Die marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens — Von Arturo Sosa Abascal (1978), dem neuen Jesuitengeneral

"Die marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens" ist ein Schlüsseldokument zur jüngsten Geschichte des Jesuitenordens und den Sympathien eines Teiles der Jesuiten für die marxistische Befreiungstheologie. Pater Sosa wurde am 14. Oktober 2016 zum neuen Generaloberen des Jesuitenordens gewählt, dem auch Papst Franziskus angehört ("Ich bin ein Jesuit").
"Die marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens" (1978) ist ein Schlüsseldokument der jüngsten Geschichte des Jesuitenordens und der Sympathien eines Teiles der Jesuiten für die marxistische Befreiungstheologie. Pater Sosa wurde am 14. Oktober 2016 zum neuen Generaloberen des Jesuitenordens gewählt, dem auch Papst Franziskus angehört ("Ich bin ein Jesuit").

Am ver­gan­ge­nen 14. Okto­ber wur­de Pater Arturo Mar­ce­li­no Sosa Abas­cal zum neu­en Gene­ral­obe­ren des Jesui­ten­or­dens gewählt. Damit geriet sein Auf­satz „Die mar­xi­sti­sche Ver­mitt­lung des christ­li­chen Glau­bens“ (La media­ci­on mar­xi­sta de la Fe cri­stia­na) in die Auf­merk­sam­keit, den der nun­meh­ri­ge „Schwar­ze Papst“ 1978 ver­faßt hat­te. Es ist Prof. End­re A. Bar­d­os­sy zu ver­dan­ken, daß die­ser Auf­satz nun in deut­scher Über­set­zung zugäng­lich gemacht wer­den kann. Es läßt sich nicht sagen, wie Pater Sosa heu­te zu sei­nen dama­li­gen Aus­sa­gen steht. Sein Auf­satz stellt in jedem Fall ein Zeit­do­ku­ment dar, das Ein­blick in die dama­li­gen Wirr­nis­se und in den Jesui­ten­or­den gibt.

1978 — Ein bedeutender Wendepunkt im Leben der Kirche

Ein­füh­rung von End­re A. Bár­d­os­sy*

1978 war ein bedeu­ten­der Wen­de­punkt im Leben der Kir­che. Drei Päp­ste regier­ten in einem ein­zi­gen Jahr. Paul VI. ent­schlief Anfang August. Sein Nach­fol­ger Johan­nes Paul I. konn­te das Schiff Petri nur 33 Tage lang steu­ern, da er eben­falls ver­starb, aber ziem­lich uner­war­tet. Nach den Ver­däch­ti­gun­gen einer Ver­schwö­rungs­theo­rie ließ ihn viel­leicht die Mafia ermor­den. Am 16. Okto­ber über­nahm dann Johan­nes Paul II. das Amt für die fol­gen­den, lan­gen und sor­gen­schwe­ren 26 Jah­re und 5 Mona­te. In jener histo­ri­schen Zeit tob­ten bereits euro­pa­weit die Roten Bri­ga­den. Man den­ke nur an den tra­gi­schen Tod von Aldo Moro (1978), dem ehe­ma­li­gen Mini­ster­prä­si­den­ten Ita­li­ens. Auch Papst Johan­nes Paul II. ent­ging nur knapp einem lebens­ge­fähr­li­chen Mord­an­schlag (1981). Wäh­rend­des­sen stand die Welt in Latein­ame­ri­ka bereits seit lan­gem auf dem Kopf. Fidel Castro gelang in Kuba auf den Gip­fel der abso­lu­ten Macht. Zu glei­cher Zeit hiel­ten Mili­tär­re­gie­run­gen in Chi­le (1973–1985), Uru­gu­ay (1973–1985), Argen­ti­ni­en (1976–1985), El Sal­va­dor (1979–1992) die Ver­brei­tung des Mar­xis­mus mit eiser­ner Faust auf.

Pater Arturo Sosa SJ, 31. Ordensgeneral der Jesuiten
Pater Arturo Sosa SJ, 31. Ordens­ge­ne­ral der Jesui­ten

Das Zeit­bild kann durch die fol­gen­de Stu­die im gro­ßen und gan­zen tref­fend kom­plet­tiert wer­den. Der Autor, ein Jesu­it aus Vene­zue­la, erläu­tert dar­in sei­ne mit poli­ti­schen Träu­me­rei­en gemisch­te BEFREIUNGSTHEOLOGIE, was nicht nur von Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger – ab 1981 Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on und ab 2005 als Bene­dikt XVI. Papst – und Johan­nes Paul II. scharf abge­lehnt wur­de, son­dern längst auch von der viel gerühm­ten histo­ri­schen „Pra­xis“ als Holz­weg wider­legt wur­de. Die fri­sche Aktua­li­tät ist heu­te dar­in wie­der­zu­se­hen, daß der sei­ner­zeit „jun­ge“, rund 30jährige Autor heu­te, seit dem 14. Okto­ber 2016, als „alter Vete­ran“ zum Gene­ral des Jesui­ten­or­dens gewählt wor­den ist, was sei­nen Wor­ten viel Gewicht ver­leiht. Kraft sei­nes Amtes zählt er auch dann zum Kreis der Per­sön­lich­kei­ten mit einer gewis­sen Auto­ri­tät, wenn sei­ne Behaup­tun­gen mit der über­lie­fer­ten Leh­re, Judi­ka­tur und den bewähr­ten pasto­ra­len Gewohn­hei­ten der Kir­che defi­ni­tiv inkom­pa­ti­bel sind. Die Unver­ein­bar­keit kann auch dann von einem intel­li­gen­ten Leser pri­ma facie erkannt wer­den, wenn er in Theo­lo­gie und Geschichts­wis­sen­schaf­ten uner­fah­ren ist. Der Autor plau­dert so auf­rich­tig aus der Schu­le, daß er sich ohne wei­te­re Kom­men­ta­re selbst ent­hüllt.

Die Päp­ste Johan­nes Paul II. (1978–2005) und Bene­dikt XVI. (2005–2013) ver­lo­ren jedoch eine Schlacht gegen die Befrei­ungs­theo­lo­gie, da die­se unter dem gegen­wär­ti­gen Tri­um­vi­rat Ber­go­glio — Span­daro — Sosa ((Jor­ge Ber­go­glio S.J., ehe­ma­li­ger Befrei­ungs­theo­lo­ge, zur Zeit Papst; Anto­nio Spa­daro S.J., Schrift­lei­ter der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà  Cat­to­li­ca und Papst­ver­trau­ter, einer der Chef­ideo­lo­gen des Ordens; Arturo Mar­ce­li­no Sosa Abas­cal S.J., seit dem 14. Okto­ber 2016 neu­ge­wähl­ter Ordens­ge­ne­ral. Der Jesui­ten­or­den, aber auch die Kir­che rücken mit ihm poli­tisch wei­ter nach links.)) vom abtrün­ni­gen Jesui­ten­or­den inten­siv wei­ter­ge­schürt wird. Mit vol­lem Recht kön­nen die Jesui­ten seit dem Gene­ra­lat von Pedro Arru­pe „abtrün­nig“ genannt wer­den, da der Orden von Johan­nes Paul II. mit einem per­sön­li­chen Päpst­li­chen Dele­ga­ten unter Kura­tel (1981–1983) gestellt wer­den muß­te. Was aus­ge­rech­net bei Jesui­ten auf einen außer­ge­wöhn­li­chen Ver­rat schlie­ßen läßt, der eine sol­che Stra­fe ohne Prä­ze­denz nach sich zog.

1983: Johannes Paul II. fordert den "Befreiungstheologen" und Kuturminister der marxistisch-leninistischen FSLN-Regimes von Nicaragua, den Priester Ernesto Cardenal, zum Rücktritt auf. Sein Bruder, der Jesuit Fernando Cardenal war Bildungsminister.
1983: Johan­nes Paul II. for­dert in Mana­gua den Kul­tur­mi­ni­ster der revo­lu­tio­när-sozia­li­sti­schen FSLN-Regie­rung von Nica­ra­gua, den Prie­ster Erne­sto Car­denal, zum Rück­tritt auf. Sein Bru­der, der Jesu­it Fer­nan­do Car­denal, war Bil­dungs­mi­ni­ster. Bei­de waren nam­haf­te Ver­tre­ter der mar­xi­sti­schen  „Befrei­ungs­theo­lo­gie“.

Die für die Öffent­lich­keit dis­kret ver­schwie­ge­nen Hin­ter­grün­de waren im lan­gen Sün­den­re­gi­ster der Befrei­ungs­theo­lo­gie ver­an­kert. Seit­her hat sich der rebel­li­sche Orden bis heu­te nicht erho­len kön­nen. Erwäh­nens­wert ist die Agi­ta­ti­on von Car­lo Maria Mar­ti­ni, dem Erz­bi­schof von Mai­land (1980–2012), der nach der Auf­he­bung der päpst­li­chen Sank­tio­nen gegen sei­nen Orden (1983) zum Kar­di­nal kre­iert wur­de. Der mäch­ti­ge Jesui­ten­kar­di­nal mau­ser­te sich nicht nur zum stän­di­gen Oppo­nen­ten von Johan­nes Paul, son­dern laut sei­nem von ihm selbst ver­kün­de­ten Selbst­ver­ständ­nis war er zwar nicht ein „Anti-Papst“ (Gegen­papst), aber ein „Ante-Papst“ (der näch­ste Papst). Nur die Vor­se­hung und sei­ne Krank­heit durch­kreuz­ten sei­ne Plä­ne, teil­wei­se zumin­dest. Kurz vor sei­nem Able­ben war er noch ein­fluß­reich genug für die Iso­lie­rung, Ver­drän­gung und Eme­ri­tie­rung von Papst Bene­dikt. Der Unge­hor­sam des Jesui­ten­or­dens orga­ni­sier­te sich solan­ge, bis in der Per­son Jor­ge Mario Ber­go­gli­os ein kon­for­mi­sti­scher Prä­ten­dent aus den Rei­hen der argen­ti­ni­schen Befrei­ungs­theo­lo­gie den Thron bestieg (2013).

Eine Renais­sance der Befrei­ungs­theo­lo­gie wird nicht mehr so grob­schläch­tig wie ehe­dem, aber umso ver­deck­ter, phi­lo­so­phi­scher, psy­cho­lo­gi­scher und somit auch syste­ma­ti­scher vor­an­ge­trie­ben. Somit wird die Pro­pa­gan­da unter die Haut und ins Unter­be­wußt­sein wirk­sa­mer „ver­mit­telt“ als mit der pol­tern­den, unver­mit­tel­ten Gehirn­wä­sche. Neu­er­dings wird ver­sucht, die anti­quier­te Befrei­ungs­theo­lo­gie im Schafs­pelz der VOLKSTHEOLOGIE zu ver­harm­lo­sen. Wenn ledig­lich Mar­xens Name gestri­chen wird, aber die Postu­la­te gleich­blei­ben, dann ist das bloß ein Eti­ket­ten­schwin­del. Der vor­lie­gen­de, aus dem spa­ni­schen Ori­gi­nal über­setz­te Auf­satz beleuch­tet die Streit­punk­te von damals, die heu­te immer noch die glei­chen sind.

Die marxistische Vermittlung des christlichen Glaubens

von Arturo Mar­ce­li­no Sosa Abas­cal ((Arturo Sosa S.J.: La media­ción mar­xi­sta de la Fe cri­stia­na, in: SIC (Revi­sta del Cen­tro Gumil­la), Nr. 402, Febru­ar 1978 (41. Jg./1978), S. 64–67. Über­set­zung aus dem Spa­ni­schen: End­re A. Bár­d­os­sy. Das spa­ni­sche Ori­gi­nal wur­de als Bei­la­ge ver­öf­fent­licht:
a) www.katholisches.info/2016/10/17/schwarzer-papst-mit-marxistischer-vergangenheit-jesuiten-haben-neuen-ordensgeral/
b) gumilla.org/biblioteca/bases/biblo/texto/SIC1978202_64-67.pdf
1977 wur­de Pater Sosa Redak­ti­ons­mit­glied der vene­zo­la­ni­schen Jesui­ten­zeit­schrift SIC. Im Jahr nach der Ver­öf­fent­li­chung die­ses Auf­sat­zes wur­de er ver­ant­wort­li­cher Direk­tor der Zeit­schrift. Eine Auf­ga­be, die er von 1979 bis 1996 beklei­de­te. Von 1996–2004 war der Pro­vin­zi­al der Jesui­ten­pro­vinz Vene­zue­la. Seit 1998 gehör­te er der Gene­ral­lei­tung (Rat des Gene­ral­su­pe­ri­ors) des Jesui­ten­or­dens an. Seit dem 14. Okto­ber 2016 ist er 31. Gene­ral­su­pe­ri­or des Ordens.))

In Latein­ame­ri­ka ist die Prä­senz von Chri­sten und christ­li­chen Grup­pen, die ihren Glau­ben mit einem engen Kom­pro­miß ((Kom­pro­miß (spa­nisch com­prom­i­so vom lat. com­pro­mit­te­re) bedeu­tet in den roma­ni­schen Spra­chen ein „gegen­sei­ti­ges Ver­spre­chen, Ver­pflich­tung, Aus­gleich“. Im Deut­schen herrscht aber eher der Wort­sinn eines „fau­len Kom­pro­mis­ses“ vor, und damit ein „Ver­rat, Kuh­han­del, Roß­täu­sche­rei“ mit dem Feind. „Kom­pro­mit­tie­ren“ bedeu­tet dann auch „bloß­stel­len“. Wie im vor­lie­gen­den Fall.)) für den Auf­bau des Sozia­lis­mus leben und die mar­xi­sti­sche Spra­che und Ideo­lo­gie in einer breit gefä­cher­ten Viel­falt über­neh­men, eine unver­meid­ba­re Rea­li­tät. Das Enga­ge­ment für die Ver­wand­lung der vene­zo­la­ni­schen Gesell­schaft in sozia­li­sti­sche Struk­tu­ren auf der Grund­la­ge einer mar­xi­sti­schen Ana­ly­se unse­rer aktu­el­len sozia­len Situa­ti­on ver­brei­tet sich immer stär­ker unter sol­chen Grup­pen, die sich als Chri­sten beken­nen, und in die­sem Kom­pro­miß sehen sie die vol­le Rea­li­sie­rung ihres Glau­bens unter den aktu­el­len Umstän­den der gegen­wär­ti­gen histo­ri­schen Stun­de.
Das prak­ti­sche Leben die­ser christ­li­chen Grup­pen hat jene Refle­xi­on wirk­lich über­wun­den, wel­che über das Ver­hält­nis „Mar­xis­mus-Chri­sten­tum“ sowohl von der offi­zi­el­len Kir­che als auch vom ortho­do­xen Mar­xis­mus gepflegt wird. Der soge­nann­te „Dia­log“ unter Mar­xi­sten und Chri­sten, der sich vor allem in euro­päi­schen intel­lek­tu­el­len Krei­sen ent­wickelt hat, kann die Posi­tio­nen und die Pro­ble­me der latein­ame­ri­ka­ni­schen christ­lich-mar­xi­sti­schen Grup­pen weder tan­gie­ren noch beant­wor­ten.
Aus der Per­spek­ti­ve der latein­ame­ri­ka­ni­schen Theo­lo­gie liegt die theo­lo­gi­sche Refle­xi­on erst „in der zwei­ten Ebe­ne“ hin­ter der christ­li­chen Pra­xis und erfor­dert die Prü­fung die­ser Situa­ti­on für den Ver­such, auf der Grund­la­ge des Kom­pro­mis­ses die­ser christ­li­chen Grup­pen Theo­lo­gie zu machen. Nach der fun­da­men­ta­len Intui­ti­on des kon­se­quen­ten Mar­xis­mus, wonach die „Theo­rie“ nur aus der „Pra­xis“ gebo­ren und ver­stan­den wer­den kann, muß sich die Theo­rie glei­cher­ma­ßen dia­lek­tisch modi­fi­zie­ren mit dem stän­di­gen Wech­sel die­ser erleuch­ten­den Pra­xis, die durch ihre Theo­rie ver­stan­den wird. Somit han­delt es sich um eine Pro­ble­ma­tik, die für jene Sek­to­ren des Chri­sten­tums und des Mar­xis­mus schöp­fe­risch wird, die bei­der­sei­tig noch in der Min­der­heit sind, aber tief­sin­nig ver­su­chen, ihren eige­nen histo­ri­schen Augen­blick zu leben, aus die­ser Quel­le ent­we­der eine „Theo­lo­gie“ oder eine „Theo­rie“ zu ent­wer­fen, die ihren histo­ri­schen Prak­ti­ken ent­spricht, und sie bewußt und kri­tisch gestal­tet, sowie die inte­gra­le Trans­for­ma­ti­on der Gesell­schaft, und nicht bloß den intel­lek­tua­li­sti­schen Fort­schritt des Den­kens, sicher­stellt. ((Immer wie­der, wenn die Argu­men­ta­ti­on des Autors beson­ders schwach unter­mau­ert bzw. irr­tums­an­fäl­lig wird, greift er zu einem auf­fäl­li­gen Stil­mit­tel. Er schal­tet gewun­de­ne Schach­tel­sät­ze ein, die frei­lich schwer les­bar sind, aber dafür die Schwä­che der Argu­men­ta­ti­on gut ver­schlei­ern kön­nen. In der Über­set­zung sind sie fett her­vor­ge­ho­ben, im Ori­gi­nal nicht.))
Frei­lich die Opti­on die­ser christ­lich-mar­xi­sti­schen Mischung for­dert Pro­ble­me in zwei Grö­ßen­ord­nun­gen her­aus:
a. Einer­seits mit Bezug auf jene Pro­ble­me, den Glau­ben durch die Ideo­lo­gi­en und die gegen­wär­ti­gen histo­ri­schen Situa­tio­nen zu ver­mit­teln, und
b. ande­rer­seits mit kon­kre­tem Bezug auf den Mar­xis­mus, der für die­se christ­li­chen Grup­pen als ver­mit­teln­de Ideo­lo­gie dient.
Das heißt, von wel­chem Mar­xis­mus und in wel­chem Sinn spricht man von einer ver­mit­teln­den Ideo­lo­gie des christ­li­chen Glau­bens?
Mit die­sen Zei­len ver­su­chen wir ledig­lich eine erste Annä­he­rung an eine umfas­sen­de Pro­ble­ma­tik, deren Syste­ma­ti­sie­rung weder kom­plett noch erschöp­fend behan­delt wor­den ist. Wir ver­su­chen nur eini­ge Lini­en der Refle­xi­on auf Grund der kon­kre­ten Erfah­rung und der Rea­li­tät die­ser christ­li­chen Grup­pen auf­zu­zei­gen, die in Vene­zue­la und Latein­ame­ri­ka für den Auf­bau des Sozia­lis­mus einen Kom­pro­miß ein­ge­gan­gen sind. Der wech­sel­sei­ti­ge Aus­tausch mit ande­ren Erfah­run­gen und der eige­ne Rei­fungs­pro­zeß des­sel­ben Kom­pro­mis­ses wür­den die­se Refle­xi­on ver­voll­stän­di­gen, kor­ri­gie­ren und ver­tie­fen, um den „Weg“ die­ser Chri­sten wei­ter zu ver­fol­gen.

1. Der Glaube des Christen ist ein fleischgewordener Glaube in der Geschichte

Wir haben bereits gesagt, daß unser Aus­gangs­punkt die Opti­on jener christ­li­chen Grup­pen ist, die sich in der struk­tu­rel­len Trans­for­ma­ti­on der vene­zo­la­ni­schen und latein­ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaft enga­gie­ren. In der aktu­el­len histo­ri­schen Stun­de impli­ziert die­se Opti­on die Ableh­nung des Kapi­ta­lis­mus als unfä­hi­ges Sozi­al­sy­stem, um Gerech­tig­keit für unse­re Völ­ker zu ver­schaf­fen. Der Kapi­ta­lis­mus ist als Sozi­al­sy­stem zu ver­ste­hen, das auf allen Ebe­nen unse­res Sub­kon­ti­nents den Zustand der Unter­drückung, des Neo­ko­lo­nia­lis­mus, der Abhän­gig­keit und Beherr­schung erzeugt und kon­ser­viert samt allen Mecha­nis­men der Beherr­schung, die das unge­rech­te inter­na­tio­na­le Wirt­schafts­sy­stem in Schwung hal­ten, womit die „ent­wickel­ten“ Völ­ker ihre Posi­ti­on erober­ten und die Völ­ker der „Drit­ten Welt“ zu einem Leben in einer unter­ent­wickel­ten Abhän­gig­keit ver­ur­teil­ten.
Inner­halb die­ser Opti­on lebt der christ­li­che Glau­be. Wir kön­nen dann fra­gen, wie ver­hält sich die­se Opti­on zum Evan­ge­li­um, die Quel­le und Norm des christ­li­chen Lebens ist. Löst sich eine sol­che Opti­on unmit­tel­bar vom Evan­ge­li­um oder vom Leben Jesu Chri­sti los? Wie gelangt man zu einer sol­chen Opti­on aus einem inspi­rier­ten Leben durch das Evan­ge­li­um und die Nach­fol­ge von Jesus Chri­stus, dem Herrn?
Gewiß kön­nen wir bestä­ti­gen, daß sich eine Opti­on die­ser Natur nicht unmit­tel­bar vom Evan­ge­li­um los­löst, aber es ist eben­falls unmög­lich sie aus den evan­ge­li­schen Prä­mis­sen abzu­lei­ten. Weder in der Aktua­li­tät noch in der Ver­gan­gen­heit gab das Evan­ge­li­um den Chri­sten die „For­meln“ für ihre sozia­le Akti­vi­tät oder für die Struk­tu­rie­rung des poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Lebens in die Hand. Die evan­ge­li­sche Bot­schaft befin­det sich auf einem ande­ren, fun­da­men­ta­le­ren Niveau, aber nimmt den Men­schen aller Zei­ten nicht ihre Auf­ga­be ab, zu unter­schei­den, auf wel­che Art und Wei­se ihr christ­li­ches Leben nach den Bedin­gun­gen, Kennt­nis­sen und Alter­na­ti­ven jedes ein­zel­nen histo­ri­schen Augen­blicks zu rea­li­sie­ren ist.
Die Tat­sa­che Christ zu sein, ver­än­dert nicht die Bedin­gun­gen und Mög­lich­kei­ten, aber auch nicht die Begrenzt­heit der mensch­li­chen Exi­stenz. Jedem ande­ren Men­schen gleich, ist der Christ kon­di­tio­niert in sei­ner Moda­li­tät, wie er die Rea­li­tät erken­nen kann, er hat bestimm­te, und nicht ande­re Instru­men­te der Inter­pre­ta­ti­on und Trans­for­ma­ti­on zur Hand. Jedem ande­ren Men­schen gleich, muß der Christ sei­ne Rol­le in der Geschich­te ent­decken. Dafür hat er zu den Werk­zeu­gen zu grei­fen, die von der Kul­tur sei­ner Zeit gebo­ten wer­den. Sei­ne Kennt­nis­se, wie eines jeden Men­schen, sind „ver­mit­telt“ durch den jewei­li­gen Stand der mensch­li­chen Wis­sen­schaft, wie die­ser eben im Augen­blick ver­faßt sein mag, als er sei­ne Opti­on zu tref­fen hat.
Ergo hängt die Ent­schei­dung des Chri­sten von der erleb­ten Situa­ti­on der Aus­beu­tung ab, von einem Erle­ben auf Grund des rea­len Kom­pro­mis­ses mit den Unter­drück­ten aus der Sicht, wel­che ihm die mensch­li­che Wis­sen­schaft für das Ver­ständ­nis die­ser Rea­li­tät erlaubt, viel mehr als aus der Ver­mitt­lung der Evan­ge­li­en oder aus der Inspi­ra­ti­on, die er vom direk­ten Draht des Hei­li­gen Gei­stes emp­fan­gen kann.
Inner­halb des Ver­ständ­nis­ses der Rea­li­tät mit Hil­fe der Instru­men­te, die von der Kul­tur und mensch­li­cher Wis­sen­schaft gebo­ten wer­den kön­nen, voll­zieht sich eine Kon­fron­ta­ti­on mit dem aner­kann­ten Evan­ge­li­um als „Wort Got­tes“, und mit dem Leben Jesu, der die „Wahr­heit“ und dar­um der „Weg“ ist.
Wäre das eine reduk­tio­ni­sti­sche „Mini­mie­rung“ des christ­li­chen Glau­bens? Was blie­be dann noch vom christ­li­chen Glau­ben übrig? Bei­na­he spon­tan ergibt sich aus unse­rer Über­le­gung die Ant­wort, daß der christ­li­che Glau­be, in sich genom­men, nichts ist. Vom christ­li­chen Glau­ben kann man nur in einer Rela­ti­on zu etwas oder bes­ser zu jeman­dem reden. Die­ser jemand ist Jesus von Naza­reth, der Chri­stus – nur des­halb ist der Glau­be „christ­lich“ – den wir als Got­tes Gegen­wart in der Geschich­te aner­ken­nen, in dem ein­zi­gen histo­ri­schen Zusam­men­hang, der die Geschich­te von uns Men­schen ist. In die­ser Geschich­te ent­decken wir Gott gegen­wär­tig, stif­ten wir Lie­bes­be­zie­hun­gen und Enga­ge­ment mit die­sem Gott, und das heißt dann Glau­be.
Für Chri­sten ist Gott kein belie­bi­ger Name mit einem belie­bi­gen Inhalt. Er ist der Vater Jesu, gegen­wär­tig in Jesus und gegen­wär­tig im Gei­ste Jesu, des­sen Rea­li­tät wir in unse­rem Leben von heu­te erfah­ren. Die­ser Gott ist ein Gott, der durch die Huma­ni­tät „ver­mit­telt“ wird. Er ist der Gott, der sich inmit­ten der Brü­der befin­det, die die ein­zi­ge Geschich­te kon­stru­ie­ren. Er ist der Gott, der sich uns in der Huma­ni­tät Jesu von Naza­reth radi­kal mani­fe­stiert, der der ein­zi­ge Sohn ist, der uns Kun­de gebracht hat (Johan­nes 1,18).
Glau­ben zu haben, heißt, fähig zu sein (oder nach Johan­nes 1,12 befä­higt wor­den zu sein) die­se Bezie­hung mit Gott, der in der mensch­li­chen Geschich­te gegen­wär­tig ist, zu errich­ten. Eine Bezie­hung, wel­che simul­tan eine Bewe­gung, einen Gesichts­punkt und eine Bedin­gung ver­langt: die Bewe­gung heißt, aus sich selbst her­aus­zu­ge­hen, den eige­nen Schwer­punkt aus sich selbst in die Rich­tung des Ande­ren zu ver­schie­ben. Aber die­ser Ande­re ist nicht irgend jemand, son­dern der „Arme“ in der evan­ge­li­schen Spra­che, der Unter­drück­te, der uns kei­ne Sicher­heit bie­ten kann und uns erlaubt, unse­re Sicher­heit in die­sem Gott zu grün­den, der hier­bei trans­pa­rent wird. Das ist der Gesichts­punkt: der Arme, allein auf Grund die­ser Macht kön­nen wir die­se Bezie­hung mit Gott errich­ten, der sich arm gemacht hat, damit wir mit sei­ner Armut reich wer­den (2 Korin­ther­brief 8,9). Und die Bedin­gung ist, kei­ne ande­re Grund­la­ge zu haben, als Got­tes ver­hei­ße­nes Wort für die Fina­li­sie­rung der Geschich­te. Uns im Ande­ren wie­der­zu­fin­den, heißt uns selbst wie­der­zu­er­lan­gen, im Para­dox das eige­ne Leben zu ver­lie­ren, um es zu gewin­nen (Johan­nes 12,25). Der christ­li­che Glau­be ist nur mög­lich, wenn er in der Geschich­te inkar­niert wird.

2. Der christliche Glaube ist ein vermittelter Glaube

Die Inkar­na­ti­on der Bezie­hung mit Gott in der Geschich­te und der christ­li­che Glau­be zie­hen als Kon­se­quenz nach sich, daß sie allen Ver­mitt­lun­gen unter­wor­fen wer­den, die der mensch­li­chen Kon­di­ti­on eigen sind. Die­se kön­nen wir grund­sätz­lich zwei­fach syn­the­ti­sie­ren: die erkennt­nis­mä­ßi­ge und die prak­ti­sche Ver­mitt­lung.
Wenn der Glau­be an Gott eine Bezie­hung ist, wel­che sich in der Geschich­te ereig­net, dann hat dies eine Kennt­nis der Geschich­te zur Vor­aus­set­zung, die weder durch direk­te Inspi­ra­ti­on kommt, noch bequem vom Wort Got­tes in objek­ti­vi­sti­scher Wei­se dedu­zier­bar ist. Unse­re Kennt­nis der Rea­li­tät ergibt sich durch nor­ma­le Kanä­le der mensch­li­chen Erkennt­nis. Die mensch­li­che Wis­sen­schaft bie­tet uns nicht einen ein­zi­gen Weg für den Zutritt zur Rea­li­tät; im Gegen­teil, wir begeg­nen einer Viel­falt von Inter­pre­ta­ti­ons­mög­lich­kei­ten der gegen­wär­ti­gen Stun­de und der histo­ri­schen Pro­zes­se. Der Christ muß bezüg­lich des wis­sen­schaft­li­chen Instru­men­ta­ri­ums auch sei­ne Opti­on tref­fen, womit er die Rea­li­tät, wor­in er lebt, inter­pre­tie­ren kann. Sein Glau­be wird also erkennt­nis­mä­ßig durch die Ana­ly­se der Rea­li­tät ver­mit­telt.
Die Auto­no­mie der wis­sen­schaft­li­chen Instru­men­te, womit die erleb­te Rea­li­tät ver­stan­den wird, ist nicht abso­lut, son­dern rela­tiv. Die Rea­li­tät erken­nen wir aus der Sicht einer kon­kre­ten Situa­ti­on und aus einem Gesichts­punkt, der vom Glau­ben ver­langt wird: das ist der Arme. Das bedeu­tet, daß der Christ aus der Viel­falt der wis­sen­schaft­li­chen Wege, die einen Zutritt an die Rea­li­tät ermög­li­chen, jene Opti­on ergrei­fen muß, deren Ana­ly­se sich in jedem histo­ri­schen Augen­blick für die pri­vi­le­gier­ten Inter­es­sen ent­lar­vend und für den Kampf der Armen um eine gerech­te­re und mensch­li­che Gesell­schaft am besten ori­en­tie­rend, und somit an die Rea­li­sie­rung der evan­ge­li­schen Bot­schaft der aus der Lie­be strö­men­den Brü­der­lich­keit am näch­sten erweist.
Die Lie­be, wel­che das Leben des Chri­sten begrün­det, ist eine Lie­be, die danach trach­tet effi­zi­ent zu sein. Das heißt, die Struk­tur des christ­li­chen Glau­bens – die Lie­bes­be­zie­hung mit den Men­schen und mit Gott in der Geschich­te – ist nicht kon­tem­pla­tiv, son­dern pra­xis­ori­en­tiert. Sie begnügt sich nicht mit einer Erkennt­nis der Rea­li­tät, obwohl die­se in jedem histo­ri­schen Augen­blick die beste aller mög­li­chen sein mag. Es han­delt sich nicht um die beste Erkennt­nis der Rea­li­tät, son­dern um ihre Trans­for­ma­ti­on gemäß der For­de­run­gen die­ser effi­zi­en­ten Lie­be. Der christ­li­che Glau­be wird durch eine deter­mi­nier­te histo­ri­sche Pra­xis ver­mit­telt.
Die Theo­lo­gie des Johan­nes ist ziem­lich klar in die­sem Sinn. Für Johan­nes ist „kom­met zu mir“ iden­tisch mit dem „Glau­ben an Jesus Chri­stus“, das heißt mit dem „Tun, was ich euch befeh­le“, was in der „täti­gen Wahr­heit“ kon­kre­ti­siert wird und nichts ande­res ist, als „den Bru­der zu lie­ben“. Die­ser Zusam­men­hang der Ter­mi­ni der Johann­ei­schen Theo­lo­gie ist in Stein gemei­ßelt in einer der tief­sten Intui­tio­nen der Pro­phe­ten: „Gott zu erken­nen heißt Gerech­tig­keit wal­ten zu las­sen.“ Der christ­li­che Glau­be pas­siert daher durch den Kom­pro­miß des Kamp­fes in der Rea­li­tät, wo man zugun­sten der Schwäch­sten lebt ent­spre­chend der Schöp­fung des neu­en Men­schen. Das ver­langt eine pra­xis­ori­en­tier­te Ver­mitt­lung. Das ist es, was den revo­lu­tio­nä­ren Kom­pro­miß der latein­ame­ri­ka­ni­schen Chri­sten begrün­det. Die in Medellà­n ver­sam­mel­te latein­ame­ri­ka­ni­sche Kir­che ((Par­tei­nah­me der Zwei­ten All­ge­mei­nen Latein­ame­ri­ka­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz CELAM von 1968 in Medellà­n für die Armen, Anm. d. Red.)) her­vor akzep­tier­te die­se prak­ti­sche Beharr­lich­keit des christ­li­chen Glau­bens (Cf. das Frie­dens­do­ku­ment Nr. 18 und 27 oder das Doku­ment der Armut Nr. 10).
Aus die­ser Rea­li­tät des ver­mit­tel­ten Glau­bens folgt eine Kon­se­quenz, wel­che die­je­ni­gen erzit­tern läßt, die das Chri­sten­tum sta­tisch begrei­fen möch­ten: die histo­ri­sche Fehl­bar­keit des christ­li­chen Glau­bens. Das heißt, die Mög­lich­keit in der Unter­schei­dung zu irren und folg­lich die Mög­lich­keit des „Schei­terns“ der histo­ri­schen Akti­on in einem bestimm­ten Augen­blick des Pro­zes­ses, der die­se effi­zi­en­te Lie­be rea­li­siert und von der eige­nen Opti­on des Glau­bens ver­langt wird.
Die Bestä­ti­gung, daß der christ­li­che Glau­be ein ver­mit­tel­ter Glau­be ist, bedeu­tet, daß der Christ allen Kon­tin­gen­zen der mensch­li­chen Situa­ti­on unter­wor­fen bleibt, daß er weder Erkennt­nis-Pri­vi­le­gi­en noch Rezep­te für erfolg­rei­che Hand­lun­gen besitzt. Sei­ne Hal­tung ist eine stän­di­ge „Unter­schei­dung mit der Auto­ri­tät des Glau­bens“, aber eines Glau­bens, der eine „unsi­che­re Sicher­heit“ ver­schafft. Eine Sicher­heit der Gegen­wart Got­tes in der Geschich­te, und Unsi­cher­heit des Weges, der in jedem Augen­blick für die vol­le Gegen­wart Got­tes inmit­ten der Men­schen ein­zu­schla­gen ist. Die Erwar­tung des Rei­ches ist kei­ne Ver­schie­bung die­ser Ziel­set­zung „solan­ge Gott will“, son­dern das Ein­set­zen der Mit­tel für die Kräf­te der Lie­be, die mäch­ti­ger sind als jene des Ego­is­mus, wohl bewußt, daß sogar die Gren­ze des Schei­terns auf irgend­ei­ne Wei­se über­wind­bar wird, wie der Tod durch die Auf­er­ste­hung Jesu über­wun­den wor­den ist.

3. Die Inkarnation des christlichen Glaubens in den Ideologien

Der Leit­fa­den unse­rer Über­le­gun­gen führt uns zur Bestä­ti­gung der Not­wen­dig­keit, daß der beschrie­be­ne, in der Geschich­te inkar­nier­te und durch Erkennt­nis und Pra­xis ver­mit­tel­te Glau­be in der gegen­wär­ti­gen Situa­ti­on der Chri­sten sei­nen Aus­druck in kon­kre­ten Ideo­lo­gi­en fin­den möge, in Über­ein­stim­mung mit der Opti­on, wel­che ange­strebt wird.
Die­se Bestä­ti­gung ver­langt die Klä­rung: In wel­chem Sinn ver­wen­den wir den Begriff der „Ideo­lo­gie“? Die Bedeu­tun­gen, wel­che die­sem Ter­mi­nus zuge­schrie­ben wer­den, lau­ten ange­fan­gen von einer Welt­an­schau­ung oder einem phi­lo­so­phi­schen System der Welt­in­ter­pre­ta­ti­on, ver­bun­den mit einem wis­sen­schaft­li­chen System­ana­ly­se der Rea­li­tät oder mit einem Pro­gramm der poli­ti­schen Akti­on, die für die Macht­er­grei­fung jeweils Ide­en, Stra­te­gi­en und Tak­ti­ken inklu­diert, erstrecken sich bis zur typisch­sten Ver­si­on des Ideo­lo­gie­be­grif­fes, der vom Mar­xis­mus ver­wen­det wird, um Ver­schleie­run­gen und Recht­fer­ti­gun­gen der rea­len Unter­drückung die Mas­ke zu ent­rei­ßen, die von der herr­schen­den Klas­se aus­ge­hen und der gan­zen Gesell­schaft auf­er­legt wer­den als fal­sche Reprä­sen­ta­ti­on der Rea­li­tät. Eine Dis­kus­si­on all die­ser Bedeu­tun­gen wür­de den Rah­men unse­rer Refle­xi­on spren­gen.
Für unse­re Zwecke ver­ste­hen wir hier in die­sem Auf­satz Ideo­lo­gie als „ein System von Mit­teln und Zie­le für die Kon­fron­ta­ti­on mit einer bestimm­ten histo­ri­schen Epo­che, um sie einer Wand­lung ent­ge­gen­zu­füh­ren“. In die­ser Per­spek­ti­ve ent­wer­fen wir die Not­wen­dig­keit eines Glau­bens, der sich hand­lungs­fä­hig macht, der sich für eine effi­zi­en­te Akti­on kraft der Ideo­lo­gi­en Hän­de und Füße anschafft.
Die­se For­de­rung wird im Neu­en Testa­ment bestä­tigt, wonach ein Glau­be ohne Wer­ke ein toter Glau­be sei (Jako­bus­brief 2,14–18). Mit ande­ren Wor­ten kön­nen wir sagen, daß eine unfä­hi­ge Lie­be kei­ne Lie­be ist, zumin­dest aus der christ­li­chen Per­spek­ti­ve. Um „Wer­ke“ zu erschaf­fen, sind Ver­mitt­lun­gen nötig, wie wir bereits erwähnt haben. Eine Akti­on im Rah­men der eige­nen histo­ri­schen Situa­ti­on ver­langt die Kennt­nis der Lage und die Fest­le­gung von Absich­ten und Mit­teln für die Erlan­gung der vor­ge­schla­ge­nen Zie­le für die Akti­on. Sie ver­langt eine Ideo­lo­gie. Ein Glau­be, der sich nicht inkar­niert, und somit ideo­lo­gisch ein­fach unprak­ti­ka­bel und zugleich inkon­si­stent bleibt, also ein Glau­be ohne Wer­ke, ist ein toter Glau­be.
Die Geschich­te Isra­els ist ein kla­res Bei­spiel für die Not­wen­dig­keit der Inkar­na­ti­on des Glau­bens in Ideo­lo­gi­en. Die Treue an den Bund mit Gott durch­läuft ver­schie­de­ne Moda­li­tä­ten der histo­ri­schen Ver­wirk­li­chung. Der Exo­dus ist die Ableh­nung einer Gesell­schaft mit Skla­ven­hal­te­rei und die Grün­dung einer Gesell­schaft frei­er Men­schen (Exo­dus 7–12). Spä­ter sieht das Volk in der Mon­ar­chie die beste Form, um sei­ne Zie­le zu errei­chen (1 Samu­el 8). Der Pro­phet Isai­as erach­tet in der Inva­si­on des per­si­schen Königs Cyrus die Mög­lich­keit für die Erneue­rung der Treue des Vol­kes zu Gott, und des­halb nennt er ihn den „Ret­ter“ Isra­els (Isai­as 45,1–6). Der Pro­phet Jere­mi­as nimmt eben­falls akti­ven Anteil an der Dis­kus­si­on über eine even­tu­el­le Alli­anz mit den Ägyp­tern zur Abwehr der baby­lo­ni­schen Inva­si­on (Jere­mi­as 37). Schließ­lich und end­lich ver­langt die Treue zum Gott der Geschich­te eine stän­di­ge Unter­schei­dung der Mit­tel und Zie­le für die erfolg­rei­che Inkar­na­ti­on des Glau­bens in den Ideo­lo­gi­en.

4. Der Marxismus als Geschichtswissenschaft

Als zwei­te Ord­nung von Pro­ble­men haben wir bereits jene erwähnt, die sich auf den Mar­xis­mus als Ideo­lo­gie bezie­hen, und dem christ­li­chen Glau­ben als Sprung­bett die­nen. Die Rede über den Mar­xis­mus ist eine kom­ple­xe Sache. Es gibt kei­nen ein­heit­li­chen Mar­xis­mus, nicht ein­mal einen mehr oder min­der mono­li­thi­schen Block von Mar­xis­men. Daher ist es eben­falls not­wen­dig, zu spe­zi­fi­zie­ren, in wel­chem Sinn wir vom Mar­xis­mus und von wel­chem Mar­xis­mus wir reden?
Wir bezie­hen uns auf den Mar­xis­mus von Marx. Die Fest­stel­lung scheint eine Dumm­heit zu sein, aber sie ist ange­sichts der Dis­kus­si­ons­la­ge im Scho­ße des Mar­xis­mus nötig. Die Mehr­heit der latein­ame­ri­ka­ni­schen und vene­zo­la­ni­schen Par­tei­en und der revo­lu­tio­nä­ren Bewe­gun­gen defi­nie­ren sich sel­ber als mar­xi­stisch-leni­ni­stisch. Man­che bezie­hen sich auch auf Mao-tse-tung, um das revo­lu­tio­nä­re Tri­nom zu ver­voll­stän­di­gen. Wir spre­chen aber von einem Mar­xis­mus ohne Bin­de­strich, der in den Wer­ken von Marx und Engels zum Aus­druck gekom­men ist, und ver­su­chen sowohl dem Buch­sta­ben wie auch dem Geist nach kon­se­quent zu blei­ben. Das heißt, wir reden von einem Mar­xis­mus, der die Sache dia­lek­tisch angeht, sodaß die Theo­rie der Pra­xis unter­ge­ord­net wer­den muß wie ein leben­di­ger Orga­nis­mus, der jedes theo­re­ti­sche Moment dank des Vor­mar­sches der Pra­xis über­steigt und dar­auf ver­zich­tet, in einen Kata­log der vor­ge­fer­tig­ten Ant­wor­ten ver­wan­delt zu wer­den, die sich in jeder belie­bi­gen Situa­ti­on „anwen­den“ las­sen.
Somit ist der Mar­xis­mus als eine „histo­ri­sche Bewe­gung“ zu ver­ste­hen, der aus einem bestimm­ten histo­ri­schen Kon­text gebo­ren wird, und der einen Grad der Ent­wick­lung der wis­sen­schaft­li­chen Instru­men­te erreicht, wel­che die Rea­li­tät wirk­lich inter­pre­tie­ren kön­nen.
Der Mar­xis­mus trägt zur mensch­li­chen Wis­sen­schaft den Ver­such bei, die Geschich­te und ihre Geset­ze zu ver­ste­hen, wel­che nicht aus einer blo­ßen „Inter­pre­ta­ti­on“ oder intel­lek­tua­li­sti­schen Welt­an­schau­ung, son­dern aus der Pra­xis star­tet, um die Welt zu ver­än­dern. Des­halb ent­wirft Marx die Untrenn­bar­keit und die dia­lek­ti­sche Bezie­hung zwi­schen Theo­rie und Pra­xis und zer­trüm­mert alle „Ortho­do­xi­en“ und „Dok­tri­nen“, die ein­mal für alle Zei­ten fest­ge­legt wor­den sind. Außer­dem besteht er auf die dia­lek­ti­sche Metho­de für die Erhal­tung der stän­di­gen Erneue­rung, wel­che von der Pra­xis zur Theo­rie vice­ver­sa hin und her geht.
Das fun­da­men­ta­le Anlie­gen des Mar­xis­mus ist das Ver­ständ­nis der mensch­li­chen Geschich­te. Ein wis­sen­schaft­li­ches Ver­ständ­nis der Ent­wick­lungs­ge­set­ze der Mensch­heit, das über ihre eige­ne Evo­lu­ti­on und Dyna­mik aus dem eigent­li­chen Inne­ren des Pro­zes­ses Rech­nung zu legen ver­mag, ohne auf außer­halb lie­gen­de „Mäch­te und Göt­ter“ zurück­zu­grei­fen, wel­che die Situa­tio­nen und Pro­zes­se erklä­ren soll­ten, die die Mensch­heit hat pas­sie­ren müs­sen. Der Mar­xis­mus defi­niert sich daher als Wis­sen­schaft im Gegen­satz zur mytho­lo­gi­schen Erkennt­nis, wel­che die Ursa­chen inexi­sten­ten, ein­ge­bil­de­ten Sei­en­den zuord­net, im Gegen­satz zur theo­lo­gi­schen Erkennt­nis, wel­che alle jene Grün­de in Gott syn­the­ti­siert, die der Mensch sel­ber nicht knacken kann, und auf den er sei­ne uner­füll­ten Wün­sche pro­ji­ziert. Der Mate­ria­lis­mus des Mar­xis­mus bestä­tigt daher den Men­schen als ein­zi­gen Prot­ago­ni­sten sei­ner Geschich­te, und der Mensch muß auch der­je­ni­ge sein, der die Wis­sen­schaft der Geschich­te kon­stru­iert.
Aus die­ser Per­spek­ti­ve ist es nötig, den „Athe­is­mus“ und die mar­xi­sti­sche, kri­ti­sche Theo­rie der Reli­gi­on zu lesen. Nach­dem der Mar­xis­mus die Wis­sen­schaft der Geschich­te ist, liegt die Pro­po­si­ti­on des Athe­is­mus eher als poli­ti­sche und nicht als theo­lo­gi­sche Fra­ge vor uns. In einer Situa­ti­on der bür­ger­li­chen Domi­na­ti­on über das Pro­le­ta­ri­at deckt die mar­xi­sti­sche Ana­ly­se auf, daß die Reli­gi­on eines der ideo­lo­gi­schen Ele­men­te ist, wel­che die Aus­beu­tung zu recht­fer­ti­gen suchen, und erhebt Ankla­ge gegen sie. In der kapi­ta­li­sti­schen Gesell­schaft ist der Staat sei­nem Wesen nach reli­gi­ös, da er sich gleich wie Gott als etwas Höhe­res und Uni­ver­sa­les aus­gibt und nicht als Insti­tu­ti­on der domi­nan­ten sozia­len Klas­se für die Siche­rung der Herr­schaft über die gan­ze Gesell­schaft. Inner­halb die­ses Kon­tex­tes ist der Athe­is­mus nicht nur die Nega­ti­on eines Got­tes, der aus den Inter­es­sen eini­ger kon­kre­ter Men­schen geschaf­fen und als uni­ver­sa­le Offen­ba­rung prä­sen­tiert wor­den ist, son­dern dar­über hin­aus auch die Nega­ti­on des bür­ger­li­chen Zustan­des, der sich für die Pro­tek­ti­on der herr­schen­den Aus­beu­tung sel­ber ver­göt­tert.
Ein kon­se­quen­ter Mar­xis­mus müß­te kraft sei­ner eige­nen Postu­la­te sei­ne eige­ne „Theo­rie der Reli­gi­on“ nach Maß­ga­be des­sen neu for­mu­lie­ren, inso­weit reli­giö­se Prak­ti­ken auf­tau­chen, die von den oben ana­ly­sier­ten ver­schie­den sind. Das Chri­sten­tum als geleb­tes Befrei­ungs­or­gan muß eine reli­giö­se Befrei­ungs­theo­rie her­vor­brin­gen. Der eige­ne Stand des Sozia­lis­mus muß der Kri­tik der mar­xi­sti­schen Theo­rie unter­wor­fen wer­den, um die „reli­giö­sen“ For­men aus­fin­dig zu machen, wel­che die­se in ihrer täg­li­chen Pra­xis erfül­len könn­ten.
Der Mar­xis­mus als Inbe­griff der ana­ly­ti­schen Instru­men­te und Metho­den, der sich fort­wäh­rend im Kom­pro­miß um die Trans­for­ma­ti­on der unge­rech­ten Rea­li­tät in eine gerech­te­re Gesell­schaft neu gestal­tet, legt die Not­wen­dig­keit der Unter­schei­dung nahe, ob und inwie­weit der Glau­be die beste Metho­de der Ana­ly­se, der Erkennt­nis der gegen­wär­ti­gen Rea­li­tät und des histo­ri­schen Pro­zes­ses und der Ori­en­tie­rung des Kamp­fes ist.

5. Die marxistische Vermittlung hier und heute

Die oben auf­ge­zeig­te Bezie­hung zwi­schen dem christ­li­che Glau­ben und den Ideo­lo­gi­en erlaubt uns die Kon­klu­si­on über die Legi­ti­mi­tät einer mar­xi­sti­schen „Ideo­lo­gi­sie­rung“ des Glau­bens. Das heißt, sie erlaubt uns die Exi­stenz von Chri­sten zu ver­ste­hen, die sich gleich­zei­tig als Mar­xi­sten pro­kla­mie­ren und sich kom­pro­mit­tie­ren für die Trans­for­ma­ti­on der kapi­ta­li­sti­schen Gesell­schaft in eine sozia­li­sti­sche Gesell­schaft. Es wäre nicht fehl am Platz, die Fra­ge zu stel­len, ob es außer der Legi­ti­mi­tät auch die Not­wen­dig­keit einer mar­xi­sti­schen Ver­mitt­lung des christ­li­chen Glau­bens gäbe, näm­lich in der aktu­el­len Situa­ti­on in Latein­ame­ri­ka und ange­sichts der rea­len, histo­ri­schen Alter­na­ti­ven, die wir in Vene­zue­la haben.
Eine ein­deu­tig kla­re Fra­ge ist die Not­wen­dig­keit – ja oder nein – der mar­xi­sti­schen Ver­mitt­lung, daß wir im aktu­el­len Stand der Ent­wick­lung der Sozi­al­wis­sen­schaf­ten und der latein­ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur gewis­ser­ma­ßen auf sie nicht ver­zich­ten kön­nen. Die Prä­senz und die wach­sen­de Ver­brei­tung des Mar­xis­mus in der Welt von heu­te ist ein unbe­zwei­fel­ba­res Fak­tum. Zahl­rei­che Kate­go­ri­en gin­gen aus dem Mar­xis­mus ins kul­tu­rel­le Patri­mo­ni­um der Huma­ni­tät ein und wur­den in Sozio­lo­gie und Öko­no­mie inkor­po­riert. Aus der Sicht der Poli­tik kann man die zuneh­men­de Zahl der Län­der nicht ver­leug­nen, die sich für ihre sozia­le Orga­ni­sa­ti­on auf mar­xi­sti­sche Prin­zi­pi­en stüt­zen, eben­falls groß ist die Zahl von Par­tei­en und poli­ti­schen Bewe­gun­gen, die sich für ihre Akti­vi­tät der Trans­for­ma­ti­on vom Mar­xis­mus inspi­rie­ren las­sen.
Wenn also die welt­wei­te Rea­li­tät so aus­schaut, fällt die Prä­senz des Mar­xis­mus in der „Drit­ten Welt“ und kon­kret in Latein­ame­ri­ka noch mehr ins Gewicht. Unse­re Kul­tur ist schon voll mit mar­xi­sti­schen Ele­men­ten durch­drun­gen. Wer ver­su­chen will, den latein­ame­ri­ka­ni­schen Pro­zeß zu ver­ste­hen, kann nicht auf die Rea­li­tät des Mar­xis­mus als inspi­rie­ren­de Idee für die Poli­tik, Bewe­gun­gen und Aktio­nen ver­zich­ten.
Ande­rer­seits las­sen sich in der gegen­wär­ti­gen Kon­junk­tur der Welt, unter den gege­be­nen struk­tu­rel­len Bezie­hun­gen, wel­che die Welt von heu­te beherr­schen, die histo­ri­schen Alter­na­ti­ven auf zwei redu­zie­ren: Kapi­ta­lis­mus oder Sozia­lis­mus. Gewis­ser­ma­ßen fühlt sich nie­mand befrie­digt mit den kon­kre­ten Rea­li­sie­run­gen, von kei­nem der bei­den Syste­me. Wenn ein histo­ri­sches Pro­jekt des Kapi­ta­lis­mus skiz­ziert wird, redet man vom Reform-Kapi­ta­lis­mus, der sei­ne eige­ne Kapa­zi­tät der Selbst­kor­rek­tur und sei­ne Dotie­rung der Frei­hei­ten poten­ziert. Wenn man vom Auf­bau einer sozia­li­sti­schen Gesell­schaft redet, geht man von der Kri­tik der aktu­el­len sozia­li­sti­schen Län­der aus und postu­liert ein Sozia­lis­mus­mo­dell, das aus der eige­nen Kul­tur jenes Lan­des gebo­ren wird, wo es errich­tet wer­den und die Ein­schrän­kun­gen über­win­den soll, die anders­wo im aktu­el­len Real­so­zia­lis­mus zu beob­ach­ten sind. Alle Ver­su­che des „Drit­ten Weges“ sind sich wie Ablei­tun­gen vor­ge­kom­men, je nach Unter­stüt­zung, die sie für ihre Opti­on – ent­we­der vom „reform­ka­pi­ta­li­sti­schen“ oder „sozi­al­de­mo­kra­ti­schen“ Typ –  erhal­ten haben.
Die Opti­on für eine mar­xi­sti­sche Ver­mitt­lung des christ­li­chen Glau­bens ist also für vie­le christ­li­che Grup­pen prä­sent, die sich in der histo­ri­schen Gegen­wart unse­res Kon­ti­nen­tes in der not­wen­di­gen Opti­on mit den latein­ame­ri­ka­ni­schen Unter­drück­ten kom­pro­mit­tie­ren; mar­xi­sti­sche Ver­mitt­lung bedeu­tet ihren Ein­satz als Metho­de zur Ana­ly­se der Rea­li­tät und als Inspi­ra­ti­on des sozia­li­sti­schen Modells der Gesell­schaft, deren Auf­bau man anstrebt.
Die Umset­zung die­ser Opti­on oder die Aner­ken­nung ihrer Legi­ti­mi­tät und Not­wen­dig­keit besagt nicht, daß von den Chri­sten wie durch die Kunst der Magie alle Pro­ble­me gelöst wer­den. Im Gegen­teil, ihre Kapa­zi­tät für die Unter­schei­dung soll­te wach­sen, und das Bewußt­wer­den der Rela­ti­vi­tät der Ideo­lo­gi­en soll­te ver­hin­dern, die Sicher­heit in das Instru­ment zu legen und nicht in jene Lie­bes­be­zie­hung, die mit den aller­ärm­sten Brü­dern und Gott auf­recht­erhal­ten wird, die sich uns in der Geschich­te dar­bie­ten.
Die mar­xi­sti­sche Ver­mitt­lung des christ­li­chen Glau­bens wird hier und heu­te pro­ble­ma­tisch, spe­zi­ell wenn man in die Ver­su­chung fällt, an den Mar­xis­mus als Welt­an­schau­ung zu appel­lie­ren, als ob er eine „Ersatz­re­li­gi­on“ wäre mit eige­ner Ortho­do­xie und fixen und unver­än­der­li­chen Dok­tri­nen, sobald der Klas­sen­kampf als ein­zi­ges Erklä­rungs­kri­te­ri­um für die Ent­wick­lung der mensch­li­chen Geschich­te erach­tet wird, und die Gren­zen der Sozi­al­wis­sen­schaft, oder die eines poli­ti­schen Pro­jek­tes, über­schrit­ten wer­den, und man den Mar­xis­mus in ein phi­lo­so­phi­sches System ver­wan­deln will, das imstan­de ist, alle Din­ge der Welt in ihren letz­ten Ursa­chen erklä­ren zu kön­nen.
Wir haben fest­ge­stellt, daß die Tat­sa­che nicht zu leug­nen ist, daß der christ­li­che Glau­be, und somit eine Theo­lo­gie, die von sich for­dert, die­sen Glau­ben ratio­nell aus­zu­drücken, vie­le, sowohl theo­re­ti­sche als auch prak­ti­sche „Ver­mitt­lun­gen“ braucht. Die­se Fest­stel­lung ist bereits in den Cha­rak­te­ri­sti­ken der mensch­li­chen Erkennt­nis­ak­ti­vi­tät und in sei­ner eige­nen „Natur“ oder im Sein des Men­schen grund­ge­legt. Gleich­zei­tig kön­nen bekräf­ti­gen, daß es not­wen­dig ist, wach­sam zu sein, um zu ver­mei­den, daß sich die not­wen­di­gen Ver­mitt­lun­gen nicht in ver­skla­ven­de Ver­mitt­lun­gen ver­wan­deln, und dazu füh­ren, den Glau­ben und die Theo­lo­gie zu Instru­men­ten der Legi­ti­mie­rung einer bestimm­ten sozio­po­li­ti­schen Situa­ti­on zu machen.
Eine mar­xi­sti­sche Ver­mitt­lung des christ­li­chen Glau­bens wur­de von vie­len latein­ame­ri­ka­ni­schen Chri­sten als Quel­le der Inspi­ra­ti­on für ihr Han­deln unter den aktu­el­len Umstän­den des Kon­ti­nents ent­deckt und hat ein krea­ti­ves Chri­sten­tum geför­dert und hat im Kampf für die Ärm­sten Gestalt ange­nom­men. Eine mar­xi­sti­sche Media­ti­sie­rung des christ­li­chen Glau­bens wäre die schlimm­ste Instru­men­ta­li­sie­rung, die einer Reli­gi­on – Bezie­hung zu Gott – wider­fah­ren könn­te, die, indem sie den gekreu­zig­ten Jesus in den Mit­tel­punkt stellt, mit jed­we­dem Ver­such eines mensch­li­chen Kon­struk­tes von Gott bricht und Ihn als den bestä­tigt, der immer der in sei­nen Mög­lich­kei­ten Unbe­kann­te bleibt.

Über­set­zung: *End­re A. Bár­d­os­sy war o. Uni­ver­si­täts­pro­fes­sor in San Sal­va­dor de Jujuy, Argen­ti­ni­en, für Land­wirt­schaft­li­che Betriebswirtschafts­lehre und Lei­ter eines Semi­na­rio de Apli­cación Inter­di­sci­pli­na­ria im Depar­ta­men­to de Cien­ci­as Socio-Econó­mi­cas an der Uni­ver­sidad Nacio­nal de Cuyo, Men­do­za. Zuletzt schrieb er bei Katholisches.info den Auf­satz Kapi­ta­lis­mus ja? Libe­ra­lis­mus nein? – Erwei­ter­te Fas­sung.
Bild: SIC/Centro Gumilla/MiL (Screen­shots)




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  1. JESUS CHRISTUS, das Haupt SEINER Kir­che spricht (Joh 8,31 f):
    „Wenn ihr in MEINEM WORTE bleibt, dann wer­det ihr wirk­lich MEINE JÜNGER sein;
    und ihr wer­det die WAHRHEIT ERKENNEN, und die WAHRHEIT WIRD EUCH FREI MACHEN“ [NICHT die „BEFREI­UNGS-Theo­lo­gie“!]

  2. Der poli­ti­sche Links­ruck der Römisch Katho­li­schen Kir­che ist Aus­druck der gei­sti­gen Ver­wir­rung, die Top Down auf­ok­tro­iert wird. Um so unver­ständ­li­cher,
    weil die marxistisch/sozialistische Ideo­lo­gie bereits mit Pau­ken und Trom­pe­ten geschei­tert ist. Nach die­sem kata­stro­pha­len Schei­tern als Kir­che auch noch auf
    die­ses tote Pferd auf­zu­stei­gen, ist selbst­mör­de­risch, und Aus­druck des­sen, dass
    man die Wahr­heit aus den Augen ver­lo­ren hat.

  3. JESUS CHRISTUS, das Haupt SEINER Kir­che spricht (Joh 8,31 f):
    „Wenn ihr in MEINEM WORTE bleibt, dann wer­det ihr wirk­lich MEINE JÜNGER sein;
    und ihr wer­det die WAHRHEIT ERKENNEN, und die WAHRHEIT WIRD EUCH FREI MACHEN“
    — NICHT die „BeFREI­ungs-Theo­lo­gie“!

  4. „In der kapi­ta­li­sti­schen Gesell­schaft ist der Staat sei­nem Wesen nach reli­gi­ös, da er sich gleich wie Gott als etwas Höhe­res und Uni­ver­sa­les aus­gibt und nicht als Insti­tu­ti­on der domi­nan­ten sozia­len Klas­se für die Siche­rung der Herr­schaft über die gan­ze Gesell­schaft.“

    Das sieht er ganz rich­tig und bei allen Irr­tü­mern, hier redet einer noch von Gott. Wobei die gera­de­zu gno­stisch gefähr­det daher­kom­men­de Volk-Got­tes-Apo­lo­ge­tik im demo­kra­ti­schen Staat nicht nur die­sen, son­dern den Demos selbst als Gott ansieht. Im Abso­lu­tis­mus hat sich der König zum Staat gemacht und selbst die Kir­che unter­wor­fen. Dage­gen war der Auf­ruhr des Vol­kes ganz rich­tig. Nur hat man ihm dann ein­ge­re­det, sich selbst, als eben­so abstrak­te Enti­tät (Demos) wie den Staat oder Gott, zu sol­chem zu machen; anstatt Ihn, den Herrn wie­der ein­zu­set­zen, auch über die welt­li­che Macht.
    Ganz falsch ist des­halb die heu­ti­ge Poli­tik der staat­lich ali­men­tier­ten Natio­nal­kir­che deut­scher Pro­ve­ni­enz, besag­te Siche­rung der (demo­kra­ti­schen) Herr­schaft zu betrei­ben, anstatt Sei­ne Sache gegen­über den Hohe­prie­stern des Demos ent­schie­den zu ver­tre­ten. Die Kir­che ist Geg­ner nicht der welt­li­chen Ord­nungs­kräf­te, doch der des sich selbst über­hö­hen­den moder­nen Staa­tes. Da möge sich der Nebel angeb­li­cher völkischer/demokratischer „Legi­ti­ma­ti­on“ doch all­mäh­lich ein­mal ver­zie­hen.

    Und der mar­xi­sti­schen Geschichts­deu­tung, die durch­aus ihre Stär­ken hat, gilt es ent­ge­gen­zu­hal­ten, daß es nicht nur den Glau­ben an Gott, son­dern Ihn selbst nicht nur wirk­lich, son­dern tat­säch­lich gibt. Und der Befrei­ungs­theo­lo­gie sei gesagt: Wir müs­sen uns ein­sper­ren in Ihn.

  5. Die Mut­ter­got­tes hat in Fati­ma gesagt: „…Wenn man mei­ne Bit­te erfüllt, wird Ruß­land sich bekeh­ren und es wird Frie­de sein. Wenn nicht, wird es sei­ne Irr­tü­mer in der Welt ver­brei­ten.…“ Nun, die­sen Irr­tum, den Mar­xis­mus, hat letzt­end­lich auch die Hl. Kir­che erfasst…

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