Die „lutherische Wende“ von Papst Franziskus

Luther-Briefmarke der vatikanischen Staatspost. Maria und Johannes unter dem Kreuz wurden durch Luther und Melanchton ersetzt. Zum 400. Jahrestag der Reformation sahen das die Jesuiten noch ganz anders. Die Darstellung stammt von der sogenannten Thesentür der Wittenberger Schloßkirche (August von Kloeber, 1851).
Luther-Briefmarke der vatikanischen Staatspost. Maria und Johannes unter dem Kreuz wurden durch Luther und Melanchton ersetzt. Zum 400. Jahrestag der Reformation sahen das die Jesuiten noch ganz anders. Die Darstellung stammt von der sogenannten Thesentür der Wittenberger Schloßkirche (August von Kloeber, 1851).

von Rober­to de Mattei*

Am 31. Okto­ber 2016 eröff­ne­te Papst Fran­zis­kus das Luther-Jahr, indem er in der Kathe­dra­le im schwe­di­schen Lund die Ver­tre­ter des Welt­lu­ther­tums traf. Seit­her folg­ten in der Kir­che ad abundan­ti­am „öku­me­ni­sche“ Tref­fen und Fei­ern. Genau ein Jahr spä­ter wur­de die „luthe­ri­sche Wen­de“ durch eine sym­bo­li­sche Hand­lung besie­gelt, deren schwer­wie­gen­de Bedeu­tung nur weni­ge erkannt haben:

Die Vati­ka­ni­sche Post gab eine Brief­mar­ke aus, mit der die Grün­dung des Pro­te­stan­tis­mus gefei­ert wird, die am 31. Okto­ber 1517 mit dem angeb­li­chen The­sen­an­schlag Luthers an die Tür der Wit­ten­ber­ger Schloß­kir­che ihren Aus­gang nahm. „500 Jah­re pro­te­stan­ti­sche Refor­ma­ti­on“ kann man auf der Brief­mar­ke lesen, die am 31. Okto­ber vom Amt für Phil­ate­lie des Vati­kans vor­ge­stellt wur­de.

In der offi­zi­el­len Mit­te­lung des vati­ka­ni­schen Amtes heißt es dazu:

„Die Brief­mar­ke zeigt im Vor­der­grund den gekreu­zig­ten Jesus vor gol­de­nem und zeit­lo­sem Hin­ter­grund mit der Stadt Wit­ten­berg. In Buß­hal­tung, links und rechts vom Kreuz kniend, hält Mar­tin Luther eine auf­ge­schla­ge­ne Bibel in den Hän­den, Quel­le und Ziel sei­ner Leh­re, wäh­rend Phil­ipp Melan­chton, Theo­lo­ge und Freund Mar­tin Luthers, eine der wich­tig­sten Gestal­ten der Refor­ma­ti­on, das Augs­bur­ger Bekennt­nis, die Con­fes­sio Augu­sta­na, in der Hand hält, die erste offi­zi­el­le Dar­le­gung der Grund­sät­ze des Pro­te­stan­tis­mus, die von ihm ver­faßt wur­de.“

Die Erset­zung der Got­tes­mut­ter und des hei­li­gen Johan­nes zu Füßen des Kreu­zes durch die bei­den Häre­si­ar­chen Luther und Melan­chton stellt eine blas­phe­mi­sche Belei­di­gung dar, die bis­her von kei­nem Kar­di­nal und kei­nem Bischof offen gerügt wur­de. Die Bedeu­tung die­ser Dar­stel­lung wird durch die gemein­sa­me Stel­lung­nah­me des Luthe­ri­schen Welt­bun­des und des Päpst­li­chen Rates zur För­de­rung der Ein­heit der Chri­sten erklärt, die am sel­ben Tag wie die Brief­mar­ke ver­öf­fent­licht wur­de. Die Stel­lung­nah­me schil­dert die posi­ti­ve Bilanz des Dia­lo­ges zwi­schen Katho­li­ken und Luthe­ra­nern, bekräf­tigt „eine neue Sicht auf die Ereig­nis­se des 16. Jahr­hun­derts“, die „zu unse­rer Tren­nung führ­ten“, und bestä­tigt die „tie­fe Dank­bar­keit für die spi­ri­tu­el­len und theo­lo­gi­schen Gaben, die uns die Refor­ma­ti­on geschenkt hat“.

Und als wür­de das noch nicht genü­gen, fei­er­te gleich­zei­tig La Civil­tà Cat­to­li­ca, die „offi­ziö­se“ Stim­me von Papst Fran­zis­kus, Luther mit einem Arti­kel von P. Gian­car­lo Pani SJ („Mar­tin Luther, 500 Jah­re danach“, La Civil­tà Cat­to­li­ca, 21. Okto­ber – 4. Novem­ber 2017, S. 119–130). Pater Pani ist der­sel­be, der 2014 behaup­te­te, die Kon­zils­vä­ter von Tri­ent hät­ten nach dem ver­brei­te­ten Brauch der schis­ma­ti­schen, grie­chi­schen Kir­che bei Ehe­bruch die Schei­dung und Wie­der­ver­hei­ra­tung erlaubt. Nun behaup­tet er, Mar­tin Luther sei nie ein Häre­ti­ker gewe­sen, son­dern ein ech­ter „Refor­mer“.

So schreibt er:

„Die The­sen von Wit­ten­berg sind weder eine Pro­vo­ka­ti­on noch eine Rebel­li­on gegen die Auto­ri­tät, son­dern ein Vor­schlag zur Erneue­rung der Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums mit dem ehr­li­chen Wunsch nach einer ‚Reform‘ der Kir­che“ (S. 128). Trotz des Anspru­ches, „sei es von der römi­schen Kir­che, sei es von Luther, in toto die Wahr­heit zu ver­kör­pern und ihr Ver­kün­der zu sein“, „kann nicht die Rol­le geleug­net wer­den, die Luther als Glau­bens­zeu­ge hat­te. Er ist ‚der Refor­ma­tor‘: Er ver­stand es, einen Reform­pro­zeß ein­zu­lei­ten, von dem auch die katho­li­sche Kir­che Nut­zen gezo­gen hat“ (S. 129).

Wenn dem so ist, dann wur­de Luther von der Kir­che zu Unrecht ver­folgt und 500 Jah­re lang ver­leum­det. Des­halb ist die Stun­de sei­ner Reha­bi­li­tie­rung gekom­men. Und um ihn zu reha­bi­li­tie­ren, kann man sich nicht dar­auf beschrän­ken, nur sein pro­phe­ti­sches Wir­ken auf­zu­zei­gen, son­dern muß soweit kom­men, daß die Kir­che sei­ne „Refor­men“ Will­kom­men heißt und in die Tat umsetzt. Das nach­syn­oda­le Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia stellt eine ent­schei­den­de Etap­pe auf die­sem Weg dar. Die Autoren der Cor­rec­tio filia­lis lie­gen also mit­nich­ten falsch, wenn sie auf „eine Ähn­lich­keit zwi­schen den Ideen Luthers über das Gesetz, die Recht­fer­ti­gung und die Ehe und jenen“ hin­wei­sen, „die von Eurer Hei­lig­keit in Amo­ris lae­ti­tia und anders­wo gelehrt und begün­stigt wer­den“.

Zur Erin­ne­rung: Papst Ber­go­glio gehört wie Pater Pani der Gesell­schaft Jesu an, deren Grün­der der hei­li­ge Igna­ti­us von Loyo­la war, ein Lehr­mei­ster des Glau­bens, den die Gött­li­che Vor­se­hung im 16. Jahr­hun­dert gegen das Luther­tum erweck­te. In Deutsch­land ran­gen Apo­stel wie der hei­li­ge Petrus Cani­si­us und der seli­ge Petrus Faber um jeden Meter gegen die Häre­ti­ker. Auf dem Ter­rain der anti­pro­te­stan­ti­schen Gegen­wehr war der hei­li­ge Robert Bel­l­ar­min der Größ­te, eben­falls ein Jesu­it.

Die Grün­dung der Civil­tà Cat­to­li­ca erfolg­te, von Papst Pius IX. ermu­tigt, im Jahr 1850 und nahm lan­ge die Rol­le eines ech­ten Boll­werks gegen die Irr­tü­mer der Zeit ein. Bereits in der ersten Aus­ga­be vom 6. April 1850 wid­me­te sie einen aus­führ­li­chen Auf­satz (anonym, doch von P. Matteo Libe­ra­to­re) dem poli­ti­schen Ratio­na­lis­mus der ita­lie­ni­schen Revo­lu­ti­on. Dar­in wur­de im Pro­te­stan­tis­mus die Ursa­che für alle moder­nen Irr­tü­mer gese­hen. Die­se The­se wur­de unter ande­ren von zwei nam­haf­ten Jesui­ten-Theo­lo­gen ent­wickelt: P. Gio­van­ni Per­ro­ne („Der Pro­te­stan­tis­mus und die Glau­bens­re­gel“, La Civil­tà Cat­to­li­ca, Rom 1853, 2 Bd.)((Il pro­te­stan­te­si­mo e la rego­la del­la fede)) und P. Hart­mann Gri­sar („Luther“, Ver­lag Her­der, Frei­burg im Breis­gau 1911/1912, 3 Bd.).

Eine beson­de­re Bedeu­tung kommt jedoch im Okto­ber 1917 dem Geden­ken an Luthers Revol­te durch die römi­sche Jesui­ten­zeit­schrift anläß­lich des 400. Jah­res­ta­ges des Wit­ten­ber­ger The­sen­an­schla­ges zu („Luther und das Luther­tum“ ((Lute­ro e il lute­ra­ne­si­mo)), La Civil­tà Cat­to­li­ca, IV (1917), S. 207–233; 421–430). Der Autor schrieb:

„Das Wesen des luthe­ri­schen Gei­stes, also des Luther­tums, ist die Rebel­li­on im gan­zen Aus­maß und der gan­zen Kraft des Wor­tes. Die Rebel­li­on, die in Luther Gestalt annahm, war ent­spre­chend viel­schich­tig und grund­le­gend, kom­plex und umfas­send. Sie trat gewalt­sam, unbän­dig, tri­vi­al, obszön und dia­bo­lisch auf und war es auch. Letzt­lich aber war sie kal­ku­liert auf die jewei­li­gen Umstän­de abge­stimmt und hat­te oppor­tu­ni­sti­sche und inter­es­sen­ge­lei­te­te Zie­le, die abge­wo­gen, aber mit größ­ter Zähig­keit ver­folgt wur­den“ (S. 208f).

Luther, so La Civil­tà Cat­to­li­ca, „begann jene unwür­di­ge Par­odie, mit der der rebel­li­sche Mönch Gott die Ideen, Läste­run­gen und Nie­der­träch­tig­kei­ten sei­nes per­ver­sen Gei­stes zuschrieb: er schmäh­te im Namen Chri­sti den Papst auf uner­hör­te Wei­se, er ver­fluch­te im Namen Chri­sti den Kai­ser, er fluch­te im Namen Chri­sti gegen die Kir­che, die Bischö­fe, die Mön­che mit gera­de­zu höl­li­scher Hef­tig­keit, er häng­te im Namen Chri­sti sein Orden­s­kleid an den Baum des Judas und im Namen Chri­sti ging er eine Ver­bin­dung mit einer Unhei­li­gen ein“ (S. 209).

„Unter dem sehr beque­men Vor­wand, der Schrift zu fol­gen, wie dem, daß nur sie das Wort Got­tes ent­hält, führ­te er einen Krieg gegen die scho­la­sti­sche Theo­lo­gie, die Tra­di­ti­on, das Kir­chen­recht, alle Ein­rich­tun­gen der Kir­che und die Kon­zi­le. Alle die­se erha­be­nen und ver­eh­rungs­wür­di­gen Din­ge ersetz­te Mar­tin Luther, mein­ei­di­ger Mönch und sich schad­los hal­ten­der Dok­tor, durch sich selbst und sei­ne eige­ne Auto­ri­tät! Die Päp­ste, die Kir­chen­leh­rer, die hei­li­gen Väter gal­ten nichts mehr: Mehr als alles galt das Wort des Mar­tin Luther!“ (S. 212).

Die luthe­ri­sche Recht­fer­ti­gungs­leh­re schließ­lich „ist aus der Phan­ta­sie Luthers ent­stan­den, nicht aus dem Evan­ge­li­um und nicht aus einem ande­ren von Gott den Autoren des Neu­en Testa­ments geof­fen­bar­ten Wort. Für uns hat jede Neu­heit Luthers ihren Ursprung und lüster­nen Ansporn und ihre Ent­fal­tung in einer Fäl­schung der hei­li­gen Schrift oder in einer for­ma­len Lüge“ (S. 214).

Pani wird nicht bestrei­ten kön­nen, daß sein Urteil über Luther alles auf den Kopf stellt, was sei­ne Mit­brü­der vor hun­dert Jah­ren in der­sel­ben Zeit­schrift über Luther geschrie­ben haben. 1917 wur­de er als Apostat, Rebell und Läste­rer gerügt. Heu­te wird er als Refor­mer, Pro­phet und Hei­li­ger gefei­ert. Kei­ne Hegel­sche Dia­lek­tik ver­mag einen sol­chen Wider­spruch zwi­schen dem Urteil von damals und von heu­te in Ein­klang zu brin­gen. Ent­we­der war Luther ein Häre­ti­ker, der eini­ge grund­le­gen­de Dog­men des Chri­sten­tums leug­ne­te, oder er war ein „Glau­bens­zeu­ge“, der eine Kir­chen­re­form ein­lei­te­te, die vom Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil und von Papst Fran­zis­kus zu Ende gebracht wird.

Mit einem Wort: Jeder Katho­lik ist auf­ge­ru­fen, sich zu ent­schei­den: zwi­schen Papst Fran­zis­kus und den Jesui­ten von heu­te oder den Jesui­ten von gestern und den Päp­sten von immer. Es ist eine Zeit der Ent­schei­dung, und gera­de die Medi­ta­ti­on des hei­li­gen Igna­ti­us über die bei­den Ban­ner (Geist­li­che Übun­gen, Nr. 137) hilft uns, sie in die­sen schwie­ri­gen Zei­ten zu tref­fen.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na

3 Kommentare

  1. Rober­to de Mattei weist auf den gol­de­nen Him­mel hin. Mit Recht, denn mit die­sem Ele­ment, das wir von byzan­ti­ni­schen Iko­nen, aber auch der christ­li­chen Kunst des mit­tel­al­ter­li­chen Westens ken­nen, ist die Dar­stel­lung in den Rang einer kano­ni­schen Iko­no­gra­phie erho­ben. Mar­tin Luther wird in die katho­li­sche Kir­che heim­ge­holt und gleich­sam hei­lig­ge­spro­chen, zumin­dest auf dem Weg dahin. Dazu fehlt ihm und sei­nem Genos­sen bloß noch der Hei­li­gen­schein.

  2. Maria und der Hei­li­ge Johan­nes wer­den durch Häre­ti­ker ersetzt. Wer dies unglaub­lich fin­det, gehört zu den letz­ten Gläu­bi­gen. Der Vati­kan kämpft gegen die letz­ten Gläu­bi­gen in immer schnel­le­rer Auf­ein­an­der­fol­ge.

  3. Die­se aktu­el­len Gescheh­nis­se erin­nern sehr stark an ein Gesicht der seli­gen Anna Katha­ri­na Emme­rick:

    „Ich sah eine Zeit kom­men, die schreck­lich war und ich bin froh, dies nicht erle­ben zu müs­sen. Ich sah die Peters­kir­che, als Sym­bol der katho­li­schen Kir­che. Um die­se her­um war ein tie­fer Gra­ben. Drü­ben stan­den die Pro­te­stan­ten. Da sah ich, wie katho­li­sche Prie­ster, Ordens­leu­te, usw. die Kir­chen aus­räum­ten. Altä­re, Hei­li­gen-Sta­tu­en und Bil­der in den Gra­ben war­fen, um die­sen voll zu brin­gen, sich den Pro­te­stan­ten anzu­pas­sen, damit sie her­über­kä­men. Als der Gra­ben voll war, kamen sie zwar her­über, blick­ten in die katho­li­sche Kir­che, schlu­gen die Hän­de über dem Kopf zusam­men und sag­ten ent­setzt und ent­täuscht, die kön­nen uns ja nichts mehr geben, die haben ja weni­ger als wir und lie­fen davon. Also, die Katho­li­ken haben (mit dem Aus­räu­men der Kir­che und vie­ler Über­lie­fe­run­gen) nur das Gegen­teil erreicht.“

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