Katholischer Spitalsorden führt in Belgien die Euthanasie ein — Wird Papst Franziskus intervenieren?

Die belgischen Broeders van LIefde führen an ihren ordenseigenen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen die Euthanasie ein
Die belgischen Broeders van LIefde führen an ihren ordenseigenen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen die Euthanasie ein

(Brüs­sel) Die Broe­ders van Lief­de (Brü­der der Lie­be) sind in Bel­gi­ens Sozi­al- und Gesund­heits­für­sor­ge eine ein­fluß­rei­che Orga­ni­sa­ti­on. Der 1807 gegrün­de­te katho­li­sche Orden, der vor allem aus Lai­en­brü­dern besteht, betreibt vor allem im flä­mi­schen Nord­bel­gi­en ein aus­ge­dehn­tes Netz an Gesund­heits­ein­rich­tun­gen, beson­ders auch im Bereich der Alten­pfle­ge und Behin­der­ten­für­sor­ge. Nie­der­las­sun­gen des Ordens gibt es auch in etli­chen ande­ren Län­dern. Mit dem 1572 gegrün­de­ten Hospi­tal­or­den der Barm­her­zi­gen Brü­der hat er nichts zu tun. Dar­auf legen Letz­te­re in die­sen Tagen ganz beson­de­ren Wert.

Grund für die Prä­zi­sie­rung ist die Ent­schei­dung der bel­gi­schen Broe­ders van Lief­de, in den von ihnen betrie­be­nen Ein­rich­tun­gen, die Eutha­na­sie­rung von Men­schen zuzu­las­sen. Seit gestern kön­nen Pati­en­ten in den ordens­ei­ge­nen Kran­ken­häu­sern die Eutha­na­sie bean­tra­gen.

Menschliches Leben ist „heilig“

Ein Schritt, der im offe­nen Wider­spruch zur katho­li­schen Leh­re steht:

„Das mensch­li­che Leben ist hei­lig […]. Nur Gott ist der Herr des Lebens von sei­nem Anfang bis zu sei­nem Ende: Nie­mand darf sich, unter kei­nen Umstän­den, das Recht anma­ßen, ein unschul­di­ges, mensch­li­ches Wesen direkt zu zer­stö­ren“ (Instruk­ti­on Donum vitae der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re vom 22. Febru­ar 1987).

Im Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che heiß es:

„Die direk­te Eutha­na­sie besteht dar­in, daß man aus wel­chen Grün­den und mit wel­chen Mit­teln auch immer dem Leben behin­der­ter, kran­ker oder ster­ben­der Men­schen ein Ende setzt. Sie ist sitt­lich unan­nehm­bar“ (KKK, 2277).

Trotz die­ser ein­deu­ti­gen Leh­re und wohl­wis­send, daß die katho­li­sche Kir­che in Bel­gi­en, einem Land, das 2002 die Eutha­na­sie lega­li­siert hat, eine der weni­gen gesell­schaft­li­chen Kräf­te ist, die noch das Lebens­recht ver­tei­digt, wur­de vom Orden beschlos­sen, auch an sei­nen Kran­ken­häu­sern die Tötung auf Ver­lan­gen ein­zu­füh­ren. Die Ordens­ein­rich­tun­gen der Broe­ders van Lief­de unter­schei­den sich damit nicht mehr von staat­li­chen oder ande­ren pri­va­ten Ein­rich­tun­gen, in denen die Tötung auf Ver­lan­gen — und wie eine Rei­he von Berich­ten zei­gen, nicht sel­ten auch ille­gal — getö­tet wird.

Generaloberer mißbilligt Entscheidung des belgischen Ordenszweiges

Der bel­gi­sche Ordens­obe­re, Raf De Rycke, behaup­tet,“ es han­delt sich nicht um eine 180-Grad-Dre­hung“ des Ordens. Man gehe wei­ter­hin, was das Leben betrifft, von „den­sel­ben Prin­zi­pi­en“ aus wie die katho­li­sche Kir­che, „aber nicht abso­lut“, da wür­de man „nicht gleich den­ken“ wie Rom.

Der Gene­ral­obe­re des Ordens in Rom, René Stock­mann äußer­te in einer öffent­li­chen Erklä­rung sei­ne Miß­bil­li­gung der Ent­schei­dung sei­ner bel­gi­schen Mit­brü­der. „Für uns gilt das Lebens­recht abso­lut“, so der Ordens­ge­ne­ral.

Rund ein Dut­zend Pati­en­ten, die in Ein­rich­tun­gen der Broe­ders van Lief­de betreut wur­den, hät­ten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren den Wunsch geäu­ßert, eutha­na­siert zu wer­den. Sie wur­den dafür bis­her in ande­re Kran­ken­häu­ser gebracht, die das staat­li­che Eutha­na­sie­ge­setz exe­ku­tie­ren. Seit dem 27. April 2017 bie­ten auch die ordens­ei­ge­nen Kran­ken­häu­ser Eutha­na­sie als „Zusatz­dienst­lei­stung“ an.

In einem aus­führ­li­chen Papier begrün­det der bel­gi­schen Ordens­zweig sei­ne Ent­schei­dung und führt dabei aus, daß die Eutha­na­sie nur unter streng­sten Auf­la­gen und der Ein­hal­tung höch­ster „ethi­scher Stan­dards“ erfol­gen wer­de. Was das in Wirk­lich­keit bedeu­tet, hat das bel­gi­sche Eutha­na­sie­ge­setz in den ver­gan­ge­nen 15 Jah­ren aus­rei­chend bewie­sen. ZU sei­ner Ein­füh­rung wur­den auch die höch­sten ethi­schen Stan­dards und stren­ge Kon­troll­me­cha­nis­men ver­spro­chen. In Wirk­lich­keit wur­de das Gesetz seit­her mehr­fach „nach­ge­bes­sert“, um einen immer grö­ße­ren Per­so­nen­kreis poten­ti­ell eutha­na­sie­ren zu kön­nen. Berich­te von Ärz­ten, Repor­ta­gen von Medi­en und Erzäh­lung von Ange­hö­ri­gen der Betrof­fe­nen doku­men­tie­ren, daß die Kon­troll­me­cha­nis­men nicht funk­tio­nie­ren und nie funk­tio­niert haben, was nur mög­lich ist, weil weder Legis­la­ti­ve noch Exe­ku­ti­ve oder Judi­ka­ti­ve in Bel­gi­en eine wirk­li­che Kon­trol­le wol­len. Dem Miß­brauch ist gro­ßer Spiel­raum gebo­ten, der immer grö­ßer wird. Die Ent­wick­lung, trotz der vie­len Wor­te bekun­de­ter Selbst­be­schrän­kung, wird in den Ein­rich­tun­gen der Bro­ders van Lief­de nicht anders ver­lau­fen, als in den übri­gen bel­gi­schen Ein­rich­tun­gen, in denen Eutha­na­sie betrie­ben wird.

Ob die bel­gi­schen Broe­ders van Lief­de bei ihrem Ent­scheid von der Sor­ge getrie­ben waren, Pati­en­ten zu ver­lie­ren und ihnen dadurch ein Geschäft ent­ge­hen könn­te, oder ob hin­ter den Kulis­sen „sanf­ter“ poli­ti­scher Druck aus­ge­übt wur­de, sich dem gesell­schaft­li­chen „Kon­sens“ anzu­pas­sen — viel­leicht andern­falls mit dem Ent­zug öffent­li­cher Finan­zie­run­gen gedroht wur­de -, ist nicht bekannt. Tat­sa­che ist, daß die Broe­ders in der Lebens­rechts­fra­ge die Bar­ri­ka­den gewech­selt haben. Ein Ver­rat am Leben und eine Kapi­tu­la­ti­on vor der Kul­tur des Todes, die nicht ohne Kon­se­quen­zen blei­ben kann, wenn die Kir­che in Bel­gi­en ihre Glaub­wür­dig­keit in Sachen Lebens­recht nicht gänz­lich ver­spie­len soll.

2008 dachte die belgischen Broeders noch anders

Vor weni­gen Jah­ren nahm der Orden noch eine ganz ande­re Posi­ti­on ein. Als 2008 der flä­mi­sche Schrift­stel­ler Hugo Claus in offe­nem Wider­spruch zum gel­ten­den Eutha­na­sie­ge­setz erklär­te, sei­nen Todes­tag selbst zu bestim­men, frag­ten ihn die Broe­ders van Lief­de öffent­lich, ob er denn „nach­ge­dacht habe, wel­che Bot­schaft von sei­nem Han­deln an ande­re Alz­hei­mer­pa­ti­en­ten“ aus­ge­he. Der Orden kri­ti­sier­te damals auch die bel­gi­schen Medi­en, von denen die Eutha­na­sie „schön­ge­re­det“ wer­de.

Kein Jahr­zehnt danach weiß der Orden davon nichts mehr. Sein Umschwen­ken zeigt, welch kor­rum­pie­ren­den Ein­fluß staat­li­che Geset­ze auf das Den­ken und Han­deln der Men­schen haben. Was gesetz­lich erlaubt ist, wird zur Selbst­ver­ständ­lich­keit und schritt­wei­se auch schein­bar mora­lisch erlaubt. Es scheint nur eine Fra­ge der Zeit zu sein.

Die Ent­schei­dung des bel­gi­schen Ordens­zwei­ges stellt den Gesamt­or­den und die katho­li­sche Kir­che vor die Her­aus­for­de­rung, auf die offe­ne Ver­let­zung der kirch­li­chen Leh­re, in einer Fra­ge, bei der es um Leben oder Tod geht, zu reagie­ren. Den ver­ant­wort­li­chen Obe­ren der bel­gi­schen Broe­ders van Lief­de ist die gel­be Kar­te zu zei­gen und bei Unein­sich­tig­keit auch die rote.

Wird Papst Franziskus intervenieren, wie bei anderen Orden?

An ihnen hät­te Papst Fran­zis­kus gebo­te­ner­ma­ßen, da Gefahr im Ver­zug ist, Raf De Rycke und die ande­ren Ent­schei­dungs­trä­ger umge­hend nach Rom zu zitie­ren und bei Wei­ge­rung, den Beschluß rück­gän­gig zu machen, abzu­set­zen. Der­glei­chen hat er bereits an ande­ren Orden und Diö­ze­sen ohne erkenn­ba­ren Grund und ohne erkenn­ba­res schuld­haf­tes Ver­hal­ten vor­ex­er­ziert, zuletzt durch den erzwun­ge­nen Rück­tritt des Groß­mei­sters des Mal­te­ser­or­dens.

Wird Papst Fran­zis­kus gegen den Eutha­na­sie­be­schluß der bel­gi­schen Broe­ders van Lief­de inter­ve­nie­ren, sobald er aus Ägyp­ten zurück­kommt? Man wird ihn auch dar­an mes­sen.

Zum The­ma Eutha­na­sie und bel­gi­sches Eutha­na­sie­ge­setz ist bis­her erschie­nen:

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: broedersvanliefde.be (Screen­shot)