Hartmut gegen Ahrimann – Die Burschenschaften zwischen Konservativismus und Revolution

Proudhon: Revolution und Staatsstreich. Der neue Roman „Hartmut gegen Ahrimann“ von S. Coell (Norbert Nemeth) mit aktuellen Bezügen zur Regierungskrise in Österreich.

Von Wolf­ram Schrems*

FPÖ-Klub­di­rek­tor Nor­bert Neme­th leg­te wie­der­um einen histo­ri­schen Roman vor. Es geht um Bur­schen­schaf­ten, den Früh­kom­mu­nis­mus und den katho­li­schen Staats­den­ker Dono­so Cor­tés. Die Hand­lung spielt im Win­ter 1852/53, also kurz nach der „bür­ger­li­chen Revo­lu­ti­on“. Der Roman ist ange­sichts der der­zei­ti­gen frei­heit­li­chen Tur­bu­len­zen von eini­ger Rele­vanz für die Gegen­wart. Da er grund­sätz­li­che The­men im Span­nungs­feld zwi­schen Revo­lu­ti­on, „Reak­ti­on“ und Restau­ra­ti­on auf­reißt, ist er für gei­stes­ge­schicht­lich inter­es­sier­te Katho­li­ken eine anre­gen­de Lek­tü­re. – Mit einem P.S. aus aktu­el­lem Anlaß.

Er ist nach Im Schat­ten des Grac­chus und Die Karls­bad­ver­schwö­rung der drit­te Roman des Autors. Er ist wie die bei­den älte­ren lesenswert. 

Die Handlung: Spanischer Katholik kritisiert die Revolution und trifft auf revolutionär-konservative Burschenschafter 

Der gewe­se­ne spa­ni­sche Gesand­te in Ber­lin, der Mar­quis Juan Fran­cis­co María de la Salud Dono­so Cor­tés, gebo­ren 1809, Vor­den­ker der katho­li­schen Gegen­re­vo­lu­ti­on, hat­te in einer Rede auf Ein­la­dung des kon­ser­va­ti­ven Sach­sen­ver­eins im Dresd­ner Hof­thea­ter die früh­kom­mu­ni­sti­schen und anti­christ­li­chen revo­lu­tio­nä­ren Umtrie­be kri­ti­siert und dabei deren Prot­ago­ni­sten Pierre-Joseph Proud­hon („Eigen­tum ist Dieb­stahl“), eben­falls Jahr­gang 1809, als „Dämon“ bezeich­net. Ein Rechts­an­walt namens Dok­tor Arnold Ahri­mann will in Ver­tre­tung Proud­hons auf Wider­ruf „in allen wich­ti­gen Jour­na­len und Zei­tun­gen Sach­sens“ und 500 Taler Ent­schä­di­gung (das Jah­res­ein­kom­men eines Arbei­ters) klagen. 

Cor­tés wird durch Dok­tor Hanns Hart­mut, einen Alten Her­ren der Dres­de­ner Bur­schen­schaft Dres­den­sia, ver­tre­ten. Bei der münd­li­chen Ver­hand­lung, die Rich­ter Pop­per auf einen (bereits im vor­aus vor­be­rei­te­ten) Ver­gleich ent­schei­det, tritt Ahri­mann kal­ku­liert dreist und pro­vo­zie­rend auf. 

Hart­mut läßt sich nach der Ver­hand­lung zu einer Belei­di­gung („dum­mer Jun­ge“) hin­rei­ßen. Nach gel­ten­dem Ehren­co­dex kann der Belei­dig­te ein Duell for­dern. Ein Ehren­ge­richt muß sich aller­dings nach einem genau gere­gel­ten Com­ment mit der Sache befas­sen und zunächst eine güt­li­che Eini­gung anre­gen. Schei­tert die­se, muß der Belei­di­ger das Duell, des­sen Moda­li­tä­ten der Belei­dig­te bestimmt, akzeptieren. 

Die Din­ge neh­men ihren Lauf und es scheint zum Duell zu kom­men, bei dem Hart­mut auf­grund der für ihn ungün­sti­gen Moda­li­tä­ten nur der Ver­lie­rer sein kann. Denn der erste Schuß beim Pisto­len­du­ell steht dem Belei­dig­ten zu. 

Dono­so Cor­tés deu­tet bei sei­nem Abschied aus Deutsch­land sei­nem Rechts­an­walt Hart­mut an, daß Ahri­mann „in einen Kom­mu­nen­skan­dal“ ver­wickelt sein könn­te. Es sei mög­li­cher­wei­se „zu Ver­bre­chen wider Anstand und Sit­te gekom­men“. Könn­te man also nach­wei­sen, daß Ahri­mann selbst ein Ver­bre­chen began­gen hat und damit uneh­ren­haft ist, wird das Duell abgesagt.

Lei­der kön­ne er nicht sagen, wo genau das gewe­sen sein soll. Er habe nur gehört „in Ika­ri­en“, das „nir­gend­wo und über­all“ liege. 

Hart­muts Kanz­lei­mit­ar­bei­ter und Bun­des­bru­der Egon Zwey­er, ein erfah­re­ner Fech­ter von Men­su­ren und im betref­fen­den Seme­ster Con­se­ni­or der Dres­den­sia, macht sich auf die Suche nach „Ika­ri­en“, nach­dem der Ehren­pro­zeß sta­tu­ten­ge­mäß für einen Monat unter­bro­chen wird. 

Zwey­er wen­det sich an den bestens infor­mier­ten „Tröd­ler-Juden“ Gide­on. Gegen eine ordent­li­che Sum­me bringt Gide­on den Suchen­den auf die rich­ti­ge Spur: 

Die Rei­se nach Ika­ri­en ist eine kom­mu­ni­sti­sche Uto­pie des Früh­kom­mu­ni­sten Éti­en­ne Cabet aus dem Jahr 1839. Abschaf­fung des Pri­vat­ei­gen­tums, des Erb­rechts, der Fami­lie und des Chri­sten­tums sind die Mit­tel, um die ange­streb­te voll­kom­me­ne Gleich­heit zu errei­chen und die Men­schen „in ihren glück­li­chen Natur­zu­stand [zurück­zu­füh­ren]“.

Nach die­sem Muster wur­de in einem Ort mit dem spre­chen­den Namen Glei­chen­stein eine Kom­mu­ne errich­tet, in die Egon Zwey­er als vor­geb­li­cher Inter­es­sent einsickert. 

An die­sem bizar­ren Ort gelangt er auf die Spur Ahri­manns, der dort „Erzie­hungs­lei­ter“ gewe­sen war. 

Rebel­len wer­den von dem dik­ta­to­risch herr­schen­den Tri­um­vi­rat, ein rei­nes „Pro­vi­so­ri­um“ aus Prak­ti­ka­bi­li­täts­grün­den vor der ange­streb­ten Her­stel­lung der voll­kom­me­nen Gleich­heit, in ein Loch gewor­fen, „das so tief ist, daß man den Grund nicht sieht“. 

Es gelingt Zwey­er den pho­to­gra­phi­schen Beweis dafür sicher­zu­stel­len, daß Ahri­mann in sei­ner Zeit in Glei­chen­stein als Kin­der­schän­der aktiv gewe­sen ist, und kann flie­hen. Er bringt den Beweis zum Vor­sit­zen­den des Ehren­ge­richts, der am dar­auf­fol­gen­den Tag das gesam­te Ehren­ge­richt infor­mie­ren und auf­grund der kom­pro­mit­tie­ren­den Fak­ten das Duell absa­gen soll. In der Nacht erfolgt jedoch ein Brand­an­schlag auf die Vil­la des Vor­sit­zen­den, der dabei umkommt. Die bela­sten­de Pho­to­gra­phie ist weg. Das Duell muß stei­gen. Ahri­mann erschießt dabei erwar­tungs­ge­mäß Hart­mut. Aus Rache erschießt Zwey­er Ahri­mann und wird für die­sen Mord gehängt. 

Die Hand­lung endet mit einer Art von Jüng­stem Gericht über die See­le Zwey­ers und dem Con­vent der Bur­schen­schaft Dres­den­sia, die das Aus­tritts­ge­such Zwey­ers post mor­tem ablehnt. 

Wel­che Inhal­te des span­nend geschrie­be­nen und ideen­ge­schicht­lich inter­es­san­ten Romans sind für die heu­ti­ge Leser­schaft von beson­de­rer Rele­vanz? Dazu drei kur­ze Gedanken. 

Die Revolution bringt keine Freiheit, sondern Versklavung und Terror

Der Autor läßt Dono­so Cor­tés zu Wort kom­men, der das par­la­men­ta­ri­sche System kri­ti­siert und ihm vor­wirft, dem Tota­li­ta­ris­mus zuzuarbeiten: 

„Die Pauls­kir­che? Was hat die Pauls­kir­che den Deut­schen gebracht? Nada! Die Deut­schen haben die Frei­heit wie eine Göt­tin in die­sem Kir­chen­par­la­ment ver­ehrt und sie dann wie eine Hure in einer Schen­ke ster­ben las­sen. (…) Doch darf uns die­ses Schick­sal, das die Deut­schen ihrem ersten gesamt­deut­schen par­la­men­to bescher­ten, nicht ver­wun­dern, denn der Par­la­men­ta­ris­mus kann nichts ande­res sein als ein insti­tu­tio­na­li­sier­tes Mit­tel­maß,  zumal die kon­sti­tu­tio­nel­le Mon­ar­chie nichts ande­res ist als der Inbe­griff der Spal­tung der von Gott abge­lei­te­ten Staats­ge­walt und somit Teil einer nega­ti­ven Zivilisation.“ 

Dono­so Cor­tés weiß, daß hin­ter jeder poli­ti­schen Fra­ge letzt­lich eine theo­lo­gi­sche steckt (und der Autor weiß es auch): 

„Ja, die­se nega­ti­ve Zivi­li­sa­ti­on wird ster­ben, wenn ein Mann kommt, der beja­hen und ver­nei­nen kann. Denn genau das kann die­se clas­se dis­cut­i­do­ra nicht! Unent­schie­den sitzt sie auf einer gro­ßen sier­ra, einem Vor­ge­bir­ge zwi­schen zwei Mee­ren: dem sozia­li­sti­schen und dem katho­li­schen. Stün­de sie vor der (…) Fra­ge Jesus oder Bar­ab­bas, wäre von ihr nicht mehr zu erwar­ten als ein par­la­men­ta­ri­scher Ver­ta­gungs­an­trag“ (41).

Und: 

„Der Ursprung des Par­la­men­ta­ris­mus ist der Geist der Revo­lu­ti­on: Er will die Frei­heit aus der Gleich­heit ablei­ten, doch dabei über­sieht der Par­la­men­ta­ris­mus, dass, wenn der­einst alle gleich sind, nie­mand mehr frei sein wird“ (42).

Sehr auf­schluß­reich sind dann die Refle­xio­nen über die Stra­te­gie des Satans, die Wor­te der Schrift gegen den Glau­ben ins Tref­fen zu füh­ren. Die „athe­isti­sche Schu­le“ beru­he auf der Ver­nei­nung von Eigen­tum, Staat und Gott und gibt sich als neu­es Chri­sten­tum aus (43).

Die Kom­mu­ne Glei­chen­stein, im Roman ein Hybrid aus Gulag und kin­der­schän­de­ri­scher Mühl-Kom­mu­ne, ist kein Hort der Frei­heit und kann es auch gar nicht sein. Der Kom­mu­nis­mus stieß histo­risch in ein lau­es System hin­ein, das nach Dono­so Cor­tés „unfä­hig ist, sich zwi­schen Gut und Böse zu ent­schei­den“ (42).

Wie wir sehen, trifft auch der heu­ti­ge Kom­mu­nis­mus, eine Mischung aus Anti­fa-Ter­ror und Brüs­se­ler Kom­mis­sars­bü­ro­kra­tie, auf eine unent­schie­de­ne und fei­ge Bürgerlichkeit. 

Es ist durch­aus bemer­kens­wert, daß der Autor, selbst Bur­schen­schaf­ter, den katho­li­schen „Reak­tio­när“ so aus­führ­lich zu Wort kom­men läßt. 

Die Bur­schen­schaft ist zwar anti­kom­mu­ni­stisch und lehnt die Wahn­ideen Proud­hons und sei­ner Epi­go­nen ab, unter ande­rem die Abschaf­fung von Ehe und Fami­lie. Sie hat­te aber noch weni­ge Jah­re vor dem Zeit­punkt der Hand­lung des Romans selbst revo­lu­tio­när gehan­delt. Ist sie also gar nicht „kon­ser­va­tiv“ – trotz der von ihr behaup­te­ten „Wah­rung des kon­ser­va­ti­ven Prin­zips“ durch die Men­sur? Man grenzt sich gegen die Jako­bi­ner ab, aber auch gegen die „Reak­ti­on“. Sind „Reak­ti­on“ und „Revo­lu­ti­on“ mög­li­cher­wei­se fal­sche Alter­na­ti­ven und die Wahr­heit liegt woan­ders? (Hat der Wie­ner Kon­greß allen­falls einen schwe­ren Feh­ler began­gen, als er das Reich nicht wie­der­her­stell­te son­dern den Met­ter­nich­schen Poli­zei­staat im spät­jo­se­phi­ni­schen Staats­kir­chen­tum erschuf?) 

Sind die Bur­schen­schaf­ten even­tu­ell „revo­lu­tio­när-kon­ser­va­tiv“? Was natür­lich einen Wider­spruch in sich selbst darstellt. 

Oder sind sie „gegen­re­vo­lu­tio­när“? Oder Prot­ago­ni­sten einer „kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on“ (wie man eine natio­na­le und anti-natio­nal­so­zia­li­sti­sche Strö­mung im Deutsch­land der 20er und 30er Jah­re nennt)? 

Gibt es hier eine syste­mi­sche Identitätskrise? 

Abschaffung des Rechtssystems mit Hilfe des Rechtssystems 

Äußerst bemer­kens­wert ist die Sze­ne, in der Hart­mut gegen­über dem Rich­ter Pop­per die Legi­ti­mi­tät der Kla­ge eines Anar­chi­sten wie Proud­hon bestreitet: 

„Euer Ehren, im Grun­de stellt sich doch die Fra­ge, ob einer wie die­ser Proud­hon, der, wie Ihr wisst, ein beken­nen­der Anar­chist ist, ein ordent­li­ches Gericht über­haupt anru­fen darf. Dür­fen die­je­ni­gen, die den Staat – und damit sind alle Staa­ten gemeint – abschaf­fen wol­len, staat­li­che Hil­fe in Anspruch neh­men?“ (48)

Das ist ange­sichts der Umtrie­be von isla­mi­schen Lob­by­grup­pen, die ein­ge­stan­de­ner­ma­ßen das Gesell­schafts­sy­stem ändern wol­len und sich etwa vor öster­rei­chi­schen Gerich­ten Rech­te erstrei­ten, eine hoch­ak­tu­el­le Fra­ge: Gera­de die­ser Tage ver­ur­teil­te ein öster­rei­chi­sches Gericht einen öster­rei­chi­schen Islam­kri­ti­ker auf die Kla­ge eines isla­mi­schen Akti­vi­sten hin. 

Der Autor hat hier einen sehr wich­ti­gen Punkt angesprochen. 

Doch wird er von der FPÖ auch in der Tages­po­li­tik ent­spre­chend berücksichtigt? 

Damit zu einer kri­ti­schen Anmerkung: 

Freiheitliche, Burschenschafter und Identitäre 

Zwi­schen der Prä­sen­ta­ti­on des Buches am 16. Jän­ner, dem 50. Geburts­tag des Autors, in Anwe­sen­heit der FPÖ-Füh­rung im Palais Epstein und der Ver­fas­sung die­ser Bespre­chung liegt die pani­sche Distan­zie­rung der FPÖ von der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung.

Die­se Distan­zie­rung ver­nich­tet die eige­ne Glaub­wür­dig­keit. Sie wider­spricht den Über­zeu­gun­gen der bur­schen­schaft­li­chen Urvä­ter des spä­ter so genann­ten „Drit­ten Lagers“, das sich bekannt­lich aus den Befrei­ungs­krie­gen gegen Napo­le­on und spä­ter aus dem Kampf gegen die Met­ter­nich­sche Poli­tik her­aus­bil­de­te. Die Par­al­le­le zwi­schen histo­ri­scher Bur­schen­schaft und zeit­ge­nös­si­scher Iden­ti­tä­rer Bewe­gung ist nicht per­fekt, aber es gibt eine star­ke Ana­lo­gie: Die Iden­ti­tä­ren wol­len den Erhalt und die Wohl­fahrt der Hei­mat und kämp­fen gegen Mei­nungs­ter­ror und Zen­sur – wie die dama­li­ge Burschenschaft. 

Man kann nicht jun­ge Akti­vi­sten attackie­ren, die im Prin­zip das ver­tre­ten, was man von sei­nen Wur­zeln her selbst ver­tritt, und gleich­zei­tig glaub­wür­dig bleiben.

Von daher wirft das Buch ein eigen­ar­ti­ges Licht auf eine Par­tei, deren Vor­vä­ter sich Patrio­tis­mus und Anti­kom­mu­nis­mus auf die Fah­nen schrie­ben, sich aber von real exi­stie­ren­den Patrio­ten panisch distan­zie­ren, auch wenn sich die­se sogar nach den Maß­stä­ben der der­zei­ti­gen Polit­ju­stiz außer zwei Baga­tell­de­lik­ten nichts zuschul­den kom­men ließen. 

Das nur als kri­ti­sche Anmerkung. 

Alle die­se Vor­gän­ge lie­gen auf­grund der Zustän­dig­kei­ten des Autors natür­lich nicht in des­sen Verantwortungsbereich. 

Resümee

Nor­bert Neme­th hat­te sich wie­der­um gründ­lich in die Gei­stes­ge­schich­te der von ihm behan­del­ten Epo­che eingearbeitet. 

Trotz grund­sätz­lich posi­ti­ver Ein­stel­lung zur Bur­schen­schaft glo­ri­fi­ziert er das kon­kre­te Ver­hal­ten von Bur­schen­schaf­tern nicht, was etwa in der Dar­stel­lung der Attacke Zwey­ers auf den kom­mu­ni­sti­schen Fah­nen­räu­ber, der schon schwer gezeich­net am Boden liegt, zum Aus­druck kommt (18). Über­mä­ßi­ger Alko­hol­kon­sum und ehe­bre­che­ri­sche Lieb­schaf­ten sind eben­falls kein Ruh­mes­blatt des Prot­ago­ni­sten. Inso­fern betreibt der Autor kei­ne bil­li­ge Propaganda.

Sei­ne Dar­stel­lung einer katho­li­schen Mes­se und einer katho­li­schen Kan­zel­re­de ist wohl­wol­lend, wenn sach­lich auch nicht ganz akku­rat. Zur Zeit der Hand­lung gab es kei­ne Abend­mes­sen, die Bibel liegt nicht geöff­net auf der Kanzel.

Dar­auf, daß das Gericht Got­tes über die See­le gleich­sam mit einem oder zwei zuge­drück­ten Augen durch­ge­führt wird, wür­de ich mich nicht verlassen.

Anson­sten sind Hand­lung und Refle­xio­nen der Kon­sul­ta­ti­on wert. Zu Dono­so Cor­tés und Pierre-Joseph Proud­hon hät­te es ger­ne noch mehr sein können. 

Viel­leicht fin­den die Poli­ti­ker des „Drit­ten Lagers“ bei Dono­so Cor­tés noch Ori­en­tie­run­gen und Ermu­ti­gun­gen für ihr wei­te­res Wirken. 

Ein P. S. aus aktuellem Anlaß 

Mitt­ler­wei­le wur­de eine Kam­pa­gnen­bom­be unge­ahn­ten Aus­ma­ßes gegen die FPÖ gezün­det, deren Deto­na­ti­on das gesam­te Land in Mit­lei­den­schaft zieht. Die Fol­gen sind nicht abseh­bar. Ein kri­tik­wür­di­ges, aber nach Juri­sten­aus­sa­gen straf­recht­lich höchst­wahr­schein­lich irrele­van­tes Ver­hal­ten von Par­tei­chef HC Stra­che und Klub­ob­mann Johann Gude­nus, das vor zwei Jah­ren unter Mit­wir­kung von agents pro­vo­ca­teurs geheim gefilmt wor­den war, wur­de – aller­dings in nur weni­gen, sorg­fäl­tig aus­ge­wähl­ten Aus­schnit­ten – just vor der Euro­pa­wahl an deut­sche Medi­en gespielt. 

Kla­rer­wei­se setzt eine der­ma­ßen lang­fri­stig und bestens koor­di­nier­te Akti­on, bis hin zu den schnell ein­set­zen­den Demon­stra­tio­nen der übli­chen Ver­däch­ti­gen vor dem Bun­des­kanz­ler­amt, einen mäch­ti­gen und dis­kre­ten Akteur vor­aus, also das, was man den Tie­fen Staat nennt. 

Lei­der haben die bei­den frei­heit­li­chen Poli­ti­ker auf­grund per­sön­li­cher Schwä­chen eine Angriffs­flä­che gebo­ten. Damit ähneln sie der Roman­fi­gur Egon Zweyer. 

Wenn man das Buch also auf dem Hin­ter­grund der jüng­sten Ereig­nis­se liest, wird man es als Auf­ruf zu per­sön­li­cher Unta­de­lig­keit als Vor­aus­set­zung für erfolg­rei­ches poli­ti­sches Wir­ken ver­ste­hen kön­nen. Was die Machi­na­tio­nen der kryp­to­kom­mu­ni­sti­schen Mäch­te in den Ein­ge­wei­den der EU-Büro­kra­tie betrifft, wird man es als War­nung vor Dik­ta­tur und Tota­li­ta­ris­mus ver­ste­hen kön­nen. Wobei die Anwei­sun­gen von Dono­so Cor­tés zur Errich­tung eines Staats­we­sens in Wahr­heit und Frei­heit durch­aus hilf­reich sind. 

Und im übri­gen soll­te sich die FPÖ über­le­gen, ob ihr Klub­di­rek­tor nicht auch in einem poli­ti­schen Amt einen wert­vol­len Bei­trag zur Gestal­tung Öster­reichs lei­sten könnte. 

Hart­mut gegen Ahri­mann, Roman von S. Coell, „Zur Zeit“ – Edi­ti­on Band 30, W3 Ver­lags­ges. m. b. H., Wien 2018

*Wolf­ram Schrems, Mag. theol., Mag. phil., Kate­chist, Lebens­schüt­zer, seit län­ge­rem poli­tisch und meta­po­li­tisch interessiert

Bild: Wiki­com­mons

Der Roman kann über unser Part­ner­buch­hand­lung bezo­gen werden. 

4 Kommentare

  1. Cor­tes’ The­se hal­te ich für rich­tig: Ein System, in dem Frei­heit aus Gleich­heit abge­lei­tet wird, führt zu Unfrei­heit. Aber die­se Her­lei­tung gilt nicht für die Anhän­ger der par­la­men­ta­ri­schen Demo­kra­tie oder Mon­ar­chie, son­dern für die Tota­li­ta­ri­sten jeg­li­cher Her­kunft, anfan­gend mit den Jako­bi­nern. Cor­tes rückt das 1848er Pauls­kir­chen­par­la­ment fälsch­lich in die Nähe der Jako­bi­ner, wenn er die damals auf­ge­stell­ten Ver­fas­sungs­prin­zi­pi­en der frei­heit­li­chen Grund­rech­te als „Göt­tin“ und „Hure“ jenes „Kir­chen­par­la­ments“ hin­stellt. Der Schlüs­sel zu Cor­tes’ poli­ti­scher Phi­lo­so­phie besteht aber wohl dar­in, dass er die (unein­ge­schränk­te) mon­ar­chi­sche Staats­macht als „von Gott abge­lei­te­te Staats­ge­walt“ ansieht. Nach klas­si­scher kath. Leh­re von Tho­mas bis in die Spät­scho­la­stik ist der Staat ein natur­recht­li­ches Gebilde.

  2. Wenn der Roman so span­nend zu lesen ist wie die Bespre­chung, kann man sich auf das Buch nur freu­en. Vie­len Dank an den Rezen­sen­ten und mit Vor­schuss­lor­bee­ren an den Autor für die­se gei­stes­ge­schicht­li­chen Ein­blicke im Gewand eines lite­ra­ri­schen Nar­ra­tivs. Alle han­deln­den Strö­mun­gen exi­stie­ren noch heu­te: Dort soll­te man das Buch auch lesen und reflektieren.

  3. Mit eini­gem Befrem­den habe ich gele­sen, das der Autor selbst Bur­schen­schaf­ter sei. Des­halb — aus dem Text von Schrems ent­nom­me­ne Bezeich­nun­gen — die gra­vie­rend­sten „Feh­ler“ hier: 1.) In der dama­li­gen Zeit hat­te eine Bur­schen­schaft mit abso­lu­ter Sicher­heit kei­nen Seni­or, Con­se­ni­or o.ä. (son­dern einen Spre­cher, einen Ko-Spre­cher etc…) 2.) für eine Dres­de­ner Bur­schen­schaft exi­stier­te kein „kon­ser­va­ti­ves“ Prin­zip, das ist ein Son­der­weg, wie er in der „Alt­mark“ ent­stan­den ist. 3.) Pisto­len­du­el­le wur­den stets in bei­der­sei­ti­gem Ein­ver­ständ­nis aus­ge­macht: Der Belei­dig­te durf­te zwar die eine Hälf­te des Com­ments (das Regel­werk) bestim­men und tat den ersten Schuss, der Belei­di­ger jedoch konn­te die zwei­te Hälf­te des Com­ments bestim­men und muss­te den Bedin­gun­gen des Belei­dig­ten zustim­men (die nie­mals vom Ehren­ge­richt akzep­tiert wor­den wären, wenn sie die Chan­cen nicht pari-pari ver­teil­ten (!)) — tat er das nicht hat­te das den Ver­lust sei­ner Ehre zur Fol­ge. Die konn­te jedoch durch ein ver­gleich­ba­res Duell wie­der her­ge­stellt wer­den… — - — Anson­sten: Fern­ab der öster­rei­chi­schen Les­art der „reichs­deut­schen“ Bur­schen­schafts­dar­stel­lung: Eine sehr inter­es­san­te Geschich­te mit bemer­kens­wer­ten Ansät­zen.… (Mei­ne Kri­tik an der Kor­po­ra­ti­ons­dar­stel­lung tut mir leid, denn die Schnit­zer sind durch die beson­de­re öster­rei­chi­sche Ent­wick­lung in der Bur­schen­schaft ent­stan­den und mei­ne Anmer­kun­gen sind kon­struk­tiv — nicht destruk­tiv gemeint!)

    • @ Diet­rich von Schwarzen

      Dan­ke für Ihre kon­struk­ti­ve Kri­tik, die ich wei­ter­lei­ten wer­de. Der Autor ist m. W. sehr gut ein­ge­le­sen, wie er schon in den bei­den ersten Büchern zu erken­nen gab. Daher soll­te es mich wun­dern, daß er sich gro­be Schnit­zer gelei­stet hät­te. Aber das kann ich nicht beurteilen. 

      Die Bezeich­nung „Spre­cher“ (für das, was andern­orts „Seni­or“ ist) kommt in dem Buch übri­gens auch vor.

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