Marxistische Elitedenker der Frankfurter Schule

Frankfurter Schule: Theodor W. Adorno (1903-1969)
Frankfurter Schule: Theodor W. Adorno (1903-1969)

Ein Gast­bei­trag von Hubert Hecker.

Theo­dor W. Ador­no (+ 1969) gilt als der wich­tig­ste Impuls­ge­ber der Stu­den­ten­be­we­gung von 1968. Auch die seit­he­ri­ge star­ke Strö­mung von links­ori­en­tier­ten Medi­en und Par­tei­en gehen indi­rekt auf den Frank­fur­ter Sozi­al­phi­lo­so­phen zurück.

Ador­no war der 1903 gebo­re­ne Sohn des zum Pro­te­stan­tis­mus über­ge­tre­te­nen jüdisch-stäm­mi­gen  Wein­groß­händ­lers Oscar Wie­sen­grund. Auf Wunsch sei­ner gläu­bi­gen Mut­ter, der aus­ge­bil­de­ten Opern­sän­ge­rin Maria Cal­vel­li-Ador­no, wur­de er katho­lisch getauft und mini­strier­te auch eine Zeit­lang. Im ame­ri­ka­ni­schen Exil  nahm er den Mäd­chen­na­men sei­ner Mut­ter „Ador­no“ an. Den auf das Juden­tum ver­wei­sen­den Vaters­na­men „Wie­sen­grund“ ver­kürz­te er auf ein Zwischen-„W.“ im Namenszug.

Wendung nach links

Ador­no wuchs in einem libe­ra­len, groß­bür­ger­li­chen Milieu in Frank­furt auf. Wäh­rend sei­ner spä­te­ren Stu­den­ten- und Dozen­ten­zeit spiel­ten für ihn weder die katho­li­sche Reli­gi­on noch die jüdi­sche eine Rol­le. In sei­ner Hei­mat­stadt stu­dier­te er Phi­lo­so­phie, Musik, Psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie. Danach in Wien pfleg­te er erste Kon­tak­te zu mar­xi­sti­schen Theo­re­ti­kern wie Georg Lukács und Wal­ter Ben­ja­min. Wäh­rend sei­ner Habi­li­ta­ti­ons­zeit zurück in Frank­furt ver­kehr­te er in links­ori­en­tier­ten Krei­sen mit Til­lich, Hork­hei­mer und Pol­lok. Die bei­den letz­te­ren waren Mit­ar­bei­ter des „Insti­tuts für Sozi­al­for­schung“. Ab 1931 lehr­te Ador­no als Pri­vat­do­zent an der Frank­fur­ter Uni. Seit­her war er mit dem mar­xi­sti­schen Insti­tut und sei­nen Dozen­ten verbunden.

Von 1934 bis 37 setz­te Ador­no in Oxford sei­ne Phi­lo­so­phie­stu­di­en fort, behielt aber sei­nen deut­schen Wohn­sitz. 1938 bot ihm sein Freund Hork­hei­mer eine feste Mit­ar­bei­ter­stel­le am inzwi­schen exi­lier­ten ‚Insti­tu­te für Social Rese­arch’ in den USA an. Bis 1950 blieb er in im ame­ri­ka­ni­schen Exil.

1949 kam Ador­no erst­mals nach Deutsch­land zurück. Ab 1953 lehr­te bis zu sei­nem Tod als Uni-Pro­fes­sor und füh­ren­der Kopf des wie­der­errich­te­ten „Frank­fur­ter Insti­tuts für Sozi­al­for­schung“, spä­ter bekannt als die „Frank­fur­ter Schule“.

Dem 1924 gegrün­de­ten Insti­tut für Sozi­al­for­schung war eine mar­xi­sti­sche Ori­en­tie­rung vor­ge­ge­ben, nach der die Geschich­te von Sozia­lis­mus und Arbei­ter­be­we­gung erforscht wer­den sollte.

Antikapitalistische Faschismuskritik

Im ame­ri­ka­ni­schen Exil ver­scho­ben sich die Stu­di­en­schwer­punk­te auf die Erfor­schung von Hin­ter­grün­den und For­men der faschi­sti­schen Bewe­gun­gen. In die­sem Kon­text ent­stand das Haupt­werk der bei­den Phi­lo­so­phen Ador­no und Hork­hei­mer über die Quel­len des Faschis­mus. Dabei gin­gen die Autoren von der Grund­the­se aus, dass die euro­päi­sche Auf­klä­rung auf „tota­le Ver­nunft“ und radi­ka­le Selbst­be­stim­mung aus­ge­rich­tet gewe­sen sei. Die­ser Anspruch sei in den letz­ten 200 Jah­ren immer weni­ger ver­wirk­licht worden.

Als Grund für die angeb­li­che Ver­nunft­de­for­ma­ti­on glaub­ten die Sozi­al­phi­lo­so­phen den Cha­rak­ter und die Struk­tu­ren des Kapi­ta­lis­mus ver­ant­wort­lich machen zu kön­nen, durch den sich Herr­schaft über Men­schen mit rein instru­men­tel­ler Ver­nunft verbände.

Die mar­xi­stisch so genann­ten Über­bau-Ele­men­te wie Reli­gi­on und Kul­tur, Recht und Poli­tik, aber auch Sozi­al­for­men wie Fami­lie, Erzie­hungs­sti­le, Mode etc. sei­en eben­falls durch den Kapi­ta­lis­mus instru­men­ta­li­siert und defor­miert, um die ideo­lo­gi­sche Herr­schaft der Kapi­ta­li­sten­klas­se abzusichern.

Weil auf die­sem Weg auch die Arbei­ter­klas­se, ihre Ver­bän­de und Par­tei­en ideo­lo­gisch kor­rum­piert wor­den sei­en, könn­te und müss­te allein die intel­lek­tu­el­le Eli­te den Weg der eman­zi­pa­to­ri­schen Ver­nunft vor­den­ken, vor­aus­ge­hen und poli­tisch verwirklichen.

Überhebliche Arroganz der 68er

Aus die­sem Ansatz erga­ben sich die über­heb­li­che Selbst­ein­schät­zung sowie das arro­gan­te Auf­tre­ten, das bei den an der Frank­fur­ter Schu­le aus­ge­rich­te­ten mar­xi­sti­schen Stu­den­ten und Dozen­ten so cha­rak­te­ri­stisch war:

Alle Men­schen im kapi­ta­li­sti­schen Westen unter­lä­gen dem „uni­ver­sa­len Ver­blen­dungs­zu­sam­men­hang“. Nur die mar­xi­sti­schen Intel­lek­tu­el­len – also Ador­no und sei­ne Stu­den­ten – sei­en in der Lage, den Schlei­er der spät­bür­ger­li­chen Ideo­lo­gie zu zer­rei­ßen und die Men­schen auf der Höhe der tota­len Ver­nunft zu einer eman­zi­pa­to­ri­schen Pra­xis zu führen.

Auch alle ande­ren ‚libe­ra­len’ Wis­sen­schaf­ten und Wis­sen­schaft­ler sei­en der „tra­di­tio­nel­len Theo­rie“ der For­schung und Erkennt­nis ver­haf­tet. Die „Frank­fur­ter Schu­le“ dage­gen beherr­sche mit der „kri­ti­schen Theo­rie“ ein Instru­ment, mit dem die Gesell­schaft und zugleich die gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen von Wis­sen und For­schungs­we­ge ange­mes­sen reflek­tiert würden.

Daher könn­ten allein die mar­xi­sti­schen Eli­te-Den­ker um Ador­no umfas­send alle „fal­schen“ Denk- und Lebens­for­men der spät­bür­ger­li­chen Zivi­li­sa­ti­on auf­decken und kri­ti­sie­ren. Es gebe „kein rich­ti­ges Leben im fal­schen“ – lau­te­te einer der vie­len auf­ge­bla­se­nen Sprü­che der Frank­fur­ter Theoretiker.

Die Kri­ti­sche Theo­rie rich­te­te sich nur auf die west­li­chen Gesell­schaf­ten. Für alles Böse, Fal­sche und Schlech­te in der Welt kom­me allein der Kapi­ta­lis­mus in Frage.

Die kapi­ta­li­sti­sche Wirt­schaft mit ihrem kul­tu­rell-gesell­schaft­li­chem Über­bau  schaf­fe die defor­mier­ten und auto­ri­täts­hö­ri­gen Per­sön­lich­kei­ten. Die wie­der­um wür­den histo­risch die Mas­sen­ba­sis für den Faschis­mus bil­den und immer wie­der faschi­sto­ide Gesell­schafts­for­men hervorbringen.

Bei die­sem Kon­strukt einer engen Ver­zah­nung von markt­wirt­schaft­li­chem Kapi­ta­lis­mus und Faschis­mus konn­te jede bür­ger­li­che Gesell­schafts­form als ten­den­zi­ell auto­ri­tär und faschi­sto­id ver­däch­tigt wer­den. Aus die­sem ideo­lo­gi­schen Theo­rieh­in­ter­grund erga­ben sich die völ­lig über­zo­ge­nen ‚anti­fa­schi­sti­schen’ Ankla­gen und For­de­run­gen der 68er sowie deren Recht­fer­ti­gung zu gewalt­tä­ti­gen Einsätzen.

Text: Hubert Hecker
Bild: Wikicommons

1 Kommentar

  1. Es heißt, beim Men­schen gebe es drei gene­rell sehr bri­san­te The­men: Glau­be, Poli­tik und Sexua­li­tät. In allen drei die­ser Berei­che gab die „Frank­fur­ter Schu­le“ die Anlei­tung, wie es ein mora­lisch han­deln­der Mensch genau nicht machen soll­te. Der Glau­be wur­de von ihr maxi­mal als ent­kern­te Folk­lo­re tole­riert. Poli­tisch wie­gel­te sie dazu auf, die mar­xi­sti­sche Irr­leh­re vor­ran­gig auf dem Weg gesell­schaft­li­cher Dege­ne­ra­ti­on, die wahr­heits­wid­rig als „Fort­schritt“ ver­kauft wur­de, zu ver­brei­ten. Und als beson­ders zen­tra­les Feld der gesell­schaft­li­chen Dege­ne­ra­ti­on wur­de die Sexua­li­tät beackert. Strikt mono­ga­me Mann-Frau-Ehen wur­den als „repres­si­ver“ Aus­fluß der „Faschi­sto­ka­pi­ta­li­sten“ ver­un­glimpft. Auch die „Frank­fur­ter Schu­le“ zeig­te wie alle mög­li­chen Spiel­ar­ten sozia­li­sti­scher Ideo­lo­gie, daß sie maxi­mal die nie­der­sten Instink­te im Men­schen anspricht.

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