Warum haben sich die Angriffe auf Kirchen vervierfacht?

Frankreich und die schwierige Suche nach den Ursachen

Zerstörter Altar in Nimes (Februar 2019).
Zerstörter Altar in Nimes (Februar 2019).

(Paris) Van­da­lis­mus, Dieb­stahl, Brand­stif­tung, Pro­fa­nie­rung, Angrif­fe gegen Kir­chen aller Art häu­fen sich in Frank­reich. Erst der noch unge­klär­te Brand von Not­re-Dame de Paris am Abend des 15. April lenk­te die Auf­merk­sam­keit auf die­ses erschrecken­de Phä­no­men. Zumin­dest kurz­zei­tig, wenn der gro­ße Medi­en­troß, an der christ­li­chen Glau­bens­wahr­heit des­in­ter­es­siert und der Kir­che gegen­über nicht sel­ten sogar feind­se­lig gesinnt, schnell wei­ter­zie­hen woll­te. Das Phä­no­men ist aber geblie­ben. Über die Ursa­chen herrscht noch kei­ne Einig­keit. Sicher schient nur zu sein, daß sie Aus­druck tief­grei­fen­der Ver­än­de­run­gen sind.

„End­lich“, sag­ten Frank­reichs Katho­li­ken, als Medi­en nach der Brand­ka­ta­stro­phe von Paris began­nen, nach den Grün­den für die­se Angrif­fe zu suchen. Im zurück­lie­gen­den Früh­ling wur­den erst­mals Fra­gen gestellt wie: Wer sind die Urhe­ber die­ser Angrif­fe? War­um sind die katho­li­schen Kir­chen die Haupt­be­trof­fe­nen? Wel­che katho­li­schen Gemein­schaf­ten wer­den beson­ders mas­siv ange­grif­fen?

Man begann, begrei­fen zu wol­len, was die­se Wel­le der Chri­sten­feind­lich­keit für die fran­zö­si­sche Kul­tur und Gesell­schaft bedeu­tet.

Das Innen­mi­ni­ste­ri­um leg­te Zah­len vor, die Ein­gang in die Mas­sen­me­di­en fan­den, was zuvor kaum der Fall war. Von 2008 bis 2019 haben sich die Angrif­fe auf Kir­chen ver­vier­facht. Allein in den ersten drei Mona­ten 2019 regi­strier­te die Poli­zei 228 Gewalt­ta­ten gegen katho­li­sche Kir­chen.

Die Zah­len kata­pul­tier­ten Frank­reich an die Spit­ze der euro­päi­schen Sta­ti­stik der Län­der mit den mei­sten anti­christ­li­chen Über­grif­fen. Ins­ge­samt nimmt die Chri­sten­feind­lich­keit in Euro­pa zu, wie das Obser­va­to­ry on into­le­ran­ce and discri­mi­na­ti­on against chri­sti­ans in Euro­pe bestä­tigt.

Vom neu­en Vor­sit­zen­den der Fran­zö­si­schen Bischofs­kon­fe­renz, Msgr. Eric de Moulins-Beau­fort, Erz­bi­schof von Reims, der weni­ge Tage vor dem ver­hee­ren­den Brand von Not­re-Dame in die­ses Amt gewählt wur­de, war bis­her aber nichts zur Chri­sten­feind­lich­keit im Land zu hören. Wohl des­halb äußer­te sich sein Vor­gän­ger an der Spit­ze der Bischofs­kon­fe­renz, Msgr. Geor­ges Pon­tier, der Erz­bi­schof von Mar­seil­les, und mach­te, wenn auch nur sehr schwach, auf das Pro­blem auf­merk­sam.

„Erz­bi­schof de Moulins-Beau­fort scheint mehr dar­an inter­es­siert zu sein, Moscheen zu eröff­nen, die Katho­li­ken zu kri­ti­sie­ren und die Mus­li­me als from­mer zu loben“, schrieb Matteo Orlan­do in Il Giorna­le.

Erz­bi­schof Pon­tier, der das The­ma in einem Inter­view mit der Zeit­schrift Le Point immer­hin ansprach, beton­te aber zugleich, damit „kei­nen Ver­fol­gungs-Dis­kurs“ begin­nen zu wol­len. Die Katho­li­ken „wol­len sich nicht bekla­gen“, wenn sie über die Angrif­fe spre­chen, son­dern ein Auf­bau­schen ver­mei­den.

Man darf ange­sichts der Fak­ten stau­nen.

Man könn­te den Ein­druck gewin­nen, der Spit­ze des fran­zö­si­schen Epi­sko­pats scheint es gar nicht recht zu sein, daß sich die öffent­li­che Auf­merk­sam­keit auf das Pro­blem der Gewalt gegen Kir­chen rich­tet.

Der ame­ri­ka­ni­sche Jour­na­list Richard Bern­stein, ehe­ma­li­ger Frank­reich-Kor­re­spon­dent der New York Times, schrieb auf Real­Clear­In­ve­sti­ga­ti­ons:

„Die anti­christ­li­chen Angrif­fe in Frank­reich haben sich still und lei­se ver­vier­facht. War­um?“

„Die Gemein­schaf­ten sind schockiert und füh­len sich ver­wund­bar. Die Angrif­fe haben sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auf dra­ma­ti­sche Wei­se ver­viel­facht und ereig­nen sich prak­tisch in allen Tei­len Frank­reichs: auf die­sel­be Wei­se im städ­ti­schen und länd­li­chen Raum, in gro­ßen Städ­ten und klei­nen Dör­fern.“

Bern­stein zitier­te den par­tei­lo­sen Poli­ti­ker Hen­ri Lemoi­g­ne, seit 1983 Bür­ger­mei­ster sei­ner Hei­mat­ge­mein­de in der Nor­man­die, der von „ech­ter Bestür­zung“ spricht, nach­dem dort Unbe­kann­te in die Kir­che ein­ge­drun­gen waren. Sie hat­ten den Taber­na­kel auf­ge­bro­chen und die kon­se­krier­ten Hosti­en auf den Boden gewor­fen.

„Die Men­schen spü­ren, daß ihre Wer­te ange­grif­fen wer­den, und sogar ihr Leben.“

So war es Abbé Jac­ques Hamel ergan­gen. Der betag­te Prie­ster zele­brier­te 2016 in Saint-Éti­en­ne-du-Rou­vray am Altar, als isla­mi­sche Ter­ro­ri­sten in die Kir­che ein­dran­gen und ihm die Keh­le durch­schnit­ten. Bei den Mör­dern han­del­te es sich um Anhän­ger des Isla­mi­schen Staa­tes (IS).

Was Bern­stein und ande­re aus­län­di­sche Beob­ach­ter erstaunt, ist die „Gelas­sen­heit“, mit der das lai­zi­sti­sche Frank­reich die­se Angrif­fe auf­nimmt:

„Die offi­zi­el­le katho­li­sche Kir­che in Frank­reich hat sich dafür ent­schie­den, die Angrif­fe her­un­ter­zu­spie­len.“

Der Brand von Not­re-Dame hat gegen den Wil­len der Hier­ar­chie das chri­sten­feind­li­che Phä­no­men, von dem Frank­reich heim­ge­sucht wird, ans Licht gebracht.

Unter Frank­reichs über­re­gio­na­len Tages­zei­tun­gen hat allein der bür­ger­li­che Figa­ro einen sub­stan­ti­el­len Hin­ter­grund­be­richt ver­öf­fent­licht und auf die Titel­sei­te gesetzt. Ande­re Medi­en haben sich mehr oder weni­ger mit ver­schie­de­nen Arti­keln über „Ein­zel­fäl­le“ begnügt. Das Aus­blei­ben eines öffent­li­chen Auf­schreis ver­an­laß­te die Zeit­schrift Cau­seur, eine Arti­kel­rei­he zu den Angrif­fen zu ver­öf­fent­li­chen unter der gemein­sa­men Schlag­zei­le:

„Explo­si­on anti­christ­li­cher Hand­lun­gen: Die Opfer, von denen nie­mand spricht“.

War­um aber neben die­se Angrif­fe zu? Die Ant­wor­ten sind mehr­schich­tig, und es herrscht kei­ne Einig­keit über sie.

Jene, die sie her­un­ter­spie­len, also die Mehr­heit der Medi­en, vie­le Poli­ti­ker und auch die Bischofs­kon­fe­renz, brin­gen sie mit der Klein­kri­mi­na­li­tät in Ver­bin­dung, ohne jedoch zu erklä­ren, wie es in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu einer Ver­vier­fa­chung die­ses Phä­no­mens kom­men konn­te.

Jene, die besorgt sind, wei­sen eine sol­che Ein­schät­zung ent­schie­den zurück. Le Figa­ro schrieb:

„Das ist nicht das Werk von Klein­kri­mi­nel­len.“

Nach ihrer Sicht wirft das Phä­no­men eine Rei­he grund­sätz­li­cher Fra­gen auf, die das Land betref­fen. Die Kir­che in Frank­reich gilt als schwach und daher als „leich­te Beu­te“. Schwach ist sie, weil sie in den ver­gan­ge­nen 230 Jah­ren, seit der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, mehr­fach von der feind­se­li­gen Staats­ge­walt so bru­tal ange­grif­fen wur­de, daß sie fast ganz oder teil­wei­se aus­ge­löscht wur­de. Seit mehr als 110 Jah­ren gilt in Frank­reich ein Gesetz der strik­ten Tren­nung von Kir­che und Staat, das in sei­ner Absicht als anti­ka­tho­li­sches Gesetz zu bezeich­nen ist. Der Anti­kle­ri­ka­lis­mus ist in Frank­reich inof­fi­zi­el­le Staats­dok­trin. Ein sol­ches Kli­ma för­dert die Schutz­lo­sig­keit der Kir­che. 2012 kam es unter Hol­lan­de zu einer Ver­schär­fung der Kir­chen­feind­lich­keit. Macron gibt sich zwar gemä­ßig­ter, stammt aber aus dem­sel­ben „Stall“ der Sozia­li­sti­schen Par­tei (PS) wie Hol­lan­de. Zum Druck der Lai­zi­sten kam in den ver­gan­ge­nen Jah­ren der sexu­el­le Miß­brauchs­skan­dal, der die Kir­che wei­ter schwäch­te und von kir­chen­feind­li­chen Krei­sen weid­lich zur gene­rel­len Dis­kre­di­tie­rung der Kir­che aus­ge­schlach­tet wird.

Hin­zu­kommt ein prak­ti­sches Pro­blem. Es ist unmög­lich, die Tau­sen­den von Kir­chen des Lan­des zu über­wa­chen. Der Phi­lo­soph Phil­ip­pe Manent nennt sie „die am wenig­sten geschütz­ten Orte, die daher wenig Risi­ken ber­gen, und von denen es sehr vie­le gibt“.

Par­al­lel zu den Angrif­fen auf Kir­chen haben auch, wenn auch in gerin­ge­rer Zahl, die Angrif­fe auf jüdi­sche Ein­rich­tun­gen und Sym­bo­le durch Mus­li­me zuge­nom­men. Es gibt daher Stim­men, die den­sel­ben Täter­kreis hin­ter den Angrif­fen ver­mu­ten. Die­se Annah­me erschließt sich aus der all­ge­mei­nen, schnell vor­an­schrei­ten­den Isla­mi­sie­rung Frank­reichs und das Auf­tre­ten radi­ka­ler, isla­mi­scher Strö­mun­gen, die die Zunah­me der anti­christ­li­chen Angrif­fe erklä­ren könn­ten. Bewie­sen ist die­se Annah­me aber nicht. Tat­sa­che ist hin­ge­gen, daß ein Grund für das Des­in­ter­es­se von Poli­tik und Medi­en – und letzt­lich auch der Bischofs­kon­fe­renz – genau dar­in liegt: Sie wol­len kei­ne Isla­mo­pho­bie för­dern, die Repres­sa­li­en pro­vo­zie­ren könn­te, obwohl in Frank­reich bis­her kei­ne Epi­so­den von christ­li­chen Repres­sa­li­en bekannt sind.

Wie stich­hal­tig ist eine sol­che Begrün­dung? Oder han­delt es sich nur um einen Vor­wand?

Eini­ges spricht für Letz­te­res. Die poli­ti­sche Ent­schlos­sen­heit, ein „fried­li­ches Zusam­men­le­ben“ zwi­schen den Reli­gio­nen und Eth­ni­en durch­zu­set­zen und den eth­ni­schen Umbau der Bevöl­ke­rung fort­zu­set­zen, wird als wich­ti­ger ein­ge­stuft, als die anti­christ­li­chen Angrif­fe. Das trifft letzt­lich auch die Juden des Lan­des, obwohl sie sich auf­grund ihrer gesell­schaft­li­chen Stel­lung weit mehr öffent­li­ches Gehör ver­schaf­fen kön­nen als die Katho­li­ken. Wer immer die Täter sind, die Beschwich­ti­ger treibt die Sor­ge um, daß die gro­ße Zahl der Mus­li­me im Land der heik­le Punkt sind. Da Frank­reich eine Reli­gi­ons­er­he­bung auf­grund sei­ner lai­zi­sti­schen Staats­dok­trin ablehnt, weiß die Staats­füh­rung nicht ein­mal, wie vie­le Mus­li­me es im Land gibt. Die Zah­len­an­ga­ben rei­chen von fünf bis fünf­zehn Mil­lio­nen, wobei letz­te­re Anga­ben vor allem von mus­li­mi­schen Ver­tre­tern stam­men, sogar von Mini­stern.

Ellen Fan­ti­ni, ehe­ma­li­ge Staats­an­wäl­tin und heu­ti­ge Lei­te­rin der OSZE-Beob­ach­tungs­stel­le für Into­le­ranz und Dis­kri­mi­nie­rung der Chri­sten (OIDAC) in Wien, sag­te Bern­stein:

„In den mei­sten Fäl­len haben wir kei­ne Ahnung, wer die Täter sind. Sicher ist, daß vie­le Angrif­fe nichts mit extre­mi­sti­schen Grup­pen zu tun haben.“

Eli­sa­beth Levy, Toch­ter alge­ri­scher Juden, beklag­te auf Cau­seur das Ver­hal­ten der Medi­en:

„Wäh­rend jeder Angriff auf eine Syn­ago­ge oder eine Moschee oder auf einen jüdi­schen oder einen mus­li­mi­schen Fried­hof in den Medi­en aus­führ­lich berich­tet wird und einen Auf­schrei aus­löst, haben die Angrif­fe gegen Kir­chen kaum Auf­se­hen erregt.“

In den weni­gen Fäl­len, wo die Täter iden­ti­fi­ziert oder ver­haf­tet wer­den konn­ten, so Fan­ti­ni, stell­te sich meist her­aus, daß es sich um Gei­stes­ge­stör­te han­delt, die zudem oft obdach­los waren. Laut fran­zö­si­schen Medi­en­be­rich­ten sei­en 60 Pro­zent der iden­ti­fi­zier­ten, min­der­jäh­ri­gen Täter „nicht ange­paßt“ gewe­sen. Laut der lin­ken Tages­zei­tung Libe­ra­ti­on sei­en 60 Pro­zent der Fäl­le Wand­schmie­re­rei­en sata­ni­sti­schen, anar­chi­sti­schen oder ande­ren poli­ti­schen Inhalts.

Damit las­sen sich aber nicht alle Fäl­le erklä­ren, etwa der Brand in der Pari­ser Kir­che Saint-Sul­pi­ce oder der 21-Jäh­ri­ge von Nimes, ohne näher auf den Fall ein­zu­ge­hen, der in sei­nen Kot kon­se­krier­te Hosti­en steck­te und damit ein Kreuz beschmier­te.

Die christ­li­che Zeit­schrift Ave­nir de la Cul­tu­re schrieb daher:

„Das sind kei­ne Ein­zel­fäl­le. Sie bezeu­gen ein tie­fes, anti­christ­li­ches Kli­ma in Frank­reich.“

Die­ser „unglaub­li­che Haß auf die Kir­che“ habe vor allem drei Grün­de, die getrennt zu betrach­ten sind, aber auch inein­an­der­flie­ßen kön­nen:

  • der all­ge­mei­ne Ver­lust des Sinns für das Hei­li­ge, wie Jean-Fran­cois Colo­si­mo fest­stell­te;
  • der Auto­ri­täts­ver­lust der katho­li­schen Prie­ster, weil sie zum Groß­teil pro­gres­siv aus­ge­rich­tet sind;
  • aber auch die nach wie vor vor­han­de­ne Wahr­neh­mung der Kir­che als Bewah­re­rin der Wer­te und Lebens­wei­sen, die vie­le Fran­zo­sen als „über­holt“, „irrele­vant“ oder als „Hin­der­nis“ für gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen betrach­ten.

Die Erklä­rungs­ver­su­che zei­gen, daß fran­zö­si­sche und außer­fran­zö­si­sche, inner­kirch­li­che und außer­kirch­li­che Ursa­chen in Fra­ge kom­men. Frank­reich steht erst am Beginn einer Debat­te und Ursa­chen­for­schung.

Fest steht aber soviel: Die Schwä­che der Kir­che, ob gegen­über den lai­zi­sti­schen oder den isla­mi­schen Kräf­ten, ist vor allem Aus­druck der Kir­chen­kri­se.

Text: Andre­as Becker/Giuseppe Nar­di
Bild: Medi­as-Catho­li­que

1 Kommentar

  1. Ganz ehr­lich, das ver­ste­he ich auch nicht.
    Seit Vat. 2 gibt es kei­nen Mis­si­ons­auf­trag mehr, alle sol­len das glau­ben was sie den­ken, das Chri­sten­tum hat sich den ande­ren
    Reli­gio­nen gleich­ge­stellt.
    Assi­si hat es bewie­sen, die Kir­che steht für nichts mehr, außer natür­lich für welt­imma­nen­te Zie­le, wie Kli­ma, Homo, Frie­den für Arme, Krieg und Ent­eig­nung für Rei­che, der Schwach­sinn lie­ße sich belie­big fort­set­zen.
    Die Mos­lems, die die Kir­chen zer­stö­ren, wis­sen viel mehr von der unver­än­der­ba­ren Leh­re, sonst wür­den sie das nicht tun.
    Die Ver­rä­ter sind im Kle­rus.
    Mos­lems zün­den „nur“ die Kir­chen an, Jesus Chri­stus ist der Rich­ter, das ist unver­gleich­lich viel gra­vie­ren­der, für alle!

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