Papst-Vertrauter läßt Katze aus dem Sack: „Ja, Franziskus hat mit Amoris laetitia die Disziplin der Kirche geändert“, und zwar „irreversibel“

Victor Manuel Fernandez, Protegé und Ghostwriter des Papstes: "Franziskus hat bezüglich der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene die Disziplin geändert, und das ist irreversibel".
Victor Manuel Fernandez, Protegé und Ghostwriter des Papstes: "Franziskus hat bezüglich der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene die Disziplin geändert, und das ist irreversibel".

(Bue­nos Aires) Einer der eng­sten Papst-Ver­trau­ten, Vic­tor Manu­el Fer­nan­dez, gibt fast andert­halb Jah­re nach Ver­öf­fent­li­chung des umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­bens Amo­ris lae­ti­tia zu, daß Papst Fran­zis­kus damit die „Dis­zi­plin“ der Kir­che ändern will und auch geän­dert habe. Bis­her war aus dem päpst­li­chen Umfeld gegen­über Kri­ti­kern mit Nach­druck behaup­tet wor­den, es ände­re sich „nichts“.

Fernandez Aufsatz in der Cebitepal-Publikation "Medellà­n"
Fer­nan­dez Auf­satz in der Cebi­te­pal-Publi­ka­ti­on „Medellà­n“

Fer­nan­dez, der päpst­li­che Ghost­wri­ter, wur­de von Jor­ge Mario Ber­go­glio noch vor sei­ner Wahl zum Papst, zum Rek­tor der Päpst­li­chen Katho­li­schen Uni­ver­si­tät von Argen­ti­ni­en gemacht, obwohl es gegen sei­nen Pro­te­gé in Rom star­ke Vor­be­hal­te gab. Dafür räch­te sich Ber­go­glio nach sei­ner Wahl zum Papst, indem er an der zustän­di­gen römi­schen Kon­gre­ga­ti­on, die sich der Ernen­nung von Fer­nan­dez wider­setzt hat­te, die dama­li­gen Wider­sa­cher ent­ließ. Zugleich ernann­te er Fer­nan­dez zum Titularerzbischof.

Das Cen­tro Bà­blico Teoló­gi­co Pasto­ral para Amé­ri­ca Lati­na y el Cari­be (CEBITEPAL) ver­öf­fent­lich­te in der jüng­sten Aus­ga­be der Publi­ka­ti­on Medellí­n (Nr. 168, Jg. 43, 2017) einen Auf­satz des Papst-Ver­trau­ten mit dem Titel “Das VIII. Kapi­tel von Amo­ris lae­ti­tia – Was nach dem Sturm bleibt“.

Zu Amo­ris lae­ti­tia herrscht seit April 2016 ein Inter­pre­ta­ti­ons­cha­os, weil Papst Fran­zis­kus sich wei­gert, eine Klä­rung her­bei­zu­füh­ren. Eine sol­che wur­de von ver­schie­de­ner Sei­te mit Nach­druck gefor­dert, mit größ­tem Gewicht von den vier Kar­di­nä­len Brand­mül­ler, Bur­ke, Caf­farra und Meis­ner mit ihren Dubia (Zwei­fel). Fran­zis­kus igno­riert jedoch alle Appel­le und Anfra­gen, indem er sie unbe­ant­wor­tet läßt.

Der verleugnete Buenos-Aires-Brief als „Schlüssel“ zu Amoris laetitia

Grund­la­ge der päpst­li­chen Über­zeu­gun­gen, so Fer­nan­dez, sei sein Schrei­ben an die Bischö­fe der Kir­chen­pro­vinz Bue­nos Aires. Die­ses Schrei­ben vom 5. Sep­tem­ber gelang­te durch eine Indis­kre­ti­on vor­zei­tig an die Öffent­lich­keit, wes­halb sei­ne Echt­heit vehe­ment demen­tiert wur­de, und die Fra­ge dann offen­ge­las­sen wur­de. Bis jetzt. Nun tauch­te das Schrei­ben fast ein Jahr spä­ter plötz­lich auf der offi­zi­el­len Inter­net­sei­te des Vati­kans inmit­ten der lehr­amt­li­chen Tex­te des Pap­stes auf.

Kurz­um, damit steht fest, daß es die offi­zi­el­le Posi­ti­on des Pap­stes wie­der­gibt, der zwar wie­der­um nicht selbst spricht, son­dern auf ande­re als „authen­ti­sche Inter­pre­ten“ ver­weist: im kon­kre­ten Fall auf die Bischö­fe sei­ner Heimatprovinz.

„Fran­zis­kus schlägt einen Schritt vor­wärts vor, der eine Ände­rung der gel­ten­den Dis­zi­plin impliziert.“

Mit Dis­zi­plin ist kon­kret die Sakra­men­ten­ord­nung gemeint, aber auch das Moral­ge­setz. Das ist der zen­tra­le Satz im Auf­satz von Erz­bi­schof Fer­nan­dez. Der Rest klingt nach Sophis­mus und Kasuistik.

„Indem er die Unter­schei­dung zwi­schen objek­tiv Gutem und sub­jek­ti­ver Schuld bei­be­hält, und den Grund­satz, daß abso­lu­te mora­li­sche Nor­men kei­ne Aus­nah­me zulas­sen, unter­schei­det er zwi­schen der Norm und ihrer For­mu­lie­rung und vor allem for­dert er eine beson­de­re Auf­merk­sam­keit für die mil­dern­den Umstän­de. Die­se bezie­hen sich nicht nur auf die Kennt­nis der Norm, son­dern vor allem auf die rea­len Ent­schei­dungs­mög­lich­kei­ten der Sub­jek­te in ihrer kon­kre­ten Wirklichkeit.“

Fernadnez: Die Wirklichkeit kommt vor dem Gesetz, lehrt Franziskus

„Was von Amo­ris lae­ti­tia nach dem Sturm bleibt“

Rea­li­tät ver­sus Norm? Für Fer­nan­dez ist die Ent­schei­dung ein­deu­tig. Sei­ne Dar­le­gung setzt die Über­zeu­gung vor­aus, daß das Gesetz, auch das gött­li­che Gesetz rea­li­täts­fremd sein kön­ne, wes­halb die „Wirk­lich­keit“ über dem Gesetz ste­he. Das „kon­kre­te“ Leben bre­che die abstrak­te Norm. Der Denk­wei­se liegt eine laten­te Auf­leh­nung gegen Nor­men zugrun­de, die dem Maß­stab folgt „Alles ist mög­lich, nix ist fix“.

„Fran­zis­kus gibt zu, daß eine pasto­ra­le Unter­schei­dung im Bereich des ‚forum inter­num‘, die auf das Gewis­sen der Per­son ach­tet, prak­ti­sche Kon­se­quen­zen für die Art der Anwen­dung der Dis­zi­plin haben kann. Die­se Neu­heit lädt ein, dar­an zu erin­nern, daß die Kir­che sich wirk­lich wei­ter­ent­wickeln kann, wie es in der Geschich­te bereits gesche­hen ist, sowohl in ihrem Ver­ständ­nis der Glau­bens­leh­re als auch in der Anwen­dung ihrer dis­zi­pli­na­ri­schen Konsequenzen.“

Soweit Fer­nan­dez, der wie folgt fortsetzt:

„Dies zum The­ma anzu­neh­men, das uns beschäf­tigt, ver­langt, eine neue Logik ohne stren­ge Sche­ma­ta zu akzep­tie­ren. Den­noch impli­ziert das kei­nen Bruch, son­dern eine har­mo­ni­sche Evo­lu­ti­on und eine krea­ti­ve Kon­ti­nui­tät mit Respekt gegen­über der Leh­re der frü­he­ren Päpste.“

„Neuheit und kreative Kontinuität“ vom Lehramt längst verurteilt

Die Nach­rich­ten­sei­te Info­ca­to­li­ca, die im Sep­tem­ber 2016 den bis­her ver­leug­ne­te Papst-Brief an die Bischö­fe von Bue­nos Aires auf­deck­te, kom­men­tier­te nun zum Fernandez-Aufsatz:

„Sicher ist, daß das, was Msgr. Fer­nan­dez sagt, weder eine Neu­heit noch eine krea­ti­ve Kon­ti­nui­tät ist, son­dern ein Gedan­ke, der vom Lehr­amt der Kir­che ver­ur­teilt wur­de. Er wider­spricht zum Bei­spiel ein­deu­tig dem Schrei­ben der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on vom 14. Sep­tem­ber 1994 ‚an die Bischö­fe der katho­li­schen Kir­che über den Kom­mu­nion­emp­fang von wie­der­ver­hei­ra­te­ten geschie­de­nen Gläu­bi­gen‘, das von Papst Johan­nes Paul II. appro­biert wurde.“

1994 wur­de damit der dama­li­ge Ver­such von Wal­ter Kas­per und ande­ren deut­schen Bischö­fe abge­wehrt, die Schei­dung in der katho­li­schen Kir­che salon­fä­hig zu machen. Die Fra­ge war damals ent­schie­den wor­den und dabei blieb es, bis zur Wahl von Papst Fran­zis­kus, die Kas­per betrie­ben hat­te, und mit der er die Chan­ce zur Revan­che sah.

1994 schrieb Kar­di­nal Ratz­in­ger als Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on:

„6. Gläu­bi­ge, die wie in der Ehe mit einer Per­son zusam­men­le­ben, die nicht ihre recht­mä­ßi­ge Ehe­gat­tin oder ihr recht­mä­ßi­ger Ehe­gat­te ist, dür­fen nicht zur hei­li­gen Kom­mu­ni­on hin­zu­tre­ten. Im Fal­le, daß sie dies für mög­lich hiel­ten, haben die Hir­ten und Beicht­vä­ter wegen der Schwe­re der Mate­rie und der For­de­run­gen des geist­li­chen Wohls der betref­fen­den Per­so­nen und des All­ge­mein­wohls der Kir­che die ern­ste Pflicht, sie zu ermah­nen, daß ein sol­ches Gewis­sen­s­ur­teil in offe­nem Gegen­satz zur Leh­re der Kir­che steht. Sie müs­sen die­se Leh­re zudem allen ihnen anver­trau­ten Gläu­bi­gen in Erin­ne­rung rufen. […]

7. Die irri­ge Über­zeu­gung von wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen, zum eucha­ri­sti­schen Tisch hin­zu­tre­ten zu dür­fen, setzt nor­ma­ler­wei­se vor­aus, daß dem per­sön­li­chen Gewis­sen die Macht zuge­schrie­ben wird, in letz­ter Instanz auf der Grund­la­ge der eige­nen Über­zeu­gung über das Bestehen oder Nicht­be­stehen der vor­aus­ge­hen­den Ehe und über den Wert der neu­en Ver­bin­dung zu ent­schei­den. Eine sol­che Auf­fas­sung ist jedoch unzu­läs­sig. Die Ehe stellt näm­lich wesent­lich eine öffent­li­che Wirk­lich­keit dar, weil sie das Abbild der bräut­li­chen Ver­ei­ni­gung zwi­schen Chri­stus und sei­ner Kir­che ist und die Urzel­le und einen wich­ti­gen Fak­tor im Leben der staat­li­chen Gesell­schaft bildet.“

„Eben­so wider­spricht es dem, was Papst Bene­dikt XVI. im nach­syn­oda­len Schrei­ben Sacra­men­tum Cari­ta­tis schreibt, so Info­Ca­to­li­ca:

„Die Bischofs­syn­ode hat die auf die Hei­li­ge Schrift (vgl. Mk 10,2–12) gegrün­de­te Pra­xis der Kir­che, wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne nicht zu den Sakra­men­ten zuzu­las­sen, bestä­tigt, weil ihr Sta­tus und ihre Lebens­la­ge objek­tiv jener Lie­bes­ver­ei­ni­gung zwi­schen Chri­stus und sei­ner Kir­che wider­spre­chen, die in der Eucha­ri­stie bedeu­tet und ver­wirk­licht wird.“

Fernandez: „Neuheit“ von Franziskus „irreversibel“

Ganz anders Msgr. Fer­nan­dez im Som­mer 2017. Er nimmt für die von Papst Fran­zis­kus ein­ge­führ­te „Neu­heit“ in Anspruch, daß sie „irrever­si­bel“ sei.

„Nach Mona­ten inten­si­ver Akti­vi­tä­ten von Sek­to­ren, die sich den Neue­run­gen des VIII. Kapi­tels von Amo­ris lae­ti­tia wider­set­zen – Min­der­hei­ten, die aber hyper­ak­tiv sind – oder die feste Absicht haben, sie zu ver­stecken, scheint der Krieg an einem toten Punkt ange­langt zu sein. Jetzt soll­te man inne­hal­ten, um zu erken­nen, was kon­kret Fran­zis­kus uns als irrever­si­ble Neu­heit gibt.“

Fer­nan­dez gibt zu, daß das aus Amo­ris lae­ti­tia selbst nicht so klar hervorgeht.

„Was uns inter­es­siert, ist, zu erfah­ren, wie der Papst selbst inter­pre­tiert, was er geschrie­ben hat. Die Ant­wort ist sehr ein­deu­tig in sei­nem Kom­men­tar zu den Richt­li­ni­en der Bischö­fe der Regi­on Bue­nos Aires enthalten.“

Um mit dem Satz zu schließen:

„Amo­ris lae­ti­tia öff­net die Mög­lich­keit der Zulas­sung zu den Sakra­men­ten der Ver­söh­nung und der Eucha­ri­stie (vgl. Fuß­no­ten 336 und 351).“

Kritiker können lange warten: „Es ist sinnlos auf eine Antwort des Papstes zu hoffen“

Auf­grund die­ser Posi­ti­on des Pap­stes, so Fer­nan­dez, könn­ten jene, die sich die­sem Kurs wider­set­zen, lan­ge auf eine Ant­wort war­ten, denn Fran­zis­kus wer­de kei­ne ande­re geben, als jene, die er bereits gege­ben habe:

„Fran­zis­kus schrieb ihnen [den Bischö­fen von Bue­nos Aires] sofort ein offi­zi­el­les Schrei­ben, indem er sag­te: ‚Der Text ist sehr gut und bringt das Kapi­tel VIII von Amo­ris lae­ti­tia genau zum Aus­druck‘. Es ist aber wich­tig zu erwäh­nen, daß er hin­zu­füg­te: ‚Es gibt kei­ne ande­ren Inter­pre­ta­tio­nen‘ (Brief vom 5. Sep­tem­ber 2016). Des­halb ist es sinn­los auf eine ande­re Ant­wort des Pap­stes zu hoffen.“

„Der Rest des Auf­sat­zes von Msgr. Fer­nan­dez“, so Info­Ca­to­li­ca, „hat die Absicht, den Bruch von Amo­ris lae­ti­tia mit dem bis­he­ri­gen Lehr­amt zu recht­fer­ti­gen.“ Als Beleg dafür genü­ge ein Blick in den Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che, der im Absatz 2353 besagt:

„Unzucht ist die kör­per­li­che Ver­ei­ni­gung zwi­schen einem Mann und einer Frau, die nicht mit­ein­an­der ver­hei­ra­tet sind. Sie ist ein schwe­rer Ver­stoß gegen die Wür­de die­ser Men­schen und der mensch­li­chen Geschlecht­lich­keit  […] ein schwe­res Ärgernis.“

„Unzucht muß nicht immer Sünde sein“

Erz­bi­schof Fer­nan­dez, die rech­te Hand des Pap­stes, ist auch dazu ande­rer Mei­nung. Unzucht müs­se nicht immer Sün­de sein.

„Ist es legi­tim anzu­neh­men, daß die Hand­lun­gen eines Zusam­men­le­bens more urxorio immer, in ihrer Gesamt­heit, inner­halb des nega­ti­ven Gebots gese­hen wer­den müs­sen, das ‚Unzucht‘ ver­bie­tet. Ich sage ‚in sei­ner Gesamt­heit‘, weil es nicht mög­lich ist, zu behaup­ten, daß die­se Hand­lun­gen in allen Fäl­len in sub­jek­ti­ver Hin­sicht schwer unehr­lich sind.“

Ent­spre­chend stellt Fer­nan­dez Über­le­gun­gen an über eine „hypo­the­ti­sche Unmög­lich­keit“ unter „bestimm­ten Umstän­den“ die Gebo­te hal­ten zu kön­nen. Über­le­gun­gen, die – folgt man sei­nen Aus­füh­run­gen – von Papst Fran­zis­kus geteilt werden.

„Fran­zis­kus berück­sich­tigt, daß ein Mensch, obwohl er die Norm kennt, ‚sich in einer kon­kre­ten Lage befin­den (kann), die ihm nicht erlaubt, anders zu han­deln und ande­re Ent­schei­dun­gen zu tref­fen, ohne eine neue Schuld auf sich zu laden. Wie die Syn­oden­vä­ter rich­tig zum Aus­druck brach­ten, kann [es] Fak­to­ren geben, die die Ent­schei­dungs­fä­hig­keit begren­zen‘. In einem ande­ren Absatz bekräf­tigt er das: ‚Unter bestimm­ten Umstän­den kann es für Men­schen eine gro­ße Schwie­rig­keit dar­stel­len, anders zu handeln‘.“

Dem hält Info­Ca­to­li­ca Aus­sa­gen des Kon­zils von Tri­ent ent­ge­gen, das im Dekret über die Recht­fer­ti­gung, Canon XVIII, lehrt:

„Wer sagt, die Gebo­te Got­tes sei­en auch für einen gerecht­fer­tig­ten und unter der Gna­de ste­hen­den Men­schen unmög­lich zu beob­ach­ten: der sei mit dem Anathe­ma belegt“ [vgl. DH 1536].

Und die Hei­li­ge Schrift:

„Noch ist kei­ne Ver­su­chung über euch gekom­men, die den Men­schen über­for­dert. Gott ist treu; er wird nicht zulas­sen, daß ihr über eure Kraft hin­aus ver­sucht wer­det. Er wird euch in der Ver­su­chung einen Aus­weg schaf­fen, sodaß ihr sie bestehen könnt“ (1 Kor 10,13).

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: InfoCatolica/CEBITEPAL

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