Kirche und Freimaurerei – so nahe, so fern?

Darstellung in der "Bible moraliseé", die Erschaffung der Welt (um 1220). Die Darstellung wurde vom freimaurerischen Großorient von Italien für eine Diskussionsveranstaltung mit einem Bischof verwendet.
Darstellung in der "Bible moraliseé", die Erschaffung der Welt (um 1220). Die Darstellung wurde vom freimaurerischen Großorient von Italien für eine Diskussionsveranstaltung mit einem Bischof verwendet.

(Rom) 2017 fei­ern die Frei­mau­rer­lo­gen ihr 300. Grün­dungs­ju­bi­lä­um. Seit dem Jahr 1717 ist das Ver­hält­nis zwi­schen Loge und Kir­che reich an Span­nun­gen und Kon­flik­ten. In Syra­kus gibt es einen neu­en Anlauf zu einer Ver­stän­di­gung mit einem spek­ta­ku­lä­ren Aspekt: Erst­mals nimmt ein katho­li­scher Bischof an einer öffent­li­chen Logen­ver­an­stal­tung teil und wird mit dem Mei­ster vom Stuhl dis­ku­tie­ren. Eini­ge Ein­blicke in die Hin­ter­grün­de eines umstrit­te­nen Ver­suchs.

Wahrheit und Wahrheitssuche

Für die katho­li­sche Kir­che ist der ver­ord­ne­te Rela­ti­vis­mus und der fak­tisch prak­ti­zier­te Syn­kre­tis­mus der Logen­brü­der unver­ein­bar mit der von Gott geof­fen­bar­ten Wahr­heit der Wirk­lich­keit. Die Logen leh­nen die­se Offen­ba­rung als Glau­bens­wahr­heit ab. Die Aus­rich­tung der Logen ist aber je nach Obö­di­enz nicht nur dei­stisch, agno­stisch oder athe­istisch, son­dern war von Anbe­ginn maß­geb­lich von eso­te­ri­scher „Suche“ nach einer „ande­ren“ Wahr­heit als der christ­li­chen geprägt. In den katho­li­schen Staa­ten sahen und orga­ni­sier­ten sich die Logen als direk­te Geg­ner der Kir­che. Ihrem rela­ti­vi­sti­schen Cre­do fol­gend wol­len sie den öffent­li­chen Ein­fluß der Kir­che besei­ti­gen, wes­halb der Frei­mau­re­rei immer ein Macht­stre­ben anhaf­te­te. Die­ser Kampf tobt seit drei Jahr­hun­der­ten, und ein Ende ist nicht in Sicht.

Geheimbund mit Ambitionen nach innen und außen
Geheim­bund mit Ambi­tio­nen nach innen und außen

Die Geschich­te der Logen kennt aller­dings auch das Phä­no­men von Kir­chen­ver­tre­tern, die sich initi­ie­ren lie­ßen und dadurch nach kirch­li­chem Ver­ständ­nis zu Aposta­ten wur­den. Ihr ver­deck­tes Wir­ken in der Kir­che als „Agen­ten der Logen“ harrt noch einer Unter­su­chung. Ein beson­ders ekla­tan­tes Bei­spiel ist die präch­ti­ge Bene­dik­ti­ner­ab­tei Melk an der Donau. Im Klo­ster gab es im aus­ge­hen­den 18. Jahr­hun­dert nicht nur einen Mönchs­kon­vent, son­dern auch auch eine Loge. Ihr gehör­te ein Teil der Mön­che an und bil­de­ten damit einen Kon­vent der „Initi­ier­ten“ im Kon­vent.

Der Sta­tus als Geheim­bund, an dem die Logen bis heu­te fest­hal­ten, erlaubt es den beschürz­ten Brü­dern uner­kannt, ande­re Orga­ni­sa­tio­nen, Par­tei­en und Kir­chen zu infil­trie­ren und ein unsicht­ba­res Netz­werk zu schaf­fen.

„Lockerungsübungen“ nach dem Konzil

Eine Fol­ge des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils war es, daß logen­freund­li­che Kir­chen­krei­se sich mit neu­ge­won­ne­ner Selbst­si­cher­heit aus der Ver­bor­gen­heit wag­ten. Die 70er Jah­re waren von Bemü­hun­gen geprägt, so auch im deut­schen Sprach­raum, eine „Aus­söh­nung“ zwi­schen Loge und Kir­che her­bei­zu­füh­ren. Glau­bens­treue Bischö­fe in den Län­dern und die Wahl von Papst Johan­nes Paul II. berei­te­ten die­sen Ver­su­chen Anfang der 80er Jah­re ein Ende.

Wie­der­holt zir­ku­lie­ren Listen von angeb­li­chen oder tat­säch­li­chen Kir­chen­ver­tre­tern, dar­un­ter auch Kar­di­nä­le, die Logen­mit­glie­der sein sol­len. Der Reli­gi­ons­so­zio­lo­ge Mas­si­mo Intro­vi­g­ne warn­te vor fal­schen Ver­däch­ti­gun­gen und for­mu­lier­te im Mai 2013 ein siche­res Mit­tel, um den Ver­dacht der Logen­mit­glied­schaft zu klä­ren:

„Der ent­schei­den­de Kern der Frei­mau­rer­ideo­lo­gie ist der Rela­ti­vis­mus mit allen damit zusam­men­hän­gen­den poli­ti­schen Fol­gen, die häu­fig frei­mau­re­ri­sche Obö­di­en­zen dazu füh­ren, Geset­ze zur Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung, der Eutha­na­sie und der Homo-Ver­bin­dun­gen zu för­dern. Wenn man also über einen katho­li­schen Kir­chen­ver­tre­ter oder Poli­ti­ker sagen hört, er ist Frei­mau­rer, müß­te die Fra­ge lau­ten: Ver­tritt er rela­ti­vi­sti­sche Ideen? Ist er ein Abtrei­bungs­be­für­wor­ter? Spricht er sich für die Eutha­na­sie oder die gesetz­li­che Aner­ken­nung von Homo-Part­ner­schaf­ten aus?
Lau­tet die Ant­wort ‚Ja‘, dann ist er – laut der vom der­zei­ti­gen Groß­mei­ster des Groß­ori­ents von Ita­li­en gebrauch­ten Defi­ni­ti­on – ein ‚Frei­mau­rer ohne Schurz‘, ein Weg­ge­fähr­te der Frei­mau­re­rei, und die Fra­ge, ob er über einen offi­zi­el­len Mit­glieds­aus­weis ver­fügt oder nicht, ist dann nur mehr neben­säch­lich.
Wenn die Ant­wort ‚Nein‘ ist, und der Kir­chen­ver­tre­ter oder der katho­li­sche Poli­ti­ker sich offen dem Rela­ti­vis­mus und des­sen Fol­gen wider­setzt, dann kann man mit gutem Grund schluß­fol­gern, daß die Vor­wür­fe ver­leum­de­risch sind.“

Neue Signale einer Annäherung

Obwohl die Frei­mau­re­rei vor 35 Jah­ren mit ihrem Ver­such, durch die Kir­che aner­kannt zu wer­den, geschei­tert ist, haben die Logen­brü­der weder ihren Ver­drän­gungs­kampf gegen die Kir­che auf­ge­ge­ben noch den Ver­such, sie gei­stig ihrem Den­ken gefü­gig zu machen. Seit Papst Fran­zis­kus gewählt wur­de, glau­ben die beschürz­ten oder unbe­schürz­ten „Brü­der“ außer­halb und inner­halb der Kir­che eine neue Chan­ce zu sehen.

Zu den Signa­len, die in die­se Rich­tung deu­ten gehö­ren nicht nur Lobes­hym­nen auf den Papst aus Latein­ame­ri­ka, son­dern auch der auf­se­hen­er­re­gen­de Brief von Kar­di­nal Gian­fran­co Rava­si an die „Lie­ben Brü­der Frei­mau­rer“.

Einladung zur Diskussion in Syrakus
Ein­la­dung zur Dis­kus­si­on in Syra­kus

Jüng­stes Bei­spiel ist eine Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung des frei­mau­re­ri­schen Groß­ori­ents von Ita­li­en, die am kom­men­den 12. Novem­ber am Dom­platz von Syra­kus statt­fin­den soll. Die Ein­la­dun­gen zei­gen Jesus Chri­stus mit einem Zir­kel in der Hand, einem typi­schen Frei­mau­re­r­in­stru­ment. Der Zir­kel ist eines der „Drei gro­ßen Lich­ter“ der frei­mau­re­ri­schen Sym­bo­lik, die in den Logen­tem­peln auf dem Altar liegt.

Das The­ma der Ver­an­stal­tung lau­tet: „Kir­che und Frei­mau­re­rei – so nahe, so fern?“ Die Dar­stel­lung von Jesus ist Teil des Titel­bil­des der Bible mora­li­seé, das die Erschaf­fung der Welt zeigt. Mit den Logen­brü­dern und ihrer Ideen­welt hat die Dar­stel­lung nichts zu tun. Sie ent­stand um 1220, also 500 Jah­re vor Grün­dung der Frei­mau­re­rei. Die Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung ist Teil der 300-Jahr­fei­ern, die der Groß­ori­ent durch­führt.

Zweck der Ver­an­stal­tung ist, eine Ver­stän­di­gung zwi­schen Loge und Kir­che als mög­lich dar­zu­stel­len. Es wird der Ein­druck einer Ver­ein­bar­keit ver­mit­telt, den die Kir­che seit 300 Jah­ren zurück­weist.

Trotz pro­vo­kan­tem Bild und noch pro­vo­kan­te­rem Titel wird ein katho­li­scher Bischof an der Dis­kus­si­ons­run­de teil­neh­men. Msgr. Anto­nio Sta­gli­anò, Bischof von Noto und Msgr. Mau­ri­zio Aliot­ta vom Erz­bis­tum Syra­kus wer­den mit zwei Ehren­groß­mei­stern des Groß­ori­ents, San­ti Fede­le und Ser­gio Ros­so, dis­ku­tie­ren. Gast­ge­ber ist der Mei­ster vom Stuhl von Syra­kus, Ales­san­dro Spi­cuglia.

„Kommunitarismus“ als Gemeinsamkeit?

Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na (NBQ) berich­tet, daß es hef­ti­gen Pro­test von gläu­bi­gen Katho­li­ken gegen das Ereig­nis gibt. Die Men­schen fra­gen beim Erz­bis­tum Syra­kus an, was die­se „Umar­mung“ mit einer von der Kir­che ver­ur­teil­ten Orga­ni­sa­ti­on soll.

„Es geht um eine Orga­ni­sa­ti­on, die in Süd­ita­li­en immer mit der (häu­fig okkul­ten) Macht zu tun hat­te und zwi­schen Riten und Brü­der­lich­keit immer einen eso­te­ri­schen Zug hat­te, der nie wirk­lich offen­ge­legt wur­de.“

Die katho­li­sche Inter­net­zei­tung frag­te bei Bischof Sta­gli­anò nach, was es mit sei­ner Teil­nah­me auf sich habe. Der Bischof ver­wies auf den spek­ta­ku­lä­ren und eben­so umstrit­te­nen Brief von Kar­di­nal Gian­fran­co Rava­si an die „Brü­der Frei­mau­rer“. Der Vor­sit­zen­de des Päpst­li­chen Kul­tur­ra­tes habe „deut­lich auf­ge­zeigt“, wel­che Gemein­sam­kei­ten es zwi­schen Kir­che und Loge geben kön­ne: näm­lich den „Kom­mu­ni­ta­ris­mus“. Bischof Sta­gli­anò wört­lich:

„Ich neh­me an, daß er damit die Oppo­si­ti­on gegen einen unge­zü­gel­ten Indi­vi­dua­lis­mus mein­te, den Anti­ma­te­ria­lis­mus, eine gewis­se Idee von Spi­ri­tua­li­tät und schließ­lich auch die Men­schen­freund­lich­keit, also den soli­da­ri­schen Aspekt.“

Aller­dings wur­de von der Kir­che zu allen die­sen angeb­li­chen „Gemein­sam­kei­ten“ eine nega­ti­ve Ant­wort gege­ben, die nicht zuletzt mit der „Gefahr einer rela­ti­vi­sti­schen und dei­sti­schen Metho­dik“ zu tun habe, so NBQ, derer sich die Logen beflei­ßi­gen.

„Umarmungsprozeß im Gange“

Don Ennio Stamile von "Libera Calabria" verteidigt Kontakt zwischen Kirche und Loge.
Don Ennio Stami­le von „Libe­ra Cala­b­ria“ ver­tei­digt Kon­takt zwi­schen Kir­che und Loge.

„In Wirk­lich­keit ist heu­te ein Umar­mungs­pro­zeß im Gan­ge“, so NBQ. Das jüng­ste Bei­spiel: Zur Dis­kus­si­on in Syra­kus wur­de von der Tages­zei­tung der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz die Zuschrift des Prie­sters Ennio Stami­le abge­druckt, der sich für den „Dia­log“ mit den Logen­brü­dern aus­spricht. Bischof Sta­gli­anò sei einer sei­ner Pro­fes­so­ren der Theo­lo­gie gewe­sen, ver­tei­digt der Prie­ster die Teil­nah­me des Bischofs. Stami­le ver­weist zudem auf Papst Fran­zis­kus, der einen Dia­log „mit allen, nie­mand aus­ge­schlos­sen“ for­de­re.

Der Prie­ster bezich­tigt die Kri­ti­ker einer Annä­he­rung als „igno­rant“ und „ober­fläch­lich“, weil sie „kei­ne Ahnung“ von der Frei­mau­re­rei hät­ten. Die Behaup­tung, die Logen sei­en eine „Macht­lob­by“, sei ein Mär­chen, das end­lich „ver­schwin­den“ müs­se.

Der Prie­ster Ennio Stami­le ist einer der bekann­te­sten Prie­ster Süd­ita­li­ens. Er ist Vor­sit­zen­der der Ver­ei­ni­gung Libe­ra Cala­b­ria (Frei­es Kala­bri­en), die eine Dach­or­ga­ni­sa­ti­on „gegen die Mafia“ ist. Die Ver­ei­ni­gung erweist sich durch Spra­che, Sym­bo­le, Aktio­nis­mus und Kon­tak­te als fest inte­grier­ter Teil der poli­ti­schen Lin­ken, wird jeden­falls von die­ser Sei­te voll aner­kannt. Stami­le stammt aus dem Umfeld von Don Ciot­ti, dem Grün­der der Ver­ei­ni­gung, dem Papst Fran­zis­kus im März 2014 die Hand küß­te.

Die Ver­ei­ni­gung erhielt vom Staat meh­re­re hun­dert Hekt­ar land­wirt­schaft­li­cher Flä­chen, die Mit­glie­dern der ‚Ndran­ghe­ta durch Beschlag­nah­mung abge­nom­men wur­den. ‚Ndran­ghe­ta nennt sich das orga­ni­sier­ter Ver­bre­chen in Kala­bri­en und ist der Mafia auf Sizi­li­en ver­gleich­bar. Auf die­sen Flä­chen betreibt die Ver­ei­ni­gung mit Straf­ent­las­se­nen, ehe­ma­li­gen Dro­gen­ab­hän­gi­gen, Ein­wan­de­rern und Mafia­aus­stei­gern land­wirt­schaft­li­che Betrie­be.

Loge und Mafia?

Die Wort­mel­dung von Don Stami­le ist nicht nur wegen sei­nes Anti-Mafia-Renom­mees von Bedeu­tung. Inter­es­sant ist sei­ne Par­tei­nah­me für den Dia­log mit der Loge. Wei­te­re Infor­ma­tio­nen könn­ten das erklä­ren und die Tür zu einem bemer­kens­wer­ten Zir­kel­schluß öff­nen, wenn die Ver­flech­tung mit dem orga­ni­sier­ten Ver­bre­chen — Mafia und Loge sind „okkul­te“ Mäch­te, wie es bereits hieß — auch nur ein regio­na­les Pro­blem sein mag.

Wer die Loge bekämpfte und wer Mitglied war. Plakat des Großorients zu "300 Jahre Freimaurerei"
Wer die Loge bekämpf­te und wer Mit­glied war. Pla­kat des Groß­ori­ents zu „300 Jah­re Frei­mau­re­rei“

Seit den 60er Jah­ren gibt es näm­lich Hin­wei­se, daß Mafia­bos­se in die Logen ein­ge­tre­ten sind. Inner­halb der kala­bri­schen Mafia, der ‚Ndran­ghe­ta gab es hef­ti­ge Kon­flik­te dar­über. Die Initia­ti­ve zu die­ser Koope­ra­ti­on scheint auf den Boß von Gioa Tau­ro, Giro­la­mo Pirom­al­li (1918–1979), zurück­zu­ge­hen.

In Ermitt­lungs­ak­ten der Staats­an­walt­schaft ist seit­her wie­der­holt die Rede von einer „Mas­so­ma­fia“, einer Ver­schmel­zung von Frei­mau­re­rei und Mafia zu einer Frei­mau­rer­ma­fia. 2014 wur­den Pro­to­koll­aus­zü­ge der Ein­ver­nah­me des ehe­ma­li­gen Groß­mei­sters des Groß­ori­ents von Ita­li­en, Giu­lia­no Di Ber­nar­do (1990–1993), bekannt. Di Ber­nar­do ver­ließ den Groß­ori­ent im Zuge des Skan­dals um die geheim­nis­um­wit­ter­te Loge Pro­pa­gan­da Due (P2). Heu­te ist er Groß­mei­ster der Groß­lo­ge von Ita­li­en. Laut den Anga­ben Di Ber­nar­dos sei­en Anfang der 90er Jah­re 28 von 32 kala­bri­schen Logen von der ‚Ndran­ghe­ta kon­trol­liert wor­den.

2007 sag­te der Mafia­boß Seba­stia­no Alto­mon­te in einem Gespräch mit sei­ner Frau, das von der Poli­zei durch aku­sti­sche Raum­über­wa­chun­gen auf­ge­zeich­net wor­den war:

„Es gibt Eine von der man weiß, und Eine, von der man nicht weiß. Es gibt die Sicht­ba­re und die Unsicht­ba­re, von der nie­mand weiß, außer die Unsicht­ba­ren.“

Die Aus­sa­ge wur­de mit der „San­ta“ in Ver­bin­dung gebracht, der von Giro­la­mo Pirom­al­li geschaf­fe­nen höch­sten Füh­rungs­ebe­ne der ‚Ndran­ghe­ta, deren Mit­glie­der alle der Frei­mau­re­rei ange­hö­ren sol­len. Gerichts­re­le­vant bestä­tigt konn­te die­se The­se bis­her aller­dings nicht wer­den.

In einem 2013 von der Poli­zei mit­tels Lausch­an­griff mit­ge­hör­ten Gespräch des Mafia­bos­ses Pan­ta­leo­ne Man­cu­so sag­te die­ser bei einem Spa­zier­gang:

„Die ‚Ndran­ghe­ta gibt es nicht mehr… Die hat es ein­mal gege­ben. Heu­te ist die ‚Ndran­ghe­ta ein Teil der Frei­mau­re­rei… Sagen wir es so: Sie ist unter der Frei­mau­re­rei, hat aber die­sel­ben Regeln! … Die ‚Ndran­ghe­ta gibt es nicht mehr, geblie­ben sind die Frei­mau­re­rei und die vier Dep­pen, die noch an die ‚Ndran­ghe­ta glau­ben.“

Vor die­sem Hin­ter­grund bekom­men die Wor­te von Don Ennio Stami­le viel­leicht eine etwas ande­re Bedeu­tung, der in sei­ner Stel­lung­nah­me einen Zusam­men­hang zwi­schen Mafia und Frei­mau­re­rei erwähnt, aber als Erfin­dung und Des­in­for­ma­ti­ons­ver­such von Leu­ten abtut, die ohne „Ver­dien­ste und Kom­pe­ten­zen“ etwas wer­den wol­len, und von denen auch die Kir­che nicht frei sei.

Tat­sa­che ist aber auch, daß sich der ehe­ma­li­ge Prä­si­dent des Ober­lan­des­ge­rich­tes Cat­an­za­ro (Kala­bri­en) und Ehren­prä­si­dent des Ober­sten Gerichts­ho­fes von Ita­li­en, Giu­sep­pe Tuc­cio, wegen Mafia-Mit­glied­schaft vor Gericht ver­ant­wor­ten muß. Erst 2016 hat­te Tuc­cio, der bei Libe­ra Cala­b­ria kein Ube­kann­ter war, ein Buch über den Kampf gegen die Mafia ver­öf­fent­licht. „Die Pirom­al­li hat­ten den Rich­ter Tuc­cio, einen Frei­mau­rer, in der Hand“, hat­te ein Kron­zeu­ge in einem Gerichts­ver­fah­ren aus­ge­sagt. Selbst in die Müh­len der Justiz kam der hohe Rich­ter dann im Zuge der Anti-Mafia-Ope­ra­ti­on Gotha.

Bischof Staglianò: Hans Küng und „warum ich mit den Freimaurern rede“

Bischof Staglianò greift auch öffentlich gern zur Gitarre und singt.
Bischof Sta­gli­anò greift auch öffent­lich gern zur Gitar­re und singt.

Doch zurück zur Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung in Syra­kus. Bischof Sta­gli­anò begrün­det sei­ne Teil­nah­me mit einer Aus­sa­ge von Papst Johan­nes XXIII: „Suchen wir mehr das, was uns ver­bin­det, als das, was uns trennt.“ Trotz aller Ver­ur­tei­lun­gen durch die Kir­che, beson­ders durch Leo XIII. mit der Enzy­kli­ka Huma­num genus und dem Schrei­ben Ini­mi­ca vis, oder der Erklä­rung der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on von 1983, sieht der Bischof kein Pro­blem dar­in, mit den Logen­brü­dern „einen Dia­log zu füh­ren, zum Bei­spiel wenn die­se Frei­mau­rer sich orga­ni­sie­ren soll­ten, um gegen die Unge­rech­tig­keit zu kämp­fen“. Es sei zu prü­fen, wo man gemein­sam zum „All­ge­mein­wohl“ han­deln kön­ne.

Die Fra­ge bleibt, so NBQ, was „All­ge­mein­wohl“ aus katho­li­scher Sicht bedeu­tet und was es hin­ge­gen aus der Sicht der Frei­mau­re­rei bedeu­tet. Bischof Sta­gli­anò räum­te ein, nicht „kom­pe­tent“ zu sein, um die­se Fra­ge zu beant­wor­ten. Wört­lich ließ er wis­sen:

„Schau­en Sie, ich weiß nichts über die Frei­mau­re­rei. Ich bin gera­de dabei, mich ein­zu­le­sen und begin­ne dabei mit der Erklä­rung der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on [von 1983]. Ich den­ke, daß man zur Ver­ur­tei­lung der frei­mau­re­ri­schen The­sen kei­ne ande­re Mei­nung haben kann. Ich sage noch mehr: Es ist das erste Mal, daß ich mich in der Situa­ti­on befin­de, zu Frei­mau­rern zu spre­chen. Ich den­ke, daß ich mei­ne Aus­füh­run­gen mit dem Text von Hans Küng über die ‚Zau­ber­flö­te‘ von Mozart begin­nen wer­de, der Frei­mau­rer und Christ zugleich war. Aber wir kön­nen nicht die Kir­che zur Zeit des Genies aus Salz­burg als büro­kra­ti­sche Insti­tu­ti­on unbe­rück­sich­tigt las­sen. Nicht wahr?“

Kritik am Dialog „integralistisch“

NBQ stellt die Fra­ge, ob es „glaub­wür­dig“ sei, wenn ein aner­kann­ter Theo­lo­ge und Bischof wie Sta­gli­anò sich als „nicht kom­pe­tent“ bezeich­net. Die Stel­lung­nah­me des Bischofs könn­te man auch als Pro­vo­ka­ti­on auf­fas­sen, da er in weni­gen Sät­zen eine Sache zu sagen, aber das Gegen­teil zu mei­nen scheint.

Auf die Frei­mau­rer-Ein­la­dung mit der Dar­stel­lung von Jesus Chri­stus ange­spro­chen mein­te der Bischof, daß ihn das „nicht skan­da­li­sie­re“:

„Hat nicht auch Ari­us Jesus die kos­mo­go­ni­schen Züge eines Demi­ur­gen zuge­schrie­ben? Wenn Ari­us einen Feh­ler mach­te, dann – wenn schon – den, dem Demi­ur­gen nicht die Züge Got­tes zuge­schrie­ben zu haben.“

Und wei­ter:

„Ich wer­de hin­ge­hen wie Jesus zu den Zöll­nern und Pro­sti­tu­ier­ten und Chri­stus ver­kün­den. Es wer­den dann die Frei­mau­rer fest­le­gen, wie nahe oder wie fern sie die­ser Ver­kün­di­gung ste­hen.“

Kri­tik am Dia­log mit den Frei­mau­rern bezeich­ne­te Bischof Sta­gli­anò zugleich her­ab­las­send als „dumm, ober­fläch­lich und inte­gra­li­stisch“. Damit bedien­te er sich einer jener „magi­schen“ Begrif­fe, mit denen pro­gres­si­ve Kir­chen­krei­se gläu­bi­ge Katho­li­ken knüp­peln. Letzt­lich beschimpf­te der Bischof damit die Päp­ste der ver­gan­ge­nen 300 Jah­re, die die Frei­mau­re­rei ver­ur­teil­ten, als „dumm, ober­fläch­lich und inte­gra­li­stisch“. Leo XIII. schrieb in Huma­num genus:

„Die Sek­te ist eben ihrem gan­zen Wesen und ihrer inner­sten Natur nach Ver­der­ben und Laster; dar­um ist es nicht erlaubt, ihr bei­zu­tre­ten und in irgend­ei­ner Wei­se behilf­lich zu sein.“

Auch Bischof Sta­gli­anò ver­weist schließ­lich auf Papst Fran­zis­kus, der auf­for­de­re, zu den „exi­sten­ti­el­len Rän­dern“ zu gehen, „und die Frei­mau­re­rei scheint mir einer“.

Ist Kirche noch für den „Dialog“ mit der Freimaurerei gerüstet?

Die Fra­ge, die blei­be, so NBQ geht über Bischof Sta­gli­anò hin­aus. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren habe sich die Kir­che bemüht, kaum mehr über die Frei­mau­rer zu spre­chen. Die intel­lek­tu­el­le und auch wis­sen­schaft­li­che Beschäf­ti­gung mit den Logen sei an den zustän­di­gen Aka­de­mien, Insti­tu­ten und Fakul­tä­ten fast zur Gän­ze zum Erlie­gen gekom­men. Es gibt kaum mehr zusam­men­hän­gen­de und gründ­li­che Stu­di­en zum The­ma. Die Arbei­ten von Pao­lo Maria Sia­no, einem Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta, bil­den eine bemer­kens­wer­te Aus­nah­me.

Es sei fast so, als wol­le man nicht mit dem Stig­ma eines „Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kers“ gezeich­net wer­den. Die Logen sei­en jedoch eine Rea­li­tät, wie die Fei­er­lich­kei­ten zei­gen. Ande­re Kir­chen­krei­se hät­ten den Dia­log zum „höch­sten Dog­ma“ erho­ben, an das sie glau­ben, wes­halb jede Form der Exklu­si­on ver­pönt sei — zumin­dest jede zeit­geist­wid­ri­ge. Der Ver­such einer mehr oder weni­ger offe­nen Distan­zie­rung von der Ver­gan­gen­heit mit ihren Ver­ur­tei­lun­gen der Frei­mau­re­rei sei unüber­seh­bar. Damit stel­le sich aber die Fra­ge, „wie die Kir­che der Frei­mau­re­rei begeg­nen will, da ihre jün­ge­ren Ver­tre­ter kaum mehr Kennt­nis von der Loge haben und reflex­ar­tig dazu nei­gen, Kri­tik an ihr als „ewig­gest­ri­ge Ver­schwö­rungs­theo­rie“ eines über­wun­de­nen „Inte­gra­lis­mus“ abzu­tun.

Die Signa­le für einen neu­en „Dia­log“ häu­fen sich, obwohl das kirch­li­che Per­so­nal immer weni­ger dar­auf vor­be­rei­tet scheint. Oder wächst die Dia­log­be­reit­schaft par­al­lel zum Wis­sens­schwund?

Dazu NBQ:

„Dia­log ist kein Begriff des Evan­ge­li­ums. Will die Kir­che mit der Aus­re­de vom Dia­log — nach den Radi­ka­len, den Pro­te­stan­ten, den anti­kle­ri­ka­len Athe­isten und den plu­to­kra­ti­schen Eli­ten — auch noch das letz­te Tabu bre­chen, das der Logen, die ein­mal Fein­de waren, heu­te aber nur mehr ‚anders‘ sind?“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wikicommons/Grande Ori­en­te d’I­ta­lia (Screen­shots)

 

 

3 Kommentare

  1. „On AF is water short“.

    Die­ser Arti­kel auf katholisches.info und die Infor­ma­tio­nen von NBQ (Nuo­va Bus­so­la Quo­ti­dia­na) schrei­ben mei­nes Erach­tens Welt­ge­schich­te. Sie doku­men­tie­ren akri­bisch wie im ita­lie­ni­schem Epi­sko­pat offen über dem „Demi­ur­gus“ gespro­chen wird, und wohl mit Ver­knüp­fung zu der Frei­mau­re­rei. Die gro­ße Fra­ge, die dann auf­kommt: Ist das, was da vom Bischof Sta­gli­anò pro­du­ziert wird, noch über­haupt christ­lich? Und sind die­se Per­so­nen, wenn im Augen­blick hier­ar­chisch „Hir­ten“, wohl über­haupt christ­lich?

  2. „und die Wahl von Papst Johan­nes Paul II. berei­te­ten die­sen Ver­su­chen Anfang der 80er Jah­re ein Ende.“
    Hm, was Woj­ty­la betrifft, so hät­te ich mei­ne Zwei­fel. Aber wie war das mit JP I.?

  3. Irgend­wo hab ich mal gele­sen, dass nicht jeder Frei­mau­rer ein Sata­nist ist.
    (Wahr­schein­lich sind nur die wenig­sten Frei­mau­rer Sata­ni­sten)
    Aber jeder Hoch­g­rad­frei­mau­rer ist defi­ni­tiv ein Sata­nist.

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