Beginn des Kardinalskonsistoriums in Rom

Wieviel Bergoglio steckt im neuen Pontifikat?


Leo XIV. eröffnet heute ein außerordentliches Kardinalskonsistorium. Er will Dokumente seines Vorgängers diskutieren, aber sich methodisch von diesem auch ein gutes Stück distanzieren. In den kommenden beiden Tagen wird sich zeigen, wieviel Bergoglio im neuen Pontifikat steckt.
Leo XIV. eröffnet heute ein außerordentliches Kardinalskonsistorium. Er will Dokumente seines Vorgängers diskutieren, aber sich methodisch von diesem auch ein gutes Stück distanzieren. In den kommenden beiden Tagen wird sich zeigen, wieviel Bergoglio im neuen Pontifikat steckt.

Kaum ist mit der Schlie­ßung der Hei­li­gen Pfor­te im Peters­dom das Hei­li­ge Jahr zu Ende gegan­gen, rich­tet sich im Vati­kan der Blick auf den ersten gro­ßen insti­tu­tio­nel­len Schritt des neu­en Pon­ti­fi­kats. Am heu­ti­gen 7. und mor­gi­gen 8. Janu­ar 2026 tritt das von Papst Leo XIV. ein­be­ru­fe­ne außer­or­dent­li­che Kon­si­sto­ri­um zusam­men – die erste umfas­sen­de Bera­tung des neu­en Pap­stes mit dem Kar­di­nals­kol­le­gi­um. Der Ter­min mar­kiert einen frü­hen Prüf­stein für den Füh­rungs­stil des Pon­ti­fex und für die Art und Wei­se, wie er den inner­kirch­li­chen Dia­log gestal­ten will.

Ein außer­or­dent­li­ches Kon­si­sto­ri­um ist kein Par­la­ment und kein Ent­schei­dungs­gre­mi­um im poli­ti­schen Sinn. Es dient der Bera­tung des Pap­stes in Fra­gen von beson­de­rem Gewicht für die Lei­tung der Welt­kir­che. Wäh­rend ordent­li­che Kon­si­sto­ri­en häu­fig pro­to­kol­la­ri­schen Cha­rak­ter haben, etwa die Bekannt­ga­be von Selig- und Hei­lig­spre­chun­gen, signa­li­siert die außer­or­dent­li­che Form den Wil­len zu einem inten­si­ve­ren und struk­tu­rier­te­ren Aus­tausch. Papst Leo XIV. selbst hat­te in einem zu Weih­nach­ten ver­sand­ten Schrei­ben an die Kar­di­nä­le das Tref­fen als einen „Moment der Gemein­schaft und der Brü­der­lich­keit, der Refle­xi­on und des Tei­lens“ beschrie­ben, der ihn in der „schwe­ren Ver­ant­wor­tung der Lei­tung der Welt­kir­che“ unter­stüt­zen solle.

In die­sem Schrei­ben benann­te der Papst zugleich die inhalt­li­chen Leit­plan­ken des Kon­si­sto­ri­ums. Vor­ge­se­hen ist eine Aus­ein­an­der­set­zung mit zwei zen­tra­len Tex­ten des vor­her­ge­hen­den Pon­ti­fi­kats, Evan­ge­lii gau­di­um und Prae­di­ca­te Evan­ge­li­um. Als The­men von „beson­de­rer Bedeu­tung“ hob Leo XIV. dabei aus­drück­lich die Fra­gen von Syn­ode und Syn­oda­li­tät sowie die Lit­ur­gie her­vor. Damit greift er zen­tra­le Debat­ten der ver­gan­ge­nen Jah­re auf, ohne bereits fest­zu­le­gen, in wel­che Rich­tung er sie wei­ter­füh­ren will.

Beson­de­res Augen­merk ver­dient der orga­ni­sa­to­ri­sche Auf­bau des Tref­fens, der nun im Detail bekannt gewor­den ist. Wie der ita­lie­ni­sche Vati­kan­jour­na­list Nico Spun­to­ni gestern berich­te­te, setzt das Pro­gramm stark auf das Arbei­ten in klei­ne­ren Grup­pen, deren Ergeb­nis­se jeweils im Ple­num zusam­men­ge­führt wer­den sol­len. Die­ses Modell wur­de bereits 2022 bei der Kar­di­nals­ver­samm­lung zur Reform der Römi­schen Kurie erprobt, wich damit jedoch vom klas­si­schen Kon­si­sto­ri­ums­for­mat ab und stieß nicht bei allen Teil­neh­mern auf Zustim­mung. Kri­ti­siert wur­de vor allem, daß die Mög­lich­keit fehl­te, vor der gesam­ten Ver­samm­lung frei zu spre­chen, wie es in frü­he­ren Kon­si­sto­ri­en und in den Gene­ral­kon­gre­ga­tio­nen vor einem Kon­kla­ve üblich war. Damit wird das Kar­di­nals­kol­le­gi­um auf­ge­split­tert und die Mög­lich­keit zu hören, aber auch ange­hört zu wer­den, beschränkt jeweils nur auf einen klei­nen Kreis.

Der Ablauf des dies­jäh­ri­gen Kon­si­sto­ri­ums ist dicht getak­tet. Durch die Anmel­dung heu­te, am 7. Janu­ar, ab 12 Uhr, wird am frü­hen Nach­mit­tag tat­säch­lich fest­ste­hen, wie vie­le der welt­weit 245 Kar­di­nä­le teil­neh­men wer­den. Das Kon­si­sto­ri­um wird am Nach­mit­tag (15:30 Uhr) in der Aula Nuo­va del Sino­do, dem Syn­oden­sit­zungs­saal, mit Gebet, der Begrü­ßung durch Kar­di­nal­de­kan Gio­van­ni Bat­ti­sta Re und einer ein­füh­ren­den Anspra­che des Pap­stes begin­nen. Es schlie­ßen sich bereits am ersten Tag ab 16:15 Uhr Arbeits­pha­sen in Grup­pen an, deren Berich­te noch am sel­ben Abend vor­ge­stellt wer­den. Der Don­ners­tag beginnt um 7:30 Uhr mit der Mes­se am Kathe­dra-Altar im Peters­dom, bevor ab 9:30 Uhr zwei wei­te­re Arbeits­sit­zun­gen fol­gen. Zwi­schen der zwei­ten und drit­ten Sit­zung ist um 13 Uhr ein gemein­sa­mes Mit­tag­essen der Kar­di­nä­le mit dem Papst vor­ge­se­hen – ein Ele­ment, das den per­sön­li­chen Aus­tausch för­dern soll, zugleich aber den engen Zeit­rah­men unter­streicht, wor­auf vor allem bereits Dia­ne Mon­tagna auf­merk­sam machte.

Für die drit­te Sit­zung am mor­gi­gen Nach­mit­tag sind nicht mehr Arbei­ten in Grup­pen vor­ge­se­hen, son­dern aus­schließ­lich Grup­pen­be­rich­te, aber dann, wie bereits für die zwei­te Sit­zung, auch freie Wort­mel­dun­gen. Ob die­se ange­sichts der gro­ßen Zahl von Teil­neh­mern und der begrenz­ten Rede­zeit allen Kar­di­nä­len tat­säch­lich Raum geben kön­nen, bleibt jedoch offen. Gera­de die­se Fra­ge wird von Beob­ach­tern als Grad­mes­ser dafür gese­hen, wie ernst es Papst Leo XIV. mit dem ange­kün­dig­ten Ide­al eines offe­nen und brü­der­li­chen Aus­tau­sches ist. Er hät­te das Kon­si­sto­ri­um auf drei oder mehr Tage anset­zen kön­nen. Zwei Tage bie­ten kei­nen aus­rei­chen­den Raum, zen­tra­le Fra­gen gründ­li­cher zu behan­deln. Sie genü­gen jedoch, um eine Gesamt­stim­mung und Schwer­punk­te zu erfas­sen. Und das dürf­te das eigent­li­che Ziel von Leo XIV. am Beginn sei­nes Pon­ti­fi­kats sein.

Den Abschluß wer­den eine wei­te­re Anspra­che von Leo XIV. und anschlie­ßend das gemein­sa­me Te Deum bilden.

Ins­ge­samt deu­tet das Kon­si­sto­ri­um auf weni­ger sym­bo­li­sche Akte und mehr struk­tu­rier­te Bera­tung hin. Die star­ke Beto­nung von Arbeits­grup­pen, kla­ren Zeit­fen­stern und the­ma­ti­scher Fokus­sie­rung legt nahe, daß Leo XIV. auf Effi­zi­enz und inhalt­li­che Ver­dich­tung setzt – auch um den Preis, nicht jedem Bei­trag den­sel­ben öffent­li­chen Raum zu geben. Zugleich bleibt das Kon­si­sto­ri­um eines der weni­gen Foren, in denen der Papst das Gesamt­bild des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums unmit­tel­bar wahr­neh­men kann.

Sein Vor­gän­ger Fran­zis­kus sah im Kol­le­gi­um der Pur­pur­trä­ger eine poten­ti­el­le Gegen­macht, die sei­ne Agen­da behin­dern und aus­brem­sen könn­te. So hat­te er das erste außer­or­dent­li­che Kon­si­sto­ri­um im Febru­ar 2014 erlebt und seit­her kei­nen offe­nen Aus­tausch mehr mit die­sem Gre­mi­um gepflegt. Fak­tisch war die­ses erste Kon­si­sto­ri­um auch das letz­te sei­nes Pon­ti­fi­kats. Er leg­te akri­bi­schen Wert dar­auf, das Kar­di­nals­kol­le­gi­um nicht mehr zu ver­sam­meln, um den Kon­takt zwi­schen den zumeist von ihm neu­ernann­ten Kar­di­nä­len zu erschwe­ren und so kein orga­ni­sier­te­res Gegen­ge­wicht ent­ste­hen zu las­sen. Tat­säch­lich berief er 2022 noch ein­mal ein außer­or­dent­li­ches Kon­si­sto­ri­um für die Kuri­en­re­form ein, mach­te die­sem aber so enge Vor­ga­ben, daß es nur als Kulis­se für eine berg­o­glia­ni­sche Insze­nie­rung diente.

Mit der heu­ti­gen Eröff­nung des außer­or­dent­li­chen Kon­si­sto­ri­ums wird sich daher nicht nur zei­gen, wel­che Akzen­te Leo XIV. in den The­men Syn­oda­li­tät und Lit­ur­gie set­zen will. Sicht­bar wer­den dürf­te eben­so, wel­ches Ver­ständ­nis von kirch­li­cher Bera­tung und gemein­sa­mer Ver­ant­wor­tung sein Pon­ti­fi­kat prä­gen soll – und wie trag­fä­hig die­ses Modell ange­sichts der Erwar­tun­gen und Erfah­run­gen der Kar­di­nä­le aus aller Welt ist. Und schließ­lich wird sich auch zei­gen, inwie­weit die Kar­di­nä­le orga­ni­siert sind oder sich zu orga­ni­sie­ren gedenken.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­News (Screen­shot)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*