Das Turiner Grabtuch — Katholisches Heiligtum

von Josef Bordat

Von heu­te an hat die inter­es­sier­te Öffent­lich­keit 44 Tage lang die Chan­ce, das so genann­te „Turi­ner Grab­tuch“ zu sehen. Ob sie dabei auf das Lei­chen­tuch Jesu oder ein Tuch aus dem Mit­tel­al­ter blicken, ist Gegen­stand einer 700 Jah­re wäh­ren­den Kon­tro­ver­se, die sich im Zuge neu­er Prüf­ver­fah­ren seit den 1970er Jah­ren zuge­spitzt hat und bis­lang ohne Ergeb­nis blieb. Bei­de Sei­ten haben stich­hal­ti­ge Argu­men­te. Die Fra­ge „Echt oder gefälscht?“ läßt sich nicht ein­deu­tig beant­wor­ten. Ganz unab­hän­gig davon kann das Arte­fakt als ech­tes katho­li­sches Hei­lig­tum gel­ten, wider­legt es doch sehr ein­drucks­voll drei gän­gi­ge Vor­ur­tei­le gegen die Kir­che.

1. „Die Kir­che ist ein Wirt­schafts­un­ter­neh­men. Es geht ihr vor­nehm­lich dar­um, den Men­schen das Geld aus der Tasche zu zie­hen.“ – Nein. Das Turi­ner Grab­tuch darf kosten­los besich­tigt wer­den. Bei den geschätzt 2 Mil­lio­nen Besu­chern ver­zich­tet die Kir­che auf Ein­nah­men im zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­reich. Dar­um geht es ihr auch gar nicht. Kar­di­nal Seve­ri­no Polet­to, Erz­bi­schof von Turin, äußer­te im Vor­feld der Aus­stel­lung den Wunsch, das die­se „ein spi­ri­tu­el­les und reli­giö­ses Ereig­nis“ und nicht „tou­ri­stisch und kom­mer­zi­ell“ wer­de.

2. „Die Kir­che hat mit den Nazis gemein­sa­me Sache gemacht.“ – Nein. Das Turi­ner Grab­tuch wur­de wäh­rend der deut­schen Besat­zungs­zeit vor den Nazis, die es auf Geheiß Hit­lers rau­ben soll­ten, in der Bene­dik­ti­ner-Abtei Mon­te­ver­gi­ne ver­steckt, wie Pater Andrea Car­din berich­tet.

3. „Die Kir­che ist wis­sen­schafts­feind­lich.“ – Nein. Das Turi­ner Grab­tuch wur­de der Wis­sen­schaft vor­be­halt­los zur Prü­fung über­ge­ben. Katho­li­ken wis­sen, daß die Wahr­heit des Glau­bens und die Wahr­heit des Wis­sens sich nicht wider­spre­chen, weil es nur die eine Wahr­heit in Gott gibt. Daher brau­chen sie die For­schung nicht zu fürch­ten. Papst Johan­nes Paul II. sag­te anläß­lich der letz­ten Aus­stel­lung des Turi­ner Grab­tuchs (1988), es wer­fe Fra­gen zum histo­ri­schen Jesus auf. Er füg­te hin­zu: „Da dies jedoch kei­ne Sache des Glau­bens ist, hat die Kir­che kei­ne spe­zi­el­le Kom­pe­tenz, die­se Fra­gen zu beant­wor­ten. Sie ver­traut den Wis­sen­schaft­lern die Fort­set­zung der Unter­su­chung an.“ Ver­trau­en ver­trägt sich schlecht mir Feind­schaft. Und umge­kehrt.

Selbst­ver­ständ­lich braucht es – da die anti­kle­ri­ka­len „Klas­si­ker“ nicht ver­fan­gen – im Zusam­men­hang mit dem Turi­ner Grab­tuch einen ande­ren Vor­wurf, der auch nicht lan­ge auf sich war­ten läßt. Er ver­mag die wohl­fei­len Stamm­tisch­kli­schees in punk­to Absur­di­tät noch um eini­ges zu über­bie­ten. Klingt unglaub­lich, ist aber so. Der Kir­che wird tat­säch­lich vor­ge­wor­fen, durch die im Jah­re 2002 erfolg­ten Kon­ser­vie­rungs­maß­nah­men künf­ti­ge Unter­su­chun­gen erschwe­ren zu wol­len. Die Alter­na­ti­ve – kei­ne Kon­ser­vie­rung – wäre frag­los der Ver­fall des Unter­su­chungs­ge­gen­stands. Dann wären zwar auch kei­ne Unter­su­chun­gen mehr mög­lich, aber das Ding wenig­stens aus der Welt. Daß Kir­che ver­sucht, zu erhal­ten, was erhal­tens­wert ist, scheint ja in einer Gesell­schaft, die auf der „Anything goes“-Ethik des Rela­ti­vis­mus fußt, ohne­hin Fels des Ansto­ßens zu sein, obwohl sel­bi­ge par­al­lel dazu in gleich­för­mig-mona­sti­schem Tur­nus den per­p­etu­ie­ren­den Ver­fall von Mora­li­tät und Sitt­lich­keit beklagt.

Kon­ser­vie­rung und Ver­fall – das Turi­ner Grab­tuch wird zur schö­nen Meta­pher. Wie gesagt: Ein katho­li­sches Hei­lig­tum. Echt.