Sonderbehandlung für den „falschen Propheten“ Enzo Bianchi

Setzt Rom das eigene Dekret zur Gemeinschaft von Bose durch?

Enzo Bianchi mit Papst Franziskus, als ihn dieser am 23. Juni 2014 empfing.
Enzo Bianchi mit Papst Franziskus, als ihn dieser am 23. Juni 2014 empfing.

(Rom) Rom scheint nun bereit, Enzo Bian­chi aus der von ihm gegrün­de­ten Gemein­schaft von Bose zu ent­fer­nen. Wie ernst es dem Hei­li­gen Stuhl damit wirk­lich ist, muß sich erst zei­gen. Bereits vor bald einem Jahr war Bian­chi auf­ge­tra­gen wor­den, sich von der Gemein­schaft zu tren­nen. Gesche­hen ist jedoch nichts.

Enzo Bian­chi ist eines der bekann­te­sten Gesich­ter einer „ande­ren“, pro­gres­si­ven Kir­che, die behaup­tet, das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil müs­se erst „rich­tig“ umge­setzt wer­den, damit es zum „neu­en Pfing­sten“ kom­me. Die römi­sche Akte des „Pri­ors von Bose“ ist rand­voll mit sei­nen umstrit­te­nen und zwei­fel­haf­ten Wort­mel­dun­gen ange­füllt. Den­noch oder gera­de des­halb ist er ein Medi­en­lieb­ling, wenn es dar­um geht, die Kir­che zu „reprä­sen­tie­ren“ und ein ver­zerr­tes Bild von ihr zu zeich­nen. Der Anfang April 2020 ver­stor­be­ne ehe­ma­li­ge Dekan der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät an der Late­ran­uni­ver­si­tät, Msgr. Anto­nio Livi, nann­te Bian­chi einen „fal­schen Propheten“.

Wenn trotz der ent­spre­chen­den Wei­sung Bian­chi mona­te­lang unbe­lä­stigt wei­ter­ma­chen konn­te, dann nicht zuletzt wegen der soge­nann­ten „Bian­chi-Tech­nik“, die in pro­gres­si­ven Kir­chen­krei­sen ver­brei­tet ist und dar­in besteht, Anwei­sun­gen rela­ti­vie­rend zu inter­pre­tie­ren. Damit scheint sich heu­te gut leben zu las­sen in einer Kir­che, in der es an wirk­li­chen Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten man­gelt, die imstan­de sind, auch ein­mal ein kla­res Nein auszusprechen.

Zu den Hin­ter­grün­den sie­he: „Der ‚fal­sche Pro­phet‘ geht (unfrei­wil­lig) von Bord“.

Im Avve­ni­re, der Tages­zei­tung der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, wur­de gestern ein Kom­mu­ni­qué des Päpst­li­chen Dele­ga­ten ad nutum Sanc­tae Sedis, des Canos­sia­ner­pa­ters Ame­deo Cen­ci­ni, abge­druckt. Dar­in heißt es, die Bian­chi ein­ge­räum­te Zeit nei­ge sich ihrem Ende zu. Der ehe­ma­li­ge „Pri­or“ habe sei­ne Gemein­schaft inner­halb einer Woche zu ver­las­sen. Das ent­spre­chen­de Dekret des Päpst­li­chen Dele­ga­ten wur­de am 8. Febru­ar unter­zeich­net. Wört­lich schrieb der Avve­ni­re:

„Dekret des päpst­li­chen Dele­gier­ten, Pater Ame­deo Cen­ci­ni: Der frü­he­re Pri­or muß  bis zum 16. Febru­ar in die Cel­lo­le di San Gimi­gna­no in der Tos­ka­na zie­hen. Der Vor­schlag gilt als endgültig.“

Enzo Bian­chi (*1943) aus Pie­mont, wo sich in Bose auch der Sitz der gleich­na­mi­gen Gemein­schaft befindet

Die pro­gres­si­ve spa­ni­sche Zeit­schrift Vida Nue­va spricht daher von einem „Ulti­ma­tum“. Den­noch wird in Rom von man­chen bezwei­felt, daß es die­ses Mal dazu kom­men könnte.

Der römische Vorschlag

Die Über­sied­lung nach San Gimi­gna­no ist Teil des römi­schen „Vor­schlags“, der vor­sieht, daß Bian­chi die dor­ti­ge Nie­der­las­sung der Gemein­schaft von Bose kosten­los über­las­sen wird, aber von der Gemein­schaft getrennt wird.

Bereits am 21. Mai 2020 hat­te Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin ein von Papst Fran­zis­kus gebil­lig­tes Dekret unter­zeich­net, mit dem Bian­chi auf­ge­for­dert wur­de, die von ihm gegrün­de­te Gemein­schaft inner­halb von zehn Tagen zu ver­las­sen. Acht Mona­te sind seit­her ver­gan­gen, doch, der ein­sti­ge „Pri­or“ der Gemein­schaft stell­te sich taub. Dabei hat­te er damals schrift­lich zuge­stimmt, Bose zu verlassen.

Bian­chi darf mit Brü­dern und Schwe­stern der Gemein­schaft, die ihm fol­gen wol­len, nach Cel­lo­le di San Gimi­gna­no über­sie­deln, wo sie fak­tisch unter sei­ner Lei­tung eine neue Gemein­schaft grün­den kön­nen. Die Gemein­schaft von Bose wer­de mit die­ser Grup­pe, heißt es im Dekret, nichts mehr zu tun haben. Die Bian­chi-Grup­pe habe jeg­li­che Ver­wen­dung des Namens „Bose“ wie „Mona­sti­sche Gemein­schaft von Bose“ oder „Klo­ster Bose“ zu unter­las­sen, „um Ver­wir­rung und Unklar­hei­ten zu ver­mei­den“. Bis­her lau­tet die Bezeich­nung der Nie­der­las­sung „Gemein­schaft von Bose – Bru­der­schaft Cellole“

Bian­chi als „Mönch“ und „Abt“

Papst Fran­zis­kus hat­te am 6. Dezem­ber 2019 eine Apo­sto­li­sche Visi­ta­ti­on ange­ord­net, die am 6. Janu­ar 2020 abge­schlos­sen wur­de. Anlaß für die Visi­ta­ti­on war die „ange­spann­te und pro­ble­ma­ti­sche Situa­ti­on in der Gemein­schaft in Bezug auf die Aus­übung der Auto­ri­tät des Grün­ders, der Lei­tung und des brü­der­li­chen Kli­mas“. Rom bean­stan­det nicht die hete­ro­do­xen Leh­ren Bian­chis, son­dern des­sen Ver­hal­ten, als sei er noch immer der Lei­ter der Gemein­schaft, obwohl seit 2017 Lucia­no Mani­car­di neu­er „Pri­or“ von Bose ist. 

Die Gemein­schaft von Bose wur­de am 8. Dezem­ber 1965 von Enzo Bian­chi gegrün­det, dem­sel­ben Tag, an dem das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil been­det wur­de. 1968 schrieb er, nach­dem sich ihm die ersten „Brü­der und Schwe­stern“ ange­schlos­sen hat­ten, eine Regel für die Gemein­schaft. Sie spricht von „Klo­ster“ und „mona­sti­scher Gemein­schaft“, folgt aber eige­nen Vor­stel­lun­gen. Kir­chen­recht­lich ist sie weder das eine noch das ande­re, son­dern eine Gemein­schaft von Lai­en bei­der­lei Geschlechts. Auch Bian­chi ist Laie.

Eine neue Gemeinschaft in Cellole bei San Gimignano?

Nach einer auf­wen­di­gen Reno­vie­rung wur­de die roma­ni­sche Kir­che San­ta Maria Ass­un­ta im Orts­teil Cel­lo­le von San Gimi­gna­no am 7. April 2013 der Gemein­schaft von Bose über­tra­gen, die dort eine Nie­der­las­sung grün­de­te. Neben dem Orts­bi­schof von Vol­ter­ra und dem Bischof von Sie­na waren noch wei­te­re Bischö­fe der Tos­ka­na beim Grün­dungs­akt anwe­send, um ihre Ver­bun­den­heit mit der Gemein­schaft und ihrem „Pri­or“ zu bekunden.

Die Kir­che, die Bian­chi erhal­ten soll, ist ein Klein­od in der Pro­vinz Sie­na. Die Wei­he des drei­schif­fi­gen Got­tes­hau­ses erfolg­te 1238. Ein Vor­gän­ger­bau ist jedoch bereits 949 belegt. Als Gön­ner tra­ten die Kada­lo­hin­ger (ital. Cado­lin­gi) auf, ein lan­go­bar­di­sches Geschlecht, das in der Gegend füh­rend war und sich auf einen Kada­loh (Cha­da­loh) als Stamm­va­ter zurückführte. 

Die roma­ni­sche Kir­che San­ta Maria Ass­un­ta in Cel­lo­le bei San Gimignano

Die heu­ti­ge Kir­che ent­stand aller­dings erst im Spät­mit­tel­al­ter unter einem Pfarr­her­ren namens Hil­de­brand, der gan­ze 50 Jah­re hier wirk­te. Zunächst wur­de 1190 von ihm der Glocken­turm errich­tet, wie eine Inschrift am Sockel bezeugt. Anschlie­ßend ließ er im Stil der Roma­nik und in der Form einer Basi­li­ka die Kir­che errich­ten, wie sie sich noch heu­te zeigt. Damals unter­stan­den der Urpfar­re zwan­zig Kir­chen der Umge­bung. Kir­chen­recht­lich genoß ihr Pfar­rer die­sel­ben Rech­te wie jener der Stadt San Gimi­gna­no. Damals war mit der Kir­che nicht nur ein Pfarr­haus, son­dern auch ein Hospiz ver­bun­den, da sie in der Nähe der Via Fran­ci­gena, des Fran­ken­we­ges, lag, dem die Rom- und Jeru­sa­lem-Pil­ger folgten.

Obwohl Enzo Bian­chi „gol­de­ne Brücken“ gebaut wer­den, scheint er sich mit dem Gedan­ken noch nicht ange­freun­det zu haben, daß sein Name nicht mehr mit jenem von Bose ver­bun­den sein soll.

Wich­ti­ger als die blo­ße Auto­ri­täts­fra­ge wäre eine Über­prü­fung der Leh­re, die Bian­chi ver­brei­tet. Doch dies­be­züg­lich wur­de bis­her nichts bekannt.

Zu Enzo Bian­chi sie­he auch:

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Comu­ni­tà di Bose (Screenshot)/Wikicommons

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