„Die Freiheit der Katholiken schrumpft, laßt uns um sie kämpfen“

Erzbischof Giampaolo Crepaldi über den "katholischen Agnostizismus"


Erzbischof Giampaolo Crepaldi hielt in Assisi eine Lectio magistralis über die kirchliche Soziallehre und die Bedrohungen in unserer Zeit
Erzbischof Giampaolo Crepaldi hielt in Assisi eine Lectio magistralis über die kirchliche Soziallehre und die Bedrohungen in unserer Zeit

(Rom) Am 9./10. Sep­tem­ber fand in Assi­si, im Schat­ten der Basi­li­ka San­ta Maria degli Ange­li mit der Por­tiunku­la-Kapel­le, in der der hei­li­ge Fran­zis­kus starb, die Tagung „Le Tavo­le di Assi­si“ zur Wie­der­be­le­bung des christ­li­chen, kon­ser­va­ti­ven und iden­ti­tä­ren Den­kens statt. Erz­bi­schof Giam­pao­lo Cre­pal­di, ein her­aus­ra­gen­der Ver­tre­ter der katho­li­schen Sozi­al­leh­re und eme­ri­tier­ter Bischof von Tri­est, hielt das bemer­kens­wer­te Einführungsreferat.

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Orga­ni­siert wur­de die Tagung vom Inter­na­tio­nal Obser­va­to­ry Car­di­nal Van Thu­an for the Social Doc­tri­ne of the Church (Inter­na­tio­na­le Beob­ach­tungs­stel­le Kar­di­nal Van Thu­an für die Sozi­al­leh­re der Kir­che). Es ist nach dem viet­na­me­si­schen Kar­di­nal Fran­çois Xavier Nguy­ên Van Thuân benannt, der von 1967 bis 1975 Bischof von Nha Trang war. 1975, als die Kom­mu­ni­sten nach dem kata­stro­pha­len Viet­nam­krieg der USA auch in Süd­viet­nam die Macht über­nah­men, ernann­te ihn Papst Paul VI. zum Erz­bi­schof­ko­ad­ju­tor von Sai­gon, das von den neu­en Macht­ha­bern in Ho-Chi-Min-Stadt umbe­nannt wur­de. Zwei Tage nach sei­ner Ernen­nung wur­de er ver­haf­tet und drei­zehn Jahr lang ein­ge­sperrt, davon neun Jah­re in Ein­zel­haft. 1988 gelang durch diplo­ma­ti­schen Ein­satz sei­ne Frei­las­sung, die mit sei­ner Exi­lie­rung gekop­pelt wur­de. Bis zu sei­nem Tod 2002 galt er als „leben­der Mär­ty­rer“. Unter Papst Johan­nes Paul II. wur­de der aus­ge­wie­se­ne Fach­mann für die kirch­li­che Sozi­al­leh­re 1994 zum stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den und von 1998 bis zu sei­nem Tod zum Vor­sit­zen­den des Päpst­li­chen Rats für Gerech­tig­keit und Frie­den (Ius­ti­tia et Pax). 2010 wur­de sein Selig­spre­chungs­ver­fah­ren eingeleitet.

Erz­bi­schof Cre­pal­di war ab 1994 Unter­se­kre­tär und ab 2001 Sekre­tär die­ses Päpst­li­ches Rates. Im Jahr nach Van Thu­ans Tod grün­de­te er das Inter­na­tio­nal Obser­va­to­ry for the Social Doc­tri­ne of the Church, das er nach dem von ihm so geschätz­ten Kar­di­nal benann­te und als Grün­dungs­vor­sit­zen­der lei­te­te. Als Direk­tor konn­te mit dem poli­ti­schen Phi­lo­so­phen Ste­fa­no Fon­ta­na ein wei­te­rer her­aus­ra­gen­der Ver­tre­ter der katho­li­schen Sozi­al­leh­re gewon­nen werden.

2009 ernann­te Papst Bene­dikt XVI. Msgr. Cre­pal­di zum Bischof von Tri­est und ver­lieh ihm zum Zei­chen sei­ner beson­de­ren Wert­schät­zung ad per­so­nam den Rang eines Erz­bi­schofs. 2022 gab Msgr. Cre­pal­di den Vor­sitz des Obser­va­to­ry ab.

Weni­ger Wohl­wol­len signa­li­sier­te Papst Fran­zis­kus, der den Erz­bi­schof im ver­gan­ge­nen Febru­ar, kurz nach Voll­endung sei­nes 75. Lebens­jah­res, als Bischof von Tri­est emeritierte.

Hier nun eini­ge wich­ti­ge Aus­zü­ge aus dem Ein­füh­rungs­re­fe­rat von Erz­bi­schof Cre­pal­di bei der Tagung „Le Tavo­le di Assi­si“ vom 9. September:

I

Wir müs­sen die Über­zeu­gung wie­der­erlan­gen, daß das Chri­sten­tum und die Kir­che direkt in das gesell­schaft­li­che Leben ein­grei­fen, nicht um ande­re ein­deu­ti­ge und legi­ti­me Zustän­dig­kei­ten zu erset­zen, son­dern um das gesam­te öffent­li­che Leben auf sei­nen wah­ren, letz­ten Zweck aus­zu­rich­ten, näm­lich den tran­szen­den­ten. Wir müs­sen die Idee wie­der­ge­win­nen, die uns auch Bene­dikt XVI. gelehrt hat, daß das Quae­re­re Deum [Gott suchen] direk­te sozia­le Kon­se­quen­zen hat, da es nicht mög­lich ist, den unkul­ti­vier­ten Boden des gesell­schaft­li­chen Lebens zu bebau­en, ohne zuvor unse­re See­len bebaut zu haben. Da ich mich ein Leben lang für die Sozi­al­leh­re der Kir­che inter­es­sie­re, möch­te ich sagen, daß ohne die­se Vor­aus­set­zung selbst der Reich­tum der Sozi­al­leh­re ver­nach­läs­sigt wird. Wenn die­ses Erbe heu­te in Schwie­rig­kei­ten steckt, wie es mir scheint, liegt der tie­fe­re Grund im Glau­ben und auch in der Ver­nunft, aber vor allem im Glau­ben. Wir geben zu viel dem Natu­ra­lis­mus nach und den­ken, daß die Welt nicht den Chri­stus des Glau­bens, son­dern mög­li­cher­wei­se nur den Chri­stus der Ver­nunft braucht, um dann schritt­wei­se auch von die­ser Ebe­ne her­ab­zu­stei­gen und zum Chri­stus der glo­ba­li­sti­schen Ethik und damit zum Chri­stus des indi­vi­du­el­len Gewis­sens zu gelan­gen. Mit die­sem Ergeb­nis endet die Dis­kus­si­on über das Chri­sten­tum in der Gesell­schaft. Ich bin der Über­zeu­gung: Ent­we­der haben das Chri­sten­tum und die Kir­che im öffent­li­chen Raum etwas Eige­nes und Ein­zig­ar­ti­ges zu sagen, oder was sie sagen, löst sich zu einer der vie­len Mei­nun­gen auf, die im täg­li­chen Lärm geäu­ßert wer­den, der zu Unrecht als „öffent­li­che Debat­te“ bezeich­net wird.

II

Wenn das Chri­sten­tum und die Kir­che im öffent­li­chen Raum etwas Eige­nes und Ein­zig­ar­ti­ges zu sagen haben, folgt dar­aus, daß Katho­li­ken nicht mit allen zusam­men­ar­bei­ten kön­nen, weil sie nicht belie­big für alles ein­tre­ten kön­nen. Bene­dikt XVI. schrieb: „Chri­stus heißt alle will­kom­men, aber nicht alles.“ Die­ses „alles“ muß im Lich­te des­sen geprüft wer­den, was die Kir­che als Eige­nes und Ein­zig­ar­ti­ges auf dem öffent­li­chen Platz zu sagen hat. Ich bin mir bewußt, daß ich einen heik­len und kon­tro­ver­sen Aspekt in der heu­ti­gen Kir­che her­vor­he­be… Es reicht nicht aus, sich in der Umwelt­fra­ge nomi­nell einig zu sein, um mit allen zusam­men­zu­ar­bei­ten, die sich damit befas­sen und sich dafür enga­gie­ren. Es ist auch nicht ver­nünf­tig anzu­neh­men, daß der Sinn der Zusam­men­ar­beit wäh­rend des Weges der Zusam­men­ar­beit ent­ste­hen wer­de, denn das wür­de bedeu­ten, das zu leug­nen, was ich oben gesagt habe, näm­lich daß die Kir­che ihr eige­nes, ein­zig­ar­ti­ges Wort zur sozia­len Fra­ge zu sagen hat. Nega­tiv fällt einem zum Bei­spiel auf, wie vie­le katho­li­sche Rea­li­tä­ten sich heu­te die UNO-Agen­da 2030 zu eigen machen.

III

Ich neh­me die­se letz­ten Über­le­gun­gen als Anre­gung, um eine wei­te­re Bewer­tung zu einem The­ma vor­zu­schla­gen, das ich „katho­li­schen Agno­sti­zis­mus“ nen­nen wür­de. Wenn wir zum Bei­spiel den Bereich der Moral neh­men, sehen wir heu­te die Nei­gung, zu sagen, daß der Intel­lekt nicht bean­spru­chen kann, mit sei­nem eige­nen Licht die „Form“ einer Hand­lung zu sehen, genau­so­we­nig wie er die „Form“ der Din­ge sehen kann. Die Ver­nach­läs­si­gung der Leh­ren von Fides et ratio und Veri­ta­tis sple­ndor hat ziem­lich nega­ti­ve Fol­gen. Was bei­spiels­wei­se die kon­kre­te Form des Ehe­bruchs ist, ist heu­te ten­den­zi­ell nicht mehr klar, und auch die Fra­ge nach der siche­ren Erkenn­bar­keit (nega­ti­ver) mora­li­scher Abso­lut­hei­ten wird nicht mehr als wich­tig erach­tet. Es wird ange­nom­men, daß die­se kogni­ti­ven Kate­go­rien abstrakt sei­en und uns dar­an hin­dern wür­den, die Erfah­run­gen der Men­schen zu erfassen…

IV

Nomi­na­lis­mus und Agno­sti­zis­mus sind heu­te unter Katho­li­ken und Kir­chen­män­nern sehr prä­sent, manch­mal ohne das nöti­ge Bewußt­sein, und machen sie offen für Aben­teu­er, auch die selt­sam­sten. Es unter­streicht auch eine gewis­se „Ver­flüs­si­gung“ des Katho­lisch­seins in der Gesell­schaft in einem viel­leicht hek­ti­schen, aber unpro­duk­ti­ven Akti­vis­mus. Der „katho­li­sche Agno­sti­zis­mus“ ist der eigent­li­che Grund, daß die „nicht ver­han­del­ba­ren Wer­te“ ver­ges­sen wer­den, von denen Bene­dikt XVI. zu uns gespro­chen hat, ein Ver­ges­sen, das die Poli­tik ver­ab­so­lu­tiert, indem ihr alles erlaubt wird und sie gleich­zei­tig ent­wer­tet, weil es sie blind macht. Die Poli­tik darf alles tun, aber blind­lings. Der Scha­den, der durch das Ver­ges­sen nicht ver­han­del­ba­rer Wer­te ent­steht, ist über­aus groß, denn einer der­art redu­zier­ten Poli­tik hat die Sozi­al­leh­re der Kir­che nichts Wesent­li­ches mehr zu sagen.

V

Mein Ein­druck als Bischof und als Beob­ach­ter, oder bes­ser: als beob­ach­ten­der Bischof, ist, daß sich der Kreis schließt und die Frei­heits­räu­me für die Katho­li­ken immer enger wer­den, bis sie ver­schwin­den. Indem die Säku­la­ri­sie­rung mit gro­ßen Schrit­ten vor­an­schrei­tet, unter­stützt in ihren zer­stö­re­ri­schen Aus­wir­kun­gen durch die neue Glo­ba­li­sie­rung des auf­ge­klär­ten Nihi­lis­mus, wird der Mani­pel der Katho­li­ken klei­ner, die sich aus­drück­lich und unein­ge­schränkt im Licht der kirch­li­chen Sozi­al­leh­re, die als Ver­kün­di­gung Chri­sti in den zeit­li­chen Rea­li­tä­ten und nicht als simp­ler, vage soli­da­ri­scher und brü­der­li­cher Huma­nis­mus zu ver­ste­hen ist, für die sozia­le Fra­ge ein­set­zen. Wir ste­hen vor einer sehr kohä­ren­ten ope­ra­ti­ven Kon­ver­genz vie­ler Macht­zen­tren. Kein Bereich bleibt ausgenommen.

VI

An die­sem Punkt stellt sich die ern­ste Fra­ge: Pas­sen sich die Katho­li­ken, Lai­en und Kir­chen­män­ner, die­sem kohä­ren­ten und geschlos­se­nen Druck an, der die Zer­stö­rung der Natur und des Über­na­tür­li­chen anstrebt, oder ver­su­chen sie, sich ihm zu wider­set­zen? Um dage­gen vor­zu­ge­hen, braucht es Ideen, aber auch Hän­de, womit wir wie­der bei dem wären, was oben schon mehr­fach gesagt wur­de: Das Chri­sten­tum und die Kir­che haben der Welt etwas Eige­nes und Ein­zig­ar­ti­ges zu sagen. Wenn sie es nicht tun oder wenn sie es nicht so tun, wie sie es tun soll­ten, wer­den sie nicht neu­tral in einer Welt für sich blei­ben, son­dern von ande­ren Ideen durch­drun­gen wer­den, die mit ihren eige­nen nichts zu tun haben.

Einleitung/​Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/Vanthuanobservatory.com (Screen­shot)

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1 Kommentar

  1. Vie­len Dank für die Bereit­stel­lung die­ser pro­fun­den Aus­sa­gen von Erz­bi­schof Cre­pal­di in deut­scher Spra­che! Auf die­ser Sei­te konn­te man ja schon gele­gent­lich über Exzel­lenz und sei­nen Mit­ar­bei­ter Ste­fa­no Fon­ta­na lesen. 

    Es ist sehr bedau­er­lich, daß die­se bei­den Her­ren im deut­schen Sprach­raum prak­tisch unbe­kannt sind. Dabei könn­te der em. Trie­ster Erz­bi­schof ja als Alt­öster­rei­cher durch­ge­hen. Dan­ke, Exzel­lenz! Dan­ke, Pro­fes­sor Fontana!

    Viel­leicht fin­det sich doch ein Ver­le­ger, Auf­sät­ze und Abhand­lun­gen bei­der Her­ren auf Deutsch her­aus­zu­brin­gen. Es wür­de sehr geschätzt werden.

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