Hedonistische Selbstbezogenheit und verfehlte Erziehungsansätze auf Bistumstagung

Sexualpädagogik Päda-gogik Päda-gogik: Verfehlter Erziehungsansatz und individualistische Anthropologie
Päda-gogik: Verfehlter Erziehungsansatz und individualistische Anthropologie

Es gibt ein Zusam­men­spiel von kirch­lich pro­pa­gier­ter „Selbst­ver­wirk­li­chung“ mit dem Axi­om von „sexu­el­ler Selbst­be­stim­mung“ durch liber­tä­re Sex­per­ten.

Ein Gast­kom­men­tar von Hubert Hecker.

Eini­ge Pas­sa­gen in den publi­zier­ten Tex­ten der Fach­ta­gung vom Erz­bis­tum Ber­lin zu „Sexu­al­päd­ago­gi­scher Arbeit in katho­li­schen Ein­rich­tun­gen“ hat­ten kürz­lich Empö­rung her­vor­ge­ru­fen. Das erz­bi­schöf­li­che Pres­se­amt reagier­te mit klei­nen Ergän­zun­gen. Die­se punk­tu­el­le Kor­rek­tur änder­te aber nichts an der Gesamt­aus­rich­tung der Tagung. In fast allen Work­shops wur­de eine ego-hedo­ni­sti­sche Sexu­al­päd­ago­gik pro­pa­giert, die im Wider­spruch zur kirch­li­chen Leh­re von Lie­be, Ehe und Fami­lie steht.

Sexualpädagogik à la Sielert
Sexu­al­päd­ago­gik à la Sie­lert

Die Ana­ly­se der Tagungs­tex­te bringt ans Licht, dass sich die Ber­li­ner Jugend­ver­ant­wort­li­chen an einer säku­la­ren Sexua­li­sie­rungs­theo­rie ori­en­tie­ren, die auf die sexu­el­le Revo­lu­ti­on der 68er zurück­geht. Die damals von dem homo­se­xu­el­len Pädo­phi­len­ak­ti­vist Hel­mut Kent­ler ent­wickel­te eman­zi­pa­to­ri­sche Sexu­al­päd­ago­gik fand unter ande­rem in der Oden­wald­schu­le ihr Expe­ri­men­tier- und Pra­xis­feld. Der Kie­ler Pro­fes­sor Uwe Sie­lert eta­blier­te das leicht modi­fi­ziert Kon­zept der neo-eman­zi­pa­to­ri­schen Sexu­al­päd­ago­gik in der von ihm mit­ge­grün­de­ten „Gesell­schaft für Sexu­al­päd­ago­gik“. Die beein­flusst inzwi­schen die Aus­rich­tung zahl­rei­cher Lehr­in­sti­tu­te und Publi­ka­tio­nen zur Sexu­al­päd­ago­gik. Auch in den maß­geb­li­chen Trä­ger­or­ga­ni­sa­tio­nen von Kinder‑, Jugend- und Sozi­al­ar­beit im Bis­tum Ber­lin sowie dem erz­bi­schöf­li­chen Amt für Jugend­seel­sor­ge hat sich die­ser Ansatz zu Sexua­li­täts­fra­gen offen­bar ein­ge­schli­chen. Die­se Ten­denz gilt nicht nur für das Bis­tum Ber­lin.

Da stellt sich die Fra­ge: War­um konn­te sich die liber­tä­re Sexu­al­päd­ago­gik in der kirch­li­chen Jugend­ar­beit in vie­len Bis­tü­mern durch­set­zen? Wel­che kirch­li­chen Strö­mun­gen haben bei der Über­nah­me von säku­la­ren Sexua­li­sie­rungs­kon­zep­ten zuge­ar­bei­tet? Gibt es gar Über­schnei­dun­gen zwi­schen dem Ansatz der Kent­ler-Sie­lert-Schu­le und kirch­li­chen Basis­tex­ten?

Lustbetonte Selbstverwirklichung

Zur glei­chen Zeit Anfang der 70er Jah­re, als Kent­ler von der Lebens- und Lust­po­tenz der Sexua­li­tät schwärm­te, publi­zier­te die Würz­bur­ger Syn­ode ein Arbeits­pa­pier zum The­ma: „Sinn und Gestal­tung mensch­li­cher Sexua­li­tät“. Dar­in wird eben­falls das Erleb­nis der sexu­el­len Lust als wesent­li­che  exi­sten­ti­el­le Erfah­rung pro­pa­giert.

Würzburger Synode
Würz­bur­ger Syn­ode

Neben dem Lust­be­griff wur­de eine ande­re For­de­rung zur Brücke ins kirch­li­che Milieu, näm­lich Sie­lerts For­mel von der „sexu­el­len Selbst­be­stim­mung“. Gemeint ist „die Lust an sich selbst zu ent­decken“, also Sexua­li­tät pri­mär als selbst­be­zo­ge­ne hedo­ni­sti­sche Hal­tung und Hand­lung ein­zu­ord­nen.

Das von der Würz­bur­ger Syn­ode 1974 ein­ge­führ­te Par­al­lel­wort für die kirch­li­che Jugend­ar­beit hieß „Selbst­ver­wirk­li­chung“. In dem Syn­oden­text „Zie­le und Auf­ga­ben kirch­li­cher Jugend­ar­beit“ spielt die­ser Begriff eine zen­tra­le Rol­le. Auch nach­dem damals die Deut­sche Bischofs­kon­fe­renz den Basis­an­satz der Selbst­be­zo­gen­heit abge­lehnt hat­te, blieb der syn­oda­le Jugend­aus­schuss hart­näckig bei sei­nem anthro­po­lo­gi­schen und päd­ago­gi­schen Irr­weg.

Die Begrün­dung dafür war, dass sich der Begriff „in der päd­ago­gi­schen Lite­ra­tur“ ein­ge­bür­gert hät­te. Zugleich muss­te man zuge­ste­hen, dass die dama­li­ge Päd­ago­gik im Gefol­ge der Stu­den­ten-Revo­lu­ti­on weit­ge­hend liber­tär und neo­mar­xi­stisch geprägt war. So konn­te der Begriff Selbst­ver­wirk­li­chung zum Ein­falls­tor für eine anti­au­to­ri­tär-ich­be­zo­ge­ne Aus­rich­tung der Kin­der- und Jugend­ar­beit in katho­li­schen Lehr­plä­nen und Ein­rich­tun­gen wur­de.

Die Fehl­ori­en­tie­rung an ‚Selbst­ver­wirk­li­chung’ hat bis heu­te fata­le Wir­kung. Unter ande­rem mach­te der Begriff die kirch­li­che Jugend­ar­beit anschluss­fä­hig für die neo-eman­zi­pa­to­ri­sche Sexu­al­päd­ago­gik der Kent­ler-Schu­le im Sin­ne der sexu­el­len Selbst­be­stim­mung.

Die Theo­rie von Selbst­be­stim­mung und Selbst­ver­wirk­li­chung von Kin­dern und Jugend­li­chen  stamm­te aus dem ideo­lo­gi­schen Arse­nal der 68er-Bewe­gung. Die erklär­te kul­tu­rel­le Nor­men (des kapi­ta­li­sti­schen Westens) zu Fes­seln bei der Ent­fal­tung des Indi­vi­du­ums. In den Kin­der­lä­den der 68er, den Inter­na­ten nach der Art von Sum­mer­hill bis hin zu den Kin­der­grup­pen der Grü­nen-Prot­ago­ni­sten prak­ti­zier­te man die­sen „eman­zi­pa­to­ri­schen“ Ansatz in dop­pel­ten Hin­sicht:  Die Kin­der soll­ten einer­seits frei von Vor­ga­ben Erwach­se­ner ihren Bedürf­nis­sen und Antrie­ben nach­ge­hen kön­nen. Ande­rer­seits wur­den sie ermu­tigt und gelenkt, ihre Aggres­sio­nen gegen die Nor­men und Welt der Erwach­se­nen ein­zu­set­zen. Das pro­pa­gier­te Hel­mut Kent­ler und prak­ti­zier­te der Kin­der­grup­pen­lei­ter Dani­el Cohn-Ben­dit ein­schließ­lich der lust­be­ton­ten Früh­se­xua­li­sie­rung von Vor­schul­kin­dern.

Kirchlicher Verzicht auf pädagogische Werteorientierung

Der Syn­oden-Ansatz der Selbst­ver­wirk­li­chung in der Jugend­ar­beit ent­spricht die­sem dop­pel­ten Eman­zi­pa­ti­ons­ziel: Tot­schwei­gen bis Ableh­nung von Nor­men, ins­be­son­de­re der kirch­li­chen Leh­ren von Lie­be, Ehe und Fami­lie, ande­rer­seits Ori­en­tie­rung an den Axio­men der päd­ago­gik­frei­en Selbst­so­zia­li­sa­ti­on von Kin­dern und Jugend­li­chen im Sin­ne der liber­tä­ren und neo­mar­xi­sti­schen Päd­ago­gik:

„Der Mensch ver­folgt das Ziel, sich selbst zu ver­wirk­li­chen“.

So lau­tet der Grund-Satz der Würz­bur­ger Syn­ode zur kirch­li­chen Jugend­ar­beit, 1999 von der Jugend­kom­mis­si­on der DBK erneut fort­ge­schrie­ben. Und im Ber­li­ner Pasto­ral­plan von 2003 heißt es:

„Kin­der und Jugend­li­che sol­len ihr eige­nes Wer­te­sy­stem (…) ent­decken und ent­wickeln kön­nen“.

Die zugrun­de­lie­gen­de Theo­rie der abso­lu­ten Selbst­kom­pe­tenz der Her­an­wach­sen­den für ihre Sozia­li­sa­ti­on geht auf Rous­se­au zurück. In des­sen Erzie­hungs­ro­man und ‑modell „Émi­le“ wird der Zög­ling von allen gesell­schaft­li­chen Ein­flüs­sen iso­liert, um in Frei­heit sei­ne Fähig­kei­ten zu ent­wickeln und „nur sich selbst zu gehor­chen“. Der Erzie­her soll nur als „Freund“ in Augen­hö­he fun­gie­ren und Impul­se oder Anre­gun­gen geben.

Emile von Rousseau, 1762
„Émi­le“ von Rous­se­au, 1762

Auch nach der Syn­oden­schrift sol­len die kirch­li­chen Mit­ar­bei­ter in den Pro­zess der indi­vi­du­el­len Selbst­fin­dung nicht ein­grei­fen. Letzt­lich brau­che man für die jugend­li­che Selbst­wer­dung über­haupt kei­ne Päd­ago­gen mehr, son­dern nur noch ‚Lern­be­glei­ter’. Die sol­len allen­falls „Ange­bo­te per­so­na­ler und sach­li­cher Art“ machen. Allein damit befasst sich die Syn­oden­schrift in wei­ten Tei­len.  BDKJ-Prä­ses Pfr. Dirk Bin­ge­ner for­mu­lier­te die kirch­li­che Ange­bots­theo­rie für Jugend­ar­beit im Gespräch mit der Tages­post vom 11. 11. 2017 so, dass man Kin­der und Jugend­li­che „beglei­ten“ und gele­gent­lich „ermu­ti­gen“ soll, das von ihnen ein­mal Erkann­te für sich anzu­neh­men.

Wie bei dem iso­la­tio­ni­sti­schen Ansatz Rous­se­aus blen­det die Jugend­theo­rie der Syn­ode die Tat­sa­che aus, dass Kin­der und Jugend­li­che vor und neben den kirch­li­chen „Ange­bo­ten“ mas­siv bewor­ben, beein­flusst, mani­pu­liert und ver­führt wer­den durch Medi­en und ande­re gesell­schaft­li­che Insti­tu­tio­nen. Die­se Kräf­te zie­len auch auf das Wer­te­ge­rüst der Her­an­wach­sen­den. Wenn nun die Kir­che einer­seits dar­auf ver­zich­tet, die Kin­der und Jugend­li­che päd­ago­gisch an die kirch­li­chen Nor­men und Wer­te her­an­zu­füh­ren, ande­rer­seits nur frei­blei­ben­de sach­li­che und per­so­na­le „Ange­bo­te“ für die Selbst­ver­wirk­li­chung bereit­stellt, ver­baut sie sich selbst die Chan­cen für eine sinn­ge­ben­de Jugend­ar­beit. Schlim­mer noch: Sie lässt die Jugend­li­chen allein unter dem Trom­mel­feu­er der päd­ago­gisch zwei­fel­haf­ten gesell­schaft­li­chen Ein­wir­kungs­kräf­te. Eine wei­te­re fata­le Fol­ge besteht dar­in, dass sich die kirch­li­chen Ange­bo­te für Selbst­ver­wirk­li­chung immer mehr an die extern domi­nier­te „Jugend­kul­tur“ anpas­sen – wie das an der Ber­li­ner Tagung unüber­seh­bar war. Und dann wan­delt sich das von kirch­li­chen Jugend­ar­bei­tern gefor­der­te „Beglei­ten“ und „Ermu­ti­gen“ zur För­de­rung von liber­tä­rer bis zu por­no­gra­phi­scher Sexu­al­päd­ago­gik!

In die­se Fal­le tappt auch Erz­bi­schof Koch  mit sei­nem Gruß­wort zu der Bis­tums­ta­gung, wenn er die  kirch­li­chen Mit­ar­bei­ter auf das über­hol­te Kon­zept der  Selbst­ver­wirk­li­chung aus­rich­tet: Sie sol­len die Jugend­li­chen auf dem „kom­ple­xen Hand­lungs­feld“ der Sexua­li­tät „beglei­ten“, sich in „offe­nen Aus­tausch ein­las­sen“, dar­über ins „Gespräch kom­men“, den jun­gen Men­schen „zur Sei­te zu ste­hen“, sich in die­sem Sin­ne „auf den Weg machen“ und „mit­ein­an­der ler­nen“. Aus die­sen päd­ago­gi­schen Leer-For­meln spricht der oben skiz­zier­te liber­tä­re Ansatz, über­haupt kei­ne inhalt­li­chen Lern­zie­le zu set­zen, erst­recht nicht aus der kirch­li­chen Glau­bens­leh­re. Man hat höch­stens in einem  herr­schafts­frei­en Dia­log zwi­schen Erwach­se­nen und Her­an­wach­sen­den von­ein­an­der zu ler­nen. Die Gesell­schafts- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­theo­rien der frü­hen 70er Jah­re wer­den umstands­los auf die Jetzt­zeit über­tra­gen.

Verfehlter Erziehungsansatz und individualistische Anthropologie

Knapp 50 Jah­re nach der anti­au­to­ri­tä­ren Revol­te der 68er hat sich die Kir­che immer noch nicht von die­sen nicht-päd­ago­gi­schen  Kin­der­la­den­kon­zep­ten gelöst. Sie hat den Anschluss an die all­ge­mei­ne Päd­ago­gik ver­lo­ren, die sich schon vor Jahr­zehn­ten wie­der dem klas­si­schen Bil­dungs­an­satz zuge­wandt hat: alters­ge­mä­ße Füh­rung von Kin­dern und Jugend­li­chen (Päda-gogik), Ein­füh­rung in eine bestimm­te geschichts- und kul­tur­ge­präg­te Welt, Hin­füh­run­gen zu den ent­spre­chen­den Wer­ten und Nor­men: Päd­ago­gik als lern­ziel­ori­en­tier­ter Bil­dungs­pro­zess.

Sexualpädagogische Tagung des Erzbistums Berlin: Viele Tabus? Welche Tabus?
Sexu­al­päd­ago­gi­sche Tagung des Erz­bis­tums Ber­lin: Vie­le Tabus? Wel­che Tabus?

In der Phi­lo­so­phie der Selbst­ver­wirk­li­chung kri­stal­li­siert sich aber nicht nur ein ver­fehl­ter Erzie­hungs­an­satz, son­dern auch eine extrem indi­vi­dua­li­sti­sche Anthro­po­lo­gie. Deren Basis­phi­lo­so­phie vom ‚ver­ein­zel­ten Ein­zel­nen’ ist eben­falls seit Jahr­zehn­ten über­holt. Für jede ernst­zu­neh­men­de Gesell­schafts­wis­sen­schaft ist das Axi­om vom Men­schen als sozia­les Wesen selbst­ver­ständ­lich. Für die Kir­che soll­te das erst recht gel­ten.

Von der christ­li­chen Glau­bens­leh­re ist das Pro­gramm der Selbst­ver­wirk­li­chung noch wei­ter ent­fernt. Nach­dem die Bischö­fe wäh­rend der Würz­bur­ger Syn­ode die Ziel­set­zung des Selbst­be­zugs als unbi­blisch und unchrist­lich kri­ti­siert hat­ten, reagier­ten die Autoren mit einer unse­riö­sen „Kor­rek­tur“. Sie behaup­te­ten ein­fach, das Anlie­gen der Selbst­ver­wirk­li­chung wäre „in Jesus Chri­stus als dem Gekreu­zig­ten und Auf­er­stan­de­nen (…) auf ein­ma­li­ge Wei­se gege­ben“. Des­halb wür­de die „Nach­fol­ge Chri­sti ein Weg zur Selbst­ver­wirk­li­chung des ein­zel­nen bedeu­ten“ (S. 283). Das sag­ten die Autoren ange­sichts der Jesus­wor­te von Selbst­ver­leug­nung und Kreuz­auf­nah­me in der Nach­fol­ge.

Es läuft auf die Qua­dra­tur des Krei­ses her­aus, wenn man das Pro­gramm der Selbst­ver­wirk­li­chung als Erfül­lung des christ­li­chen Glau­bens ver­mit­teln will. Doch genau das ver­sucht auch Erz­bi­schof Hei­ner Koch, wenn er in sei­nem Gruß­wort behaup­tet, „dass der christ­li­che Glau­be und sein Men­schen­bild zur Selbst­ver­wirk­li­chung, zu wah­rer Bezie­hung und Inti­mi­tät frei­ma­chen“ könn­ten.

Schon anhand der gebrauch­ten Begrif­fe ist die Wider­sprüch­lich­keit des Koch’schen Postu­lats auf­zu­wei­sen: Wie soll die indi­vi­dua­li­sti­sche Selbst­be­zo­gen­heit zu „wah­ren Bezie­hun­gen“ sozia­ler und sexu­el­ler Art frei­ma­chen kön­nen?

Statt Selbstverwirklichung christliche Selbsttranszendenz in Nächstenliebe

Der öster­rei­chi­sche Neu­ro­lo­ge Vik­tor E. Frankl hat die Ideo­lo­gie der Selbst­ver­wirk­li­chung schon vor 40 Jah­ren einer ver­nich­ten­den Kri­tik unter­zo­gen: Wer in ego­isti­schem Selbst­be­zug Lebens­sinn und Erfül­lung im eige­nen Selbst suche, wer­de nur Lee­re, Lan­ge­wei­le und Sinn­lo­sig­keit fin­den. Nur in dem Maße, in dem der Mensch „im Dienst an einer Sache oder in der Lie­be zu einer Per­son sich selbst ver­gisst, über­sieht“ oder ver­liert, erfährt er Sinn, Erfül­lung und Glück. Die Essenz der mensch­li­chen Exi­stenz besteht nach Frankl in der Tran­szen­denz ihrer selbst, also der Aus­rich­tung des Men­schen auf etwas, was nicht wie­der er selbst ist.

Wenn die urmen­sch­li­che Suche nach Sinn und Erfül­lung durch Selbst­über­schrei­tung gar nicht ange­strebt wer­de oder miss­lin­ge, trä­ten Ersatz­zie­le an deren Stel­le – etwa Gel­tungs­stre­ben oder der Wil­le zu Lust und Macht. Ins­be­son­de­re im viel­fach pro­pa­gier­ten Lust­prin­zip unter dem Pri­mat der Selbst­ver­wirk­li­chung sieht Frankl eine neu­ro­ti­sche Kom­pen­sa­ti­ons­mo­ti­va­ti­on.

Im Übri­gen kann Fran­kls Ansatz als Ent­fal­tung eines Jesus-Wor­tes aus dem Mar­kus-Evan­ge­li­um gele­sen wer­den. Das lau­tet sinn­ge­mäß so: Wer nur sich selbst sucht und sein Leben in den Vor­der- und Mit­tel­punkt rückt, wird sich ver­lie­ren — selbst bei Anrei­che­rung von Geld, Macht oder Anse­hen. Wer dage­gen sein Selbst hint­an­stellt, indem er sich an der Nach­fol­ge Jesu und der Näch­sten­lie­be ori­en­tiert, wird ein erfüll­tes Leben finden.((Interpretation zu Mk 8,34ff nach einer Pre­digt vom Neu­te­sta­ment­ler Prof. Mari­us Rei­ser.))

„Lebe deine Moeglichkeiten“, zum 20. Todestag von Viktor Frankl
„Lebe dei­ne Mög­lich­kei­ten“, zum 20. Todes­tag von Vik­tor Frankl

Es ist dem Ber­li­ner Erz­bi­schof, sei­nen Ordi­na­ri­ats­ver­ant­wort­li­chen sowie den BDKJ-Füh­rern zu emp­feh­len, die Anthro­po­lo­gie des Wie­ner Neu­ro­lo­gen zu studieren.((Erich Schech­ner: Lebe dei­ne Mög­lich­kei­ten. Vik­tor Frankl und die Ent­fal­tung des Mensch­li­chen, Pat­mos 2017 (zum 20. Todes­tag von Vik­tor Frankl).)) Dar­aus könn­ten sie eine kri­ti­sche Sicht auf den Pri­mat des Lust­stre­bens in den gän­gi­gen Theo­rien der Sexu­al­päd­ago­gik ent­wickeln. Schließ­lich soll­te damit der Anstoß gege­ben wer­den, end­lich das anthro­po­lo­gisch und päd­ago­gisch ver­fehl­te sowie unchrist­li­che Leit­bild der Selbst­ver­wirk­li­chung auf­zu­ge­ben. Eine kri­ti­sche Revi­si­on der Syn­oden­tex­te ist schon seit Jah­ren über­fäl­lig. Das soll­ten etwa katho­li­sche Aka­de­mien lei­sten, müss­te aber von der Jugend­kom­mis­si­on der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz ein­ge­lei­tet wer­den.

Die Ber­li­ner Tagung war durch zwei Vor­trä­ge vom Theo­lo­gen und Psy­cho­the­ra­peu­ten Wuni­bald Mül­ler ein­ge­rahmt. Des­sen Lob­lied auf die Sexua­li­tät als posi­tiv-befrei­en­de Kraft unter­schied sich nur inso­fern von Uwe Sie­lerts Axi­om der sexu­el­len Lebens­en­er­gie, als er Sexua­li­tät pan­the­istisch bis zur gött­li­chen Ver­ei­ni­gung über­höh­te. Mül­lers Aus­füh­run­gen unter dem Mot­to: „Küs­sen ist Beten“ stan­den viel­fach im Wider­spruch zur kirch­li­chen Leh­re.

Von daher war es wenig über­ra­schend, dass bei der Tagung auf neue­re kirch­li­che Publi­ka­tio­nen und Pro­gram­me zu Sexua­li­tät, Lie­be und Ehe nicht ein­ge­gan­gen wur­de:

  • Die „Theo­lo­gie des Lei­bes“ von Papst Johan­nes-Paul II. liegt in ver­schie­de­nen Publi­ka­tio­nen vor und wur­de bis­her in drei Kon­gres­sen von der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Eich­stätt auf­ge­ar­bei­tet.
  • Dar­auf baut auch ein Stu­di­en­gang an der phil.-theol. Hoch­schu­le Bene­dikt XVI. Hei­li­gen­kreuz auf. Unter dem Groß­the­ma „Leib – Bin­dung – Iden­ti­tät“ wird eine „ent­wick­lungs­sen­si­ble Sexu­al­päd­ago­gik“ auf christ­li­cher Basis in vier Seme­stern erarbeitet.((Studiengang Theo­lo­gie des Lei­bes, Phil.-theol. Hoch­schu­le Bene­dikt XVI. Hei­li­gen­kreuz und Initia­ti­ve Christ­li­che Fami­lie.))
  • Teen­STAR ist ein sexu­al­päd­ago­gi­sches Kurs­pro­gramm zur jugend­li­chen Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung über „Freund­schaft, Lie­be und Sexua­li­tät“. Die­ser Ansatz, seit zwei Jahr­zehn­ten pra­xis­er­probt, hät­te bestens zu dem Tagungs­the­ma „Sexu­al­päd­ago­gi­sche Arbeit in katho­li­schen Ein­rich­tun­gen“ gepasst.((Teen­STAR Deutsch­land: ein ganz­heit­li­ches Pro­gramm zur Sexu­al­päd­ago­gik.))
  • „Die Theo­lo­gie des Lei­bes ist die Ant­wort der katho­li­schen Kir­che zum The­ma Mensch­sein, Sexua­li­tät, Mann- und Frau­sein.“ Das ist das Resü­mee einer Tagungs­teil­neh­me­rin zum vati­ka­ni­schen Sexu­al­erzie­hungs­pro­gramm „mee­ting point“ (vgl. kath.net vom 11. 12. 2017).
  • In sei­ner Turi­ner Anspra­che vom 21. 6. 2015 sag­te Papst Fran­zis­kus zu Kin­dern und Jugend­li­chen: „In die­ser hedo­ni­sti­schen Welt, wo nur das Ver­gnü­gen ange­prie­sen wird, sage ich euch: Die Lie­be ist respekt­voll gegen­über der ande­ren Per­son. Sie gebraucht die Per­son nicht, das heißt: Die Lie­be ist keusch.“ Der Papst for­der­te die Jugend­li­chen auf, „gegen den Strom der hedo­ni­sti­schen, kon­su­mi­sti­schen Welt mit ihren Sei­fen­bla­sen­wer­ten zu schwim­men“. Mehr­mals beton­te er: „Seid keusch, seid keusch!“ In der Schrift­form der Anspra­che gab er den Jugend­li­chen das Jesus­wort mit auf den Weg: „Wer sein Leben ret­ten will, wird es ver­lie­ren…“
  • Auch in den ersten Kapi­teln des nach­syn­oda­len Schrei­bens von Papst Fran­zis­kus „Amo­ris lae­ti­tia“ ist die kirch­li­che Leh­re von Lie­be und Ehe für heu­ti­ge Men­schen dar­ge­stellt. Erz­bi­schof Hei­ner Koch hat an den syn­oda­len Grund­la­gen per­sön­lich mit­ge­ar­bei­tet. War­um bringt er sol­che katho­li­schen Impul­se nicht in die the­ma­ti­sche Tagung sei­nes Bis­tums ein? Wes­halb über­lässt er das Feld der Sexu­al­päd­ago­gik den liber­tä­ren Sex­per­ten? (Ende der Serie).

Bis­her erschie­ne­ne Auf­sät­ze zur vier­tei­li­gen Serie Zur sexu­al­päd­ago­gi­schen Tagung im Erz­bis­tum Ber­lin:

Text: Hubert Hecker
Bild: cft.ch/kid care/Erzbistum Ber­lin (Screen­shots)

1 Kommentar

  1. Bei Vik­tor Emil Fran­kls Lebens­ge­schich­te,
    ist mir sofort
    die hei­li­ge Ber­na­det­te Sou­bi­rous,
    Ordens­na­me Marie Ber­nar­de Sou­bi­rous
    ein­ge­fal­len
    und Franz Wer­fel und des­sen Lebens­ge­schich­te,
    und vor allem auch die Kin­der von Fati­ma.
    Man möch­te fast an eine Mul­ti­ver­sen-Par­al­lel­welt­en­theo­rie man­cher Astro­phy­si­ker und Quan­ten­phy­si­ker glau­ben,
    so unter­schied­lich sind die­se jewei­li­gen Wel­ten.
    Franz Wer­fel schrieb einen Roman über Ber­na­det­te,
    der ein sehr anschau­li­ches Bild ihres Lebens und der Ent­wick­lung von Lour­des zu einem reli­giö­sen Zen­trum gibt. Er war aus dem natio­nal­so­zia­li­sti­schen Deutsch­land nach Lour­des geflüch­tet und hat­te dort ein Gelüb­de abge­legt, dass er die Geschich­te Ber­na­det­tes nie­der­schrei­ben wer­de, falls er die Ver­fol­gung durch die Natio­nal­so­zia­li­sten über­le­ben soll­te.
    Die Ver­fil­mung Das Lied von Ber­na­det­te von 1943 mit Jen­ni­fer Jones als Ber­na­det­te wur­de ein mit meh­re­ren Oscars aus­ge­zeich­ne­ter Welt­erfolg.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Bernadette_Soubirous

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