Päpstlicher Rat macht Martin Luther zum „Zeugen des Evangeliums“

Papst Franziskus: Luther im Vatikan
Papst Franziskus: Luther im Vatikan

(Rom) Der Päpst­li­che Rat zur För­de­rung der Ein­heit der Chri­sten ver­öf­fent­lich­te die Tex­te für die welt­wei­te „Gebets­wo­che für die Ein­heit der Chri­sten 2017“. Sie ste­hen ganz im Zei­chen des Geden­kens „500 Jah­re Refor­ma­ti­on durch Mar­tin Luther“. Der 500. Jah­res­tag der Ver­öf­fent­li­chung der 95 The­sen durch Mar­tin Luther wird als „Schlüs­sel­er­eig­nis der Refor­ma­ti­ons­be­we­gung“ bezeich­net, „die das Leben der Kir­che des Westens über Jahr­hun­der­te prägte“.

Wört­lich heißt in der „Ein­füh­rung zum Thema“:

„Nach inten­si­ven und manch­mal schwie­ri­gen Dis­kus­sio­nen kamen die Kir­chen in Deutsch­land über­ein, dass das Refor­ma­ti­ons­ge­den­ken in öku­me­ni­scher Gemein­schaft als Chri­stus­fest began­gen wer­den soll­te. Die Kon­zen­tra­ti­on auf den Kern des christ­li­chen Glau­bens, Jesus Chri­stus und sein Werk der Ver­söh­nung, ermög­licht es den öku­me­ni­schen Part­nern der EKD (römisch-katho­li­sche und ortho­do­xe Kir­che, Bap­ti­sten, Metho­di­sten, Men­no­ni­ten u.a.), sich an den Fei­ern zum Geden­ken der Refor­ma­ti­on zu beteiligen.“

Zugleich wird auf den „wich­ti­gen Bericht: ‚Vom Kon­flikt zur Gemein­schaft‘ “ der Luthe­ri­sch/­Rö­misch-katho­li­schen Kom­mis­si­on ver­wie­sen. „Heu­te kön­nen wir kon­fes­sio­nel­le Pole­mik von den theo­lo­gi­schen Ein­sich­ten der Refor­ma­ti­on unter­schei­den, und das ermög­licht es Katho­li­ken, Luthers Anfra­gen für die Kir­che heu­te zu hören und ihn als „Zeu­gen des Evan­ge­li­ums“ (Vom Kon­flikt zur Gemein­schaft, Nr. 29) anzu­er­ken­nen“, so der Text, der allen Diö­ze­sen der Welt­kir­che als Grund­la­ge für die Durch­füh­rung der „Gebets­wo­che für die Ein­heit der Chri­sten 2017“ über­mit­telt wur­de. Nicht gesagt wird, daß der „wich­ti­ge Bericht“ kei­nen ver­bind­li­chen Cha­rak­ter hat und auch nicht haben kann, da er ver­bind­li­chen Doku­men­ten der katho­li­schen Kir­che widerspricht.

Umstrittener päpstlicher Kurs zum „Reformationsgedenken“ wird fortgesetzt

Der neue Text des Päpst­li­chen Rates zur För­de­rung der Ein­heit der Chri­sten folgt dem Weg, der von Papst Fran­zis­kus mit sei­ner umstrit­te­nen Teil­nah­me am Refor­ma­ti­ons­ge­den­ken im schwe­di­schen Lund ein­ge­schla­gen wur­de. Fran­zis­kus woll­te Ende Okto­ber aus­drück­lich die Katho­li­ken Skan­di­na­vi­ens nicht „geson­dert“ besu­chen und vor allem kei­ne Hei­li­ge Mes­se zele­brie­ren, weil die­ser katho­li­sche „Par­ti­ku­la­ris­mus“ die von ihm beab­sich­tig­te „Öku­me­ne“ stör­te. Erst nach einem hef­ti­gen Rin­gen hin­ter den Kulis­sen wil­lig­te Fran­zis­kus unwil­lig ein, sei­nen Auf­ent­halt um einen Tag zu ver­län­gern und mit den Katho­li­ken in Mal­mö eine Hei­li­ge Mes­se zu zele­brie­ren. Dafür war Fran­zis­kus zu Aller­hei­li­gen nicht in Rom.

Gemeinsame Erklärung in Lund
Gemein­sa­me Erklä­rung in Lund

Das gemein­sa­me Refor­ma­ti­ons­ge­den­ken fand zwi­schen Hei­li­gem Stuhl und dem Luthe­ri­schen Welt­bund statt. Unmit­tel­bar Aus­tra­gen­der war jedoch die luthe­ri­sche Schwe­di­sche Kir­che. Die schwe­di­schen Luthe­ra­ner akzep­tie­ren welt­an­ge­paßt Ver­hü­tung, Abtrei­bung, Homo­se­xua­li­tät, Pasto­rin­nen und Bischö­fin­nen, kurz­um mehr oder weni­ger alles, was in der katho­li­schen Kir­che ver­bo­ten ist. Trotz der dün­nen Gemein­sam­kei­ten leg­te Papst Fran­zis­kus größ­ten Wert auf die­se „öku­me­ni­sche“ Initia­ti­ve, wäh­rend Weih­bi­schof Athan­si­us Schnei­der, einer der pro­fi­lier­te­sten Bischö­fe der katho­li­schen Kir­che kon­ter­te, daß es bereits eine „unfehl­ba­re Ant­wort auf die Irr­tü­mer Mar­tin Luthers“ gibt: das Kon­zil von Trient.

Waren es frü­her vor allem bun­des­deut­sche Kir­chen­krei­se, die Öku­me­ne als Nivel­lie­rung aller tren­nen­den Gegen­sät­ze prak­ti­zier­ten, besteht heu­te kein Zwei­fel, daß auch der Hei­li­ge Stuhl auf eine gemein­sa­me Fei­er der Refor­ma­ti­on drängt. Dazu ist erheb­li­che Wort­akro­ba­tik, Rea­li­täts­ver­wei­ge­rung und Aus­blen­dung von Grund­wahr­hei­ten von Nöten. Über­spielt wer­den die Gegen­sät­ze durch die Beto­nung der „Zen­tra­li­tät“ Christi.

Motto der Gebetswoche ein Drängen auf Interkommunion

Das Mot­to „Ver­söh­nung – die Lie­be Chri­sti drängt uns“ der Gebets­wo­che für die Ein­heit der Chri­sten wur­de direkt dem Refor­ma­ti­ons­ge­den­ken in Lund ent­lehnt. Beob­ach­ter sehen dar­in ein Bestre­ben, das Tem­po zu beschleu­ni­gen und den Druck zu erhö­hen, eine öku­me­ni­sche Ein­heit zu erzwin­gen, die in bestimm­ten Fäl­len auch die Inter­kom­mu­ni­on für Pro­te­stan­ten mit­ein­schlie­ßen soll. Papst Fran­zis­kus hat­te eine ent­spre­chen­de Ankün­di­gung bei sei­nem Besuch in der Luther­kir­che in Rom getä­tigt. Auf die Fra­ge einer Luthe­ra­ne­rin, die mit einem Katho­li­ken ver­hei­ra­tet ist, wann es soweit sein wer­de, daß sie mit ihrem Mann gemein­sam die Hei­li­ge Kom­mu­ni­on emp­fan­gen kön­ne, hol­te Fran­zis­kus zu einer lang­at­mi­gen, impro­vi­sier­ten Ant­wort aus. Die End­aus­sa­ge war jedoch ein­deu­tig: Er sag­te zunächst Nein, dann Jein und am Ende, daß jeder selbst nach sei­nem per­sön­li­chen Gewis­sen ent­schei­den sol­le. Die Aus­sa­ge wur­de von den Anwe­sen­den, wie der gast­ge­ben­de luthe­ri­sche Pastor, Jens-Mar­tin Kru­se, spä­ter bekräf­tig­te, als Ja zur Inter­kom­mu­ni­on verstanden.

Pastor Kruse mit Papst Franziskus in der Christuskirche in Rom
Pastor Kru­se mit Papst Fran­zis­kus in der Chri­stus­kir­che in Rom

Mit­te Dezem­ber zeig­te sich Kar­di­nal Wal­ter Kas­per, in theo­lo­gi­scher Hin­sicht die Graue Emi­nenz hin­ter dem der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kat, zuver­sicht­lich, daß Papst Fran­zis­kus dem­nächst in seiner

„näch­sten Erklä­rung den Weg zur gemein­sa­men eucha­ri­sti­schen Kom­mu­ni­on öff­nen wird“.

Kas­per ver­gaß nicht, wie schon bei den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen, hin­zu­zu­fü­gen, daß dies für „beson­de­re Situa­tio­nen“ gel­ten sol­le. Kri­ti­ker haben kei­nen Zwei­fel, daß die „Einzelfall“-Aufhebung eines Ver­bots nur einen ersten Schritt zur Auf­he­bung des gesam­ten Ver­bots bedeu­tet. Das sei auch das eigent­li­che Ziel, das der­zeit von den Befür­wor­tern nur noch nicht so direkt aus­ge­spro­chen wer­den kön­ne. Die „Einzelfall“-Aufhebung eines Ver­bots ent­hal­te bereits impli­zit die Gesamt­auf­he­bung des Ver­bo­tes, da sich des­sen Auf­recht­erhal­tung nicht mehr recht­fer­ti­gen lasse.

Kas­per wid­me­te Mar­tin Luther sein jüng­stes Buch. Obwohl Luther die latei­ni­sche Chri­sten­heit, das deut­sche Volk und ande­re Völ­ker ent­zwei­te, erklär­te Kas­per im März 2016, daß Luther „recht hat­te“. Eine The­se, die er auch dem Papst souf­flier­te, der sie im Juni 2016 wort­gleich wie­der­hol­te.

Interkommunion „wäre gegen Offenbarung und Lehramt der Kirche“

Die Inter­kom­mu­ni­on ist das eigent­li­che Haupt­ziel der katho­li­schen und luthe­ri­schen Öku­me­ni­ker, die am gemein­sa­men Refor­ma­ti­ons­ge­den­ken des Pap­stes in Lund teil­nah­men, ist sich auch der schwe­di­sche Reli­gi­ons­hi­sto­ri­ker Cle­mens Caval­lin sicher. Er wies auf die offi­zi­el­le Inter­net­sei­te der luthe­ri­schen Kir­che Schwe­dens hin, auf der aus­drück­lich zu lesen ist:

„Unser größ­ter Wunsch ist, daß die gemein­sa­me Zele­bra­ti­on der Eucha­ri­stie offi­zi­ell mög­lich wird.“

Papst mit schwedischer Erzbischöfin Antje Jackelen
Papst mit Schwe­dens luthe­ri­scher Erz­bi­schö­fin Ant­je Jackelen

Die Trag­wei­te des ange­streb­ten Para­dig­men­wech­sels wur­de vom bekann­ten Lit­ur­gi­ker Don Nico­la Bux, ehe­ma­li­ger Con­sul­tor des Amtes für die lit­ur­gi­schen Fei­ern des Pap­stes, in einem Inter­view mit dem Natio­nal Catho­lic Regi­ster auf­ge­zeigt: Die Ände­rung der Regel zugun­sten eines gemein­sa­men Kommunionempfanges

„wäre gegen die Offen­ba­rung und das gesam­te Lehr­amt der Kirche“.

Sie käme einer Auf­for­de­rung an die Chri­sten gleich, „eine Blas­phe­mie und ein Sakri­leg zu begehen“.

Das eucha­ri­sti­sche Ver­ständ­nis der Luthe­ra­ner unter­schei­det sich grund­le­gend von jener der Katho­li­ken. In Erman­ge­lung eines Wei­he­prie­ster­tums haben die Luthe­ra­ner kei­ne Eucha­ri­stie im eigent­li­chen Sinn, son­dern erhe­ben ledig­lich den Anspruch dar­auf. Das Brot bleibt im luthe­ri­schen Got­tes­dienst Brot. Im katho­li­schen Meß­op­fer ver­wan­delt sich das Brot in den Leib Chri­sti. Die Luthe­ra­ner, die trotz Luthers Abschaf­fung des Wei­he­sa­kra­ments dem Anspruch nach, an der Eucha­ri­stie fest­hal­ten, glau­ben jedoch nicht an die Trans­sub­stan­tia­ti­on. Grob gefaßt: Vor dem Got­tes­dienst ist es ein Brot, durch die Wand­lung­wor­te erfolgt eine Real­prä­senz Chri­sti, doch nach dem Got­tes­dienst ist es wie­der nur ein gewöhn­li­ches Brot.

Papst Franziskus folgt einem „naiven“ Dialogverständnis

Der ehe­ma­li­ge Angli­ka­ner und nun­meh­ri­ge katho­li­sche Prie­ster Dwight Lon­gen­ecker sieht im gemein­sa­men Refor­ma­ti­ons­ge­den­ken ein „nai­ves“ Ver­ständ­nis des theo­lo­gi­schen Dia­logs am Werk. Die­sem „nai­ven“ Ver­ständ­nis sei auch Papst Fran­zis­kus erle­gen. Die päpst­li­chen Aus­sa­gen über Mar­tin Luther sei­en äußerst pro­ble­ma­tisch, so Lon­gen­ecker. Papst Fran­zis­kus begrün­de sei­nen öku­me­ni­schen „Enthu­si­as­mus“ mit der Gemein­sa­men Erklä­rung zur Recht­fer­ti­gungs­leh­re des Päpst­li­chen Rates zur För­de­rung der Ein­heit der Chri­sten und des Luthe­ri­schen Welt­bun­des aus dem Jahr 1999. Lon­gen­ecker erin­ner­te dar­an, daß der Hei­li­ge Stuhl im Jahr 2000 mit der Erklä­rung Domi­nus Iesus eine offi­zi­el­le Rich­tig­stel­lung dazu ver­öf­fent­lich­te. Für die katho­li­sche Kir­che sei nicht die „Gemein­sa­me Erklä­rung“, son­dern Domi­nus Iesus ver­bind­lich, auch wenn bestimm­te Kir­chen­krei­se das syste­ma­tisch ver­schwei­gen wür­den. Der dama­li­ge Glau­bens­prä­fekt, Joseph Kar­di­nal Ratz­in­ger, stell­te klar, daß es zur Recht­fer­ti­gungs­leh­re kei­ne Gemein­sam­keit zwi­schen Luthe­ra­nern und Katho­li­ken gebe. „Eini­ge Dif­fe­ren­zen zwi­schen Luthe­ra­nern und Katho­li­ken sind von sub­stan­ti­el­ler Art und daher nicht mit­ein­an­der ver­ein­bar“, so Longenecker.

Ganz anders durf­te sich Pastor Jens-Mar­tin Kru­se in der Mai-Aus­ga­be 2016 der deut­schen Jesui­ten­zeit­schrift Stim­men der Zeit äußern. Sein Ton­fall ähnelt dem öku­me­ni­schen „Enthu­si­as­mus“ von Papst Fran­zis­kus und ver­mit­telt den Ein­druck, als kön­ne Begei­ste­rung objek­ti­ve Gegen­sät­ze über­win­den. Nach­dem er Mar­tin Luther als „Zeu­gen des Evan­ge­li­ums“ in den Mit­tel­punkt gestellt hat­te, schrieb Kruse:

„Wo wir dies als ‚Zeu­gen des Evan­ge­li­ums‘ gemein­sam tun, dort kann neu deut­lich wer­den, dass Jesus Chri­stus nicht zer­teilt ist, son­dern eins (1 Kor 1,13). Da geben wir uns mit dem bis­her erreich­ten Stand der Öku­me­ne nicht zufrie­den, son­dern tun mutig wei­te­re Schrit­te hin auf die ersehn­te und erhoff­te Ein­heit der Kir­che. Wo wir in Luther einen gemein­sa­men „Leh­rer im Glau­ben“ sehen und der Papst sein Amt evan­ge­li­ums­ge­mäß ver­sieht, dort braucht es nicht mehr viel. Da steht der Weg zur Ein­heit weit offen:
„Schie­ben wir“ dar­um, so ermu­tigt uns Papst Fran­zis­kus, ‚die Zau­de­rei­en, die wir von der Ver­gan­gen­heit geerbt haben bei­sei­te und öff­nen wir unser Herz dem Wir­ken des Hei­li­gen Gei­stes, dem Geist der Lie­be (Röm 5,5), um gemein­sam mit raschen Schrit­ten dem segens­rei­chen Tag unse­rer wie­der­ge­fun­de­nen vol­len Gemein­schaft entgegenzugehen.‘
Beste Aus­sich­ten also für das Jahr 2017!“

Der Auf­satz ent­spricht einem über­ar­bei­te­ten Vor­trag, den Pastor Kru­se im Janu­ar 2016, also knapp zwei Mona­te nach dem Papst­be­such in Kru­ses luthe­ri­scher Kir­che auf Ein­la­dung der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà  Cat­to­li­ca gehal­ten hat­te. Der öster­rei­chi­sche Jesu­it und Chef­re­dak­teur der Stim­men der Zeit, Ande­re­as Batt­logg, hat mit Sicher­heit recht, wenn er im Leit­ar­ti­kel zur Janu­ar-Aus­ga­be 2017 schreibt: „So viel Luther war nie“ — jeden­falls nicht aus katho­li­schem Mund.

Giu­lia­no Fer­ra­ra, der bekehr­te Ex-Kom­mu­nist und Grün­der der Tages­zei­tung Il Foglio, beklag­te bereits im Janu­ar 2016: „Wie luthe­risch Papst Fran­zis­kus doch ist“. Die Deut­sche Sek­ti­on von Radio Vati­kan erfreu­te sich gar dar­an, Papst Fran­zis­kus Anfang Dezem­ber 2016 als „neu­en Mar­tin Luther“ ins Bild zu set­zen. Mit die­ser The­se hat­te zuvor bereits Mar­got Käß­mann, ehe­ma­li­ge EKD-Vor­sit­zen­de und nun­meh­ri­ge „Luther-Bot­schaf­te­rin“ dem Papst im ver­gan­ge­nen Mai im Osser­va­to­re Roma­no geschmei­chelt. Womit sich der Kreis der aktu­el­len öku­me­ni­schen Stoß­rich­tung des Hei­li­gen Stuhls zu schlie­ßen scheint.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Vatican.va (Screen­shot)

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