Kardinal Farrell: „Amoris laetitia braucht keine Korrektur“

Kritiker von Franziskus „wollen wiederverheiratete Geschiedene von der Erlösung ausschließen“

Kardinal Farrell mit Papst Franziskus
Kardinal Farrell mit Papst Franziskus: „Kritiker von Franziskus wollen wiederverheiratete Geschiedene von der Erlösung ausschließen“

(Rom) Der katho­li­sche, bri­ti­sche The Tablet, eine Wochen­zei­tung von pro­gres­si­ver Aus­rich­tung, ver­öf­fent­lich­te in der aktu­el­len Aus­ga­be vom 25. Janu­ar einen Arti­kel, der sich auf ein Inter­view mit Kar­di­nal Kevin Joseph Far­rell, Prä­fekt des neu­en Dikaste­ri­ums für Lai­en, Fami­lie und Leben, stützt. Der Kar­di­nal, der wegen sei­ner Nähe zu Ex-Kar­di­nal McCarrick in der Kri­tik steht, ver­tei­digt dar­in mit Nach­druck das Lehr­amt von Papst Franziskus.

„Amoris laetitia wird gut angenommen“

Kar­di­nal Far­rell aus den USA, von Papst Fran­zis­kus zum Pur­pur­trä­ger kre­iert und an die Spit­ze des neu­en Dikaste­ri­ums beru­fen, ist nach­drück­lich bemüht, sich als Ver­tei­di­ger des Lehr­am­tes von Fran­zis­kus zu zei­gen. Sei­ne Kern­aus­sa­ge lautet:

„Es gibt nichts in Amo­ris Lae­ti­tia, das dem Evan­ge­li­um wider­spricht. Was macht Fran­zis­kus? Er geht zum Evangelium.“

Die­se Aus­sa­ge meint der „füh­ren­de Kar­di­nal“, so The Tablet, mit weit­rei­chen­der Kon­se­quenz, denn die Zeit­schrift schreibt:

„Ein hoch­ran­gi­ger Kar­di­nal sagt, daß die Leh­re von Papst Fran­zis­kus über die Fami­lie von den Orts­kir­chen ‚über­wie­gend gut auf­ge­nom­men‘ wur­de, und kei­ne ‚Kor­rek­tur‘ erfor­der­lich ist.“

Seit der Ver­öf­fent­li­chung von Amo­ris lae­ti­tia wur­de Kri­tik dar­an laut. Vier Kar­di­nä­le for­der­ten von Papst Fran­zis­kus im Som­mer 2016 mit ihren Dubia Ant­wort zu offe­nen Fra­gen, ohne aber bis­her eine sol­che zu erhal­ten. Im Herbst 2017 reagier­te eine inter­na­tio­na­le Initia­ti­ve nam­haf­ter katho­li­scher Per­sön­lich­kei­ten mit einer bei­spiel­lo­sen Akti­on auf eine „bei­spiel­lo­se Kri­se“ in der Kir­che. Mit einer Cor­rec­tio filia­lis de hae­re­si­bus pro­pa­ga­tis for­der­ten sie eine Kor­rek­tur gegen „die Ver­brei­tung von Häre­si­en“, von denen sie sie­ben in Amo­ris lae­ti­tia aus­fin­dig gemacht haben.

Wie­der­um reagier­te Papst Fran­zis­kus nicht. Dafür wur­den meh­re­re der cou­ra­gier­ten Unter­zeich­ner aus kirch­li­chen Anstel­lun­gen ent­las­sen, aus kirch­li­chen Gre­mi­en ent­fernt oder zumin­dest ver­warnt. Das Signal war klar: Kon­kre­te Kri­tik wird nicht gedul­det, all­ge­mei­ne Kri­tik ignoriert.

„Korrektur von Amoris laetitia nicht erforderlich“

Laut Kar­di­nal Far­rell ist eine „Kor­rek­tur“ von Amo­ris lae­ti­tia „nicht erfor­der­lich“, weil das Schrei­ben von den Orts­kir­chen „über­wie­gend gut auf­ge­nom­men“ wurde.

Far­rell wird noch deutlicher:

„Es ist kei­ne Kor­rek­tur vor­zu­neh­men. Es gibt nichts in Amo­ris lae­ti­tia, das dem Evan­ge­li­um wider­spricht. Was macht Fran­zis­kus? Er geht zum Evan­ge­li­um. Schau­en Sie sich jedes Kapi­tel an, es ist direkt einem der Evan­ge­li­en oder den Brie­fen des hei­li­gen Pau­lus entnommen.“

The Tablet bohrt nach: Mit den Dubia sei von Kar­di­nä­len Kri­tik am Papst in einer Form geübt, wie es sie seit Jahr­hun­der­ten nicht mehr gab. Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke, einer der Unter­zeich­ner der Dubia, habe mehr­fach öffent­lich ange­kün­digt: Soll­te Fran­zis­kus die not­wen­di­gen Ände­run­gen an Amo­ris lae­ti­tia nicht vor­neh­men, könn­te es zu einer Zurecht­wei­sung kommen.

Far­rell ant­wor­tet, bald drei Jah­re nach der Ver­öf­fent­li­chung von Amo­ris lae­ti­tia, mit einer Offen­heit, die es bis­her weder von Fran­zis­kus noch von sei­nem Umfeld gab.

Die Leh­re von Fran­zis­kus sei ein­deu­tig, so der Kar­di­nal. In sei­ner Zusam­men­fas­sung schreibt Chri­sto­pher Lamb:

„Der Papst eröff­net den Katho­li­ken, die sich schei­den las­sen und wie­der­ver­hei­ra­tet sind, die Mög­lich­keit, nach einem Unter­schei­dungs­pro­zeß und von Fall zu Fall wie­der in die Gemein­schaft zurückzukehren.“

Um eine sol­che Aus­sa­ge drückt sich Fran­zis­kus noch heu­te her­um, um Wider­stän­de mög­lichst gering zu hal­ten. Heu­te scheint man sich in sei­nem Umfeld aller­dings so sicher zu füh­len, daß ein Kar­di­nal aus die­sem Umfeld so offen formuliert.

Far­rell betont den „Pro­zeß“, der statt­fin­den soll, der „zwei Jah­re, oder drei Jah­re dau­ern kann. Das hängt von den Men­schen ab. Prin­zi­pi­ell geht es aber dar­um, den Men­schen zu begeg­nen, wo sie stehen.“

Was der Kar­di­nal nicht sagt: Es könn­te auch viel schnel­ler gehen. Die ver­meint­lich lan­ge Dau­er soll, wie aus dem Zusam­men­hang der Dis­kus­si­on um Amo­ris lae­ti­tia her­vor­geht, vor allem Beden­ken zer­streu­en, sagt aber wenig über die wirk­li­che Pra­xis aus.

Kritiker wollen „von Erlösung ausschließen“

Skur­ril wer­den die Aus­sa­gen Far­rells, wenn er den Ein­druck erweckt, die Kri­ti­ker woll­ten wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne von der Erlö­sung ausschließen: 

„Sind sie für immer außer­halb der Kir­che? Es gibt über­haupt kei­ne Erlö­sung. Kei­ne? Sie wol­len mir sagen, daß die Erlö­sung durch Chri­stus für die­se Men­schen nicht erfolgt ist? Nein.“

Jeder Hin­weis fehlt, daß die Kir­che immer die Erlö­sungs­fä­hig­keit eines jeden Men­schen lehr­te. Eben­so fehlt in der Aus­sa­ge des Kar­di­nals jeder Hin­weis auf Fami­lia­ris con­sor­tio von Papst Johan­nes Paul II., der dar­in die Situa­ti­on der wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen aus­drück­lich behandelt.

Statt­des­sen betont Far­rell, daß die „Oppo­si­ti­on gegen Amo­ris lae­ti­tia von einer Min­der­heit in der Kir­che“ kom­me, wäh­rend sein Dikaste­ri­um wis­se, daß die Leh­re von Fran­zis­kus „ange­nom­men wird“.

Er wis­se das durch Infor­ma­tio­nen, die von den Bischofs­kon­fe­ren­zen und von Lai­en­grup­pen „aus aller Welt“ kom­men, die im Bereich Ehe und Fami­lie tätig sind.

Kar­di­nal Far­rell wörtlich:

„Es gibt eini­ge Ele­men­te in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, auf dem afri­ka­ni­schen Kon­ti­nent und eini­ge hier in Euro­pa — aber nicht sehr stark -, die die Vor­stel­lung haben, zu einer Kir­che zurück­zu­keh­ren, von der ich glau­be, daß sie nie exi­stiert hat.“

Mit einem ent­hül­len­den Nachtrag:

„Tief im Inne­ren ist dies ein ideo­lo­gi­scher Konflikt.“

Wirft der Kar­di­nal viel­leicht der Gegen­sei­te vor, was er selbst verfolgt?

„Wußte nichts von McCarricks Verfehlungen“

Im Tablet-Inter­view bekräf­tig­te Far­rell zudem erneut, nichts von den sexu­el­len Ver­feh­lun­gen von Ex-Kar­di­nal Theo­do­re McCarrick gewußt zu haben, obwohl er von 2002 bis 2007 des­sen Weih­bi­schof in Washing­ton war und im sel­ben Haus mit ihm wohnte.

Schließ­lich sag­te Kar­di­nal Far­rell, wor­in er die gro­ße Lei­stung von Papst Fran­zis­kus sieht:

„Ich wür­de sagen, daß er die Kir­che auf einen evan­ge­li­schen Weg gebracht hat. Ich mei­ne nicht ‚nicht-katho­lisch‘, ich mei­ne evan­ge­lisch wie das Evangelium.“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

2 Kommentare

  1. „…den Men­schen zu begeg­nen, wo sie ste­hen.“ Das ist rich­tig — und banal. Es ist jedoch kaum die Auf­ga­be eines See­len­füh­rers, alle ste­hen zu las­sen. Unbe­weg­lich­keit ist ein Kenn­zei­chen des Todes. So ver­hält es sich auch hier. Das leben­di­ge Was­ser, die Quel­le zu fin­den, das ist der Weg des Lebens.

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