P. Adhemar Geerebaert SJ (1876–1944) – ein großer Altphilologe und Lehrer des katholischen Flanderns im 20. Jahrhundert

Generationen von Schülern geprägt

Generationen des akademischen Nachwuchses von Flandern wurden durch die Schul-, Wörter- und Hilfsbücher von P. Adhemar Geerebaert geformt.
Generationen des akademischen Nachwuchses von Flandern wurden durch die Schul-, Wörter- und Hilfsbücher von P. Adhemar Geerebaert geformt.

Von Amand Timmermans

Vier Jahr­hun­der­te lang war der Jesui­ten­or­den füh­rend bei Unter­richt und Bil­dung der männ­li­chen katho­li­schen Jugend. Er setz­te welt­weit päd­ago­gi­sche und didak­ti­sche Maß­stä­be. Dies wird bei dem heu­ti­gen deso­la­ten Zustand des Jesui­ten­or­dens, bei sei­ner Ver­wir­rung und Zer­rüt­tung und bei sei­nem qua­si tota­len Rück­zug aus dem Unter­richt in West­eu­ro­pa weit­ge­hend vergessen.

Gera­de in den süd­li­chen Nie­der­lan­den, zuerst unter spa­ni­scher und öster­rei­chi­scher Herr­schaft, dann mit fast naht­lo­sem Über­gang zu Bel­gi­en, war der Jesui­ten­or­den mit sei­nen gro­ßen Kol­le­gi­en die Kader­schmie­de für die Jugend.

1876 wur­de Adhe­mar Gee­reba­ert in einer bür­ger­li­chen Fami­lie in Gent gebo­ren. Er ging zur Schu­le in das Sint-Bar­ba­ra­col­le­ge der Jesui­ten in Gent, damals mit einem sehr stren­gen Ruf, wo er sich schon für die klas­si­schen Spra­chen Latein und Alt­grie­chisch begeisterte.

1943, kurz vor sei­nem Tod, veröffentlicht

17 Jah­re alt und wegen sei­ner flä­mi­schen Gesin­nung bekannt, trat er im Aus­land, in Val­ken­burg (Süd-Lim­burg) in den Nie­der­lan­den, in das Novi­zi­at ein. Im Anschluß dar­an stu­dier­te er dann zwei Jah­re klas­si­sche Phi­lo­lo­gie an den von den Jesui­ten geführ­ten Facul­tés de Not­re Dame in Namur, wo er die Kan­di­da­ten­prü­fun­gen für klas­si­sche Phi­lo­lo­gie mit gro­ßer Aus­zeich­nung bestand.

Wegen sei­ner flä­mi­schen Über­zeu­gung, und „um prä­ven­tiv Beschei­den­heit zu ler­nen“, wur­de Gee­reba­ert wei­ter­ge­schickt nach Oña (Spa­ni­en) und dann in den bel­gi­schen Jesui­ten­kol­le­gi­en Sint-Jozef­col­le­ge Turn­holt, Sint-Jozef­scol­le­ge Aalst und Sacré-Coeur zu Char­le­roi nur noch als „Sur­veil­lant“ (Auf­se­her und Erzie­her) eingesetzt. 

Gee­reba­ert bekam nicht mehr die Gele­gen­heit, das Lizen­zi­at in klas­si­scher Phi­lo­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Löwen zu erwer­ben. Per­so­na non gra­ta.

Als jedoch ab 1907 als erster schüch­ter­ner Ver­such, etwas Nie­der­län­disch­spra­chi­ges in das damals völ­lig fran­zö­sisch­spra­chi­ge aka­de­mi­sche Milieu in Bel­gi­en zu brin­gen, im Hoch­som­mer in Löwen soge­nann­te „Nie­der­län­di­sche Feri­en­lehr­gän­ge“ ein­ge­rich­tet wur­den, war P. Gee­reba­ert sofort dabei und hielt die­sen sehr lan­ge mit Vor­trä­gen die Treue.

Ab 1908 star­te­te er mit der Publi­ka­ti­on von beson­ders Text­kom­men­ta­ren, Hilfs­büch­lein und Schul­text­aus­ga­ben von klas­si­schen Autoren.

P. Gee­reba­ert war höchst gelehrt und enorm flei­ßig: Bis 1926 (vier­ein­halb Kriegs­jah­re ein­ge­rech­net) erschie­nen 100 Ver­öf­fent­li­chun­gen und Nach­drucke; bis 1936 waren es mehr als 300!

Die Aus­ga­ben waren im sau­ber­sten Nie­der­län­disch geschrie­ben, didak­tisch her­vor­ra­gend und äußerst prä­zi­se. Sie wur­den auch in Hol­land ger­ne benutzt und wur­den im nörd­li­chen Bel­gi­en sofort zum Maß­stab. Dort wur­de bis 1931 der Unter­richt an der Sekun­där­stu­fe noch auf fran­zö­sisch erteilt. Die Leh­rer (meist flä­mi­scher Her­kunft) unter­rich­te­ten die eben­falls meist flä­mi­sche Jugend auf fran­zö­sisch, aber mit den nie­der­län­disch­spra­chi­gen Aus­ga­ben von Pater Gee­reba­ert. Eine typisch jesui­ti­sche Lei­stung: tou­jours en vedet­te.

Als 1932 dann der Unter­richt im Nor­den nie­der­län­disch­spra­chig wur­de, waren die gedie­ge­nen Schul­bü­cher schon in bester Qua­li­tät vorhanden.

Zeit­gleich ent­stan­den die latei­ni­sche und alt­grie­chi­sche Gram­ma­tik, gekenn­zeich­net durch Klar­heit und Schön­heit. Die Gram­ma­tik­re­geln wur­den, sub­su­miert in kur­zen prä­gnan­ten Sät­zen aus den gro­ßen Autoren, Para­dig­ma­ta genannt.

Sie wur­den von Genera­tio­nen von Fla­men aus­wen­dig gelernt und waren nicht sel­ten der kirch­li­chen Lite­ra­tur entnommen.

1932 erschien das Kurz­ge­faß­te Latei­nisch-Nie­der­län­di­sche Wör­ter­buch (5 Aus­ga­ben bis 1954) und 1943, kurz vor sei­nem Tod, das Kurz­ge­faß­te Grie­chisch-Nie­der­län­di­sche Wör­ter­buch (3 Aus­ga­ben bis 1964), letz­te­res aus­ge­zeich­net mit dem Preis der König­li­chen Aka­de­mie der Wissenschaften.

1944 starb P. Gee­reba­ert still, mit­ten in den End­wir­ren des Zwei­ten Welt­kriegs und der Repression.

Im Janu­ar 1945 erschien, mit­ten im Krieg, der ein­zi­ge Nachruf

Jesui­ten-Con­f­ra­tres führ­ten sei­ne Arbeit weiter.

70 Jah­re lang wur­de die flä­mi­sche Jugend mit den Büchern und Hilfs­hef­ten von P. Gee­reba­ert unter­rich­tet. Sie bekam damit das so wich­ti­ge Fun­da­ment einer gründ­li­chen klas­si­schen Bil­dung, die Ein­tritts­pfor­te für höhe­re Stu­di­en und die damit ver­bun­de­nen Beru­fe, und nicht zuletzt einen Schatz an christ­li­cher und klas­si­scher Bil­dung und Kultur.

Das flä­mi­sche Volk war sich des­sen damals sehr bewußt: Die flä­mi­sche katho­li­sche Pres­se berich­te­te aus­führ­lich, mit Stolz und Dank­bar­keit, anläß­lich der 100. Aus­ga­be (1926) und sei­nes 60. Geburts­tags (1936).

Kriegs­be­dingt wur­de sein Tod hin­ge­gen nur kurz gemeldet.

Typisch: Es war der gro­ße Spe­zia­list für Alt­grie­chisch, der Jesu­it Emi­le De Strycker SJ, der in der inzwi­schen schon lan­ge ein­ge­stell­ten Jesui­ten­mo­nats­schrift Stre­ven („Stre­ben“) 1945 einen sehr schö­nen und lei­der auch letz­ten Nach­ruf auf die­sen beschei­de­nen Jesui­ten­ge­lehr­ten verfaßte.

Der Ein­fluß von P. Gee­reba­ert SJ auf die flä­mi­sche Jugend vor 1980 war enorm.

Eine ech­te Sel­ten­heit im Gym­na­si­al­un­ter­richt: Unter den Autoren der Nach­drucke fin­den sich der hl. Johan­nes Chryso­sto­mus, der hl. Gre­gor von Nys­sa und der hl. Gre­gor von Nazi­anz, womit P. Gee­reba­ert das herr­li­che klas­si­sche Alt­grie­chisch der gro­ßen Kap­pa­do­zier den Schü­lern vor Augen führte.

Genau­so sel­ten: Ein beson­ders kri­ti­scher flä­mi­scher Clas­si­cus, vom Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil und den moder­nen Jesui­ten stark ent­täuscht, sag­te ein­mal zu P. Gee­reba­erts Werk: „Ich habe in 35 Jah­ren (und bei ca. 10.000 Sei­ten) nur ein­mal einen Druck­feh­ler gefun­den“. Ein gewal­ti­ges Kompliment.

Die gro­ße Lei­stung von P. Gee­reba­ert wur­de im Gei­ste wei­ter­ge­führt von Dom Egi­di­us Dek­kers OSB in der St. Peters­ab­tei in Steen­brug­ge, wo die berühm­te Text­aus­ga­ben­se­rie Cor­pus Chri­stiano­rum (CC) begrün­det wurde.

Ab 1980 wur­de in Flan­dern flä­chen­deckend der „moder­ne Sekun­där­un­ter­richt“ ein­ge­führt, die Jesui­ten­schu­len vor­an. Der beschei­de­ne P. Gee­reba­ert SJ wur­de ver­ges­sen, an erster Stel­le von sei­nem eige­nen Orden.

Aber Qua­li­tät bleibt und die Geschich­te ver­gißt nicht: Die Wör­ter­bü­cher von Pater Gee­reba­ert SJ sind seit den frü­hen 70er Jah­ren eif­rig begehrt und errei­chen inzwi­schen hohe Prei­se im anti­qua­ri­schen Buch­han­del (soweit etwas ange­bo­ten wird, ist es mei­stens sehr schnell verkauft).

Und nicht zu Unrecht: Am Ende des Vor­worts sei­nes latei­ni­schen Wör­ter­buchs wünscht Pater Gee­reba­ert SJ den Schü­lern und Stu­den­ten viel Aus­dau­er, Mut und Nicht-Ver­sa­gen bei schwie­ri­ger Arbeit.

Da zitiert er Juve­nal, den latei­ni­schen Autor aus dem römi­schen Kai­ser­reich, und ver­weist auf die (inzwi­schen etwas ver­blaß­te) Gold­druck­ab­bil­dung auf dem Buch­ein­band mit einer Öllam­pe aus Pompeji:

Petit hic (opus) labo­ris atque olei plus.

„Die­se Auf­ga­be braucht mehr schwe­re Arbeit und mehr Öl (Licht)“

Spä­te­stens hier blitzt der ver­schmitz­te Humor der alten Jesui­ten auf.

Das gilt gera­de in die­sen schwie­ri­gen kirch­li­chen Zei­ten auch für jeden von uns.

Bild: MiL


Lite­ra­tur:

NEVB online: Adhe­mar Gee­reba­ert.

E. de Strycker: Een groot clas­si­cus, E.P. Gee­reba­ert SJ, in Stre­ven (maart 1945), S. 51–61.

Wiki­pe­dia Neder­lands: Adhe­mar Gee­reba­ert.

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1 Kommentar

  1. Die flä­mi­sche Jesui­ten haben in der 1. Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts eine enor­me Lei­stung für den nie­der­län­disch­spra­chi­gen Unter­richt in Bel­gi­en ( Flan­den) gemacht.
    Neben Pater Adhe­mar Geee­reba­ert SJ sei hier ver­wie­sen nach:
    – Pater Eva­rist Bau­wens SJ, Her­aus­ge­ber von „Zuid en Noord“, der gro­ßen Antho­lo­gie der nie­der­län­disch­spra­chi­gen Lite­ra­tur und stil- und leit­kul­tur­bil­dend bis 1970
    – P. Lode­wi­jk Brou­wers SJ, Autor des „Het jui­ste Woord“, The­sau­rus und Wort­fin­dungs­buch mit 70 000 Ein­tra­gun­gen, mehr dann 10 Auf­la­gen, seit 25 jaar ver­schwun­den aus dem Pri­mär­buch­han­del und heiß­be­gehrt im Inter­net­han­del mit Prei­sen bis 250 euro.
    Die nach­fra­ge ist viel grö­ßer als das Angebot.
    – Pater Jozef Ver­schue­ren SJ, mit sei­nen Schul­at­lan­ten; viel wich­ti­ger noch mit sei­nem „Groot geîl­lu­s­te­erd Woor­den­boek“, nie­der­län­disch­spra­chi­gem Pen­dant zum fran­zö­si­schem Larous­se Illustré,und gera­de für das flä­mi­sche Selbst­be­wußt­sein äußerst wichtig.
    Ver­schue­ren­be­sprach vie­le Wor­te apart sehr aus­führ­lich und stark pro­fi­liert- gera­de in den 60er Jah­ren sehr hell­sich­tig die modern revo­lu­tio­nä­re Strö­mun­gen und gei­stes­hal­tun­gen („Nozems“) beschrei­bend und verurteilend.
    Er fürch­te­te sich nicht, trotz Ein­wön­de sei­ner Ordens­füh­rung und des bel­gi­schen moder­ni­stisch-bel­gi­zi­sti­schen Epi­sko­pats poli­tisch Flag­ge zu zei­gen: der christ­lich-demo­kra­ti­sche Poli­ti­ker Theo Lefe­v­re wur­de nicht in die Aktuai­sie­rung auf­ge­nom­men, weil P. Ver­schue­ren „ihn nicht flä­misch genug und zu frei­den­ke­risch“ fand (das traf de fac­to auch zu)

    Sum­ma sum­ma­rum: die flä­mi­sche Jesui­ten bil­de­ten das flä­mi­sche Volk ein­ge­hend im 20. Jhdt und form­ten mit die flä­misch-katho­li­sche Identität.
    Ab 1966 gerät das Gan­ze dann durch poli­ti­schen Wirr­warr und (beab­sich­tig­tes) Stümpern,Untätigkeit der Hir­ten, tota­le Ver­wahr­lo­sung und wenig spä­ter fun­da­men­tal durch Danneel’sches Gut­men­schen­tum und Homo- und Pädo­se­xua­li­sie­rung total unter die Räder.

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