Julia Kristeva und ihre Vergangenheit

François Hollande nimmt Julia Kristeva als Kommandeur in die Ehrenlegion auf (2015).
François Hollande nimmt Julia Kristeva als Kommandeur in die Ehrenlegion auf (2015).

(Paris) Am 18. Febru­ar 2015 mach­te Frank­reichs dama­li­ger Staats­prä­si­dent, der Sozia­list Fran­çois Hol­lan­de, Julia Kri­ste­va zum Kom­man­deur der Ehren­le­gi­on, der höch­sten Rang­klas­se des Ord­re natio­nal de la Légi­on d’honneur. Der höch­ste zivi­le Ver­dienst­or­den Frank­reichs wur­de 1802 von Napo­le­on Bona­par­te gestif­tet.

Militante Feministin

Geehrt wur­de Kri­ste­va, die Ehe­frau des Roman­ciers Phil­ip­pe Sollers, wegen ihres Renom­mees als Sprach­wis­sen­schaft­le­rin, Psy­cho­lo­gin, Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin und Autorin. Die deut­sche Wiki­pe­dia-Aus­ga­be nennt sie „fran­zö­si­sche Lite­ra­tur­theo­re­ti­ke­rin, Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin, Schrift­stel­le­rin und Phi­lo­so­phin“. Das klingt alles zu neu­tral, um ver­ständ­lich zu machen, war­um die Wahl auf sie fiel: Kri­ste­va ist auch mili­tan­te Femi­ni­stin und über­zeug­te Lin­ke.

Julia Kristeva
Julia Kri­ste­va

Zum 100. Geburts­tag von Simo­ne de Beau­voir rief sie einen nach der fran­zö­si­schen Athe­istin, Frau­en- und Kin­der­fein­din benann­ten Preis „für die Frei­heit der Frau­en“ in der Welt ins Leben. Simo­ne de Beau­voir gilt als „Mut­ter der Abtrei­bung“. In ihrem Buch „Das ande­re Geschlecht“ (1949), das in Links­krei­sen nach wie vor als Klas­si­ker genannt wird, bezeich­ne­te sie Schwan­ger­schaft als eine „Ver­stüm­me­lung“ der Frau und ein unge­bo­re­nes Kind als einen „Para­si­ten“, der nur ein Klum­pen Fleisch sei, den man wie einen unnüt­zen Blind­darm ent­fer­nen kön­ne. Sie selbst ließ zwei­mal ihr Kind im Mut­ter­leib töten. Simo­ne de Beau­voir ver­kör­pert emble­ma­tisch die zer­stö­re­ri­sche und töd­li­che Kom­bi­na­ti­on von Frau und Femi­nis­mus, die zur För­de­rung von Homo­se­xua­li­tät und Abtrei­bung führt.

Auch in Kri­stevas Tex­ten fin­den sich häu­fi­ge Hin­wei­se auf weib­li­che Homo­se­xua­li­tät. Am 7. März 2014 schrieb sie in einer Kolum­ne von L’Hu­ma­ni­té:

„Frau­en wol­len alles: Abtrei­bung und Mut­ter­schaft. […] Indem wir unse­ren Kampf fort­set­zen, daß Abtrei­bung nicht zur Befrei­ung aus einer Not­si­tua­ti­on, son­dern ein Recht jeder Frau auf Frei­heit ist, über ihren Kör­per zu ver­fü­gen, wis­sen wir, daß die­ses Recht untrenn­bar mit der Wahl und der Erfah­rung der Mut­ter­schaft ver­bun­den ist. […] Was aber ist eine Mut­ter?“

L’Hu­ma­ni­té war bis 1994 offi­zi­el­les Par­tei­or­gan der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Frank­reichs, die noch heu­te der größ­te und ton­an­ge­ben­de Anteils­eig­ner der Tages­zei­tung ist.

Die Kla­via­tur des lin­ken Kul­turesta­b­lish­ments beherrscht Kri­ste­va zur Per­fek­ti­on. 2014 ließ sie sich als „über­zeug­te Euro­päe­rin“ fei­ern, was in Wirk­lich­keit meint, daß sie eine über­zeug­te Anhän­ge­rin der 2009 mit dem Ver­trag von Lis­sa­bon geschaf­fe­nen EU und ihrer „Wer­te“ ist.

Agentin des kommunistischen Geheimdienstes

Wie nun bekannt wur­de, war sie noch etwas, näm­lich Mit­ar­bei­te­rin des Geheim­dien­stes des kom­mu­ni­sti­schen Regimes von Bul­ga­ri­en. Dies geht aus jüngst ent­deck­ten, bul­ga­ri­schen Doku­men­ten her­vor. Rekru­tiert wur­de sie von der Dar­schaw­na Sigur­nost (DS), und das offen­bar schon in der zwei­ten Hälf­te der 60er Jah­re. So hieß der 1944 nach dem Vor­bild des sowje­ti­schen KGB auf­ge­bau­te bul­ga­ri­sche Geheim­dienst, der dort Komi­tee für Staats­si­cher­heit genannt wur­de, kurz Staats­si­cher­heit. Die Staats­si­cher­heit war bis 1989 sowohl im Aus­land als auch als Geheim­po­li­zei im Inland tätig.

Bulgarische Staatssicherheit
Bul­ga­ri­sche Staats­si­cher­heit

Der bul­ga­ri­sche Geheim­dienst war auf Anwei­sung der Sowjet­uni­on der Haupt­auf­trag­ge­ber von Meh­met Ali Agca, der 1981 das Atten­tat auf Papst Johan­nes Paul II. ver­üb­te.

1944 errich­te­ten die Kom­mu­ni­sten nach ihrer Macht­über­nah­me auf Anwei­sung des Polit­bü­ros der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei Bul­ga­ri­ens auf der Donau­in­sel Bele­ne ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger zur Inter­nie­rung von poli­ti­schen Geg­nern, die „Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­re“ genannt wur­den. Betrie­ben wur­de das „Arbeits­la­ger“ von der Staats­si­cher­heit. Offi­zi­ell wur­de das Lager 1962 auf­ge­löst. In Wirk­lich­keit exi­stier­te es bis zum Sturz der kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tur 1989. Der Besuch auf der Insel ist auch heu­te ohne Erlaub­nis unter­sagt, da sich dort nach wie vor ein Gefäng­nis befin­det, das bereits vor 1989 par­al­lel zum Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger betrie­ben wur­de.

Im Zuge der Auf­nah­me in die Euro­päi­sche Uni­on wur­de 2007 eine Auf­ar­bei­tung der Akti­vi­tä­ten der Staats­si­cher­heit gefor­dert. Einer sol­chen wider­setz­te sich weit­ge­hend erfolg­reich die Bul­ga­ri­sche Sozia­li­sti­sche Par­tei (BSP). So nennt sich seit 1990 die Bul­ga­ri­sche Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei und spielt wei­ter­hin eine ein­fluß­rei­che Rol­le im Land. Von 1994–1997, von 2005–2009 und 2013/2014 stell­te sie den Mini­ster­prä­si­den­ten. Heu­te hält sie ein Vier­tel der Par­la­ments­sit­ze und ist mit SPD und SPÖ Mit­glied der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Par­tei Euro­pas, in der die Schwei­zer SP asso­zi­ier­tes Mit­glied ist. Ihre Euro­paman­da­ta­re gehö­ren der Sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Frak­ti­on an. So ein­fach funk­tio­nier­te das Ende des Ost­blocks und die „Trans­for­ma­ti­on“ auf der poli­ti­schen Lin­ken. Geor­gi Par­wanow, von 2002 bis 2012 Bul­ga­ri­ens Staats­prä­si­dent, von 1996 bis 2001 Vor­sit­zen­der der BSP, war in der Zeit der kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tur selbst Mit­ar­bei­ter der Staats­si­cher­heit. Was für Par­wanow gilt, gilt auch für ande­re füh­ren­de BSP-Ver­tre­ter und erklärt, wes­halb die Auf­ar­bei­tung der kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tur und ihrer Ver­bre­chen immer wie­der behin­dert wur­de.

Kristeva konnte in Maos Kulturrevolution „keine Gewalt“ erkennen

Für Kri­ste­va war die Erste Haupt­ver­wal­tung (Aus­land) zustän­dig. Geführt wur­de sie laut Unter­la­gen als „Agen­tin“ und „gehei­me Mit­ar­bei­te­rin“. In den 60er Jah­ren gelang­te sie mit einem Pro­mo­ti­ons­sti­pen­di­um nach Frank­reich, wo sie sich im lin­ken Milieu schnell zu bewe­gen wuß­te.

Julia KristevaEs wird noch zu klä­ren sein, ob die­se „Aus­rei­se­er­laub­nis“ viel­leicht in Wirk­lich­keit das Ein­schleu­sen einer DS-Agen­tin nach Frank­reich war.

1973 erhielt sie einen Lehr­stuhl für Lin­gu­istik. Ihr oblag, laut „Sabina“-Akten, unter ande­rem die Beob­ach­tung von Trotz­ki­sten und Mao­isten. 1974 nahm sie zusam­men mit ihrem Ehe­mann, ihrem mar­xi­sti­schen Men­tor Roland Bar­t­hes und ande­ren bekann­ten fran­zö­si­schen Mar­xi­sten an einer Rei­se in die Volks­re­pu­blik Chi­na teil, von der Bar­t­hes als begei­ster­ter Ver­eh­rer Maos zurück­kehr­te. Kri­ste­va erklär­te, obwohl damals Maos blu­ti­ge Kul­tur­re­vo­lu­ti­on noch im Gan­ge war, „kei­ne Gewalt gese­hen zu haben“.

Auf­ge­flo­gen ist ihre Geheim­dienst­mit­ar­beit, weil sie jüngst für die bul­ga­ri­sche Zeit­schrift Lite­ra­tu­ren Vest­nik schrei­ben woll­te. Eine Bestim­mung sieht jedoch vor, daß bei vor 1976 gebo­re­nen bul­ga­ri­schen Staats­bür­gern, die als Jour­na­li­sten tätig sind, ihre even­tu­el­le Mit­ar­beit bei der Staats­si­cher­heit publik gemacht wer­den muß. Das Detail scheint der in Frank­reich leben­den und estab­lish­ment­ge­wohn­ten Kri­ste­va ent­gan­gen zu sein.

Regelmäßige Berichte

Am 30. März 2018 wur­de ein aus­führ­li­ches Dos­sier über die Agen­tin „Sabi­na“, so ihr Deck­na­me, ver­öf­fent­licht. Auf 77 Sei­ten wird ihre Tätig­keit für die bul­ga­ri­sche Staats­si­cher­heit dar­ge­legt. Kri­ste­va lie­fer­te Berich­te über die fran­zö­si­sche Lin­ke. Ihr Ver­bin­dungs­of­fi­zier war Ober­leut­nant Ivan Boji­kov. Ihre Haupt­auf­ga­be war es, „ideo­lo­gi­sche Zen­tren“ in Frank­reich aus­fin­dig zu machen, deren Akti­vi­tä­ten „zur Unter­mi­nie­rung Bul­ga­ri­ens und des sozia­li­sti­schen Lagers“ füh­ren konn­ten.

Auf der Grund­la­ge von Infor­ma­tio­nen der Agen­tin „Sabi­na“ schrieb bei­spiels­wei­se 1970 Agent „Lyu­bo­mir“:

„Eine Rei­he von fran­zö­si­schen Pro­pa­gan­da­in­sti­tu­ten befin­den sich in der Hand zio­ni­sti­scher Orga­ni­sa­tio­nen, was die Unter­stüt­zung pro-israe­li­scher Posi­tio­nen erklärt […] Dies soll­te auch das Schei­tern von pro-ara­bi­schen und pro-palä­sti­nen­si­schen Hilfs- und Pro­pa­gan­da­ak­tio­nen erklä­ren.“

Kristeva mit Benedikt XVI. in Assisi (2011)
Kri­ste­va mit Bene­dikt XVI. in Assi­si (2011)

Julia Kri­ste­va ließ über ihren Rechts­an­walt aus­rich­ten, die Ent­hül­lun­gen sei­en „gro­tesk und falsch“ und „dif­fa­mie­rend“. Der bul­ga­ri­sche Jour­na­list Chri­sto Chri­stov, auf Archi­ve der Staats­si­cher­heit spe­zia­li­siert, bestä­tig­te jedoch die Authen­ti­zi­tät der Doku­men­te der Agen­tin „Sabi­na“.

Daß eine Abtrei­bungs­ver­fech­te­rin wie Julia Kri­ste­va im Okto­ber 2011 zum umstrit­te­nen inter­re­li­giö­sen Dia­log-Tref­fen Assi­si IV der Gemein­schaft von San­t’E­g­idio ein­ge­la­den wur­de, dem Papst Bene­dikt XVI. glaub­te, sich nicht ent­zie­hen, es aber „von syn­kre­ti­sti­schen Ele­men­ten rei­ni­gen“ zu kön­nen, läßt erah­nen, wel­che Kräf­te auf wäh­rend des Pon­ti­fi­kats des deut­schen Pap­stes im Vati­kan tätig waren.

Die Ehrung Kri­stevas durch Hol­lan­de läßt zudem erah­nen, in wel­chem Aus­maß der Mora­lis­mus der poli­ti­schen Lin­ken mit sei­ner per­ma­nen­ten Ankla­ge gegen Anders­den­ken­de nicht zuletzt auch dazu dient, von Ver­bre­chen, Schand­ta­ten und Fehl­ver­hal­ten auf lin­ker Sei­te abzu­len­ken.

Text: Andre­as Becker
Bild: Media-Pres­se/­Wi­ki­com­mon­s/­MiL (Screen­shots)

2 Kommentare

  1. Ich habe gera­de die Unga­ri­sche Ver­fas­sung gele­sen.
    Gebe Gott, daß ein­mal eine EU-Ver­fas­sung die­ser ähnelt.

    Die EU ist eine Beu­te lin­ker Nar­ren gewor­den, weil sich Kon­ser­va­ti­ve nicht als Mis­sio­na­re ihrer ver­nünf­ti­gen Hal­tung ver­ste­hen.

    In der Poli­tik wird lau­fend von Wer­ten gefa­selt, aber die alles Ent­schei­den­den wer­den mit Füßen getre­ten. Recht auf Abtrei­bung, Ehe für alle, Pri­vi­le­gie­rung von Ano­ma­lien usw.

    Der Femi­nis­mus ist das sata­ni­sche Werk­zeug, um den Frau­en das Frau­sein aus­zu­trei­ben.

    Also jetzt zum ZdK, den „katho­li­schen“ Frau­en­ver­bän­den auch noch Sant´Egidio. Neu­ka­tho­lisch ist in — immer noch.

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