Wer hat Angst vor Pelagius?

Wer hat Angst vor Pelagius
Wer hat Angst vor Pelagius?

Von End­re A. Bár­d­os­sy*

Mit beschei­de­nen Kräf­ten ver­sucht der vor­lie­gen­de Auf­satz kei­nen Heu­ri­gen, son­dern einen in „Eichen­fäs­sern“ gela­ger­ten, kla­ren, alten, „vor­au­gu­s­ti­ni­schen“ Wein ein­zu­schen­ken. Die Lite­ra­tur­an­ga­ben mögen den geneig­ten Leser aus dem Dickicht wei­ter­füh­ren. Unter den Kron­zeu­gen garan­tiert erfreu­li­cher­wei­se auch Joseph RATZINGERS Name für Qua­li­tät. Des wei­te­ren ist her­vor­zu­he­ben, daß die umwer­fen­de End­ent­schei­dungs­hy­po­the­se von BOROS, der krö­nen­de Aus­blick der vor­lie­gen­den Arbeit, mit kirch­li­cher Druck­erlaub­nis erschie­nen war (1962), und nach einem anfäng­li­chen Bom­ben­er­folg seit­her in der Ver­sen­kung der undank­ba­ren Nach­welt ver­harrt. Schließ­lich geht die Kom­po­si­ti­on der vor­ge­leg­ten, teil­wei­se non­kon­for­mi­sti­schen Hypo­the­sen – falls sie nicht jeder­manns Über­zeu­gun­gen ent­ge­gen­kommt –, auf mei­ne fehl­ba­re Rech­nung. Ich habe sie aber nicht nur erdacht, son­dern per­sön­lich durch­lit­ten als eine ech­te exi­sten­ti­el­le Her­aus­for­de­rung. In die­sem Sin­ne stam­men alle mei­ne Aus­sa­gen aus einer ernst­ge­mein­ten Glau­bens­kri­se, die man nicht auf die leich­te Schul­ter neh­men kann.

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Es käme einer Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung gleich, wenn man nicht zuge­ben woll­te, daß die Eröff­nung des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils (1962), das vor allem pasto­ra­le Schlag­wor­te wie Aggior­na­men­to, Inkul­tu­ra­ti­on, Öku­me­ne an sei­ne Fah­ne gehef­tet hat­te, eine unge­heu­re Kri­se in der Katho­li­schen Kir­che inau­gu­rier­te. Nach lan­gen Inku­ba­ti­ons­zei­ten des Moder­nis­mus und Plu­ra­lis­mus erober­ten seit­dem, von einem wil­den links­li­be­ra­len Kurs ange­fan­gen, über die Pro­te­stan­ti­sie­rung des Katho­li­zis­mus bis hin zum inter­re­li­giö­sen Syn­kre­tis­mus und Rela­ti­vis­mus, vie­le kun­ter­bun­ten Extre­me ein frü­her nie gese­he­nes Hei­mat­recht im Scho­ße der Kir­che. Nicht ein­mal fünf Kon­zil­späp­ste (von JOHANNES XXIII ange­fan­gen bis BENEDIKT XVI inbe­grif­fen) ver­moch­ten den Pro­zeß auf­zu­hal­ten. Die schis­ma­ti­sche Stim­mung im Pon­ti­fi­kat des Argen­ti­ni­ers Jor­ge Mario BERGOGLIO hat viel­mehr zu- als abge­nom­men. Von einer Aci­es ordi­na­ta ist weit und breit kei­ne Rede mehr, selbst die unka­tho­lisch­sten Fein­de befin­den sich in einem chao­ti­schen, losen Zustand. Dafür muß tun­lichst das Hohe­lied des Salo­mon (6,10) zitiert wer­den:

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Es ist aber von Robert SCHUMAN (1886–1963) recht­zei­tig vor­aus­ge­sagt und von Vik­tor ORBÁN (2012)((„Pro­ble­me schnell kor­ri­gie­ren“, News, 18.01.2012.)) ein­dring­lich ein­ge­mahnt wor­den, daß Euro­pa ent­we­der christ­lich oder nicht mehr sein wird. Heu­te wis­sen alle Bescheid, daß Euro­pa, ins­be­son­de­re die euro­päi­sche Kir­che, wie ein Nacht­wand­ler trau­ri­gen Kon­se­quen­zen ent­ge­gen­steu­ert: Bald wer­den wir nicht mehr exi­stie­ren! Die bedin­gungs­lo­se Kapi­tu­la­ti­on des Abend­lan­des ist nach mensch­li­chem Ermes­sen bereits eine voll­zo­ge­ne Tat­sa­che. Die Rea­li­tät bestä­tigt zuse­hends den Ver­fall der Kräf­te. Die Mehr­heit ist alt, trä­ge und fei­ge. Neben vie­len ande­ren Ursa­chen, ster­ben wir allein schon aus demo­gra­phi­schen Grün­den aus. Kar­di­nal Chri­stoph SCHÖNBORN hat den Vati­kan über­zeugt, daß man in Öster­reich kei­ne Hard­li­ner-Bischö­fe brau­chen kann, weil sie aus dem gesell­schaft­li­chen Kon­sens her­aus­fal­len wür­den.

Das Fazit aus dem flüch­ti­gen, aber abso­lut düste­ren Rund­blick lau­tet: Die Sün­de gehört nicht nur zu unse­rem Milieu, sie ist gera­de­zu auch in der Kir­che zu Hau­se. Zur größ­ten Scha­den­freu­de unse­rer Fein­de kann man mit LUTHER auch auf die Hei­li­gen mit dem Fin­ger zei­gen: Simul ius­tus et pec­ca­tor? Zugleich sind sie Gerech­te und Sün­der? Ist damit erwie­sen, daß Hei­lig­keit und Schein­hei­lig­keit unum­wun­den zusam­men­ge­hö­ren? Gibt es noch ech­te Hel­den für Wahr­heit und Gerech­tig­keit?

Ja natür­lich, weni­ge trau­en sich die deli­ka­te Auf­ga­be zu, die häre­ti­schen Leh­ren eines Pap­stes zurecht­zu­wei­sen, so wie die vier Kar­di­nä­le – von denen mit ihren fun­dier­ten Dubia zwei bereits ver­stor­ben sind. Aber was haben sie erreicht? Wei­ße Raben blie­ben sie, Kurio­si­tä­ten, wel­che nur die Regel bestä­tig­ten, falls es eine Regel über­haupt noch gibt. Kann also ein Heuch­ler sogar die „pein­lich­sten Sachen“ aus­sit­zen, wenn er nur lan­ge genug pflicht­ver­ges­sen schweigt? Über tod­ern­ste Sachen ziemt es sich nicht zu wet­ten, ich wet­te aber mit hei­li­gem Schau­der, daß Kar­di­nal Józ­sef MINDSZENTY der Fünf­te gewor­den wäre, wenn er noch leb­te. In Ungarn heißt ein Ja noch immer Ja, und ein Nein ein Nein! Im klei­nen Transleithanien((Die Lei­tha ist der histo­ri­sche Grenz­fluß zwi­schen Öster­reich und Ungarn.)) erge­ben die poli­ti­schen Wah­len uner­hör­te Erfol­ge bei 70% Wahl­be­tei­li­gung, und das zum drit­ten Mal ohne Unter­bre­chung (2000, 2014, 2018). Im cha­rak­ter­la­bi­len Westen kann kein Poli­ti­ker von sol­chen Ergeb­nis­sen träu­men. Im Sie­ges­tau­mel schloß Mini­ster­prä­si­dent Vik­tor ORBÁN sei­ne Dan­kes­re­de mit einer ver­wun­der­li­chen For­mel, die im Westen nicht mehr ver­stan­den wird: SOLI DEO GLORIA! Drü­ben wur­de sie mit Zwei­drit­tel­mehr­heit applau­diert. Hier, in Cis­leit­ha­ni­en sind wir mit unse­rem Latein am Ende.

Ein knappes und treffendes,
trockenes und schmuckloses Privileg

Jemand sag­te nicht ohne eine gewis­se Bit­ter­keit, daß dies nur mög­lich sei, da den vier Visegrád-Staa­ten das Pri­vi­leg zuteil gewor­den war, mehr als ein hal­bes Jahr­hun­dert lang zunächst vom Deut­schen Reich erdrückt und anschlie­ßend unter dem Joch des Sowjet-Kom­mu­nis­mus gepei­nigt zu wer­den. Hin­ter dem Eiser­nen Vor­hang ist ihnen in Armut und Iso­lie­rungs­haft die Gna­de wider­fah­ren, ihre mora­li­sche Inte­gri­tät und gei­sti­ge Frei­heit eher bewah­ren zu kön­nen als im deka­den­ten Westen! Das ist ein Fall posi­ti­ver Prä­de­sti­na­ti­on. Säku­lar gesagt: „Nur“ Schick­sal, Zufall, Glück im Unglück? Nein, das gibt es nicht! Jenen, die Gott lie­ben, hilft eben alles zum Guten mit.((Römerbrief 8,28.))

Rasend schnell dem 80er näher rückend habe ich nun auch ein per­sön­li­ches Pro­blem: Es ist an der Zeit, um mich auf das Ster­ben vor­zu­be­rei­ten. Was kann ich, was darf ich noch als ein­fa­cher Laie und pen­sio­nier­ter Hoch­schul­leh­rer tun? Soll ich resi­gniert zuschau­en, spen­dend und betend, – denn einem alten Lands­knecht der Römisch-Katho­li­schen Kir­che ste­hen eo ipso weder ande­re Rech­te noch Funk­tio­nen zu. Soll ich aus der Unhei­li­gen Katho­li­schen Kir­che, mei­ner ange­stamm­ten gei­sti­gen Hei­mat, emigrieren?((Cf. Johan­nes 6,68.)) Herr, zu wem sol­len wir weg­ge­hen? Das ist die bit­ter­bö­se Fra­ge? Es gibt kei­ne Alter­na­ti­ve. Hier, im Scho­ße der einen Kir­che haben wir zu leben bis zum letz­ten Atem­zug, auch unter den wid­rig­sten Umstän­den, weil die Sek­ten nicht von Chri­stus gestif­tet wor­den sind!

Gibt es eine willige Imitation oder eine willenlose Vererbung der Sünde?

Neu­er­dings habe ich die Geschich­te stu­die­rend und hie und da in spo­ra­di­schen Nach­rich­ten ver­klau­su­liert, einen gewis­sen Trost aus den Ortho­do­xen Kir­chen des Ostens ver­neh­men kön­nen. Sie pfle­gen noch eine anstän­di­ge, unso­phi­sti­sche Theo­lo­gie der ganz­heit­li­chen Heils­öko­no­mie und einer hei­te­ren Heils­päd­ago­gik! Bei ihnen erreicht das Dra­ma­ti­sche im Evan­ge­li­um sei­nen Höhe­punkt nicht frei­tags am blu­ti­gen Kreuz, son­dern nach aller Düster­heit der Kar­wo­che erst am Oster­mor­gen der Herr­lich­keit, wenn sie mit der Gruß­for­mel ver­kün­den: Chri­stos ane­sti! Ali­thos ane­sti! Chri­stus resur­r­e­x­it! Vere resur­r­e­x­it! Wenn Er nicht auf­er­weckt ist, dann ist unser Glau­be sinnlos.((1. Korin­ther­brief 15,12–20 ; Lukas 7,11–17.)) Das ist der Gor­di­sche Kno­ten!

Der hl. AUGUSTIN (354–430) aus dem latei­ni­schen Westen, sein gei­sti­ger Uren­kel, der unhei­li­ge Mar­tin LUTHER (1483–1546) aus deut­schen Lan­den, und der päpst­lich und könig­lich mehr­fach ver­ur­teil­te katho­li­sche Bischof Cor­ne­li­us JANSEN (1585–1638)((Guntram Mat­thi­as För­ster: Der Jan­se­nis­mus – eine „katho­li­sche Häre­sie“ der frü­hen Neu­zeit?, 2011.)) aus Port-Roy­al des Champs – die drei Spit­zen der Sün­den- und Prä­de­sti­na­ti­ons­theo­lo­gie – gei­stern im ortho­do­xen Osten nicht wie bei uns als Kin­der­schreck her­um. Wenn man einem Kind stän­dig ein­re­det ein sün­di­ger Schwäch­ling zu sein, dann wird er auch einer.

In die­sem Zusam­men­hang wird das grie­chi­sche Wort „Oiko­no­mia“ (Haus­wirt­schaft) als Heils­öko­no­mie, Heils­plan, Heils­ge­schich­te über­setzt. Oikos bedeu­tet Haus, Haus­halt, Haus­wirt­schaft, und Nomos Gesetz, Brauch, Sat­zung. Für die „Haus­hal­tung Got­tes“ sol­len also freie, muti­ge, gebil­de­te Kin­der erzo­gen wer­den, nicht kom­plex­be­la­de­ne, die sich mit der uni­ver­sa­len Erb­schuld abfin­den, sodaß sie das gene­rel­le Sün­den­be­wußt­sein schließ­lich und end­lich aus „Nach­ah­mung & Gewohn­heit“, gleich­sam wie eine zwei­te Natur, resi­gniert hin­neh­men oder ent­schlos­sen von sich wei­sen müs­sen. Bereits Cice­ro hat auf die gewal­ti­ge Macht der Gewohn­heit hin­ge­wie­sen: Con­su­e­tu­do est qua­si alte­ra natu­ra. Die Gewohn­heit ist gleich­sam eine zwei­te Natur, wel­che unse­re Frei­heit zwar ein­schrän­ken, aber doch nicht auf­he­ben kann.((Cicero (106–43 vor Chr.): De Fini­bus 5,25 .))

Die alt­te­sta­men­ta­ri­schen Sün­den­bock-Tricks der Juden (mit Läm­mern und Zie­gen­böcken) auf Chri­stus zu über­tra­gen, damit wir selbst „bil­ligst“ vom Zorn Got­tes davon­kom­men und dafür ein belang­lo­ses Tier (oder gar ein tra­gi­sches Men­schen­op­fer!) abschlach­ten las­sen, wider­spricht dem Geist des Neu­en Testa­ments. Die Exe­ku­ti­on eines abso­lut Unschul­di­gen im Schau­pro­zeß vor Pila­tus war die unüber­biet­ba­re, letzt­mög­li­che, absur­de­ste, per­sön­li­che Sün­de der anwe­sen­den jüdi­schen Prä­la­ten. Vor­ge­zo­gen, bevor­zugt, aus­er­wählt zu sein, gehör­te immer schon zum über­trie­be­nen, stol­zen Selbst­be­wußt­sein der Juden.((Prä­lat ist das sub­stan­ti­vier­te Par­ti­zip vom lat. Verb prae­fe­ro, pra­e­tu­li, prae­la­tum (Prä­fe­renz): der Bevor­zug­te, Vor­ge­zo­ge­ne.))

Es gibt weder eine kol­lek­ti­ve Schuld noch eine kol­lek­ti­ve Ret­tung, sie ist immer eine per­sön­li­che, sie kann nicht im Namen ande­rer ver­bro­chen oder gebüßt wer­den. Lie­be und Lei­den Chri­sti im Tausch­han­del als bares „Löse-Geld“ für Adams Erstsün­de zu sti­li­sie­ren, um einen wüten­den, sadi­sti­schen, belei­dig­ten Vater zu besänf­ti­gen, scheint ein archai­sches, typisch alt­jü­di­sches Geschäft zu sein, das mit dem Geist der bedin­gungs­lo­sen, abso­lu­ten Lie­be nicht recht kor­re­spon­diert. Das heroi­sche Erdul­den aller Bos­hei­ten der Men­schen war Got­tes Lie­bes­wil­le, nicht die sado­ma­so­chi­sti­sche Schand­tat sel­ber, wor­an der Gott der Güte, Lie­be und Geduld unmög­lich eine lust­vol­le Genug­tu­ung und Gefal­len fin­den kann. Der Früh­scho­la­sti­ker Anselm von Can­ter­bu­ry ver­trat die Satisfaktionslehre((Anselm von Can­ter­bu­ry (1033–1109): Cur Deus Homo. War­um ist Gott Mensch gewor­den?)), daß Chri­sti Lie­bes­tat der Inkar­na­ti­on und Erlö­sung als Befrie­di­gung des maß­lo­sen Zor­nes von Gott Vater zu ver­ste­hen sei, wofür das Hin­rich­ten aller armer See­len im ewi­gen Feu­er frei­lich unge­nü­gend, aber durch die blu­ti­ge Exe­ku­ti­on sei­nes eige­nen Soh­nes wett­ge­macht wer­den soll. Das wäre zwei­fel­los noch ein deut­li­ches Rudi­ment der erbar­mungs­lo­sen Ver­gel­tungs­stra­te­gie: „Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brand­mal um Brand­mal, Wun­de um Wun­de, Strie­me um Strieme.“((Exodus 21,23–25.))

Die augu­s­ti­nisch-luthe­risch-jan­se­ni­sti­sche Theo­lo­gie des Schreckens((Willibald Sand­ler: Augu­sti­nus – Leh­rer der Gna­de und Logi­ker des Schreckens? Ein nöti­ger Schnitt in der Rezep­ti­on von Ad Sim­pli­cia­num aus der Per­spek­ti­ve der dra­ma­ti­schen Theo­lo­gie. Ein­blicke in die Theo­lo­gie Józef Nie­wia­dom­skis. 2011.)) woll­te mit zit­tern­den Hän­den, aber unver­dien­ter­ma­ßen das gro­ße Gra­tis-Los der beque­men Prä­de­sti­na­ti­on fürs Him­mel­reich zie­hen. Für die Ursün­de (lat. Pec­ca­tum ori­gi­na­le) von Adam erfan­den die Fata­li­sten das Mär­chen der gene­ti­schen Erbsün­de („Pec­ca­tum her­edi­ta­ri­um“), wel­che den Men­schen bereits mit dem Sper­ma der bio­lo­gi­schen Befruch­tung in eine Jau­chen­gru­be der Tod­sün­de stür­zen, ertrin­ken und zu einer rück­grat- und wil­len­lo­sen Lar­ve redu­zie­ren wür­de. Die schil­lern­de Prä­de­sti­na­ti­ons- und Gna­den­leh­re in ihren extre­men, halb­ma­nichäi­schen For­men war zwar oft die Ver­su­chung ein­zel­ner Theo­lo­gen, die­se wur­den aber nie zum katho­li­schen Glau­bens­gut erho­ben, aller­dings auch nicht immer ent­schie­den genug demen­tiert. In der grie­chisch-ortho­do­xen Spra­che heißt die Justi­fi­ka­ti­on (Recht­fer­ti­gung) des Men­schen „THEOSIS“: Ver­gött­li­chung, d. h. die Restau­ra­ti­on der Got­tes­eben­bild­lich­keit unse­rer Natur (gr. PHYSIS) oder wie man es eben­falls grie­chisch sagen kann, unse­res Wesens (OUSIA). Frei­lich, der pras­sen­de Sün­der Mar­tin fühl­te sich nicht unwohl in der selbst­ge­gra­be­nen Gru­be und stell­te sich taub wider bes­se­res Wis­sen. Wäh­rend die vati­ka­ni­schen Kon­zils­vä­ter ein hal­bes Jahr­hun­dert lang auf eine nebe­lig ver­schwom­me­ne „Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät / Dis­kon­ti­nui­tät“ gepo­stet haben, zog das Triden­ti­ni­sche Kon­zil (1545–1463) noch eine kla­re Spra­che vor. So stell­te das ERSTE KAPITEL des Dekrets über die Recht­fer­ti­gung klipp und klar fest:

„Zuerst erklärt das hei­li­ge Kon­zil, daß es zum rech­ten und auf­rich­ti­gen Ver­ständ­nis der Leh­re von der Recht­fer­ti­gung gehört, daß ein jeder aner­kennt und bekennt: Nach­dem alle Men­schen in der Über­tre­tung Adams die Unschuld ver­lo­ren hat­ten, ‘unrein gewor­den’ und (wie der Apo­stel Pau­lus sagt) ‘von Natur Kin­der des Zorns’, waren sie – wie es im Dekret über die Ursün­de dar­leg­te – so sehr Skla­ven der Sün­de und unter der Macht des Teu­fels und des Todes, daß nicht nur die Hei­den nicht durch die Kraft der Natur, son­dern nicht ein­mal die Juden selbst sogar durch den Buch­sta­ben des Geset­zes des Moses davon befreit wer­den und sich erhe­ben konn­ten, gleich­wohl war in ihnen der freie Wil­le kei­nes­wegs aus­ge­löscht wor­den [CANON 5], auch wenn er in sei­nen Kräf­ten geschwächt und gebeugt war.“

Frank und frei müs­sen wir daher zuge­ben, daß die bunt gefloch­te­nen Anek­do­ten um Isaaks bei­de Söh­ne, dem erst­ge­bo­re­nen Esau und dem hin­ter­li­sti­gen „Fer­sen­hal­ter“ Jakob, kei­nen histo­ri­schen Tat­sa­chen­be­richt dar­stel­len, son­dern groß­teils eine Erdich­tung jüdi­scher Volks­mär­chen sind, die aus theo­lo­gi­scher Sicht, aber auch aus einem posi­ti­ve­ren Lebens­ge­fühl heu­te völ­lig unzu­gäng­lich emp­fun­den wer­den. So war doch JAKOB, der Stamm­va­ter der Juden, ein eifer­süch­ti­ges Mut­ter­söhn­chen der Rebek­ka, das sei­nen blin­den Vater nie­der­träch­tig belo­gen und spitz­fin­dig betro­gen hat; ESAU (der Stamm­va­ter der Edo­mi­ten) dage­gen ein plum­per, der­ber, rot­haa­ri­ger Rusti­kus, der mit dem legen­dä­ren, eben­falls röt­li­chen Lin­sen­ge­richt lächer­lich ver­zeich­net wird.((Genesis 25 (ab Vers 19) bis Kapi­tel 36 inklu­si­ve.)) Edom bedeu­tet hebrä­isch rot und bezieht sich auf einen Nach­bar­stamm der Juden. Ver­nünf­ti­ger­wei­se kann von einer gene­tisch-bio­lo­gisch-rot­haa­ri­gen Begrün­dung weder von Sün­de und Bos­heit noch von einer geschichts­mäch­ti­gen, aber lau­nen­haf­ten Prä­de­sti­na­ti­on von Zwil­lin­gen bereits wäh­rend der Schwan­ger­schaft die Rede sein. Daher müs­sen wir eine gewis­se, nai­ve, alt­jü­di­sche Sym­bo­lik und Sti­li­stik sogar dem hl. Pau­lus ver­ständ­nis­voll nach­se­hen, da er als „Jude unter Juden“((Philipperbrief 3,5.)) nur müh­sam ins Christ­li­che ein­ge­weiht wor­den war:

  • Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehaßt!“((Cf. Römer­brief 9,13.)) Die­se Gott zuge­schrie­be­ne Sen­tenz als bered­tes Doku­ment des jüdi­schen Chau­vi­nis­mus wird von Pau­lus läs­sig nach­emp­fun­den, kann aber für eine sinn­vol­le Heils­öko­no­mie nicht unkri­tisch hin­ge­nom­men wer­den. Evi­den­ter­wei­se kann Gott kein Kind vor der Geburt has­sen, da Er doch nichts Unver­nünf­ti­ges tun oder ver­lan­gen kann.
  • Auch ein „Ton­ge­fäß zur Uneh­re“ des Töp­fers, das sang- und klang­los ab ovo zum Ver­der­ben prä­de­sti­niert und ver­wor­fen sei, ist eben­falls nicht als Muster­bei­spiel der Gött­li­chen Heils­öko­no­mie ernstzunehmen.((Römerbrief 9,21–23 .))
  • Die „Ver­stockung des Pha­ra­os“ und die legen­dä­re Geschich­te der „Zehn Ägyp­ti­schen Pla­gen“((Exo­dus 5–14.)) wer­den stets von pro­te­stan­ti­schen Pre­di­gern ger­ne für bare Mün­ze der (nega­ti­ven) Prä­de­sti­na­ti­ons­ideo­lo­gie genom­men. Sie gehö­ren wie­der­um in das Gen­re alt­jü­di­scher Volks­mär­chen, deren wort­wört­li­che Aus­le­gung vom Neu­en Testa­ment defi­ni­tiv über­holt, histo­risch unbe­leg­bar und heils­ge­schicht­lich belang­los gewor­den ist.

In der Tat han­delt es sich bei der wohl­ver­stan­de­nen Pau­li­ni­schen Aus­er­wäh­lung von Juden- und Hei­den­chri­sten aus­schließ­lich um posi­ti­ve Cha­ris­men, Gaben, Vor­tei­le, die nie­mals für die Ver­dam­mung, son­dern stets für das Wohl aller Betei­lig­ten wil­lig genutzt wer­den sol­len. Grie­chisch Cha­ris­ma bedeu­tet gött­li­che Lie­bes­ga­ben: Gunst und Gna­de, Geschenk und Talent, die gra­tis auf Bewäh­rung ver­lie­hen wer­den. Sie stel­len jeden­falls eine posi­ti­ve Prä­de­sti­na­ti­on dar. Im Bausch und Bogen von Jakobs posi­ti­ver und Esaus nega­ti­ver Prä­de­sti­na­ti­on (Ver­flu­chung) kann somit sowie­so nicht die Rede sein, aber der „Hel­le­nen und Bar­ba­ren, Gebil­de­ten und Ungebildeten“((Römerbrief 1,14.)) natür­lich auch nicht, wenn­gleich die Ver­tei­lung der Chan­cen und Talen­te immer eine unglei­che ist. Nie­mand kann sich dar­über empö­ren, daß er nicht als „Sohn von Roth­schild“ gebo­ren wur­de. Wes­sen Kind wir sind, ist den­noch eine Schickung, Ver­fü­gung, Vor­ent­schei­dung (Sors, For­tu­na, Fatum), ein posi­ti­ves Desti­na­re, fest­ma­chen, fest­bin­den, fest­set­zen zu einer lebens­lan­gen Weg- und Ziel­be­stim­mung, die nur dank­bar ange­nom­men wer­den kann.

Die Schöpfung, Sixtinische Kapelle, Rom
Die Schöp­fung, Six­ti­ni­sche Kapel­le, Rom

Zurech­nungs­fä­hig­keit und zurei­chen­des Wis­sen sind also nach den Grund­sät­zen der grie­chisch-römi­schen Erzie­hung und des Rech­tes die aller­er­sten logi­schen Vor­be­din­gun­gen jeder Schu­lung und jedes Straf­ge­richts. Die­se wären im Fal­le einer gene­ti­schen Erb­sün­den­leh­re, Ver­stockung oder Ver­flu­chung samt einer nega­ti­ven Vor­be­stim­mung von Schuld und Süh­ne abso­lut nicht gege­ben! Der Wil­le, den Gott dem Men­schen gab, ist nach wie vor, selbst nach dem Fall – wie das Triden­ti­ni­sche Kon­zil es unzwei­deu­tig lehrt, – nicht unfrei und unse­re Ver­nunft nicht unfä­hig zum neu­er­li­chen Ver­neh­men, aber auch zum neu­er­li­chen Ver­wei­gern des Guten geblie­ben. Frei­es Wol­len und Ein­ver­neh­men sind die Grund­be­din­gun­gen des Guten und Bösen über­haupt. Wenn aber ihre Inter­pre­ta­ti­on selbst in den Pau­li­ni­schen Briefen(Römerbrief 5,12 ; 1 Korin­ther­brief 15,22 ; Hebrä­er­brief 12,17.)) nicht immer durch Klar­heit glänzt, dann kön­nen wir erst recht von der enor­men Lei­stung beein­druckt sein, die wir der Triden­ti­ni­schen Auf­klä­rung der augu­s­ti­nisch-luthe­ri­schen Holz­we­ge ver­dan­ken. Der hl. Pau­lus, zum Teil noch in den engen Vor­stel­lun­gen der jüdi­schen, längst ver­jähr­ten Aus­er­wählt­heit der Juden ver­fan­gen, war ver­ständ­li­cher­wei­se all­zu sehr Jude und Kind sei­ner Zeit, aber er kor­ri­gier­te und bekann­te sich immer wie­der stand­haft zur vol­len Ver­ant­wor­tung des frei erschaf­fe­nen und zur Frei­heit wie­der­erlö­sten Men­schen­ge­schlech­tes, das frei­lich stets zum Guten, aber auch zur Sün­de – aller­dings immer aus eige­nem, frei­em Ent­schluß – befä­higt ist.

Die dog­ma­ti­sche Leh­re des Triden­ti­nums rati­fi­ziert in ins­ge­samt 16 aus­führ­li­chen Kapi­teln und 33 prä­gnan­ten Canons die gemein­sa­me katho­lisch-ortho­do­xe Leh­re und schließt unmiß­ver­ständ­lich – ohne sie nament­lich zu nen­nen – das Gemisch der augu­s­ti­nisch-luthe­ri­schen Prä­de­sti­na­ti­ons- und Erb­sün­den­theo­lo­gie aus. Von den glän­zend redi­gier­ten Kate­go­rien wird also ein brei­tes Spek­trum histo­ri­scher und künf­ti­ger Irr­leh­ren erfaßt. Im fol­gen­den wird aus dem vol­len Text eine Aus­wahl gebo­ten:((Vor 470 Jah­ren: Dekret über die Recht­fer­ti­gung des Kon­zils von Tri­ent (1547).))

Canon 1: Wer sagt, der Mensch kön­ne durch sei­ne Wer­ke, die durch die Kräf­te der mensch­li­chen Natur oder ver­mit­tels der Leh­re des Geset­zes getan wer­den, ohne die gött­li­che Gna­de durch Chri­stus Jesus vor Gott gerecht­fer­tigt wer­den: der sei mit dem Anathe­ma belegt.((Anathe­ma: Kir­chen­bann. Ety­mo­lo­gisch vom griech. Verb ana-tit­he­mi / zurück­neh­men, ver­wer­fen, aus­schlie­ßen.))
Canon 4: Wer sagt, der von Gott beweg­te und erweck­te freie Wil­le des Men­schen wir­ke durch sei­ne Zustim­mung zu der Erweckung und dem Ruf Got­tes nichts dazu mit, sich auf den Emp­fang der Recht­fer­ti­gungs­gna­de zuzu­rü­sten und vor­zu­be­rei­ten, und er kön­ne nicht wider­spre­chen, wenn er woll­te, son­dern tue wie etwas Leb­lo­ses über­haupt nichts und ver­hal­te sich rein pas­siv: der sei mit dem Anathe­ma belegt.
Canon 5: Wer sagt, der freie Wil­le des Men­schen sei nach der Sün­de Adams ver­lo­ren und aus­ge­löscht wor­den, oder es gehe nur um eine Bezeich­nung, ja, eine Bezeich­nung ohne Inhalt, schließ­lich um eine vom Satan in die Kir­che ein­ge­führ­te Erdich­tung: der sei mit dem Anathe­ma belegt.
Canon 9: Wer sagt, der Gott­lo­se wer­de allein durch den Glau­ben gerecht­fer­tigt, so daß er dar­un­ter ver­steht, es wer­de nichts ande­res erfor­dert, wodurch er zur Erlan­gung der Recht­fer­ti­gungs­gna­de mit­wir­ke, und es sei kei­nes­wegs not­wen­dig, daß er sich durch sei­ne eige­ne Wil­lens­re­gung vor­be­rei­te und zurü­ste: der sei mit dem Anathe­ma belegt.
Canon 15: Wer sagt, der wie­der­ge­bo­re­ne und gerecht­fer­tig­te Mensch sei auf­grund des Glau­bens gehal­ten, zu glau­ben, er gehö­re sicher zur Zahl der Vor­her­be­stimm­ten: der sei mit dem Anathe­ma belegt.
Canon 17: Wer sagt, die Gna­de der Recht­fer­ti­gung wer­de nur den zum Leben Vor­her­be­stimm­ten zuteil, alle übri­gen aber, die geru­fen wer­den, wür­den zwar geru­fen, aber nicht die Gna­de emp­fan­gen, da sie ja durch die gött­li­che Macht zum Bösen vor­her­be­stimmt sei­en: der sei mit dem Anathe­ma belegt.
Canon 18: Wer sagt, die Gebo­te Got­tes sei­en auch für einen gerecht­fer­tig­ten und unter der Gna­de ste­hen­den Men­schen unmög­lich zu beob­ach­ten: der sei mit dem Anathe­ma belegt.
Canon 19: Wer sagt, im Evan­ge­li­um sei nichts vor­ge­schrie­ben außer dem Glau­ben, das übri­ge sei gleich­gül­tig, weder vor­ge­schrie­ben noch ver­bo­ten, son­dern frei; oder die zehn Gebo­te hät­ten kei­ne Bedeu­tung für die Chri­sten: der sei mit dem Anathe­ma belegt.
Canon 29: Wer sagt, der nach der Tau­fe Gefal­le­ne kön­ne nicht durch Got­tes Gna­de wie­der­auf­ste­hen; oder er kön­ne zwar die ver­lo­re­ne Gerech­tig­keit wie­der­erlan­gen, aber allein durch den Glau­ben, ohne das Sakra­ment der Buße, wie es die hei­li­ge Römi­sche und All­ge­mei­ne Kir­che, von Chri­stus, dem Herrn, und sei­nen Apo­steln belehrt, bis zu die­sem Zeit­punkt ver­kün­det, bewahrt und gelehrt hat: der sei mit dem Anathe­ma belegt.
Canon 33: Wer sagt, durch die­se katho­li­sche Leh­re über die Recht­fer­ti­gung, die vom hei­li­gen Kon­zil in die­sem vor­lie­gen­den Dekret for­mu­liert wur­de, wer­de in irgend­ei­ner Hin­sicht der Ehre Got­tes oder den Ver­dien­sten unse­res Herrn Jesus Chri­stus Abbruch getan, und es wer­de nicht viel­mehr die Wahr­heit unse­res Glau­bens und schließ­lich die Ehre Got­tes und Chri­sti Jesu ins Licht gesetzt: der sei mit dem Anathe­ma belegt.

Weitreichende Auswirkungen des Tridentinischen Dekrets

The Dictator PopeAugu­stin war im Osten kaum bekannt. Er beherrsch­te das Grie­chi­sche nicht, und die Ortho­do­xen das Latei­ni­sche auch nicht gut genug. Die authen­ti­sche Ortho­do­xie des Ostens hat aber mit den Triden­ti­ni­schen Klar­stel­lun­gen kei­ne Pro­ble­me. Die­se zer­pflücken ja die Kern­stücke des Pro­te­stan­tis­mus, des­avou­ie­ren aber auch den spä­ten Augu­stin. Glei­cher­wei­se ent­zie­hen sie dem Jan­se­nis­mus den Boden und geben zugleich Auf­wind für den nicht immer makel­lo­sen mora­li­schen Pro­ba­bi­lis­mus der Jesui­ten, der eine Art Theo­rie der mora­li­schen Wahr­schein­lich­keits­rech­nung war, also ein Tak­tie­ren mit libe­ra­ler Frei­zü­gig­keit & Lax­heit. Das Wahr­schein­lich­ste hat Luis de Moli­na S.J. (1535–1600) im Zwei­fels­fal­le vor­schnell auch für das Gute gehal­ten, was vom luthe­ri­schen Schrift­stel­ler Phil­ipp Melan­chthon auf Anhieb eines ver­steck­ten, unlau­te­ren Pela­gia­nis­mus ver­däch­tigt wor­den war.

Nach­dem der Jesui­ten­papst Ber­go­glio für Luther unver­blüm­te Sym­pa­thien hegt, sei­ne eige­nen gei­sti­gen Vor­fah­ren ver­ra­tend, muß er mit Melan­chthon reflex­ar­tig gegen einen ver­meint­li­chen NEO-PELAGIANISMUS UNSERER TAGE zu Fel­de zie­hen. Da er aber ein wenig unge­bil­det und nach sei­nen eige­nen Wor­ten eher als cuco (d. h. schlau, geris­sen auf Spa­nisch) ein­zu­stu­fen ist, stößt er dia­lek­tisch den tra­di­ti­ons­be­wuß­ten Katho­li­ken von heu­te mit dem Vor­wurf des alten Pela­gia­nis­mus vor den Kopf und schafft sich das grim­mi­ge Bild eines Papst-Dik­ta­tors. Ver­su­chen wir nun von den tau­send­jäh­ri­gen Wort­ge­fech­ten den Staub abzu­wi­schen!

Wer hat also Angst vor einem Pelagius Redivivus?

An der Wen­de des IV. zum V. Jahr­hun­dert konn­te sich das Anse­hen des Chri­sten­tums in poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Hin­sicht weit­ge­hend kon­so­li­die­ren. Zur glei­chen Zeit als der glän­zen­de Pre­di­ger PELAGIUS aus den Bri­ti­schen Inseln kom­mend in Rom den frei­en Wil­len wie­der­ent­deck­te und mora­li­sche Lei­stung ver­lang­te, ström­ten in die augu­s­ti­ni­sche Volks­kir­che der Ewi­gen Stadt mas­sen­haft Tauf­schein­ka­tho­li­ken. Sie begnüg­ten sich oft mit einem sakra­men­ta­len Schein, blie­ben aber anson­sten wenig bis herz­lich unqua­li­fi­zier­te, unbe­hol­fe­ne Durch­schnitts­men­schen. Ihre Haupt­sor­ge war, im Fahr­was­ser der Gna­de einen siche­ren Fahr­schein der Prä­de­sti­na­ti­on him­mel­wärts zu lösen, aber sonst wei­ter heid­nisch dahin zu leben wie eh und je.

Der wil­lens­star­ke, tat­kräf­ti­ge, anspruchs­vol­le Mönch, der aus der Fer­ne kam, war im Krei­se der Römi­schen Ari­sto­kra­tie ein gern­ge­se­he­ner Seel­sor­ger. Pela­gius‘ Ideen kor­re­spon­dier­ten mit der alt­rö­mi­schen Vir­tus und Ethos der gro­ßen Tra­di­ti­on. Der spä­te Augu­stin ent­wickel­te sich aber – nicht bei den Haa­ren zie­he ich den gerech­ten Ver­gleich – zu einem all­seits bekann­ten, mäch­ti­gen „Papa Dit­ta­to­re“ sei­ner Zeit, ähn­lich wie heu­te Ber­go­glio. Augu­stin hat­te es nicht auf die Eli­ten abge­se­hen, son­dern auf die „Rän­der“, er zog lie­ber das Wachs­tum der flüg­ge wer­den­den Groß­kir­che der Mas­sen vor, mit nied­ri­gen Durch­schnitts­no­ten, aber ein­drucks­voll an Zahl. Ber­go­glio träumt heu­te eben­falls von einem Tru­bel der Volks­fröm­mig­keit, aber nicht im ver­fal­len­den Euro­pa, son­dern in Ama­zo­ni­en. Lei­der Got­tes keh­ren sich aber die pri­mi­ti­ven Mas­sen in einem doch nicht so volks­from­men Mit­tel- und Süd­ame­ri­ka nicht der Katho­li­schen, son­dern eher den lusti­gen Frei­kir­chen zu.

Erfolg­reich setz­te Augu­stin sei­ne Rhe­to­rik (was in der dama­li­gen Zeit den Fern­seh­ka­me­ras ent­sprach) gegen den Kon­kur­ren­ten und eif­ri­gen Glau­bens­bru­der Pela­gius ein, anstatt sich mit ihm in einer pasto­ra­len Alli­anz zu ver­bin­den. Er kari­kier­te und erdrück­te ihn unbarm­her­zig. So wie das heu­te Ber­go­glio den Tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen antut – und sie nicht ohne Fol­ge­rich­tig­keit aus sei­ner sub­jek­ti­ven Sicht als „Neo-Pela­gia­ner“ abkan­zelt.

Pela­gius wur­de hin und wie­der ver­ur­teilt, aber von den Tat­sa­chen immer wie­der reha­bi­li­tiert. Pela­gius trug nicht den zer­schlis­se­nen Man­tel der armen, klei­nen, unwis­sen­den Brü­der. Er trach­te­te, den Weni­gen und aus der Mas­se Her­aus­ra­gen­den Chri­sti strah­len­de Glo­ria umzu­hän­gen und Wor­te in Tat umzu­set­zen:

„Unter den vie­len Ein­sprü­chen Augu­stins gegen Pela­gius und sei­ne Anhän­ger spielt die­ses Moment eine ganz beträcht­li­che Rol­le. Es gibt kaum eine Äuße­rung Augu­stins gegen die Pela­gia­ner, wo nicht auf die Ange­foch­ten­heit [Wan­kel­mut] christ­li­chen Lebens und die Not­wen­dig­keit des Bitt­ge­bets hin­ge­wie­sen wird. Ja Augu­stin deu­tet in sei­ner Spät­schrift De dono per­se­ver­an­tiae die­sen Punkt sogar als den ent­schei­den­den Anfang der Dif­fe­renz zwi­schen Pela­gius und ihm.“ Wört­lich schreibt dar­in Augu­stin: „In den Büchern mei­ner Bekennt­nis­se habe ich … oft­mals zu unse­rem Gott gesagt: Gib, was du befiehlst, und befiehl, was du willst. Als durch einen Bru­der und Mit­bi­schof die­se Wor­te von mir in Rom in Gegen­wart des Pela­gius erwähnt wur­den, konn­te jener sie nicht ertra­gen, son­dern wider­sprach ziem­lich erregt und geriet mit dem, der sie erwähnt hat­te, bei­na­he in Streit.“((Gisbert Gres­ha­ke: Gna­de als kon­kre­te Frei­heit. Eine Unter­su­chung zur Gna­den­leh­re des Pela­gius. 1972. 308.))

Für Pela­gius bedeu­te­te ein sol­ches Gebet nur ein Aus­weich­ma­nö­ver vor der Ver­pflich­tung zum christ­li­chen Han­deln, das durch Gott selbst immer schon und über­all für den frei­en, ver­nünf­ti­gen und talen­tier­ten Men­schen ermög­licht und ein­ge­for­dert ist. Daher müs­sen die Akte der Han­deln­den nicht mehr zöger­lich erbe­ten, son­dern schlicht und ein­fach umge­setzt wer­den.

Mit aller Deut­lich­keit aus­ge­drückt, das augu­s­ti­ni­sche „Gib, was du befiehlst“ – das from­me Bitt­ge­bet mit Augen­auf­schlag – wäre ein siche­res Zei­chen der Unschlüs­sig­keit, ja eine Sich-sel­ber-an-der-Nase-Her­um­füh­re­rei. Für Pela­gius’ Denk­wei­se war der Befehl ein Befehl, der weder bejam­mert, ersehnt noch erbe­ten, son­dern ein­fach getan wer­den muß. Logi­scher­wei­se kann der Befehls­ha­ber nicht anstel­le des Befehls­emp­fän­gers han­deln.

Spä­te­stens seit der Regens­bur­ger Vor­le­sung (2006)((Benedikt XVI.: Anspra­che beim Tref­fen mit den Ver­tre­tern aus dem Bereich der Wis­sen­schaf­ten, Apo­sto­li­sche Rei­se nach Bay­ern, 12.09.2006.)) des schüch­ter­nen, aber wei­sen Pap­stes Bene­dikt XVI. wis­sen wir kate­go­risch, daß die Reli­gi­on des Gött­li­chen Logos nie­mals und nir­gend­wo will­kür­lich sich selbst wider­spre­chen kann: Gott kann nichts Unver­nünf­ti­ges ver­lan­gen wie das im augu­s­ti­ni­schen „Befiehl, was du willst“ oder im luthe­ri­schen bzw. isla­mi­schen Got­tes­bild des rei­nen Volun­ta­ris­mus impli­zi­te ent­hal­ten ist.

Pela­gius’ Unge­hal­ten­heit mit den Schwan­ken­den und Wan­ken­den, Unschlüs­si­gen und Sehn­süch­ti­gen, die Got­tes Heils­öko­no­mie ver­wei­gern oder zumin­dest ver­zö­gern, kann viel­leicht mili­tant wir­ken. Sei­ne ein­fa­che, direk­te Ent­schluß­freu­dig­keit und Bereit­wil­lig­keit für die promp­te Tat ohne Zau­dern und Auf­schub wären aber unter Umstän­den „mora­lisch & öko­no­misch“ (sc. heils­öko­no­misch) viel­leicht doch höher zu bewer­ten als die spek­ta­ku­lä­re Selbst­zer­flei­schung und dra­ma­ti­sche Bekeh­rung Augu­stins nach etli­chen sei­ner, kei­nes­falls bei­spiel­ge­ben­den Jahr­zehn­te lang andau­ern­den Aus­schwei­fun­gen.

Prozeßverlauf Augustin versus Pelagius –
mit dem dramatischen Niederwalzen eines gerechten Charismatikers

Die Goten von damals waren die unge­be­te­nen Ein­wan­de­rer von heu­te. Nach­dem die West­go­ten unter Ala­rich Rom (410) bela­gert und geplün­dert hat­ten, flo­hen PELAGIUS und sein Schü­ler CAELESTIUS nach Nord­afri­ka, das damals ein christ­li­ches Refu­gi­um vor dem Van­da­lis­mus war. Wäh­rend Pela­gius wei­ter nach Syri­en zog, ließ sich Cae­le­s­ti­us in Kar­tha­go nie­der und bewarb sich um ein Pres­by­ter­amt. Er hat­te ver­sucht, die Ansich­ten des abwe­sen­den Pela­gius zu syste­ma­ti­sie­ren, viel­leicht auch zuzu­spit­zen. Jeden­falls for­der­te er damit den Wider­spruch des zor­ni­gen Augu­sti­nus her­aus, der sie auf einer Bischofs­syn­ode (411/412) ver­ur­tei­len ließ, ins­be­son­de­re dafür, was man so abrun­den kann:

  • daß Adams Sün­den­fall ledig­lich ihn selbst, nicht aber alle Men­schen gene­tisch-semi­ma­nichä­isch ver­dor­ben habe; was eine all­ge­mei­ne „Sün­den­epi­de­mie“ durch frei­wil­li­ge Imi­ta­ti­on kei­nes­falls aus­schlie­ßen wür­de;
  • daß neu­ge­bo­re­ne Kin­der genau gleich mit der glei­chen Natur geseg­net sei­en wie Adam vor sei­nem Sün­den­fall;
    was die Gött­li­che Gna­de nicht aus­schlie­ßen, son­dern gera­de­zu bestä­ti­gen wür­de;
  • daß das Gesetz einen Heils­weg eröff­net habe; was nur Got­tes Treue bestä­ti­gen kann;
  • daß es gerech­te Men­schen auch vor dem Kom­men Chri­sti gege­ben habe; ohne des­halb die Heils­be­dürf­tig­keit der Mensch­heit zu leug­nen, wie man das bei zahl­rei­chen, hei­lig­mä­ßi­gen Gestal­ten der alt­te­sta­ment­li­chen Erzäh­lun­gen ver­mu­ten kann.

Fünf Jah­re spä­ter zog sich dann Cae­le­s­ti­us nach Stän­ke­rei­en in Nord­afri­ka eine päpst­li­che Ver­ur­tei­lung (417) durch INNOZENZ zu, der den loka­len Syn­odal­ur­tei­len zustimm­te. Nach des­sen Tod stell­te der Ange­klag­te einen Revi­si­ons­an­trag an den näch­sten Papst ZOSIMOS, der von grie­chi­scher Her­kunft und daher über die römi­schen Intri­gen objek­tiv erha­ben war. Zum Ein­spruch leg­te Cae­le­s­ti­us auch ein Zeug­nis sei­nes Glau­bens bei, das im Pro­zeß posi­tiv beur­teilt wur­de (417). Das läßt dar­auf schlie­ßen, daß zum The­ma der Ursün­de außer spär­li­chen, legen­dä­ren Sätzen((Genesis 3,1–24 ; Eccle­si­a­sti­cus 17,1–14.)) weder im Alten- und Neu­en Testa­ment noch in der ortho­do­xen Über­lie­fe­rung der Kir­che eine all­ge­mein aner­kann­te Lehr­mei­nung vor­lag, und die erb­li­che Vari­an­te auf Grund einer Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on des Römer­brie­fes von Augu­stin erson­nen wur­de. Die deutsch­spra­chi­ge Bezeich­nung „Erb“-Sünde ist über­haupt erst aus mit­tel­hoch­deut­scher Zeit belegt, da der Begriff in allen Spra­chen bis zum heu­ti­gen Tage Ursün­de (Pec­ca­tum ori­gi­na­le) heißt.

Über­dies hat der Stand der Dog­men­ent­wick­lung auf der Höhe des Triden­ti­nums die Prädestinations‑, Gna­den- und Ursün­den­theo­lo­gie – auch wenn Augu­stins Urhe­ber­schaft nach wie vor dis­kret-ver­schämt ver­schwie­gen wird – der Sache nach gründ­lich ent­schärft. Auch Papst Zosi­mos bezwei­fel­te (schon damals!) die Ver­ur­tei­lung, da er die Pela­gia­ner für recht­gläu­big hielt. Als er an die Revi­si­on der Urtei­le ging, hielt ihn ein von Augu­stin geschür­ter neu­er Pro­test aus Nord­afri­ka  davon ab. Zosi­mos stand den Vor­wür­fen nach wie vor skep­tisch gegen­über und bestell­te Pau­li­nus von Mai­land, den Wort­füh­rer der Ankla­ge, nach Rom, um sei­ne Posi­ti­on anzu­hö­ren.

Über­ra­schend ver­an­laß­te dann die Par­tei­nah­me des West­rö­mi­schen Kai­sers FLAVIUS HONORIUS den Papst doch zur gemein­sa­men Ver­ur­tei­lung von Pela­gius und Cae­le­s­ti­us zusam­men. Zosi­mos ver­starb noch im glei­chen Jahr. Er war lei­der nur kur­ze Zeit Papst (417/418). Es ist mit Sicher­heit anzu­neh­men, daß der ent­schei­den­de kai­ser­li­che Erlaß weder aus einem spon­ta­nen Anlie­gen noch aus einem beson­de­rem Inter­es­se des Römi­schen Rei­ches ent­sprun­gen war, da die erb­li­che „Ursün­den-Ideo­lo­gie“ Augu­stins bei ver­nünf­ti­ger Betrach­tung der Sache (heu­te wie damals) poli­tisch ganz und gar belang­los sein dürf­te. Daß „ein Poli­ti­ker“ (heu­te wie damals) wie Fla­vi­us Hono­ri­us nicht der rich­ti­ge Sach­ver­stän­di­ge im Pro­zeß war – d. h. daß er kei­ne Ahnung von der Sache hat­te, wei­ters daß sei­ne aller­höch­ste, kai­ser­li­che Par­tei­nah­me wie­der­um unter allei­ni­ger Urhe­ber­schaft und Intrig­anz des ange­se­he­nen Augu­stins zustan­de gekom­men sein dürf­te, kann als nicht unrea­li­stisch ange­nom­men wer­den.

Als ein­zi­ger von acht­zehn ita­lie­ni­schen Bischö­fen wei­ger­te sich JULIAN VON AECLANUM, die Ver­dam­mung der pela­gi­schen Leh­ren zu unter­schrei­ben. Er war der Sohn eines katho­li­schen Bischofs, und war glück­lich ver­hei­ra­tet mit der Toch­ter eines ande­ren Bischofs. Damals wur­de das ganz natür­lich emp­fun­den. In der Theo­lo­gie der Ehe und der Sün­de war er also ver­sier­ter als sein Kol­le­ge Augu­stin, der lan­ge Zeit dem Kon­ku­bi­nat und dem Manichäis­mus ver­fal­len war. Den­noch war Juli­an der­je­ni­ge, der vom Kai­ser kur­zer­hand abge­setzt und aus Ita­li­en ver­bannt wur­de (421). Zehn Jah­re spä­ter (431) wur­de die Cau­sa in die Agen­da des Kon­zils von Ephe­sos auf­ge­nom­men. Eine neu­er­li­che Ver­ur­tei­lung mach­te die Hoff­nung auf eine wohl ver­dien­te Revi­si­on fak­tisch zunich­te. Den Akt samt allen guten Argu­men­ten hat man geschlos­sen und in der Ver­sen­kung der Histo­ri­ker ver­schwin­den las­sen. Im Hoch­mit­tel­al­ter wur­den sie sanft wei­ter­dis­ku­tiert, aber nicht klar defi­niert, bis sie sich unter Luther in ein Flam­men­meer ver­wan­del­ten. Das gesam­te pela­gia­ni­sche Schrift­tum ist nur frag­men­ta­risch erhal­ten und haupt­säch­lich aus den Schrif­ten der Geg­ner bekannt.((Greshake bezeich­net „pela­gisch“ die Leh­ren, die aus den Frag­men­ten des Pela­gius selbst erhal­ten geblie­ben sind, und „pela­gia­nisch“ jene, die ihm von sei­nen Geg­nern nur zuge­schrie­ben wur­den.)) Daher kann die pela­gi­sche Leh­re eigent­lich nicht mehr getreu revi­diert wer­den, wohl aber die hei­ßen The­men, die seit­dem die christ­li­che Escha­to­lo­gie ver­ne­beln.

Juli­an bemüh­te sich ehr­lich und nicht unge­schickt um die Ver­tei­di­gung der Leh­ren von Pela­gius und Cae­le­s­ti­us, die in Ein­zel­schrif­ten und Pre­dig­ten zer­streut waren. Durch sei­ne zahl­rei­chen Schrif­ten wur­de er zum wich­tig­sten Gegen­spie­ler Augu­stins auf dem Gebiet der Gnaden‑, Ursünden‑, Ehe- und Frei­heits­leh­re.

Der berüchtigte Lebemann war der junge Augustin,
nicht die konservativen, frommen, aber selbstbewußten Pelagianer

Adams Sün­de war sicher kei­ne Baga­tel­le, kein harm­lo­ser Fehl­tritt, kein unbe­herrsch­ter, gie­ri­ger Genuß eines Apfels oder eine sexu­el­le Lüstern­heit. Die prin­zi­pi­el­le Wil­lens­frei­heit, die den Men­schen erst zu Got­tes Eben­bild macht, kann nie aus­ge­löscht wer­den, das wis­sen wir seit dem Triden­ti­num. Ob der freie Wil­le sich ska­lie­ren läßt – m. E. ist er eher eine Dicho­to­mie: Ja-ja, Nein-nein. Hät­te die Erste Sün­de die­ses distin­gu­ie­ren­de Wesens­merk­mal des Men­schen aus­ge­löscht, dann wären Adam und sei­ne Nach­kom­men­schaft nie mehr in der Lage gewe­sen, wei­ter­hin zu sün­di­gen. Die Wahl des Guten oder des Bösen ver­än­dert wohl aller­hand Beschaf­fen­hei­ten, die imi­tiert, tra­diert, kom­pro­mit­tiert, ja auch aner­zo­gen und erzwun­gen wer­den kön­nen. Das Klein­kind lernt zunächst allein durch Imi­ta­ti­on sei­ner Eltern, aber zuneh­mend und vor­wie­gend dank sei­nes eige­nen Wil­lens und Ver­nunft. Das Sein zum Tode (Hei­deg­ger) oder die Lie­be zum Leben (Evan­ge­li­um) kann aber nur ein abso­lut frei­er Geist nach­voll­zie­hen. Wenn die Stun­de des Ernst­falls her­an­bricht: Wir spie­len dann nicht mehr um Boh­nen.

Augu­stins erb­li­che Sün­den­leh­re war für Juli­an (und ist für uns heu­te) ein absur­der Wider­spruch in sich, da die dar­aus fol­gen­de Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re letz­ten Endes Gott und nicht den Sün­der zum Urhe­ber des Bösen macht. Die posi­ti­ve, je per­sön­lich ver­schie­de­ne Vor­wahl aller Men­schen durch gött­li­che Gna­de (Cha­ris­ma) wirkt also nicht durch gött­li­che Vor­her­be­stim­mung und Läh­mung des Wil­lens (Prä­de­sti­na­ti­on), son­dern durch Sta­cheln der kör­per­li­chen und gei­sti­gen Gaben (Cha­ris­men), die uns im Ver­lauf der Heils­öko­no­mie Posi­tio­nen zuwei­sen, aber den letz­ten Enthu­si­as­mus, Ent­schei­dung und Erfül­lung uns nicht abneh­men. Es gibt kein Plan­soll, das als mecha­ni­sches Opus ope­ra­tum auto­ma­tisch Wir­kun­gen erzeu­gen wür­de. Das gilt auch für die Kin­der­tau­fe: Eltern und Tauf­pa­ten müs­sen die ver­lie­he­nen Gna­den (Cha­ris­men) in gute Erzie­hung umset­zen, bis eines Tages der straf­un­mün­di­ge Täuf­ling sel­ber beken­nen kann, was in sei­nem Namen ver­spro­chen wor­den war. Das ver­gos­se­ne Was­ser allein bewirkt gar nichts, wie es die unge­heu­re Zahl der rei­nen Tauf­schein­ka­tho­li­ken bereits zu Zei­ten der wach­sen­den, augu­s­ti­ni­schen Volks­kir­che, wie auch heu­te zu Zei­ten der zer­fal­len­den, ber­go­glia­ni­schen Volks­kir­che bewie­sen hat. Mit der Hil­fe der gött­li­chen Heils­öko­no­mie ereilt jeder­mann irgend­ein­mal die Stun­de der Wahr­heit, um Far­be zu beken­nen.

Augu­stins histo­ri­sche Grö­ße in poli­ti­scher und lite­ra­risch-rhe­to­ri­scher Hin­sicht (De civi­ta­te Dei, Con­fes­sio­nes) soll nicht ange­ta­stet wer­den. Aber sei­ne läh­men­de, Jahr­hun­der­te hin­durch tra­dier­te escha­to­lo­gi­sche Bor­niert­heit, die von Mar­tin Luther, Cor­ne­li­us Jan­sen und ande­ren wei­ter­ge­schleppt wur­de, ist zu einer erstaun­li­chen, ja mon­strö­sen Ver­su­chung spe­zi­ell der latei­ni­schen Chri­sten­heit her­an­ge­wach­sen. Viel­leicht kön­nen uns die blü­hen­den Oasen eines Tho­mas von Aquin, eines erfri­schen­den Triden­ti­nums, aber auch der ver­gleichs­wei­se unbe­schwer­ten Fröm­mig­keit und Theo­lo­gie der ortho­do­xen Ost­kir­chen von die­sem erdrücken­den Bal­last befrei­en. Auch wenn es bereits fünf Minu­ten nach Zwölf ist.

Wißt ihr, daß Mut (eu-psychon) für die Freiheit (eleutheron),
diese aber für das Glück (eu-dämon) die Vorbedingungen sind?((Perikles (494–429 vor Chr.): Der Peloponnesische Krieg (2,43,4).))

Ohne Frei­heit zur Tat und ohne Eigen­ver­ant­wor­tung gibt es weder Kri­mi­na­li­tät noch Straf­bar­keit. Pela­gius’ und Juli­ans tap­fe­res Den­ken ver­such­te das Rechts­emp­fin­den der anti­ken Phi­lo­so­phie gegen Augu­stins neu erfun­de­ne Theo­lo­gie des Schreckens zu schüt­zen. Lei­der ist es ihnen miß­lun­gen. Daß aber die klas­si­sche Ethik und Päd­ago­gik eines Peri­kles oder Cice­ros von Augu­stin über wei­te Strecken ver­drängt wor­den war, hat­te weit­rei­chen­de Fol­gen für die Geschich­te des Chri­sten­tums im Mit­tel­al­ter bis zur Neu­zeit. Wer weiß, viel­leicht hat Augu­stin mit sei­nen düste­ren Hypo­the­sen die eige­nen Jugend­sün­den gehaßt und zu büßen ver­sucht. Und die waren kei­ne Baga­tel­le!

Die Frei­heit ist somit nicht nur rei­ne Rezep­ti­vi­tät, son­dern auch Ent­schlos­sen­heit. Mensch­li­che Exi­stenz als makel­lo­se Rezep­ti­vi­tät ist sicher ein gro­ßes Erbe aus Got­tes Gna­de, des­sen Annah­me nur in Dank­bar­keit mög­lich ist. Um auf die Kunst Bezug zu neh­men, ist sie aber nicht nur ein zart besai­te­ter, weib­li­cher Impres­sio­nis­mus, sie hat auch einen kräf­ti­gen, mann­haf­ten Reso­nanz­bo­den im Expres­sio­nis­mus zu suchen, wenn sie nicht Jam­mer­lap­pen und Hasen­fuß blei­ben will. Es ist egal, ob das Ewig Weib­li­che oder das Ewig Männ­li­che in einer Gemein­schaft zu kurz kommt. Got­tes Heils­öko­no­mie lei­det dar­un­ter so oder so einen emp­find­li­chen Scha­den.

„Wäh­rend aber die Pela­gia­ner – noch nicht so sehr Pela­gius selbst, der hier in einer deut­li­chen Unent­schie­den­heit steht – das Got­tes­ver­hält­nis aus­le­gen nach dem Pro­to­typ einer frei­en Part­ner­schaft, ver­steht Augu­stin die Gott-Mensch-Bezie­hung nach dem Para­dig­ma des Vater-(Klein-)Kindverhältnisses. So wie das Klein­kind sei­ne Frei­heit ganz und gar und in jedem Augen­blick einem ande­ren zu ver­dan­ken hat, ja wie es gera­de­zu ein Sym­bol ist für Ange­wie­sen­heit, Abhän­gig­keit und Ver­zicht auf jede Lei­stung, [bes­ser gesagt, ein vor­läu­fi­ger Ver­zicht auf man­che, aber immer grö­ßer wer­den­de Eigen­lei­stun­gen mit stei­gen­der Fre­quenz und Qua­li­tät?] so ist es auch mit dem Men­schen in sei­ner Bezie­hung zu Gott: Er kann nichts lei­sten, er hat aber auch nichts zu lei­sten [?]. Alles wird ihm geschenkt [?]. Sein Tun ist und bleibt rei­ne Rezep­ti­vi­tät und Abhän­gig­keit [?]. Nimmt man noch hin­zu, daß die­se Kin­des­be­zie­hung sich in der rei­nen Unmit­tel­bar­keit eines ‚Cor ad cor‘ voll­zieht, so ver­steht man, daß Augu­stin gegen­über der – fast möch­te man sagen – distan­zier­ten und blut­lee­ren [??] Fröm­mig­keit des Pela­gius dem hei­mat­los gewor­de­nen Men­schen der aus­ge­dehn­ten Anti­ke eine neue ‚Hei­mat‘ gege­ben hat [?]. Dies um so mehr, als das Abbild, der Ver­wirk­li­chungs­raum und die kon­kre­te Gestalt des inti­men des Vater-Kind-Ver­hält­nis­ses die Kir­che ist.“((Greshake 255.)) Mit Ver­laub sind die Fra­ge­zei­chen von mei­ner Wenig­keit.

Über­aus bezeich­nend ist Juli­ans Anti­the­se zu erwäh­nen, die von Gres­ha­ke als „berühmt-berüch­tigt“ gewür­digt wird. Juli­an ver­stand näm­lich den Men­schen als Homo eman­ci­pa­tus.((Ibi­dem 255.)) Das klingt ja fast hoff­nungs­voll modern! Was aber kei­nes­falls als Leug­nung der Gna­de, son­dern als die grund­le­gen­de Gna­de aller Gna­den und der mensch­li­chen Hand­lungs­fä­hig­keit über­haupt zu inter­pre­tie­ren wäre, die bereits mit der Schöp­fungs­tat Got­tes ver­lie­hen wur­de.

Wir ent­decken heu­te in der Tra­di­ti­on nicht nur eine Burg zum zim­per­li­chen Rück­zug aus dem Gefecht gegen exter­ne Angrei­fer, son­dern müs­sen auch unse­re inter­nen Schwä­chen durch­schau­en. Die Ver­däch­ti­gung der Sexua­li­tät als etwas, vor dem nur gewarnt wer­den kann, ohne die inni­ge Ver­ei­ni­gung der Lie­ben­den im Ehe­bund zu wür­di­gen, oder ledig­lich lust­los Kin­der zu zeu­gen als ein­zi­ge Funk­ti­on des Ehe­sa­kra­men­tes sind u. a. sol­che bedenk­li­che Schwach­punk­te, die dem über­ra­gen­den, histo­ri­schen Ein­fluß Augu­stins zuzu­schrei­ben sind. So hat sogar Joseph RATZINGER bedau­ert, daß Augu­stin die Mög­lich­kei­ten für eine Theo­lo­gie der Ehe als Eben­bild der Bun­des­lie­be und Bun­destreue Gottes((Ecclesiasticus 17,1–14: „Einen ewi­gen Bund hat er mit ihnen geschlos­sen…“)) unge­nutzt ließ: „Die Geschich­te der katho­li­schen Ehe­mo­ral erscheint uns heu­te als ein beson­ders tra­gi­sches und dunk­les Kapi­tel in der Geschich­te des christ­li­chen Denkens…“((Joseph Ratz­in­ger: Zur Theo­lo­gie der Ehe. In: H. Gree­ven u. a.: Theo­lo­gie der Ehe. 1969. S. 81–115. Augu­stin wird dabei mehr­fach des Dua­lis­mus gezie­hen! Zitiert nach Kon­rad Hil­pert: Augu­stin und die kirch­li­che Sexu­al­ethik.))

Gis­bert Gres­hakes genia­le Durch­leuch­tung des Pela­gius-Dra­mas mit dem Über­va­ter Augu­stin durch eine groß­ar­ti­ge Unter­su­chung der augu­s­ti­ni­schen Gna­den- und Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re, aber auch die Empö­rung gegen die grau­sa­men Kreu­zes- und Satis­fak­ti­ons­theo­lo­gien Luthers, Ansel­ms und ande­rer bie­tet auch in sprach­li­cher Hin­sicht Erstaun­li­ches. Alle Indo­eu­ro­pä­er: Grie­chen, Roma­nen, Ger­ma­nen, Sla­wen (mit Aus­nah­me der Angel­sach­sen, die knapp nach Augu­stins Zeit im V.–VI. Jahr­hun­dert nach Eng­land ein­wan­der­ten) ver­nied­li­chen ihre Spra­che mit gene­ri­schen Arti­keln als männ­lich-weib­lich und auch säch­lich. So kommt es dann zu hybri­di­sier­ten Kreu­zungs­pro­duk­ten, die dann die Gestalt des Vater-Kind-Ver­hält­nis­ses in einer Mut­ter-Kir­che wie­der­fin­den wol­len. In der ori­en­ta­lisch-magya­ri­schen Spra­che haben die Haupt­wör­ter kei­ner­lei gene­ri­sches Geschlecht: GOTT und die KIRCHE, der MOND (spa­nisch aber ver­kehrt la LUNA) und die SONNE (el SOL) sind weder männ­lich, weib­lich noch säch­lich und kön­nen daher kei­ne sexi­sti­schen Rol­len usur­pie­ren oder pater­na­li­sti­sche oder femi­ni­sti­sche Kom­ple­xe aus­lö­sen. Die Kir­che soll kein Make-up eines Müt­ter­chens tra­gen, son­dern tap­fe­re Kreuz­rit­ter her­vor­brin­gen. Sie darf sich auf kei­nen Fall ver­weib­li­chen unter der Lei­tung von Pfar­re­rin­nen, Bischö­fin­nen und Ver­schwe­ste­run­gen. Im Unga­ri­schen ist die Kir­che so geschlechts­los wie im Eng­li­schen the Church, und ety­mo­lo­gisch über­setzt trägt sie den glän­zen­den Namen „Hei­li­ges Wohn­haus“: Heim, Hei­mat (egy-ház) – also kei­ne Spur von einem nied­li­chen Müt­ter­chen mit Mut­ter­söhn­chen.

Beim spä­ten Augu­stin sind jedoch die ein­ge­fleisch­ten Vater-Mut­ter-Kom­ple­xe immer domi­nan­ter gewor­den. In sei­ner Ableh­nung der simp­len, mora­lisch neu­tra­len Kon­ku­pis­zenz klaf­fen tie­fen­psy­cho­lo­gi­sche Abgrün­de aus­ein­an­der. Die inni­gen Mut­ter­kom­ple­xe errei­chen nicht nur in der Puber­tät, son­dern auch in der zwei­ten Kind­heit sei­nes Alters eine inten­si­ve Aus­strah­lung. Der Vater war immer unbe­deu­tend für ihn, und die inni­ge Bezie­hung des hl. Augu­sti­nus zu sei­ner hl. Mut­ter Moni­ka ver­gol­de­te bis ins hohe Alter sein gan­zes Leben und Werk.

Einen ver­küm­mer­ten Rest-Manichäis­mus schrieb bereits Juli­an sei­nem altern­den Wider­part zu, da die­ser das Sinn­li­che der mensch­li­chen Natur ver­teu­fel­te. Wir haben wei­ter oben dar­auf hin­ge­wie­sen, daß er dabei immer wie­der ein wenig sei­ne unrühm­li­che Ver­gan­gen­heit has­sen muß­te. Sinn­lich­keit ist doch ledig­lich ein nor­ma­les Wün­schen, Begeh­ren, Ver­lan­gen, das ohne Dämo­nie, schlicht und ein­fach con-cup­is­ce­re heißt. Die latei­ni­sche Cupi­ditas als Lebens­lust, Lei­den­schaft, Begei­ste­rung (die wort­wört­li­che Glei­chung kann mit jedem guten Wör­ter­buch nach­ge­prüft wer­den), ja auch das kör­per­li­che Lie­bes­ver­lan­gen und jede Art von Ambi­ti­on sind gesun­de Regun­gen der mensch­li­chen Natur, die an sich nicht als Sün­de abge­lehnt wer­den dür­fen – wenn­gleich prio­ri­tä­re Grün­de des Beru­fes oder einer höhe­ren Beru­fung für ihre Ein­schrän­kung Anlaß geben kön­nen. Eine soli­tä­re Füh­rer­per­sön­lich­keit: Prie­ster, Arzt, Leh­rer, For­scher, Staats­mann, Künst­ler, ja sogar Spit­zen­sport­ler muß ent­halt­sa­mer leben als das Fuß­volk, da ihre extrem zeit­be­dürf­ti­ge, kon­zen­trier­te und lei­stungs­ori­en­tier­te Pro­duk­ti­vi­tät (Beru­fung, Wei­ter­bil­dung, Trai­ning) mit dem fami­liä­ren Klein­werk des All­tags und des Brot­ver­die­nens inkom­pa­ti­bel ist. Dafür wer­den sie auch nicht „bezahlt“, son­dern hono­riert.

Eros-Sex-Lie­be sind nicht das glei­che. Nicht jede Kupi­di­tät (Begier­de, Genuß, Befrie­di­gung, Wunsch­er­fül­lung) ist eine Lüstern­heit, wohl aber unter Zwang, Abhän­gig­keit, Erpres­sung, Aus­beu­tung defor­mie­ren sie die zwi­schen­mensch­li­chen Bezie­hun­gen immer. Sie kön­nen frei­lich zu aller­lei Hab­sucht, Genuß­sucht und sün­di­gem Geiz ent­ar­ten und man muß sie daher in Zucht neh­men, damit die „Cupi­ditas & Lae­ti­tia“ im gott­ge­woll­ten und gott­ge­weih­ten Rah­men ver­blei­ben. Aber die gol­de­ne Mit­te kann­te man bereits in der klas­si­schen Ethik & Päd­ago­gik hin­rei­chend. Um das zu wis­sen, braucht man noch kein Christ zu sein. Juli­ans christ­li­ches Sün­den­ver­ständ­nis hat hin­ge­gen eine völ­lig ande­re Dimen­si­on des frei­en Wil­lens, wozu das unver­nünf­ti­ge Tier nicht fähig ist. Die anti­ke Ethik kann­te wohl den Begriff des „Guten, Gerech­ten und Tugend­haf­ten“, auch wenn Augu­stin oder Luther das gern ver­wi­schen woll­ten. Aber weder Pla­ton, Ari­sto­te­les noch Cice­ro waren imstan­de „Sün­de, Fre­vel und Gemein­heit“ voll zu unter­schei­den, prä­zi­sie­ren und los­zu­wer­den. Nach Juli­an von Aecla­num kommt es also auf die vom wah­ren Gott gege­be­ne Frei­heit zum Guten an: Die Sün­de zuzu­las­sen, oder sich vom sünd­haf­ten Mög­lich­kei­ten (Ver­su­chun­gen) fern­zu­hal­ten, ist kein Zufall oder Erbe, son­dern ein bewuß­ter, vor­sätz­li­cher Akt, ein gro­ßer Ent­schluß in Frei­heit bei vol­lem Bewußt­sein, für des­sen Form und Inhalt kei­nes­falls das libe­ra­le, lose, auto­no­me Gewis­sen, son­dern allein das Evan­ge­li­um bür­gen kann:

SEID KEINE KINDER AN URTEILSKRAFT.
AN BOSHEIT SOLLT IHR UNMÜNDIGE SEIN.
AN URTEILSKRAFT ABER SEID REIFE MENSCHEN.((1. Korin­ther­brief 20.))

Die­se Wor­te rufen ganz schön pela­gisch nach dem Homo eman­ci­pa­tus des Juli­an! Lei­der hat Augu­stin die Pau­li­ni­schen Brie­fe nicht zu Ende gele­sen oder ganz ver­stan­den!

Im Wetterwinkel der Theologie:
Die Endentscheidungshypothese

Der hoch­an­ge­se­he­ne Theo­lo­ge Hans Urs von Bal­tha­sar nann­te ein­mal die Escha­to­lo­gie den „Wet­ter­win­kel der Theologie“((Hans Urs von Bal­tha­sar (1905–1988): Escha­to­lo­gie. In: Johan­nes Fei­ner (Hrsg): Fra­gen der Theo­lo­gie heu­te. 403–421 (1957) Wie­der­ab­druck: Umris­se der Escha­to­lo­gie. In: Ver­bum Caro. Skiz­zen zur Theo­lo­gie I. 267–300. (1960).)), woher jene Gewit­ter her­auf­stei­gen, wel­che die gan­ze Saat so vie­ler guter Vor­sät­ze und Vor­ar­bei­ten ver­ha­geln oder erfri­schen kön­nen. Anfang der 60er Jah­re, zu Zei­ten des Zwei­ten Vati­can­ums, blitz­te und don­ner­te auch das seit­her prak­tisch in Ver­ges­sen­heit gera­te­ne Werk eines unga­ri­schen Jesui­ten auf namens LÁSZLÓ BOROS: MYSTERIUM MORTIS. Der Mensch in der letz­ten Ent­schei­dung.((László Boros (1927–1981): Myste­ri­um mor­tis. Der Mensch in der letz­ten Ent­schei­dung. 1962, 19644. 7 ff.)) Boros hat­te einen leich­ten Sprach­feh­ler, er stot­ter­te ein wenig, wenn er aber als Schrift­stel­ler und Red­ner das Wort ergriff, war er elo­quent, groß­ar­tig und mit­rei­ßend. Ich habe ihn als Vor­tra­gen­den ein­mal in Wien erle­ben dür­fen. Die Ein­lei­tung sei­nes Werks beginnt mit einem Zitat:

„Sie ken­nen den Satz: ‚Neun Mona­te sind nötig, um einen Men­schen zu schaf­fen, aber ein ein­zi­ger Tag genügt, um ihn zu töten‘. Wir bei­de haben es zur Genü­ge erfah­ren. Doch hören Sie zu: nicht neun Mona­te, son­dern fünf­zig Jah­re sind erfor­der­lich, um einen Men­schen zu schaf­fen. Fünf­zig Jah­re an Opfern, an Wol­len, ach… an so vie­len Din­gen! Und wenn die­ser Mensch dann erschaf­fen ist, wenn nichts an Kind­lich­keit ihm mehr inne­wohnt, wenn er end­lich ein fer­ti­ger Mensch gewor­den ist, dann taugt er nur noch zum Sterben.“((André Mal­raux: La con­di­ti­on humain. 1933.))

Nach dem Apo­stel­wort stellt sich aber der Mensch im Tode an die Gren­ze allen Seins, plötz­lich erwa­chend, wis­send und befreit:

„Wir sehen näm­lich jetzt durch einen Spie­gel rät­sel­haft, dann aber von Ange­sicht zu Ange­sicht. Jetzt erken­ne ich stück­wei­se, dann aber wer­de ich ganz erken­nen, wie ich auch ganz erkannt wor­den bin.“((1. Korin­ther­brief 13,12.)) Somit war nicht ein­mal der hl. Pau­lus bis ins letz­te Detail gänz­lich (tota­li­tär) unfehl­bar. Auch er dach­te nur stück­wei­se.

So ste­hen wir dann in der letz­ten Arm­se­lig­keit des Todes, von allen irdi­schen Begrenzt­hei­ten end­lich abso­lut befreit, strah­lend dem Herrn gegen­über, um die Herr­lich­keit der Got­tes­eben­bild­lich­keit auf uns zu neh­men oder abzu­leh­nen. Ent­we­der las­sen wir in der letz­ten Ent­schei­dung den Strom der Wirk­lich­kei­ten an uns vor­bei­flie­ßen oder in die ewi­ge Voll­endung hin­ein­flie­ßen: Rati­fi­zie­ren oder rek­ti­fi­zie­ren! Das ist der Sinn der End­ent­schei­dungs­hy­po­the­se. Sie lau­tet:

„Im Tod eröff­net sich die Mög­lich­keit zum ersten vollper­so­na­len Akt des Men­schen; somit ist er der seins­mä­ßig bevor­zug­te Ort des Bewußt­wer­dens, der Frei­heit, der Gott­be­geg­nung und der Ent­schei­dung über das ewi­ge Schick­sal. Die­se Per­spek­ti­ve ver­wan­delt den ein­gangs zitier­ten Aus­druck der Sinn­lo­sig­keit in einen Zuspruch der Zuversicht.“((Boros 173.))

Das muß man sich ein­mal lang­sam Schritt für Schritt ver­in­ner­li­chen: Der Tod ist der Ort des tota­len Bewußt­wer­dens, der Frei­heit, der Gott­be­geg­nung und der Letz­ten Ent­schei­dung vor dem Gött­li­chen Gericht, von Ange­sicht zu Ange­sicht nach den pau­li­ni­schen Wor­ten. In die­ser ersten, voll­per­so­na­len Chri­stus­be­geg­nung, der sich nie­mand ent­zie­hen kann, steht uns allen – von den abge­trie­be­nen, unge­tauf­ten Babies ange­fan­gen bis zu den letz­ten Urwald­be­woh­nern und den größ­ten Kriegs­ver­bre­chern, Hei­li­gen und Unhei­li­gen –, frü­her oder spä­ter, jeden­falls „bald“ der Ernst­fall bevor! Unse­re Pro­be­zeit auf Erden ist nur ein flüch­ti­ges Prä­lu­di­um der Ewig­keit.

Damit ist jede nega­ti­ve Prä­de­sti­na­ti­ons­leh­re rest­los zer­schmet­tert. Damit wird aber auch die Apo­rie der schuld­los unge­tauf­ten Kin­der und Hei­den, gei­stig Behin­der­ten und aller­lei Unfall­op­fer hin­fäl­lig. Von Ange­sicht zu Ange­sicht dem Herrn gegen­über, in einem zeit­lo­sen Augen­blick, der zugleich Gericht, aber auch glück­li­che Heim­kehr ist, erlangt auch ein abge­trie­be­nes Kind sei­nen abso­lut frei­en, von allen Hin­der­nis­sen und Zufäl­len befrei­ten Geist, sei­ne voll­per­so­na­le Wür­de und die Wahl­frei­heit für die Ewig­keit. Vor allem der theo­lo­gi­sche Kunst­griff einer unsin­ni­gen, frei erfun­de­nen Lim­bus-Hypo­the­se, die immer wie­der kirch­lich dis­ku­tiert, aber dog­ma­tisch nie fest­ge­legt wor­den war, wird damit hin­fäl­lig wie eine Kar­ten­burg. Klein­gei­ster wer­den frei­lich ein­wen­den, wenn die unwi­der­ruf­li­che, prä­zi­se Ent­schei­dung über Gut und Böse „sooo…“ weit hin­aus­ge­scho­ben wer­den kann, dann kön­nen wir bis dahin hic et nunc schlau­er­wei­se schlem­men und schwel­gen, zechen und pras­sen, denn im letz­ten zeit­lo­sen Augen­blick gäbe es doch noch eine Nach­prü­fung vor dem end­gül­ti­gen Durch­fal­len…? Die Dra­ma­tik der Situa­ti­on kann jedoch nicht so ein­fach hin­ter­gan­gen wer­den. Unser Leben, Schei­tern und Sie­gen mit dem Herrn ist kein Als-ob-Lust­spiel der Löwin­ger-Büh­ne. Denn Gott läßt sich nicht frot­zeln. Wehe Luther, der Ihn fop­pen und necken woll­te, um fröh­lich wei­ter zu sün­di­gen, weil man „sowie­so“ nur ein fröh­li­cher Sün­der („Simul pec­ca­tor“) sein kann. In der Heils­öko­no­mie gibt es Hun­der­te von Mög­lich­kei­ten, um Frechd­ach­sen Mores zu leh­ren und gebüh­rend abzu­stra­fen.

Somit wage ich mei­ne Arbeits­hy­po­the­se zu unter­brei­ten: Boros’ End­ent­schei­dungs­hy­po­the­se ist die tief­sin­ni­ge Krö­nung und Reha­bi­li­tie­rung des Cha­ris­ma­ti­kers Pela­gius und sei­ner Weg­ge­fähr­ten Cae­le­s­ti­us und Juli­an. Auf die Appro­ba­ti­on von Papst Zosi­mos kön­nen wir mit Sicher­heit zäh­len! Wenn man Jahr­hun­der­te lang mit der kin­di­schen Lim­bus-Hypo­the­se Gedan­ken­spie­le betrie­ben hat, dann ist es in dürf­ti­gen Zei­ten wie heu­te ein Gebot der Stun­de, auf den Ernst­fall der End­ent­schei­dungs­hy­po­the­se mann­haft zuzu­steu­ern. Nach Pau­lus sind ja unse­re Wor­te wie durch einen Spie­gel rät­sel­haft, solan­ge sie nicht – von Ange­sicht zu Ange­sicht – durch Sein bezeugt sind.

Zusammenfassung

Die vor­lie­gen­de Arbeit ist zwar eine gewis­sen­haft recher­chier­te Stu­die, aller­dings ist zu befürch­ten, daß sie eine sehr kon­tro­ver­tier­te wer­den könn­te, wel­che dia­me­tral nicht nur dem aktu­el­len Kurs der Jesui­ten und des Jesui­ten­pap­stes, son­dern auch der Über­zeu­gung vie­ler kon­ser­va­ti­ver Theo­lo­gen ent­ge­gen­ge­setzt ist. Jeden­falls hat der Ver­fas­ser – der nur ein alter Laie, Land­wirt und Öko­nom, aber weder Phi­lo­soph noch Theo­lo­ge ist – alles unter­nom­men, daß sie nicht als Tra­di­ti­ons­bruch miß­ver­stan­den wer­den kann, son­dern die inne­re Schwä­che der über­lie­fer­ten Leh­re mit dem Sen­sus fidei  fide­li­um (Glau­bens­sinn der Gläu­bi­gen) wie­der auf­zu­rol­len, die von den Fach­theo­lo­gen bereits anno dazu­mal hät­te „brü­der­li­cher“ gelöst wer­den müs­sen:

  • DIE HISTORISCHE VERWICKLUNG, wor­um es geht, kann von Ber­go­glio über Jan­sen und Luther gerad­li­nig bis auf Augu­stin zurück­ge­spult wer­den. Das auto­ri­tä­re, eigen­sin­ni­ge, auch cho­le­ri­sche Cha­rak­ter­bil­der der Prot­ago­ni­sten bringt sie bei aller Ver­schie­den­heit der jewei­li­gen histo­ri­schen Situa­ti­on  bedau­er­li­cher­wei­se für einen gemein­sa­men Nen­ner des Schreckens.
  • AUGUSTINS AUSGANGSPOSITION ist eine halb-manichäi­sche Fehl­in­ter­pre­ta­ti­on der (posi­ti­ven) pau­li­ni­schen Prä­de­sti­na­ti­on. Wenn das Cor­pus Pau­li­num unver­kürzt gele­sen wird, kann es aber nur als eine Theo­lo­gie der gött­li­chen Lie­bes­ga­ben (Cha­ris­men) ver­stan­den wer­den, aus der nie­mand aus­ge­schlos­sen ist. Die augu­s­ti­ni­sche Kehrt­wen­de ver­lief sich dage­gen zuneh­mend im Treib­sand einer (nega­ti­ven) Prä­de­sti­na­ti­on, des­sen Spu­ren durch die medi­ä­va­len Erb­sün­den- und Satis­fak­ti­ons­theo­lo­gien bis auf den heu­ti­gen Tag über­lie­fert wor­den sind.
  • ES IST UNBESTREITBAR, daß der Augu­sti­ner­mönch Luther sei­ne schau­ri­gen Irr­leh­ren direkt aus augu­s­ti­ni­schen Quel­len schöpf­te und sei­ne unchrist­li­che (nega­ti­ve) Prä­de­sti­na­ti­on noch­mals auf die Spit­ze trieb. Fol­ge­rich­tig ist eine kri­ti­sche Ver­söh­nung der Posi­tio­nen nicht mög­lich, ohne eine zeit­ge­mä­ße Wür­di­gung des opti­mi­sti­schen Welt­bil­des des Pela­gius vor­zu­neh­men, der ihr gemein­sa­mer Gegen­spie­ler war.
  • OB DER FRAGMENTARISCHEN DOKUMENTATION ist aber das Nach­ju­stie­ren des längst ver­jähr­ten pela­gia­ni­schen Pro­zes­ses äußerst schwer zu bewäl­ti­gen. Das Über­den­ken der hoch­kom­ple­xen The­ma­tik ver­langt eine fun­dier­te theo­lo­gi­sche For­schung zahl­rei­cher Fach­leu­te, denn das sit­ten­stren­ge pela­gia­ni­sche Schrift­tum dürf­te eher in der tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Ortho­do­xie des OSTENS und OSTERNS, aber kei­nes­falls in einem mora­lisch lei­stungs­frei­en, anspruchs­lo­sen Barm­her­zig­keits­kul­tus ver­wur­zelt sein, durch den alle Miß­stän­de par­do­ni­ert wer­den sol­len.
  • PELAGIUS WÜRDE HEUTE von den viel­be­sun­ge­nen, fälsch­li­cher­wei­se „mün­dig“ ein­ge­schätz­ten Katho­li­ken viel mehr objek­ti­ves Wis­sen, Prin­zi­pi­en und Hal­tung ein­for­dern, anstatt alle Kon­flikt­stof­fe des Lebens zer­stückelt Ein­zel­fäl­len ihres unzu­rei­chen­den Gewis­sens anheim­zu­stel­len.
  • DAS PELAGISCHE BEHARREN auf der Frei­heit wäre somit kein Schie­len auf einen ent­hemm­ten „Libe­ra­lis­mus“, aber auch kein Kom­plex einer bedrücken­den, nega­ti­ven Vor­stel­lung in Bezug auf uns selbst, son­dern ein fei­er­li­ches Ergrif­fen­sein von der eben­bild­li­chen Men­schen­wür­de, die vom Schöp­fer­gott von allem Anfang an in der Natur eines jeden Neu­ge­bo­re­nen grund­ge­legt wor­den ist:

Gewiß, zur Frei­heit seid ihr beru­fen, Brü­der!
Denn das Grund­ge­setz ist in dem einen Wort erfüllt, näm­lich:
Du sollst dei­nen Näch­sten lie­ben
wie dich selbst.

(Gala­ter­brief 5,13–14)

*Zuletzt von Prof. Dr. End­re A. Bár­d­os­sy auf die­ser Sei­te ver­öf­fent­lich­te Auf­sät­ze:

Bild: Wiki­com­mons

5 Kommentare

  1. Ein sehr guter, viel­schich­ti­ger Arti­kel, aus dem man viel ler­nen kann. Die hier auf­ge­wor­fe­nen Pro­ble­me schei­nen mir indes mit der gegen­wär­ti­gen Amts­füh­rung Ber­go­gli­os und den dar­aus ent­stan­de­nen Fol­gen nur wenig zu tun zu haben. Ber­go­gli­os mit dem HL Augu­stin zu ver­glei­chen, und sei es nur in einem gewis­sen Punk­te, in einer gewis­sen Hin­sicht, erscheint für Erst­ge­nann­ten unan­ge­mes­sen schmei­chel­haft.
    Ob Ber­go­glio wirk­lich von Volks­fröm­mig­keit, und sei es bloß in Ozea­ni­en träumt? Ich den­ke, sei­ne Träu­me lie­gen in einem eher dif­fu­sen Bereich, in wel­chem es weder Volk noch tra­di­tio­nel­le Fröm­mig­keit gibt, ein­fach, „wo sich alle Men­schen gut ver­ste­hen“ und nicht mehr über so unwich­ti­ge Din­ge wie theo­lo­gi­sche Details strei­ten.
    Das Wort (egal ob Vor­wurf oder obj. Bezeich­nung) „Pela­gia­nis­mus“ passt nicht so recht in die heu­ti­gen typi­schen Front­stel­lun­gen (wie auch obi­ger Arti­kel quer durch den Gemü­se­gar­ten Freund und Feind fin­den dürf­te).
    Ich kann mich des Ein­drucks nicht ver­weh­ren, dass Rat­ka­js Forums-Kom­men­tar aus 2015 voll und ganz zutrifft:
    „Pela­gia­nis­mus“ ist eines der Fremd­wor­te, wel­che der unge­bil­de­te Ber­go­glio irgend­wann ein­mal gehört. sich gemerkt hat und daher sehr oft benützt. Daher mei­ne ich, dass es nutz­los ist, Ber­go­glio zu einem neu­en Anti-Pela­gia­ni­sten sti­li­sie­ren zu wol­len — die­se Debat­te steht ein­fach zu hoch für des­sen Theo­lo­gie.
    Jeden­falls dan­ke für vie­le Erkennt­nis­se und Anre­gun­gen.

  2. Im Gro­ßen und Gan­zen sehe ich das durch­aus ähn­lich wie Franz Lech­ner, möch­te aber noch auf eine Kom­po­nen­te hin­wei­sen:

    Wie vom Autor ja bereits vor­her­ge­se­hen wer­den Ein­wän­de erfol­gen, und so zie­he ich mir die Schu­he eines „Klein­gei­stes“ an.

    Die Kir­che lehrt, dass die See­le sofort nach dem Tod an den Ort ihrer Bestim­mung gelangt. In der Offen­ba­rung heißt es, „Aber nichts Unrei­nes wird hin­ein­kom­men, kei­ner, der Gräu­el ver­übt und lügt.“

    Und ja, spä­te­stens Bene­dikt XVI. hat sich gegen den Lim­bus Puer­orum aus­ge­spro­chen. Den­noch glau­be ich aus eige­ner Erfah­rung fest dar­an, nach­dem mei­ne Frau in Depres­sio­nen nach vier Abgän­gen wun­der­ba­re Hil­fe erfah­ren hat, als wir uns für unse­re Unge­bo­re­nen stell­ver­tre­tend tau­fen lie­ßen.

    1 Kor 15,29 hat sich für uns jeden­falls als glaub­wür­dig erwie­sen: „Was tun aber dann die, die sich für die Toten tau­fen las­sen? Wenn die Toten nicht auf­er­weckt wer­den, war­um las­sen sie sich dann noch für sie tau­fen?“

  3. Wenn Pela­gius, wie im Arti­kel beschrie­ben, das Gebet des hei­li­gen Augu­sti­nus: „Gib, was Du befiehlst, und befiehl, was Du willst“ als schwäch­lich ver­däch­tigt, ist es da ver­wun­der­lich, dass die Kir­che ihm ent­ge­gen­tre­ten muss­te, weil damit in letz­ter Kon­se­quenz jedes Gebet, aber auch die Gna­de und Erlö­sung durch Jesus Chri­stus sowie die Erlö­sungs­be­dürf­tig­keit des Men­schen über­haupt in Fra­ge gestellt, letzt­lich sogar der Grund­stein zur Abwen­dung von Gott über­haupt gelegt wird?
    Es ist also nicht Augu­sti­nus der Vater des Moder­nis­mus, wie hier unter­stellt wird, son­dern jener pela­gia­ni­sche Geist des „Sel­ber-Machen-Wol­lens“, der auch die Zeit nach dem Kon­zil geprägt hat und der die Kir­che heu­te bedroht!
    Die Kir­che hat immer den frei­en Wil­len und die Not­wen­dig­keit der guten Tat betont, aller­dings immer mit der Gna­de Got­tes. Hier ist Pela­gius ein­sei­tig und des­halb von der Kir­che ver­ur­teilt!
    Der Ver­fas­ser will viel­leicht einem fal­schen cal­vi­ni­schen „Vor­be­stim­mungs­glau­ben“ ent­ge­gen­tre­ten, von dem vie­le Chri­sten nicht nur in Ungarn geprägt sind (auch Orban ist ja Cal­vi­ner), eben­so einer fal­schen „Heils­ge­wiss­heit“, wel­che Pro­te­stan­ten und Moder­ni­sten ger­ne ver­tre­ten.
    Er ver­zerrt und miss­deu­tet dabei aber den katho­li­schen Glau­ben, der auch vom hei­li­gen Augu­sti­nus ver­tei­digt wur­de. Man muss bei ihm aller­dings auch die Abwehr­hal­tung gegen die pela­gia­ni­sche Ver­fäl­schung berück­sich­ti­gen, will man sei­ne Aus­sa­gen gut und rich­tig ver­ste­hen.
    Was die Kir­che und auch der hei­li­ge Augu­sti­nus ent­schie­den ver­tei­digt haben, war die Bedeu­tung des Wor­tes Chri­sti: „Ohne mich könnt ihr nichts tun!“ (Joh.15,6), wel­che durch Pela­gius in Gefahr gebracht wur­de und der damit die Grund­la­ge wah­ren Chri­sten­tums, ja einer wirk­lich ethi­schen Grund­hal­tung (fern von mensch­li­chem Hochmut)bedrohte.
    Doch es ist völ­lig unbe­rech­tigt, so zu tun, als hät­te die hei­li­ge Kir­che je eine „nega­ti­ve Prä­de­stia­ti­on (Vor­her­be­stim­mung)“ zur Ver­damm­nis gelehrt oder die Frei­heit des Wil­lens und die Bedeu­tung der frei­en Ent­schei­dung des Men­schen bis zu sei­nem letz­ten Atem­zug geleug­net!
    Man fragt sich, war­um die pela­gia­ni­sche Ein­sei­tig­keit hier auf „katholisches.info“ ver­öf­fent­licht und ver­tei­digt wird. Das scha­det letzt­lich nur dem wirk­li­chen Kampf gegen den Moder­nis­mus! Der Ver­fas­ser betont zwar, dass er kein Theo­lo­ge sei, aber um die theo­lo­gi­sche Einseitigkeit/Fehlerhaftigkeit sei­ner Dar­le­gung scheint er doch zu wis­sen, wie er andeu­tet.
    Bestimm­te Über­lie­fe­run­gen des Alten Testa­ments ein­fach nur als „Anek­do­ten“ zu bezeich­nen oder Aus­füh­run­gen des Hei­li­gen Pau­lus nur als Über­bleib­sel von fal­scher jüdi­scher Aus­bil­dung zu erklä­ren, ist zwar ein­fach, aber zeugt auch nicht von einer wirk­li­chen Bemü­hung um ein ange­mes­se­nes Ver­ständ­nis der Aus­sa­gen, so wie sie christ­lich im Neu­en Testa­ment dar­ge­legt und gemeint sind.
    Auch das Triden­ti­ni­sche Kon­zil greift übri­gens in dem (auch im Arti­kel wie­der­ge­ge­be­nen!) 1. Kapi­tel des „Dekrets über die Recht­fer­ti­gung“ die Gedan­ken des hei­li­gen Augu­sti­nus auf, indem es betont, dass „alle Men­schen“ in der Über­tre­tung Adams die Unschuld ver­lo­ren haben, also in einen Zustand der Gott­fer­ne gera­ten sind, aus dem sie weder durch die eige­ne Bemü­hung noch durch das Gesetz, son­dern nur durch die Gna­de Got­tes in Jesus Chri­stus wie­der befreit wer­den konn­ten!
    Die Leh­ren Luthers oder Cal­vins wur­den von der Kir­che ver­ur­teilt, weil sie sich eben nicht in der wah­ren Tra­di­ti­on der Aus­sa­ge­en des hei­li­gen Augu­stins befan­den! Nicht Augu­sti­nus, son­dern allen­falls die Irr­leh­ren von Luther und Cal­vin haben den Moder­nis­mus vor­be­rei­tet, der wie sie die Mög­lich­keit einer wirk­li­chen und wahr­haf­ten Ver­bin­dung der mensch­li­chen Ver­nunft mit Gott leug­net!
    Jedoch auch der Pela­gia­nis­mus als Ver­nei­nung der Not­wen­dig­keit der Gna­de ist eine Vor­stu­fe zum Moder­nis­mus und zum tita­nen­haf­ten Hoch­mut der Men­schen spä­te­rer Zei­ten!
    Der Arti­kel ver­herr­licht lei­der ein­sei­tig die pela­gia­ni­sche Über­schät­zung der Mög­lich­keit des Men­schen ohne die Hil­fe der Gna­de. Wer wirk­lich als Christ han­deln und für das Gute ein­zu­tre­ten beginnt, merkt sehr schnell, wie sehr er dazu auf die Gna­de Got­tes ange­wie­sen ist und wie sehr es stimmt, dass wir auch dar­um bit­ten sol­len, was ja auch die ent­schei­den­de Grund­la­ge von Fröm­mig­keit und wah­rer Got­tes­ver­bin­dung oder ‑ver­eh­rung dar­stellt!
    Wie die Kir­che auch in die­sen Pfingst­ta­gen betet: Komm, o Geist der Hei­lig­keit … ohne Dein bele­bend Weh’n, nicht im Men­schen kann bestehn, nichts ohn Fehl und Makel sein! — Das ist es, was der Arti­kel in der Ver­herr­li­chung von Pela­gius zu wenig bedacht hat! Lei­der!

  4. Im 16.Jahrhundert war das Ver­hält­nis zwi­schen dem frei­en Wil­len des Men­schen und der gött­li­chen Gna­de ein heiss umstrit­te­nes The­ma der katho­li­schen Theo­lo­gie gewe­sen, das zum offe­nen Kon­flikt zwi­schen Domi­ni­ka­nern und Jesui­ten führ­te.
    Für die Römi­sche Inqui­si­ti­on bestand damals das Pro­blem dar­in, wie weit reicht eigent­lich die Auto­ri­tät eines Kir­chen­leh­rers, wenn sei­ne Auf­fas­sun­gen im Lau­fe der Zeit miss­ver­stan­den wer­den kön­nen, so dass sie die Leh­re der Kir­che bedro­hen. Das war die Fra­ge, nach­dem der katho­li­sche Bischof Cor­ne­li­us Jan­sen (1585–1638) im Jah­re 1640 ein Buch ver­öf­fent­lich­te, in dem er eine Syn­the­se des augu­s­ti­ni­schen Den­kens voll­zog.
    Urban VIII. ver­warf das gan­ze Buch, wäh­rend Inno­zenz X. nur fünf dar­in ent­hal­te­ne The­sen ver­damm­te. Für Jan­sen und sei­ne Anhän­ger stell­te sein Buch nichts ande­res dar als die Kom­pi­la­ti­on von Pri­mär­tex­ten aus dem Wer­ke des Hei­li­gen. „Wer die­ses Buch ver­dammt, ver­dammt Augu­sti­nus selbst“. Das war ihre Auf­fas­sung.
    Selbst der füh­ren­de Inqui­si­tor von damals Kar­di­nal Fran­ces­co Albi­z­zi (1593–1684) sag­te, die Papst­bul­le gegen die Jan­se­ni­sten habe zwar die Leh­re des Hei­li­gen nicht ver­dammt, aber ehe man die Abtrün­ni­gen auf ihrem fal­schen Wege fort­fah­ren lie­sse, „wäre es bes­ser… Augu­sti­nus zu ver­bie­ten“.

    Die Ursa­chen für Augu­stins Auf­fasun­gen, die zu Irr­tüm­mern führ­ten, oder zumin­dest Anlass zu Fehl­deu­tun­gen waren, lagen mei­ner Ansicht nach in sei­nen unge­lö­sten psy­chi­schen Pro­ble­men: Sei­ne „Ver­klam­me­rung“ an die über­mäch­ti­ge Mut­ter, sei­ne nie voll­stän­dig voll­zo­ge­ne Befrei­ung aus dem Manichäis­mus, sene mas­si­ve Pro­ble­ma­tik mit der eige­nen Sexua­li­tät und mit allem was damit zusam­men­hängt.…

    Pola­gius sprach mehr sol­che Men­schen an, die aus­ge­gli­chen waren,die inne­re Ruhe besa­ssen und los­las­sen konn­ten. Sie sind damit auch näher beim gött­li­chen Sein.
    So sagt Tho­mas von Aquin, dass „je näher eine Natur bei Gott ist, desto weni­ger wird sie von ihm gelenkt und desto mehr ist sie dazu gebo­ren, sich selbst zu len­ken“ (Ver.22,4: „quan­to ali­gua natu­ra Deo vici­ni­or, tan­to minus ab eo incli­na­tur et magis nata est sei­p­sam incli­na­re“; zitiert nach Ste­fan Oster, Mit-Mensch-Sein, 400). Das stimmt nicht nur für die mensch­li­che Natur im All­ge­mei­nen…, son­dern auch für das Wag­nis des je eige­nen Frei­heits­voll­zugs, schreibt wei­ter Ste­fan Oster.

  5. Der Arti­kel von Prof. Bár­d­os­sy hat mich ziem­lich stark erschüt­tert – die klu­gen, sach­ge­mä­ßen Kom­men­ta­re haben mir viel gehol­fen. Der­je­ni­ge, der die Wahr­heit, die Wirk­lich­keit nicht wahr­ha­ben will, erfin­det die ver­rück­te­sten Ideen.
    Ich glau­be trotz­dem, dass Prof. Bár­d­os­sy Recht hat, als er die Rhe­to­rik (die Berühmt­heit, die Bekannt­heit) von Augu­stin mit den heu­ti­gen Fern­seh­ka­me­ras ver­gleicht. Augu­stin war in sei­nem gan­zen Leben lang von einer Grup­pe ihm kri­tik­los erge­be­nen Bewun­de­rern und Wohl­tä­ter umge­ben, genau­so wie spä­ter Luther. Alles was er sag­te oder schrieb, wur­de fest­ge­hal­ten und der Nach­welt wei­ter­ge­ge­ben, wäh­rend die Schrif­ten, Aus­sa­gen von sei­nen Geg­nern groß­teils ver­lo­ren gin­gen (wie die von Pela­gius). Aber nicht nur von denen, son­dern auch von so gro­ßen Den­ker und Kir­chen­leh­rer, wie z. B. der Hl. Ire­nä­us. Seit Augu­stin galt in dem täg­li­chen Leben der Kir­che, der Chri­sten fast nur das, was er ein­mal sag­te, selbst dann, wenn die offi­zi­el­le Lehr­amt, oder ande­re gro­ße Den­ker, wie z. B. der Hl. Tho­mas von Aquin sei­ne Aus­sa­gen kri­ti­sier­ten. Er war und blieb bis zur heu­ti­gen Zeit „der Star­theo­lo­ge“. Nach Augu­stin gab es (fast) kein Häre­ti­ker, der sich nicht auf ihn berief. Sie­he das Kom­ment von Anto Križić: „Selbst der füh­ren­de Inqui­si­tor von damals Kar­di­nal Fran­ces­co Albi­z­zi (1593–1684) sag­te, die Papst­bul­le gegen die Jan­se­ni­sten habe zwar die Leh­re des Hei­li­gen nicht ver­dammt, aber ehe man die Abtrün­ni­gen auf ihrem fal­schen Wege fort­fah­ren lie­sse, „wäre es bes­ser… Augu­sti­nus zu ver­bie­ten“.

    Ich glau­be des­halb, dass die Fest­stel­lung von Prof. Bár­d­os­sy: „Die histo­ri­sche Ver­wick­lung [d. h. die Fehl­ent­wick­lung in den Leben, in der Men­ta­li­tät der Chri­sten], wor­um es geht, kann von Ber­go­glio über Jan­sen und Luther gerad­li­nig bis auf Augu­stin zurück­ge­spult wer­den“, lei­der tref­fend und rich­tig ist.

    Ich bin eine Unga­rin, so wie der Autor des Arti­kels. Ich bin, wie er, auch sehr stolz auf Ungarn, auf die unga­ri­sche Spra­che. Der Autor aber kennt und schätzt die Lage in Ungarn ziem­lich falsch ein. Zum Bei­spiel: Es stimmt zwar, dass „in der unga­ri­schen Spra­che die Haupt­wör­ter kei­ner­lei gene­ri­sches Geschlecht haben“, aber dafür nen­nen die Ungarn, und ich glau­be nur sie, die Kir­che „Anyaszen­te­gy­ház“, das wört­lich über­setzt das bedeu­tet: Anya=Mutter — heilig=szent — Kirche=Egyház. Also die Kir­che bedeu­tet auch in Ungarn etwas müt­ter­li­ches Heim, wie der Autor es aus­drückt: ein „nied­li­ches Müt­ter­chen mit Mut­ter­söhn­chen“. Die Kir­che, d. h. „Egy­ház“, bedeu­tet nicht, wie der Autor schreibt: „Hei­li­ges Wohn­haus: Heim, Hei­mat“, son­dern „egy­ház“, wört­lich über­setzt: „Ein Haus“ (weist wahr­schein­lich auf die Ein­heit der Chri­sten, was Chri­stus von den Sei­nen ver­lang­te).

    Mit der letz­ten Wahl in Ungarn und mit dem unga­ri­schen Pre­mier schaut nicht anders aus: Sei­ne Beschrei­bung: „…erge­ben die poli­ti­schen Wah­len uner­hör­te Erfol­ge bei 70% Wahl­be­tei­li­gung … Im Sie­ges­tau­mel schloß Mini­ster­prä­si­dent Vik­tor Orbán sei­ne Dan­kes­re­de mit einer ver­wun­der­li­chen For­mel, die im Westen nicht mehr ver­stan­den wird: Soli deo Glorai! Drü­ben wur­de sie mit Zwei­drit­tel­mehr­heit applau­diert.“

    Das sind alles Halb­wahr­hei­ten, d. h. Lügen: Von den wahl­be­rech­tig­ten Ungarn gin­gen maxi­mal 62 % zur Wahl, also etwa 5,2 Mil­lio­nen, und davon wur­de er mit 2,7 Mil­lio­nen gewählt. Die Zwei­drit­tel­mehr­heit ver­dankt der Pre­mier nur die sehr komi­schen unga­ri­schen, von ihm vor­her ein­ge­führ­ten Wahl­rech­nun­gen, die in der Welt ein­ma­lig sind. Es stimmt vor­ne und hin­ten nicht, dass zu sei­nem Sieg die „Zwei­drit­tel­mehr­heit von Ungarn applau­diert“ hat. (Nur neben­bei: Er ist Kal­vi­nist, und benutz­te bei sei­nem Sieg in einem ehe­ma­li­gen katho­li­schen Land, das der Mut­ter­got­tes geweiht ist, einen aus­ge­spro­chen pro­te­stan­ti­schen Aus­druck, was er von sei­nem kal­vi­ni­sti­schen Mini­ster über­nom­men hat.)

    Lei­der ist die Ein­schät­zung des Autors, was Kar­di­nal Józ­sef Mindszen­ty betrifft, wahr­schein­lich auch falsch: er war zwar ein har­ter Geg­ner des Kom­mu­nis­mus, aber dafür ein aus­drück­li­cher Befür­wor­ter der Refor­men des II. Vati­ka­nums.
    Ich ken­ne das erwähn­te Buch von dem unga­ri­schen Jesui­ten László Boros zwar nicht, aber was Prof. Bár­d­os­sy von ihm zitiert, klingt sehr nach einer Irr­leh­re: „Im Tod eröff­net sich die Mög­lich­keit zum ersten voll­per­so­na­len Akt des Men­schen; somit ist er der seins­mä­ßig bevor­zug­te Ort des Bewußt­wer­dens, der Frei­heit, der Gott­be­geg­nung und der Ent­schei­dung über das ewi­ge Schick­sal. Die­se Per­spek­ti­ve ver­wan­delt den ein­gangs zitier­ten Aus­druck der Sinn­lo­sig­keit in einen Zuspruch der Zuver­sicht.“ Und wei­ter: „Der Tod ist der Ort des tota­len Bewußt­wer­dens, der Frei­heit, der Gott­be­geg­nung und der Letz­ten Ent­schei­dung vor dem Gött­li­chen Gericht, von Ange­sicht zu Ange­sicht.“

    Selbst wenn der Autor und der Jesu­it Boros in sei­nen Sät­zen an der letz­ten Augen­blick vor dem Tod den­ken, stim­men die­se Aus­sa­gen nicht, oder nur sehr-sehr sel­ten. Die katho­li­sche Leh­re sagt näm­lich, daß der Mensch so stirbt wie er gelebt hat, und nur ein einem sehr win­zi­gem Pro­zent kommt es vor, daß jemand sich in dem letz­ten Augen­blick vor sei­nem Tod bekehrt. Aber wenn die Autoren wirk­lich schon den Tod selbst mei­nen, dann ist das eine Häre­sie: Der Mensch bleibt für immer in der Auf­fas­sung, in dem er sich in dem Augen­blick sei­nes Todes befand.

    Aber das ist nicht der ein­zi­ge gefähr­li­che offe­ne Häre­sie in die­sem Arti­kel: Das Leug­nen der Erb­sün­de ist sicher das schlimm­ste von denen.

    Ich habe die­se Ein­zel­hei­ten von den unga­ri­schen Bemer­kun­gen des Autors des­we­gen so aus­führ­lich behan­delt, weil die zei­gen deut­lich wie er mit Wahr­hei­ten umgeht, in die­sem Fall, mit den katho­li­schen Wahr­hei­ten.

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