Keine klaren Signale aus dem hörenden Rom

Man weiss in brennenden Fragen immer noch nicht, in welche Richtung es geht


Die päpstliche Kommission, welche die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils umsetzen sollte.
Die päpstliche Kommission, welche die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils umsetzen sollte.

Von Msgr. Dr. Mari­an Eleganti*

In einem Inter­view mit Dia­ne Mon­tagna vom 20. Jan. 20261 macht Bischof Atha­na­si­us Schnei­der auf eini­ge histo­ri­sche Fak­ten der Lit­ur­gie­re­form nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil auf­merk­sam, wel­che die mei­sten Bischö­fe und Kar­di­nä­le igno­rie­ren bzw. nicht mehr kennen:

Die Lit­ur­gie­kon­sti­tu­ti­on Sacro­sanc­tum con­ci­li­um wur­de am 4. Dezem­ber 1963 ver­ab­schie­det und gab die Richt­li­ni­en zur Reform der Mes­se und ande­rer lit­ur­gi­scher Riten vor. Sie ent­hielt theo­lo­gi­sche und pasto­ra­le Prin­zi­pi­en. Die eigent­li­che Umset­zung lag bei der päpst­li­chen Kom­mis­si­on (Con­si­li­um ad exse­quen­dam Con­sti­tu­tio­nem de Sacra Lit­ur­gia). Am 27. Janu­ar 1965 wur­de unter Lei­tung des Con­si­li­um eine über­ar­bei­te­te Form der Mess­ord­nung ver­öf­fent­licht: Ordo Mis­sae. Ritus ser­van­dus in cele­bra­tio­ne mis­sae … Edi­tio typi­ca 1965. Die­ser Ordo Mis­sae ersetz­te rechts­wirk­sam Tei­le des Mis­sa­le Roma­num von 1962 und führ­te erste Ände­run­gen ein.

In Okto­ber 1967 wur­de in Rom eine expe­ri­men­tel­le neue Mes­se (Mis­sa nor­ma­ti­va) gefei­ert, die von der Kom­mis­si­on beschlos­sen wor­den war. Sie war ein wei­te­rer Ent­wurf, der nicht mehr nur gering­fü­gig den 1962er Ritus modi­fi­zier­te. Die­se Fas­sung wur­de von Bug­nini der ersten nach­kon­zi­lia­ren Bischofs­syn­ode vor­ge­stellt, stiess aber auf geteil­te Meinungen:

  • Etwa 71 Bischö­fe stimm­ten dafür („pla­cet“)
  • 43 dage­gen („non placet“)
  • 62 sahen die sie nur als Diskussionsgrundlage

Das heisst: Die­ser Ent­wurf wur­de nicht ver­bind­lich ange­nom­men. Man kann sagen: Die Syn­oden­vä­ter lehn­ten die „Mis­sa nor­ma­ti­va“ in die­ser Form mehr­heit­lich ab und gaben kein kla­res Man­dat, die­se Fas­sung so zu über­neh­men oder wei­ter­zu­ver­fol­gen (meh­re­re waren dage­gen oder woll­ten Ände­run­gen). Den­noch wur­de der Pro­zess nicht gestoppt; Die Arbeit am neu­en Mess­buch ging trotz der gespal­te­nen Reso­nanz wei­ter. Über meh­re­re Jah­re wur­den Tex­te und Struk­tur über­ar­bei­tet, auch mit Betei­li­gung von Papst Paul VI. selbst. Am 3. April 1969 wur­de durch die Apo­sto­li­sche Kon­sti­tu­ti­on Mis­sa­le Roma­num das neue Mess­buch pro­mul­giert, das mit dem ersten Advents­sonn­tag (30. Novem­ber 1969) ver­bind­lich ein­ge­führt wur­de. Die­ses 1969er Mess­buch ist die soge­nann­te Mes­se nach Paul VI. (im kirch­li­chen Sprach­ge­brauch der sog. „Novus Ordo Mis­sae“). Sie unter­schei­det sich erheb­lich von der Edi­tio typi­ca 1965, die bereits von den Kon­zils­vä­tern zele­briert wur­de und unter ihnen auf kei­ne Ableh­nung stiess. Die Ände­rung der Zel­bra­ti­ons­rich­tung und der Volks­al­tar waren vom Kon­zil nicht vorgesehen.

Ich fas­se zusammen:

1965: Es wur­de ein über­ar­bei­te­ter Ordo Mis­sae ver­öf­fent­licht – eine Über­gangs­fas­sung der alten Mes­se nach den ersten Konzilsimpulsen.

1967: Es gab einen expe­ri­men­tel­len Ent­wurf (Mis­sa nor­ma­ti­va), der nicht bestä­tigt wurde.

1969: Das neue Mess­buch (Mis­sa­le Roma­num) wur­de pro­mul­giert, heu­te bekannt als Mes­se nach Paul VI (oft „Novus Ordo Mis­sae“ genannt). Er setzt Ein­grif­fe um, die 1967 von der Bischofs­syn­ode mehr­heit­lich abge­lehnt wurden.

Wie schon Joseph Ratz­in­ger Mit­te der 70er Jah­re nüch­tern fest­ge­stellt hat, gibt es im Novus Ordo Mis­sae 1969 Bruch­stel­len mit der Tra­di­ti­on anstel­le von orga­ni­scher Wei­ter­ent­wick­lung. Atha­na­si­us Schnei­der zitiert aus des­sen Brief (1976) an Prof. Wolf­gang Waldstein:

„Das Pro­blem des neu­en Mis­sa­le liegt dem­ge­gen­über dar­in, dass es aus die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen, vor und nach Pius V. immer wei­ter­ge­gan­ge­nen Geschich­te aus­bricht und ein durch­aus neu­es Buch schafft, des­sen Auf­tre­ten mit einem der kirch­li­chen Rechts— und Lit­ur­gie­ge­schich­te durch­aus frem­den Typus von Ver­bot des bis­he­ri­gen beglei­tet ist. Ich kann aus mei­ner Kennt­nis der Kon­zils­de­bat­te und aus noch­ma­li­ger Lek­tü­re der damals gehal­te­nen Reden der Kon­zils­vä­ter mit Sicher­heit sagen, dass dies nicht inten­diert.”2

Dem­ge­gen­über lesen wir in SC 23: „Es sol­len kei­ne Neue­run­gen ein­ge­führt wer­den, es sei denn, ein wirk­li­cher und sicher zu erhof­fen­der Nut­zen der Kir­che ver­lan­ge es. Dabei ist Sor­ge zu tra­gen, dass die neu­en For­men aus den schon bestehen­den gewis­ser­ma­ßen orga­nisch her­aus­wach­sen“ (Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um, Nr. 23).

Das im Juni die­ses Jah­res erwar­te­te wei­te­re Kon­si­sto­ri­um der Kar­di­nä­le soll­te sich mit Ehr­lich­keit und ent­spre­chend gut infor­miert die­sen histo­ri­schen Details stel­len und die Lit­ur­gie­re­form reflek­tie­ren. Der Ver­lust der Sakra­li­tät und Ver­ti­ka­li­tät der Lit­ur­gie in vie­len Got­tes­dien­sten, die man­geln­de Zen­tra­li­tät Got­tes und Domi­nanz der Gemein­de, eine gewis­se Bana­li­sie­rung des Hei­li­gen, des lit­ur­gi­schen Rau­mes und der lit­ur­gi­schen Gewän­der (oder das Feh­len sol­cher, z. B. bei der Aus­tei­lung der Hl. Kom­mu­ni­on), die Mar­gi­na­li­sie­rung des Taber­na­kels, die ein­sei­ti­ge Beto­nung des Mahl­cha­rak­ters und der Gemein­de als Sub­jekt der Lit­ur­gie: Das alles ist neu zu über­den­ken! Der Schrift­stel­ler Mar­tin Mose­bach sprach wort­ge­wal­tig von einer «Häre­sie der Form­lo­sig­keit» im Novus Ordo – und das ist sie vie­ler­orts. Ent­spre­chend die über­all fest­stell­ba­ren Verhaltensweisen.

Jeder Bischof hat in sei­nem eige­nen Bis­tum genug dies­be­züg­li­che Anschau­ung. (vgl. the­ma­ti­sche Patch­work-Lit­ur­gien, deren Mit­tel­punkt wir sel­ber sind, aber nicht Gott bzw. Chri­stus). Der Weg der Hei­lung führt über die rich­ti­ge Dia­gno­se und die Aner­ken­nung der Krankheit.

Papst Leo XIV. wäre gut bera­ten, die Kar­di­nä­le vor dem kom­men­den Kon­si­sto­ri­um, das sich der lit­ur­gi­schen Fra­ge anneh­men wird, zuerst auf den erfor­der­li­chen histo­ri­schen Wis­sen­stand zu brin­gen, bevor sie über Din­ge bera­ten, deren Ent­ste­hungs­ge­schich­te sie im Detail zu wenig ken­nen. Die­se Details aber sind über­aus offen­ba­rend: Dazu gehört auch die Rol­le von Anni­ba­le Bug­nini und der pro­te­stan­ti­sche Ein­fluss in der Neu­kon­zep­ti­on des Novus Ordo im Hin­blick auf eine öku­me­ni­sche Anglei­chung (vgl. den Altar­raum in der Pfar­rei Hei­lig Geist in Zürich-Höngg, wo der soge­nann­te Tisch des Wor­tes neben dem soge­nann­ten Tisch des Bro­tes auf der Altar­in­sel steht, aber nicht mehr ein Altar).

Bischof Atha­na­si­us macht auch dar­auf auf­merk­sam, dass SC 4 für die Gleich­wer­tig­keit der in der katho­li­schen Kir­che eta­blier­ten Riten eintrat:

„Treu der Über­lie­fe­rung erklärt das Hei­li­ge Kon­zil schließ­lich, dass die hei­li­ge Mut­ter Kir­che allen recht­lich aner­kann­ten Riten glei­ches Recht und glei­che Ehre zuer­kennt. Es ist ihr Wil­le, dass die­se Riten in Zukunft erhal­ten und in jeder Wei­se geför­dert werden.“

Hof­fen wir auf die Ein­sicht von Papst und Kar­di­nä­len. In Rom ist man seit Jah­ren am Hören und trimmt auch die Uni­ver­sal­kir­che dar­auf. Aber was genau sie ver­neh­men, bleibt unklar. Man weiss in bren­nen­den Fra­gen immer noch nicht, in wel­che Rich­tung es geht.

*Msgr. Mari­an Ele­gan­ti OSB, pro­mo­vier­ter Theo­lo­ge, war von 1999 bis 2009 Abt der Bene­dik­ti­ner­ab­tei St. Otmars­berg im Kan­ton Sankt Gal­len, dann von 2009 bis 2021 Weih­bi­schof der Diö­ze­se Chur. Bischof Ele­gan­ti betreibt einen eige­nen Blog.
Der vor­lie­gen­de Text wur­de von Msgr. Ele­gan­ti bei der Gustav-Sie­werth-Aka­de­mie und am 4. Dezem­ber 2025 beim Rome Life Forum vorgetragen.

Bild: Wikicommons/​Youtube (Screen­shot)


1 https://​diane​mon​tagna​.sub​stack​.com/​p​/​b​i​s​h​o​p​-​s​c​h​n​e​i​d​e​r​-​c​a​r​d​i​n​a​l​-​r​o​c​hes

2 Ebd.

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