„Hinter dem Gerede vom ‚Paradigmenwechsel‘ versteckt sich die Häresie“

Kardinal Gerhard Müller im Interview zu den Homosexualitäts-Aussagen von Papst Franziskus

Die LGBT sind Gegner der Kirche. Der Papst soll klar sprechen
Kardinal Müller: „Die LGBT sind Gegner der Kirche. Der Papst soll klar sprechen.“

(Rom) Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, der vor­ma­li­ge Prä­fekt der römi­schen Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, mel­de­te sich in einem Inter­view der Tages­zei­tung La Veri­tà erneut zu den Auf­se­hen und Ärger­nis erre­gen­den Aus­sa­gen von Papst Fran­zis­kus zu homo­se­xu­el­len Ver­bin­dun­gen und der fak­ti­schen Aner­ken­nung der Homo­se­xua­li­tät zu Wort. „Immer wenn die Fein­de der Kir­che, die Athe­isten und die LGBT-Akti­vi­sten, Gesprächs­part­ner oder Inter­pre­ten des Petrus­nach­fol­gers sind, besteht die Mög­lich­keit, daß das Ergeb­nis das Gegen­teil des Erhoff­ten ist. Ent­we­der führt der Papst Homo­se­xu­el­le zurück auf den Weg des Glau­bens, oder sie ver­zer­ren sei­ne Wor­te zu ihren Gun­sten und ver­wir­ren dadurch Katho­li­ken“, so der Kardinal.

Fra­ge: Emi­nenz, wel­che Mei­nung haben Sie sich zu den Aus­sa­gen des Pap­stes zum The­ma ein­ge­tra­ge­ne Part­ner­schaf­ten gemacht, so wie sie durch den soeben vor­ge­stell­ten Doku­men­tar­film „Fran­ces­co“ prä­sen­tiert und dis­ku­tiert werden?

Kar­di­nal Mül­ler: Immer, wenn die Fein­de der Kir­che, die Athe­isten und die LGBT-Akti­vi­sten, Gesprächs­part­ner oder Inter­pre­ten des Nach­fol­gers des Petrus sind, besteht die Mög­lich­keit, daß das Ergeb­nis das Gegen­teil des Erhoff­ten ist. Ent­we­der führt der Papst Homo­se­xu­el­le zurück auf den Weg des Glau­bens, oder sie ver­zer­ren sei­ne Wor­te zu ihren Gun­sten und ver­wir­ren dadurch Katho­li­ken, die dem Papst treu blei­ben wol­len. Kein Katho­lik kann die Unter­wei­sung in der Leh­re der Kir­che in der Inter­pre­ta­ti­on von Kir­chen­geg­nern ernst neh­men. Es ist völ­lig irrele­vant, was sie von ihren Gesprä­chen mit dem Papst erzäh­len oder wie er in ihren Vide­os oder Inter­views erscheint. Vom Gesichts­punkt der theo­lo­gi­schen Wis­sen­schaft stel­len sol­che pri­va­ten pasto­ra­len Spe­ku­la­tio­nen kei­nen locus theo­lo­gi­cus dar. Sie haben für einen Katho­li­ken kei­ner­lei Auto­ri­tät, auch dann nicht, wenn der Papst dadurch „Pro­zes­se ansto­ßen“ will. Der Glau­ben kommt von der Offen­ba­rung Got­tes und nicht vom mani­pu­la­ti­ven „wor­d­ing and framing“ von theo­lo­gi­schen und poli­ti­schen Influ­en­cern. Die Glau­bens­leh­re zu Ursprung, Sinn und Gren­zen der Auto­ri­tät des Pap­stes in Glau­bens­fra­gen sind ganz klar vom Kon­zil von Flo­renz und beson­ders vom Ersten und Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil defi­niert. Die dok­tri­nel­le und pasto­ra­le Auto­ri­tät des Pap­stes kommt nicht aus der spe­zi­fi­schen Per­sön­lich­keit des Amts­in­ha­bers auf dem Thron des Petrus. Das sehen wir beim Fischer Simon, den Chri­stus zum Petrus macht kraft sei­nes gött­li­chen Auf­trags. Sei­ne Macht, die von allen gläu­bi­gen Katho­li­ken Gehor­sam ver­langt, besteht aus­schließ­lich dar­in, offen­sicht­lich zu machen, was der himm­li­sche Vater ihm offen­bart hat, d. h., daß Jesus nicht irgend­ein Pro­phet oder ein Mor­al­mo­dell ist, son­dern der Sohn Got­tes (Mt 16,16). Jesus ist aber nicht „Got­tes­sohn“ in einem über­tra­ge­nen, meta­pho­ri­schen Sinn, so wie wir durch Annah­me Kin­der der Gna­de sind (s. Röm 8,16). Er ist der Sohn der aller­hei­lig­sten Drei­fal­tig­keit, er hat uns den Vater offen­bart (Mt 11,27), und ihm ist als Sohn alle Macht im Him­mel und auf Erden gege­ben. Die Apo­stel und ihre Nach­fol­ger leh­ren nur das, was Jesus sie gelehrt hat (Mt 28,20). Ein blin­der Gehor­sam aller, wie er sich im Per­so­nen­kult gegen­über den Füh­rern in tota­li­tä­ren Syste­men zeigt, ist das Gegen­teil des Gehor­sams der Reli­gi­on als Bestand­teil des über­na­tür­li­chen Glau­bens, der sich direkt an Gott rich­tet, der weder betrügt noch betrü­gen kann (Lumen gen­ti­um, 25),

Fra­ge: Aber von den Umstän­den und der mög­li­chen Falsch­dar­stel­lung des Pap­stes ein­mal abge­se­hen bleibt die Erklä­rung zur Mög­lich­keit eines Rechts­schut­zes für ein­ge­tra­ge­ne Part­ner­schaf­ten. Das ist ein poli­ti­sches, nicht nur ein theo­lo­gi­sches Thema.

Kar­di­nal Mül­ler: Die Ver­wir­rung, die manch­mal bewußt erzeugt wird, besteht in der Ver­wechs­lung der natür­li­chen und sakra­men­ta­len Ver­bin­dung zwi­schen Mann und Frau in der Ehe mit den per­sön­li­chen Pro­ble­men, die eini­ge Indi­vi­du­en durch eine ero­tisch-sexu­el­le Anzie­hung zu Per­so­nen des glei­chen Geschlechts haben. Ein lai­zi­sti­scher Staat bezieht sich in sei­nen Nor­men nicht auf eine über­na­tür­li­che Offen­ba­rung oder eine bestimm­te Reli­gi­on, son­dern auf das Natur­recht, das sich in der Ver­nunft arti­ku­liert. Die Kir­che, als Hüte­rin auch der anthro­po­lo­gi­schen natür­li­chen Wahr­heit, muß dem Anspruch des Staa­tes oder ideo­lo­gi­scher Orga­ni­sa­tio­nen wie jenen der LGBT ent­ge­gen­tre­ten, die nach ihren Lau­nen die Ehe zwi­schen Mann und Frau als sozia­le Kon­struk­ti­on rela­ti­vie­ren. Päp­ste und Bischö­fe soll­ten in der heu­ti­gen Medi­en­welt ler­nen, sich klar und unmiß­ver­ständ­lich aus­zu­drücken, sodaß sich die pasto­ra­le Sor­ge für eini­ge Per­so­nen in schwie­ri­gen Situa­tio­nen nicht für Miß­brauch eig­net, die die Anthro­po­lo­gie unter­gra­ben, deren onto­lo­gi­sche und mora­li­sche Prin­zi­pi­en der Ver­nunft und der Offen­ba­rung entspringen.

Fra­ge: Eini­ge Bischö­fe haben gesagt, daß das, was der Papst sagt, ein Irr­tum gegen­über dem vor­he­ri­gen Lehr­amt ist wie zum Bei­spiel der Note der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on von 2003, in der man zu sagen scheint, daß kei­ne recht­li­che Aner­ken­nung mög­lich ist. Stimmt das?

Kar­di­nal Mül­ler: Zual­ler­erst muß der Papst in vol­ler Über­ein­stim­mung mit der Offen­ba­rung blei­ben, so wie sie durch die Hei­li­ge Schrift und die apo­sto­li­sche Tra­di­ti­on bewahrt und bezeugt ist. Dann muß er auch förm­lich alle dog­ma­ti­schen Ent­schei­dun­gen der Kon­zi­li­en und der Päp­ste aner­ken­nen, die ihm vor­aus­ge­gan­gen sind. Weder der regie­ren­de Papst noch sei­ne Vor­gän­ger kön­nen ihre sub­jek­ti­ven Sicht­wei­sen dem Glau­ben der gan­zen Kir­che auf­er­le­gen, egal ob in der Poli­tik, der Kin­der­er­zie­hung oder der Kuli­na­rik. So sind zum Bei­spiel die poli­ti­schen Urtei­le über das Ver­hal­ten von Kai­ser und Papst im Mit­tel­al­ter an jene Zeit gebun­den und nicht ver­bind­lich für den geof­fen­bar­ten Glau­ben. Man kann und man muß vie­le For­men des Den­kens oder des Ver­hal­tens ein­zel­ner Päp­ste kri­ti­sie­ren, ohne aber die gött­li­che Mis­si­on und die dar­aus fol­gen­de Macht des Pap­stes als Nach­fol­ger des Petrus in Fra­ge zu stel­len. Jesus hat aus Simon den Petrus gemacht und auf ihm sei­ne Kir­che erbaut. Zugleich hat Jesus, das wah­re Haupt der Kir­che, ihn hart kri­ti­siert, weil er ihn wäh­rend der Pas­si­on ver­leug­net hat. Die Hei­li­gen Hie­ro­ny­mus, Augu­sti­nus und Tho­mas von Aquin haben in ihren Kom­men­ta­ren zum Brief an die Gala­ter Pau­lus für sei­ne Ehr­lich­keit gelobt, wegen der schar­fen Kri­tik, die er an Petrus übte, aber umge­kehrt auch Petrus, wegen der Demut, mit der er die­se brü­der­li­che Zurecht­wei­sung akzep­tier­te. In die­ser Situa­ti­on hat Petrus der Ein­heit der Kir­che einen unschätz­ba­ren Dienst erwie­sen. Die Aus­übung des Pri­mats der Kir­che von Rom muß sich die­se bei­den Grund­sät­ze der Apo­stel immer vor Augen hal­ten, die mit dem Blut ihres Mar­ty­ri­ums der Kir­che von Rom den Pri­mat in der Gemein­schaft der öst­li­chen Bischofs­kir­chen erwor­ben haben.

Fra­ge: Ein Teil der katho­li­schen Welt hält es für aus­rei­chend, wenn man eine ein­ge­tra­ge­ne homo­se­xu­el­le Ver­bin­dung nicht „Ehe“ nennt, also kei­nen Bezug zur Fami­lie her­stellt. Ist auch unter die­sen Umstän­den aus Ihrer Sicht eine Aner­ken­nung ein­ge­tra­ge­ner Part­ner­schaf­ten nicht möglich?

Kar­di­nal Mül­ler: Die christ­li­chen Gläu­bi­gen sind kei­ne Sophi­sten und spie­len nicht nomi­na­li­stisch mit den Wor­ten. Die Ehe ist im Wort­sinn und der Sache nach gemäß der Schöp­fungs­ord­nung und der Erlö­sung eine Lebens­bund zwi­schen einem Mann und einer Frau. Jede Form des Zusam­men­le­bens von Per­so­nen glei­chen Geschlechts (zum Bei­spiel Ordens­ge­mein­schaf­ten) oder unter­schied­li­chen Geschlech­tes hat einen reli­giö­sen oder mora­li­schen Wert. Man kann es aber nicht „Ehe“ nen­nen, und jede sexu­el­le Ver­bin­dung außer­halb der Ehe ist objek­tiv eine schwe­re Sün­de. Das kön­nen auch jene Theo­lo­gen nicht ändern, die stolz dar­auf sind, „pro­gres­siv“ zu sein und sich auf eine angeb­li­che Nähe zu Papst Fran­zis­kus beru­fen. Histo­risch ist es bereits vor­ge­kom­men, daß sogar Päp­ste in Glau­bens­fra­gen schwank­ten oder schwer­wie­gend gefehlt haben. Des­halb ist die Unfehl­bar­keit in Glau­bens- oder Moral­fra­gen nur dann gege­ben, wenn der Papst dem Glau­ben der gan­zen Kir­che eine offen­bar­te Glau­bens­leh­re ver­kün­det. Er kann dem ihm geof­fen­bar­ten Glau­ben der Kir­che aber nicht sei­ne per­sön­li­chen Wer­tun­gen oder bestimm­te phi­lo­so­phi­sche oder theo­lo­gi­sche Theo­rien auf­er­le­gen, weil die Offen­ba­rung in ihrer kon­sti­tu­ti­ven Wirk­lich­keit mit dem Tod des letz­ten Apo­stels defi­ni­tiv abge­schlos­sen ist. Päp­ste und Bischö­fe sind Zeu­gen der ein für alle­mal erhal­te­nen Offen­ba­rung Got­tes in Jesus Chri­stus und nicht Emp­fän­ger einer neu­en Offen­ba­rung, die über Chri­stus hin­aus­geht oder Chri­stus sogar zu einer Vor­stu­fe einer höhe­ren Got­te­s­er­kennt­nis redu­ziert. Hin­ter dem pseu­do­in­tel­lek­tu­el­len Gere­de vom „Para­dig­men­wech­sel“ steckt nur eine getarn­te Häre­sie, die das Wort Got­tes ver­fälscht. Der Papst und die Bischö­fe haben kei­ne neue öffent­li­che Offen­ba­rung emp­fan­gen, die Teil des Depo­si­tum fidei ist. Frü­her haben uns die Pro­te­stan­ten fälsch­lich beschul­digt, wir wür­den den Papst über Chri­stus stel­len. Heu­te ver­tei­di­gen wir mit gutem Grund die wah­re Leh­re vom Papst­tum gegen bestimm­te Katho­li­ken, die eine Sicht sei­ner poli­tisch-reli­giö­sen Macht der Ver­gan­gen­heit ver­ab­so­lu­tie­ren und sei­ne gött­li­che Mis­si­on, „das bestän­di­ge und sicht­ba­re Fun­da­ment der Ein­heit des Glau­bens und der Gemein­schaft“ der Bischö­fe und ihrer Orts­kir­chen relativieren.

Einleitung/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

12 Kommentare

  1. Genau so ist‘s, wie Kar­di­nal Ger­hard Lud­wig Mül­ler es sagt. Der vor­mals stil­los ent­las­se­ne Glau­bens­prä­fekt besitzt eine Hal­tung, die ein guter Papst und Pon­ti­fex selbst­ver­ständ­lich auch haben müss­te. Er stand und steht fel­sen­fest für eine kla­re, am Evan­ge­li­um Jesu Chri­sti und an der ver­bind­li­chen Leh­re der Kir­che aus­ge­rich­te­te Linie, die im gegen­wär­ti­gen Pon­ti­fi­kat nur noch schwer zu erken­nen ist.

    So ist denn auch erklär­bar, war­um Fran­zis­kus ihm das Amt des ober­sten Glau­bens­hü­ters genom­men hat, ein Amt, das im Auf­trag und natür­lich stets auch in Über­ei­stim­mung mit dem Papst aus­zu­üben ist. Doch wenn der jet­zi­ge Inha­ber des Petrus-Amtes zuneh­mend Ver­un­si­che­rung statt Sicher­heit, Zwei­fel statt Klar­heit, Ver­wir­rung statt Ord­nung, Zwie­tracht statt Ein­heit ver­ur­sacht, wäre jedes gedeih­li­che Mit­ein­an­der unmög­lich. Daher: man ent­lässt. Was denn auch geschah.

    Da kann man sich letzt­lich nur noch fra­gen: Wem dient das alles? Wer steckt dahin­ter? — Ist es jener, des­sen Namen der amtie­ren­de Papst nahe­zu infla­tio­när und bei jeder sich bie­ten­den Gele­gen­heit im Mund führt? Ist das nicht schauerlich?

  2. Es ist sehr wohl mög­lich, aus der Ver­nunft, dem Natur­recht, wie Mül­ler es nennt, die Unna­tür­lich­keit der Homo­se­xua­li­tät her­zu­lei­ten. In der Geschich­te der Gesetz­ge­bung steht das Natur­recht gegen das posi­ti­ve Recht. Das Natur­recht ist gött­lich gege­be­nes Recht. Das posi­ti­ve Recht ist eine Rechts­aus­le­gung zugun­sten spe­zi­el­ler Situa­tio­nen. Genau dies hat Papst Bene­dikt in sei­ner Rede vor dem Bun­des­tag dargelegt. 

    Wie dem auch sei, ist mei­ner Ansicht nach noch nicht ein­mal Kar­di­nal Mül­ler von der „ver­wor­fe­nen Erkennt­nis“ (Hosea 4) ver­schont, die die Bibel anspricht. Sein Blick geht in die Rich­tung, in die die Prie­ster und Bischö­fe mit Gefal­len schauen.

  3. Ich tue es nicht gern, aber ich schüt­te Was­ser in den Wein über das all­ge­mei­ne Lob betr. Kar­di­nal Müll­ler als „Fels in der Brandung“.
    Er akzep­tiert fol­gen­de fürch­ter­li­che Irrtümer:
    — die Religionsfreiheit
    — den per­ver­tier­ten Tra­di­ti­ons­be­griff (ver­än­der­lich, sich der Zeit und den Umstän­den anpassend)
    — das Öku­me­nis­mus­de­kret (impli­zit die ver­schie­de­ne Wer­tig­keit der kirch­li­chen Dogmen)
    — Die Irr­leh­re das die Kir­che mit den Mos­lems und Juden zum sel­ben Gott betet.
    — Die Tod­sün­de der kata­stro­pha­len Reli­gi­ons­tref­fen in Assi­si (Tod­sün­de gegen das 1.Gebot)
    Das sind nur die kras­se­sten Fak­ten, die zu einem apo­ka­lyp­ti­schen Glau­bens­ab­fall, zur mas­sen­wei­sen Flucht aus kirch­li­chen Ämtern und zum kom­plet­ten Erlie­gen der Mis­si­on geführt haben.
    Wer den Unter­schied zwi­schen obje­tiv und sub­jek­tiv kennt, weiss das man sub­jek­tiv über Per­so­nen wie Kar­di­nal Mül­ler etc. nie­mals urtei­len darf, aber objek­tiv sind die­se mitschuldig.

    • @Jan, Sie beur­tei­len – oder ver­ur­tei­len? – im Däm­mer­licht des Kon­zils, des­sen Beschlüss­sen z.B. auch der cha­ris­ma­ti­sche Erz­bi­schof Lef­eb­v­re zunächst zuge­stimmt, dann in Tei­len aber abge­lehnt hatte.

      Die von Ihnen auf­ge­li­ste­ten fünf Punk­te kann man aber auch ein­fach nur prag­ma­tisch sehen:
      — Reli­gi­ons­frei­heit per se wür­de auch den Chri­sten über­all auf der Welt die Aus­übung ihres Glau­bens ermöglichen.
      — In ange­mes­se­ner Wei­se darf/soll sich auch die (lit­ur­gi­sche) Spra­che dem Sprach­emp­fin­den der jewei­li­gen Zeit anglei­chen, d.h. Schwül­stig­kei­ten und Unver­ständ­li­ches soll ver­mie­den wer­den bzw. in einer ange­mes­se­nen Sprach­form über­setzt wer­den dürfen.
      — für Katho­li­ken haben natür­lich alle Dog­men die glei­che Wer­tig­keit, aber längst nicht alle Glau­bens­wahr­hei­ten sind dogmatisiert.
      — Juden und Mos­lems beten durch­aus zu ein und dem­sel­ben Gott, zu dem auch Jesus gebe­tet hat: „den all­mäch­ti­gen Vater, Schöp­fers des Him­mels und der Erde“, der aber nur für Chri­sten und durch Jesus Chri­stus als der Drei­fal­ti­ge Gott erkannt wird und nur von Christ­gläu­bi­gen ange­be­tet wird.
      — Wenn der tie­fe Sinn des Gebets­tref­fens in Assi­si dar­in lie­gen soll­te, den christ­li­chen Glau­ben auch den Mit­glie­dern der ande­ren gro­ßen Welt­re­li­gio­nen als den erha­ben­sten, sinn­voll­sten und voll­kom­men­sten zu prä­sen­tie­ren, ist das sicher noch kei­ne Todsünde.

      • Sor­ry. Statt vom „Däm­mer­licht des Kon­zils“ zu reden resp. zu schrei­ben, hät­te ich wohl bes­ser die Voka­beln „Irr­licht“ oder sogar „Zwie­licht“ ver­wen­den sol­len. Wäre wohl zutref­fen­der gewe­sen. Bit­te um Nachsehen.

      • @Aquilinus
        1) Die Spra­che eines Dog­mas ist ent­schei­dend. Dazu hat die Katho­li­sche Kir­che unter der Lei­tung des Hei­li­gen Gei­stes die latei­ni­sche Spra­che aus­ge­wählt. Die­se ist unver­än­der­lich und in ihrem Aus­druck klar, unmiß­ver­ständ­lich und zugleich dem all­täg­li­chen Gebrauch ent­zo­gen. Hier ist die uni­ver­sel­le Spra­che aller Zei­ten, jene Spra­che, in der das Urteil über unse­ren Herrn Jesus Chri­stus durch Pon­ti­us Pila­tus doku­men­tiert wor­den sein muß­te, die den gan­zen Weg der Kir­che vom Abend­mahls­saal nach Rom, zum Ewi­gen Rom abbil­det. Nur in die­ser Spra­che kann die Kir­che defi­nie­ren (defi­ni­re-in Gren­zen set­zen!). Kei­ne ande­re Spra­che ist für die Aus­bil­dung der for­mel­len Logik so ent­schei­dend und ein­zig­ar­tig wie die lateinische. 

        Sie ist unter allen indo­eu­ro­päi­schen Spra­chen die ein­zi­ge, die kei­ne Aspek­te in der Gram­ma­tik kennt, Tem­pus, Kasus, Genus, das ist alles bis ins ein­zel­ne defi­niert. Eine latei­ni­sche Gram­ma­tik aus dem 19. Jahr­hun­dert („Küh­ner-Steg­mann“ oder „Men­ge“) etwa haben immer noch die­sel­be Gül­tig­keit und die­sel­ben Erkennt­nis­se, wäh­rend im Grie­chi­schen schon der eine oder ande­re Aspekt, etwa in der Ver­wen­dung des Aorists, mög­lich ist. Daher hat trotz über­wäl­ti­gen­dem Anteil der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie und der grie­chi­schen Patri­stik sich die Katho­li­sche Kir­che für das Latein entschieden. 

        Das ist in etwa das sprach­li­che Kreuz, um das sich alles dreht, so wie es etwa die Kart­häu­ser erkannt haben („Volva­tur mun­dus, dum stat crux!“). Der Höhe­punkt der gesam­ten Phi­lo­so­phie war und ist die latei­nisch ver­faß­te Scho­la­stik. Des­halb macht Papst Fran­zis­kus einen gro­ßen Bogen um das Latein!

        2) Juden und Mos­lems beten nicht den­sel­ben Gott an. Gott hat im Juden­tum einen Namen (Schem), es ist JHWH, der „Ich bin“ (Joh 8,45sqq.!). Luther irr­te in der Über­set­zung „Ehe Abra­ham ward, bin ich!“. Es muß hei­ßen Ehe Abra­ham war — ich bin. 

        Im Grie­chi­schen steht näm­lich das Per­so­nal­pro­no­men eben­so wie im Latei­ni­schen ver­ba­tim. Der „Ich bin“ ist ein grund­sätz­li­cher ande­rer als ein AL-Lah, ein Weg. Der mus­li­mi­sche Gott ist immer ein pro­zes­sua­ler Gott, der kei­ne Defi­ni­ti­on, kei­ne abso­lu­te Eigen­schaft besitzt. Daher ist Glau­be an sich immer Weg, der Weg ins Para­dies, egal wie! 

        Das Kon­zil mag zwar vom mosai­schen Glau­ben etwas ver­stan­den haben, vom Islam dage­gen ver­stand es nichts, gar nichts! Mon­si­gneur Lef­eb­v­re ver­stand hier viel mehr. Und der Rhein, der in den Tiber floß, war eben nicht der Nil, Euphrat, Tigris, Ili. Zwi­schen Neu­em Testa­ment und Altem Testa­ment besteht sprach­lich trotz des System­wech­sels von semi­ti­scher zu indo­ger­ma­ni­scher Spra­che eine viel grö­ße­re Ähn­lich­keit als zu irgend­ei­ner Sure des QUran! Die mono­the­isti­sche Urof­fen­ba­rung („Gott“, „Schöp­fung“, „Fall“, „Heil“) ist eben auch „EL“, „Adonaj“ zuge­ord­net. Einen Sün­den­fall per se kennt der Islam nicht! Es gibt im Got­tes­bild zwi­schen Juden­tum und Islam eine unüber­brück­ba­re Dif­fe­renz, die nur wir Chri­sten im Lich­te der vol­len Offen­ba­rung ver­ste­hen, und das hat eben das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil vermasselt!

        • Dan­ke ver­ehr­ter Aqui­li­nus für die Erläuterungen.
          Anmer­kend möch­te ich noch ergänzen:
          Die Reli­gi­ons­frei­heit — poli­tisch — ist abso­lut nach­voll­zieh­bar, denn ein Staat denkt an alle sei­ne Mit­be­woh­ner und kann die Reli­gi­on frei aus­üben lassen.
          Was aber macht das Kon­zil ? Hier wird aktiv gefor­dert alle Reli­gio­nen gleich­zu­set­zen und katho­li­sche Staa­ten wur­den gezwun­gen den Pri­mat des Katho­li­schen zu strei­chen. Kirch­li­che Selbstabschaffung !
          Assi­si hat ganz in dem Sin­ne der Selbst­ab­schaf­fung alle Reli­gio­nen auf eine Stu­fe erhoben.
          Kreu­ze wur­den ver­hüllt, eine Bud­dah Sta­tue stand auf dem Taber­na­kel (der bewohnt war!)
          Das war Unter­wer­fung unter den Irr­tum, den die ande­ren Reli­gio­nen nach katho­li­scher Auf­fas­sung darstellen.
          Natür­lich eine Tod­sün­de gegen das erste Gebot.
          Vor allem soll­te man Schrif­ten des Kon­zils und Hand­lungs­wei­sen der Kle­ri­ker nach dem beur­tei­len was sie sagen und was sie tun und nicht was sie gemeint haben könnten.

        • @Christoph Rhein

          1) Ihrer kur­zen prä­gnan­ten Aus­füh­rung zu Latein als Spra­che der Kir­che ist selbst­ver­ständ­lich über­zeu­gend und sozu­sa­gen zustim­mungs­pflich­tig. Ohne Latein gäbe es die „Una Sanc­ta Catho­li­ca et Apo­sto­li­ca Eccle­sia“ nicht. Dass das Latein infol­ge des letz­ten Kon­zils als ver­bind­li­che Kir­chen­spra­che de fac­to an den Rand gedrängt wur­de, war fol­gen­schwer, wie wir bis zur Stun­de allent­hal­ben lei­der erle­ben müs­sen. Unter sinn­vol­ler Ein­be­zie­hung der Volks­spra­che hät­te Latein als gene­rel­le lit­ur­gi­sche Spra­che unbe­dingt erhal­ten blei­ben müssen. 

          2) Juden als unse­re älte­ren Geschwi­ster im Glau­ben zu erken­nen und anzu­neh­men, ist für mich eine pure Selbst­ver­ständ­lich­keit. Eine glau­bens­be­ding­te Geschwi­ster­lich­keit zum Islam könn­te ich erken­nen, wenn Islam-Gläu­bi­ge als Mit­glie­der einer mono­the­isti­schen Reli­gi­on in Gott als erstes den all­mäch­ti­gen Schöp­fer und zugleich als den lie­ben­den, gerech­ten und ver­zei­hen­den Vater sehen wür­den. Ist das so im Koran, den ich zuge­ge­be­ner­ma­ßen zu wenig ken­ne, ver­an­kert? Gott ist sicher mehr als nur „Al-Lah“ – ein Weg.

          Dan­ke sehr für Ihre Antwort!

          • Bit­te um Ent­schul­di­gung für mei­nen ortho­gra­phi­schen Feh­ler gleich im ersten Satz. Ist beim Kor­ri­gie­ren passiert.

          • Die Fra­ge, die Sie bezüg­lich Juden und Mos­lems auf­wer­fen, muss trotz sub­stan­zi­el­ler Unter­schie­de in bei­den Fäl­len im Theo­re­ti­schen stehenbleiben.
            Zunächst: Das nach­christ­li­che Juden­tum ist das Pha­ri­sä­er­tum des Evan­ge­li­ums. Die Kon­ti­nui­tät zwi­schen dem vor­christ­li­chen und dem nach­christ­li­chen Juden­tum ist daher nicht so line­ar gege­ben, wie es vie­le Chri­sten anneh­men. Tat­sa­che ist, dass mit Johan­nes dem Täu­fer begin­nend seit­her vie­le Juden Chri­stus den erwar­te­ten Mes­si­as erkannt haben. Die­se Bewe­gung hält seit 2000 Jah­ren an.
            Pro­ble­ma­ti­scher ist die Sache bei den Mos­lems. Der Islam ist ohne das Chri­sten­tum, jüdi­schen Ein­fluss und den Mono­phy­si­ten­streit nicht denk­bar. Die Ent­ste­hung ist aber ganz anders als beim Juden­tum. Der Erfolg der christ­li­chen Mis­si­ons­tä­tig­keit blieb bei Mus­li­men bis in unse­re Tage ziem­lich bescheiden.

            Gemein­sam ist bei­den, und das ist das Pro­ble­ma­ti­sche, dass sie zwar Mono­the­isten sind, was aber noch nichts über des­sen Qua­li­tät aus­sagt, denn bei­de leh­nen Jesus den Chri­stus ab. Mehr noch: Für das pha­ri­säi­sche nach­christ­li­che Juden­tum und den Islam ist die Ableh­nung des Got­tes­soh­nes ein Wesens­merk­mal. Obwohl Juden und Mos­lems eigent­lich, die einen mehr die ande­ren weni­ger, in einer wesent­lich bes­se­ren Aus­gangs­po­si­ti­on sind als die Hei­den und Athe­isten, sind sie zugleich in einer schlech­te­ren Posi­ti­on. Wäh­rend die ande­ren den Chri­stus nicht ken­nen, leh­nen die­se ihn aus­drück­lich ab.

            Das führt die Fra­ge nach der theo­re­ti­schen Geschwi­ster­lich­keit in die Sack­gas­se, die nur durch die Bekeh­rung und das Bekennt­nis zu Jesus Chri­stus über­wun­den wer­den kann.

  4. In einem hat Kar­di­nal Mül­ler nicht recht. Der lai­zi­sti­sche Staat bezieht sei­ne Rechts­grund­la­gen aus­schließ­lich aus dem con­trait social. Es ist alle Kon­ven­ti­on und Usus. Das unter­schei­det den lai­zi­sti­schen Staat vom unab­hän­gi­gen Staat. Der unab­hän­gi­ge Staat bezieht sei­ne Rechts­quel­len aus allen Berei­chen der mensch­li­chen Natur, er ist als ganz­heit­li­cher Staat an alle Quel­len gebun­den. Das Grund­mo­dell für die­se Art von Staat ist die Civil Reli­gi­on in den USA („One nati­on under God“) und mono­the­istisch-christ­lich gese­hen die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in ihrem Grund­ge­setz („Im Bewußt­sein vor Gott…“). Dar­auf hat auch schon Papst Bene­dikt XVI hingewiesen.

  5. Ver­ehr­ter Rodul­fus, ich habe mir zu Ihrem Bei­trag — ohne frei­lich ein „stu­dier­ter“ Theo­lo­ge zu sein — ein paar sonn­täg­li­che Gedan­ken gemacht:

    Als Chri­sten haben wir Anteil an der bibli­schen Heils­ge­schich­te Got­tes mit den Men­schen. Die­se Geschich­te hat ihren Ursprung in der Erschaf­fung des Men­schen, erlebt ihren ersten Bruch mit dem Sün­den­fall, den zwei­ten mit der Kreu­zi­gung Chri­sti, die zunächst eben­falls als Sün­den­fall erscheint, dann aber zum Weg des Heils wird. Die­se Heils­ge­schich­te wird mit der ver­hei­ße­nen Wie­der­kunft Chri­sti ihre Voll­endung fin­den. Was alles dazwi­schen liegt, kön­nen wir den Schrif­ten des Alten und des Neu­en Testa­ments sowie der Kir­chen­leh­rer ent­neh­men. Isra­el ist und bleibt dabei stets Got­tes aus­er­wähl­tes Volk des Alten Bun­des — auch in der Zer­streu­ung. Denn Gott ist treu!

    Das Volk des Neu­en Bun­des bil­den alle, die in Jesus Chri­stus den ver­hei­ße­nen Mes­si­as erkannt haben und sich zu Ihm beken­nen – Juden­chri­sten und Hei­den­chri­sten damals genannt. Und heu­te? Alle, wirk­lich alle Men­schen sind ein­ge­la­den (jetzt auch via Inter­net), sich in das Got­tes­volk ein­zu­glie­dern. Vor­aus­set­zung ist jedoch immer das Bekennt­nis zu Jesus, den Chri­stus, und damit ein­her­ge­hend die Tau­fe im Namen + des Vaters + des Soh­nes + des Hei­li­gen Geistes.
    Das gilt a prio­ri für das Juden­tum. Die Vor­aus­set­zun­gen sind heu­te mehr denn je gege­ben: Mit der offi­zi­el­len Grün­dung des Staa­tes Isra­el im Jahr 1948 haben die Juden aller Welt wie­der ein geo­gra­phi­sches Zen­trum und mit Jeru­sa­lem dank des soeben abge­wähl­ten ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten wie­der (und hof­fent­lich irrever­si­bel) ihre ein­sti­ge „Haupt­stadt“ zurück­er­hal­ten und damit zugleich ihren reli­giö­sen Mit­tel­punkt. Bleibt ihnen als aus­er­wähl­tes Volk nur noch dies eine: In Jesus Chri­stus den ihren ver­hei­ße­nen Mes­si­as erken­nen. Spä­te­stens am Tag der vor­aus­ge­sag­ten sicht­ba­ren Wie­der­kunft des Men­schen­soh­nes wird das ohne Wenn und Aber geschehen.

    Dann erst wird auch der pri­mä­re geschwi­ster­li­che Sta­tus von Juden und Chri­sten aller Welt offen­bar wer­den, dar­über hin­aus auch die Geschwi­ster­lich­keit aller Men­schen gleich wel­cher Her­kunft, nicht zuletzt auch mit den Men­schen mus­li­mi­schen Glau­bens, die man erst dann als ech­te Geschwi­ster bezeich­nen kann, wenn sie die Gott­heit Jesu Chri­sti akzep­tie­ren. Übri­gens: Nach christ­li­cher Leh­re kön­nen Mus­li­me nicht per se als „jün­ge­re Geschwi­ster“ bezeich­net wer­den. Denn mit Jesus Chri­stus und mit dem Tod der Apo­stel ist die Offen­ba­rungs­ge­schich­te Got­tes abge­schlos­sen. Und Moham­med hat sei­ne Leh­re bekannt­lich erst rund 600 Jah­re nach Jesu Tod und Auf­er­ste­hung gegründet.

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