Von Caminante Wanderer*
Nicolás Gómez Dávila sagte, daß es nicht darauf ankomme, daß die Menschen an die Existenz Gottes glauben, sondern darauf, daß Gott existiert. Wenn wir diesen Gedanken weiterführen, können wir sagen, daß nicht das wichtig ist, was wir (das „Subjekt“, wie die Modernen sagen würden) über die Dinge (das „Objekt“) denken, sondern die Dinge selbst. Letztlich ist der Mensch nicht das Wichtigste.
Was ich gerade geschrieben habe, und was auf den ersten Blick kaum mehr als philosophische Späne zu sein scheint, hat eine enorme Bedeutung. Seit Descartes begann der Mensch, sich selbst in den Mittelpunkt des Universums zu stellen und anzunehmen, daß das gesamte Universum auf ihn bezogen sei. Das heißt: Das Universum wird so verstanden, wie er es versteht, und letztlich existiert das Universum, weil er – der Mensch – existiert.
Sebastian Morello erinnert an den englischen Sprachwissenschaftler Logan Pearsall Smith, der in seinem Buch The English Language beobachtet, daß im 18. Jahrhundert erstmals eine Gruppe von Wörtern auftauchte, die er folgendermaßen beschreibt: „eine merkwürdige Klasse von Verben und Adjektiven, die weniger die objektiven Eigenschaften und Tätigkeiten der Dinge beschreiben als vielmehr die Wirkungen, die sie auf uns ausüben“. In der von ihm angeführten Liste finden sich Adjektive wie „unterhaltend“, „begeisternd“, „verwirrend“, „erfrischend“ und „interessant“ – letzteres, so merkt er an, werde so häufig gebraucht, daß man im alltäglichen Leben kaum ein Gespräch führen könne, ohne darauf zurückzugreifen. Er bezieht sich dabei selbstverständlich auf diese Verben im Englischen, die ich hier übersetzt habe. Ob ihr Auftreten oder ihr intensiver Gebrauch, den wir auch in unserer Sprache beobachten, tatsächlich erst mit der Explosion der Moderne einsetzte, vermag ich nicht zu sagen.
Pearsall Smith untersucht ein konkretes Beispiel: Das Verb „langweilen“ (to bore) tauchte im selben Zeitraum auf und verbreitete sich rasch. Er schlägt vor, „sich in den geistigen Zustand vergangener Epochen zu versetzen, sich eine Zeit vorzustellen, in der die Menschen mehr über die Eigenschaften der Dinge nachdachten als über ihre eigenen Empfindungen, und in der sie, wenn ihnen langweilig war oder sie interessiert waren, dies nicht so ausdrückten, sondern vielmehr die Eigenschaft des Gegenstandes benannten, die diese Wirkung hervorrief – man hätte zum Beispiel statt ‚Dieses Buch langweilt mich‘ sagen können: ‚Dies ist ein langweiliges Buch‘.“ Die wichtigste Lehre daraus ist, daß es eine gemeinsame Volkssprache gab, die wenig – wenn überhaupt – von einer Sorge um das innere Ich widerspiegelte. Mit der Zeit jedoch wurde dieses innere Ich zur einzigen Wirklichkeit, um die sich die Welt und unsere Deutungen derselben organisieren. Die Dinge interessieren uns nicht mehr wegen dessen, was sie sind, sondern wegen der Emotion oder der gefühlsmäßigen Wirkung, die sie in uns hervorrufen.
Diese für die Moderne so typische Situation findet eine ganz konkrete Anwendung in jenem Bereich, der meiner Meinung nach der dringendste ist und der der Kirche den größten Schaden zugefügt hat: der Liturgie. Jenseits der schwammigen Argumente von Kardinal Arthur Roche, die von Dom Alcuin Reid meisterhaft widerlegt wurden, und jenseits der überkommenen, typisch siebzigerjahremäßigen Begründungen des geschwätzigen Kardinals Blaise Cupich [Erzbischof von Chicago] ist die Wahrheit doch, daß das zentrale Argument, mit dem die liturgische Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils gerechtfertigt wurde – und das bis heute von der sterbenden Boomer-Generation vorgebracht wird – darin besteht, daß die Messe „auf Latein und mit dem Rücken zum Volk“ dem heutigen Menschen nichts mehr zu sagen habe: Die Leute hätten sie nicht verstanden, sie hätten sich gelangweilt und währenddessen den Rosenkranz gebetet oder andere ähnliche Dinge getan.
Dasselbe Argument, den neuen Zeiten angepaßt und entsprechend zurechtgebogen, wird außerdem benutzt, um zu rechtfertigen, daß Priester den Novus Ordo feiern, wie es ihnen gerade paßt: ohne die Rubriken zu beachten und sie den wechselhaften Empfindungen der Gemeinde entsprechend zu verändern. Die Messe wird dann angepaßt, wenn es darum geht, den fünfzehnten Geburtstag eines jungen Mädchens zu feiern, oder den Todestag von Hinz oder den Hochzeitstag von Kunz. Die Messe an sich ist letztlich nicht wichtig. Wichtig ist, wie die Menschen diese Messe aufnehmen; wichtig ist, daß sich das „gläubige Volk“ nicht langweilt, immer wieder eine Überraschung erlebt und sich – wenn möglich – emotional berührt fühlt. Auf diese Weise rechtfertigt man etwa die Kindermessen, die Kardinal Bergoglio in Buenos Aires feierte, oder die Clownsnase, die Don Tucho Fernández bei der 11-Uhr-Messe trug, als er Pfarrer in Río Cuarto war.
Wieder einmal ist es so: Die Heilige Messe – wie das Ding (oder das Objekt) – ist nicht wichtig oder gewinnt ihre Bedeutung vielmehr erst aus der Empfindung, die sie beim „Subjekt“, hier also beim gläubigen Volk, hervorruft. Das Dogma ist nicht wichtig, die Moral ist nicht wichtig; wichtig ist, daß sich die Menschen von heute mit dem katholischen Glauben wohlfühlen. Das ist reiner und unverfälschter Cartesianismus; das ist die Moderne, die sich mit Sack und Pack mitten in der Kirche eingenistet hat. Und solange wir nicht fähig sind, uns dem Gift der modernen Welt und ihres Denkens zu entziehen, fürchte ich, daß die Lösungen, die wir finden, nur vorübergehend sein werden.
*Caminante Wanderer, argentinischer Philosoph und Blogger.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
In früheren Jahrhunderten waren viele Menschen Leibeigene, obwohl sie getauft waren. Sie waren also an Unterordnung gewöhnt. Deswegen war es insofern leicht, sich auch dem Pfarrer oder Bischof unterzuordnen. Die Geistlichen verstanden sich als Herrscher oder wie ein Vormund. Der damalige Pfarrer meiner Heimatpfarrei sagte noch bis vor 50 Jahren zu Beginn seiner Predigt explizit: meine lieben Pfarrkinder.
Die Priester selber merkten aber, daß man so mit erwachsenen Menschen, die im Beruf oder im Felde/Krieg ihren Mann stehen und standen, nicht mehr reden konnte. Oder sie sagten den Leuten wieviel Kinder sie kriegen sollten usw. Das alles wurde von den Theologen in abgekürzter und fälschlicher Weise in Zusammenhang mit der hl. überlieferten Messe gesehen. Da wurde etwas durcheinander geworfen. Wenn Priester in der Tat sagten, daß „die Leute“ diese hl. Messe nicht mehr haben wollten, dann war das immer ihre eigene Meinung, aber nicht die Überzeugung der Menschen im allgemeinen. Das Problem lag ud liegt auf Seiten der Theologen.
Neuerungen mußte es geben, aber dann wurde das Kind mit dem Bade ausgeschüttet: Papst Paul VI. war bzgl. der Zulassung des mißlichen Ritus nicht gut beraten.