Orbáns Lockdown und die EU-Krise

Der europäische Schlagabtausch zwischen George Soros und Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán

Viktor Orbáns Schlagabtausch mit George Soros, den er "einen der korruptesten Menschen auf der Welt" nennt.
Viktor Orbáns Schlagabtausch mit George Soros, den er "einen der korruptesten Menschen auf der Welt" nennt.

Von Rober­to de Mattei*

Wir nähern uns dem drei­ßig­sten Geburts­tag, viel­leicht aber auch der Auf­lö­sung der Euro­päi­schen Uni­on, die aus dem Ver­trag von Maas­tricht vom 7. Febru­ar 1992 her­vor­ge­gan­gen ist.

Die­ses Abkom­men sah den frei­en Ver­kehr von Per­so­nen, Waren, Dienst­lei­stun­gen und Kapi­tal inner­halb eines „Euro­pa ohne Gren­zen“ und die Schaf­fung einer „Euro­zo­ne“ mit einer Zen­tral­bank und einer neu­en gemein­sa­men Wäh­rung vor. Um Teil die­ser Euro­zo­ne zu sein, wur­de 1997 ein Sta­bi­li­täts- und Wachs­tums­pakt ver­ab­schie­det, der den Mit­glieds­län­dern der Euro­päi­schen Uni­on zwei stren­ge Para­me­ter auf­er­leg­te: ein Haus­halts­de­fi­zit von weni­ger als drei Pro­zent des BIP und eine Staats­ver­schul­dung von weni­ger als 60 Pro­zent des Brut­to­in­lands­pro­dukts. Der Ver­trag von Lis­sa­bon vom 13. Dezem­ber 2007 defi­nier­te die poli­ti­schen Befug­nis­se und Zie­le der Euro­päi­schen Union.

In fast drei­ßig Jah­ren wur­den weder die poli­ti­schen noch die wirt­schaft­li­chen Zie­le der Uni­on jemals erreicht, und die in der hol­län­di­schen Stadt künst­lich geschaf­fe­ne supra­na­tio­na­le Insti­tu­ti­on hat einen unauf­halt­sa­men Zer­falls­pro­zess begon­nen, der im Bre­x­it des Ver­ei­nig­ten König­reichs am 31. Janu­ar 2020 einen sen­sa­tio­nel­len Aus­druck gefun­den hat. Mehr oder weni­ger in den glei­chen Tagen traf ein Sturm die Euro­päi­sche Uni­on und hob ihre Prin­zi­pi­en auf. Das Ein­drin­gen des Coro­na­vi­rus in die glo­ba­le geo­po­li­ti­sche Sze­ne­rie hat die euro­päi­schen Staa­ten gezwun­gen, die Frei­zü­gig­keit ihrer Bür­ger stark ein­zu­schrän­ken. Gren­zen, die bis vor kur­zem als Hin­der­nis und zu über­win­den­des Ele­ment der Spal­tung gese­hen wur­den, haben sich als uner­setz­li­che Fak­to­ren für die Ver­tei­di­gung und den Schutz der Bür­ger erwie­sen. Euro­pa hat intern und extern die Brücken abge­ris­sen und wie­der Mau­ern errichtet.

Dar­über hin­aus hat die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on im März 2020 in einer bei­spiel­lo­sen Ent­schei­dung den Sta­bi­li­täts­pakt aus­ge­setzt, damit Län­der wie Ita­li­en Kre­di­te auf­neh­men und ihren Volks­wirt­schaf­ten Liqui­di­tät zufüh­ren kön­nen. Die euro­päi­sche Wirt­schafts- und Geld­po­li­tik ist geplatzt, und jetzt ruft EU-Wirt­schafts­kom­mis­sar Pao­lo Gen­ti­lo­ni nach der Mög­lich­keit, dass der Sta­bi­li­täts­pakt bis 2022 aus­ge­setzt bleibt (La Stam­pa, 11. Novem­ber 2020). Dar­über hin­aus hat die Euro­päi­sche Uni­on zur Bewäl­ti­gung der durch die Pan­de­mie ver­ur­sach­ten neu­en Situa­ti­on einen Ver­schul­dungs­plan für die Staa­ten vor­ge­se­hen, der auf einem Sie­ben-Jah­res-Haus­halt in Höhe von 1,07 Bil­lio­nen Euro und einem Wie­der­auf­bau­fonds von 750 Mil­li­ar­den Euro (Reco­very Fund). Die­ser Vor­schlag erfor­dert zur Geneh­mi­gung jedoch die Ein­stim­mig­keit, und zwei Staa­ten, Ungarn und Polen, denen spä­ter auch Slo­we­ni­en bei­getre­ten ist, haben ihr Veto ein­ge­legt und das Pro­jekt blockiert. Der Grund für das unga­ri­sche und pol­ni­sche Veto liegt in der Tat­sa­che, dass der Finanz­hil­fe­plan einen Mecha­nis­mus ein­führt, mit dem die Kom­mis­si­on die Aus­zah­lung von Gel­dern an Län­der blockie­ren kann, die die Rechts­staat­lich­keit nicht respek­tie­ren oder „Ver­stö­ße gegen Grund­wer­te wie Frei­heit, Demo­kra­tie, Gleich­heit und Ach­tung der Men­schen­rech­te, ein­schließ­lich der Rech­te von Min­der­hei­ten“ voll­zie­hen. Das bedeu­tet die Akti­vie­rung von Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren und Ver­ur­tei­lun­gen für jene, die nicht der Poli­tik der Öff­nung für neue Rech­te fol­gen, von der Abtrei­bung bis zur schran­ken­lo­sen Ein­wan­de­rung, die die Euro­päi­sche Uni­on ihren Mit­glied­staa­ten auf­er­le­gen möch­te. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hat Ungarn bereits für sei­ne Geset­ze zu den Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen ver­ur­teilt, die Gefäng­nis für die Unter­stüt­zung von Migran­ten vor­se­hen, die ille­gal nach Ungarn kom­men, und für die soge­nann­te „Anti-Soros-Gesetz­ge­bung“, mit der eine Rei­he von Beschrän­kun­gen für aus­län­di­sche Pri­vat­uni­ver­si­tä­ten in Ungarn ein­ge­führt wur­den, wie die der Open Socie­ty des unga­risch-ame­ri­ka­ni­schen Pseu­do-Phil­an­thro­pen. In einem von der Wirt­schafts­zei­tung Il Sole 24 Ore am 20. Novem­ber ver­öf­fent­lich­ten Gast­bei­trag defi­nier­te Soros das unga­ri­sche und pol­ni­sche Veto gegen den EU-Vor­schlag zum Wie­der­auf­bau­fonds als „den ver­zwei­fel­ten Schritt zwei­er Seri­en­tä­ter“. Die bei­den Ver­bre­cher wären laut Soros der unga­ri­sche Mini­ster­prä­si­dent Vik­tor Orbán und der pol­ni­sche Vize-Mini­ster­prä­si­dent, de fac­to aber eigent­li­che Regie­rungs­chef, Jaroslaw Kac­zyn­ski. Orbán ant­wor­te­te prompt1, Geor­ge Soros bedro­he Ungarn und Polen:

„Eine lan­ge Rei­he von Poli­ti­kern, Jour­na­li­sten, Rich­tern, Büro­kra­ten, als zivil getarn­ten poli­ti­schen Agi­ta­to­ren steht auf der Gehalts­li­ste von Geor­ge Soros. Und obwohl der Mil­li­ar­där selbst jeden sei­ner Fein­de der Kor­rup­ti­on bezich­tigt, ist er selbst der kor­rup­te­ste Mensch der Welt. Wen er nur kann, den besticht und kauft er. Bei denen dies nicht gelingt, die kom­pro­mit­tiert er, ernied­rigt er, schüch­tert er ein und rui­niert er mit Hil­fe der schreck­li­chen Waf­fe des Netz­wer­kes, des lin­ken Medienbackgrounds.“

Soros habe zahl­lo­se Poli­ti­ker „in der Tasche“, die nun Ungarn und Polen für den Zugang zu EU-Gel­dern erpres­sen wollen.

Und Orbán weiter:

„Das Soros-Netz­werk, das durch und durch mit der euro­päi­schen Büro­kra­tie und poli­ti­schen Eli­te ver­wo­ben ist, arbei­tet seit Jah­ren dar­an, Euro­pa zu einem Ein­wan­de­rungs­kon­ti­nent zu machen. Für die Staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on stellt heu­te die größ­te Gefahr das die glo­ba­le offe­ne Gesell­schaft ver­kün­den­de und die natio­na­len Rah­men liqui­die­ren wol­len­de Soros-Netz­werk dar. Die Zie­le des Net­werks sind offen­sicht­lich: Mit Hil­fe der Beschleu­ni­gung der Migra­ti­on offe­ne Gesell­schaf­ten mit gemisch­ten Eth­ni­en und Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus zu erschaf­fen, die natio­na­le Ent­schei­dungs­fin­dung abzu­bau­en und die­se in die Hän­de der glo­ba­len Eli­te zu übergeben.“

„Zahl­rei­che hoch­ran­gi­ge Büro­kra­ten der EU arbei­ten gemein­sam mit dem Netz­werk von Geor­ge Soros an der Erschaf­fung eines ein­heit­li­chen Impe­ri­ums. Sie wol­len ein Insti­tu­tio­nen­sy­stem aus­bau­en, das unter der Ägi­de der offe­nen Gesell­schaft den frei­en und unab­hän­gi­gen Natio­nen Euro­pas ein ein­heit­li­ches Den­ken, eine ein­heit­li­che Kul­tur, ein ein­heit­li­ches Gesell­schafts­mo­dell auf­zwin­gen will. Damit neh­men sie jedem Volk sein Recht, selbst über das eige­ne Schick­sal ent­schei­den zu kön­nen. Die­sem Ziel dient auch ihr Herr­schaft des Rechts genann­ter Vor­schlag, der in Wirk­lich­keit nicht die Herr­schaft des Rechts, son­dern das Recht des Stär­ke­ren anerkennt.“

Die Aggres­si­on der soge­nann­ten „star­ken Mäch­te“ gegen Orbán begann 2012, als die neue unga­ri­sche Ver­fas­sung in Kraft trat, die die Fami­lie als „Grund­la­ge für das Über­le­ben der Nati­on“ defi­niert. „Ungarn wird die Insti­tu­ti­on der Ehe, ver­stan­den als die ehe­li­che Ver­bin­dung eines Man­nes und einer Frau, schüt­zen“, und ver­kün­det, dass „das Leben des Fötus vom Moment der Emp­fäng­nis an geschützt wird“ (Rober­to de Mattei, Radi­ci Cri­stia­ne, Nr. 72 – Februar/März 2012). Orbán ist nicht katho­lisch, aber, wie Giu­lio Meot­ti schreibt, gibt es in Euro­pa „einen ein­sa­men Ver­tei­di­ger ver­folg­ter Chri­sten: den unga­ri­schen Mini­ster­prä­si­den­ten Vik­tor Orbán, gegen den die Main­stream-Medi­en ger­ne sti­cheln und den sie ger­ne angrei­fen. Kei­ne ande­re euro­päi­sche Regie­rung hat soviel Geld, öffent­li­che Diplo­ma­tie und Zeit in die­ses The­ma inve­stiert“ (Giu­lio Meot­ti, Gate­stone Insti­tu­te, 15. Dezem­ber 2019).

Von allen euro­päi­schen Staats- und Regie­rungs­chefs ist Orbán der­je­ni­ge, der die Dik­ta­tur des Rela­ti­vis­mus am hef­tig­sten bekämpft und daher den Lob­bys der Glo­ba­li­sten ein Dorn im Auge ist, die ihn heu­te beschul­di­gen, sich ihren Plä­nen zu wider­set­zen, indem er die Coro­na-Not­si­tua­ti­on dazu aus­nüt­ze. Tat­säch­lich ver­häng­te er im ver­gan­ge­nen März einen Lock­down, mit dem er in Ungarn die vol­len Befug­nis­se über­nahm. Im Novem­ber kün­dig­te er einen neu­en Aus­nah­me­zu­stand an, der bis zum 8. Febru­ar andau­ern soll. Der LGBT-Kom­plex beschul­digt ihn, in die­sem Jahr ein Gesetz ver­ab­schie­det zu haben, das Trans­se­xu­el­le dar­an hin­dert, legal das Geschlecht „zu ändern“, und das Coro­na­vi­rus nut­zen zu wol­len, um neue Geset­ze zur Ver­tei­di­gung der reli­giö­sen und natio­na­len Iden­ti­tät sei­nes Vol­kes zu ver­ab­schie­den. In einer Zeit, in der jeder ver­sucht, die Pan­de­mie aus­zu­nut­zen, hat Orbán die „Gesund­heits­dik­ta­tur“ als wirk­sa­mes Instru­ment zur Ein­däm­mung der EU-Plä­ne ein­ge­setzt. In Ungarn erwies sich der Lock­down daher nicht als Instru­ment des Glo­ba­lis­mus, son­dern als ein Mit­tel, um sich der glo­ba­li­sti­schen Revo­lu­ti­on zu wider­set­zen, die das pla­ne­ta­re Cha­os auf­zwin­gen will.

Zu den Aus­wir­kun­gen des Coro­na­vi­rus gehört auch der Zer­fall der Euro­päi­schen Uni­on, die Rück­kehr der Natio­nal­staa­ten und die Mög­lich­keit für euro­päi­sche Poli­ti­ker, die die natür­li­chen und christ­li­chen Wer­te ver­tei­di­gen wol­len, ihre Stim­me stär­ker zu Gehör zu bringen.

Viel­leicht ist es not­wen­dig in den Ereig­nis­sen, neben den Plä­nen der Men­schen, auch nach den Plä­nen Got­tes zu suchen, die auf geheim­nis­vol­le, aber wirk­sa­me Wei­se immer in die Geschich­te eingreifen…

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017 und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobingen2011.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana


1 Der Schlag­ab­tausch zwi­schen Geor­ges Soros und Vik­tor Orbán, einer Pri­vat­per­son und einem Regie­rungs­chef, hat eine euro­päi­sche Dimen­si­on, da Soros sei­ne Netz­wer­ke dafür mobi­li­sier­te. Il Sole 24 Ore gehört zum Pro­ject Syn­di­ca­te, einem Medi­en­netz­werk von Soros. Aus­ge­wähl­te Mit­glie­der die­ses Syn­di­kats ver­öf­fent­lich­ten den Text „ihres Herrn“ in ver­schie­de­nen Län­dern. Orbán ließ über Ungarns Bot­schaf­ter sei­ne Ant­wort mit­tei­len. Der deut­sche Tages­spie­gel, der als Pro­ject-Syn­di­ca­te-Mit­glied die Soros-Tira­de am 19. Novem­ber abge­druckt hat­te, wei­gert sich jedoch Orbáns-Ant­wort zu ver­öf­fent­li­chen. Das ist das Ver­ständ­nis von Gleich­heit und Infor­ma­ti­on der „Qua­li­täts­pres­se“. Die deut­sche Fas­sung der Ant­wort wur­de des­halb am 30. Novem­ber von Tichys Ein­blick publi­ziert. Die Zita­te sind die­ser Fas­sung ent­nom­men. Eine eng­li­sche Kurz­fas­sung fin­det sich auf der Inter­net­sei­te des unga­ri­schen Mini­ster­prä­si­den­ten. Es ist anzu­neh­men, daß Orbán auch dem Sole 24 Ore sei­ne Ant­wort über­mit­tel­te, die­ser aber wie der Tages­spie­gel als Pro­ject Syn­di­ca­te-Mit­glied die Ver­öf­fent­li­chung ver­wei­gert. Jeden­falls wur­de bis­her weder vom Sole 24 Ore noch einem ande­ren ita­lie­ni­schen Medi­um die Ant­wort Orbáns publi­ziert. Eine Hal­tung, die Orbáns Kri­tik bestä­tigt und eine bedenk­li­che Ein­sei­tig­keit wich­ti­ger Medi­en, wenn nicht deren Abhän­gig­keit von Soros an den Tag legt (Anm. Giu­sep­pe Nardi).

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