Die Amazonassynode ist „nicht politisch“, greift aber Staatspräsident Bolsonaro an

Zwiespältige Agenda

Der Vatikan und Brasiliens Bischöfe erklären, die Amazonassynode sei völlig unpolitisch, doch REPAM sagt anderes.
Der Vatikan und Brasiliens Bischöfe erklären, die Amazonassynode sei völlig unpolitisch, doch REPAM sagt anderes.

(Bra­si­lia) Als der bra­si­lia­ni­sche Geheim­dienst vor einer poli­ti­schen Instru­men­ta­li­sie­rung der Ama­zo­nas­syn­ode warn­te und Staats­prä­si­dent Jair Bol­so­na­ro die War­nung auf­griff, ging ein Sturm der Empö­rung durch die Rei­hen der bra­si­lia­ni­schen Syn­oden-Macher. Wenn die Ama­zo­nas­syn­ode aber kei­ne poli­ti­sche Agen­da hat, war­um grei­fen die Orga­ni­sa­to­ren bereits im Vor­feld den neu­en bra­si­lia­ni­schen Staats- und Regie­rungs­chef Jair Bol­so­na­ro an?

Im ver­gan­ge­nen Febru­ar warn­te der bra­si­lia­ni­schen Geheim­dienst ABIN, daß die für kom­men­den Okto­ber ein­be­ru­fe­ne Ama­zo­nas­syn­ode von einem „pro­gres­si­ven Kle­rus“ miß­braucht wer­den könn­te, um die neue bra­si­lia­ni­sche Regie­rung anzu­grei­fen, die seit 1. Janu­ar im Amt ist.

Die bra­si­lia­ni­schen Bischö­fe zeig­ten sich empört dar­über und ver­öf­fent­lich­ten eine Klar­stel­lung, in der sie beton­ten, daß es sich bei der Ama­zo­nas­syn­ode um „ein Ereig­nis der Kir­che für die Kir­che“ hand­le.

Das­sel­be erklär­te Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin Anfang Juli. Die Ama­zo­nas­syn­ode habe kei­nen poli­ti­schen Cha­rak­ter, son­dern sei aus­schließ­lich „kirch­lich und pasto­ral“.

War­um greift das mit der Orga­ni­sa­ti­on der Ama­zo­nas­syn­ode beauf­trag­te Kir­chen­netz­werk REPAM dann Staats­prä­si­dent Bol­so­na­ro offen an?

Die Red Ecle­si­al Pana­ma­zo­ni­ca (REPAM) wur­de 2014 eigens für die Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung der Ama­zo­nas­syn­ode gegrün­det, wenn­gleich das erst im Herbst 2017 zuge­ge­ben wur­de. In die­sem Netz­werk, das von bra­si­lia­ni­schen Kir­chen­krei­sen kon­trol­liert wird, haben sich sehr pro­gres­si­ve Krei­se orga­ni­siert. Das behaup­tet nicht nur der bra­si­lia­ni­sche Geheim­dienst. Das wird auch von kirch­li­chen Beob­ach­tern bestä­tigt. Dafür ste­hen allein schon die bei­den Köp­fe von REPAM, Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes und der eme­ri­tier­te, öster­rei­chi­sche Mis­si­ons­bi­schof Erwin Kräut­ler.

Die Zeit­schrift Vida Nue­va ver­öf­fent­lich­te am Sams­tag einen Arti­kel, in dem Rober­to Mal­ve­z­zi als REPAM-Ver­tre­ter Bra­si­li­ens zu Wort kommt und einen Fron­tal­an­griff gegen Staats­prä­si­dent Jair Bol­so­na­ro for­mu­liert. Bereits die Schlag­zei­le ist ein­deu­tig:

„Die Ankla­ge von REPAM: ‚Bol­so­na­ro sind der Ama­zo­nas und sei­ne Völ­ker egal‘.“

Im sel­ben Ton­fall geht es wei­ter:

„Bol­so­na­ros Ver­hält­nis zum Ama­zo­nas ist extrem zwie­späl­tig. Er sag­te, daß er die Ver­ei­nig­ten Staa­ten rufen wird, um den Ama­zo­nas mit Bra­si­li­en zu regie­ren.“

Mal­ve­z­zi wört­lich:

„Was Bol­so­na­ro will, ist, alle Geset­ze zum Schutz der indi­ge­nen Völ­ker und der Umwelt zu bre­chen, um damit Unter­neh­men, ins­be­son­de­re Berg­bau­un­ter­neh­men und sol­chen, die Teil des Agrar-Busi­neß sind, frei­en Zugang zu Soja­boh­nen zu ver­schaf­fen. Vieh und Holz. Das ist sei­ne Visi­on vom Ama­zo­nas. Er ist wirk­lich ein Mann, dem der Ama­zo­nas und sein Volk egal sind. “

Der poli­ti­sche Tenor des REPAM-Ver­tre­ters zieht sich durch den gan­zen Arti­kel durch. Zur Infor­ma­ti­on: Bol­so­na­ros Vize-Prä­si­dent ist erst­mals ein Ver­tre­ter des Ama­zo­nas und Indio-Abstam­mung.

Bol­so­na­ro ist den­noch der gro­ße Feind, was der Sicht­wei­se der poli­ti­schen Lin­ken des Lan­des ent­spricht, die es ihm nicht ver­zeiht, sie bei demo­kra­ti­schen Wah­len besiegt und von den Schalt­he­beln der Macht ver­drängt zu haben. Kir­chen­krei­se, die der Befrei­ungs­theo­lo­gie anhän­gen, ste­hen in Bra­si­li­en seit Jahr­zehn­ten in den Rei­hen der poli­ti­schen Lin­ken an vor­der­ster Linie. Selbst Papst Fran­zis­kus betei­lig­te sich an Angrif­fen gegen Bol­so­na­ro, aller­dings ohne ihn nament­lich zu erwäh­nen. Vor den Prä­si­dent­schafts­wah­len 2018 kri­ti­sier­te Fran­zis­kus die straf­recht­li­che Ver­fol­gung lin­ker Poli­ti­ker wegen Kor­rup­ti­on als „Staats­streich mit wei­ßen Hand­schu­hen“. Trotz die­ser unver­hoh­le­nen Ein­mi­schung in die Wah­len des Lan­des, mit der sich das Kir­chen­ober­haupt zum pro­mi­nen­te­sten Für­spre­cher der poli­ti­schen Lin­ken mach­te, folg­te ihm die Mehr­heit der Wäh­ler nicht. Über­haupt war  Papst Fran­zis­kus bis­her bei sei­nen zahl­rei­chen ähn­li­chen „Wahl­emp­feh­lun­gen“ für Links­kan­di­da­ten in ver­schie­de­nen Staa­ten Euro­pas und Ame­ri­kas wenig erfolg­reich, sicher­te sich damit aber das zwei­fel­haf­te Image eines poli­ti­schen Pap­stes.

Aus dem Arti­kel geht nicht aus­drück­lich her­vor, ob es sich um per­sön­li­che Ansich­ten von Mal­ve­z­zi oder offi­zi­el­le Posi­tio­nen von REPAM han­delt. Da REPAM stän­dig erwähnt wird, muß letz­te­res ange­nom­men wer­den.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vida Nue­va (Screen­shot)