Prof. Josef Seifert: Droht reine Logik die Zerstörung der gesamten Morallehre der katholischen Kirche an?

Apsismosaik in der Basilica Sancti Clementis in Laterano, die dem heiligen Papst Clemens I. geweiht ist.
Apsismosaik in der Basilica Sancti Clementis in Laterano, die dem heiligen Papst Clemens I. geweiht ist.

Prof. Josef Sei­fert leg­te im Som­mer 2016 eine aus­führ­li­che Ana­ly­se des nach­syn­oda­len Schrei­bens Amo­ris lae­ti­tia von Papst Fran­zis­kus vor, die zur ver­nich­ten­den Kri­tik wur­de. Im August 2017 ver­tief­te er die­se Ana­ly­se mit einem kür­ze­ren Text, der sich auf eine ein­zi­ge Aus­sa­ge von Amo­ris lae­ti­tia bezieht und die­se einer genaue­ren Betrach­tung unter­zieht. In die­ser Aus­sa­ge sieht der öster­rei­chi­sche Phi­lo­soph die gefähr­lich­ste Stel­le des umstrit­te­nen Apo­sto­li­schen Schrei­bens:

„Wenn dies nun wirk­lich das ist, was AL behaup­tet, so bezieht sich aller Alarm über AL’s direk­te Aus­sa­gen zu Fra­gen der Ände­rung der sakra­men­ta­len Dis­zi­plin, nur auf die Spit­ze eines Eis­bergs, auf den schwa­chen Beginn einer Lawi­ne oder auf die ersten weni­gen, durch eine moral­theo­lo­gi­sche Atom­bom­be zer­stör­ten Gebäu­de. Bei nähe­rer Betrach­tung scheint die­se Atom­bom­be das gan­ze mora­li­sche Gebäu­de der 10 Gebo­te und der katho­li­schen Moral­leh­re nie­der­zu­rei­ßen.“

So wie der Vati­kan gestern auf die Cor­rec­tio filia­lis, die Zurecht­wei­sung wegen der Ver­brei­tung von Häre­si­en  durch Amo­ris lae­ti­tia, mit Inter­net­zen­sur reagier­te, so wur­de Prof. Sei­fert für sei­ne Ana­ly­se von 2016 vom Erz­bi­schof von Gra­na­da von sei­ner Lehr­tä­tig­keit an der IAP-IFES (Inter­na­tio­na­le Aka­de­mie für Phi­lo­so­phie — Insti­tut für Phi­lo­so­phie Edith Stein) in Gra­na­da sus­pen­diert und vom Hei­li­gen Stuhl zum Jah­res­schluß aus der Päpst­li­chen Aka­de­mie für das Leben ent­fernt. Für sei­ne hier nun auf deutsch ver­öf­fent­lich­te Ana­ly­se wur­de ihm vom Erz­bi­schof von Gra­na­da am 31. August 2017 der Diet­rich-von-Hil­de­brand-Lehr­stuhl für rea­li­sti­sche Phä­no­me­no­lo­gie an der IAP-IFES ent­zo­gen und Prof. Sei­fert frist­los ent­las­sen.

Droht reine Logik die Zerstörung der gesamten Morallehre der katholischen Kirche an?

Von Josef Sei­fert*

Zusam­men­fas­sung:

Die Titel­fra­ge die­ses Bei­trags rich­tet sich an Papst Fran­zis­kus und alle katho­li­schen Kar­di­nä­le, Bischö­fe, Phi­lo­so­phen und Theo­lo­gen. Es han­delt sich um einen Zwei­fel, ein Dubi­um, über eine rein logi­sche Kon­se­quenz einer Aus­sa­ge in Amo­ris Lae­ti­tia, und endet mit einem Appell an Papst Fran­zis­kus, min­de­stens eine The­se in AL zurück­zu­zie­hen, wenn die Titel­fra­ge die­ses kur­zen Auf­sat­zes mit Ja beant­wor­tet wer­den muß, und wenn in der Tat aus die­ser einen Behaup­tung in AL eine rei­ne Logik, aus evi­den­ten logi­schen Geset­zen, die Zer­stö­rung der gesam­ten katho­li­schen Moral­leh­re ablei­ten kann.((Dies ist eine aus dem eng­li­schen Ori­gi­nal vom Autor ins Deut­sche über­setz­te Fas­sung des Auf­sat­zes, die jedoch – in Ant­wort auf erste Ein­wän­de gegen den eng­li­schen Text – eini­ge Zusät­ze ent­hält, die im Ori­gi­nal feh­len.))

*   *   *

Amo­ris Lae­ti­tia hat zwei­fel­los viel Ver­un­si­che­rung und wider­sprüch­li­che Aus­le­gun­gen in der katho­li­schen Welt her­vor­ge­ru­fen. Ich möch­te hier nicht die­se gan­ze Kon­tro­ver­se erneut dar­le­gen und die Stel­lung­nah­me, die ich zu die­sem The­ma in einem vor­an­ge­gan­ge­nen Arti­kel in drei Spra­chen ver­tei­digt habe, wie­der­ho­len.((Ich über­le­ge, auch dies noch in einer Ant­wort auf eini­ge kri­ti­sche Bemer­kun­gen mei­nes engen per­sön­li­chen Freun­des Roc­co But­tiglio­ne, mit dem ich hin­sicht­lich fast aller ande­ren phi­lo­so­phi­schen und kirch­li­chen Fra­gen über­ein­stim­me, zu tun. Sie­he Josef Sei­fert, „Amo­ris Lae­ti­tia. Freu­de, Trau­er und Hoff­nung“. Aema­et Bd. 5, Nr. 2 (2016) 2–84; „Amo­ris Lati­tia. Joy, Sad­ness and Hopes“. Aema­et Bd. 5, Nr. 2 (2016) 160–249; „La Alegrà­a del Amor: Alegrà­as, Tri­ste­zas y Espe­r­anz­as“. Aema­et Bd. 5, Nr. 2 (2016) 86–158.))

Hier geht es uns jedoch um eine ein­zi­ge Aus­sa­ge in AL, die nichts mit einer Aner­ken­nung der Rech­te des sub­jek­ti­ven irren­den Gewis­sens oder der Wil­lens­schwä­che zu tun hat (unter Bezug­nah­me auf die Roc­co But­tiglio­ne die vol­le Har­mo­nie zwi­schen dem mora­li­schen Lehr­amt des Hei­li­gen Pap­stes Johan­nes Paul II und Papst Fran­zis­kus behaup­tet — gegen die von Robert Spa­e­mann und ande­ren geäu­ßer­te Fest­stel­lung eines voll­stän­di­gen Bru­ches zwi­schen bei­den). But­tiglio­ne argu­men­tiert, daß, in Bezug auf ihre grund­ver­schie­de­ne Leh­re über die sakra­men­ta­le Dis­zi­plin, Papst Johan­nes Paul II dann recht hat, wenn man nur den objek­ti­ven Inhalt der mensch­li­chen Hand­lun­gen berück­sich­ti­ge, wäh­rend Papst Fran­zis­kus Recht habe, wenn man, nach der nöti­gen Prü­fung und Unter­schei­dung, den sub­jek­ti­ven Fak­to­ren und feh­len­den Bedin­gun­gen der Tod­sün­de (man­gel­haf­ter ethi­scher Erkennt­nis und Schwä­che des frei­en Wil­lens) die von ihnen ver­lang­te Aner­ken­nung zuteil wer­den läßt.

Im Gegen­satz zu Pas­sa­gen, in denen AL von die­sen sub­jek­ti­ven Ele­men­ten spricht, behaup­tet jedoch die Stel­le von AL, die ich hier unter­su­chen möch­te, einen völ­lig objek­ti­ven gött­li­chen Wil­len, den wir laut AL (mit gewis­ser Sicher­heit) erken­nen kön­nen.

Man kann daher die­sen Text wohl unmög­lich als eine „Ver­tei­di­gung der Rech­te der mensch­li­chen Sub­jek­ti­vi­tät,“ wie But­tiglio­ne behaup­tet, deu­ten, son­dern er besagt, daß die­se intrin­sisch unge­ord­ne­ten und objek­tiv schwer sünd­haf­ten Hand­lun­gen, deren objek­tiv sünd­haf­ten Cha­rak­ter But­tiglio­ne zugibt, von Gott erlaubt, ja sogar von Ihm gebo­ten wer­den (Sein Wil­le sein) kön­nen.

Wenn dies nun wirk­lich das ist, was AL behaup­tet, so bezieht sich aller Alarm über AL’s direk­te Aus­sa­gen zu Fra­gen der Ände­rung der sakra­men­ta­len Dis­zi­plin,((

Näm­lich, auf Grund gewis­sen­haf­ter Unter­schei­dung, man­chen Ehe­bre­chern, akti­ven Homo­se­xu­el­len und ande­ren „irre­gu­lä­ren“ Paa­ren in ähn­li­chen Situa­tio­nen zu den Sakra­men­ten der Beich­te und der Eucha­ri­stie (und logi­scher­wei­se auch der Tau­fe, der Fir­mung und der Ehe) zuzu­las­sen, ohne deren Bereit­schaft, ihr Leben zu ändern und in vol­ler sexu­el­ler Ent­halt­sam­keit zu leben (die Papst Johan­nes Paul II in Fami­lia­ris Con­sor­tio als Bedin­gung der Zulas­sung sol­cher Paa­re zu den Sakra­men­ten gefor­dert hat).)) nur auf die Spit­ze eines Eis­bergs, auf den schwa­chen Beginn einer Lawi­ne oder auf die ersten weni­gen, durch eine moral­theo­lo­gi­sche Atom­bom­be zer­stör­ten Gebäu­de. Bei nähe­rer Betrach­tung scheint die­se Atom­bom­be das gan­ze mora­li­sche Gebäu­de der 10 Gebo­te und der katho­li­schen Moral­leh­re nie­der­zu­rei­ßen.

In der vor­lie­gen­den Arbeit wer­de ich jedoch nicht behaup­ten, daß dies der Fall ist. Im Gegen­teil, ich über­las­se die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob es zumin­dest eine Aus­sa­ge in Amo­ris Lae­ti­tia gibt, deren logi­sche Kon­se­quenz die Zer­stö­rung der gesam­ten katho­li­schen Moral­leh­re nach sich zöge, oder nicht, ganz dem Papst oder ande­ren Lesern. Ich muß jedoch zuge­ben, daß das, was ich über eine Kom­mis­si­on lese, die vom Papst ein­be­ru­fen wur­de, um Huma­nae Vitae, eine Enzy­kli­ka, die, wie spä­ter Veri­ta­tis Sple­ndor, Jahr­zehn­ten  der ethi­schen und moral­theo­lo­gi­schen Debat­ten ein defi­ni­ti­ves Ende setz­te, „erneut zu prü­fen“, die­se Titel­fra­ge mei­ner Abhand­lung pro­vo­ziert hat und vie­len Katho­li­ken extre­me Sor­ge berei­tet.

Betrach­ten wir den ent­schei­den­den Text (AL-303), der von Papst Fran­zis­kus auf den Fall der ehe­bre­che­ri­schen Bezie­hun­gen oder son­sti­ger sexu­el­ler Akti­vi­tä­ten „unre­gel­mä­ßi­ger Paa­re“ ange­wen­det wird, die sich ent­schei­den, die Auf­for­de­rung der Enzy­kli­ka Fami­lia­ris Con­sor­tio des hei­li­gen Pap­stes Johan­nes Paul II an sol­che „unre­gel­mä­ßi­ge Paa­re“ nicht zu befol­gen. Papst Johan­nes Paul II lehrt die­se Paa­re, daß sie sich ent­we­der völ­lig tren­nen, oder, ist dies nicht mög­lich, ganz ent­halt­sam leben und auf Geschlechts­ver­kehr ver­zich­ten müs­sen. Papst Fran­zis­kus hin­ge­gen schreibt (AL 303):

Doch die­ses Gewis­sen kann nicht nur erken­nen, dass eine Situa­ti­on objek­tiv nicht den gene­rel­len Anfor­de­run­gen des Evan­ge­li­ums ent­spricht. Es kann auch auf­rich­tig und ehr­lich das erken­nen, was vor­erst die groß­her­zi­ge Ant­wort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewis­sen mora­li­schen Sicher­heit ent­decken, dass dies die Hin­ga­be ist, die Gott selbst inmit­ten der kon­kre­ten Viel­schich­tig­keit der Begren­zun­gen for­dert,(( Amo­ris Lae­ti­tia 303. Aus dem vor­he­ri­gen eben­so wie aus dem spä­te­ren Kon­text geht klar her­vor, daß die­ser „Wil­le Got­tes“ sich hier dar­auf bezieht, wei­ter­hin das, was objek­tiv eine schwe­re Sün­de ist, zu leben. Vgl. z. B. AL 298, Fuß­no­te 329:
Vie­le, wel­che die von der Kir­che ange­bo­te­ne Mög­lich­keit, „wie Geschwi­ster“ zusam­men­zu­le­ben, ken­nen und akzep­tie­ren, beto­nen, dass in die­sen Situa­tio­nen, wenn eini­ge Aus­drucks­for­men der Inti­mi­tät feh­len, » nicht sel­ten die Treue in Gefahr gera­ten und das Kind in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wer­den [kann]. «)) auch wenn sie noch nicht völ­lig dem objek­ti­ven Ide­al ent­spricht.((346 Rela­tio Fina­lis 2015 85.235.))

Die­ser Satz heißt wohl, neben der euphe­mi­stisch klin­gen­den Bezeich­nung eines objek­ti­ven Zustands einer (nach dem Urteil der Kir­che) schwe­ren Sün­de als “noch nicht voll­stän­dig das idea­le Ziel errei­chend“, daß wir mit „einer gewis­sen mora­li­schen Sicher­heit“ wis­sen, daß Gott selbst will, daß wir wei­ter­hin in sich schlech­te Hand­lun­gen bege­hen wie Ehe­bruch oder akti­ve Homosexualität.((Die letz­te­re wird von der Hl. Schrift und die Kir­che sogar als eine der weni­gen „him­mel­schrei­en­den Sün­den“ betrach­tet, wegen deren Bege­hen gan­ze Städ­te von Gott zer­stört wur­den. Der hl. Papst Pius V hat jeden Prie­ster, der sie beging, sofort von allen prie­ster­li­chen Hand­lun­gen sus­pen­diert und emp­foh­len, ihn der welt­li­chen Justiz zu über­ge­ben, obwohl damals das Bege­hen homo­se­xu­el­ler Hand­lun­gen vom Staat mit der Todes­stra­fe geahn­det wur­de. Den Prie­stern, die kürz­lich wegen einer homo­se­xu­el­len Dro­gen-Orgie von der vati­ka­ni­schen Poli­zei ver­haf­tet wur­den, wur­de vom Vati­kan nicht ein­mal eine öffent­li­che Rüge zuteil.))

Dem­nach könn­ten wir erken­nen, daß wir in bestimm­ten Situa­tio­nen Hand­lun­gen bege­hen dür­fen, ja sogar, wie aus einer ande­ren Stel­le von AL her­vor­geht, bege­hen sol­len, die in sich schlecht sind und immer von der Kir­che als sol­che betrach­tet wur­den. Da man Gott sicher­lich nicht ein feh­len­des oder man­gel­haf­tes ethi­sches Erken­nen, ein „irren­des Gewis­sen“ oder eine Schwä­che des frei­en Wil­lens zuschrei­ben kann, geht es hier nicht um einen rein sub­jek­ti­ven Glau­ben des Gewis­sens, oder gar um ein irren­des Gewis­sen.

Der Papst spricht hier fer­ner nicht von einer (poten­ti­ell fal­schen) Über­zeu­gung des Gewis­sens, son­dern von einer Erkennt­nis. Und eine Erkennt­nis kann man nie von etwas Fal­schem haben. Der Grad der Gewiß­heit hat damit nichts zu tun. Er bestimmt nur, ob ein pro­ble­ma­ti­sches, asser­to­ri­sches oder apo­dik­ti­sches Urteil begrün­det wer­den kann. Doch hat dies nichts mit der Wahr­heit zu tun. Denn aus der Wahr­heit eines pro­ble­ma­ti­schen oder asser­to­ri­schen Urteils folgt auch die Wahr­heit eines apo­dik­ti­schen Urteils. Und sicher kann der von uns betrach­te­te Text nicht mei­nen, daß die Erkennt­nis, daß Gott einen in sich schlech­ten Akt erlaubt oder gar for­dert, nie­mals wahr sein und die­ser Fall nie ein­tre­ten kann.

Kann und muß rei­ne Logik unter die­ser Annah­me nicht fra­gen?

„Wenn nur ein Fall einer intrin­sisch unsitt­li­chen Hand­lung von Gott erlaubt und sogar gewollt wer­den kann, muß dies nicht für alle Hand­lun­gen, die vom Lehr­amt der Kir­che bis­her als “intrin­sisch schlecht“ bezeich­net wur­den, gel­ten? Wenn es stimmt, daß Gott wol­len kann, daß ein ehe­bre­che­ri­sches Paar wei­ter­hin im Ehe­bruch leben soll, soll­te dann nicht auch das Gebot „Du sollst nicht ehe­bre­chen!“ neu for­mu­liert wer­den: „Wenn Ehe­bruch in Dei­ner kon­kre­ten Situa­ti­on nicht das klei­ne­re Übel ist, bege­he kei­nen Ehe­bruch! Wenn Ehe­bruch in Dei­ner Lage das klei­ne­re Übel ist, lebe ihn wei­ter!“?

Müs­sen dann nicht auch die ande­ren 9 Gebo­te, Huma­nae Vitae, Evan­ge­li­um Vitae, und alle ver­gan­ge­nen, gegen­wär­ti­gen und künf­ti­gen kirch­li­chen Doku­men­te, Dog­men oder Kon­zils­be­schlüs­se, die die Exi­stenz von in sich schlech­ten Hand­lun­gen leh­ren, fal­len? Muß dann nicht die neue, von Papst Fran­zis­kus zur Über­prü­fung von Huma­nae Vitae ein­be­ru­fe­ne Kom­mis­si­on schluß­fol­gern, daß die Ver­wen­dung von Ver­hü­tungs­mit­teln in man­chen Situa­tio­nen gut oder sogar obli­ga­to­risch und von Gott gewollt sein kann? Stimmt es dann nicht mehr, wenn die Kir­che unter Beru­fung auf das Natur­recht ver­bo­ten hat, Ver­hü­tungs­mit­tel zu ver­wen­den, und war dann nicht die Leh­re von Huma­nae Vitae ein gewal­ti­ger Feh­ler, eine Leh­re, die unzwei­deu­tig besagt hat, daß (absicht­li­che) Emp­fäng­nis­ver­hü­tung in kei­ner Situa­ti­on mora­lisch gerecht­fer­tigt ist, geschwei­ge denn von Gott befoh­len wer­den kann?

Kön­nen dann nicht auch Abtrei­bun­gen, wie Mons. Fisi­chel­la, der dama­li­ge Prä­si­dent der Päpst­li­chen Aka­de­mie für das Leben, behaup­te­te, in eini­gen Fäl­len gerecht­fer­tigt und jene Ant­wort sein, „die Gott selbst inmit­ten der kon­kre­ten Viel­schich­tig­keit der Begren­zun­gen for­dert, auch wenn sie noch nicht völ­lig dem objek­ti­ven Ide­al ent­spricht“? (AL 303)

Müs­sen dann nicht nach den Geset­zen rei­ner Logik Eutha­na­sie, Selbst­mord und Bei­hil­fe zum Selbst­mord, Lügen, Dieb­stäh­le, Mein­ei­de, Ver­leug­nun­gen Chri­sti, wie die des hl. Petrus oder auch Mord, unter man­chen Umstän­den und nach rich­ti­gen „Unter­schei­dun­gen“, auf­grund der Kom­ple­xi­tät einer kon­kre­ten Situa­ti­on gut und lobens­wert genannt wer­den? Kann dann nicht Gott auch ver­lan­gen, daß ein Sizi­lia­ner, der sich ver­pflich­tet fühlt, die unschul­di­gen Glie­der einer Fami­lie aus­zu­lö­schen, deren Ober­haupt ein Mit­glied sei­ner Fami­lie ermor­det hat, mit sei­nem Mord getrost vor­wärts­zu­ge­hen? Wenig­stens  dann, wenn sein Han­deln 0verhindert, daß sein radi­ka­le­rer Bru­der gleich vier Fami­li­en aus­löscht? Kann dann auch sein Mord jene Ant­wort sein, „die Gott selbst inmit­ten der kon­kre­ten Viel­schich­tig­keit der Begren­zun­gen for­dert, auch wenn sie noch nicht völ­lig dem objek­ti­ven Ide­al ent­spricht“ (AL 303)?

Ver­langt die rei­ne Logik also nicht, daß wir die­se Kon­se­quenz aus der zitier­ten Aus­sa­ge von AL zie­hen?

Wenn daher die Titel­fra­ge die­ses Auf­sat­zes beja­hend beant­wor­tet wer­den muß, wie es der Fall zu sein scheint, wür­de es dann nicht fol­gen, daß die gesam­te Moral­leh­re der Kir­che von Amo­ris Lae­ti­tia zer­stört wür­de? Wenn die Titel-Fra­ge die­ses Essays bejaht wird, muß dann nicht eine eiser­ne und küh­le Logik unwei­ger­lich ver­lan­gen, die zitier­te Aus­sa­ge von Papst Fran­zis­kus zurück­zu­zie­hen? Soll­te die­ser Satz daher nicht zurück­ge­zo­gen und von Papst Fran­zis­kus selbst, der zwei­fel­los sol­che ethi­schen Fol­gen ver­ab­scheut, ver­ur­teilt wer­den?

Wenn Papst Fran­zis­kus die­ser logi­schen Schluß­fol­ge­rung zustimmt, und die Titel­fra­ge die­ses Auf­sat­zes beja­hend beant­wor­tet, so möch­te ich mit der Hei­li­gen Katha­ri­na von Sie­na unse­ren ober­sten geist­li­chen Vater auf der Erde, unse­ren „süßen Chri­stus auf Erden,“ wie die­se Hei­li­ge einen der Päp­ste nann­te, unter des­sen Pon­ti­fi­kat sie leb­te, wäh­rend sie ihn hef­tig kri­ti­sier­te, lei­den­schaft­lich bit­ten, die genann­te Aus­sa­ge zurück­zu­zie­hen. Wenn die eiser­nen logi­schen Kon­se­quen­zen die­ser Aus­sa­ge nichts weni­ger als eine tota­le Zer­stö­rung der Moral­leh­ren der katho­li­schen Kir­che andro­hen, soll­te dann nicht der „gelieb­te Chri­stus auf Erden“ sei­ne eige­ne Aus­sa­ge zurück­zie­hen? Wenn die genann­te The­se die unwei­ger­li­che logi­sche Kon­se­quenz mit sich führt, die Exi­stenz in sich mora­lisch unrech­ter Hand­lun­gen zu leug­nen, die unter allen Umstän­den und in  allen Situa­tio­nen ver­bo­ten sind, und wenn die­se Behaup­tung daher, nach Fami­lia­ris Con­sor­tio und Veri­ta­tis Sple­ndor, eben­so Huma­nae Vitae und vie­le ande­ren fei­er­li­chen Leh­ren der Kir­che nie­der­ris­se, soll­te sie dann nicht ver­wor­fen wer­den?

Gibt es nicht offen­bar sol­che Hand­lun­gen, die immer in sich schlecht und daher nie­mals gerecht­fer­tigt oder gott­ge­wollt sein kön­nen, so wie es ande­re Hand­lun­gen gibt, die immer gut sind?((Dies ist die Grund­aus­sa­ge von Veri­ta­tis Sple­ndor. Vgl. auch Josef Sei­fert, “The Sple­ndor of Truth and Intrin­si­cal­ly Immo­ral Acts I: A Phi­lo­so­phi­cal Defen­se of the Rejec­tion of Pro­por­tio­na­lism and Con­se­quen­tia­lism in Veri­ta­tis Sple­ndor“. Stu­dia Phi­lo­so­phiae Chri­sti­a­nae UKSW 51 (2015) 2, S. 27–67; “The Sple­ndor of Truth and Intrin­si­cal­ly Immo­ral Acts II: A Phi­lo­so­phi­cal Defen­se of the Rejec­tion of Pro­por­tio­na­lism and Con­se­quen­tia­lism in Veri­ta­tis Sple­ndor“. Stu­dia Phi­lo­so­phiae Chri­sti­a­nae UKSW 51 (2015) 3, S. 7–37.))

Und soll­te dann nicht jeder Kar­di­nal und Bischof, jeder Prie­ster, Mönch, jede geweih­te Jung­frau und jeder Laie in der Kir­che ein sehr leb­haf­tes Inter­es­se an die­sem The­ma haben und die­ses lei­den­schaft­li­che Plä­doy­er eines „arm­se­li­gen Lai­en“, eines ein­fa­chen Pro­fes­sors der Phi­lo­so­phie, und unter ande­rem der Logik, sich zu eigen machen?

*Josef Sei­fert, Grün­dungs­rek­tor der Inter­na­tio­na­len Aka­de­mie für Phi­lo­so­phie im Für­sten­tum Liech­ten­stein, Inha­ber des Diet­rich von Hil­de­brand Lehr­stuhls für rea­li­sti­sche Phä­no­me­no­lo­gie an der IAP-IFES, Gra­na­da, Spa­ni­en, vom hei­li­gen Papst Johan­nes Paul II als ordent­li­ches (lebens­lan­ges) Mit­glied der Päpst­li­chen Aka­de­mie für das Leben beru­fen (eine Auf­ga­be, die mit der Sta­tu­ten­än­de­rung und der Ent­las­sung aller PAV Mit­glie­der durch Papst Fran­zis­kus im Jahr 2016 und der Nicht-Wie­der­wahl als Mit­glied einer, grund­le­gend ver­än­der­ten, PAV im Jahr 2017 ende­te)

Erst­ver­öf­fent­li­chung: AEMAET, Nr. 2 (2017), S. 10–20
Bild: Wiki­com­mons