Papst Franziskus wird 80 — Die Möglichkeit einer Abdankung

Papst Franziskus wird 80. Hält er die Möglichkeit bereit, frühzeitig abzudanken?
Papst Franziskus wird 80. Hält er die Möglichkeit bereit, frühzeitig abzudanken?

von Rober­to de Mattei*

Papst Fran­zis­kus über­schrei­tet die Schwel­le von 80 Jah­ren: Ingrave­scen­tem aetatem (fort­ge­schrit­te­nes Alter), wie es im Motu pro­prio vom 21. Novem­ber 1970 von Paul VI. heißt, das mit Errei­chung die­ses Alters von allen Kar­di­nä­len ver­langt, ihre Auf­ga­ben nie­der­zu­le­gen, und sie auch des Rech­tes beraubt, am Kon­kla­ve teil­zu­neh­men. Paul VI. leg­te die­se Regel fest, um eine neue „Mon­ti­ni­sche“ Kurie zu schaf­fen. Er führ­te damit jedoch einen grund­le­gen­den Wider­spruch in die mehr als tau­send­jäh­ri­ge Pra­xis der Kir­che ein.

Wenn das fort­ge­schrit­te­ne Alter ein Hin­der­nis für die Lei­tung einer Diö­ze­se oder eines Dikaste­ri­ums ist, und sogar einen Kar­di­nal dar­an hin­dert, einen Papst zu wäh­len, wie soll man sich dann vor­stel­len kön­nen, daß ein zum Papst gewor­de­ner Kar­di­nal auch nach Voll­endung des 80. Lebens­jah­res die gan­ze Last tra­gen kann, die Welt­kir­che zu lei­ten?

Es waren aller­dings nicht sol­che Über­le­gun­gen, die Papst Fran­zis­kus am 12. März 2015  zu den Wor­ten dräng­ten:

„Ich habe das Gefühl, daß mein Pon­ti­fi­kat kurz sein wird, 4, 5 Jah­re. Viel­leicht ist es nicht so, aber ich habe das Gefühl, daß der Herr mich für eine kur­ze Sache ein­ge­setzt hat. Aber es ist ein Gefühl, des­halb las­se ich alle Mög­lich­kei­ten offen.“

Der wah­re Grund für eine mög­li­che Abdan­kung scheint nicht ein Rück­gang der Kräf­te zu sein, son­dern das Bewußt­sein von Papst Ber­go­glio, kei­ne zwei Jah­re nach sei­ner Wahl, in das vor­ge­drun­gen zu sein, was Anto­nio Soc­ci am 20. Novem­ber 2016 in der Tages­zei­tung Libe­ro den uner­bitt­li­chen „Unter­gang eines Pon­ti­fi­kats“ nann­te.

Das Pro­jekt von Papst Fran­zis­kus, die Kir­che mit Hil­fe der Bischofs­syn­ode und will­fäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter zu „refor­mie­ren“, sitzt fest, und die Bilanz des Hei­li­gen Jah­res ist mehr als ent­täu­schend. Am 21. Novem­ber 2016 schrieb Mar­co Poli­ti in der Tages­zei­tung Il Fat­to quo­ti­dia­no:

„Papst Fran­zis­kus hat die Hei­li­ge Pfor­te geschlos­sen, aber sei­ne Bot­schaft wird beglei­tet vom Grol­len einer unter­ir­disch schwe­len­den Kri­se. In der Kir­che ist ein Bür­ger­krieg im Gan­ge.“

Der Kon­flikt wur­de, ob bewußt oder unbe­wußt, von Papst Fran­zis­kus selbst los­ge­tre­ten, vor allem nach dem Apo­sto­li­schen Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia. Die Kir­che rückt heu­te nicht mehr vor, son­dern ver­sinkt in einem Ter­rain, das von tie­fen Spal­ten zer­klüf­tet ist.

Das Schei­tern des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus wur­de bereits mit jenem von Barack Hus­sein Oba­ma ver­gli­chen. In drei Jah­ren ist in Rom gesche­hen, was sich in Washing­ton in acht Jah­ren voll­zo­gen hat: Der Über­gang von einer Anfangs­eu­pho­rie zu einer End­de­pres­si­on, weil die gesteck­ten Zie­le völ­lig ver­fehlt wur­den. Es wäre aber ver­fehlt, das Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus nur unter poli­ti­schen Gesichts­punk­ten zu lesen. Papst Fran­zis­kus hät­te nie Oba­mas „Yes, we can“ aus­spre­chen kön­nen.

Für einen Papst ist, im Gegen­satz zu einem Poli­ti­ker, nicht alles mög­lich. Der Papst hat eine ober­ste, vol­le, unmit­tel­ba­re und uni­ver­sa­le Voll­macht, kann aber weder das Gött­li­che Gesetz ändern, das Jesus Chri­stus der Kir­che gege­ben hat, noch das Natur­recht ändern, das Gott in das Herz eines jeden Men­schen ein­ge­prägt hat. Er ist der Stell­ver­tre­ter Chri­sti, aber nicht sein Nach­fol­ger. Der Papst kann weder die Hei­li­ge Schrift noch die Tra­di­ti­on ändern, die die weit zurück­lie­gen­de Regel des Glau­bens der Kir­che bil­den, son­dern muß sich ihnen unter­wer­fen.

Das ist die Sack­gas­se, in der sich Papst Ber­go­glio heu­te befin­det. Die Dubia, die von vier Kar­di­nä­len (Brand­mül­ler, Bur­ke, Caf­farra und Meis­ner) bei der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on hin­ter­legt wur­den, haben ihn auf ein totes Geleis gedrängt. Die Pur­pur­trä­ger erwar­ten vom Papst, zum Apo­sto­li­schen Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia klar und deut­lich mit einem Ja oder einem Nein auf fol­gen­de Fra­gen zu ant­wor­ten:

Dür­fen Geschie­de­nen, die stan­des­amt­lich noch ein­mal gehei­ra­tet haben und ihre objek­tiv sünd­haf­te Situa­ti­on, in der sie sich befin­den, nicht auf­ge­ben wol­len, recht­mä­ßig das Sakra­ment der Eucha­ri­stie emp­fan­gen? Und gene­rel­ler: Haben das Gött­li­che Gesetz und das Natur­recht noch abso­lu­te Gül­tig­keit, oder dul­den sie in eini­gen Fäl­len Aus­nah­men?

Die Ant­wort betrifft die Fun­da­men­te der Moral und des katho­li­schen Glau­bens. Wenn das, was gestern gül­tig war, es heu­te nicht mehr ist, dann könn­te das, was heu­te Gül­tig­keit hat, mor­gen kei­ne mehr haben. Wenn es aber gilt, daß die Moral sich je nach Zeit und Umstän­den ändern kann, ist die Kir­che dazu bestimmt, im Rela­ti­vis­mus der heu­ti­gen flu­iden Gesell­schaft unter­zu­ge­hen. Wenn dem nicht so ist, muß Kar­di­nal Val­li­ni sei­nes Amtes ent­ho­ben wer­den, der in sei­ner Rede auf der Pasto­ral­ta­gung der Diö­ze­se Rom am ver­gan­ge­nen 19. Sep­tem­ber erklär­te, daß wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne zur Kom­mu­ni­on zuge­las­sen wer­den kön­nen gemäß einer „Beur­tei­lung, die ange­mes­sen Fall für Fall unter­schei­det“. Sei­ne Posi­ti­on mach­te sich am 2. Dezem­ber die Tages­zei­tung Avve­ni­re, ein Medi­en­or­gan der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz zu eigen, laut der Amo­ris lae­ti­tia „sehr kla­re Wor­te“ ent­hält, „unter die der Papst sein Impri­matur gesetzt hat“.

Kann der Papst aber dem „Urteils­ver­mö­gen“ der Hir­ten die Befug­nis über­tra­gen, das Gesetz Got­tes und das Natur­recht zu über­tre­ten, deren Bewah­rer die Kir­che ist? Wenn ein Papst ver­sucht, den Glau­ben der Kir­che zu ändern, ver­zich­tet er expli­zit oder impli­zit auf sein Man­dat als Stell­ver­tre­ter Chri­sti, und frü­her oder spä­ter wird er gezwun­gen sein, auf sein Pon­ti­fi­kat zu ver­zich­ten. Die Mög­lich­keit eines sol­chen Knall­ef­fekts ist 2017 nicht aus­zu­schlie­ßen. Die selbst gewähl­te Abdan­kung wür­de es Papst Fran­zis­kus erlau­ben, das Feld als unver­stan­de­ner Refor­mer zu ver­las­sen und der „Stren­ge“ der Kurie die Ver­ant­wor­tung für sein Schei­tern zuzu­schrei­ben. Wenn es dazu kom­men soll­te, wird es wahr­schein­li­cher nach dem näch­sten Kon­si­sto­ri­um gesche­hen, das es Papst Fran­zis­kus erlaubt, dem Hei­li­gen Kol­le­gi­um noch ein­mal eine neue Grup­pe von ihm nahe­ste­hen­den Kar­di­nä­len ein­zu­pflan­zen, und damit die Wahl sei­nes Nach­fol­gers zu beein­flus­sen. Die ande­re Mög­lich­keit ist die der brü­der­li­chen Zurecht­wei­sung durch die Kar­di­nä­le, die – sobald sie öffent­lich bekannt gemacht wird – einer Fest­stel­lung von Irr­tü­mern und Häre­si­en gleich­kä­me.

Nichts ist jeden­falls fal­scher als der Satz von Kar­di­nal Hum­mes in Anspie­lung auf die Gesamt­zahl der Kar­di­nä­le: „Das sind nur vier, wir sind 200“. Abge­se­hen davon, daß man die Treue zum Evan­ge­li­um nicht in Zah­len mißt, haben die 200 Kar­di­nä­le, um genau zu sein 227, auf die sich Hum­mes bezo­gen hat, sich nie von ihren vier Mit­brü­dern distan­ziert. Wenn schon haben sie sich durch ihr Schwei­gen von Papst Fran­zis­kus distan­ziert. Die ersten Erklä­run­gen zur Unter­stüt­zung der Dubia von Kar­di­nal Paul Josef Cor­des, eme­ri­tier­ter Vor­sit­zen­der des Päpst­li­chen Rates Cor Unum, und des Kar­di­nals Geor­ge Pell, Prä­fekt des Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­ats, sind aus­sa­ge­kräf­tig. Eini­ge begin­nen ihr Schwei­gen zu bre­chen. Es sind nicht 200, aber mit Sicher­heit mehr als vier.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt erschie­nen: Vica­rio di Cri­sto. Il pri­mato di Pie­tro tra nor­ma­li­tà  ed ecce­zio­ne (Stell­ver­tre­ter Chri­sti. Der Pri­mat des Petrus zwi­schen Nor­ma­li­tät und Aus­nah­me), Vero­na 2013; in deut­scher Über­set­zung zuletzt: Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, Rup­pich­teroth 2011.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL (Screen­shot)

3 Kommentare

  1. Der Arti­kel bringt es auf den Punkt: Das dröh­nen­de Schwei­gen so vie­ler Kar­di­nä­le, die dem jet­zi­gen Papst eben nicht bei­pflich­ten, ist viel aus­sa­ge­kräf­ti­ger als die will­fäh­ri­ge Schmei­che­lei eini­ger weni­ger.

    Mich wür­de es nicht wun­dern, wenn Fran­zis­kus von sei­nem Amt zurück­tre­ten wür­de. Denn er ist offen­sicht­lich von all­ge­mei­ner Zustim­mung, von der Auf­merk­sam­keit der Welt abhän­gig. Sei­ne „erfri­schend neue“ Art der Amts­füh­rung erscheint vie­len aber mitt­ler­wei­le bil­lig, das Inter­es­se an sei­ner Per­son beginnt zu schwin­den. Johan­nes Paul und Bene­dikt konn­ten sich zumin­dest der Ach­tung der Welt gewiss sein. Auch ihre Geg­ner konn­ten den Mut die­ser Päp­ste aner­ken­nen, den Glau­ben ihrer Kir­che auch gegen Mehr­heits­mei­nun­gen zu ver­kün­den. Die­se Päp­ste konn­ten die Angrif­fe der Welt ertra­gen, weil sie sich ihrem Gewis­sen ver­pflich­tet fühl­ten. — Was aber soll der die Angrif­fe sei­ner Geg­ner ertra­gen, der sein Selbst­wert­ge­fühl nicht aus Gott, nicht aus sei­nem Glau­ben bezieht. Wer auf den Zeit­geist baut, der hat auf Sand gebaut — und das gilt auch für hohe Wür­den­trä­ger der Kir­che, auch für ihren höch­sten Wür­den­trä­ger.

  2. Das steht im Tage­buch der Schwe­ster Fausti­na am 17.12.1936:

    Den heu­ti­gen Tag habe ich für die Prie­ster auf­ge­op­fert. An die­sem Tag habe ich mehr als zu irgend­ei­ner Zeit lei­den müs­sen, inner­lich und äußer­lich. Ich wuss­te nicht, dass man an einem ein­zi­gen Tag so viel (211) lei­den kann. Ich bemüh­te mich, die hei­li­ge Stun­de abzu­hal­ten, in wel­cher mein Geist die Bit­ter­keit des Ölber­ges koste­te. Ich kämpf­te ganz allein, von Sei­nem Arm gestützt, gegen alle Schwie­rig­kei­ten, die wie undurch­dring­li­che Mau­ern vor mir wach­sen; den­noch ver­traue ich auf die Macht Sei­nes Namens, und ich fürch­te nichts.

  3. „Das Pro­jekt von Papst Fran­zis­kus, die Kir­che mit Hil­fe der Bischofs­syn­ode und will­fäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter zu „refor­mie­ren“, sitzt fest, und die Bilanz des Hei­li­gen Jah­res ist mehr als ent­täu­schend.“
    Ich habe schon immer gesagt das der Kon­zils­geist ein unzu­ver­läs­si­ger Lump ist. Er zer­streut statt zu einen. Und selbst die unzäh­li­gen best­ge­mein­ten Auf­brü­che pro­du­zie­ren nur Löcher wo wir rein­fal­len und müh­se­lig wie­der her­aus­krab­beln müs­sen. Es ist eine elen­de Zeit.
    Per Mari­am ad Chri­stum.

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