Wer hat Angst vor Pelagius?

Wer hat Angst vor Pelagius
Wer hat Angst vor Pelagius?

Von Endre A. Bárdossy*

Mit bescheidenen Kräften versucht der vorliegende Aufsatz keinen Heurigen, sondern einen in „Eichenfässern“ gelagerten, klaren, alten, „voraugustinischen“ Wein einzuschenken. Die Literaturangaben mögen den geneigten Leser aus dem Dickicht weiterführen. Unter den Kronzeugen garantiert erfreulicherweise auch Joseph RATZINGERS Name für Qualität. Des weiteren ist hervorzuheben, daß die umwerfende Endentscheidungshypothese von BOROS, der krönende Ausblick der vorliegenden Arbeit, mit kirchlicher Druckerlaubnis erschienen war (1962), und nach einem anfänglichen Bombenerfolg seither in der Versenkung der undankbaren Nachwelt verharrt. Schließlich geht die Komposition der vorgelegten, teilweise nonkonformistischen Hypothesen – falls sie nicht jedermanns Überzeugungen entgegenkommt –, auf meine fehlbare Rechnung. Ich habe sie aber nicht nur erdacht, sondern persönlich durchlitten als eine echte existentielle Herausforderung. In diesem Sinne stammen alle meine Aussagen aus einer ernstgemeinten Glaubenskrise, die man nicht auf die leichte Schulter nehmen kann.

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Es käme einer Realitätsverweigerung gleich, wenn man nicht zugeben wollte, daß die Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962), das vor allem pastorale Schlagworte wie Aggiornamento, Inkulturation, Ökumene an seine Fahne geheftet hatte, eine ungeheure Krise in der Katholischen Kirche inaugurierte. Nach langen Inkubationszeiten des Modernismus und Pluralismus eroberten seitdem, von einem wilden linksliberalen Kurs angefangen, über die Protestantisierung des Katholizismus bis hin zum interreligiösen Synkretismus und Relativismus, viele kunterbunten Extreme ein früher nie gesehenes Heimatrecht im Schoße der Kirche. Nicht einmal fünf Konzilspäpste (von JOHANNES XXIII angefangen bis BENEDIKT XVI inbegriffen) vermochten den Prozeß aufzuhalten. Die schismatische Stimmung im Pontifikat des Argentiniers Jorge Mario BERGOGLIO hat vielmehr zu- als abgenommen. Von einer Acies ordinata ist weit und breit keine Rede mehr, selbst die unkatholischsten Feinde befinden sich in einem chaotischen, losen Zustand. Dafür muß tunlichst das Hohelied des Salomon (6,10) zitiert werden:

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Es ist aber von Robert SCHUMAN (1886–1963) rechtzeitig vorausgesagt und von Viktor ORBÁN (2012)((„Probleme schnell korrigieren“, News, 18.01.2012.)) eindringlich eingemahnt worden, daß Europa entweder christlich oder nicht mehr sein wird. Heute wissen alle Bescheid, daß Europa, insbesondere die europäische Kirche, wie ein Nachtwandler traurigen Konsequenzen entgegensteuert: Bald werden wir nicht mehr existieren! Die bedingungslose Kapitulation des Abendlandes ist nach menschlichem Ermessen bereits eine vollzogene Tatsache. Die Realität bestätigt zusehends den Verfall der Kräfte. Die Mehrheit ist alt, träge und feige. Neben vielen anderen Ursachen, sterben wir allein schon aus demographischen Gründen aus. Kardinal Christoph SCHÖNBORN hat den Vatikan überzeugt, daß man in Österreich keine Hardliner-Bischöfe brauchen kann, weil sie aus dem gesellschaftlichen Konsens herausfallen würden.

Das Fazit aus dem flüchtigen, aber absolut düsteren Rundblick lautet: Die Sünde gehört nicht nur zu unserem Milieu, sie ist geradezu auch in der Kirche zu Hause. Zur größten Schadenfreude unserer Feinde kann man mit LUTHER auch auf die Heiligen mit dem Finger zeigen: Simul iustus et peccator? Zugleich sind sie Gerechte und Sünder? Ist damit erwiesen, daß Heiligkeit und Scheinheiligkeit unumwunden zusammengehören? Gibt es noch echte Helden für Wahrheit und Gerechtigkeit?

Ja natürlich, wenige trauen sich die delikate Aufgabe zu, die häretischen Lehren eines Papstes zurechtzuweisen, so wie die vier Kardinäle – von denen mit ihren fundierten Dubia zwei bereits verstorben sind. Aber was haben sie erreicht? Weiße Raben blieben sie, Kuriositäten, welche nur die Regel bestätigten, falls es eine Regel überhaupt noch gibt. Kann also ein Heuchler sogar die „peinlichsten Sachen“ aussitzen, wenn er nur lange genug pflichtvergessen schweigt? Über todernste Sachen ziemt es sich nicht zu wetten, ich wette aber mit heiligem Schauder, daß Kardinal József MINDSZENTY der Fünfte geworden wäre, wenn er noch lebte. In Ungarn heißt ein Ja noch immer Ja, und ein Nein ein Nein! Im kleinen Transleithanien((Die Leitha ist der historische Grenzfluß zwischen Österreich und Ungarn.)) ergeben die politischen Wahlen unerhörte Erfolge bei 70% Wahlbeteiligung, und das zum dritten Mal ohne Unterbrechung (2000, 2014, 2018). Im charakterlabilen Westen kann kein Politiker von solchen Ergebnissen träumen. Im Siegestaumel schloß Ministerpräsident Viktor ORBÁN seine Dankesrede mit einer verwunderlichen Formel, die im Westen nicht mehr verstanden wird: SOLI DEO GLORIA! Drüben wurde sie mit Zweidrittelmehrheit applaudiert. Hier, in Cisleithanien sind wir mit unserem Latein am Ende.

Ein knappes und treffendes,
trockenes und schmuckloses Privileg

Jemand sagte nicht ohne eine gewisse Bitterkeit, daß dies nur möglich sei, da den vier Visegrád-Staaten das Privileg zuteil geworden war, mehr als ein halbes Jahrhundert lang zunächst vom Deutschen Reich erdrückt und anschließend unter dem Joch des Sowjet-Kommunismus gepeinigt zu werden. Hinter dem Eisernen Vorhang ist ihnen in Armut und Isolierungshaft die Gnade widerfahren, ihre moralische Integrität und geistige Freiheit eher bewahren zu können als im dekadenten Westen! Das ist ein Fall positiver Prädestination. Säkular gesagt: „Nur“ Schicksal, Zufall, Glück im Unglück? Nein, das gibt es nicht! Jenen, die Gott lieben, hilft eben alles zum Guten mit.((Römerbrief 8,28.))

Rasend schnell dem 80er näher rückend habe ich nun auch ein persönliches Problem: Es ist an der Zeit, um mich auf das Sterben vorzubereiten. Was kann ich, was darf ich noch als einfacher Laie und pensionierter Hochschullehrer tun? Soll ich resigniert zuschauen, spendend und betend, – denn einem alten Landsknecht der Römisch-Katholischen Kirche stehen eo ipso weder andere Rechte noch Funktionen zu. Soll ich aus der Unheiligen Katholischen Kirche, meiner angestammten geistigen Heimat, emigrieren?((Cf. Johannes 6,68.)) Herr, zu wem sollen wir weggehen? Das ist die bitterböse Frage? Es gibt keine Alternative. Hier, im Schoße der einen Kirche haben wir zu leben bis zum letzten Atemzug, auch unter den widrigsten Umständen, weil die Sekten nicht von Christus gestiftet worden sind!

Gibt es eine willige Imitation oder eine willenlose Vererbung der Sünde?

Neuerdings habe ich die Geschichte studierend und hie und da in sporadischen Nachrichten verklausuliert, einen gewissen Trost aus den Orthodoxen Kirchen des Ostens vernehmen können. Sie pflegen noch eine anständige, unsophistische Theologie der ganzheitlichen Heilsökonomie und einer heiteren Heilspädagogik! Bei ihnen erreicht das Dramatische im Evangelium seinen Höhepunkt nicht freitags am blutigen Kreuz, sondern nach aller Düsterheit der Karwoche erst am Ostermorgen der Herrlichkeit, wenn sie mit der Grußformel verkünden: Christos anesti! Alithos anesti! Christus resurrexit! Vere resurrexit! Wenn Er nicht auferweckt ist, dann ist unser Glaube sinnlos.((1. Korintherbrief 15,12–20 ; Lukas 7,11–17.)) Das ist der Gordische Knoten!

Der hl. AUGUSTIN (354–430) aus dem lateinischen Westen, sein geistiger Urenkel, der unheilige Martin LUTHER (1483–1546) aus deutschen Landen, und der päpstlich und königlich mehrfach verurteilte katholische Bischof Cornelius JANSEN (1585–1638)((Guntram Matthias Förster: Der Jansenismus – eine „katholische Häresie“ der frühen Neuzeit?, 2011.)) aus Port-Royal des Champs – die drei Spitzen der Sünden- und Prädestinationstheologie – geistern im orthodoxen Osten nicht wie bei uns als Kinderschreck herum. Wenn man einem Kind ständig einredet ein sündiger Schwächling zu sein, dann wird er auch einer.

In diesem Zusammenhang wird das griechische Wort „Oikonomia“ (Hauswirtschaft) als Heilsökonomie, Heilsplan, Heilsgeschichte übersetzt. Oikos bedeutet Haus, Haushalt, Hauswirtschaft, und Nomos Gesetz, Brauch, Satzung. Für die „Haushaltung Gottes“ sollen also freie, mutige, gebildete Kinder erzogen werden, nicht komplexbeladene, die sich mit der universalen Erbschuld abfinden, sodaß sie das generelle Sündenbewußtsein schließlich und endlich aus „Nachahmung & Gewohnheit“, gleichsam wie eine zweite Natur, resigniert hinnehmen oder entschlossen von sich weisen müssen. Bereits Cicero hat auf die gewaltige Macht der Gewohnheit hingewiesen: Consuetudo est quasi altera natura. Die Gewohnheit ist gleichsam eine zweite Natur, welche unsere Freiheit zwar einschränken, aber doch nicht aufheben kann.((Cicero (106–43 vor Chr.): De Finibus 5,25 .))

Die alttestamentarischen Sündenbock-Tricks der Juden (mit Lämmern und Ziegenböcken) auf Christus zu übertragen, damit wir selbst „billigst“ vom Zorn Gottes davonkommen und dafür ein belangloses Tier (oder gar ein tragisches Menschenopfer!) abschlachten lassen, widerspricht dem Geist des Neuen Testaments. Die Exekution eines absolut Unschuldigen im Schauprozeß vor Pilatus war die unüberbietbare, letztmögliche, absurdeste, persönliche Sünde der anwesenden jüdischen Prälaten. Vorgezogen, bevorzugt, auserwählt zu sein, gehörte immer schon zum übertriebenen, stolzen Selbstbewußtsein der Juden.((Prälat ist das substantivierte Partizip vom lat. Verb praefero, praetuli, praelatum (Präferenz): der Bevorzugte, Vorgezogene.))

Es gibt weder eine kollektive Schuld noch eine kollektive Rettung, sie ist immer eine persönliche, sie kann nicht im Namen anderer verbrochen oder gebüßt werden. Liebe und Leiden Christi im Tauschhandel als bares „Löse-Geld“ für Adams Erstsünde zu stilisieren, um einen wütenden, sadistischen, beleidigten Vater zu besänftigen, scheint ein archaisches, typisch altjüdisches Geschäft zu sein, das mit dem Geist der bedingungslosen, absoluten Liebe nicht recht korrespondiert. Das heroische Erdulden aller Bosheiten der Menschen war Gottes Liebeswille, nicht die sadomasochistische Schandtat selber, woran der Gott der Güte, Liebe und Geduld unmöglich eine lustvolle Genugtuung und Gefallen finden kann. Der Frühscholastiker Anselm von Canterbury vertrat die Satisfaktionslehre((Anselm von Canterbury (1033-1109): Cur Deus Homo. Warum ist Gott Mensch geworden?)), daß Christi Liebestat der Inkarnation und Erlösung als Befriedigung des maßlosen Zornes von Gott Vater zu verstehen sei, wofür das Hinrichten aller armer Seelen im ewigen Feuer freilich ungenügend, aber durch die blutige Exekution seines eigenen Sohnes wettgemacht werden soll. Das wäre zweifellos noch ein deutliches Rudiment der erbarmungslosen Vergeltungsstrategie: „Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme.“((Exodus 21,23–25.))

Die augustinisch-lutherisch-jansenistische Theologie des Schreckens((Willibald Sandler: Augustinus – Lehrer der Gnade und Logiker des Schreckens? Ein nötiger Schnitt in der Rezeption von Ad Simplicianum aus der Perspektive der dramatischen Theologie. Einblicke in die Theologie Józef Niewiadomskis. 2011.)) wollte mit zitternden Händen, aber unverdientermaßen das große Gratis-Los der bequemen Prädestination fürs Himmelreich ziehen. Für die Ursünde (lat. Peccatum originale) von Adam erfanden die Fatalisten das Märchen der genetischen Erbsünde („Peccatum hereditarium„), welche den Menschen bereits mit dem Sperma der biologischen Befruchtung in eine Jauchengrube der Todsünde stürzen, ertrinken und zu einer rückgrat- und willenlosen Larve reduzieren würde. Die schillernde Prädestinations- und Gnadenlehre in ihren extremen, halbmanichäischen Formen war zwar oft die Versuchung einzelner Theologen, diese wurden aber nie zum katholischen Glaubensgut erhoben, allerdings auch nicht immer entschieden genug dementiert. In der griechisch-orthodoxen Sprache heißt die Justifikation (Rechtfertigung) des Menschen „THEOSIS“: Vergöttlichung, d. h. die Restauration der Gottesebenbildlichkeit unserer Natur (gr. PHYSIS) oder wie man es ebenfalls griechisch sagen kann, unseres Wesens (OUSIA). Freilich, der prassende Sünder Martin fühlte sich nicht unwohl in der selbstgegrabenen Grube und stellte sich taub wider besseres Wissen. Während die vatikanischen Konzilsväter ein halbes Jahrhundert lang auf eine nebelig verschwommene „Hermeneutik der Kontinuität / Diskontinuität“ gepostet haben, zog das Tridentinische Konzil (1545–1463) noch eine klare Sprache vor. So stellte das ERSTE KAPITEL des Dekrets über die Rechtfertigung klipp und klar fest:

„Zuerst erklärt das heilige Konzil, daß es zum rechten und aufrichtigen Verständnis der Lehre von der Rechtfertigung gehört, daß ein jeder anerkennt und bekennt: Nachdem alle Menschen in der Übertretung Adams die Unschuld verloren hatten, ‘unrein geworden’ und (wie der Apostel Paulus sagt) ‘von Natur Kinder des Zorns’, waren sie – wie es im Dekret über die Ursünde darlegte – so sehr Sklaven der Sünde und unter der Macht des Teufels und des Todes, daß nicht nur die Heiden nicht durch die Kraft der Natur, sondern nicht einmal die Juden selbst sogar durch den Buchstaben des Gesetzes des Moses davon befreit werden und sich erheben konnten, gleichwohl war in ihnen der freie Wille keineswegs ausgelöscht worden [CANON 5], auch wenn er in seinen Kräften geschwächt und gebeugt war.“

Frank und frei müssen wir daher zugeben, daß die bunt geflochtenen Anekdoten um Isaaks beide Söhne, dem erstgeborenen Esau und dem hinterlistigen „Fersenhalter“ Jakob, keinen historischen Tatsachenbericht darstellen, sondern großteils eine Erdichtung jüdischer Volksmärchen sind, die aus theologischer Sicht, aber auch aus einem positiveren Lebensgefühl heute völlig unzugänglich empfunden werden. So war doch JAKOB, der Stammvater der Juden, ein eifersüchtiges Muttersöhnchen der Rebekka, das seinen blinden Vater niederträchtig belogen und spitzfindig betrogen hat; ESAU (der Stammvater der Edomiten) dagegen ein plumper, derber, rothaariger Rustikus, der mit dem legendären, ebenfalls rötlichen Linsengericht lächerlich verzeichnet wird.((Genesis 25 (ab Vers 19) bis Kapitel 36 inklusive.)) Edom bedeutet hebräisch rot und bezieht sich auf einen Nachbarstamm der Juden. Vernünftigerweise kann von einer genetisch-biologisch-rothaarigen Begründung weder von Sünde und Bosheit noch von einer geschichtsmächtigen, aber launenhaften Prädestination von Zwillingen bereits während der Schwangerschaft die Rede sein. Daher müssen wir eine gewisse, naive, altjüdische Symbolik und Stilistik sogar dem hl. Paulus verständnisvoll nachsehen, da er als „Jude unter Juden“((Philipperbrief 3,5.)) nur mühsam ins Christliche eingeweiht worden war:

  • Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehaßt!„((Cf. Römerbrief 9,13.)) Diese Gott zugeschriebene Sentenz als beredtes Dokument des jüdischen Chauvinismus wird von Paulus lässig nachempfunden, kann aber für eine sinnvolle Heilsökonomie nicht unkritisch hingenommen werden. Evidenterweise kann Gott kein Kind vor der Geburt hassen, da Er doch nichts Unvernünftiges tun oder verlangen kann.
  • Auch ein „Tongefäß zur Unehre“ des Töpfers, das sang- und klanglos ab ovo zum Verderben prädestiniert und verworfen sei, ist ebenfalls nicht als Musterbeispiel der Göttlichen Heilsökonomie ernstzunehmen.((Römerbrief 9,21–23 .))
  • Die „Verstockung des Pharaos“ und die legendäre Geschichte der „Zehn Ägyptischen Plagen„((Exodus 5–14.)) werden stets von protestantischen Predigern gerne für bare Münze der (negativen) Prädestinationsideologie genommen. Sie gehören wiederum in das Genre altjüdischer Volksmärchen, deren wortwörtliche Auslegung vom Neuen Testament definitiv überholt, historisch unbelegbar und heilsgeschichtlich belanglos geworden ist.

In der Tat handelt es sich bei der wohlverstandenen Paulinischen Auserwählung von Juden- und Heidenchristen ausschließlich um positive Charismen, Gaben, Vorteile, die niemals für die Verdammung, sondern stets für das Wohl aller Beteiligten willig genutzt werden sollen. Griechisch Charisma bedeutet göttliche Liebesgaben: Gunst und Gnade, Geschenk und Talent, die gratis auf Bewährung verliehen werden. Sie stellen jedenfalls eine positive Prädestination dar. Im Bausch und Bogen von Jakobs positiver und Esaus negativer Prädestination (Verfluchung) kann somit sowieso nicht die Rede sein, aber der „Hellenen und Barbaren, Gebildeten und Ungebildeten“((Römerbrief 1,14.)) natürlich auch nicht, wenngleich die Verteilung der Chancen und Talente immer eine ungleiche ist. Niemand kann sich darüber empören, daß er nicht als „Sohn von Rothschild“ geboren wurde. Wessen Kind wir sind, ist dennoch eine Schickung, Verfügung, Vorentscheidung (Sors, Fortuna, Fatum), ein positives Destinare, festmachen, festbinden, festsetzen zu einer lebenslangen Weg- und Zielbestimmung, die nur dankbar angenommen werden kann.

Die Schöpfung, Sixtinische Kapelle, Rom
Die Schöpfung, Sixtinische Kapelle, Rom

Zurechnungsfähigkeit und zureichendes Wissen sind also nach den Grundsätzen der griechisch-römischen Erziehung und des Rechtes die allerersten logischen Vorbedingungen jeder Schulung und jedes Strafgerichts. Diese wären im Falle einer genetischen Erbsündenlehre, Verstockung oder Verfluchung samt einer negativen Vorbestimmung von Schuld und Sühne absolut nicht gegeben! Der Wille, den Gott dem Menschen gab, ist nach wie vor, selbst nach dem Fall – wie das Tridentinische Konzil es unzweideutig lehrt, – nicht unfrei und unsere Vernunft nicht unfähig zum neuerlichen Vernehmen, aber auch zum neuerlichen Verweigern des Guten geblieben. Freies Wollen und Einvernehmen sind die Grundbedingungen des Guten und Bösen überhaupt. Wenn aber ihre Interpretation selbst in den Paulinischen Briefen(Römerbrief 5,12 ; 1 Korintherbrief 15,22 ; Hebräerbrief 12,17.)) nicht immer durch Klarheit glänzt, dann können wir erst recht von der enormen Leistung beeindruckt sein, die wir der Tridentinischen Aufklärung der augustinisch-lutherischen Holzwege verdanken. Der hl. Paulus, zum Teil noch in den engen Vorstellungen der jüdischen, längst verjährten Auserwähltheit der Juden verfangen, war verständlicherweise allzu sehr Jude und Kind seiner Zeit, aber er korrigierte und bekannte sich immer wieder standhaft zur vollen Verantwortung des frei erschaffenen und zur Freiheit wiedererlösten Menschengeschlechtes, das freilich stets zum Guten, aber auch zur Sünde – allerdings immer aus eigenem, freiem Entschluß – befähigt ist.

Die dogmatische Lehre des Tridentinums ratifiziert in insgesamt 16 ausführlichen Kapiteln und 33 prägnanten Canons die gemeinsame katholisch-orthodoxe Lehre und schließt unmißverständlich – ohne sie namentlich zu nennen – das Gemisch der augustinisch-lutherischen Prädestinations- und Erbsündentheologie aus. Von den glänzend redigierten Kategorien wird also ein breites Spektrum historischer und künftiger Irrlehren erfaßt. Im folgenden wird aus dem vollen Text eine Auswahl geboten:((Vor 470 Jahren: Dekret über die Rechtfertigung des Konzils von Trient (1547).))

Canon 1: Wer sagt, der Mensch könne durch seine Werke, die durch die Kräfte der menschlichen Natur oder vermittels der Lehre des Gesetzes getan werden, ohne die göttliche Gnade durch Christus Jesus vor Gott gerechtfertigt werden: der sei mit dem Anathema belegt.((Anathema: Kirchenbann. Etymologisch vom griech. Verb ana-tithemi / zurücknehmen, verwerfen, ausschließen.))
Canon 4: Wer sagt, der von Gott bewegte und erweckte freie Wille des Menschen wirke durch seine Zustimmung zu der Erweckung und dem Ruf Gottes nichts dazu mit, sich auf den Empfang der Rechtfertigungsgnade zuzurüsten und vorzubereiten, und er könne nicht widersprechen, wenn er wollte, sondern tue wie etwas Lebloses überhaupt nichts und verhalte sich rein passiv: der sei mit dem Anathema belegt.
Canon 5: Wer sagt, der freie Wille des Menschen sei nach der Sünde Adams verloren und ausgelöscht worden, oder es gehe nur um eine Bezeichnung, ja, eine Bezeichnung ohne Inhalt, schließlich um eine vom Satan in die Kirche eingeführte Erdichtung: der sei mit dem Anathema belegt.
Canon 9: Wer sagt, der Gottlose werde allein durch den Glauben gerechtfertigt, so daß er darunter versteht, es werde nichts anderes erfordert, wodurch er zur Erlangung der Rechtfertigungsgnade mitwirke, und es sei keineswegs notwendig, daß er sich durch seine eigene Willensregung vorbereite und zurüste: der sei mit dem Anathema belegt.
Canon 15: Wer sagt, der wiedergeborene und gerechtfertigte Mensch sei aufgrund des Glaubens gehalten, zu glauben, er gehöre sicher zur Zahl der Vorherbestimmten: der sei mit dem Anathema belegt.
Canon 17: Wer sagt, die Gnade der Rechtfertigung werde nur den zum Leben Vorherbestimmten zuteil, alle übrigen aber, die gerufen werden, würden zwar gerufen, aber nicht die Gnade empfangen, da sie ja durch die göttliche Macht zum Bösen vorherbestimmt seien: der sei mit dem Anathema belegt.
Canon 18: Wer sagt, die Gebote Gottes seien auch für einen gerechtfertigten und unter der Gnade stehenden Menschen unmöglich zu beobachten: der sei mit dem Anathema belegt.
Canon 19: Wer sagt, im Evangelium sei nichts vorgeschrieben außer dem Glauben, das übrige sei gleichgültig, weder vorgeschrieben noch verboten, sondern frei; oder die zehn Gebote hätten keine Bedeutung für die Christen: der sei mit dem Anathema belegt.
Canon 29: Wer sagt, der nach der Taufe Gefallene könne nicht durch Gottes Gnade wiederaufstehen; oder er könne zwar die verlorene Gerechtigkeit wiedererlangen, aber allein durch den Glauben, ohne das Sakrament der Buße, wie es die heilige Römische und Allgemeine Kirche, von Christus, dem Herrn, und seinen Aposteln belehrt, bis zu diesem Zeitpunkt verkündet, bewahrt und gelehrt hat: der sei mit dem Anathema belegt.
Canon 33: Wer sagt, durch diese katholische Lehre über die Rechtfertigung, die vom heiligen Konzil in diesem vorliegenden Dekret formuliert wurde, werde in irgendeiner Hinsicht der Ehre Gottes oder den Verdiensten unseres Herrn Jesus Christus Abbruch getan, und es werde nicht vielmehr die Wahrheit unseres Glaubens und schließlich die Ehre Gottes und Christi Jesu ins Licht gesetzt: der sei mit dem Anathema belegt.

Weitreichende Auswirkungen des Tridentinischen Dekrets

The Dictator PopeAugustin war im Osten kaum bekannt. Er beherrschte das Griechische nicht, und die Orthodoxen das Lateinische auch nicht gut genug. Die authentische Orthodoxie des Ostens hat aber mit den Tridentinischen Klarstellungen keine Probleme. Diese zerpflücken ja die Kernstücke des Protestantismus, desavouieren aber auch den späten Augustin. Gleicherweise entziehen sie dem Jansenismus den Boden und geben zugleich Aufwind für den nicht immer makellosen moralischen Probabilismus der Jesuiten, der eine Art Theorie der moralischen Wahrscheinlichkeitsrechnung war, also ein Taktieren mit liberaler Freizügigkeit & Laxheit. Das Wahrscheinlichste hat Luis de Molina S.J. (1535–1600) im Zweifelsfalle vorschnell auch für das Gute gehalten, was vom lutherischen Schriftsteller Philipp Melanchthon auf Anhieb eines versteckten, unlauteren Pelagianismus verdächtigt worden war.

Nachdem der Jesuitenpapst Bergoglio für Luther unverblümte Sympathien hegt, seine eigenen geistigen Vorfahren verratend, muß er mit Melanchthon reflexartig gegen einen vermeintlichen NEO-PELAGIANISMUS UNSERER TAGE zu Felde ziehen. Da er aber ein wenig ungebildet und nach seinen eigenen Worten eher als cuco (d. h. schlau, gerissen auf Spanisch) einzustufen ist, stößt er dialektisch den traditionsbewußten Katholiken von heute mit dem Vorwurf des alten Pelagianismus vor den Kopf und schafft sich das grimmige Bild eines Papst-Diktators. Versuchen wir nun von den tausendjährigen Wortgefechten den Staub abzuwischen!

Wer hat also Angst vor einem Pelagius Redivivus?

An der Wende des IV. zum V. Jahrhundert konnte sich das Ansehen des Christentums in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht weitgehend konsolidieren. Zur gleichen Zeit als der glänzende Prediger PELAGIUS aus den Britischen Inseln kommend in Rom den freien Willen wiederentdeckte und moralische Leistung verlangte, strömten in die augustinische Volkskirche der Ewigen Stadt massenhaft Taufscheinkatholiken. Sie begnügten sich oft mit einem sakramentalen Schein, blieben aber ansonsten wenig bis herzlich unqualifizierte, unbeholfene Durchschnittsmenschen. Ihre Hauptsorge war, im Fahrwasser der Gnade einen sicheren Fahrschein der Prädestination himmelwärts zu lösen, aber sonst weiter heidnisch dahin zu leben wie eh und je.

Der willensstarke, tatkräftige, anspruchsvolle Mönch, der aus der Ferne kam, war im Kreise der Römischen Aristokratie ein gerngesehener Seelsorger. Pelagius‘ Ideen korrespondierten mit der altrömischen Virtus und Ethos der großen Tradition. Der späte Augustin entwickelte sich aber – nicht bei den Haaren ziehe ich den gerechten Vergleich – zu einem allseits bekannten, mächtigen „Papa Dittatore“ seiner Zeit, ähnlich wie heute Bergoglio. Augustin hatte es nicht auf die Eliten abgesehen, sondern auf die „Ränder“, er zog lieber das Wachstum der flügge werdenden Großkirche der Massen vor, mit niedrigen Durchschnittsnoten, aber eindrucksvoll an Zahl. Bergoglio träumt heute ebenfalls von einem Trubel der Volksfrömmigkeit, aber nicht im verfallenden Europa, sondern in Amazonien. Leider Gottes kehren sich aber die primitiven Massen in einem doch nicht so volksfrommen Mittel- und Südamerika nicht der Katholischen, sondern eher den lustigen Freikirchen zu.

Erfolgreich setzte Augustin seine Rhetorik (was in der damaligen Zeit den Fernsehkameras entsprach) gegen den Konkurrenten und eifrigen Glaubensbruder Pelagius ein, anstatt sich mit ihm in einer pastoralen Allianz zu verbinden. Er karikierte und erdrückte ihn unbarmherzig. So wie das heute Bergoglio den Traditionsverbundenen antut – und sie nicht ohne Folgerichtigkeit aus seiner subjektiven Sicht als „Neo-Pelagianer“ abkanzelt.

Pelagius wurde hin und wieder verurteilt, aber von den Tatsachen immer wieder rehabilitiert. Pelagius trug nicht den zerschlissenen Mantel der armen, kleinen, unwissenden Brüder. Er trachtete, den Wenigen und aus der Masse Herausragenden Christi strahlende Gloria umzuhängen und Worte in Tat umzusetzen:

„Unter den vielen Einsprüchen Augustins gegen Pelagius und seine Anhänger spielt dieses Moment eine ganz beträchtliche Rolle. Es gibt kaum eine Äußerung Augustins gegen die Pelagianer, wo nicht auf die Angefochtenheit [Wankelmut] christlichen Lebens und die Notwendigkeit des Bittgebets hingewiesen wird. Ja Augustin deutet in seiner Spätschrift De dono perseverantiae diesen Punkt sogar als den entscheidenden Anfang der Differenz zwischen Pelagius und ihm.“ Wörtlich schreibt darin Augustin: „In den Büchern meiner Bekenntnisse habe ich … oftmals zu unserem Gott gesagt: Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst. Als durch einen Bruder und Mitbischof diese Worte von mir in Rom in Gegenwart des Pelagius erwähnt wurden, konnte jener sie nicht ertragen, sondern widersprach ziemlich erregt und geriet mit dem, der sie erwähnt hatte, beinahe in Streit.“((Gisbert Greshake: Gnade als konkrete Freiheit. Eine Untersuchung zur Gnadenlehre des Pelagius. 1972. 308.))

Für Pelagius bedeutete ein solches Gebet nur ein Ausweichmanöver vor der Verpflichtung zum christlichen Handeln, das durch Gott selbst immer schon und überall für den freien, vernünftigen und talentierten Menschen ermöglicht und eingefordert ist. Daher müssen die Akte der Handelnden nicht mehr zögerlich erbeten, sondern schlicht und einfach umgesetzt werden.

Mit aller Deutlichkeit ausgedrückt, das augustinische „Gib, was du befiehlst“ – das fromme Bittgebet mit Augenaufschlag – wäre ein sicheres Zeichen der Unschlüssigkeit, ja eine Sich-selber-an-der-Nase-Herumführerei. Für Pelagius’ Denkweise war der Befehl ein Befehl, der weder bejammert, ersehnt noch erbeten, sondern einfach getan werden muß. Logischerweise kann der Befehlshaber nicht anstelle des Befehlsempfängers handeln.

Spätestens seit der Regensburger Vorlesung (2006)((Benedikt XVI.: Ansprache beim Treffen mit den Vertretern aus dem Bereich der Wissenschaften, Apostolische Reise nach Bayern, 12.09.2006.)) des schüchternen, aber weisen Papstes Benedikt XVI. wissen wir kategorisch, daß die Religion des Göttlichen Logos niemals und nirgendwo willkürlich sich selbst widersprechen kann: Gott kann nichts Unvernünftiges verlangen wie das im augustinischen „Befiehl, was du willst“ oder im lutherischen bzw. islamischen Gottesbild des reinen Voluntarismus implizite enthalten ist.

Pelagius’ Ungehaltenheit mit den Schwankenden und Wankenden, Unschlüssigen und Sehnsüchtigen, die Gottes Heilsökonomie verweigern oder zumindest verzögern, kann vielleicht militant wirken. Seine einfache, direkte Entschlußfreudigkeit und Bereitwilligkeit für die prompte Tat ohne Zaudern und Aufschub wären aber unter Umständen „moralisch & ökonomisch“ (sc. heilsökonomisch) vielleicht doch höher zu bewerten als die spektakuläre Selbstzerfleischung und dramatische Bekehrung Augustins nach etlichen seiner, keinesfalls beispielgebenden Jahrzehnte lang andauernden Ausschweifungen.

Prozeßverlauf Augustin versus Pelagius –
mit dem dramatischen Niederwalzen eines gerechten Charismatikers

Die Goten von damals waren die ungebetenen Einwanderer von heute. Nachdem die Westgoten unter Alarich Rom (410) belagert und geplündert hatten, flohen PELAGIUS und sein Schüler CAELESTIUS nach Nordafrika, das damals ein christliches Refugium vor dem Vandalismus war. Während Pelagius weiter nach Syrien zog, ließ sich Caelestius in Karthago nieder und bewarb sich um ein Presbyteramt. Er hatte versucht, die Ansichten des abwesenden Pelagius zu systematisieren, vielleicht auch zuzuspitzen. Jedenfalls forderte er damit den Widerspruch des zornigen Augustinus heraus, der sie auf einer Bischofssynode (411/412) verurteilen ließ, insbesondere dafür, was man so abrunden kann:

  • daß Adams Sündenfall lediglich ihn selbst, nicht aber alle Menschen genetisch-semimanichäisch verdorben habe; was eine allgemeine „Sündenepidemie“ durch freiwillige Imitation keinesfalls ausschließen würde;
  • daß neugeborene Kinder genau gleich mit der gleichen Natur gesegnet seien wie Adam vor seinem Sündenfall;
    was die Göttliche Gnade nicht ausschließen, sondern geradezu bestätigen würde;
  • daß das Gesetz einen Heilsweg eröffnet habe; was nur Gottes Treue bestätigen kann;
  • daß es gerechte Menschen auch vor dem Kommen Christi gegeben habe; ohne deshalb die Heilsbedürftigkeit der Menschheit zu leugnen, wie man das bei zahlreichen, heiligmäßigen Gestalten der alttestamentlichen Erzählungen vermuten kann.

Fünf Jahre später zog sich dann Caelestius nach Stänkereien in Nordafrika eine päpstliche Verurteilung (417) durch INNOZENZ zu, der den lokalen Synodalurteilen zustimmte. Nach dessen Tod stellte der Angeklagte einen Revisionsantrag an den nächsten Papst ZOSIMOS, der von griechischer Herkunft und daher über die römischen Intrigen objektiv erhaben war. Zum Einspruch legte Caelestius auch ein Zeugnis seines Glaubens bei, das im Prozeß positiv beurteilt wurde (417). Das läßt darauf schließen, daß zum Thema der Ursünde außer spärlichen, legendären Sätzen((Genesis 3,1–24 ; Ecclesiasticus 17,1–14.)) weder im Alten- und Neuen Testament noch in der orthodoxen Überlieferung der Kirche eine allgemein anerkannte Lehrmeinung vorlag, und die erbliche Variante auf Grund einer Fehlinterpretation des Römerbriefes von Augustin ersonnen wurde. Die deutschsprachige Bezeichnung „Erb“-Sünde ist überhaupt erst aus mittelhochdeutscher Zeit belegt, da der Begriff in allen Sprachen bis zum heutigen Tage Ursünde (Peccatum originale) heißt.

Überdies hat der Stand der Dogmenentwicklung auf der Höhe des Tridentinums die Prädestinations-, Gnaden- und Ursündentheologie – auch wenn Augustins Urheberschaft nach wie vor diskret-verschämt verschwiegen wird – der Sache nach gründlich entschärft. Auch Papst Zosimos bezweifelte (schon damals!) die Verurteilung, da er die Pelagianer für rechtgläubig hielt. Als er an die Revision der Urteile ging, hielt ihn ein von Augustin geschürter neuer Protest aus Nordafrika  davon ab. Zosimos stand den Vorwürfen nach wie vor skeptisch gegenüber und bestellte Paulinus von Mailand, den Wortführer der Anklage, nach Rom, um seine Position anzuhören.

Überraschend veranlaßte dann die Parteinahme des Weströmischen Kaisers FLAVIUS HONORIUS den Papst doch zur gemeinsamen Verurteilung von Pelagius und Caelestius zusammen. Zosimos verstarb noch im gleichen Jahr. Er war leider nur kurze Zeit Papst (417/418). Es ist mit Sicherheit anzunehmen, daß der entscheidende kaiserliche Erlaß weder aus einem spontanen Anliegen noch aus einem besonderem Interesse des Römischen Reiches entsprungen war, da die erbliche „Ursünden-Ideologie“ Augustins bei vernünftiger Betrachtung der Sache (heute wie damals) politisch ganz und gar belanglos sein dürfte. Daß „ein Politiker“ (heute wie damals) wie Flavius Honorius nicht der richtige Sachverständige im Prozeß war – d. h. daß er keine Ahnung von der Sache hatte, weiters daß seine allerhöchste, kaiserliche Parteinahme wiederum unter alleiniger Urheberschaft und Intriganz des angesehenen Augustins zustande gekommen sein dürfte, kann als nicht unrealistisch angenommen werden.

Als einziger von achtzehn italienischen Bischöfen weigerte sich JULIAN VON AECLANUM, die Verdammung der pelagischen Lehren zu unterschreiben. Er war der Sohn eines katholischen Bischofs, und war glücklich verheiratet mit der Tochter eines anderen Bischofs. Damals wurde das ganz natürlich empfunden. In der Theologie der Ehe und der Sünde war er also versierter als sein Kollege Augustin, der lange Zeit dem Konkubinat und dem Manichäismus verfallen war. Dennoch war Julian derjenige, der vom Kaiser kurzerhand abgesetzt und aus Italien verbannt wurde (421). Zehn Jahre später (431) wurde die Causa in die Agenda des Konzils von Ephesos aufgenommen. Eine neuerliche Verurteilung machte die Hoffnung auf eine wohl verdiente Revision faktisch zunichte. Den Akt samt allen guten Argumenten hat man geschlossen und in der Versenkung der Historiker verschwinden lassen. Im Hochmittelalter wurden sie sanft weiterdiskutiert, aber nicht klar definiert, bis sie sich unter Luther in ein Flammenmeer verwandelten. Das gesamte pelagianische Schrifttum ist nur fragmentarisch erhalten und hauptsächlich aus den Schriften der Gegner bekannt.((Greshake bezeichnet „pelagisch“ die Lehren, die aus den Fragmenten des Pelagius selbst erhalten geblieben sind, und „pelagianisch“ jene, die ihm von seinen Gegnern nur zugeschrieben wurden.)) Daher kann die pelagische Lehre eigentlich nicht mehr getreu revidiert werden, wohl aber die heißen Themen, die seitdem die christliche Eschatologie vernebeln.

Julian bemühte sich ehrlich und nicht ungeschickt um die Verteidigung der Lehren von Pelagius und Caelestius, die in Einzelschriften und Predigten zerstreut waren. Durch seine zahlreichen Schriften wurde er zum wichtigsten Gegenspieler Augustins auf dem Gebiet der Gnaden-, Ursünden-, Ehe- und Freiheitslehre.

Der berüchtigte Lebemann war der junge Augustin,
nicht die konservativen, frommen, aber selbstbewußten Pelagianer

Adams Sünde war sicher keine Bagatelle, kein harmloser Fehltritt, kein unbeherrschter, gieriger Genuß eines Apfels oder eine sexuelle Lüsternheit. Die prinzipielle Willensfreiheit, die den Menschen erst zu Gottes Ebenbild macht, kann nie ausgelöscht werden, das wissen wir seit dem Tridentinum. Ob der freie Wille sich skalieren läßt – m. E. ist er eher eine Dichotomie: Ja-ja, Nein-nein. Hätte die Erste Sünde dieses distinguierende Wesensmerkmal des Menschen ausgelöscht, dann wären Adam und seine Nachkommenschaft nie mehr in der Lage gewesen, weiterhin zu sündigen. Die Wahl des Guten oder des Bösen verändert wohl allerhand Beschaffenheiten, die imitiert, tradiert, kompromittiert, ja auch anerzogen und erzwungen werden können. Das Kleinkind lernt zunächst allein durch Imitation seiner Eltern, aber zunehmend und vorwiegend dank seines eigenen Willens und Vernunft. Das Sein zum Tode (Heidegger) oder die Liebe zum Leben (Evangelium) kann aber nur ein absolut freier Geist nachvollziehen. Wenn die Stunde des Ernstfalls heranbricht: Wir spielen dann nicht mehr um Bohnen.

Augustins erbliche Sündenlehre war für Julian (und ist für uns heute) ein absurder Widerspruch in sich, da die daraus folgende Prädestinationslehre letzten Endes Gott und nicht den Sünder zum Urheber des Bösen macht. Die positive, je persönlich verschiedene Vorwahl aller Menschen durch göttliche Gnade (Charisma) wirkt also nicht durch göttliche Vorherbestimmung und Lähmung des Willens (Prädestination), sondern durch Stacheln der körperlichen und geistigen Gaben (Charismen), die uns im Verlauf der Heilsökonomie Positionen zuweisen, aber den letzten Enthusiasmus, Entscheidung und Erfüllung uns nicht abnehmen. Es gibt kein Plansoll, das als mechanisches Opus operatum automatisch Wirkungen erzeugen würde. Das gilt auch für die Kindertaufe: Eltern und Taufpaten müssen die verliehenen Gnaden (Charismen) in gute Erziehung umsetzen, bis eines Tages der strafunmündige Täufling selber bekennen kann, was in seinem Namen versprochen worden war. Das vergossene Wasser allein bewirkt gar nichts, wie es die ungeheure Zahl der reinen Taufscheinkatholiken bereits zu Zeiten der wachsenden, augustinischen Volkskirche, wie auch heute zu Zeiten der zerfallenden, bergoglianischen Volkskirche bewiesen hat. Mit der Hilfe der göttlichen Heilsökonomie ereilt jedermann irgendeinmal die Stunde der Wahrheit, um Farbe zu bekennen.

Augustins historische Größe in politischer und literarisch-rhetorischer Hinsicht (De civitate Dei, Confessiones) soll nicht angetastet werden. Aber seine lähmende, Jahrhunderte hindurch tradierte eschatologische Borniertheit, die von Martin Luther, Cornelius Jansen und anderen weitergeschleppt wurde, ist zu einer erstaunlichen, ja monströsen Versuchung speziell der lateinischen Christenheit herangewachsen. Vielleicht können uns die blühenden Oasen eines Thomas von Aquin, eines erfrischenden Tridentinums, aber auch der vergleichsweise unbeschwerten Frömmigkeit und Theologie der orthodoxen Ostkirchen von diesem erdrückenden Ballast befreien. Auch wenn es bereits fünf Minuten nach Zwölf ist.

Wißt ihr, daß Mut (eu-psychon) für die Freiheit (eleutheron),
diese aber für das Glück (eu-dämon) die Vorbedingungen sind?((Perikles (494-429 vor Chr.): Der Peloponnesische Krieg (2,43,4).))

Ohne Freiheit zur Tat und ohne Eigenverantwortung gibt es weder Kriminalität noch Strafbarkeit. Pelagius’ und Julians tapferes Denken versuchte das Rechtsempfinden der antiken Philosophie gegen Augustins neu erfundene Theologie des Schreckens zu schützen. Leider ist es ihnen mißlungen. Daß aber die klassische Ethik und Pädagogik eines Perikles oder Ciceros von Augustin über weite Strecken verdrängt worden war, hatte weitreichende Folgen für die Geschichte des Christentums im Mittelalter bis zur Neuzeit. Wer weiß, vielleicht hat Augustin mit seinen düsteren Hypothesen die eigenen Jugendsünden gehaßt und zu büßen versucht. Und die waren keine Bagatelle!

Die Freiheit ist somit nicht nur reine Rezeptivität, sondern auch Entschlossenheit. Menschliche Existenz als makellose Rezeptivität ist sicher ein großes Erbe aus Gottes Gnade, dessen Annahme nur in Dankbarkeit möglich ist. Um auf die Kunst Bezug zu nehmen, ist sie aber nicht nur ein zart besaiteter, weiblicher Impressionismus, sie hat auch einen kräftigen, mannhaften Resonanzboden im Expressionismus zu suchen, wenn sie nicht Jammerlappen und Hasenfuß bleiben will. Es ist egal, ob das Ewig Weibliche oder das Ewig Männliche in einer Gemeinschaft zu kurz kommt. Gottes Heilsökonomie leidet darunter so oder so einen empfindlichen Schaden.

„Während aber die Pelagianer – noch nicht so sehr Pelagius selbst, der hier in einer deutlichen Unentschiedenheit steht – das Gottesverhältnis auslegen nach dem Prototyp einer freien Partnerschaft, versteht Augustin die Gott-Mensch-Beziehung nach dem Paradigma des Vater-(Klein-)Kindverhältnisses. So wie das Kleinkind seine Freiheit ganz und gar und in jedem Augenblick einem anderen zu verdanken hat, ja wie es geradezu ein Symbol ist für Angewiesenheit, Abhängigkeit und Verzicht auf jede Leistung, [besser gesagt, ein vorläufiger Verzicht auf manche, aber immer größer werdende Eigenleistungen mit steigender Frequenz und Qualität?] so ist es auch mit dem Menschen in seiner Beziehung zu Gott: Er kann nichts leisten, er hat aber auch nichts zu leisten [?]. Alles wird ihm geschenkt [?]. Sein Tun ist und bleibt reine Rezeptivität und Abhängigkeit [?]. Nimmt man noch hinzu, daß diese Kindesbeziehung sich in der reinen Unmittelbarkeit eines ‚Cor ad cor‘ vollzieht, so versteht man, daß Augustin gegenüber der – fast möchte man sagen – distanzierten und blutleeren [??] Frömmigkeit des Pelagius dem heimatlos gewordenen Menschen der ausgedehnten Antike eine neue ‚Heimat‘ gegeben hat [?]. Dies um so mehr, als das Abbild, der Verwirklichungsraum und die konkrete Gestalt des intimen des Vater-Kind-Verhältnisses die Kirche ist.“((Greshake 255.)) Mit Verlaub sind die Fragezeichen von meiner Wenigkeit.

Überaus bezeichnend ist Julians Antithese zu erwähnen, die von Greshake als „berühmt-berüchtigt“ gewürdigt wird. Julian verstand nämlich den Menschen als Homo emancipatus.((Ibidem 255.)) Das klingt ja fast hoffnungsvoll modern! Was aber keinesfalls als Leugnung der Gnade, sondern als die grundlegende Gnade aller Gnaden und der menschlichen Handlungsfähigkeit überhaupt zu interpretieren wäre, die bereits mit der Schöpfungstat Gottes verliehen wurde.

Wir entdecken heute in der Tradition nicht nur eine Burg zum zimperlichen Rückzug aus dem Gefecht gegen externe Angreifer, sondern müssen auch unsere internen Schwächen durchschauen. Die Verdächtigung der Sexualität als etwas, vor dem nur gewarnt werden kann, ohne die innige Vereinigung der Liebenden im Ehebund zu würdigen, oder lediglich lustlos Kinder zu zeugen als einzige Funktion des Ehesakramentes sind u. a. solche bedenkliche Schwachpunkte, die dem überragenden, historischen Einfluß Augustins zuzuschreiben sind. So hat sogar Joseph RATZINGER bedauert, daß Augustin die Möglichkeiten für eine Theologie der Ehe als Ebenbild der Bundesliebe und Bundestreue Gottes((Ecclesiasticus 17,1–14: „Einen ewigen Bund hat er mit ihnen geschlossen…“)) ungenutzt ließ: „Die Geschichte der katholischen Ehemoral erscheint uns heute als ein besonders tragisches und dunkles Kapitel in der Geschichte des christlichen Denkens…“((Joseph Ratzinger: Zur Theologie der Ehe. In: H. Greeven u. a.: Theologie der Ehe. 1969. S. 81–115. Augustin wird dabei mehrfach des Dualismus geziehen! Zitiert nach Konrad Hilpert: Augustin und die kirchliche Sexualethik.))

Gisbert Greshakes geniale Durchleuchtung des Pelagius-Dramas mit dem Übervater Augustin durch eine großartige Untersuchung der augustinischen Gnaden- und Prädestinationslehre, aber auch die Empörung gegen die grausamen Kreuzes- und Satisfaktionstheologien Luthers, Anselms und anderer bietet auch in sprachlicher Hinsicht Erstaunliches. Alle Indoeuropäer: Griechen, Romanen, Germanen, Slawen (mit Ausnahme der Angelsachsen, die knapp nach Augustins Zeit im V.–VI. Jahrhundert nach England einwanderten) verniedlichen ihre Sprache mit generischen Artikeln als männlich-weiblich und auch sächlich. So kommt es dann zu hybridisierten Kreuzungsprodukten, die dann die Gestalt des Vater-Kind-Verhältnisses in einer Mutter-Kirche wiederfinden wollen. In der orientalisch-magyarischen Sprache haben die Hauptwörter keinerlei generisches Geschlecht: GOTT und die KIRCHE, der MOND (spanisch aber verkehrt la LUNA) und die SONNE (el SOL) sind weder männlich, weiblich noch sächlich und können daher keine sexistischen Rollen usurpieren oder paternalistische oder feministische Komplexe auslösen. Die Kirche soll kein Make-up eines Mütterchens tragen, sondern tapfere Kreuzritter hervorbringen. Sie darf sich auf keinen Fall verweiblichen unter der Leitung von Pfarrerinnen, Bischöfinnen und Verschwesterungen. Im Ungarischen ist die Kirche so geschlechtslos wie im Englischen the Church, und etymologisch übersetzt trägt sie den glänzenden Namen „Heiliges Wohnhaus„: Heim, Heimat (egy-ház) – also keine Spur von einem niedlichen Mütterchen mit Muttersöhnchen.

Beim späten Augustin sind jedoch die eingefleischten Vater-Mutter-Komplexe immer dominanter geworden. In seiner Ablehnung der simplen, moralisch neutralen Konkupiszenz klaffen tiefenpsychologische Abgründe auseinander. Die innigen Mutterkomplexe erreichen nicht nur in der Pubertät, sondern auch in der zweiten Kindheit seines Alters eine intensive Ausstrahlung. Der Vater war immer unbedeutend für ihn, und die innige Beziehung des hl. Augustinus zu seiner hl. Mutter Monika vergoldete bis ins hohe Alter sein ganzes Leben und Werk.

Einen verkümmerten Rest-Manichäismus schrieb bereits Julian seinem alternden Widerpart zu, da dieser das Sinnliche der menschlichen Natur verteufelte. Wir haben weiter oben darauf hingewiesen, daß er dabei immer wieder ein wenig seine unrühmliche Vergangenheit hassen mußte. Sinnlichkeit ist doch lediglich ein normales Wünschen, Begehren, Verlangen, das ohne Dämonie, schlicht und einfach con-cupiscere heißt. Die lateinische Cupiditas als Lebenslust, Leidenschaft, Begeisterung (die wortwörtliche Gleichung kann mit jedem guten Wörterbuch nachgeprüft werden), ja auch das körperliche Liebesverlangen und jede Art von Ambition sind gesunde Regungen der menschlichen Natur, die an sich nicht als Sünde abgelehnt werden dürfen – wenngleich prioritäre Gründe des Berufes oder einer höheren Berufung für ihre Einschränkung Anlaß geben können. Eine solitäre Führerpersönlichkeit: Priester, Arzt, Lehrer, Forscher, Staatsmann, Künstler, ja sogar Spitzensportler muß enthaltsamer leben als das Fußvolk, da ihre extrem zeitbedürftige, konzentrierte und leistungsorientierte Produktivität (Berufung, Weiterbildung, Training) mit dem familiären Kleinwerk des Alltags und des Brotverdienens inkompatibel ist. Dafür werden sie auch nicht „bezahlt“, sondern honoriert.

Eros-Sex-Liebe sind nicht das gleiche. Nicht jede Kupidität (Begierde, Genuß, Befriedigung, Wunscherfüllung) ist eine Lüsternheit, wohl aber unter Zwang, Abhängigkeit, Erpressung, Ausbeutung deformieren sie die zwischenmenschlichen Beziehungen immer. Sie können freilich zu allerlei Habsucht, Genußsucht und sündigem Geiz entarten und man muß sie daher in Zucht nehmen, damit die „Cupiditas & Laetitia“ im gottgewollten und gottgeweihten Rahmen verbleiben. Aber die goldene Mitte kannte man bereits in der klassischen Ethik & Pädagogik hinreichend. Um das zu wissen, braucht man noch kein Christ zu sein. Julians christliches Sündenverständnis hat hingegen eine völlig andere Dimension des freien Willens, wozu das unvernünftige Tier nicht fähig ist. Die antike Ethik kannte wohl den Begriff des „Guten, Gerechten und Tugendhaften“, auch wenn Augustin oder Luther das gern verwischen wollten. Aber weder Platon, Aristoteles noch Cicero waren imstande „Sünde, Frevel und Gemeinheit“ voll zu unterscheiden, präzisieren und loszuwerden. Nach Julian von Aeclanum kommt es also auf die vom wahren Gott gegebene Freiheit zum Guten an: Die Sünde zuzulassen, oder sich vom sündhaften Möglichkeiten (Versuchungen) fernzuhalten, ist kein Zufall oder Erbe, sondern ein bewußter, vorsätzlicher Akt, ein großer Entschluß in Freiheit bei vollem Bewußtsein, für dessen Form und Inhalt keinesfalls das liberale, lose, autonome Gewissen, sondern allein das Evangelium bürgen kann:

SEID KEINE KINDER AN URTEILSKRAFT.
AN BOSHEIT SOLLT IHR UNMÜNDIGE SEIN.
AN URTEILSKRAFT ABER SEID REIFE MENSCHEN.((1. Korintherbrief 20.))

Diese Worte rufen ganz schön pelagisch nach dem Homo emancipatus des Julian! Leider hat Augustin die Paulinischen Briefe nicht zu Ende gelesen oder ganz verstanden!

Im Wetterwinkel der Theologie:
Die Endentscheidungshypothese

Der hochangesehene Theologe Hans Urs von Balthasar nannte einmal die Eschatologie den „Wetterwinkel der Theologie“((Hans Urs von Balthasar (1905–1988): Eschatologie. In: Johannes Feiner (Hrsg): Fragen der Theologie heute. 403–421 (1957) Wiederabdruck: Umrisse der Eschatologie. In: Verbum Caro. Skizzen zur Theologie I. 267–300. (1960).)), woher jene Gewitter heraufsteigen, welche die ganze Saat so vieler guter Vorsätze und Vorarbeiten verhageln oder erfrischen können. Anfang der 60er Jahre, zu Zeiten des Zweiten Vaticanums, blitzte und donnerte auch das seither praktisch in Vergessenheit geratene Werk eines ungarischen Jesuiten auf namens LÁSZLÓ BOROS: MYSTERIUM MORTIS. Der Mensch in der letzten Entscheidung.((László Boros (1927–1981): Mysterium mortis. Der Mensch in der letzten Entscheidung. 1962, 19644. 7 ff.)) Boros hatte einen leichten Sprachfehler, er stotterte ein wenig, wenn er aber als Schriftsteller und Redner das Wort ergriff, war er eloquent, großartig und mitreißend. Ich habe ihn als Vortragenden einmal in Wien erleben dürfen. Die Einleitung seines Werks beginnt mit einem Zitat:

„Sie kennen den Satz: ‚Neun Monate sind nötig, um einen Menschen zu schaffen, aber ein einziger Tag genügt, um ihn zu töten‘. Wir beide haben es zur Genüge erfahren. Doch hören Sie zu: nicht neun Monate, sondern fünfzig Jahre sind erforderlich, um einen Menschen zu schaffen. Fünfzig Jahre an Opfern, an Wollen, ach… an so vielen Dingen! Und wenn dieser Mensch dann erschaffen ist, wenn nichts an Kindlichkeit ihm mehr innewohnt, wenn er endlich ein fertiger Mensch geworden ist, dann taugt er nur noch zum Sterben.“((André Malraux: La condition humain. 1933.))

Nach dem Apostelwort stellt sich aber der Mensch im Tode an die Grenze allen Seins, plötzlich erwachend, wissend und befreit:

„Wir sehen nämlich jetzt durch einen Spiegel rätselhaft, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich ganz erkennen, wie ich auch ganz erkannt worden bin.“((1. Korintherbrief 13,12.)) Somit war nicht einmal der hl. Paulus bis ins letzte Detail gänzlich (totalitär) unfehlbar. Auch er dachte nur stückweise.

So stehen wir dann in der letzten Armseligkeit des Todes, von allen irdischen Begrenztheiten endlich absolut befreit, strahlend dem Herrn gegenüber, um die Herrlichkeit der Gottesebenbildlichkeit auf uns zu nehmen oder abzulehnen. Entweder lassen wir in der letzten Entscheidung den Strom der Wirklichkeiten an uns vorbeifließen oder in die ewige Vollendung hineinfließen: Ratifizieren oder rektifizieren! Das ist der Sinn der Endentscheidungshypothese. Sie lautet:

„Im Tod eröffnet sich die Möglichkeit zum ersten vollpersonalen Akt des Menschen; somit ist er der seinsmäßig bevorzugte Ort des Bewußtwerdens, der Freiheit, der Gottbegegnung und der Entscheidung über das ewige Schicksal. Diese Perspektive verwandelt den eingangs zitierten Ausdruck der Sinnlosigkeit in einen Zuspruch der Zuversicht.“((Boros 173.))

Das muß man sich einmal langsam Schritt für Schritt verinnerlichen: Der Tod ist der Ort des totalen Bewußtwerdens, der Freiheit, der Gottbegegnung und der Letzten Entscheidung vor dem Göttlichen Gericht, von Angesicht zu Angesicht nach den paulinischen Worten. In dieser ersten, vollpersonalen Christusbegegnung, der sich niemand entziehen kann, steht uns allen – von den abgetriebenen, ungetauften Babies angefangen bis zu den letzten Urwaldbewohnern und den größten Kriegsverbrechern, Heiligen und Unheiligen –, früher oder später, jedenfalls „bald“ der Ernstfall bevor! Unsere Probezeit auf Erden ist nur ein flüchtiges Präludium der Ewigkeit.

Damit ist jede negative Prädestinationslehre restlos zerschmettert. Damit wird aber auch die Aporie der schuldlos ungetauften Kinder und Heiden, geistig Behinderten und allerlei Unfallopfer hinfällig. Von Angesicht zu Angesicht dem Herrn gegenüber, in einem zeitlosen Augenblick, der zugleich Gericht, aber auch glückliche Heimkehr ist, erlangt auch ein abgetriebenes Kind seinen absolut freien, von allen Hindernissen und Zufällen befreiten Geist, seine vollpersonale Würde und die Wahlfreiheit für die Ewigkeit. Vor allem der theologische Kunstgriff einer unsinnigen, frei erfundenen Limbus-Hypothese, die immer wieder kirchlich diskutiert, aber dogmatisch nie festgelegt worden war, wird damit hinfällig wie eine Kartenburg. Kleingeister werden freilich einwenden, wenn die unwiderrufliche, präzise Entscheidung über Gut und Böse „sooo…“ weit hinausgeschoben werden kann, dann können wir bis dahin hic et nunc schlauerweise schlemmen und schwelgen, zechen und prassen, denn im letzten zeitlosen Augenblick gäbe es doch noch eine Nachprüfung vor dem endgültigen Durchfallen…? Die Dramatik der Situation kann jedoch nicht so einfach hintergangen werden. Unser Leben, Scheitern und Siegen mit dem Herrn ist kein Als-ob-Lustspiel der Löwinger-Bühne. Denn Gott läßt sich nicht frotzeln. Wehe Luther, der Ihn foppen und necken wollte, um fröhlich weiter zu sündigen, weil man „sowieso“ nur ein fröhlicher Sünder („Simul peccator„) sein kann. In der Heilsökonomie gibt es Hunderte von Möglichkeiten, um Frechdachsen Mores zu lehren und gebührend abzustrafen.

Somit wage ich meine Arbeitshypothese zu unterbreiten: Boros’ Endentscheidungshypothese ist die tiefsinnige Krönung und Rehabilitierung des Charismatikers Pelagius und seiner Weggefährten Caelestius und Julian. Auf die Approbation von Papst Zosimos können wir mit Sicherheit zählen! Wenn man Jahrhunderte lang mit der kindischen Limbus-Hypothese Gedankenspiele betrieben hat, dann ist es in dürftigen Zeiten wie heute ein Gebot der Stunde, auf den Ernstfall der Endentscheidungshypothese mannhaft zuzusteuern. Nach Paulus sind ja unsere Worte wie durch einen Spiegel rätselhaft, solange sie nicht – von Angesicht zu Angesicht – durch Sein bezeugt sind.

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit ist zwar eine gewissenhaft recherchierte Studie, allerdings ist zu befürchten, daß sie eine sehr kontrovertierte werden könnte, welche diametral nicht nur dem aktuellen Kurs der Jesuiten und des Jesuitenpapstes, sondern auch der Überzeugung vieler konservativer Theologen entgegengesetzt ist. Jedenfalls hat der Verfasser – der nur ein alter Laie, Landwirt und Ökonom, aber weder Philosoph noch Theologe ist – alles unternommen, daß sie nicht als Traditionsbruch mißverstanden werden kann, sondern die innere Schwäche der überlieferten Lehre mit dem Sensus fidei  fidelium (Glaubenssinn der Gläubigen) wieder aufzurollen, die von den Fachtheologen bereits anno dazumal hätte „brüderlicher“ gelöst werden müssen:

  • DIE HISTORISCHE VERWICKLUNG, worum es geht, kann von Bergoglio über Jansen und Luther geradlinig bis auf Augustin zurückgespult werden. Das autoritäre, eigensinnige, auch cholerische Charakterbilder der Protagonisten bringt sie bei aller Verschiedenheit der jeweiligen historischen Situation  bedauerlicherweise für einen gemeinsamen Nenner des Schreckens.
  • AUGUSTINS AUSGANGSPOSITION ist eine halb-manichäische Fehlinterpretation der (positiven) paulinischen Prädestination. Wenn das Corpus Paulinum unverkürzt gelesen wird, kann es aber nur als eine Theologie der göttlichen Liebesgaben (Charismen) verstanden werden, aus der niemand ausgeschlossen ist. Die augustinische Kehrtwende verlief sich dagegen zunehmend im Treibsand einer (negativen) Prädestination, dessen Spuren durch die mediävalen Erbsünden- und Satisfaktionstheologien bis auf den heutigen Tag überliefert worden sind.
  • ES IST UNBESTREITBAR, daß der Augustinermönch Luther seine schaurigen Irrlehren direkt aus augustinischen Quellen schöpfte und seine unchristliche (negative) Prädestination nochmals auf die Spitze trieb. Folgerichtig ist eine kritische Versöhnung der Positionen nicht möglich, ohne eine zeitgemäße Würdigung des optimistischen Weltbildes des Pelagius vorzunehmen, der ihr gemeinsamer Gegenspieler war.
  • OB DER FRAGMENTARISCHEN DOKUMENTATION ist aber das Nachjustieren des längst verjährten pelagianischen Prozesses äußerst schwer zu bewältigen. Das Überdenken der hochkomplexen Thematik verlangt eine fundierte theologische Forschung zahlreicher Fachleute, denn das sittenstrenge pelagianische Schrifttum dürfte eher in der traditionsverbundenen Orthodoxie des OSTENS und OSTERNS, aber keinesfalls in einem moralisch leistungsfreien, anspruchslosen Barmherzigkeitskultus verwurzelt sein, durch den alle Mißstände pardoniert werden sollen.
  • PELAGIUS WÜRDE HEUTE von den vielbesungenen, fälschlicherweise „mündig“ eingeschätzten Katholiken viel mehr objektives Wissen, Prinzipien und Haltung einfordern, anstatt alle Konfliktstoffe des Lebens zerstückelt Einzelfällen ihres unzureichenden Gewissens anheimzustellen.
  • DAS PELAGISCHE BEHARREN auf der Freiheit wäre somit kein Schielen auf einen enthemmten „Liberalismus“, aber auch kein Komplex einer bedrückenden, negativen Vorstellung in Bezug auf uns selbst, sondern ein feierliches Ergriffensein von der ebenbildlichen Menschenwürde, die vom Schöpfergott von allem Anfang an in der Natur eines jeden Neugeborenen grundgelegt worden ist:

Gewiß, zur Freiheit seid ihr berufen, Brüder!
Denn das Grundgesetz ist in dem einen Wort erfüllt, nämlich:
Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst.

(Galaterbrief 5,13–14)

*Zuletzt von Prof. Dr. Endre A. Bárdossy auf dieser Seite veröffentlichte Aufsätze:

Bild: Wikicommons

5 Kommentare

  1. Ein sehr guter, vielschichtiger Artikel, aus dem man viel lernen kann. Die hier aufgeworfenen Probleme scheinen mir indes mit der gegenwärtigen Amtsführung Bergoglios und den daraus entstandenen Folgen nur wenig zu tun zu haben. Bergoglios mit dem HL Augustin zu vergleichen, und sei es nur in einem gewissen Punkte, in einer gewissen Hinsicht, erscheint für Erstgenannten unangemessen schmeichelhaft.
    Ob Bergoglio wirklich von Volksfrömmigkeit, und sei es bloß in Ozeanien träumt? Ich denke, seine Träume liegen in einem eher diffusen Bereich, in welchem es weder Volk noch traditionelle Frömmigkeit gibt, einfach, „wo sich alle Menschen gut verstehen“ und nicht mehr über so unwichtige Dinge wie theologische Details streiten.
    Das Wort (egal ob Vorwurf oder obj. Bezeichnung) „Pelagianismus“ passt nicht so recht in die heutigen typischen Frontstellungen (wie auch obiger Artikel quer durch den Gemüsegarten Freund und Feind finden dürfte).
    Ich kann mich des Eindrucks nicht verwehren, dass Ratkajs Forums-Kommentar aus 2015 voll und ganz zutrifft:
    „Pelagianismus“ ist eines der Fremdworte, welche der ungebildete Bergoglio irgendwann einmal gehört. sich gemerkt hat und daher sehr oft benützt. Daher meine ich, dass es nutzlos ist, Bergoglio zu einem neuen Anti-Pelagianisten stilisieren zu wollen – diese Debatte steht einfach zu hoch für dessen Theologie.
    Jedenfalls danke für viele Erkenntnisse und Anregungen.

  2. Im Großen und Ganzen sehe ich das durchaus ähnlich wie Franz Lechner, möchte aber noch auf eine Komponente hinweisen:

    Wie vom Autor ja bereits vorhergesehen werden Einwände erfolgen, und so ziehe ich mir die Schuhe eines „Kleingeistes“ an.

    Die Kirche lehrt, dass die Seele sofort nach dem Tod an den Ort ihrer Bestimmung gelangt. In der Offenbarung heißt es, „Aber nichts Unreines wird hineinkommen, keiner, der Gräuel verübt und lügt.“

    Und ja, spätestens Benedikt XVI. hat sich gegen den Limbus Puerorum ausgesprochen. Dennoch glaube ich aus eigener Erfahrung fest daran, nachdem meine Frau in Depressionen nach vier Abgängen wunderbare Hilfe erfahren hat, als wir uns für unsere Ungeborenen stellvertretend taufen ließen.

    1 Kor 15,29 hat sich für uns jedenfalls als glaubwürdig erwiesen: „Was tun aber dann die, die sich für die Toten taufen lassen? Wenn die Toten nicht auferweckt werden, warum lassen sie sich dann noch für sie taufen?“

  3. Wenn Pelagius, wie im Artikel beschrieben, das Gebet des heiligen Augustinus: „Gib, was Du befiehlst, und befiehl, was Du willst“ als schwächlich verdächtigt, ist es da verwunderlich, dass die Kirche ihm entgegentreten musste, weil damit in letzter Konsequenz jedes Gebet, aber auch die Gnade und Erlösung durch Jesus Christus sowie die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen überhaupt in Frage gestellt, letztlich sogar der Grundstein zur Abwendung von Gott überhaupt gelegt wird?
    Es ist also nicht Augustinus der Vater des Modernismus, wie hier unterstellt wird, sondern jener pelagianische Geist des „Selber-Machen-Wollens“, der auch die Zeit nach dem Konzil geprägt hat und der die Kirche heute bedroht!
    Die Kirche hat immer den freien Willen und die Notwendigkeit der guten Tat betont, allerdings immer mit der Gnade Gottes. Hier ist Pelagius einseitig und deshalb von der Kirche verurteilt!
    Der Verfasser will vielleicht einem falschen calvinischen „Vorbestimmungsglauben“ entgegentreten, von dem viele Christen nicht nur in Ungarn geprägt sind (auch Orban ist ja Calviner), ebenso einer falschen „Heilsgewissheit“, welche Protestanten und Modernisten gerne vertreten.
    Er verzerrt und missdeutet dabei aber den katholischen Glauben, der auch vom heiligen Augustinus verteidigt wurde. Man muss bei ihm allerdings auch die Abwehrhaltung gegen die pelagianische Verfälschung berücksichtigen, will man seine Aussagen gut und richtig verstehen.
    Was die Kirche und auch der heilige Augustinus entschieden verteidigt haben, war die Bedeutung des Wortes Christi: „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ (Joh.15,6), welche durch Pelagius in Gefahr gebracht wurde und der damit die Grundlage wahren Christentums, ja einer wirklich ethischen Grundhaltung (fern von menschlichem Hochmut)bedrohte.
    Doch es ist völlig unberechtigt, so zu tun, als hätte die heilige Kirche je eine „negative Prädestiation (Vorherbestimmung)“ zur Verdammnis gelehrt oder die Freiheit des Willens und die Bedeutung der freien Entscheidung des Menschen bis zu seinem letzten Atemzug geleugnet!
    Man fragt sich, warum die pelagianische Einseitigkeit hier auf „katholisches.info“ veröffentlicht und verteidigt wird. Das schadet letztlich nur dem wirklichen Kampf gegen den Modernismus! Der Verfasser betont zwar, dass er kein Theologe sei, aber um die theologische Einseitigkeit/Fehlerhaftigkeit seiner Darlegung scheint er doch zu wissen, wie er andeutet.
    Bestimmte Überlieferungen des Alten Testaments einfach nur als „Anekdoten“ zu bezeichnen oder Ausführungen des Heiligen Paulus nur als Überbleibsel von falscher jüdischer Ausbildung zu erklären, ist zwar einfach, aber zeugt auch nicht von einer wirklichen Bemühung um ein angemessenes Verständnis der Aussagen, so wie sie christlich im Neuen Testament dargelegt und gemeint sind.
    Auch das Tridentinische Konzil greift übrigens in dem (auch im Artikel wiedergegebenen!) 1. Kapitel des „Dekrets über die Rechtfertigung“ die Gedanken des heiligen Augustinus auf, indem es betont, dass „alle Menschen“ in der Übertretung Adams die Unschuld verloren haben, also in einen Zustand der Gottferne geraten sind, aus dem sie weder durch die eigene Bemühung noch durch das Gesetz, sondern nur durch die Gnade Gottes in Jesus Christus wieder befreit werden konnten!
    Die Lehren Luthers oder Calvins wurden von der Kirche verurteilt, weil sie sich eben nicht in der wahren Tradition der Aussageen des heiligen Augustins befanden! Nicht Augustinus, sondern allenfalls die Irrlehren von Luther und Calvin haben den Modernismus vorbereitet, der wie sie die Möglichkeit einer wirklichen und wahrhaften Verbindung der menschlichen Vernunft mit Gott leugnet!
    Jedoch auch der Pelagianismus als Verneinung der Notwendigkeit der Gnade ist eine Vorstufe zum Modernismus und zum titanenhaften Hochmut der Menschen späterer Zeiten!
    Der Artikel verherrlicht leider einseitig die pelagianische Überschätzung der Möglichkeit des Menschen ohne die Hilfe der Gnade. Wer wirklich als Christ handeln und für das Gute einzutreten beginnt, merkt sehr schnell, wie sehr er dazu auf die Gnade Gottes angewiesen ist und wie sehr es stimmt, dass wir auch darum bitten sollen, was ja auch die entscheidende Grundlage von Frömmigkeit und wahrer Gottesverbindung oder -verehrung darstellt!
    Wie die Kirche auch in diesen Pfingsttagen betet: Komm, o Geist der Heiligkeit … ohne Dein belebend Weh’n, nicht im Menschen kann bestehn, nichts ohn Fehl und Makel sein! – Das ist es, was der Artikel in der Verherrlichung von Pelagius zu wenig bedacht hat! Leider!

  4. Im 16.Jahrhundert war das Verhältnis zwischen dem freien Willen des Menschen und der göttlichen Gnade ein heiss umstrittenes Thema der katholischen Theologie gewesen, das zum offenen Konflikt zwischen Dominikanern und Jesuiten führte.
    Für die Römische Inquisition bestand damals das Problem darin, wie weit reicht eigentlich die Autorität eines Kirchenlehrers, wenn seine Auffassungen im Laufe der Zeit missverstanden werden können, so dass sie die Lehre der Kirche bedrohen. Das war die Frage, nachdem der katholische Bischof Cornelius Jansen (1585-1638) im Jahre 1640 ein Buch veröffentlichte, in dem er eine Synthese des augustinischen Denkens vollzog.
    Urban VIII. verwarf das ganze Buch, während Innozenz X. nur fünf darin enthaltene Thesen verdammte. Für Jansen und seine Anhänger stellte sein Buch nichts anderes dar als die Kompilation von Primärtexten aus dem Werke des Heiligen. „Wer dieses Buch verdammt, verdammt Augustinus selbst“. Das war ihre Auffassung.
    Selbst der führende Inquisitor von damals Kardinal Francesco Albizzi (1593-1684) sagte, die Papstbulle gegen die Jansenisten habe zwar die Lehre des Heiligen nicht verdammt, aber ehe man die Abtrünnigen auf ihrem falschen Wege fortfahren liesse, „wäre es besser… Augustinus zu verbieten“.

    Die Ursachen für Augustins Auffasungen, die zu Irrtümmern führten, oder zumindest Anlass zu Fehldeutungen waren, lagen meiner Ansicht nach in seinen ungelösten psychischen Problemen: Seine „Verklammerung“ an die übermächtige Mutter, seine nie vollständig vollzogene Befreiung aus dem Manichäismus, sene massive Problematik mit der eigenen Sexualität und mit allem was damit zusammenhängt….

    Polagius sprach mehr solche Menschen an, die ausgeglichen waren,die innere Ruhe besassen und loslassen konnten. Sie sind damit auch näher beim göttlichen Sein.
    So sagt Thomas von Aquin, dass „je näher eine Natur bei Gott ist, desto weniger wird sie von ihm gelenkt und desto mehr ist sie dazu geboren, sich selbst zu lenken“ (Ver.22,4: „quanto aligua natura Deo vicinior, tanto minus ab eo inclinatur et magis nata est seipsam inclinare“; zitiert nach Stefan Oster, Mit-Mensch-Sein, 400). Das stimmt nicht nur für die menschliche Natur im Allgemeinen…, sondern auch für das Wagnis des je eigenen Freiheitsvollzugs, schreibt weiter Stefan Oster.

  5. Der Artikel von Prof. Bárdossy hat mich ziemlich stark erschüttert – die klugen, sachgemäßen Kommentare haben mir viel geholfen. Derjenige, der die Wahrheit, die Wirklichkeit nicht wahrhaben will, erfindet die verrücktesten Ideen.
    Ich glaube trotzdem, dass Prof. Bárdossy Recht hat, als er die Rhetorik (die Berühmtheit, die Bekanntheit) von Augustin mit den heutigen Fernsehkameras vergleicht. Augustin war in seinem ganzen Leben lang von einer Gruppe ihm kritiklos ergebenen Bewunderern und Wohltäter umgeben, genauso wie später Luther. Alles was er sagte oder schrieb, wurde festgehalten und der Nachwelt weitergegeben, während die Schriften, Aussagen von seinen Gegnern großteils verloren gingen (wie die von Pelagius). Aber nicht nur von denen, sondern auch von so großen Denker und Kirchenlehrer, wie z. B. der Hl. Irenäus. Seit Augustin galt in dem täglichen Leben der Kirche, der Christen fast nur das, was er einmal sagte, selbst dann, wenn die offizielle Lehramt, oder andere große Denker, wie z. B. der Hl. Thomas von Aquin seine Aussagen kritisierten. Er war und blieb bis zur heutigen Zeit „der Startheologe“. Nach Augustin gab es (fast) kein Häretiker, der sich nicht auf ihn berief. Siehe das Komment von Anto Križić: „Selbst der führende Inquisitor von damals Kardinal Francesco Albizzi (1593-1684) sagte, die Papstbulle gegen die Jansenisten habe zwar die Lehre des Heiligen nicht verdammt, aber ehe man die Abtrünnigen auf ihrem falschen Wege fortfahren liesse, „wäre es besser… Augustinus zu verbieten“.

    Ich glaube deshalb, dass die Feststellung von Prof. Bárdossy: „Die historische Verwicklung [d. h. die Fehlentwicklung in den Leben, in der Mentalität der Christen], worum es geht, kann von Bergoglio über Jansen und Luther geradlinig bis auf Augustin zurückgespult werden“, leider treffend und richtig ist.

    Ich bin eine Ungarin, so wie der Autor des Artikels. Ich bin, wie er, auch sehr stolz auf Ungarn, auf die ungarische Sprache. Der Autor aber kennt und schätzt die Lage in Ungarn ziemlich falsch ein. Zum Beispiel: Es stimmt zwar, dass „in der ungarischen Sprache die Hauptwörter keinerlei generisches Geschlecht haben“, aber dafür nennen die Ungarn, und ich glaube nur sie, die Kirche „Anyaszentegyház“, das wörtlich übersetzt das bedeutet: Anya=Mutter – heilig=szent – Kirche=Egyház. Also die Kirche bedeutet auch in Ungarn etwas mütterliches Heim, wie der Autor es ausdrückt: ein „niedliches Mütterchen mit Muttersöhnchen“. Die Kirche, d. h. „Egyház“, bedeutet nicht, wie der Autor schreibt: „Heiliges Wohnhaus: Heim, Heimat“, sondern „egyház“, wörtlich übersetzt: „Ein Haus“ (weist wahrscheinlich auf die Einheit der Christen, was Christus von den Seinen verlangte).

    Mit der letzten Wahl in Ungarn und mit dem ungarischen Premier schaut nicht anders aus: Seine Beschreibung: „…ergeben die politischen Wahlen unerhörte Erfolge bei 70% Wahlbeteiligung … Im Siegestaumel schloß Ministerpräsident Viktor Orbán seine Dankesrede mit einer verwunderlichen Formel, die im Westen nicht mehr verstanden wird: Soli deo Glorai! Drüben wurde sie mit Zweidrittelmehrheit applaudiert.“

    Das sind alles Halbwahrheiten, d. h. Lügen: Von den wahlberechtigten Ungarn gingen maximal 62 % zur Wahl, also etwa 5,2 Millionen, und davon wurde er mit 2,7 Millionen gewählt. Die Zweidrittelmehrheit verdankt der Premier nur die sehr komischen ungarischen, von ihm vorher eingeführten Wahlrechnungen, die in der Welt einmalig sind. Es stimmt vorne und hinten nicht, dass zu seinem Sieg die „Zweidrittelmehrheit von Ungarn applaudiert“ hat. (Nur nebenbei: Er ist Kalvinist, und benutzte bei seinem Sieg in einem ehemaligen katholischen Land, das der Muttergottes geweiht ist, einen ausgesprochen protestantischen Ausdruck, was er von seinem kalvinistischen Minister übernommen hat.)

    Leider ist die Einschätzung des Autors, was Kardinal József Mindszenty betrifft, wahrscheinlich auch falsch: er war zwar ein harter Gegner des Kommunismus, aber dafür ein ausdrücklicher Befürworter der Reformen des II. Vatikanums.
    Ich kenne das erwähnte Buch von dem ungarischen Jesuiten László Boros zwar nicht, aber was Prof. Bárdossy von ihm zitiert, klingt sehr nach einer Irrlehre: „Im Tod eröffnet sich die Möglichkeit zum ersten vollpersonalen Akt des Menschen; somit ist er der seinsmäßig bevorzugte Ort des Bewußtwerdens, der Freiheit, der Gottbegegnung und der Entscheidung über das ewige Schicksal. Diese Perspektive verwandelt den eingangs zitierten Ausdruck der Sinnlosigkeit in einen Zuspruch der Zuversicht.“ Und weiter: „Der Tod ist der Ort des totalen Bewußtwerdens, der Freiheit, der Gottbegegnung und der Letzten Entscheidung vor dem Göttlichen Gericht, von Angesicht zu Angesicht.“

    Selbst wenn der Autor und der Jesuit Boros in seinen Sätzen an der letzten Augenblick vor dem Tod denken, stimmen diese Aussagen nicht, oder nur sehr-sehr selten. Die katholische Lehre sagt nämlich, daß der Mensch so stirbt wie er gelebt hat, und nur ein einem sehr winzigem Prozent kommt es vor, daß jemand sich in dem letzten Augenblick vor seinem Tod bekehrt. Aber wenn die Autoren wirklich schon den Tod selbst meinen, dann ist das eine Häresie: Der Mensch bleibt für immer in der Auffassung, in dem er sich in dem Augenblick seines Todes befand.

    Aber das ist nicht der einzige gefährliche offene Häresie in diesem Artikel: Das Leugnen der Erbsünde ist sicher das schlimmste von denen.

    Ich habe diese Einzelheiten von den ungarischen Bemerkungen des Autors deswegen so ausführlich behandelt, weil die zeigen deutlich wie er mit Wahrheiten umgeht, in diesem Fall, mit den katholischen Wahrheiten.

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