Will Papst Franziskus eine geistige Sonnenfinsternis in der Kirche provozieren?

Kritik von Bischof Athanasius Schneider am Instrumentum laboris der Amazonassynode

Bischof Athanasius Schneider fragt Bischof Kräutler (und Papst Franziskus), ob er statt der römisch-katholischen Kirche eine amazonisch-katholische Sekte will.
Bischof Athanasius Schneider fragt Bischof Kräutler (und Papst Franziskus), ob er statt der römisch-katholischen Kirche eine amazonisch-katholische Sekte will.

„Der Nach­fol­ger Petri, der Papst, hat eine ihm von Gott streng auf­ge­tra­ge­ne Pflicht als Inha­ber der Kathe­dra der Wahr­heit (cathe­dra veri­ta­tis), die Wahr­heit des katho­li­schen Glau­bens, der gött­li­chen Ver­fas­sung der Kir­che, der von Chri­stus gestif­te­ten Ord­nung der Sakra­men­te und des apo­sto­li­schen Erb­gu­tes prie­ster­li­cher Ehe­lo­sig­keit in ihrer Rein­heit und Unver­sehrt­heit zu bewah­ren und an sei­nen Nach­fol­ger und die näch­ste Genera­ti­on wei­ter­zu­ge­ben.

Er darf die offen­kun­dig gno­stisch und natu­ra­li­stisch gepräg­ten Inhal­te eini­ger Tei­le des Instru­men­tum labo­ris sowie die Abschaf­fung der apo­sto­li­schen Pflicht der prie­ster­li­chen Ehe­lo­sig­keit (die zunächst regio­nal ist und dann natur­ge­mäß schritt­wei­se uni­ver­sal wird) durch sein Schwei­gen oder durch ein zwei­deu­ti­ges Ver­hal­ten nicht im gering­sten unter­stüt­zen.

Selbst wenn der Papst das in der kom­men­den Ama­zo­nas­syn­ode tun wür­de, dann wür­de er sei­ne Pflicht als Nach­fol­ger Petri und Stell­ver­tre­ter Chri­sti schwer ver­let­zen und kurz­zei­tig eine gei­sti­ge Son­nen­fin­ster­nis in der Kir­che ver­ur­sa­chen.

Aber die­se kur­ze Eklip­se wird Chri­stus, die unbe­sieg­ba­re Son­ne der Wahr­heit, wie­der erhel­len, in dem Er Sei­ner Kir­che erneut hei­li­ge, muti­ge und treue Päp­ste schen­ken wird, denn die Pfor­ten der Höl­le kön­nen den Fel­sen Petri nicht über­wäl­ti­gen (vgl. Mt. 16, 18) und das Gebet Chri­sti für Petrus und sei­ne Nach­fol­ger ist unfehl­bar, dass sie näm­lich nach ihrer Bekeh­rung, die Brü­der im Glau­ben wie­der stär­ken wer­den (vgl. Lk. 22, 32).“

Aus­zug aus dem Kom­men­tar von Msgr. Atha­na­si­us Schnei­der, Weih­bi­schof von Asta­na, zu Aus­sa­gen des eme­ri­tier­ten Mis­si­ons­bi­schofs Erwin Kräut­ler und zum Instru­men­tum Labo­ris der bevor­ste­hen­den Ama­zo­nas­syn­ode. Das Arbeits­pa­pier, das mit Bil­li­gung von Papst Fran­zis­kus Grund­la­ge der Syn­oden­ar­beit sein wird, machen katho­li­sche Kri­ti­ker den Vor­wurf eine pan­the­istisch und rela­ti­vi­sti­sche Öko­be­frei­ungs­theo­lo­gie zu ver­tre­ten und durch die beab­sich­tig­te Zulas­sung ver­hei­ra­te­ter Prie­ster durch Auf­he­bung der prie­ster­li­chen Zöli­bats­ver­pflich­tung, ein Atten­tat auf das Wei­he­sa­kra­ment zu beab­sich­ti­gen. Der Öster­rei­cher Kräut­ler nimmt seit 2014 eine zen­tra­le Rol­le bei den Vor­be­rei­tun­gen der Ama­zo­nas­syn­ode ein. Bischof Schnei­der stellt Bischof Kräut­ler (letzt­lich aber Papst Fran­zis­kus) die Fra­ge, ob er statt der von Jesus Chri­stus gestif­te­ten römisch-katho­li­schen Kir­che eine ama­zo­ni­sche Sek­te wol­le. Sei­nen Kom­men­tar von Bischof Schnei­der ver­öf­fent­lich­te er am 17. Juli 2019 bei Kath.net.

Bild: MiL

10 Kommentare

  1. Ver­hei­ra­te­te Prie­ster gab es in den früh­christ­li­chen Gemein­den, und noch heu­te gibt es sie in vie­len Kir­chen, u.a. in der ortho­do­xen Ost-Kir­che. Ich sehe es als Affront gegen all die­se Chri­sten an, ver­hei­ra­te­te Prie­ster als min­der­wer­ti­ge Chri­sten zu betrach­ten. Weder Pau­lus noch Petrus haben den Zöli­bath für Prie­ster erfun­den oder ihn dog­ma­tisch ange­ord­net, ja, Petrus selbst war ver­hei­ra­tet. Was aller­dings die poli­ti­sche Ein­mi­schung des Pap­stes in welt­li­che Din­ge angeht, bin ich zu hun­dert Pro­zent auf Sei­ten des Bischofs! Der Papst soll­te sich um die Bot­schaft Jesu und die Ver­brei­tung des Evan­ge­li­ums und ganz beson­ders um die ver­folg­ten christ­li­chen Gemein­den in aller Welt küm­mern, wie es die Apo­stel uns vor­mach­ten. Wenn er all dies täte, wür­de er damit bereits vie­le Flucht­ur­sa­chen bekämp­fen und könn­te den Men­schen die Bewah­rung der Schöp­fung dann eben­falls glaub­haft ans Herz legen.

    • Sehr geehr­te Frau Wer­ner,

      viel­leicht hel­fen Ihnen die fol­gen­den moral­theo­lo­gi­schen Dar­stel­lun­gen um den gott­ge­woll­ten Zöli­bat zu ver­ste­hen.

      „Der Prie­ster soll in sei­nem Leben als Opfern­der und als Geop­fer­ter Chri­stus, den Hohen­prie­ster und das Opfelamm, dar­stel­len. Sein Umgang mit dem eucha­ri­sti­schen Hei­land soll sich in einem ‚himm­li­schen‘ Leben spie­geln. Sei­ne gan­ze Lie­be soll nächst Chri­stus und in Chri­stus den Seel­sorgs­be­foh­le­nen gehö­ren. Er soll der geist­li­che Vater der Gläu­bi­gen sein, ohne durch die Sor­ge für eine Fami­lie geteilt oder abge­lenkt zu sein. … An zwei­ter Stel­le emp­feh­len auch prak­ti­sche, seel­sorg­li­che Grün­de den Zöli­bat: Er hilft mit, dem katho­li­schen Prie­ster das ein­zig­ar­ti­ge Ver­trau­en zu bewah­ren, das er in Seel­sor­ge und Beicht­stuhl genießt. … Er ver­leiht dem Kle­rus und damit der Gesamt­kir­che eine grö­ße­re Unab­hän­gig­keit und Frei­heit gegen­über dem Zwang der welt­li­chen Gewalt.“ Das Gesetz Chri­sti. Moral­theo­lo­gie dar­ge­stellt für Prie­ster und Lai­en von Bern­hard Häring.

      Die Ehe­lo­sig­keit als Lebens­form des Kle­rus wird begrün­det:
      1. im Bei­spiel Jesu und des Apo­stels Pau­lus („Ich woll­te, alle Men­schen wären wie ich“ 1. Kor 7,6).
      2. In der Leh­re vom Basi­leia-Geschlechts­ver­zicht (Mt 19,10–12).
      3. Psy­cho­lo­gisch-seel­sor­ger­lich in dem völ­li­gen Frei­sein für Gott und sei­ne König­herr­schaft.

      Begriff der Basi­lei-Vir­gi­ni­tas: Die Eigen­heit einer natür­li­chen Schau der Jung­fräu­lich­keit ist das „Ver­schnitt­sein um der Basi­leia wil­len“ (Mt. 19,12). Jesus stellt ein Ide­al auf, das nicht für alle und nicht für vie­le bestimmt ist. Die mei­sten Men­schen drän­gen zur Ehe. Nur wer sich dazu beru­fen glaubt und die sitt­li­che Kraft auf­brin­gen will, die­se Idea­le über­durch­schnitt­li­che Lei­stung auf Heils­an­trieb zu voll­brin­gen, der soll die Ehe­lo­sig­keit ergrei­fen. Dazu gehört beson­de­re Beru­fung. Mt 19,11: „Nicht alle fas­sen die­ses Wort, son­dern nur die, denen es gege­ben ist.“ Mt 19,12c: „Wer es fas­sen kann, der fas­se es.“ zitiert aus Stel­zen­ber­ger — Lehr­buch der Moral­theo­lo­gie.

    • Ein zöli­ba­tä­rer Prie­ster ist rea­li­stisch, er will dem Herrn ganz die­nen und weiß, dass er kei­ner­lei Zeit für Frau und Kin­der hat. Ihm fehlt Gott sei Dank die heu­ti­ge Sex­sucht unse­rer total sexua­li­sier­ten Gesell­schaft, er will kei­ne Frau des­we­gen in ein Nischen­da­sein drän­gen. Ein zöli­ba­tä­rer Prie­ster hat Hoch­ach­tung vor den Frau­en.
      Und, wer­te Frau Wer­ner, was machen denn alle Ver­hei­ra­te­ten in der himm­li­schen Ewig­keit? Dort leben alle zöli­ba­tär, die Lie­be zu Gott erfüllt sie ganz. Wun­der­schön, wer dies mit der Hil­fe Got­tes schon auf Erden gewählt hat. Auch wer ver­hei­ra­tet war, ist nicht mehr ver­hei­ra­tet.

  2. Es rächt sich immer mehr, das so vie­le Gute und tra­di­ti­ons­treue Prie­ster still­schwei­gend das Kon­zil mit sei­nen Häre­si­en gedul­det haben.
    Spä­te­stens bei dem Assi­si-Gräu­el hät­te der Auf­schrei kom­men MÜSSEN, spä­te­stens ! !
    Aber man hat geschwie­gen, dar­über weg­ge­se­hen, igno­riert !
    Eine Kata­stro­phe, denn der Fall des Zöli­bats, die Homo­ehe und die Prie­ster­wei­he für Frau­en, ist nur noch ein ganz klei­ner Schritt für die Moder­ni­sten.
    Solan­ge kei­ner wider­spricht (nicht ein­mal die FSSP oder ande­re Treue), geht der Abbruch flei­ßig wei­ter und ganz ehr­lich, bei soviel Lau­heit im Kle­rus, kann man sich das doch nur wün­schen.
    Je bru­ta­ler der Zusam­men­bruch, umso bes­ser geht nach­her der Auf­bau aus den Trüm­mern.
    Chri­stus weiß genau was er zulas­sen kann und was nicht, ver­trau­en wir auf ihn!

  3. An Frau Moni­ka Wer­ner:

    Roger Schutz, Grün­der der öku­me­ni­schen Mönchs­be­we­gung Tai­ze, äußer­te sich zu Wesen und Sinn des Zöli­bats:

    Die Keusch­heit des Zöli­bats ist allein durch Chri­stus und das Evan­ge­li­um mög-lich. Dar­an muss man die, die Frau, Kin­der, Äcker ver­las­sen haben, immer wie­der erin­nern. Wenn man das Zöli­bat nicht so sieht, ist man von vor­he­r­ein zur Bit­ter­keit, zum Ver­sa­gen und viel­leicht zur Ver­säum­nis des­sen, wofür man beru­fen ist, ver­ur­teilt: dann wird die Fül­le des christ­li­chen Lebens, die im Zöli­bat so groß ist wie in der Ehe, im Grun­de zer­stört.
    Die­se Wirk­lich­keit ist so schwer zu ver­ste­hen, dass man denen nicht bös sein kann, die nicht begrei­fen, was Chri­stus über den Zöi­bat gelehrt hat. Er sel­ber betont: „Wer es fas­sen kann, der fas­se es.“
    Es muss unter­stri­chen wer­den: Was Chrstus über Ehe und Ehe­lo­sig­keit gelehrt hat, ist heu­te wie am ersten Tag revo­lu­tio­när, und wenn man es begrei­fen will, bleibt nur die Mög­lich­keit, sich ins Kli­ma des Alten Bun­des hin­ein­zu­ver­set­zen.
    Tasäch­lich wird in Isra­el die Ehe als eine Natur­not­wen­dig­keit ver­stan­den, die von dem „seid frucht­bar und meh­ret euch“ her geprägt ist. Es ist vor allem wich­tig, Abra­ham eine Nach­kom­men­schaft zu sichern; daher der Nach­druck, der im Blick auf das Wei­ter­le­ben des Vol­kes Isra­el auf der Zeu­gung liegt. Aber wenn man die außer­or­dent­li­che Leich­tig­keit aus der Nähe besieht, mit der die Ehe­schei­dung sich voll­zieht – genügt doch ein Schei­de­brief, um die ehe­li­chen Ban­de zu lösen – , wird man sich schnell klar, dass die Mono­ga­mie in Isra­el in Gefahr ist, eine in auf­ein­an­der­fol­gen­den mono­ga­men Ehen bestehen­de Poly­ga­mie zu sein. So erhält man das ursprüng­li­che Gebot „Du sollst nicht ehe­bre­chen“ auf­recht und beru­higt gleich­zei­tig das Gewis­sen des Men­schen.

    Da sich um des reli­giö­sen Geset­zes wil­len alle ver­hei­ra­ten müs­sen, kann man behaup­ten, dass es im Augen­blick der Ankunft Chri­sti in Isra­el kei­ne wirk­li­che ehe­li­che Beru­fung gibt, denn es gibt kei­ne Wahl aus frei­er Zustim­mung.
    Chri­stus stif­tet also eine neue Ord­nung. Von nun an steht jeder in der Kir­che vor zwei schwie­ri­gen Beru­fun­gen, die bei­de aus Ver­zicht, Ein­schrän­kung und Opfern bestehen. Die tat­säch­lich mono­ga­me Ehe, die die Schei­dung aus­schließt, ist für das Herz der gefal­le­nen Krea­tur nicht natür­li­cher als das Zöli­bat. Von nun an ist es nicht mehr nötig, dem Abra­ham um jeden Preis für Nach­kom­men zu sor­gen. Jesus selbst, wah­rer Mensch und wah­rer Gott, wählt für sich selbst das Zöli­bat um des Rei­ches Got­tes wil­len.

    Ehe und Ehe­lo­sig­keit sind bei­de christ­li­che Abso­lu­ten. Um Chri­sti wil­len wer­den bei­de zu Zei­chen des Rei­ches Got­tes, das kommt. Bei­de auf­er­le­gen gefähr­li­che Lebens­be­din­gun­gen, die man nur um Chri­sti und des Evan­ge­li­ums wil­len auf sich neh­men kann.
    Die Refor­ma­ti­on, die so sehr um die Rück­kehr zu den bibli­schen Grund­la­gen besorgt ist, kehrt im Blick auf das Zöli­bat doch recht oft zur alt­te­sta­ment­li­chen Lage zurück. Im 16. Jahr­hun­dert sah man vor allem gewis­se Miss­bräu­che des kirch­li­chen Zöli­bats und küm­mer­te sich wenig um sei­nen evan­ge­li­schen Wert. Ganz bestimmt hat das Feh­len einer Theo­lo­gie des Zöli­bats in der brei­ten Mas­se der Evan­ge­li­schen dazu geführt, dass sie die Ver­plich­tung zum christ­li­chen Zöli­bat nicht ein­ge­hen wol­len. Tat­säch­lich weh­ren sich die mei­sten gegen den Ver­zicht des Man­nes auf die Lie­be zur Frau.

    Wie soll aber die Ehe­lo­sig­keit bewäl­tigt wer­den, solan­ge man sich wei­gert, das christ­li­che Zöli­bat als einen Ruf Got­tes anzu­se­hen? Höch­stens ist man bereit, die prak­ti­sche Nütz­lich­keit des Zöli­bats anzu­er­ken­nen, und beruft sich dann auf Pau­lus. Doch ist das, was die Beru­fung zum Zöli­bat aus­macht, viel­mehr in den Zei­chen des Ansto­ßes zu sehen, das die­ses Zöli­bat in einer ver­här­te­ten Welt dar­stellt, die nicht hören kann und sicht­ba­re Zei­chen nötig hat. Im sexua­li­sier­ten Kli­ma der west­li­chen Welt stellt ein in einer glaub­wür­di­gen Rein­heit im Namen Chri­sti geleb­tes Leben eine Fra­ge von gro­ßer Trag­wei­te.
    War­um ver­zich­ten? Es han­delt sich um den Gehor­sam gegen­über einem Gebot des Evan­ge­li­ums, das nicht das der Natur ist. Des­halb zeigt sich der gan­ze Wert der Beru­fung zum Zöli­bat, wenn sie in Män­nern und Frau­en ver­kör­pert ist, die Wesen von Fleisch und Blut und manch­mal mit einer feu­ri­gen See­le begabt sind, Wesen, die oft sehr reich an mensch­li­chen Mög­lich­kei­ten und gar nicht emp­fin­dungs­arm sind. Durch die ceno­bi­ti­sche Ber­ru­fung kann die­ses Zei­chen des Ansto­ßes durch die Gegen­wart von Män­nern und Frau­en in der Fabrik, im bäu­er­li­chen Leben oder auch in geist­li­chen Krei­sen über­all auf­ge­rich­tet wer­den.
    Aber es muss hier noch ein­mal gesagt wer­den, christ­li­che Ehe und christ­li­ches Zöli­bat haben ihren Wert nur dar­in, dass sie Bemü­hung um den Gehor­sam gegen­über dem Herrn der Kir­che sind; ihr ein­zi­ges Ziel ist, ihn mehr zu lie­ben. Nie­mals wer­den sie zur Ver­ar­mung füh­ren, wenn sie aus Lie­be zu Chri­stus und dem Näch­sten ange­nom­men wer­den. Ist das nicht der Fall, dann wer­den sie sehr schnell zum Rück­fall in die Selbst­lie­be: wir lie­ben dann nicht mehr um Chri­sti wil­len, unse­re Lie­be ist weit davon ent­fernt, sich hin­zu­ge­ben, und will vor allem besit­zen und an sich rei­ßen. So kön­nen die besten Ehe­leu­te aus ihrem Haus eine Zel­le des Todes machen, weil sie alles in ihm vom natür­li­chen Glück abhän­gig machen; man kann christ­li­che Eltern beob­ach­ten, die ihre Kin­der nur zu ihrer eige­nen Befrie­di­gung lie­ben. Und gibt es nicht auch Unver­hei­ra­te­te, die nach und nach die­sen Abhang hin­ab­schlit­tern? Weil sie Angst davor haben, sich zu öff­nen, ver­wan­delt sich ihr star­kes Emp­fin­dungs­ver­mö­gen in eine intro­ver­tier­te Emp­find­lich­keit und macht sie zu Wesen, die nur noch aus Reiz­bar­keit bestehen.
    Wenn sich die Lie­be Chri­sti nicht unse­res gan­zen Wesens bemäch­tigt, wenn wir uns nicht von sei­ner Lie­be durch­glü­hen las­sen, kön­nen wir nicht hof­fen, dass sich uns die Fül­le der christ­li­chen Ehe oder des chris­li­chen Zöli­bats schenkt.
    Für alle, die in die gro­ße Mönchs­fa­mi­lie ein­ge­tre­ten sind, bedeu­tet die end­gült­ge Ver­pflich­tung zum Zöli­bat den Wil­len, Men­schen einer ein­zi­gen Lie­be zu wer­den. Die Beru­fung zum mön­chi­schen Leben – wie das schon ihr ursprüng­li­cher Sinn, die Beru­fung zur Ein­sam­keit, zeigt – bringt für den, der sie annimmt, eine gewis­se Ein­sam­keit mit Gott mit sich. Wer also aus die­ser Beru­fung her­aus lebt, speist sei­ne Lie­bes­kraft aus der ein­zi­gen Quel­le, aus Chri­stus, da er den unsicht­ba­ren Gott lie­ben soll, ohne die Men­schen, die er sieht, zu has­sen. Durch die Rein­heit des Zöli­bats strebt er danach, der Mensch einer ein­zi­gen Lie­be zu wer­den.
    Eine Fra­ge bleibt noch offen. Wie kann man sich, wenn Ehe und Zöli­bat der­ar­ti-ge Fode­run­gen stel­len, fürs Leben bin­den? Das ist unge­fähr die Fra­ge der Jün­ger. Im Blick aufs Zöli­bat wer­den wir gefragt, mit wel­chem Recht wir uns fürs Leben bin­den: heißt das nicht dem Hei­li­gen Geist die Frei­heit neh­men? Aber den­ken wir damit nicht über die Frei­heit Got­tes nach, nur um uns sei­nem Ruf zu ent­zie­hen? Als Gott nicht frei und mäch­tig genug wäre, die­sen sei­nen Ruf deut­lich zu machen! Für uns war die ein­zi­ge Ant­wort die, dass wir uns allein um der Ver­hei­ßun­gen Chri­sti wil­len ver­pflich­ten konn­ten: „Wer ver­lässt Vater oder Mut­ter oder Weib oder Kin­der …, wird’s hun­dert­fäl­tig neh­men und das Leben erer­ben.“ Wenn wir uns mit Chri­stus enga­gie­ren, dann enga­giert auch er sich sofort mit uns. Dar­in steckt eine Erfah­rungs­wahr­heit, die uns einen Ruf bestä­tig­te, den viel­leicht nur der voll und ganz ver­ste­hen wird, dem er gege­ben ist.
    Wenn der Zöli­bat eine grö­ße­re Ver­füg­bar­keit für Got­tes Sache ermög­licht, so kann man es nur anneh­men, um sich mit der Lie­be Chri­sti selbst mehr dem Näch­sten hin­zu­ge­ben.“
    Unser Zöli­bat bedeu­tet nicht, dass wir mit den Men­schen bre­chen müss­ten, de-nen wir in Zunei­gung ver­bun­den sind, und nicht, dass wir gefühls­kalt wären, son­dern es beruft uns zur Ver­wand­lung unse­rer natür­li­chen Lie­be. Chri­stus allein bewirkt die Ver­wand­lung der Lei­den­schaf­ten in eine völ­li­ge Lie­be zum Näch­sten. Wenn der Ego­is­mus der Lei­den­schaf­ten nicht von einer wach­sen­den Hin­ga­be über­trof­fen wird, wenn das Herz nicht dau­ernd erfüllt ist von einer uner­mess­li­chen Lie­be, kannst du nicht Chri­stus in dir lie­ben las­sen, und dein Zöli­bat wird dir lästig.
    Die­ses Werk Chri­sti in dir ver­langt unend­lich viel Geduld (Regel von Tai­ze).

    Die Ver­pflich­tung zur Keu­scheit ist der Ruf, eine völ­li­ge Rein­heit zu leben, und das manch­mal in gefähr­li­chen Lebens­be­din­gun­gen. Man sagt nicht zuviel, wenn man von einer hel­den­haf­ten Keusch­heit spricht, in einem Kampf, der uns mit Leib und See­le an Chri­stus bin­det.
    Die Rein­heit des Her­zens hat zum Ziel, uns Gott schau­en zu las­sen. „Selig sind, die rei­nen Her­zens sind, denn sie wer­den Gott schau­en.“ Auf die­se Ver­hei­ßung, dass man Gott schau­en wird, ihn sehr bald, ihn schon in die­sem Leben schau­en wird, muss man sich stüt­zen. Das allein wird künf­tig zäh­len. Ohne die Sehn­sucht, Chri­stus zu sehen, darf man nicht hof­fen, dass man in der Rein­heit des Her­zens und des Flei­sches fest­blei­ben wird. Ohne die­se Erwar­tung, die man in der stil­len Kon­tem­pla­ti­on der Per­son des Got­tes­sohns Chri­stus selbst in sich erhält und erneu­ert, ist kei­ne Rein­heit denk­bar, weil, wie es scheint, jeder ande­re end­gül­ti­ge und unauf­heb­ba­re Ver­zicht auf das fleisch­li­che Begeh­ren, sogar das in der Phan­ta­sie, zu einer dump­fen Auf­leh­nung füh­ren muss und weil in jedem Men­schen das Bedürf­nis nach einer völ­li­gen Inti­mi­tät lebt, das dan­anch drängt, durch die kör­per­li­che Inti­mi­tät befrie­digt zu wer­den.
    Will man in der Keusch­heit fest­blei­ben, will man auf den Ruf des Her­zens zur Ein­heit ant­wor­ten, will man fort­an glaub­wür­dig sein, so wird nur der bren­nen­de Wunsch, Chri­stus zu schau­en, fähig sein, die­sen Durst zu stil­len. Nach und nach fällt das, was ver­wor­ren und unein­ge­stan­den ist, durch die Kon­tem­pla­ti­on Chri­sti, wie er in den Evan­ge­li­en lebt, und Chri­sti, wie er im Gebet der Kir­che ver­herr­licht wird, gegen sei­nen Wil­len von uns ab.
    „Das Auge von sich wer­fen, die Hand abhau­en, die einem Ärger­nis schafft“, „sei­nen Leib hart in Zucht neh­men“ … Außer Chri­sti und des Evan­g­li­ums wegen kann man kei­ne der­ar­ti­ge Zucht auf sich neh­men. Gewiss muss man kämp­fen wie ein guter Sport­ler in der Are­na, wenn man den Preis errin­gen will; das Auge von sich wer­fen mit dem Ziel, neue Gewohn­hei­ten zu schaf­fen und einen gan­zen inne­ren Mecha­nis­mus zu beherr­schen, der es fer­tig­bringt, in der oder jener Lage das gan­ze Gefol­ge der Phan­ta­sie­bil­der in Gang zu set­zen. Und am Ende des Weges mit Chri­stus die Ruhe unse­res fleisch­li­chen Lebens in Gott zu fin­den.
    Aber man darf nie­mals ver­ges­sen, dass kein Ver­such, zur Rein­heit zu kom­men und dadurch Gott zu schau­en, ohne die Kon­tem­pla­ti­on gelin­gen kann. Ohne die­se wen­det sich die Aske­se gegen sich selbst, sie sucht, eine uner­reich­ba­re Rei­heit zu ver­wirk­li­chen, kommt dahin, dass sie die­se um ihrer selbst wil­len liebt, und hascht also nach sich selbst.
    Allein unser Blick auf Chri­stus ermög­licht die lang­sa­me Ver­wand­lung. Nach und nach wird aus unse­rer natür­li­chen Lie­be leben­di­ge Näch­sten­lie­be; die eine ist über die ande­re hin­aus­ge­wach­sen. Das Herz, das Gefühl, die Sin­ne, die Mensch­lich­keit sind dann immer noch durch­aus leben­dig, aber ein ande­rer als man selbst gestal­tet sie um.

  4. An Moni­ka Wer­ner:

    Erz­bi­schof Johan­nes Joa­chim Degen­hard an sei­ne Mit­brü­der im Jah­re 1995

    Einer der besten und inte­ger­sten Erz­bi­schö­fe des deut­schen Sprach­raums war der ver­stor­be­ne Pader­bor­ner Kar­di­nal Johan­nes Joa­chim Degen­hard. Degen­hard war mild­her­zig und gleich­zei­tig kose­quent in sei­ner Hal­tung. Per­sön­lich war er völ­lig bedürf­nis­los. Unab­läs­sig küm­mer­te er sich um das see­li­sche Befin­den sei­ner prie­ster­li­chen Mit­brü­der. Alte und kran­ke Prie­ster besuch­te er in ihrer Woh­nung. Nie unter­ließ er es, ins­be­son­de­re die noch jün­ge­ren Prie­ster auf die Ver­pflich­tung zum prie­ster­li­chen Zöli­bat hin­zu­wei­sen. Für ihn war der Zöli­bat mehr als nur ein belang­lo­ses Kir­chen­ge­bot, das jeder­zeit nach Belie­ben auf­ge­ho­ben wer­den könn­te, wie man es heu­te so leicht for­dert und was selbst von Bischö­fen zu hören ist. Wer so spricht, miss­ach­tet leicht das Wesen des Zöli­bats. Degen­hard war sehr ent­täuscht, wenn er fest­stel­len muss­te, dass gera­de jun­ge Prie­ster ihr Gelüb­de bra­chen. Hier der in mei­nen Augen sehr wert­vol­le Rund­brief:

    Lie­be Mit­brü­der,

    in den letz­ten Mona­ten haben meh­rer jün­ge­re Prie­ster im Erz­bis­tum Pader­born den prie­ster­li­chen Dienst auf­ge­ge­ben. Es sind sechs, die ich auf­grund der Tat­sa­che, dass sie die über­nom­me­ne prie­ster­li­che Lebens­form mit der Ver­pfich­tung zum Zöli­bat nicht mehr ein­ge­hal­ten haben oder nicht mehr ein­hal­ten woll­ten, ent­spre­chend den kirch­li­chen Rege­lun­gen sus­pen­diert habe.

    Schon in der Ver­gan­gen­heit ist es vor­ge­kom­men, dass Mit­brü­der um Beur­lau-bung gebe­ten haben zur ‚Klä­rung des Prie­ster­be­ru­fes‘. Zur Zeit sind es zwei Mit­brü­der, denen ich eine sol­che Beur­lau­bung gege­ben habe.

    Auch wenn die Zahl der Prie­ster, die wegen der Zöli­bats­ver­pflich­tung aus dem prie­ster­li­chen Dienst aus­schei­den, nicht nur unser Bis­tum allein betrifft und somit die Grün­de nicht allein bei uns zu suchen sind, kön­nen wir dar­über doch nicht ein­fach zur Tages­ord­nung über­ge­hen.

    Die aus dem Dienst aus­ge­schie­de­nen Mit­brü­der nen­nen unter­schied­li­che Grün­de. Es ist jedoch die Bezie­hung zu einer Frau, die meist Anlass zu ihrer Sus­pen­die­rung gege­ben hat. Die­se Bezie­hung hat die Mit­brü­der bewo­gen, ihr vor der Wei­he gege­be­nes Ver­spre­chen nicht mehr zu hal­ten, näm­lich die beim Skru­ti­ni­um vor der Wei­he mir per­sön­lich gege­be­ne Ver­si­che­rung, dass sie unge­zwun­gen und frei­wil­lig die prie­ster­li­che Lebens­wei­se auf sich neh­men wol­len, für Lebens­zeit ehe­los um des Rei­ches Got­tes wil­len, um Jesu und des Evan­ge­li­ums wil­len zu leben.

    Jeden, der jetzt aus dem Dienst aus­ge­schie­den ist, habe ich vor der Prie­ster­wei­he gefragt, ob er sich das sorg­fäl­tig über­legt habe, ob er es mit sei­nem Beicht­va­ter und mit sei­nem geist­li­chen Beglei­ter bespro­chen habe, ob er inner­lich Ja dazu sage und nicht nur aus äuße­ren Grün­den, etwa weil er sonst nicht zum Prie­ster geweiht wür­de, auch ob ich mich auf sein Ver­spre­chen ver­las­sen kön­ne.
    Alle haben die­se Fra­gen über­zeugt und für mich über­zeu­gend mit Ja beant­wor­tet. Jetzt ste­hen sie nicht mehr zu ihrem Ver­spre­chen, dass sie als Erwach­se­ne nach etwa sie­ben Jah­ren Vor­be­rei­tungs­zeit frei­wil­lig gege­ben haben.

    Wir emp­fin­den Trau­er und Schmerz dar­über, dass uns die­se Prie­ster für den Dienst in den Gemein­den feh­len wer­den. Wir wer­den den in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­den Grün­den für die Amts­auf­ga­be nach­ge­hen und mög­li­che Ver­säum­nis­se, etwa in der Aus­bil­dung, in der Prü­fung der Kan­di­da­ten oder in der Ein­füh­rung der Neu­prie­ster in ihren Dienst aus­zu­ma­chen suchen. Es geht nicht dar­um, Schwä­che und Ver­sa­gen ein­zel­ner in der Öffent­lich­keit her­aus­zu­stel­len oder ein­sei­tig die Schuld bei einer Frau zu suchen.
    Aber das genügt nicht.

    Wich­tig und not­wen­dig erscheint mir, dass wir uns als Pres­by­te­ri­um ins­ge­samt und per­sön­lich als Prie­ster immer wie­der um die Ver­tie­fung und Erneue­rung ‚unse­rer ersten Lie­be‘ (vgl. Offen­ba­rung 2,4) mühen, damit unser Lebens­zeug­nis als Prie­ster nicht ent­leert und unser Dienst frucht­bar bleibt.
    Wir dür­fen uns dabei aber kei­ner Selbst­täu­schung hin­ge­ben und müs­sen uns in aller Nüch­tern­heit bewusst blei­ben: Die Ehe­lo­sig­keit des Prie­sters ist zu kei­ner Zeit selbst­ver­ständ­lich gewe­sen.

    Sie ist ver­ständ­lich und leb­bar im Blick auf Jesus Chri­stus und in der Ver­bun­den­heit mit ihm und sei­ner Sen­dung, das heißt: Einer­seits ist Chri­stus und sein Wil­le das blei­ben­de Maß, das ‚Bild‘ des Prie­sters, ande­rer­seits ist der Prie­ster und das Prie­ster­bild nicht zeit­los; denn der Prie­ster ist ‚aus den Men­schen aus­ge­wählt und für die Men­schen ein­ge­setzt zum Dienst vor Gott‘ (Hebr 5,1). Er ist auch ‚Kind sei­ner Zeit‘, nicht unbe­rührt von der Zeit, nicht nur von der Freu­de und der Hoff­nung, der Trau­er und der Angst der Men­schen (vgl. Gau­di­um et spes, Nr. 1), son­dern auch vom Zeit­geist und sei­nen Strö­mun­gen. Dar­um gilt nicht nur der Kir­che ins­ge­samt, son­dern ins­be­son­de­re auch dem Prie­ster das mah­nen­de Wort des Apo­stels Pau­lus: „Ange­sichts des Ern­bar­mens Got­tes ermah­ne ich euch, mei­ne Brü­der, euch selbst als leben­di­ges und hei­li­ges Opfer dar­zu­brin­gen, das Gott gefällt. Das ist für euch der wah­re und ange­mes­se­ne Got­tes­dienst. Gleicht euch nicht die­ser Welt an, son­dern wan­delt euch und erneu­ert euer Den­ken, damit ihr prü­fen und erken­nen könnt, was der Wil­le Got­tes ist, was ihm gefällt, was gut und voll­kom­men ist“ (Röm 12, 1–2).

    Auch den aus dem prie­ster­li­chen Dienst aus­ge­schie­de­nen, die sich noch ein­mal zu einem Gespräch mit mir tref­fen, sage ich, ob sie viel­leicht auch ihr Ver­spre­chen, das sie mit einer even­tu­el­len Hoch­zeit ihrer Freun­din geben, für belang­los hal­ten, wenn er oder sei­ne Frau eini­ge Jah­re spä­ter dem Part­ner sagen: „Was ich damals ver­spro­chen habe, das gilt nicht mehr.“? Sol­che Hand­lungs­wei­se ist wohl kaum als ein Zei­chen von mensch­li­cher Rei­fe anzu­se­hen. Ich bin mir bewusst, dass Ehe und Zöli­bat der Sache nach nicht gleich­zu­set­zen sind, aber die psy­cho­lo­gi­sche Struk­tur der Ent­schei­dung ist durch­aus ver­gleich­bar: Bei­de Male geht es um ein lebens­lang gege­be­nes Ver­spre­chen.

    Genau so wenig wie es ein Grund ist wegen der hohen Zahl von Ehe­schei­dun­gen die Ehe als über­flüs­sig anzu­se­hen, scheint mir auf der ande­ren Sei­te es genau so wenig rich­tig zu sein, wegen des Aus­schei­dens von Prie­stern, die ihr Ver­spre­chen nicht gehal­ten haben oder nicht hal­ten wol­len, den Zöli­bat auf­zu­ge­ben.

    Die Kir­che erwar­tet, dass ein Ver­spre­chen, das ein Prie­ster frei und unge­zwun­gen gege­ben hat, auch ein­ge­hal­ten wird. Nie­mand muss ja Prie­ster wer­den. Es gibt heu­te vie­le Beru­fe in der deut­schen Kir­che, die von ver­hei­ra­te­ten Män­nern aus­ge­übt wer­den.

    Heu­te wer­den die katho­li­schen Spe­zi­fi­ca weit­hin abge­lehnt und nicht ver­stan­den. Dazu gehö­ren auch der Zöli­bat, die hier­ar­chi­sche Struk­tur der Kir­che, die Nicht­zu­las­sung der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen zur Kom­mu­ni­on, die Ableh­nung des Frau­ens­prie­ster­tums, die Stel­lung zur Homo­se­xua­li­tät und man­ches ande­re. Wir sind uns sicher einig, dass eine Reform der Kir­che nicht dar­in besteht, sich dem heu­ti­gen Zeit­geist anzu­glei­chen, son­dern dar­in, die radi­ka­le Nach­fol­ge Jesu vor­an­zu­brin­gen. Ich bin jeden­falls der festen Über­zeu­gung, dass wir nur dadurch zu einem tie­fe­ren Glau­ben und zu einer leben­di­gen glaub­wür­di­gen Kir­che kom­men. Vie­le Bei­spie­le der Kir­chen­ge­schich­te bis in die jüng­ste Zeit zei­gen, dass die blo­ße Anpas­sung an jeweils vor­herr­schen­de Zeit­strö­mun­gen nicht zu einem leben­di­ge­ren Glau­bens­le­ben geführt haben.

    Wenn Mit­brü­der aus ihrem Dienst aus­schei­den, ist das für mich – und sicher­lich auch für alle prie­ster­li­chen Mit­brü­der – eine bedrücken­de und schmerz­li­che Erfahrung.Wir fra­gen nach den Grün­den und Ursa­chen. In die­sem Brief kann ich die ver­schie­de­nen Grün­de nicht auf­füh­ren und gegen­ein­an­der abwä­gen. Jedoch wird im Prie­ster­rat wie auch im Diö­ze­san-Pasto­ral­rat ein ein­ge­hen­des Gespräch dar­über erfol­gen.

    Schon in der Zeit der Auf­klä­rung vor etwa zwei­hun­dert Jah­ren hat es eine hef­ti­ge Kam­pa­gne gegen den prie­ster­li­chen Zöli­bat gege­ben. Nach­dem etwa vier­zig Jah­re lang die Angrif­fe gegen das ehe­lo­se Leben um des Rei­ches Got­tes wil­len – übri­gens fast mit den glei­chen Begrün­dun­gen wie heu­te – stets wie­der­holt wor­den waren, schrieb Johan­nes Adam Möh­ler ein klei­nes Buch ‚Vom Geist des Zöli­bats‘. Er äußert dar­in sein Auf­fas­sung, „dass die neue­ren Angrif­fe auf den Zöli­bat aus einer Zeit stam­men, die höchst unkirch­lich und unevan­ge­lisch war. Wenn sie mit fri­vo­len, geist­lo­sen und wahr­haft stumpf­sin­ni­gen Betrach­tungs­wei­sen über das gesam­te Chri­sten- und Kir­chen­tum aus einer Quel­le kamen, so muss die­ser Umstand schon einen Geg­ner der bespro­che­nen Dis­zi­plin sehr bedenk­lich machen“ (Sei­te 17). Ich emp­feh­le Ihnen die­ses Büch­lein von Johan­nes Adam Möh­ler, das Pro­fes­sor Hat­trup von der Teo­lo­gi­schen Fakul­tät Pader­born 1992 mit einem Nach­wort im Boni­fa­ti­us-Ver­lag neu her­aus­ge­ge­ben hat.
    Ich darf auch hin­wei­sen auf mei­ne Aus­füh­run­gen zum Zöli­bat, die 1993 mit dem Titel ‚Vom Zöli­bat des Diö­ze­san­prie­sters‘ eben­falls im Boni­fa­ti­us-Ver­lag erschie­nen sind.
    Gern lege ich Ihnen auch ein beden­kens­wer­tes Wort zur prie­ster­li­chen Ehe­lo­sig-keit von Bischof Rein­hard Lett­mann, Mün­ster, bei, den vie­le Mit­brü­der noch in guter Erin­ne­rung haben von den Prie­ster­ex­er­zi­ti­en, die er vor eini­gen Jah­ren im Leo­kon­vikt gehal­ten hat.

    In einer Zeit, in der eine mit einem Men­schen, Gott oder der Kir­che ein­ge­gan-gene Bin­dung oder ein Treue­ver­spre­chen nicht sel­ten nach kur­zer Zeit auf­ge­ge­ben und gebro­chen wer­den und die Fähig­keit des Men­schen, sich für ein gan­zes Leben etwa an einen ande­ren Men­schen in der Ehe oder aber an Jesus Chri­stus im Ver­spre­chen der Ehe­lo­sig­keit zu bin­den, in Fra­ge gestellt wird, soll­ten wir uns an die mit der Frei­heit und damit mit der Wür­de des Men­schen gege­be­ne Fähig­keit erin­nern, sol­che end­gül­ti­gen Bin­dun­gen ein­zu­ge­hen und dazu auch ein Leben lang in Treue zu ste­hen.

    Dabei sind wir uns immer mit dem Apo­stel Pau­lus bewusst: „Die­sen Schatz tra-gen wir in zer­brech­li­chen Gefä­ßen. So wird deut­lich, dass das Über­maß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“ (2 Kor 4,7).

    Was wird uns hel­fen, lie­be Mit­brü­der, in unse­rem Dienst treu zu blei­ben? Ich bin gewiss, die leben­di­ge Gemein­schaft mit dem drei­ei­nen Gott im Gebet und in der Betrach­tung täg­lich zu ver­tie­fen und zu erneu­ern, gera­de auch in Ent­täu­schung, Schwie­rig­kei­ten, Schwä­chen und Ver­sa­gen.

    Durch geleb­te Gemein­schaft als Prie­ster in einem Pres­by­te­ri­um unse­res Bis­tums kön­nen wir uns gegen­sei­tig hel­fen, nicht als iso­lier­te ein­zel­ne dazu­ste­hen und unse­ren Dienst zu tun. Es ist hoff­nungs­voll, das heu­te eine wach­sen­de Bereit­schaft zur Zusam­men­ar­beit fest­zu­stel­len ist. Gera­de jün­ge­re Prie­ster suchen nach For­men von Zusam­men­le­ben, Zusam­men­ar­bei­ten und geist­li­cher Gemein­schaf­ten. Ich bit­te dar­um alle, mit­zu­hel­fen, dass unse­re jün­ge­ren Mit­brü­der im Wei­he­kurs, im Deka­nat, in geist­li­chen Gemein­schaf­ten und Freun­des­krei­sen, im Kon­ve­ni­at sich auf- und ange­nom­men wis­sen.

    Jesus Chri­stus wird den, den er in sei­ne Nach­fol­ge ruft, nicht allein las­sen. Er wird ihn auch gera­de in sei­ner Begrenzt­heit, sei­ner Schwä­che und auch in sei­nem Ver­sa­gen mit sei­ner rei­chen Gna­de mit­tra­gen und stär­ken. Wenn Jesus Chi­stus uns Anteil gibt an sei­nem Kreuz und wir selbst – der bei der Prie­ster­wei­he an uns ergan­ge­nen Auf­for­de­rung fol­gend – unser Leben unter das Geheim­nis des Kreu­zes stel­len, wer­den wir auch teil­ha­ben an sei­ner Auf­er­ste­hung und der öster­li­chen Sei­te christ­li­cher und prie­ster­li­cher Exi­stenz. Quel­len der Kraft und der Gna­de sind für uns nicht zuletzt das Stun­de­ge­bet der Kir­che und die Fei­er der hei­li­gen Eucha­ri­stie.

    Ich bit­te Sie auch um Ihr Gebet für geist­li­che Beru­fe gemäß der Bit­te des Herrn „Bit­tet den Herrn der Ern­te, dass er Arbei­ter in sei­ne Ern­te sen­de“ (Mt 9,38). Beten wir aber auch noch mehr für­ein­an­der im Pres­by­te­ri­um, wie es schon in den Hoch­ge­be­ten der hei­li­gen Mes­se geschieht und ver­trau­en wir sei­nem Wort: „Alles, um was ihr in mei­nem Namen bit­ten wer­det, das wird euch gege­ben wer­den.“ In die­sem Ver­trau­en wol­len wir den Herrn rufen, dass er Arbei­ter in sei­ne Ern­te sen­de; denn „die Ern­te ist groß, der Arbei­ter aber sind weni­ge“ (Mt 9,37).

    Abschlie­ßend möch­te ich dar­an erin­nern, dass die Bischofs­syn­oden 1971 und 1990 die Fra­gen des prie­ster­li­chen Lebens und ins­be­son­de­re die Bei­be­hal­tung des Zöli­bats ein­ge­hend behan­delt haben. Im apo­sto­li­schen Schrei­ben Papst Johan­nes Paul II. ‚Pastor dabo vobis‘ sagt er: „Die Syn­ode will bei nie­man­dem den gering­sten Zwei­fel an der Ent­schlos­sen­heit der Kir­che auf­kom­men las­sen, an dem Gesetz fest­zu­hal­ten, das den zur Prie­ster­wei­he nach dem latei­ni­schen Ritus aus­er­se­he­nen Kan­di­da­ten frei­ge­wähl­ten stän­di­gen Zöli­bat auf­er­legt“ (Art­kel 29).

    Wir alle soll­ten uns bemü­hen, lie­be Mit­brü­der, dass der Zöli­bat in sei­nem vol­len bibli­schen, theo­lo­gi­schen und spi­ri­tu­el­len Reich­tum von uns gelebt und dar­ge­stellt wird uns auch erläu­tert wer­den kann.

    Ver­eint in der Nach­fol­ge Jesu Chri­sti und in sei­nem Dienst für das Heil der Men­schen grü­ße ich alle Mit­brü­der mit den besten Segens­wün­schen

    Ihr Erz­bi­schof
    (gez. + Johan­nes Joa­chim)

  5. An Frau Wer­ner:

    Das ist unse­re Ret­tung gewe­sen

    In einem Brief an Pater Weren­fried van Straa­ten von ‚Kir­che in Not‘ gesteht ein ‚abge­fal­le­ner‘ Prie­ster dem ‚Speck­pa­ter‘ sei­ne tie­fe inne­re Zer­ris­sen­heit nach dem Aus­schei­den aus dem prie­ster­li­chen Dienst und dem Auf­ge­ben des Zöli­bat­ge­lüb­des:

    „Nach lan­gem Zögern schrei­be ich die­sen Brief, um Ihnen zu dan­ken und Sie zu Ihrem Werk zu ermu­ti­gen. Frü­her war ich Ordens­mann, jetzt bin ich ein Prie­ster, der sein Amt nie­der­ge­legt und gehei­ra­tet hat. Ich war einer der vie­len, die nicht mehr an den Teu­fel glaub­ten. Mit gro­ßer Über­heb­lich­keit bin ich gegen mit­tel­al­ter­li­che Über­lie­fe­run­gen der Kir­che in den Krieg gezo­gen. Jetzt glau­be ich wie­der, dass es einen Satan gibt. Ich kann Ihnen sagen, dass ich am Ran­de des Selbst­mor­des gestan­den bin. Durch die Bekannt­schaft mit einem Kon­ver­ti­ten haben mei­ne Frau und ich wie­der ange­fan­gen, den Rosen­kranz zu beten. Das ist unse­re Ret­tung gewe­sen. Obwohl wir wegen unse­rer ‚kon­ser­va­ti­ven‘ Glau­bens­pra­xis zum Gespött unse­rer Ange­hö­ri­gen und Freun­de gewor­den sind.

    Die­se weni­gen Sät­ze kön­nen unmög­lich die Tra­gö­die beschrei­ben, die sich in mei­ner See­le abge­spielt hat. Jeder Tag beginnt für mich mit einem Kampf gegen Ver­zweif­lung, Ekel, Ver­bit­te­rung, Hass und einem Ver­lan­gen nach Ein­kehr, Buße und Ver­ge­bung. Dass Jesus uns in sei­ner Lie­be noch auf­su­chen und heim­ho­len woll­te, ist für mich ein Wun­der sei­ner unbe­greif­li­chen Barm­her­zig­keit. Am eige­nen Leib habe ich erfah­ren, was vie­le ‚pro­gres­si­ve‘ Auf­fas­sun­gen in der Theo­lo­ge aus einem machen kön­nen: ein Sohn des Ver­der­bens. Der Papst (Paul VI. — Verf.) hat uns mit Judas ver­gli­chen. Mei­nes Erach­tens mit Recht, und ich bin ihm dank­bar, dass er uns die­se har­te Wahr­heit nicht vor­ent­hal­ten hat …

    Gestat­ten Sie mir, dass ich mich selbst und mei­ne Schick­sals­ge­nos­sen eini­ger-maßen ent­schul­di­ge: wir waren durch den Satan und durch unse­ren eige­nen Hoch­mut ver­blen­det. Wir glaub­ten, der Erneue­rung zu die­nen, in Wirk­licheit haben wir Got­tes Haus nie­der­ge­ris­sen. Wir glaub­ten Tabus zu durch­bre­chen; in Wirk­lich­keit sind wir Skla­ven des Für­sten die­ser Welt gewor­den. Aber wenn ich jetzt alles ehr­lich über­le­ge, haben mein Hoch­mut, mei­ne Sinn­lich­keit, mein Man­gel an Demut und Gehor­sam den Aus­schlag gege­ben. Gott gebe, dass ich süh­nen darf. Ich wün­sche nicht, dass uns die Kir­che als Prie­ster reha­bi­li­tiert, des­sen sind wir nicht wür­dig. Aber ich hof­fe, doch noch ein­mal als Lai­en­bru­der in einem stren­gen Klo­ster büßen zu dür­fen. Jeden­falls hat Got­tes Gna­de mich nicht ver­las­sen …

    Ich bin sicher, dass vie­le in mei­ner Lage genau so den­ken wie ich, aber nicht wagen, es zu äußern. Der Weg zurück ist sehr hart! … Darf ich auf ihr Gebet rech­nen? Das haben wir beson­ders nötig … Sie arbei­ten für jene, die sich im Ker­ker befin­den wegen ihrer Glau­bens­treue. Den­ken Sie auch an uns, die wir im Ker­ker der Untreue gefan­gen sind …“1

    Pfar­rer B.M. Weiß schreibt zu die­sem Fall im ‚Rund­brif der klei­nen See­len‘: „Ein abge­fal­le­ner Prie­ster ist immer eine beson­de­re Tra­gik, weil je höher die Beru­fung um so tie­fer ist das Elend, wenn ihr nicht ent­spro­chen oder sie gar ins Gegen­teil ver­kehrt wird. Und nun beden­ken wir die unge­heu­er­li­che Tat­sa­che, die mensch­lich über­haupt nicht erklär­bar ist: nach einer Pres­se­mel­dung vom 1.9.1983 haben welt­weit 70 000 Prie­ster in der katho­li­schen Kir­che nach dem Kon­zil ihr Amt auf­ge­ge­ben. [Heu­te geht man von einer Zahl von 100 000 Prie­stern aus.] Nur Got­tes Augen kön­nen ermes­sen, wel­cher Scha­den dadurch dem mysti­schen Leib, der Kir­che, zuge­fügt wur­de. Denn ‚wer das Prie­ster­tum ver­lässt‘, sagt Paul VI. – mit­ten in der Kri­se am 6.8.1971 – vor Kle­ri­kern, ‚gibt nicht nur sei­ne eige­ne Beru­fung, sein eige­nes Ver­spre­chen auf, son­dern er ver­lässt auch die Armen; er ver­lässt all jene, die Anlei­tung brau­chen, die um die Sakra­men­te bit­ten, er flüch­tet vom wich­tig­sten Posten, den es in der Kir­che gibt.‘ Voll Sor­ge fra­gen wir uns.

  6. Frau Wer­ner:

    Wie kann es soweit kom­men? Wo lie­gen die Haupt­ur­sa­chen für den Abfall der Prie­ster?

    Schwe­re Gefahr droht dem Prie­ster, durch all­zu gro­ße Anpas­sung an die Welt, um zum Erfolg zu kom­men. Des­halb warn­te gleich zu Anfang sei­nes Pon­ti­fi­kats unser Hei­li­ger Vater Johan­nes Paul II. die Prie­ster in sei­ner Anspra­che am 9.11.1978: ‚Bil­den wir uns nicht ein, es wäre ein Dienst am Evan­ge­li­um, wenn wir unser prie­ster­li­ches Cha­ris­ma zu ‚ver­wäs­sern‘ ver­su­chen durch ein über­trie­be­nes Inter­es­se, für das wei­te Inter­es­se der irdi­schen Pro­ble­me, wenn wir den Stil unse­res Lebens und Han­delns ver­welt­li­chen, wenn wir auch die äuße­ren Zei­chen unse­rer prie­ster­li­chen Beru­fung ver­wi­schen. Wir müs­sen uns den Sinn für unse­re ein­zig­ar­ti­ge Beru­fung bewah­ren, und die Ein­zig­ar­tig­keit muss sich auch in unse­rer prie­ster­li­chen Klei­dung zei­gen. Schä­men wir uns ihrer nicht! Gewiss leben wir in der Welt, doch wir sind nicht von der Welt!“ „Wer Freund der Welt sein will, macht sich zum Fein­de Got­tes!“ (Jak 4, 4)

    Wodurch wur­de die­ser welt­wei­te Ein­fluss auf den Kle­rus aus­ge­löst? Auf der Bischofs­syn­ode in Rom 1983 nann­te Bischof Tshi­b­an­gu Sshis­hi­hu aus Zai­re (Afri­ka) als Grund für die „Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit der Prie­ster die nach­kon­zi­lia­ren Ent­wick­lun­gen“! (ebd., Rund­brief 43, S. 25 — 26)

    Ein älte­rer Ordens­prie­ster bemerk­te: „Ein Leben nach der Ordens­re­gel war [plötz­lich, nach dem II. Vatic.] nicht mehr zumut­bar. Man trug Welt­klei­dung, mög­lichst bunt und schrill. Man lieb­te die Tanz­flä­che, bemüh­te sich um Damen­be­kannt­schaft, ging mit ihnen zu Gesell­schafts­aben­den, ver­gnüg­te sich in Schwimm­bä­dern und vie­les mehr.
    Bis zum II. Vatic. Kon­zil war es üblich, dass die Ordens­leu­te ihren Urlaub bei Ver­wand­ten oder in ande­ren Ordens­häu­sern ver­brach­ten.
    Nun aber waren Welt­rei­sen an der Tages­ord­nung. Und jeder konn­te den als Mit­rei­sen­den wäh­len, der ihm genehm war.
    Wen wun­dert es noch, wenn zig­tau­sen­de ihr prie­ster­li­ches Amt auf­ga­ben und hei­ra­te­ten.“ Der Prie­ster fasst das Resul­tat zusam­men: Mehr als die hälf­te sei­nes Wei­he­jahr­gangs „haben eine Orden­schwe­ster gehei­ra­tet“.

    Im letz­ten han­delt es sich also um eine Glau­bens­kri­se.

    Es ist ein bit­te­rer, doch berech­tig­ter Vor­wurf, den Pater Weren­fried van Straa­ten von einem tsche­chi­schen Prie­ster hören muss­te, der zwei Mona­te durch West­eu­ro­pa gereist war. Beim Abschied sag­te er ihm: „Ich war 12 Jah­re im Gefäng­nis, weil ich der Kir­che treu blei­ben woll­te. Ich bin gefol­tert wor­den, weil ich den Papst nicht ver­leug­nen woll­te. Für den Glau­ben habe ich die Gesund­heit ver­lo­ren. Aber die­ser Glau­be war mir die Ruhe und die Sicher­heit, die mei­ne Ker­ker­jah­re zu den glück­lich­sten mei­nes Lebens gemacht haben. Ihr habt die Ruhe in Gott ver­lo­ren. Ihr habt den Glau­ben so unter­gra­ben, dass es kei­ne Sicher­heit mehr gibt. Ihr werft in eurer Frei­heit das weg, wofür wir in Unter­drückung lei­den. Der Westen hat mich ent­täuscht. Ich möch­te lie­ber 12 wei­te­re Jah­re in einem kom­mu­ni­sti­schen Gefäng­nis leben, als noch län­ger bei euch blei­ben.“

    Pater Weren­fried fügt noch hin­zu: „Die­ses Urteil soll­te uns zum Nach­den­ken brin­gen. Es ent­spricht der Über­zeu­gung derer, die in Blut und Trä­nen gerei­nigt wur­den. Jene, die rei­nen Her­zens sind, sehen Got­tes Wahr­heit bes­ser als die fal­schen Pro­phe­ten, die ver­blen­de­ten Hohen­prie­ster und die stol­zen Schrift­ge­lehr­ten …“

    Eben die­se unlau­te­re Gesin­nung ver­stärkt heu­te die Not in der Kir­che. Der fran­zö­si­che Schrift­stel­ler Fran­cois Mau­riac spricht sie offen aus, wenn er schreibt:
    „Ich bin beun­ru­higt, weil die wah­re Kri­se eine Glau­bens­kri­se inner­halb des Kle­rus, der leh­ren­den Kir­che, ist, und weil in die­ser schwe­ren Kri­se gewis­se Leu­te, die außer­halb der Kir­che sein soll­ten, in ihr blei­ben …“

    Aber es ist nicht die Glau­bens­kri­se allein, die über einen Prie­ster her­ein­bre­chen kann, viel­mehr kann er auch noch die Feu­er­pro­be einer Zöli­bats­kri­se … durch­ste­hen müs­sen. Es ist hin­läng­lich bekannt, dass gera­de durch die zu gro­ße Annä­he­rung an die Welt, sehr vie­le Prie­ster ihr Ver­spre­chen, „um den Him­mel­reichs wil­len“ jung­fräu­lich zu blei­ben, gebro­chen haben. (ebd., Rund­brief 43, S. 25 — 26)

  7. Frau Wer­ner:

    Kar­di­nal Stick­ler über den Zöli­bat:

    Der Kle­ri­ker­zö­li­bat

    Weit ver­brei­tet, nicht nur unter Moder­ni­sten, ist heu­te die Ansicht, der Zöli­bat sei bloß eine mit­tel­al­ter­li­che Rechts­vor­schrift der West­kir­che. In sei­nem Buch „Der Kle­ri­ker­zöil­bat (1993) weist Alfons Maria Card. Stick­ler klar nach, dass der Kle­ri­ker­zö­li­bat all­ge­mei­ne Norm der gesam­ten frü­hen Kir­che war, im Osten wie im Westen. Er geht auf die Apo­stel zurück, letzt­lich auf Chri­stus selbst. Die­ses Ergeb­nis der geschicht­li­chen For­schun­gen Card. Stick­lers, stimmt über­ein mit ande­ren Unter­su­chun­gen, wie denen von Ste­fan Heid (Zöli­bat in der frü­hen Kir­che).
    Schon knapp nach dem Jah­re 300 bestimm­te die spa­ni­sche Syn­ode von Elvi­ra: Bischö­fe, Prie­ster und Dia­ko­ne müs­sen sich ihrer Ehe­frau­en ent­hal­ten und dür­fen kei­ne Kin­der zeu­gen: wer aber sol­ches getan hat, soll aus dem Kle­ri­ker­stan­de aus­ge­schlos­sen wer­den. 390 beschloss das gesam­te afri­ka­ni­sche Kon­zil von Kar­tha­go: Bischö­fe Prie­ster und Dia­ko­ne müs­sen sich des Gebrauchs der Ehe ent­hal­ten, wie die Apo­stel lehr­ten und gemäß der Über­lie­fe­rung.
    Ver­hei­ra­te­te Kle­ri­ker muss­ten sich also nach ihrer Wei­he des Gebrauchs der Ehe ent­hal­ten. Erfor­der­lich war aller­dings vor der Wei­he die Zustim­mung der Ehe­frau. Auch aus Rom lie­gen aus der frü­hen Kir­che kla­re Zeug­nis­se drei­er Päp­ste vor: Siri­cis (385 – 386), Inno­zenz (401 – 17) an die Bischö­fe Gal­li­ens, Leo der Gro­ße (465).
    Auch aus dem Osten gibt es frü­he Zeug­nis­se für den Kle­ri­ker­zö­li­bat: Bischof Epi­pha­ni­us v. Sala­mis (315 – 403) spricht dies­be­züg­lich von der „von den Apo­steln in Weis­heit und Hei­lig­keit fest­ge­setz­ten Norm“. Eben­so der hl Hie­ro­ny­mus (+ 430 in Palä­sti­na).
    In der Pra­xis wur­den aller­dings die kirch­li­chen Vor­schrif­ten nicht immer und über­all ein­ge­hal­ten. Vor allem im Osten ergab sich im 6. und 7. Jahr­hun­dert durch die feh­len­de zen­tra­le (päp­sti­che) Gewalt und Auf­sicht eine laxe Pra­xis.
    Um die­sen Not­stand zu recht­fer­ti­gen, wur­den im Osten auf der Trul­li­schen Syn­ode von 692 in Kon­stan­ti­no­pel neue Zöli­bats­be­stim­mun­gen erlas­sen.
    Man berief sich dabei jedoch para­do­xer­wei­se auf die Syn­ode von Kar­tha­go (390), deren Beschlüs­se – so der nun augen­fäl­li­ge Beweis von Card. Stick­ler – bewusst gefälscht wur­den. Ser­gius I. (selbst aus Syri­en, 687 – 701) hat die­sen Beschlüs­sen die Aner­ken­nung ver­wei­gert.
    Tra­gisch ist nun, dass die heu­ti­gen Zöli­bats­vor­schrif­ten der Ost­kir­che, die die Fort­fürung einer vor der Wei­he abgschlos­se­nen Prie­ster­ehe erlau­ben, auf den Beschlüs­sen des II. Trul­la­num (samt gefälsch­ten Doku­men­ten) beru­hen.
    In einem Brief vom 03. Febru­ar 1996 schreibt Card. Stick­ler fol­gen­de Wor­te, die eine theo­lo­gi­sche Sen­sa­ti­on (!) dar­stel­len:
    … „was die Ost­kir­che im Trul­la­num II in bewuss­ter Fäl­schung getan hat, das hat – für die Dia­ko­ne – die römi­sche Kir­che aus Unwis­sen­heit getan (im Vati­ca­num II). [Es] wür­de mich – nach dem Besag­ten nicht wun­dern, wenn auch in der Kir­che selbst das Schwei­gen über den Feh­ler vor­ge­zo­gen wer­den wür­de in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on und trotz der Ten­denz, für die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit um Ver­zei­hung zu bit­ten.“
    Card. Stick­ler sagt also aus­drück­lich, dass der Zöli­bat (bzw. die Prie­ster­ehe) in der Ost­kir­che nach­weis­lich auf einer Fäl­schung grün­det, und dass das Dia­ko­nat, wie es seit dem II. Vati­ca­num gehand­habt wird, nicht auf soli­den theo­lo­gi­schen Fun­da­men­ten, son­dern – ganz im Gegen­teil – auf „Unwis­sen­heit“ gebaut ist. [….] Eines steht […] fest: Der Kle­ri­ker­zö­li­bat war eine all­ge­mei­ne Norm in der frü­hen Kir­che; er geht auf die Apo­stel, ja auf Chri­stus selbst zurück.
    Die Ehe­lo­sig­keit der Prie­ster ist kei­ne rein kir­chen­recht­li­che Fra­ge. Es besteht ein tie­fer Zusam­men­hang zum Wesen des Prie­ster­tums, der Hl. Mes­se, ja dem Wesen der Kir­che. Das wis­sen die Geg­ner der Kir­che, und das soll­ten auch wir wis­sen.

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