Kardinal Marx beim Papst (nicht) wegen Wirtschaftsfragen

Überrollt die Revolution die Revolutionäre?

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz wurde heute von Papst Franziskus empfangen. Dabei ging es bestenfalls auch um Wirtschaftsfragen.
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz wurde heute von Papst Franziskus empfangen. Dabei ging es bestenfalls auch um Wirtschaftsfragen.

(Rom) Papst Fran­zis­kus emp­fing heu­te Kar­di­nal Rein­hard Marx in Audi­enz. Der Erz­bi­schof von Mün­chen und Frei­sing und Vor­sit­zen­de der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz ist der Wort­füh­rer der deut­schen Bischö­fe, die der­zeit „mit allem dro­hen, womit man nur dro­hen kann“ (Il Foglio), soll­te ihre pro­gres­si­ve Agen­da im Zuge der bevor­ste­hen­den Ama­zo­nas­syn­ode nicht ange­nom­men wer­den.

Das Tages­bul­le­tin des vati­ka­ni­schen Pres­se­am­tes gab bekannt, daß Kar­di­nal Marx als erster heu­te vor­mit­tag zu Papst Fran­zis­kus vor­ge­las­sen wur­de. Der ein­fluß­rei­che Kar­di­nal wird vom Pres­se­amt in sei­ner Funk­ti­on als „Koor­di­na­tor des Wirt­schafts­rat“ aus­ge­wie­sen.

Der Hin­weis ist des­halb erwäh­nens­wert, weil Marx in der Ver­gan­gen­heit bereits in ganz unter­schied­li­chen Funk­tio­nen in Audi­enz emp­fan­gen wur­de: als Vor­sit­zen­der der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz, als Mit­glied des C9-Kar­di­nal­s­rats, als Beglei­ter einer Dele­ga­ti­on von Luthe­ra­nern, als Vor­sit­zen­der der COMECE, als Beglei­ter einer Dele­ga­ti­on von katho­li­schen und pro­te­stan­ti­schen Jour­na­li­sten, so im ver­gan­ge­nen April.

Der Ver­weis auf den Wirt­schafts­rat ver­mit­telt den Ein­druck, daß öko­no­mi­sche Fra­gen, etwa die Finanz­sor­gen des Hei­li­gen Stuhls, Gegen­stand der Audi­enz gewe­sen sein könn­ten.

Die jüng­ste Ankün­di­gung der deut­schen Bischö­fe, den „syn­oda­len Weg“ nüt­zen und eine „deut­sche Syn­ode“ abhal­ten zu wol­len, der dar­auf fol­gen­de Schlag­ab­tausch zwi­schen Kar­di­nal Ouel­let, Prä­fekt der Bischofs­kon­gre­ga­ti­on, und Kar­di­nal Marx und die Gerüch­te über deut­sche Schis­ma-Dro­hun­gen, las­sen ande­res ver­mu­ten.

Papst Fran­zis­kus sag­te auf dem Rück­flug von Mau­ri­ti­us, ange­spro­chen auf eine zuneh­men­de Gereizt­heit kon­ser­va­ti­ver Krei­se in den USA, daß er kein Schis­ma wol­le, aber auch kei­nes fürch­te. Da kon­ser­va­ti­ve Krei­se aber kei­ne Schis­ma-Nei­gun­gen zei­gen, ver­mu­te­ten Beob­ach­ter, Fran­zis­kus habe mehr die deut­schen Bischö­fe unter Füh­rung von Kar­di­nal Marx im Auge gehabt.

Es ist ein offe­nes Geheim­nis, daß hin­ter der Son­der­syn­ode über das so fer­ne und exo­ti­sche Ama­zo­nas­ge­biet vor allem Bischö­fe des deut­schen Sprach­rau­mes ste­hen. Die damit ver­knüpf­ten Inter­es­sen sind viel­fäl­tig. Sie rei­chen vom „syn­oda­len Weg“ – der natio­na­le Son­der­we­ge im Sin­ne einer „Dezen­tra­li­sie­rung“ ermög­li­chen soll, wie es mit der Umset­zung von Amo­ris lae­ti­tia bereits der Fall ist (jede Bischofs­kon­fe­renz und jeder Bischof ent­schei­det, wel­che Inter­pre­ta­ti­on er umsetz­ten will) – über das Kip­pen des Zöli­bats durch Zulas­sung ver­hei­ra­te­ter Män­ner, die Zulas­sung von Frau­en zum Wei­he­sa­kra­ment bis zur „Anpas­sung“ der Moral­leh­re und öko­so­zia­len Trends.

Es ist auch unüber­hör­bar, daß den in der deut­schen Kir­che ton­an­ge­ben­den Pro­gres­si­ven das Tem­po des „neu­en Kur­ses“ zu lang­sam geht. Beklagt wird, daß Fran­zis­kus „Erwar­tun­gen geweckt“ habe, die sich aber nicht oder nicht aus­rei­chend schnell ver­wirk­li­chen. In der Tat haben jene Krei­se, die hin­ter der Wahl von Fran­zis­kus zum Papst ste­hen, allen vor­an die Kar­di­nä­le Kas­per und Leh­mann, eine Erwar­tungs­spi­ra­le mit einer Eigen­dy­na­mik in Bewe­gung gesetzt.

Vor weni­gen Tagen rich­te­te nach Kar­di­nal Ouel­let auch Anto­nio Kar­di­nal Cañi­za­res, der Erz­bi­schof von Valen­cia und ehe­ma­li­ge Prä­fekt der römi­schen Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on, eine Mah­nung an die deut­schen Bischö­fe.

Was Papst Fran­zis­kus und Kar­di­nal Marx heu­te bespro­chen haben, wur­de nicht bekannt­ge­ge­ben. Es darf aber ange­nom­men wer­den, daß die jüng­sten Ent­wick­lun­gen an ober­ster Stel­le stan­den.

Die Erwäh­nung von Marx als Koor­di­na­tor des Wirt­schafts­ra­tes des Hei­li­gen Stuhls läßt eine Ver­quickung anklin­gen, die nicht nur in Rom, son­dern auch unter deut­schen Katho­li­ken mit gemisch­ten Gefüh­len gese­hen wird.

Geld öff­net vie­le Türen, manch­mal auch in der Kir­che. Die Kir­che in Deutsch­land ist sehr reich, wäh­rend den Hei­li­gen Stuhl eini­ge Finanz­sor­gen pla­gen, wie jüngst beklagt wur­de.

Das Geld der deut­schen Kir­che hat bereits viel Gutes bewirkt, aller­dings auch man­chen Scha­den ange­rich­tet, etwa in Bra­si­li­en, dem Schwer­ge­wicht bei der bevor­ste­hen­den Ama­zo­nas­syn­ode.

Die Sor­ge über einen even­tu­el­len Han­del geht um. Allein schon, daß es sol­che Stim­men gibt, zeigt an, wie ange­spannt die Stim­mung der­zeit ist – nicht nur in Rom. Noch schwer­wie­gen­der ist, daß immer häu­fi­ger von Gläu­bi­gen die Mei­nung zu hören ist, der Grund für das Schla­mas­sel im deut­schen Sprach­raum sei, weil man­che Bischö­fe „nicht mehr glau­ben“.

Bei allen kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten soll­ten Alarm­si­re­nen heu­len.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: jesus.ch (Screen­shot)

1 Kommentar

  1. Mit „Wirt­schaft“ kann man das der­zei­ti­ge Tak­tie­ren und Aus­lo­ten des Mög­li­chen beim Abbau des Glau­bens sehr gut bezeich­nen.

    Das ist sym­to­ma­tisch für die­se gesam­te Kir­che. Man ver­han­delt Glau­bens­fra­gen. Und man han­delt mit dem Glau­ben.

    Es täte die­ser Kir­che gut, ins­be­son­de­re aber dem Papst, in eine inne­re Klau­sur zu gehen und die Medi­en zu weit­ge­hend zu mei­den.

    Die Über­schrift zum Arti­kel ist gut gewählt. Sie zeigt, dass Gesag­tes und Gemein­tes in die­ser Kir­che nicht mehr deckungs­gleich sind und man durch­aus von Heim­tücke und Täu­schung der Gewis­sen reden kann. Denn man drükt über die Spra­che aus, dass man nicht genau weiß, wie­viel des Gif­tes man in die Gewis­sen der Gläu­bi­gen ein­fil­tern kann, ohne einen Skan­dal zu erzeu­gen.

    Auch in der Kir­che geht es nur­mehr um einen Kampf gegen Recht(s) und Ord­nung.

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