auch die nachkonziliaren Brüche, welche die Kirchenführungen seither nicht zu beheben imstande waren. Benedikt XVI. bemühte sich am deutlichsten, schon als Glaubenspräfekt unter Johannes Paul II. und dann selbst als Papst, doch er scheiterte, wie sein überraschender Amtsverzicht 2013 deutlich machte.
Gleichzeitig aber verstrickt sich auch die Bruderschaft in einen kaum auflösbaren Widerspruch. Sie erklärt die nachkonziliare Ordnung für geistlich ruinös, erkennt aber deren Hierarchie weiterhin als legitim an. Sie handelt unabhängig von Rom und beharrt doch auf formeller Unterordnung. So entsteht eine eigentümliche Gestalt: Bischöfe ohne päpstlichen Auftrag, tätig in einem kanonischen Niemandsland, im Namen einer Autorität, deren Entscheidungen sie praktisch suspendieren müssen, um zu überleben. Diese Situation hatte sich unter Benedikt XVI. abgemildert, um dann aber unter Franziskus mit ungeahnter Radikalität wieder aufzutreten (Amoris laetitia, Laudato si‘, Fiducia supplicans, Dokument von Abu Dhabi, Querida Amazonia, Fratelli tutti, Laudate Deum, die neuen Normen für das Verfahren zur Beurteilung mutmaßlicher übernatürlicher Phänome…).
Der vielbeschworene Dialog mit Rom mußte nicht, lief aber ins Leere. Die römischen Instanzen wollten der Bruderschaft nicht gewähren, was sie implizit fordert – die Anerkennung der Tradition als verbindliche Norm –, was nicht möglich ist, ohne das Zweite Vatikanische Konzil selbst in Frage zu stellen. Damit war der Gesprächsrahmen von vornherein begrenzt: Er konnte beruhigen, verzögern, relativieren, aber niemals klären.
So ist auch die bevorstehende Reaktion Roms beinahe nebensächlich. Eine harte Sanktion würde die Erzählung synodaler Inklusivität als progressives Märchen entlarven; Schweigen oder taktische Unschärfe hingegen kämen einem Eingeständnis faktischer Machtlosigkeit gleich. Der einzige momentan erkennbare Ausweg wären erneute Verhandlungen. Diese würden zwar den Eindruck erwecken, dass dogmatische Wahrheit dem kirchenpolitischen Krisenmanagement geopfert wird, doch in Wirklichkeit ist das seit Jahrzehnten so, man erinnere sich an Roms Gegenreaktion 1988 mit der plötzlichen Anerkennung des Vetus Ordo und kanonisch eigenständiger Gemeinschaften, also genau das, was man der Piusbruderschaft von Erzbischof Lefebvre zuvor verweigert hatte.
Was bleibt, ist eine ernüchternde Bilanz. Die Bruderschaft beruft sich auf den Notstand, um die Tradition zu bewahren, und verlängert damit ungewollt jenen Zustand, den sie beklagt. Rom fordert Gehorsam, ohne aber noch überzeugend zu lehren oder wirksam zu regieren. Zunächst müßte zumindest das bergoglianische Lehramt klargestellt und abgeräumt werden. Doch dazu scheinen Kraft und Wille zu fehlen. So etabliert sich ein kirchliches Interregnum, in dem Ausnahmehandlungen die Regel ersetzen.
Manche sprechen von einer „beispiellosen tragischen Epoche“ und haben nicht Unrecht damit. Die Wahrheit ist unbequemer: Ein System, das die Tradition nur im Ausnahmezustand duldet, hat sich bereits von ihr gelöst. Erschwerend kommt hinzu, daß die Neuerer die Tradition aus der Ausbildung fernhalten und im kirchlichen Apparat durch Selektion Barrieren gegen eine Umkehr errichten. Die Dinge sind weniger harmlos, als sie für manche scheinen.
Die neuen Bischofsweihen sind daher ein Menetekel. Sie bezeugen die Ohnmacht einer kirchlichen Ordnung, die sich seit den 1960er Jahren selbst geschwächt hat und durch falsche Tabus gegenüber der Tradition es nicht vermag, diese Schwäche zu überwinden.
*José Ignacio Valverde, Jurist und traditionsverbundener Laie, aufgrund der späten Geburt ohne persönliche Kenntnis des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Ereignisse von 1988, was vor Voreingenommenheiten bewahrt.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons