Christentum: Utopie und Realität

Wider die Komplexe der Schüchternheit und Resignation, die eine wirklich erhebende katholische Renaissance unterbinden

Christentum: Utopie und Realität
Christentum: Utopie und Realität

von End­re A. Bár­d­os­sy

Der Ver­dacht, daß Uto­pien & Ideo­lo­gien auch im Scho­ße des Chri­sten­tums, wäh­rend lan­ger Jahr­hun­der­te, wich­ti­ge Schlüs­sel­rol­len gespielt haben könn­ten, mag von tra­di­ti­ons­be­wuß­ten Chri­sten ent­täu­schend emp­fun­den wer­den. Unse­re Ver­gan­gen­heit war nicht immer so hoch­po­liert, wie wir das manch­mal erträu­men. Nach der Tei­lung West- und Ost­roms (395) stell­ten sogar her­aus­ra­gen­de Theo­lo­gen wie Augu­stin (354–430), inmit­ten der bar­ba­ri­schen Mas­sen­mi­gra­ti­on, und Anselm (1033–1109), für die lan­gen Näch­te des Früh­mit­tel­al­ters, den frei­en Wil­len in Abre­de. Nach fort­schrei­ten­der Ent­frem­dung und wech­sel­sei­ti­ger Exkom­mu­ni­ka­ti­on wälz­te sich die Römi­sche Kir­che von den uner­wünsch­ten Ortho­do­xen recht­lich, vor allem aber auch gei­stig ab (1054). Tho­mas von Aquin (1225–1274), die füh­ren­de Gestalt der Hoch­scho­la­stik, erweck­te mit der Rezep­ti­on des Ari­sto­te­les ein neu­es, vielverspre­chendes Bewußt­sein. Auch die auf­blü­hen­de Früh­re­nais­sance der Kün­ste in Ita­li­en (das Quat­tro­cen­to 1400…) sprach den Taten­drang und die Kün­ste der schöp­fe­ri­schen Eli­ten wie­der an. Dem­nächst wirk­te Mat­thi­as Cor­vi­nus (1458–1490) im Unga­ri­schen König­reich und in Süd­po­len (Kra­kau) als gro­ßer Huma­nist, und erst mit beträcht­li­cher Ver­zö­ge­rung folg­te das übri­ge Euro­pa nach. Die Renais­sance-Huma­ni­sten sta­chel­ten eine umfas­sen­de Bildungs­reform an. Nach Luthers tie­fem Rück­fall (1518) in die fata­li­sti­sche Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re war die eiser­ne Dik­ta­tur Cal­vins in Genf nur eine logi­sche Kon­se­quenz der gei­sti­gen Träg­heit. Erst der kraft­vol­len Gegen­re­for­ma­ti­on gelang, mit dem Triden­ti­num (1545–1563) einen anhal­ten­den katho­li­schen Früh­ling des Hoch­ba­rocks ein­zu­lei­ten. Seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on (1789), in dürf­ti­ger Zeit der miß­lun­ge­nen Auf­klä­rung, ist es gleich­wohl die Her­aus­for­de­rung der gegen­wär­ti­gen Stun­de, die bei­spiel­haf­ten Aspek­te unse­rer Geschich­te zu erfor­schen und beher­zi­gen, dem Defä­tis­mus zu ent­sa­gen und dem Jam­mern auch dann Gren­zen zu set­zen, wenn der Katho­li­zis­mus in einer nahen Zukunft den här­te­sten Bewäh­rungs­pro­ben ent­ge­gen­geht. Dafür brau­chen wir eine kla­re Front­li­nie gegen jene Fana­ti­ker, wel­che die von Gott uns ver­lie­he­ne Frei­heit und Wür­de der voll­ge­reif­ten mensch­li­chen Per­sön­lich­keit bekämp­fen. Die bedrücken­den Kom­ple­xe der Schüch­tern­heit und Resi­gna­ti­on sind unse­re effek­tiv­sten Hemm­schu­he, die eine neue, wirk­lich erhe­ben­de katho­li­sche Renais­sance unter­bin­den. Sie rich­ten mehr Scha­den an, als die exter­nen Angrif­fe aller Moder­ni­sten zusam­men.

Rückbesinnung auf die Geschichte

Die Lage der Chri­sten­heit hat heu­te par­al­le­le Züge mit der Situa­ti­on im Alten Rom. Die Glau­bens­ge­wiß­heit der vor­erst schüch­ter­nen Jün­ger­schar muß­te nach Ostern ange­sichts der lawi­nen­ar­tig anbre­chen­den Ver­fol­gung im Römi­schen Reich zunächst ein­mal zu Cha­rak­ter­fe­stig­keit und Gelas­sen­heit, zu Klug­heit und vor allem zu einem uner­schüt­ter­li­chen Ver­trau­en an den escha­to­lo­gi­schen End­sieg her­an­rei­fen. Nur so konn­te der Völ­ker­apo­stel Pau­lus (+ 60 in Rom) in der Tat geschichts­mäch­tig, kri­sen- und fel­sen­fest vor­wärts­kom­men, und wenn es unver­meid­bar war, auch für das Blut­zeug­nis bereit­ste­hen. Ledig­lich für blo­ße „Mei­nun­gen & Uto­pien“ kann kei­ner so neben­bei Kopf und Kra­gen ris­kie­ren.

Die Reichsteilung des Alten Roms (395) (A)
Die Reichs­tei­lung des Alten Roms (395)
  • Vom sagen­haf­ten Grün­dungs­da­tum Roms (753 v. Chr.) bis zur Reichs­tei­lung West- und Ost­roms nach dem Tod von Kai­ser Theodo­sius dem Gro­ßen (395) ver­flos­sen Ein­tau­send Ein­hun­dert Acht­undvierzig ereig­nis­rei­che Jah­re. Die Tei­lung hat­te fata­le Fol­gen: Bei­de sind zugrun­de gegan­gen! Westrom exi­stier­te schluß­end­lich nicht ein­mal 100 Jah­re mehr (395–480).
  • Das Lem­ma Ora et labo­ra des hl. Bene­dikts von Nur­sia (480–547) kul­ti­vier­te das brach­lie­gen­de Euro­pa all­mäh­lich wie­der. In der Ver­wü­stung wur­den die Wer­te der anti­ken Kul­tur allein mit dem Kreuz, dem Pflug und dem latei­ni­schen Alpha­bet der Bene­dik­ti­ner neu ver­mit­telt.
  • Nach der ger­ma­ni­schen Migra­ti­ons­kri­se währ­te die Wiederher­stellung des Hei­li­gen Römi­schen Rei­ches Deut­scher Nati­on als zwei­te Chan­ce noch­mals Tau­send Jah­re (800‑1804) lang.
  • Auch die Byzan­ti­ni­sche Hälf­te war Euro­pas blü­hen­de Flan­ke im Osten bis zur voll­stän­di­gen osma­ni­schen Erobe­rung Klein­asi­ens. In Kon­stan­ti­no­pel, dem Zwei­ten Rom, über­leb­te der Reichs­ge­dan­ke eben­falls ein Mill­en­ni­um (395‑1453). Der tür­ki­sche Name Istan­bul für die öst­li­che Metro­po­le der Chri­sten­heit hat sich erst ab 1930 im inter­na­tio­na­len Ver­kehr lücken­los durch­set­zen kön­nen.
  • Nach der osma­ni­schen Erobe­rung Ost­roms haben die byzan­ti­ni­schen Able­ger des Chri­sten­tums an den nörd­li­chen Ufern des Schwar­zen Mee­res Zuflucht gesucht und in Mos­kau als Drit­tem Rom eine neue Hei­mat gefun­den. Alle ihrem Ursprung nach euro­zen­trisch ange­leg­ten Reichs­ideen haben somit einen Bezug zum Alten Rom: alle wur­den am Altar der Geschich­te demo­liert, nur das Chri­sten­tum über­leb­te bis heu­te zumin­dest in ihren Grund­fe­sten.
  • Nach dem Ter­ror­an­schlag Napo­lé­ons war das zuletzt ver­blie­be­ne Drei­eck aus der gro­ßen Ver­gan­gen­heit mit den Haupt­städ­ten Wien, Prag, Buda­pest nur mehr ein Schat­ten­reich in der Defen­si­ve. Das Tau­send­jäh­ri­ge Reich des römisch-deut­schen Kai­sers Franz II. (1792–1806) wan­del­te sich über Nacht in das Hun­dert­jäh­ri­ge Ersatz­reich des sel­bi­gen Kai­sers Franz I. von Öster­reich (1804–1835), Fer­di­nands des Güti­gen (1835–1848), Franz Josephs des Letz­ten (1848–1916) und des Seli­gen Karls (1916–1918), der im Kriegs­ge­wühl nicht mehr bestehen konn­te und von den Sozia­li­sten ver­bannt wur­de. Das Met­ter­nich-Reich Fran­zens war nur mehr ein schwa­cher Abglanz des Ori­gi­nals, das sich mit viel Müh und Not auf der Büh­ne der Welt­ge­schich­te auf­recht­erhal­ten konn­te. Kai­ser Franz II. / I. ver­kup­pel­te sogar sei­ne eige­ne Toch­ter Marie-Loui­se an den ver­haß­ten Feind Napo­lé­on nach der Schei­dung von sei­ner unfrucht­ba­ren Frau José­phi­ne, die kei­nen Thron­fol­ger gebä­ren konn­te. Tja, erz­ka­tho­li­sche Kai­ser dür­fen das? Kein Bischof sprach den Kir­chen­bann gegen die­se nie­der­träch­ti­ge Poli­tik oder ein Stoß­ge­bet für das Seelen­heil des jun­gen Mäd­chens aus aller­höch­stem Hau­se! Es war ein hoch­of­fi­zi­el­ler Ehe­bruch fürs katho­li­sche Vater­land! Mit die­ser Moral ist es kein Wun­der, wenn man auch auf dem Schlacht­feld lau­fend ver­lo­ren hat.

Drei regio­na­le Kai­ser in Paris und Wien (1804), in St. Peters­burg (ab 1703), und auch noch der vier­te Nach­züg­ler Wil­helm I. in Ber­lin (1871), waren zuviel für den ehr­wür­di­gen, alten Kon­ti­nent, der in einem Welt­krieg auseinander­brechen muß­te. Das beson­ders tra­gi­sche Ende der Mit­tel­mäch­te wur­de mit dem Kne­bel­ver­trag von Ver­sailles besie­gelt (1919). Mit der Unter­zeich­nung des­sel­ben ende­te nicht der Welt­krieg, man ver­schaff­te sich bei­der­sei­tig nur eine Ver­schnauf­pau­se für die Wie­der­auf­rü­stung und die End­ab­rech­nung. Unter jeweils ande­rem Vor­zei­chen stan­den die Kon­kur­ren­ten des katho­li­schen Öster­reichs stets auf feste­ren Füßen:

  • Die Aben­teu­er der Gran­de Nati­on unter dem Empor­kömm­ling Nabu­lio­ne Buon­a­par­te aus Kor­si­ka waren zwar Ein­tags­flie­gen, die Fran­zo­sen kamen aber aus dem Welt­krieg (1914–1945) zwei­mal als Sie­ger her­vor.
  • Wäh­rend die kon­ti­nen­ta­len Mäch­te ein­an­der das Gemet­zel lie­fer­ten, errich­te­ten die Angli­ka­ner das Bri­tish Empi­re der Welt­mee­re und die Ame­ri­ka­ner die Welt­märk­te zu ihren Gun­sten.
  • Lenin und Sta­lin wur­den ton­an­ge­bend im ehe­ma­li­gen Drit­ten Rom bis zum laut­lo­sen, inter­nen Zusam­men­bruch der blut­ro­ten Kar­ten­burg unter Michail Ser­ge­je­witsch Gor­bat­schow (1917–1991).
  • Schließ­lich und end­lich geht nun das mun­ter gewor­de­ne Euro­pa der Vater­län­der, das vom Gene­ral Charles de Gaul­le zu spät erweckt wor­den war, samt sei­nem christ­li­chen Inven­tar schlei­chend unter.

Wie ver­schie­den alle Impe­ri­en auch gewe­sen sein moch­ten, für Tau­send Jah­re wur­den nur dem Hei­li­gen Deutsch-Römi­schen und dem Byzan­ti­ni­schen Reich Gna­de und Segen ver­lie­hen, solan­ge sie eini­ger­ma­ßen hei­lig regiert wor­den waren. Der lang­sa­me Zer­fall aller säku­la­ren alt- und neu­rö­mi­schen Impe­ri­en ist jedoch das Urge­stein, wor­in sich das Regnum, die Königs­herr­schaft Chri­sti, unauf­halt­sam aus dem Nahen Osten kom­mend über West- und Ost­eu­ro­pa aus­brei­ten konn­te.

„Historia magistra vitae“ (Cicero)

Von Aber­glau­ben, Legen­den und Vor­ur­tei­len befrei­te, umfas­send von den Erfah­run­gen der Welt- und Heils­geschichte auf­ge­klär­te Chri­sten dür­fen nicht nur die Attacken der exter­nen Fein­de und der untreu­en Ver­rä­ter bejam­mern. Sie müß­ten auch den Her­gang und die inter­nen Ursa­chen des eige­nen Dahin­sie­chens einer inti­men Revi­si­on unter­zie­hen:

  1. Erstens genügt es nicht, ein from­mes, unru­hi­ges Herz zu haben, das aller­dings die Vor­aus­set­zung des fol­gen­den zwei­ten Punk­tes ist.
  2. Zum gläu­bi­gen Herz gehört näm­lich auch die Auf­klä­rung der Glau­bens­in­hal­te mit höchst­mög­li­cher Prä­zi­si­on. Kämp­fen kann man nur, wenn man weiß wofür?
  3. Wei­ters ist jeder Glau­be auf eine sinn­vol­le Opfer­be­reit­schaft ange­wie­sen. In der abgrund­tie­fen Iden­ti­täts­kri­se des moder­nen Katho­li­zis­mus scheint es daher drin­gend not­wen­dig zu sein, über einen sinn­vol­len Opfer­be­griff eini­ge Klar­stel­lun­gen anzu­stel­len.
  4. Grund­sätz­lich gibt es drei christ­li­che Ein­stel­lun­gen: a) Opti­mis­mus: Die grie­chi­schen Kir­chen­vä­ter des frü­hen Chri­sten­tums strahl­ten viel mehr Zuver­sicht, Ruhe und Freu­de aus, als die Defä­ti­sten von heu­te. Die Grie­chisch-Rus­sisch-Ortho­do­xen fei­ern daher den Höhe­punkt unse­rer Erlö­sung durch Chri­stus nicht in der dunk­len Nacht des Kar­frei­tags, wie die Luthe­ra­ner, son­dern am Oster­mor­gen. b) Pes­si­mis­mus: Im latei­ni­schen Westen strah­len dage­gen Augu­stins düste­re Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re und her­nach Ansel­ms eng anschlie­ßen­de Satis­fak­ti­ons­leh­re – gelin­de gesagt – eine ver­hee­ren­de, depres­si­ve Wir­kung auf das Gemüt aus. Bis heu­te ste­hen wir wie ver­stei­nert unter ihrer Wir­kung. c) Rea­lis­mus: Dem alle über­ra­gen­den Doc­tor com­mu­nis der Kir­che, Tho­mas von Aquin, ver­dan­ken wir, daß er die Über­trei­bun­gen sei­ner bei­den ein­fluß­rei­chen Vor­gän­ger gemil­dert hat.
  5. Letz­tens müs­sen kon­ser­va­ti­ve, tra­di­ti­ons­be­wuß­te Katho­li­ken ein­se­hen, daß die Träu­me eines blo­ßen Revisionis­mus zweck­los sind. Der wei­se Papst Bene­dikt XVI. deu­te­te ein­mal an: „Der alte Wein, der war gut, aber für den Neu­en brau­chen wir doch neue Schläu­che.“

Die nega­ti­ven Kom­po­nen­ten der extre­men Prä­de­sti­na­ti­ons- und Satis­fak­ti­ons­leh­re wur­den vom sprach­ge­wal­ti­gen Mar­tin Luther noch­mals auf die Spit­ze getrie­ben. Sei­ne zutiefst reli­giö­se Ver­bit­te­rung und kon­se­quen­te Leug­nung jeg­li­chen frei­en Wil­lens (Liber­um arbi­tri­um) müß­te auch als Gei­stes­krank­heit inter­pre­tiert wer­den. An der Wur­zel sei­ner Ket­ze­rei steckt der Ver­such, jeg­li­che Frei­heit und Ver­ant­wor­tung über unse­re Miß­stän­de, Irr­tü­mer und Sün­den mög­lichst weit von uns zu wei­sen und auf die erb­li­che „Ursün­de“ von Adam und Eva abzu­wäl­zen. Jede Sün­de, von den läß­lich­sten ange­fan­gen bis zu den töd­lich­sten Kapi­tal­ver­bre­chen, ist Aus­ge­burt des Bösen, des­sen Geburts­hel­fer ein­zig und allein unser frei­er Wil­le ist.

Die welt­wei­te Herr­schaft der Bos­heit, über die per­sön­li­chen Sphä­ren hin­aus, kann sich frei­lich nicht ohne kol­lek­ti­ve Imi­ta­ti­on aus­brei­ten, wel­che sich sogar bis zum Reli­gi­ons­wahn wie Hexen- und Ket­zer­ver­bren­nun­gen stei­gern kann. Dazu waren nicht nur Katho­li­ken und Pro­te­stan­ten im soge­nann­ten „dunk­len Mit­tel­al­ter“ fähig, son­dern noch mehr die Fana­ti­ker in unse­rem fin­ste­ren, ach so auf­ge­klär­ten XX. Jahr­hun­dert ohne Zahl. Wenn wir auch die unaussprech­lichsten Graus­lich­kei­ten des drei­ßig­jäh­ri­gen Welt­krie­ges (1914–1945) samt Ver­nich­tungs­la­ger in Deutsch­land, im besetz­ten Polen und im roten Sowjet-Ruß­land unter einem breit­ge­faß­ten Begriff des säku­la­ri­sier­ten Reli­gi­ons­wahns sub­su­mie­ren, dann kön­nen wir nur stau­nen, wozu alles der Mensch fähig ist. Dem fin­ster­sten XX. Jahr­hun­dert ist die Schan­de zuge­kom­men, alle Schei­ter­hau­fen und Guil­lo­ti­nen der Welt­ge­schich­te zur letz­ten Per­fek­tio­nie­rung gestei­gert zu haben. Napo­lé­ons euro­pa­wei­ter Ter­ror, Hit­ler, Sta­lin, Mao und nicht zuletzt Tru­mans Atom­bom­ben­ein­sät­ze sind die end­lo­sen Ket­ten­glie­der jener Tod­sün­den, die Welt­re­kor­de erbrach­ten. Hit­ler pfleg­te eine gewis­se Zunei­gung für Napo­lé­ons Grö­ßen­wahn und für Luthers lei­den­schaft­li­ches Deutsch­tum gegen Rom.

Es spricht vie­les dafür, daß auch die Sozi­al­de­mo­kra­tie und der Libe­ra­lis­mus, unter zahl­rei­chen ande­ren Ton­ar­ten, klar und deut­lich als reli­gi­ons­ähn­li­che Gebil­de der Moder­ne ein­zu­stu­fen sind. Auch sie haben ihre eige­nen Dog­men (Lehr­sät­ze), Riten und ihren Anspruch einer exklu­si­ven Heils­bot­schaft auch dann, wenn sie die Dog­men, Riten und Ansprü­che der über­lie­fer­ten, christ­li­chen Reli­gi­on bekämp­fen.

Ohne unse­re urei­gen­ste Arbi­tra­ge, d. h. ohne unse­re höchst­per­sön­li­chen Ent­schei­dun­gen im Streit zwi­schen den guten und bösen Mäch­ten der Reli­gio­nen und Ersatz­re­li­gio­nen vor dem Schieds­ge­richt des Gewis­sens und frei­en Wil­lens gäbe es weder Justiz noch Justiz­mord, aber auch kein Jüng­stes Gericht für unse­re schand­vol­len Geschich­ten. Bekannt­lich haben die Unter­ta­nen aller Zei­ten jene Regie­rung und Regie­rungs­form, wel­che sie nach ihrer Kul­tur und nach ihrem Stand der tech­ni­schen Zivi­li­sa­ti­on ver­dient haben. Dabei ist die zeit­lo­se Defi­ni­ti­on Tho­mas Stearns Eliot’s (1888–1965) in Erin­ne­rung zu behal­ten: „Kul­tur ist die fleisch­ge­wor­de­ne Reli­gi­on eines Vol­kes!“ Somit ist auch zu erwar­ten, daß jede Ersatz­re­li­gi­on ihren spe­zi­fi­schen Kul­tur­er­satz, und jede unan­nehm­ba­re Unre­li­gi­on ihre unan­nehm­ba­re Unkul­tur nach sich zie­hen muß. Sowohl im sakra­len wie auch im welt­li­chen, politi­schen Bereich ist eine rei­ne Ideo­lo­gie nicht mehr wert, als ein behelfs­mä­ßi­ger, bil­li­ger Ersatz für den eigent­li­chen Glau­ben, der Ber­ge wirk­lich ver­set­zen kann.

Im rei­ßen­den Strom der Welt­ge­schich­te kön­nen sich auf lan­ge Sicht nur jene Staats­män­ner rich­tungs­wei­send hal­ten, die irgend­wie mit der kul­tu­rel­len Basis kom­mu­ni­zie­ren und in den Grundwer­ten und Grundtugen­den (bzw. Unwer­ten und Untugen­den) mit dem Volk weit­ge­hend über­ein­stim­men.

Die erha­be­ne Durch­schlags­kraft des frü­hen Chri­sten­tums tri­um­phier­te nicht nur über die deka­dent gewor­de­nen Römer, son­dern auch über die bar­ba­ri­schen Migran­ten­hor­den von anno dazu­mal: Ger­ma­nen, Hun­nen, Magya­ren. Dar­aus ist ersicht­lich, daß ein­zig und allein die leben­di­ge Moral der wirk­sa­me Ver­fas­sungs­schutz eines jeden Vol­kes ist. Die Akkul­tu­ra­ti­on der Ger­ma­nen und Magya­ren war von mis­sio­na­ri­schem Erfolg gekrönt, obwohl der Crash fürch­ter­lich und der Über­gang lang­wie­rig war. Atti­las Hun­nen waren dage­gen unver­bes­ser­lich und ver­schwanden spur­los von der Büh­ne der Geschich­te.

Was wird mit uns gesche­hen? Die ver­arm­ten, kul­tur­lo­sen Pro­le­ten­mas­sen der Drit­ten Welt ste­hen vor unse­ren Toren wie ein­stens die Ele­fan­ten von Han­ni­bal. Kei­ner kann im vor­aus erra­ten, son­dern nur Ver­mu­tun­gen anstel­len, was in den kom­men­den Dez­en­ni­en pas­sie­ren wird. Eine neue, tota­li­tä­re Bar­ba­rei ist jedoch nicht mit Sicher­heit auszu­schließen. Der Puls der Zivi­li­sa­ti­on schlägt heu­te schnel­ler und die Schat­ten sind län­ger gewor­den als jemals zuvor. Die abend­län­di­sche Kul­tur, so wie sie gewach­sen ist, ist ohne den gei­sti­gen Antrieb der zuge­hö­ri­gen Reli­gi­on nicht ver­mit­tel­bar. Nach­hil­fe­stun­den in Staats­bür­ger­schafts­kun­de, Stra­ßen­ver­kehrs­ord­nung und Deutsch­un­ter­richt wer­den wenig aus­rich­ten, wenn das Herz der Zuge­rei­sten anders­wo schlägt.

Jeden­falls ist fest­zu­hal­ten, daß in den Kata­kom­ben der Urchri­sten, in der Abwehr der Moh­ren und Osma­nen, aber auch in dem katho­li­schen Früh­ling der Gegen­re­for­ma­ti­on, wo es stets um Leben und das knap­pe Über­le­ben ging, hät­te man ohne Ent­schlos­sen­heit, Selbst­be­wußt­sein und frei­en Wil­len die här­te­sten Heim­su­chun­gen nicht bestehen kön­nen. Uto­pi­sche Ansich­ten von ver­bohr­ten Theo­lo­gen und säku­la­ren Ideo­lo­gen, also ledig­lich intel­lek­tu­el­le Spe­ku­la­tio­nen, las­sen sich noch lan­ge nicht in exi­sten­ti­ell her­an­ge­reif­te Glau­bens­hal­tun­gen und in ethisch-mora­lisch ein­wand­freie Ver­hal­tens­wei­sen ver­wan­deln. Blo­ße Mei­nun­gen wer­den den Rea­li­täts­sinn und die Ent­schlos­sen­heit der Mär­ty­rer und die Kampf­be­reit­schaft der Eli­ten auf ihrem blu­ti­gen Opfer­gang bis zum Tode weder erset­zen noch beflü­geln kön­nen. Es steht geschrie­ben, daß es kei­ne grö­ße­re Lie­be gibt, als wenn einer sein Leben für sei­ne Freun­de hin­gibt (Johan­nes 15,13). Unse­re wah­ren Hei­li­gen aller Zei­ten ver­die­nen nicht nur Pie­tät und die Ehre der Altä­re für eine gemüt­li­che Sonn­tags­stim­mung und eine Kranz­nie­der­le­gung auf dem Hel­den­platz. Akti­ve Chri­sten, aber nicht zuletzt alle ihres Namens wür­di­gen Staats­män­ner müß­ten viel­mehr ihrer über­lie­fer­ten, unbe­ding­ten Anlie­gen bewußt wer­den, klar defi­nie­ren und beken­nen, um aus­zu­har­ren und sie all­täg­lich vor­le­ben und umset­zen zu kön­nen.

Was ist eigentlich der Glaube?

Wie kön­nen wir den Glau­ben (gr. Pistis / Treue, lat. Fides / Ver­trau­en) von der Leicht­gläu­big­keit unter­schei­den? Dafür ist bei Paul Til­lich (1886–1965) die fol­gen­de prä­zi­se, ein­wand­freie Defi­ni­ti­on zu fin­den:

„Glau­be ist das Ergrif­fen­sein von dem, was uns unbe­dingt angeht.“ (1)

Von Til­lich muß man jedoch etli­ches wis­sen, was nicht gera­de­zu erbau­lich ist: näm­lich, daß er nicht nur Luthe­ra­ner war, als jun­ger Pri­vat­do­zent gehör­te er ab 1919 auch dem extre­men Kreis Reli­giö­ser Sozia­li­sten an. Als sol­cher, am Elend der Zwi­schen­kriegs­zeit inspi­riert, schrieb er: „Es ist ein höhe­res Ziel, die Vor­aus­set­zun­gen des Almosen­gebens auf­zu­he­ben, als die Armut durch Almo­sen zu lin­dern.“ Kon­se­quen­ter­wei­se trat er auch der SPD bei (1929) und ver­öf­fent­lich­te ein tief­ro­tes Pam­phlet „Die sozia­li­sti­sche Ent­schei­dung“, das ihm nach der Macht­über­nah­me des NS-Regimes die Sus­pen­die­rung der aka­de­mi­schen Kar­rie­re und die Dis­qua­li­fi­zie­rung als „Kul­tur­bol­sche­wist“ ein­brach­te. Als extrem lin­ker Intel­lek­tu­el­ler emi­grier­te er unbe­hel­ligt nach Ame­ri­ka (1933), wo er zum Super­star der dama­li­gen libe­ra­len Theo­lo­gie avan­cier­te und die Lehr­stüh­le mit den Fin­gern von der Hand abzäh­len konn­te, die er begehr­te. Han­nah, sei­ne zwei­te, ihrer­seits eben­falls geschie­de­ne, zehn Jah­re jün­ge­re, hüb­sche Frau gehör­te als Dich­te­rin, Male­rin und Modell einer ande­ren, nicht gänz­lich unpas­sen­den, liber­ti­nen Hemi­sphä­re an. Sie zog „nach einer Zeit inten­si­ver Liai­sons mit Frau­en die Näch­te der Bohe­me und den Zen-Bud­dhis­mus den theo­lo­gi­schen Gesprächs­krei­sen“ vor. Sie war „eine stol­ze, eigen­wil­li­ge Per­sön­lich­keit, die sich bür­ger­li­chen Kon­ven­tio­nen eben­so ent­schie­den wider­setz­te wie der Rol­le einer füg­sa­men First Lady der Theo­lo­gie.“

Sogar ein hal­bes Zen­ten­a­ri­um nach dem Able­ben Til­lichs wid­me­te der Deutsch­land­funk (2015) immer noch eine katz­buckeln­de Wür­di­gung und Lob dafür, daß er das Chri­sten­tum nicht für die ein­zig wah­re Reli­gi­on gehal­ten habe, son­dern noch im hohen Alter einem ver­schwom­me­nen Syn­kre­tis­mus das Wort rede­te:

Ich war in Japan, wo ich zehn Wochen mit Bud­dhi­sten debat­tiert habe. Man muß ver­ste­hen, daß in jeder aktu­el­len Reli­gi­on Ele­men­te von dem ent­hal­ten sind, was auch in jeder ande­ren aktu­el­len Reli­gi­on vor­kommt. Wenn man dar­um mit einem Bud­dhi­sten spricht, dann spricht man immer zugleich mit sich selbst.“

Alle­samt sind die mehr als unschö­nen Details aus der Pri­vat­sphä­re der bei­den Til­lichs kei­ne guten Refe­ren­zen für uns heu­te in der fort­ge­schrit­te­nen Ago­nie des Katho­li­zis­mus unter Ber­go­glio, dem regie­ren­den Dik­ta­tor­papst. Nicht weni­ge Ober­hir­ten ste­hen heu­te in punc­to Liber­ti­na­ge der Pras­se­rei Luthers kei­nes­wegs nach. Sie begrün­den unter den Lai­en ent­schei­den­de Vor­be­hal­te gegen die Infla­ti­on einer Theo­lo­gie der Belie­big­keit, die seit dem Vati­ca­num II ent­fes­selt wor­den ist. Aus dem Duk­tus und manier­li­chen Geha­be des exi­sten­tia­li­sti­schen, an Kier­ke­gaard erinnern­den Zeit­al­ters, wenn nichts ande­res, so ist doch wenig­stens Til­lichs tod­ern­ster Begriff des Unbe­ding­ten bis heu­te, bei­na­he möch­te ich sagen: zeit­los dis­kus­si­ons­wür­dig geblie­ben.

„Der Gegenstand der Theologie ist das, was uns unbedingt angeht“

Nichts mehr, aber auch nichts weni­ger dür­fen wir von den Fach­leu­ten for­dern! Das Axi­om wäre rich­tig, wenn sich die Theo­lo­gen bloß danach ver­hiel­ten. Nichts­de­sto­we­ni­ger, führt Til­lich in sei­nem zitier­ten Essay den extre­men Natio­na­lis­mus als „Labo­ra­to­ri­ums­fall“ an, für die Unter­su­chung des­sen, was ein unbe­ding­tes Anlie­gen alles mit sich brin­gen und anstel­len kann (S. 10). So war er doch nicht seri­ös genug, um auch sei­nen eige­nen Jugendbolschewis­mus, Mar­xis­mus und Sozia­lis­mus mit der glei­chen Gründ­lich­keit zu erwäh­nen, die selbst­ver­ständ­lich wie alle ande­ren Labo­ra­to­ri­ums­fäl­le die glei­che Prü­fung ver­die­nen.

Die zehn unbe­zo­ge­nen Wor­te sei­ner kur­zen Form­alde­fi­ni­ti­on, wel­che die Herz­mit­te der Gläu­bi­gen aller Cou­leurs tref­fen, bie­ten uns die Mög­lich­keit, den Wan­del eines jeden kin­di­schen Glau­bens – also auch des christ­li­chen – posi­tiv zu erfas­sen. Denn gera­de mit sei­nem kei­nes­wegs posi­ti­ven Leu­mund schöpf­te Til­lich die bei­den Prin­zi­pi­en sei­ner Ana­ly­se aus gedie­ge­ner scho­la­sti­scher Tra­di­ti­on als Glau­ben qua creditur bzw. quae creditur.

„Fides qua creditur“

Sie steckt den sub­jekt­be­zo­ge­nen Glau­bens­rah­men ab, womit wir in der Tat jede belie­bi­ge Sache als ein unbe­ding­tes Anlie­gen erfas­sen, ja sogar an den Hexen­wahn oder an die Juden­ver­nich­tung, an die klas­sen­lo­se Gesell­schaft oder an den Wohl­fahrts­staat mit unbe­grenz­tem Kon­sum­se­gen glau­ben kön­nen.

Hopp­la! Ergrei­fen wir, kon­stru­ie­ren wir das Anlie­gen? Oder wer­den wir von der Ange­le­gen­heit ergrif­fen? Til­lich ging rich­tig in der Annah­me, daß der Glau­be nicht ledig­lich eine küh­le Über­le­gung dar­stellt, da zu einem glü­hen­den Glau­bens­akt auch die ganz­heit­li­che, emo­tio­nell und exi­sten­ti­ell ver­faß­te, eksta­ti­sche Ergrif­fen­heit und eine feier­liche (wah­re oder ein­ge­bil­de­te) Tran­szen­denz dazu­ge­hö­ren, die zu einer eige­nen Zele­bra­ti­on, zu Sendungsbewußt­sein und zu einem spe­zi­fi­schen Ritus drän­gen. Dabei spie­len frei­lich der Zeit­geist, das kol­lek­ti­ve Bewußt­sein und die Imi­ta­ti­on der über­lie­fer­ten Wer­te und Unwer­te, Tugen­den und Untu­gen­den eine gewal­ti­ge Rol­le. Die­se Rol­le wird „Tra­di­ti­on“ genannt, die das Gute und Böse zugleich über­lie­fert. Auch wenn kei­ner von uns Sterb­li­chen hei­lig, aber auch nicht unhei­lig der Ver­damm­nis geweiht gebo­ren wird, die kin­di­sche Imi­ta­ti­on der von den Eltern, der Schu­le und ihrem Anhang vor­ge­leb­ten Bei­spie­le des Guten bzw. des Bösen sind die Vor­stu­fen ihrer spä­te­ren Rati­fi­ka­ti­on oder Rek­ti­fi­ka­ti­on im ver­nünf­ti­gen Man­nes­al­ter. Daher muß jeder halb­wegs anstän­di­ge Christ oder Jude, Kom­mu­nist oder Natio­nal­so­zia­list, Libe­ral­de­mo­krat oder belie­bi­ger Kauz jed­we­der Kon­fes­si­on sei­ne höchst­persönliche, pri­va­te Dog­ma­tik bzw. Ideo­lo­gie nicht nur in Dis­kus­sio­nen am grü­nen Tisch oder am Stamm­tisch im Wirts­haus ver­tre­ten, und aus ihnen per­sön­li­che Vor­tei­le und fau­le Kom­pro­mis­se zie­hen. Was dann gei­sti­ge Kor­ruption hei­ßen müß­te nach dem Mot­to von Wla­di­mir Iljitsch Lenin: „Gut und wahr ist, was der Par­tei nützt“. Sogar auch der letz­te Mann soll­te sei­ne bil­lig­ste Ideo­lo­gie soweit ernst­neh­men, ja sogar im Ernst­fall dafür all sei­ne Ener­gie (viel­leicht auch sein Leben ein­set­zen), wenn er sich nicht als blo­ßer Betrü­ger oder Schwach­kopf hin­stel­len las­sen möch­te. Nur infan­ti­le, unrei­fe Per­sön­lich­kei­ten haben kei­ne, also nicht ein­mal irgend­ei­ne Über­zeu­gung (Pistis & Fides), die sie mit ihrer gan­zen intel­lek­tu­el­len Red­lich­keit, auf Treu und Glau­ben als Her­zens­an­ge­le­gen­heit verteidi­gen kön­nen. Irgend­ein Glau­be ist also die Lebens­mit­te jeder gereif­ten Per­sön­lich­keit: Es kön­nen die Kin­der, die Fami­lie, die Hei­mat und vie­le ande­re Ange­le­gen­hei­ten sein, die unschwer in eine Hier­ar­chie ein­zu­ord­nen sind.

Wenn auch Til­lich in Japan bis zu „zehn Wochen“ lang mit gläu­bi­gen Bud­dhi­sten debat­tier­te, die mei­net­we­gen den fel­sen­fe­sten Glau­ben, Pflicht­be­wußt­sein und Lau­ter­keit eines Kami­ka­ze-Pilo­ten hät­ten, der gera­de für sei­nen letz­ten, tod­ge­weih­ten Opfer-Ein­satz star­tet, so konn­te er syn­kre­ti­sti­sche Ten­den­zen den­noch nur auf dem Niveau „qua creditur“ erah­nen. Das Königs­was­ser der tie­fen Unter­schei­dun­gen zwi­schen den Welt­re­li­gio­nen (d. h. zwi­schen all den welt­wei­ten The­men, die jemals zu einer unbe­ding­ten Her­zens­an­ge­le­gen­heit erho­ben wur­den) liegt dar­in, wer mit Johan­nes wirk­lich von sich sagen kann: „Ich bin der Weg, die Wahr­heit und das Leben“ (14,6). Auch wenn die Mei­nun­gen dar­über aus­ein­an­der­ge­hen, zwei Reli­gio­nen, – Athe­is­mus als Ersatz­re­li­gi­on inklu­si­ve, – kön­nen gleich­zeitig neben­ein­an­der nicht wahr sein. Die Idee des Reli­gi­ons­plu­ra­lis­mus ist ein höl­zer­nes Eisen. (Neben­bei bemerkt, das alle­go­risch gemein­te Königs­was­ser ist ein Gemisch aus kon­zen­trier­ter Salz- und Sal­pe­ter­säu­re, das sogar das edel­ste Gold von Pla­tin schei­den kann.)

Wie kann man dann „mul­ti­kul­ti“ zusam­men­le­ben? Mög­lichst weit aus­ein­an­der! – da die Kon­flik­te ent­we­der vorpro­grammiert sind oder ledig­lich zur gegen­sei­ti­gen Ero­si­on bei­tra­gen kön­nen. Der har­te Kern der ech­ten Anlie­gen sind ent­we­der inkom­pa­ti­bel oder wer­den suk­zes­si­ve unernst genom­men. Eine völ­lig ande­re Per­spek­ti­ve bie­ten die soge­nannten Kul­tur­chri­sten, die womög­lich nicht an Gott glau­ben, aber groß­teils die glei­chen Wer­te und Tugen­den tei­len, wel­che in unse­ren Lati­tü­den (bewußt oder unbe­wußt) doch christ­li­chen Ursprungs sind. „Kul­tur, Kunst & Tauf­schein“ ohne reli­giö­se Deckung bie­ten zwar rela­tiv labi­le Gleich­ge­wichts­zu­stän­de, die jeder­zeit der Gefahr der Abbröcke­lung aus­ge­setzt sind, doch lan­ge Genera­tio­nen hin­durch stand­fest hal­ten kön­nen. Auf dem Niveau der sich selbst rei­ni­gen­den, höher­stre­ben­den Glau­bens­er­fah­run­gen, wel­che im Rah­men des unru­hi­gen Her­zens die Was­heit immer bes­ser erfas­sen kön­nen, sind jedoch Ver­mi­schun­gen und Ver­wechs­lun­gen immer sel­te­ner mög­lich.

„Fides quae creditur“

Der objek­ti­ve Glau­bens­in­halt bezieht sich auf das, was geglaubt und für wahr gehal­ten wird. Was­heit, Quid­di­tät (von lat. quid / was?) ist ein Fach­wort für das Wesent­li­che in der Schul­p­hi­lo­so­phie des Mit­tel­al­ters. Sowohl ein abso­lu­ter Rela­ti­vis­mus wie auch ein dick auf­ge­tra­ge­ner Syn­kre­tis­mus sind die bil­lig­sten Stu­pi­di­tä­ten und die Gehil­fen der schlimm­sten Ver­bre­chen, weil sie jede Absur­di­tät gut­hei­ßen und die Wahr­heit der wirk­li­chen Wirk­lich­keit, die nur eine sein kann, ver­leug­nen. Denn irgend­ei­ne bestimm­te Wahr­heit muß ja exi­stie­ren. Nur in gei­sti­ger Träg­heit scheint unse­re Wahr­heits­fä­hig­keit ent­we­der abso­lut per­fekt oder null und nich­tig zu sein. In der Tat ist sie viel­mehr stra­pa­zier­bar und belast­bar als die Skep­ti­ker und die Inter­es­sen der Par­tei­en es anneh­men! Das Ver­zwei­feln an der Wahr­heit ist jeden­falls mit der grie­chisch-römi­schen Zivi­li­sa­ti­on nicht ver­ein­bar. Die Wahrheits­liebe war den alten Grie­chen und Römern in die gesun­de See­le geschrie­ben. Man­che Leu­te kön­nen frei­lich ein­fach an den Erfolg, ans Geld, den Wohl­stand, die Libi­do oder an ihre Kom­bi­na­ti­on glau­ben bzw. ver­trau­en. Fun, Free & Love: „Amo­ris Lae­ti­tia“ sind dann die Devi­sen der gei­sti­gen Limo­na­de, die des Lebens Sinn als letz­tes, unbe­ding­tes Anlie­gen erge­ben sol­len. Die alten Juden glaub­ten ja vor allem an sich selbst als „Aus­er­wähl­tes Volk“ der Welt- und Heils­ge­schich­te. Die uni­ver­sa­le Zivi­li­sa­ti­on hat sich wohl seit Pla­ton, Ari­sto­te­les und dem hl. Tho­mas von Aquin höher­ge­steck­te Wer­te und Zie­le gesetzt, wel­che sowohl die engen völ­ki­schen Gren­zen der Aus­er­wählt­heit wie auch den ort- und hei­mat­lo­sen Glo­ba­lis­mus über­win­den.

Das Janus­ge­sicht des Glau­bens – womit und was wir glau­ben – ist also kei­ne rela­ti­ve, den­noch eine ska­la­re Grö­ße. Sca­la­ris heißt latei­nisch: zur Lei­ter, Trep­pe gehö­rend, weil jeder Glau­be letz­ten Endes einen tran­szen­den­ten Wahr­heitsanspruch hat und unter dem Gebot der grund­sätz­li­chen, auf­wärts­stre­ben­den Rei­ni­gungs­mög­lich­keit steht, deren imma­nen­te Trieb­kräf­te die Glau­bens­zwei­fel und die Glau­bens­kri­sen sind.

„Adaequatio intellectus et rei“

Die­se zeit­lo­se Defi­ni­ti­on der Wahr­heit (2) vom hl. Tho­mas bedeu­tet eine suk­zes­si­ve Anglei­chung unse­res Ver­stan­des am Kanon der wirk­li­chen Wirk­lich­keit (gr. Ontos on: am sei­en­den Sein, letzt­lich also an Gott). Das heißt kei­ne Neu­erfin­dung (Erdich­tung) aus der Mode oder Anpas­sung (Aggior­na­men­to) an den Zeit­geist, ganz im Gegen­teil geht es um die Rei­ni­gung der Erkennt­nis­se von Ideo­lo­gien wie Klär­an­la­gen für Trink­was­ser.

Wir han­deln die Glau­bens­in­hal­te nicht aus, son­dern emp­fan­gen sie, als Abdruck der Rea­li­tät im wei­chen Wachs, das wir selbst sind. Jeder­mann braucht vom blo­ßen Infan­ti­lis­mus auf­wärts eine bes­se­re Prä­gung von der Rea­li­tät, weil unse­re Erkennt­nis­se und alle unse­re Leh­ren stets nur „Stück­wer­ke“ sind. Im Ersten Korin­ther­brief ist zu lesen:

Als ich ein Kind war, rede­te ich wie ein Kind, dach­te ich wie ein Kind, urteil­te ich wie ein Kind. Seit ich jedoch ein Mann gewor­den bin, habe ich die kin­di­sche Art abge­legt (13,9–11). Brü­der, seid kei­ne Kin­der an Urteils­kraft, son­dern an Bos­heit sollt ihr Unmün­di­ge sein, an Urteils­kraft aber seid rei­fe Men­schen (13,20).“

„Weder Glau­ben noch Über­zeu­gun­gen zu haben
ist eine scha­le, farb- und ehr­lo­se Ange­le­gen­heit.“

Nach dem Exkurs in die exi­sten­tia­li­sti­sche Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie, rufen wir Péter Veres, einen ande­ren lin­ken Intel­lektuellen in den Zeu­gen­stand. Die­ser war ein Agrar­pro­let aus ein­fach­sten Ver­hält­nis­sen, der sich als Bauernpoliti­ker in Ungarns Nach­kriegs­jah­ren nicht ent­schie­den genug von den Kom­mu­ni­sten distan­zier­te.

Grabmal von Péter Veres (1897–1970) (D) Skulptur von Árpád Somogyi im prominenten Friedhof von Kerepes, Budapest
Grab­mal von Péter Veres (1897–1970), Skulp­tur von Árpád Somo­gyi im pro­mi­nen­ten Fried­hof von Ker­e­pes, Buda­pest.

 

Er beklei­de­te sogar Mini­ster­po­sten für den Wie­der­auf­bau bzw. die Landes­verteidigung (1947, 1948) in der Wen­de­zeit, als der Sta­li­nist Máty­ás Ráko­si bereits tob­te. Mein Leh­rer oder Vor­bild ist Veres also eben­so wenig wie Til­lich! Sein poli­ti­sches Den­ken und Ver­hal­ten soll hier weder zitiert und noch weni­ger gewür­digt wer­den. Die bit­ter­bö­se Ent­täu­schung, die aus den Wor­ten die­ses auto­di­dak­tisch doch hoch­gebildeten Schrift­stel­lers her­aus­klingt, ist gera­de des­halb ein Lehr­beispiel für die Abscheu, die er mit sei­ner Alters­weis­heit gegen­über der geist- und moral­losen Cli­quen­wirt­schaft der lin­ken Oppor­tu­ni­sten zum Aus­druck brach­te. Nebst einer durch und durch kor­rup­ten Mit­läuferschar gab es also aller­orts, wenn auch sehr weni­ge wei­ße Ra­ben „gläu­bi­ger“ Kom­mu­ni­sten, Sozia­li­sten, Natio­na­li­sten. Sie waren zwar von ihrem jewei­li­gen Irr­glau­ben beseel­te Idea­li­sten wie eben die­ser „Veres Péter bácsi“, der sei­ne Tracht, Stie­feln und Glaubens­überzeugungen auch in sei­ner Eigen­schaft als Empor­kömm­ling zum Mini­ster­amt nicht ver­leug­ne­te. Auch als ideo­lo­gi­scher Bastard er­kannte er doch noch mit einer Spur von siche­rem, mora­li­schem In­stinkt, daß ein Leben ohne Glau­ben und Über­zeu­gun­gen – selbst wenn ich hier und jetzt sei­nen objek­ti­ven Wahr­heits­ge­halt ausdrück­lich nicht in Betracht zie­he – nur eine Spitz­bu­be­rei oder Gau­ne­rei sein kann.

Gibt es auch „Heilige Utopien“?

Als ein­ge­fleisch­ter Sozia­list hat Paul Til­lich behaup­tet, daß Uto­pien zum Mensch­sein gehö­ren. Ja, in der Tat schon, aber nicht im Ide­al­fall eines Erwach­se­nen, der anzu­stre­ben ist. Gewöhn­lich ver­ste­hen wir näm­lich, daß Uto­pien und Ideo­lo­gien eine Fehl­ein­schät­zung der Rea­li­tät dar­stel­len. Zu jeder Zeit und über­all in jeder Welt­re­li­gi­on, Phi­lo­so­phie und Ideo­lo­gie gab es auch halb­wegs posi­ti­ve Uto­pien, wel­che zumin­dest „qua creditur“, also auf sub­jek­ti­vem Niveau des Her­zens ver­die­nen, tod­ernst genom­men zu wer­den, selbst dann, wenn sie objek­tiv Scha­den anrich­ten und Aber­tau­sen­de in die Irre füh­ren.

Das bekann­te­ste Werk des hl. Augu­stins, De civi­ta­te Dei (Vom Got­tes Staat) gehört eben­falls in die­se Kate­go­rie. Es ist eine gut­ge­mein­te, halb-manichäi­sche Uto­pie mit lan­gen Nach­wir­kun­gen. Der Ver­fas­ser kon­stru­ier­te sei­ne Theo­lo­gie auf der Grund­la­ge eines abgrund­tie­fen Dua­lis­mus der aus­er­wähl­ten Bür­ger­schaft Got­tes (Civi­tas Dei), und der lah­men Enten der römi­schen Welt-Gesell­schaft (Civi­tas ter­re­na), obwohl vor den Bar­ba­ren bei­de in glei­cher Wei­se, näm­lich wegen unzu­rei­chen­der Moral unter­la­gen.

Das Unheil der Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re begann bereits mit dem über­heb­li­chen Selbst­be­wußt­sein der Aus­er­wählt­heit der alten Juden. Damit fühl­ten sie sich frei­ge­stellt, unter Jah­wes Stan­dar­te, die Län­de­rei­en der Nach­bar­völ­ker zu beset­zen. Mit dem Schwert wur­den weder Frau­en und Kin­der noch Vieh und Eigen­tum ver­schont (unter unge­zähl­ten Zita­ten sie­he Levi­ti­cus 26,7). Die Legen­den von Kain und Abel, über Abra­ham und Isaak, sind eine fort­ge­setz­te Mords- und Kriegs­ge­schich­te bis zum aller­höch­sten Got­tes­mord auf dem Hügel von Gol­go­ta.

Ein Gerech­ter gegen Bos­heit wird man nicht durch die auf­er­leg­te Vorbestim­mung eines Schick­sals- und Willkür­gottes mit dem Pri­vi­leg der „Aus­er­wählt­heit“ oder dem Resul­tat der „Ver­wor­fen­heit“ (Prädesti­na­ti­on), son­dern durch einen gro­ßen Entschluß jedes ein­zel­nen Sub­jekts, das ein­ge­la­den ist. Die Ein­la­dung geht an die „Straßen­kreuzungen“ aus, wo alle beru­fen, aber nur weni­ge aus­er­wählt wer­den, näm­lich jene, die am Gast­mahl fest­lich ge­kleidet erken­nen las­sen, daß sie mit Herz und See­le bei der Sache sind (Mat­thä­us 22, 2–14). Wenn der Schieds­spruch des Gewis­sens (lat. Arbi­tri­um) nicht aus der Wahl des frei­en Her­zens und aus ange­mes­se­ner Über­le­gung kommt, dann geht die Atem­luft (Spi­ri­tus) bald aus, egal in wel­cher (sakra­len oder pro­fa­nen) Ange­le­gen­heit.

Die berühm­te­ste Uto­pie der phi­lo­so­phi­schen Lite­ra­tur war Pla­tons Politeia, bekann­ter unter dem latei­ni­schen Titel Res publi­ca (Der Staat), der auch für Augu­stin eine Scha­blo­ne sein durf­te. Als er in Kar­tha­go Rhe­to­rik stu­dier­te, was damals der moder­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Politik-(un)-wissenschaft gleich­kam, war er über Cice­ros mittler­weile ver­schol­le­nes Werk Hor­ten­si­us auf die Spu­ren des Pla­to­nis­mus gera­ten. Denn Grie­chisch hat­te unser spät­berufener Rhe­tor lei­der nicht gelernt, was damals noch als Bil­dungs­lücke galt. Damit ent­ging ihm auch die zise­lier­te grie­chi­sche Glaubens‑, Bil­dungs- und Erzie­hungs­wis­sen­schaft. Nach Brauch und Sit­te der dama­li­gen rüden Zeit wur­de aus ihm ein guter Rich­ter in einem nord­afri­ka­ni­schen Bischofs­amt, wo er sich auch um jeder­manns Klein­kram küm­mern muß­te. Was sicher­lich hoch­wohl­löb­lich ist, mit dem klei­nen Nach­teil, daß er auch Per­spek­ti­ven der Welt- und Heils­ge­schich­te wie ein klein­ka­rier­ter Justiz­be­am­ter beur­teil­te.

Auch das Werk des hl. Tho­mas Morus (1516) darf hier als Bei­spiel erwähnt wer­den, weil es der lite­ra­ri­schen Gat­tung sogar den gene­ri­schen Namen ver­lie­hen hat. Mar­xens und Engels‘ Uto­pien einer klas­sen­lo­sen Gesell­schaft erfreu­ten sich eines enor­men, welt­be­we­gen­den Zuspru­ches. Ande­re berühm­te Uto­pien sind Dani­el Defoe’s Robin­son Cru­soe (1719), Aldous Huxley’s Bra­ve New World (Schö­ne neue Welt, 1932), Geor­ge Orwell’s Roman Nine­teen Eigh­ty-Four (1949) oder Tan­te Mer­kels Mär­chen in der Gegen­wart.

Wort­wört­lich bedeu­tet Ou-topia, die­ses dem Grie­chi­schen nach­ge­bil­de­te Kunst­wort, ein Nir­gend­wo. Das fik­ti­ve Gesche­hen ist das Wunsch- oder Schreck­bild einer „fort­schritt­li­chen“, dem Boden der Rea­li­tät ent­rück­ten Gesell­schaft, frei­lich ohne Orts- und Zeit­an­ga­be, da es stets in eine wei­te Zukunft pro­ji­ziert wird und ver­geb­lich sei­ner Ver­wirk­li­chung harrt: „Wir schaf­fen das!“ – ist das Mot­to der dün­kel­haf­ten Uto­pi­sten selbst dann, wenn die Sache unrea­li­sier­bar ist.

Uto­pien über­neh­men also eine möch­te­gern-vor­bild­li­che, öfters aber eine abschrecken­de Fik­ti­on. Wenn sich ein uto­pischer Glau­be soweit wuchert – wie bei­spiels­hal­ber der Kli­ma­schutz –, daß er vie­le Leu­te unbe­dingt angeht, dann bedeu­tet dies ein unrea­les „Für wahr hal­ten & Ver­trau­en“, auf grie­chisch-römisch gesagt eine Pistis & Fides: Treue, Zuver­läs­sig­keit, Red­lich­keit, die mög­li­cher­wei­se nicht oder nicht ganz unehr­lich waren, aber von der geschichtli­chen Erfah­rung bereits wider­legt und Lügen gestraft wor­den sind.

Wenn ich dage­gen den Evan­ge­li­en Glau­ben, d. h. ernst­haft Ver­trau­en schen­ke, dann heißt das, daß ich sie für wahr hal­te, daß sie für mein Herz und mei­nen Ver­stand wirk­lich Rea­li­tät ver­mit­teln. „Evan­ge­li­um“ (gr. Eu-Ange­li­on) bedeu­tet wort­wört­lich eine fro­he Bot­schaft, eine gute Nach­richt zu erhal­ten, die ganz und gar nichts Uto­pi­sches, Entwurzel­tes, son­dern Wah­res und Rea­les ver­mit­telt.

Auch die Apo­stel­ge­schich­te und die Apo­stel­brie­fe sind als Offen­ba­rung der einen und ein­zi­gen Wahr­heit zu ver­ste­hen, wenn auch eine Stu­fe nied­ri­ger als die pri­mä­ren Bot­schaf­ten, die von Chri­stus selbst stam­men. Des­halb hören wir in der hl. Mes­se die Lesung sit­zend an, die Pro­kla­ma­ti­on (Keryg­ma / Ver­kün­dung, Kund­ga­be) des Evan­geliums respekt­voll und ste­hend. In den Geschich­ten und Brie­fen der Apo­stel sind die Grund­wahr­hei­ten der Evan­ge­li­en mit der Rou­ti­ne des histo­ri­schen Wei­ter­kom­mens bereits etwas über­tüncht. Das Leben und die Reden Chri­sti haben Prio­ri­tät vor den Dis­kus­sio­nen, Ermah­nun­gen und Anwei­sun­gen in den Gemein­den auch dann, wenn sie von Apo­steln der zwei­ten Genera­ti­on wie vom hl. Pau­lus stam­men, des­sen Brie­fe so „man­ches“ ent­hal­ten, was halb­klar und bereits damals laut zwei­tem Brief (3,16) des Apo­stel­für­sten Petrus „schwer ver­ständ­lich“ war.

In den uto­pisch schwer bela­ste­ten Ideo­lo­gien des fin­ste­ren XX. Jahr­hun­derts, wovon nicht ein­mal das Vati­ca­num II ver­schont geblie­ben war, wur­de die Edu­ka­ti­on vom Kin­di­schen zum Ple­ro­ma­ti­schen (gr. Ple­ro­ma / Erfül­lung, Fül­le, Voll­stän­dig­keit) des befrei­en­den Glau­bens durch den unnüt­zen Bal­last des Moder­nis­mus miß­braucht. Die Rheini­sche Alli­anz der deut­schen und nie­der­län­di­schen Bischö­fe impor­tier­te Fremd­kör­per in die tra­dier­te Leh­re. Wohl gibt es eine zähe, orga­nisch-legi­ti­me Ent­wick­lung der Leh­re, aber auch Münz­fäl­scher tum­meln sich en mas­se von den Pfarr­ge­mein­de­rä­ten bis hin­auf in den höch­sten Ämtern der Kir­che. Die Spi­ra­le der theo­lo­gi­schen Infla­ti­on-Defla­ti­on bringt uns seit­her eine uner­träg­li­che Ver­wir­rung, bis­wei­len auch Kri­sen oder Abfall, womög­lich aber auch einen spon­ta­nen Rei­ni­gungs­pro­zeß für den ver­tief­ten Glau­ben.

Was heißt es eigentlich, ein Opfer zu bringen?

„Opfer“ ist ein viel stra­pa­zier­tes Wort, aber ein wenig defi­nier­ter Begriff. Dar­in sind alle Theo­lo­gen einig. Im Latei­ni­schen und in allen sei­nen roma­ni­schen Toch­ter­spra­chen bis zum Eng­li­schen, die einen brei­ten roma­ni­schen Wort­schatz über­nom­men haben, gibt es für den Begriff des Opfers eine Palet­te, die im Deut­schen kei­ne Äqui­va­len­te hat. Das deut­sche Stamm­wort für „Opfer“ ist ety­mo­lo­gisch dem unre­gel­mä­ßi­gen, latei­ni­schen Verb nachge­bildet wor­den:

  1. Opfer kommt von ob-fero, obfer­re und bedeu­tet ein ein­fa­ches Hin­tra­gen, Brin­gen, Aner­bie­ten, Dar­bie­tung ohne spe­zi­fi­schen Inhalt. Per­fekt: obtu­li, Par­ti­zip: obla­tus ð Obla­te, Sub­stan­tiv: Obla­tio. Das deut­sche Lehn­wort bedeu­tet somit undif­fe­ren­ziert das blo­ße Aner­bie­ten von etwas: sei es Geld, Spen­de, Bei­trag, Weih­rauch oder das gan­ze Leben.
  2. Offer­te ist aus der­sel­ben Wur­zel im Spät­la­tein ent­stan­den. Sie bedeu­tet heu­te eben­falls ein Aner­bie­ten, bezo­gen auf das pro­fa­ne Ange­bot & Nach­fra­ge, wie Feil­schen, Abhan­deln im Geschäfts­ver­kehr, das aber ganz und gar unan­ge­mes­sen nur im reli­giö­sen Ablaß­han­del, in Opfer­ga­ben mit Hin­ter­ge­dan­ken der listig-fin­di­gen Spe­ku­lan­ten Anwen­dung fin­den kann. Vgl. die histo­ri­sche Tem­pel­rei­ni­gung in Jeru­sa­lem (Mat­thä­us 21,12; Mar­kus 11,15; Lukas 19,45; Johan­nes 2,13).
  3. Immola­tio (von lat. molae / Müh­le) ist ein „zer­mal­men­des“, ver­nich­ten­des, tota­les Opfer bis zum gänz­li­chen Aus­lö­schen des dar­ge­brach­ten Kult­ob­jekts. Bei Juden, Grie­chen, Römern war der Altar der erhöh­te Opfer­platz (das Scha­fott, Schau­ge­rüst), wo die Abschlach­tung von Tie­ren und die Brand­op­fer (gr. holokau­to­ma / lat. holo‑caustum / tota­le Opfer­ga­ben) statt­fan­den. Dabei sind zu unter­schei­den: a) Opfe­run­gen, ins­be­son­de­re der unwie­der­hol­ba­re, ein­ma­li­ge Opfer­tod eines stell­vertretenden Sün­den­bocks, oder der Selbst­mord a la Madame But­ter­fly aus Ent­täu­schung, Ver­zweif­lung, Schan­de, Depres­si­on. b) Schau­pro­zeß und öffent­li­che Hin­rich­tung von Ange­klag­ten als eine spek­ta­ku­lä­re Kult­hand­lung: – Die Kreu­zi­gung Chri­sti ist das aller­schau­der­haf­te­ste Bei­spiel für den grau­sa­men Opfer­tod. – Die Ver­ur­tei­lung König Lud­wigs XVI. und Köni­gin Marie Antoi­net­tes, der Toch­ter von Kai­ser Franz I. aus Loth­rin­gen und Maria The­re­si­as aus dem Hau­se Habs­burg, durch den fran­zö­si­schen Natio­nal­kon­vent, und ihre grau­sa­me Ent­haup­tung unter der Guil­lo­ti­ne auf dem Revo­lu­ti­ons­platz war eben­falls eine Volks­belustigung der übel­sten Sor­te (1793). – Stei­ni­gun­gen, Hexen- und Ket­zer­ver­bren­nun­gen auf dem Schei­ter­hau­fen waren wie­der­um Schand­ta­ten in einem spe­zi­fisch reli­giö­sen Sinn von jüdisch-christ­li­chen Wahn­vor­stel­lun­gen. Weder die alten Juden, Grie­chen oder Römer noch die Katho­li­ken oder Pro­te­stan­ten waren eine Aus­nah­me. – Auch die reli­giö­sen Men­schen­op­fer der süd­ame­ri­ka­ni­schen Inkas waren eben­falls pri­mi­ti­ve Kult­hand­lun­gen. c) Hel­den­tod und Mar­ty­ri­um: Die letz­te Hin­ga­be eines Unbe­kann­ten Sol­da­ten oder das Erlei­den des Marty­riums müs­sen dage­gen von den sinn­lo­sen Zer­mal­mun­gen dif­fe­ren­ziert wer­den, wobei das Leben nicht hin­ge­wor­fen, son­dern in letz­ter Not und Gefahr höhe­ren Mäch­ten wie Gott, Kai­ser, Vater­land tap­fer dar­ge­bo­ten wird.
  4. Vic­ti­ma ist das Geop­fer­te, das Schlacht­op­fer und somit der Leidtragen­de, wie Kriegs­op­fer, Unfall­op­fer, Opfer eines Irr­tums, Opfer einer fal­schen Ankla­ge, eines Ver­bre­chens oder Justiz­mor­des pas­siv und unfrei­wil­lig, das einen emp­find­li­chen Scha­den erlei­det, ver­en­det (Tier) oder stirbt (Per­son).
  5. Sacri­fi­ci­um: Alle Sacra fac­ta als Auf­op­fe­rung von Zeit, Sachen, Wer­ten haben den Sinn eines Ein­sat­zes, einer Hin­ga­be (Preis­ga­be) durch per­sön­li­chen Ver­zicht zugun­sten eines andern; z.B. für Bil­dung und Erzie­hung der eige­nen Kin­der, für die Armen, für die Kran­ken, etc. Ange­fan­gen von den klein­sten bis zu den größ­ten Opfern und Ent­beh­run­gen wer­den zulie­be einer sub­li­men, hei­li­gen­den, gott­ge­fäl­li­gen Opfer­ge­mein­schaft erbracht. Sie bedeu­ten in lau­fend wiederhol­barer Wei­se die frei­wil­li­ge Über­nah­me der übli­chen oder außer­or­dent­li­chen Neben­ko­sten einer jeden guten Tat. Nicht gegen die­se bele­ben­den, klei­nen und gro­ßen Opfer, wohl aber gegen die jüdi­schen und heid­ni­schen Immola­ti­ons­prak­ti­ken erhebt Chri­stus sei­nen kate­go­ri­schen Ein­wand.

„Erbarmen will ich und nicht Opfer“

Gleich am Anfang des Mat­thä­us-Evan­ge­li­ums (9,13 und 12,7) ver­wehrt sich Chri­stus kate­go­risch gegen den herz­lo­sen Geset­zes­kram. Vor Gott zäh­len die kul­ti­schen Opfe­run­gen nicht! Ent­ge­gen der alt­jü­di­schen Tier­op­fer-Groß­in­du­strie steht es bereits bei Hose­as geschrie­ben: „Lie­be will ich, nicht Opfer, Got­te­s­er­kennt­nis, nicht Brand­opfer“ (6,6). Ähn­li­ches lesen wir bei Eze­chi­el: „Ich habe kein Wohl­ge­fal­len am Tode des Schul­di­gen, son­dern dar­an, daß er von sei­nem Wege abge­he und lebe. Bekeh­ret euch, bekeh­ret euch von euren bösen Wegen“ (33,11). Es ist unmög­lich, daß Lamm‑, Stier- oder Bocks­blut „Sün­den weg­nimmt“ (Hebrä­er­brief 10,4), allein per­sön­li­che Reue und Ver­ge­bung zäh­len in der Wirk­lich­keit.

Es kommt auf die lie­be­vol­len „Sacra fac­ta“, nicht auf die sinn­lo­se Immola­ti­on an. Blut‑, Brand- und aller­lei nutz­lo­ses Opfer boten ja auch die Hei­den an und sie hal­fen doch nie­man­dem. Pau­lus sagt daher: Chri­stus wur­de „um unse­rer Über­tre­tun­gen wil­len hin­ge­op­fert“, er fügt noch im glei­chen Satz hin­zu, „…und zu unse­rer Recht­fer­ti­gung auf­er­weckt“ (Römer­brief 4,25). Ja, hin­ge­op­fert als „Vic­ti­ma“ einer fal­schen Ankla­ge, das Recht­fer­ti­gen­de dar­an ist jedoch nicht das Lei­den und Ster­ben, son­dern allein die Glo­ria der Auf­er­ste­hung! Somit fand die Zer­stö­rung auf der Ober­flä­che der Wirk­lich­keit statt, auch wenn der Tod kei­ne ech­ten Kral­len mehr hat­te. Ohne Auf­er­ste­hung wäre der Kreuz­weg sinn­los, und der Glau­be nur Opi­um fürs Volk (Marx).

Mit zweck­lo­sen Ent­sa­gun­gen, unnüt­zen Aske­sen und bar­ba­ri­schem Blut­ver­gie­ßen wer­den wir also Gott nicht becir­cen kön­nen (gr. Kir­ke / lat. Cir­ce war eine Zau­be­rin der grie­chi­schen Mytho­lo­gie). Die aske­ti­schen Übun­gen sind oft die Über­bleib­sel aus einer betrüb­li­chen, manichäi­schen Men­ta­li­tät. Ein har­tes, plan­mä­ßi­ges, frei­lich nicht sado­ma­so­chi­sti­sches Trai­ning zur Wil­lens­bil­dung, Stär­kung der Kon­di­ti­on und Stei­ge­rung der Lei­stungs­fä­hig­keit spielt ein Leben lang, vor allem in der Erzie­hung der Jugend­li­chen eine her­vor­ra­gen­de Rol­le. In der Gottesbezieh­ung han­delt es sich wohl um etwas ganz ande­res als eine sport­li­che Dis­zi­pli­niert­heit.

Klar und unmiß­ver­ständ­lich geht es um die Rekon­zi­lia­ti­on des ver­lo­re­nen Soh­nes und die Wie­der­auf­nah­me der ver­lo­re­nen Haus­ge­mein­schaft (Heim­kehr): Fei­ern müs­sen wir… nicht wei­nen und jam­mern (Lukas 15,11–32)! Gott kann nie die Absicht gehabt haben, sein Geschöpf oder sich selbst grau­sam zu „opfern“, genau so wenig wie es nie sein Wil­le war, daß Isaaks Keh­le in einem bar­ba­ri­schen Akt durch­ge­schnit­ten wer­den soll. Abra­hams schau­der­haf­te Geschich­te ist nicht das Vor­bild des abso­lu­ten Gehor­sams eines zer­mürb­ten, alten Man­nes, son­dern das ausdrück­liche Ver­bot jedes Men­schen­op­fers. Der Begriff des abstru­sen Kada­ver­ge­hor­sams hat auch noch in die Ordens­re­geln des hl. Igna­ti­us von Loyo­la Ein­zug gehal­ten, obwohl uns die­se unnach­voll­zieh­ba­re Blind­heit heu­te abso­lut gewor­den ist. Letz­te Treue, Gehor­sam im Ernst­fall ja – wenn auch nicht aus Sport und Selbst­zer­mal­mung!

Die Pas­si­on Chri­sti war jeden­falls nicht das Hin­wer­fen sei­nes Lebens zu Füßen Gott­va­ters, son­dern das grau­sam erlit­te­ne Opfer (Vic­ti­ma pas­si­va) einer fal­schen Ankla­ge der jüdi­schen Hohen­prie­ster und eines römi­schen Justiz­mordes unter Pon­ti­us Pila­tus. Er hat sei­nen Tod in kei­ner Wei­se wie ein Selbst­mör­der wol­len und wün­schen, son­dern nur erlei­den kön­nen. Da er wirk­lich Mensch gewor­den war, „konn­te“ er nicht davon­lau­fen und „muß­te“ sich dem welt­li­chen Gericht, auch unter fal­scher Ankla­ge unter­wer­fen. Gott­va­ter braucht kei­ne Immola­ti­on als ob es ihm gefie­le, sei­nen Ein­ge­bo­re­nen Sohn stell­ver­tre­tend für uns am Kreuz mise­ra­bel zugrun­de­ge­hen zu sehen.

Auch das Aller­hei­lig­ste Meß­op­fer muß so ver­stan­den wer­den, daß der „Agnus Dei“ nicht die Ver­ge­gen­wär­ti­gung einer sinn­lo­sen Immola­ti­on sei, son­dern das wirk­sa­me sakra­men­ta­le Zei­chen der Ver­brü­de­rung und Ver­söh­nung. Eines Blu­tes und einer Abstam­mung zu sein, war im Ori­ent immer schon ein Sym­bol der tief­sten Ver­bun­den­heit. Nach Johan­nes (15,15) sind wir nicht mehr däm­li­che, unver­stän­di­ge Knech­te, son­dern Ange­hö­ri­ge, Freun­de, Jün­ger des Herrn aus sei­nem Hau­se, aus sei­ner Tisch­ge­mein­schaft, und somit wesen­haft ein „Fleisch und Blut“ mit Ihm. Es ist wohl eine der erstaun­lich­sten Wort­schöp­fun­gen mei­ner unga­ri­schen Mut­ter­spra­che, daß der in allen Spra­chen geläu­fi­ge Begriff „Bru­der, Bru­der­schaft“ nur mit dem zusam­men­ge­setz­ten Haupt­wort „Test­vér“ aus­ge­drückt wer­den kann: Leib+Blut, wort­wört­lich kom­po­niert aus Leib (test) und Blut (vér). Es han­delt sich dabei nicht um die Alle­go­rie einer blu­mi­gen Spra­che, son­dern um das bild­haf­te, ori­en­ta­li­sche Den­ken, wel­che die Bru­der­schaft nur auf die­se Wei­se einer meta­phy­si­schen Wort­kom­po­si­ti­on aus­drücken kann. Auch der bibli­sche „Näch­ste“ heißt im Unga­ri­schen eigen­ar­ti­ger­wei­se, sehr ein­drucks­voll „Fele­barát“ (Halb-Freund).

In ande­rer Hin­sicht ist es ohne wei­te­res klar und braucht kei­ne Begrün­dun­gen, daß es kei­ne Lie­be gibt, die nicht auf eine Unzahl von „Sacra fac­ta“: auf prak­ti­sche Opfer, Hil­fen und Unter­stüt­zun­gen mit dem sinn­vol­len Wech­sel­geld des täg­li­chen Lebens ange­wie­sen wäre, wo immer es in einer Soli­dar­ge­mein­schaft dar­auf ankommt. In die­sem Sinn sind die Ermah­nun­gen zu ver­ste­hen: „Brü­der, bringt eure Lei­ber als ein leben­di­ges, hei­li­ges, Gott wohl­ge­fäl­li­ges Opfer dar als euren gei­sti­gen Got­tes­dienst“ (Römer­brief 12,1). Und soll­te es – Gott behü­te! – gar zu einem, vom Bösen pro­vo­zier­ten Ernst­fall kom­men, dann wird auch unse­re eige­ne, letz­te Immola­ti­on kein über­gro­ßer Preis, son­dern nur ein Seuf­zer sein: „Ad Maio­rem Dei Glo­ri­am“ am Ein­gang in die Ewig­keit.

Cur Deus homo? Warum ist Gott Mensch geworden?

Unter die­sem Titel befrag­te sich der hl. Anselm, Bene­dik­ti­ner Abt von Can­ter­bu­ry, Theo­lo­ge, Erz­bi­schof und Phi­lo­soph des ange­hen­den Mit­tel­al­ters. Woll­te der Mensch gewor­de­ne Gott sich selbst dem Ritu­al­mord über­ge­ben, sich sinn­los auf­op­fern, nach dem Muster eines alt­jü­di­schen Tier­op­fers? Ansel­ms Satis­fak­ti­ons­leh­re ist viel­leicht der ver­häng­nis­voll­ste Irr­weg der Theo­lo­gie aller Zei­ten. Wir ste­hen bis heu­te unter dem Ein­fluß sei­ner grau­sa­men Ideo­logie, die man ganz und gar nicht glau­ben kann, wenn man das Herz am rich­ti­gen Fleck hat.

Nach die­ser Leh­re habe Gott sei­nen Sohn auf die Erde zu uns ent­sandt, weil ange­sichts unse­rer schwer­wie­gen­den Unta­ten jeder Ver­such einer Wie­der­gut­ma­chung unge­nü­gend resul­tie­ren muß. So habe Gott, der Güti­ge Vater, halt sei­nen eige­nen Sohn als pro­mi­nen­tes Schlacht­op­fer für ein schau­ri­ges Ent­süh­nungs­thea­ter bestimmt, um Abbit­te zu lei­sten für all die gewe­se­nen und kom­men­den Belei­di­gun­gen durch die Mensch­heits­ge­schich­te, die Gott ent­eh­ren und uns offen­sicht­lich schwer bela­sten.

Die­se düste­re, mit alt­jü­di­schen und alt­rö­misch-heid­ni­schen (also vor­christ­li­chen) juri­di­schen Kate­go­rien voll bespick­te Theo­lo­gie emp­fin­den wir heu­te als Zumu­tung. Es fällt uns heu­te ganz und gar unmög­lich, Gott als mür­ri­schen, alten Ehren­mann vor­zu­stel­len, der belei­digt auf eine grau­sa­me Bestra­fung der sün­di­gen Mensch­heit war­tet. Und weil das letzt­lich immer noch unge­nü­gend blei­ben muß, so sei dar­über hin­aus noch eine stell­ver­tre­ten­de Satis­fak­ti­on (Genug­tu­ung) des Got­tes­soh­nes der erfor­der­li­che Kauf­preis: Ein abso­lut unschul­di­ger soll dafür büßen, gegei­ßelt und abge­schlach­tet wer­den, was das gan­ze Gesin­del der mensch­li­chen Räu­ber­ban­den, also Juden, Grie­chen, Römer und wir selbst kol­lek­tiv und ein­zeln ange­stellt haben.

Die­se Sip­pen­ju­stiz trifft viel­leicht bei jüdi­schen Opfer­groß­händ­lern von Sün­den­böcken und Läm­mern auf Zustim­mung, die aber aus dem Vor­hof des Tem­pels von Chri­stus mit einer Peit­sche ver­trie­ben wur­den. Sie gilt auch für die maso­chi­sti­sche Schau­lust der gaf­fen­den alten Juden und Römer auf der Via cru­cis, nicht zuletzt auch für die groß­spre­che­ri­sche, der­be Theo­lo­gie des untreu­en Augu­sti­ner­mön­ches Mar­tin Luther. Aber für die sub­li­me griechi­sche Kul­tur der früh­christ­li­chen Kir­chen­vä­ter war nicht das Schlacht­op­fer aus­schlag­ge­bend. Die­se dach­ten viel­mehr, daß die befrei­en­de Erlö­sungs­tat Chri­sti nicht erst in Last minu­te um 3 Uhr Nach­mit­tag am Kar­frei­tag erfolg­te. Dabei möch­te ich den Tod als Erlö­schen des Lebens und als lit­ur­gi­schen Über­gang vom Leben in die Ewig­keit in kei­ner Wei­se klein­re­den! Wohl wich­ti­ger und frucht­brin­gen­der als der erha­ben­ste Tod des Got­tes­soh­nes sind:

  • Sei­ne Geburt in Beth­le­hem unter ein­fach­sten Ver­hält­nis­sen,
  • sein gan­zer Lebens­weg, gesäumt von Ent­äu­ße­rung, Schlicht­heit und Ent­beh­run­gen (gr. Keno­sis),
  • sei­ne Lehr­tä­tig­keit war ein ein­zi­ges, gro­ßes Opfer für die Erzie­hung (gr. Pai­deia) der unge­ra­te­nen Mensch­heit.
  • Das Ertra­gen (Pas­si­on) der fal­schen Beschul­di­gun­gen der jüdi­schen Hohen­prie­ster und des römi­schen Justiz­mordes unter Pon­ti­us Pila­tus wur­de nicht von Gott insze­niert, son­dern erlit­ten.
  • Am Kar­frei­tag war der lei­den­de Erlö­ser eine getrie­be­ne „Vic­ti­ma pas­si­va“ – und nicht akti­ver Dar­stel­ler und Regis­seur des schau­ri­gen Sze­na­ri­os.
  • Oster­sonn­tag, und doch nicht Kar­frei­tag (wie bei den ver­bit­ter­ten Pro­te­stan­ten) ist der Schluß­punkt und die Krö­nung der beglücken­den Befrei­ung, – ohne Auf­er­ste­hung ist jedes Spiel aus und bleibt eine Illu­si­on (lat. il-lude­re, ill­usus / täu­schen, betrü­gen, falsch spie­len), also nur ein Spiel­ver­derb.
  • Froh­sinn: die auf­ge­hen­de, strah­len­de Son­ne des Ostens ist Got­tes Lie­bes­er­klä­rung an die Mensch­heit. Das schau­ri­ge Abend­rot aller Opfe­run­gen ist nicht das unbe­ding­te Anlie­gen des christ­li­chen Glau­bens.
  • Simul ius­tus et pec­ca­tor: Luther fixier­te dage­gen in sei­ner Depri­miert­heit sei­ne gan­ze Inbrunst auf die lan­gen, dunk­len Näch­te der Toten­wa­che, damit er ins­ge­heim im Halb­dunk­len zugleich als Halb­ge­rech­ter & Halbver­brecher fröh­lich pras­sen kön­ne! Chri­sten nüt­zen kei­ne Aus­re­den mehr: Wir sind „ein Schau­spiel vor der Welt gewor­den“ (1 Korin­ther­brief 4,9), wor­in die halb­sei­de­nen Sta­ti­sten­rol­len unge­nü­gend sind.

Die Römer, im Unter­schied zu den tie­fer den­ken­den Grie­chen, waren rau­he Sol­da­ten, Kauf­leu­te und Juri­sten. Sie über­setz­ten den grie­chi­schen Begriff des Erlö­sers (Lyt­ro­tes: Befrei­er, Ret­ter) im han­dels­üb­li­chen Sinn als römi­schen Re-(d)-emptor: Los-käu­fer, Rück-käu­fer, der uns auf dem Markt der Mensch­heits­ge­schich­te zum Höchst­preis sei­nes Lebens aus den Kral­len des Teu­fels erstan­den und den zor­ni­gen Vater­gott befrie­digt habe. Der Zwie­spalt der Ver­ben amo, ama­re: lie­ben, und emo, eme­re (irre­gu­lär emi, emp­tus): kau­fen beleuch­ten pla­stisch, wor­um es im grie­chisch-römi­schen Gegen­satz geht. Der Kon­so­nant (d) ist dabei nur ein Ver­bin­dungs­laut, um die Ausspra­che zu erleich­tern. Die römi­sche Sprach­ver­en­gung, wir ken­nen sie prak­tisch aus jeder durch­schnitt­li­chen Sonntags­predigt, ist bedenk­lich, da die Römer – und die römi­schen Katho­li­ken – den Logos, also den Mit­tel­punkt der grie­chi­schen Denk­wei­se, nur mit Ratio (Rech­nung, Berech­nung, Erwä­gung, Kal­kül), also mit einem unpas­sen­den Wort der römi­schen Kauf­manns­spra­che, oder mit Ver­bum, einem farb­lo­sen Ter­mi­nus tech­ni­cus der Gram­ma­tik, über­set­zen konn­ten. Dafür hat sich für uns das Grund­wort Logos: Ratio, Ver­bum / Ver­nunft, Spra­che, Wort bis auf den heu­ti­gen Tag drei­spra­chig erhal­ten müs­sen, damit wir sei­nen ursprüng­li­chen Sinn auch heu­te noch einiger­maßen ver­ste­hen und schmecken kön­nen.

„Sensus fidei: das geistige Immunsystem der Gläubigen“

Nach einem rich­tungs­wei­sen­den Vor­trag Wal­ter Kar­di­nal Brand­mül­lers (Rom 2018) dür­fen die Lai­en, ja sie müs­sen sogar manch­mal Mut fas­sen und ihre Fol­ge­run­gen, wie die Leh­ren und die Sor­gen der Kir­che bei ihnen ankom­men und ver­stan­den wer­den, zur Dis­kus­si­on stel­len. In aller Demut und Ver­ant­wor­tung ist ihnen auf­ge­tra­gen, den Sen­sus fidei fide­li­um, den Glau­bens­sinn der Gläu­bi­gen in Anspruch zu neh­men.

John Hen­ry New­man, der aus dem Angli­ka­nis­mus kon­ver­tier­te Kar­di­nal seli­gen Andenkens, mach­te die­se erheben­de Auf­ga­be wie­der zur Pflicht in der römisch-katho­li­schen Kir­che (1859). In den Her­zens­an­ge­le­gen­hei­ten der Theo­lo­gie ist es in höch­stem Maße unpäd­ago­gisch nur ex Cathe­dra Vor­le­sun­gen hal­ten zu wol­len. Die leh­ren­de Kir­che müß­te gele­gent­lich auch die zuhö­ren­de Rol­le über­neh­men. Frei­lich obliegt es den beru­fe­nen Fach­leu­ten, die ganz per­sön­li­chen, gebüh­rend medi­tier­ten Mut­ma­ßun­gen der über­wie­gen­den Mehr­heit, die per defi­ni­tio­nem aus Nicht-Fach­leu­ten besteht, zu prü­fen. Das heißt, die beru­fe­ne Auto­ri­tät soll vor allem bereit­wil­lig rati­fi­zie­ren, was in ihnen rich­tig ist und viel­leicht bes­ser gese­hen wird als es dem „Amts­schim­mel“ manch­mal mög­lich ist. Auch das „Fal­sche“ aus unse­rem kol­lek­ti­ven und indi­vi­du­el­len Bewußt­sein müß­ten wir behut­sa­mer mit schlüs­si­gen Argumen­ten rek­ti­fi­zie­ren und nicht nur des­halb ableh­nen, weil die ehe­ma­li­gen „Anathe­ma­ta“ bereits seit lan­gem nicht mehr hin­ter­fragt wor­den sind. Viel­leicht ist mit ihnen auch ein ent­schei­den­des Körn­chen Wahr­heit unter­ge­taucht. Tradi­tion darf nicht die geist­lo­se Rou­ti­ne des ewig Gest­ri­gen blei­ben. Das wäre kei­ne Locke­rung der not­wen­di­gen Prä­zi­sie­rung und Dis­zi­plin, son­dern eine wirk­sa­me­re Sorg­falt, die wir alle drin­gend brau­chen.

Die hei­li­gen Augu­stin und Anselm gehö­ren heu­te m. E. zum histo­ri­schen Inven­tar, die prak­tisch nur mehr mit Zita­ten aus der Sekun­där­li­te­ra­tur ver­wal­tet, in Wirk­lich­keit ja kaum mehr gele­sen, ver­stan­den und beher­zigt wer­den. Auch in der Ost­kir­che sind sie wei­test­ge­hend fremd geblie­ben. Famos sind sie gewor­den, vor allem mit klei­nen Manichäis­mus-Resten und mit den fixen Ideen eines römi­schen Schick­sals­got­tes, der mit den Köp­fen sei­ner Kin­der spie­lend, die­se im vor­hin­ein erwählt oder ver­wirft. Ihre Anfein­dun­gen gegen das Leib­li­che, mit einer über­trie­be­nen Por­ti­on von Alters-Prü­de­rie – oh mein Gott bei der Schnitt­men­ge von Augu­stins Jugend­sün­den –, ist wohl ein star­kes Stück der Über­heb­lich­keit! Die latei­ni­schen Prä­de­sti­na­ti­ons- und Satis­fak­ti­ons­leh­ren wer­den von Klam­mern einer all­zu heid­nisch anmu­ten­den, anthro­po­mor­phen, römi­schen Zorn- und Don­ner-Theo­lo­gie zusam­men­ge­hal­ten, die bereits laut knir­schen und knacken wie ein brü­chig gewor­de­nes Gebälk. Viel­leicht wird uns die tie­fe­re Mystik der Ost­kir­che eines Tages aus unse­ren unka­tho­li­schen Ver­wir­run­gen, die uns heu­te heim­su­chen, hin­aus­füh­ren? Ich hof­fe, daß jün­ge­re Kräf­te aus mei­nen Andeu­tun­gen einen brei­ten Dach­stuhl zim­mern wer­den, unter dem West- und Ostrom nach so lan­ger Zeit die Ein­heit im Glau­ben wie­der fin­den und bezeu­gen kön­nen!

Text: Prof. End­re A. Bár­d­os­sy
Bild: Wikicommons/Agt.bme.hu (Var­ga)/

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(1) Paul Til­lich: Wesen und Wan­del des Glau­bens. Frank­furt am Main 1961. Ull­stein Bücher Nr. 318. S. 9

(2) Tho­mas von Aquin: Quae­stio­nes dis­pu­ta­tae de veri­ta­te q.1.a.1.  und  Sum­ma theo­lo­giae I,q.21 a.2

6 Kommentare

  1. Bardossy:„Anselms Satis­fak­ti­ons­leh­re ist viel­leicht der ver­häng­nis­voll­ste Irr­weg der Theo­lo­gie aller Zei­ten.“
    Dazu:
    „Doch er wur­de durch­bohrt wegen unse­rer Ver­bre­chen, wegen unse­rer Sün­den zer­malmt. Zu unse­rem Heil lag die Stra­fe auf ihm, durch sei­ne Wun­den sind wir geheilt (Jesa­ja 53,5)“
    „Alle haben gesün­digt und die Herr­lich­keit Got­tes ver­lo­ren. Ohne es ver­dient zu haben, wer­den sie gerecht, dank sei­ner Gna­de, durch die Erlö­sung in Chri­stus Jesus. Ihn hat Gott dazu bestimmt, Süh­ne zu lei­sten mit sei­nem Blut, Süh­ne, wirk­sam durch Glau­ben.“ (Römer 3,23ff)

    Bar­d­os­sy: „Das Ertra­gen (Pas­si­on) der fal­schen Beschul­di­gun­gen der jüdi­schen Hohen­prie­ster und des römi­schen Justiz¬mordes unter Pon­ti­us Pila­tus wur­de nicht von Gott insze­niert, son­dern erlit­ten.“
    Dazu: Pfingst­pre­digt des Petrus:
    „Israe­li­ten, hört die­se Wor­te: Jesus, den Nazo­rä­er, den Gott vor euch beglau­bigt hat durch macht­vol­le Taten, Wun­der und Zei­chen, die er durch ihn in eurer Mit­te getan hat, wie ihr selbst wisst ihn, der nach Got­tes beschlos­se­nem Wil­len und Vor­aus­wis­sen hin­ge­ge­ben wur­de, habt ihr durch die Hand von Gesetz­lo­sen ans Kreuz geschla­gen und umge­bracht.“ (Apg 2,22f)

    Bar­d­os­sy: „Am Kar­frei­tag war der lei­den­de Erlö­ser eine getrie­be­ne „Vic­ti­ma pas­si­va“ – und nicht akti­ver Dar­stel­ler und Regis­seur des schau­ri­gen Sze­na­ri­os.“
    Dazu:
    „Des­halb liebt mich der Vater, weil ich mein Leben hin­ge­be, um es wie­der zu neh­men. Nie­mand ent­reißt es mir, son­dern ich gebe es aus frei­em Wil­len hin. Ich habe Macht, es hin­zu­ge­ben, und ich habe Macht, es wie­der zu neh­men. Die­sen Auf­trag habe ich von mei­nem Vater emp­fan­gen.“ (Joh 10,17f)

  2. Die The­se Bar­d­os­sys, wenn ich den Text rich­tig ver­stan­den habe, ist, dass die Men­schen anders ent­schei­den hät­ten kön­nen. Wie sehr hät­te sich der Him­mel wohl dar­über gefreut. Doch wie heißt es im Johan­ne­spro­log: „et Lux in Tenebris lucet et Tenebrae eam non con­pre­hen­der­unt“.

  3. Und wie­der ver­sucht ein Christ ver­zwei­felt, Gott beque­mer zu machen, als er wirk­lich ist. Es ist der Schan­de wür­di­ger Ver­lo­gen­heit, sich hin­ter einem zor­ni­gen Gott immer nur einen lau­ni­gen, gelang­weil­ten Sadi­sten vor­zu­stel­len. Welch Hohn für des All­mäch­ti­gen unfehl­ba­re Gerech­tig­keit, die doch von Psalm zu Psalm von den hei­li­gen Pro­phe­ten geprie­sen wur­de! Höchst auf­schluss­reich für die unrei­fe Glau­bens­ge­sin­nung sol­cher Chri­sten, die aus Gott wohl am lieb­sten einen Göt­zen ihres eige­nen Stol­zes schnit­zen wür­den.

    Doch wo fin­det man sie heu­te, die hier vom wer­ten Pro­fes­sor bereits zum Unter­gang ver­damm­te „römi­sche Zorn- und Don­ner-Theo­lo­gie“? In der vom gering­sten Schuld­ge­fühl befrei­ten Kate­che­se? In den zahn- und harm­lo­sen Sonn­tags­pre­dig­ten? In den bischöf­li­chen Hir­ten­brie­fen, die sich wie gott­freie Stel­lung­nah­men der UNO-Gene­ral­se­kre­tä­re zur Völ­ker­ver­stän­di­gung anhö­ren? In die halbat­he­istisch-libe­ra­le Strei­chel­theo­lo­gie unse­rer Hoch­schu­len? Wo fin­det man sie, denn sie scheint nur noch in die Geschichts­bü­cher zu tref­fen sein. Sie ist auch nicht mehr zu fin­den, da sie von der blu­mi­gen 68er Wel­le des Kon­zils­gei­stes fort­ge­spült wur­de. Und man muss die­se „grau­sa­me“ Theo­lo­gie, die in den letz­ten Jahr­zehn­ten zu genü­ge ver­flucht und bespuckt wur­de, jetzt auch noch den Gna­den­stoß ver­set­zen? Doch wel­che Lösung wird hier ange­bo­ten? Die Kir­che allen Ern­stes in stän­di­ge Par­ty­stim­mung zu hal­ten? Oder die Wün­sche der Lai­en Fol­ge lei­sten, wovon vie­le aus Gott all­zu ger­ne ein wei­ches Kis­sen machen wür­den? Tut nicht die Kir­che die­se Dinge(zuhören! Viel­falt! Brücken bau­en©!) seit dem letz­ten Kon­zil andau­ernd? Und hier wird die Belie­big­keits­theo­lo­gie amo­ris lae­ti­ti­as kri­ti­siert?

    Doch damit nicht genug. Kaum schickt sich hier Herr Bár­d­os­sy an, Ideen zur Wie­der­be­le­bung des sich ins tie­fe Koma befin­den­den katho­li­schen Glau­bens vor­zu­schla­gen (was an sich sehr zu loben ist), schon glei­tet er nach ein paar Sät­zer­güs­se ins heil­lo­se häre­ti­sche Abseits:

    „Das Ertra­gen (Pas­si­on) (…) wur­de nicht von Gott insze­niert, son­dern erlit­ten“.

    Ich könn­te jetzt hier eine gewal­ti­ge Lawi­ne an neu­te­sta­ment­li­che Zita­te zur Wider­le­gung die­ses (schwe­ren) Irr­tums los­bre­chen las­sen, spa­re mir aber die Mühe und begnü­ge mich anson­sten mit den Pro­phe­ten des Alten Bun­des, deren Got­tes­sprü­che, Gott sei gedankt, deut­lich genug sein kön­nen, um sol­che eit­le Wunsch­bil­der zu demo­lie­ren:

    „Wegen des Ver­ge­hens sei­nes Vol­kes hat ihn Stra­fe getrof­fen. Und man gab ihm bei Gott­lo­sen sein Grab, aber bei einem Rei­chen ist er gewe­sen in sei­nem Tod, weil er kein Unrecht began­gen hat und kein Trug in sei­nem Mund gewe­sen ist. Doch dem Herrn gefiel es, ihn zu zer­schla­gen. Er hat ihn lei­den las­sen. Wenn er sein Leben als Schuld­op­fer ein­ge­setzt hat“(Jesaja 53,8ff).

    Schockiert? Gott muss man eben lie­ben, wie er ist — auch sei­ne für uns so erschei­nen­den „Schat­ten­sei­ten“. Was Ihm betrifft: er liebt es, wenn Men­schen sich vor Ihm ernied­ri­gen. Wuss­te schon der König David, als er sich fro­hen Gemü­tes durch sei­nen lächer­li­chen Tanz — ent­blößt! — vor der Bun­des­la­de unter den Augen aller Mit­fei­ern­den Gott gegen­über tief demü­tig­te. Doch das reich­te ihm nicht: „ich will noch gerin­ger wer­den als dies­mal und will nied­rig wer­den in mei­nen Augen“ (2. Samu­el 6, 22). Nun gibt es kei­ne schlim­me­re Schmach für das menschli­sche Stolz, als sei­ne Unschuld für die Erlö­sung des auch schlimm­sten Sün­ders zu opfern. Per­vers? Das war die Pas­si­on Chri­sti: Die Ver­nich­tung allen Stol­zes, der die Sün­de der Erb­sün­de selbst war. Die Kreu­zi­gung war kein „Unfall“. Sie war das ulti­ma­ti­ve Heils­werk Got­tes. Er hat es aus Lie­be, nicht aus Unmacht voll­bracht. Des­we­gen haben ja Chri­sten seit frü­he­ster Zeit das Kreuz zum Erken­nungs­zei­chen ihres Glau­bens erho­ben.

    Und nicht das lee­re Grab.

    • Das Kreuz Chri­sti ohne das lee­re Grab blie­be das Schand­holz für einen bedau­er­li­chen Justiz­mord. Der Kar­frei­tag ohne Oster­mor­gen wäre eine eit­le Sinn­lo­sig­keit (1 Kor 15,17). Der auf­er­stan­de­ne Chri­stus ist somit nicht der bedau­erns­wer­te Got­tes­knecht (Mes­si­as) der Isai­as-Lie­der, son­dern der Pan­to­kra­tor des Uni­ver­sums.
      Das auf Augu­stin zurück­ge­hen­de Wort­spiel („latent-patent“) ist kein Glau­bens­satz, wonach das Neue Testa­ment im Alten ver­bor­gen wäre, und das Alte offen im Neu­en läge… (Novum in Vete­re latet, Vetus in Novo patet). Der Got­tes­knecht des Isai­as ist also kei­ne ange­mes­se­ne Scha­blo­ne für Chri­stus und wahr­schein­lich nicht ein­mal ein laten­tes Vor­bild, son­dern viel­mehr ein alt­jü­di­sches Zerr­bild, wenn der unbe­kann­te Ver­fas­ser des Deu­te­ro-Isai­as behaup­tet: „Jah­we gefiel es, ihn durch Lei­den zu zer­mal­men…“ Das wäre in der Tat eine unzu­mut­ba­re, schockie­ren­de Bru­ta­li­tät für das rich­ti­ge Ver­neh­men des Got­tes­bil­des im Neu­en Testa­ment. Chri­stus sagt ja von sich und von uns: „Ihr seid mei­ne Freun­de… ich nen­ne euch nicht mehr Knech­te…“ (Johan­nes 15)
      Das Alte Testa­ment ist daher ein für alle­mal defi­ni­tiv ver­gan­gen und wur­de mit den Wor­ten auf­ge­ho­ben: „Ich aber sage euch…“ Die Erklä­run­gen der alt­jü­di­schen Got­tes­knecht­lie­der sind eine ver­hee­ren­de Über­tra­gung zum inte­gren Ver­ständ­nis von Chri­sti Leh­re. Nach dem wei­sen Papst Bene­dikt XVI. ver­liert sich das Ver­ste­hen der alten Tex­te weder im Lite­ral­sinn noch in der Belie­big­keit von Deu­tun­gen, son­dern wird vom Sen­sus fidei fide­li­um unter der Lei­tung des Lehr­am­tes ekkle­sio­lo­gisch wie von einer auf­stei­gen­den Spi­ra­le ein­ge­grenzt. Die Tra­di­ti­on schließt also eine behut­sa­me Leh­r­ent­wick­lung nicht aus, was auch mit der Pau­li­ni­schen Stück­werk-Erkennt­nis im Ein­klang ist. Bene­dikt nennt die­se post­kon­zi­lia­re Vor­ge­hens­wei­se die Her­me­neu­tik (Inter­pre­ta­ti­on) der Kon­ti­nui­tät zur Dif­fe­renz des offe­nen Bru­ches. Daher wäre bei gut durch­dach­ten Über­zeu­gun­gen mehr Vor­sicht gebo­ten, bevor man Anschul­di­gun­gen wie „Satz­er­güs­se ins heil­lo­se häre­ti­sche Abseits“ vor­ei­lig unter­stellt.

  4. Blie­be offen, war­um Jesus dann im Gar­ten Gethe­se­ma­ne sagt: Mein Vater, wenn es mög­lich ist, so gehe die­ser Kelch an mir vor­über; doch nicht wie ich will, son­dern wie du willst! Bei der vor­aus­zu­set­zen­den All­macht Got­tes war das Lei­den des Soh­nes dem­nach der Wil­le Got­tes. Der Vater greift jeden­falls hier zugun­sten des Soh­nes auch nicht ein. Da Jesus Chri­stus sich selbst zur Sün­de gemacht hat, wie Pau­lus schreibt, erlitt er auch die Fol­gen der Sün­de. 2.Kor 5 Denn er hat den, der von kei­ner Sün­de wuß­te, für uns zur Sün­de gemacht, auf daß wir wür­den in ihm die Gerech­tig­keit, die vor Gott gilt. Das Alte Testa­ment ist lt.Benedikt XVI. nicht auf­ge­ho­ben, wenn er in einem Dis­kurs mit einem jüdi­schen Gelehr­ten schrieb: was hat Jesus Chri­stus aus dem AT auf­ge­ho­ben? Nichts; was hat er hin­zu­ge­fügt: sich selbst!

  5. „Ich sage euch: An mir muss sich das Schrift­wort erfül­len: Er wur­de zu den Ver­bre­chern gerech­net (Jes 53,12). Denn alles, was über mich gesagt ist, geht in Erfül­lung.“ so Jesus zu den Jün­gern, bevor sie zum Ölberg gin­gen (Lukas 22,37).

    Jesus hat sich also mit dem lei­den­den Got­tes­knecht aus Jesa­ja iden­ti­fi­ziert.

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