Wenn sich die Kirchen leeren

Was soll aus Europas Gotteshäusern werden?

Im US-Staat Illinois wurde eine lutherische Kirche in ein Restaurant umgewandelt. Droht ein ähnliches Schicksal bald Tausenden von Kirchen auch in Europa?
Im US-Staat Illinois wurde eine lutherische Kirche in ein Restaurant umgewandelt. Droht ein ähnliches Schicksal bald Tausenden von Kirchen auch in Europa?

Die New York Times, Flagg­schiff des libe­ra­len Estab­lish­ments, berich­te­te am 5. Sep­tem­ber über eine stil­le, aber tief­grei­fen­de Ver­än­de­rung in Euro­pa: Tau­sen­de Kir­chen ver­lie­ren ihre ursprüng­li­che Funk­ti­on. Allein in Deutsch­land könn­ten in den kom­men­den zehn Jah­ren mehr als 20.000 Kir­chen auf­ge­ge­ben wer­den. Nun stellt sich die Fra­ge, was mit den Gebäu­den gesche­hen soll.

Ich wür­de die Pas­sa­ge nur behut­sam ein­grei­fen las­sen, aber die Poin­te am Schluß etwas schär­fer her­aus­ar­bei­ten: Sti­li­stisch geglät­te­te Fassung

Nach­fol­gend wer­den die Aus­füh­run­gen der US-ame­ri­ka­ni­schen Zei­tung wie­der­ge­ge­ben. Zuvor sei jedoch eine Anre­gung erlaubt:

Die Bischö­fe soll­ten jedem tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Prie­ster eine Kir­che zur Ver­fü­gung stel­len, damit er dort einen Meß­ort grün­den oder einen bestehen­den festi­gen kann.

Tat­sa­che ist, daß im deut­schen Sprach­raum die größ­te Eccle­sia-Dei-Gemein­schaft, die Prie­ster­bru­der­schaft St. Petrus, über kei­ne ein­zi­ge eige­ne Kir­che ver­fügt. Über­all ist sie ledig­lich gedul­de­ter Gast in einer Pfarr‑, Rek­to­rats- oder Ordenskirche.

Wäh­rend man in den amts­kirch­li­chen Gre­mi­en dar­über nach­denkt, was in den kom­men­den Jah­ren mit Tau­sen­den von Kir­chen gesche­hen soll, die man­gels Gläu­bi­ger nicht mehr benö­tigt wer­den, behan­delt man die Prie­ster der Tra­di­ti­on – sei­en es Prie­ster der Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten oder Diö­ze­san- und Ordens­prie­ster, von der Pius­bru­der­schaft ganz zu schwei­gen – wie Aus­sät­zi­ge und ver­wei­gert ihnen jene Kir­chen, die andern­orts schon als über­flüs­sig gelten.

Der Wider­spruch könn­te kaum grö­ßer sein: Hier sucht man ver­zwei­felt nach einer neu­en Ver­wen­dung für Kir­chen – dort ver­wei­gert man Prie­stern, die sie tat­säch­lich für den Got­tes­dienst nut­zen wol­len, den Zugang zu ihnen.

10.000 Kirchen bald überflüssig?

Die Ent­wick­lung ist in Euro­pa längst nicht mehr zu über­se­hen: Kir­chen, die über Jahr­hun­der­te zum Mit­tel­punkt des gesell­schaft­li­chen Lebens gehör­ten, ste­hen zuneh­mend leer. Mit dem Rück­gang des christ­li­chen Glau­bens und der regel­mä­ßi­gen Got­tes­dienst­teil­nah­me ver­lie­ren immer mehr Got­tes­häu­ser ihre ursprüng­li­che Funk­ti­on. Die US-ame­ri­ka­ni­sche New York Times hat sich die­ser Ent­wick­lung in einem am 5. Sep­tem­ber 2026 ver­öf­fent­lich­ten Bei­trag der Jour­na­li­stin Nina Sie­gal ange­nom­men. Der Bericht trägt den Titel „What to Do With Europe’s ‘Zom­bie Churches’? The­se Artists Have Some Ide­as.“

Beson­ders dra­ma­tisch ist die Lage nach Ein­schät­zung der nie­der­län­di­schen Kunst­hi­sto­ri­ke­rin und Kura­to­rin Hed­wig Fijen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Sie lei­tet die euro­päi­sche Kunst­bi­en­na­le Mani­fe­sta und geht davon aus, daß hier in den kom­men­den fünf bis zehn Jah­ren von den pro­te­stan­ti­schen Lan­des­kir­chen und der katho­li­schen Kir­che mehr als 20.000 Kir­chen auf­ge­ge­ben wer­den könn­ten. Zugleich, so berich­tet die New York Times, sei mit wei­te­ren Tau­sen­den leer­ste­hen­den oder nicht mehr genutz­ten Kir­chen in ande­ren Tei­len West­eu­ro­pas zu rech­nen. Es han­delt sich dabei nicht um eine offi­zi­el­le staat­li­che Pro­gno­se, son­dern um eine Ein­schät­zung Fijens ange­sichts der gegen­wär­ti­gen Entwicklung.

Kirchen vor ihrem letzten Gottesdienst

Wie tief­grei­fend die­ser Wan­del ist, zeigt die New York Times am Bei­spiel der St.-Marien-Kirche im nord­rhein-west­fä­li­schen Essen. Der mar­kan­te Back­stein­bau aus der Mit­te des 20. Jahr­hun­derts ist gegen­wär­tig noch Schau­platz von Kunst­ver­an­stal­tun­gen im Rah­men der Mani­fe­sta 16 Ruhr. Zehn­tau­sen­de Besu­cher haben dort seit Juni Aus­stel­lun­gen, Instal­la­tio­nen und Per­for­man­ces gese­hen. Doch wenn die Bien­na­le im Okto­ber endet, soll die Kir­che abge­ris­sen werden.

Damit steht St. Mari­en bei­spiel­haft für eine Ent­wick­lung, die weit über ein ein­zel­nes Gebäu­de hin­aus­geht: Ein Bau­werk, das einst für eine leben­di­ge christ­li­che Gemein­de errich­tet wur­de, kann sei­ne ursprüng­li­che Auf­ga­be nicht mehr erfül­len und muß sich nun ent­we­der einer neu­en Nut­zung öff­nen oder verschwindet.

Vom Mittelpunkt des Ortes zum ungenutzten Gebäude

Die Ursa­che liegt nach Dar­stel­lung der New York Times vor allem in der lang­fri­sti­gen Säku­la­ri­sie­rung Euro­pas. Seit der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts ist die Zahl der regel­mä­ßi­gen Kirch­gän­ger in vie­len Län­dern kon­ti­nu­ier­lich zurück­ge­gan­gen. Hin­zu kom­men ver­än­der­te gesell­schaft­li­che Vor­stel­lun­gen, Skan­da­le, die Gläu­bi­ge ent­frem­det haben, sowie demo­gra­phi­sche Veränderungen.

Eine von der Zei­tung ange­führ­te Unter­su­chung des Pew Rese­arch Cen­ter zeigt, daß sich im Jah­re 2020 noch unge­fähr zwei Drit­tel der Euro­pä­er als Chri­sten bezeich­ne­ten. Gegen­über zehn Jah­ren zuvor bedeu­te­te dies einen Rück­gang um etwa neun Pro­zent­punk­te. Zugleich bezeich­ne­ten sich vie­le Men­schen, die christ­lich erzo­gen wor­den waren, inzwi­schen als kon­fes­si­ons­los bezie­hungs­wei­se reli­gi­ös ungebunden.

Beson­ders deut­lich zeigt sich der Wan­del in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Nach Anga­ben der Mani­fe­sta, auf die sich der Bericht stützt, besuch­ten 1950 noch mehr als 90 Pro­zent der West­deut­schen die Kir­che; heu­te sei­en es nur noch etwa 50 Pro­zent. Vie­le der nach dem Zwei­ten Welt­krieg errich­te­ten Kir­chen waren Teil einer ganz bestimm­ten Vor­stel­lung vom Zusam­men­le­ben: Kir­che, Kin­der­gar­ten, Schu­le und Alters­heim bil­de­ten viel­fach das Zen­trum eines über­schau­ba­ren Wohn­vier­tels. Mit dem gesell­schaft­li­chen Wan­del ist die­ses Modell weit­ge­hend verschwunden.

Wenn niemand mehr weiß, was mit einer Kirche geschehen soll

Das Pro­blem besteht aller­dings nicht nur dar­in, daß die Kir­chen leer wer­den. Es fehlt viel­fach auch an einem über­ge­ord­ne­ten Kon­zept für den wei­te­ren Umgang mit ihnen.

Die New York Times berich­tet, daß es in der BRD kei­nen zen­tra­len Plan dafür gebe, was mit den auf­ge­ge­be­nen Gebäu­den gesche­hen soll. Des­halb suchen inzwi­schen Künst­ler, Denk­mal­schüt­zer, Stadt­pla­ner und säku­la­re Kul­tur­or­ga­ni­sa­tio­nen nach Mög­lich­kei­ten, die Gebäu­de einer neu­en Nut­zung zuzuführen.

Dabei geht es nicht nur um den Erhalt histo­ri­scher Fas­sa­den. Die Befür­wor­ter einer Umnut­zung argu­men­tie­ren viel­mehr, daß Kir­chen wegen ihrer Grö­ße, ihrer beson­de­ren Archi­tek­tur und ihrer zen­tra­len Lage wei­ter­hin einen gesell­schaft­li­chen Wert besit­zen. Sie könn­ten Orte blei­ben, an denen Men­schen zusam­men­kom­men – auch wenn dort nicht mehr gebe­tet wird.

In den Vor­schlä­gen fin­det sich des­halb eine erstaun­li­che Band­brei­te: Aus Kir­chen kön­nen Gesund­heits­zen­tren, Buch­hand­lun­gen, Aus­stel­lungs­räu­me, kul­tu­rel­le Ein­rich­tun­gen oder ande­re gemein­schaft­li­che Räu­me wer­den. Im Rah­men der Mani­fe­sta im Ruhr­ge­biet wur­den ehe­ma­li­ge Kir­chen unter ande­rem für Kunst- und Musik­in­stal­la­tio­nen, einen Tee­gar­ten, einen künst­li­chen Strand und sogar einen Bas­ket­ball­platz genutzt. Ent­schei­dend sei dabei, so die von der New York Times befrag­ten Betei­lig­ten, daß die neu­en Nut­zun­gen mög­lichst gemein­sam mit der ört­li­chen Bevöl­ke­rung ent­wickelt werden.

„Zombie-Kirchen“ und die Suche nach neuem Leben

Für die noch geöff­ne­ten, aber kaum besuch­ten Kir­chen hat sich inzwi­schen der Begriff „Zom­bie-Kir­chen“ ein­ge­bür­gert. Der schwe­di­sche Denk­mal­for­scher Hen­rik Lind­blad ver­wen­det ihn für Got­tes­häu­ser, die zwar noch bestehen und teil­wei­se sogar unter­hal­ten wer­den, deren Gemein­den jedoch weit­ge­hend ver­schwun­den sind.

Gera­de dar­in liegt eine der grund­le­gen­den Fra­gen: Muß ein Kir­chen­ge­bäu­de ver­schwin­den, wenn es nicht mehr sei­nem ursprüng­li­chen Zweck dient? Oder kann es eine neue Form von öffent­li­chem und gemein­schaft­li­chem Leben aufnehmen?

Die 2011 gegrün­de­te Orga­ni­sa­ti­on Future for Reli­gious Heri­ta­ge (mit der EU als Co-Grün­der und Sitz in Brüs­sel) sieht in die­ser Ent­wick­lung eine gesamt­eu­ro­päi­sche Auf­ga­be. Kir­chen waren nicht ledig­lich Orte des Got­tes­dien­stes. Sie waren viel­fach auch Orte gegen­sei­ti­ger Hil­fe, der Begeg­nung, der Unter­stüt­zung älte­rer Men­schen sowie der Hil­fe für Arme und Ein­wan­de­rer. Ihr Ver­lust kön­ne des­halb auch Aus­wir­kun­gen auf das sozia­le Gefü­ge einer Gemein­de haben.

Die Niederlande als Vorbild – oder als Warnung

Wie eine sol­che Ent­wick­lung aus­se­hen kann, zeigt nach Dar­stel­lung der New York Times beson­ders deut­lich die Nie­der­lan­de. Dort setz­te die gro­ße Säku­la­ri­sie­rungs­wel­le bereits in den 1960er und 1970er Jah­ren ein. Von unge­fähr 7.000 Kir­chen des Lan­des sei­en inzwi­schen rund 1.700 geschlos­sen oder ver­kauft worden.

Eini­ge ehe­ma­li­ge Got­tes­häu­ser in Amster­dam wur­den zu Nacht­klubs, Braue­rei­en oder Aus­stel­lungs­hal­len. Eine Kir­che im Süden des Lan­des wur­de nach dem Ein­satz der ört­li­chen Bevöl­ke­rung für ihren Erhalt in ein Gesund­heits­zen­trum umge­wan­delt. Eine jahr­hun­der­te­al­te Domi­ni­ka­ner­kir­che in Maas­tricht dient seit 2006 als Buchhandlung.

Auch die auf den ersten Blick unge­wöhn­li­che Nut­zung einer Kir­che als Sport­stät­te ist längst Rea­li­tät: In Arn­hem befin­den sich Padel­plät­ze im Inne­ren der ehe­ma­li­gen St.-Josef-Kirche. Sol­che Bei­spie­le zei­gen, wie weit die Umwand­lung sakra­ler Räu­me gehen kann, wenn die ursprüng­li­che Nut­zung nicht mehr auf­recht­erhal­ten wer­den kann.

Ein gesamteuropäisches Problem

Die Ent­wick­lung ist kei­nes­wegs auf die BRD und die Nie­der­lan­de beschränkt. Die New York Times ver­weist auch auf Skan­di­na­vi­en sowie auf Län­der wie Ita­li­en, Por­tu­gal und Spa­ni­en. Selbst in tra­di­tio­nell stär­ker katho­lisch gepräg­ten Län­dern ist die Bin­dung an die Kir­che schwä­cher geworden.

In Skan­di­na­vi­en wer­den vie­le Kir­chen­ge­bäu­de wei­ter­hin öffent­lich finan­ziert und unter­hal­ten, obwohl man­che nur noch von weni­gen Gläu­bi­gen genutzt wer­den. In Por­tu­gal wie­der­um wur­den bereits im 19. Jahr­hun­dert zahl­rei­che Klö­ster und Kon­ven­te nach der Auf­lö­sung reli­giö­ser Orden auf­ge­ge­ben, ver­kauft oder in Kran­ken­häu­ser, Schu­len und Woh­nun­gen umge­wan­delt. Auch heu­te wird dort nach neu­en Mög­lich­kei­ten für eine öffent­li­che Nut­zung histo­ri­scher reli­giö­ser Gebäu­de gesucht.

Damit zeich­net sich ein gesamt­eu­ro­päi­sches Pro­blem ab: Was geschieht mit einem gewal­ti­gen Bestand an Gebäu­den, die zwar ihre ursprüng­li­che reli­giö­se Funk­ti­on ver­lie­ren, zugleich aber einen erheb­li­chen archi­tek­to­ni­schen, histo­ri­schen und gesell­schaft­li­chen Wert besitzen?

Vom sakralen Raum zum Gemeinschaftsort?

Für Hed­wig Fijen liegt gera­de in die­ser Kri­se auch eine Mög­lich­keit. Die Kir­chen könn­ten, so die im New York Times-Bericht wie­der­ge­ge­be­ne Über­le­gung, zu Orten neu­er Gemein­schaft werden.

Das klingt zunächst para­dox. Aus­ge­rech­net die Gebäu­de, deren Gemein­den ver­schwin­den, könn­ten wie­der Orte der Begeg­nung wer­den – dies­mal aller­dings nicht unbe­dingt im reli­giö­sen Sinn. In einer Gesell­schaft, in der ins­be­son­de­re jün­ge­re Men­schen zuneh­mend unter Ein­sam­keit und sozia­ler Ver­ein­sa­mung lei­den, könn­ten sol­che Räu­me eine neue Funk­ti­on erhalten.

Damit ver­schiebt sich aller­dings auch die Bedeu­tung der Gebäu­de. Aus dem Got­tes­haus wird ein Kul­tur­zen­trum, aus dem Kir­chen­raum ein Ver­an­stal­tungs­ort, aus dem sakra­len Raum ein öffent­li­cher Gemeinschaftsraum.

Die Fra­ge, die Euro­pa ange­sichts der schwin­den­den kirch­li­chen Bin­dung beant­wor­ten muß, lau­tet des­halb nicht mehr nur: Wie kön­nen wir die Kir­chen erhal­ten? Sie lau­tet zuneh­mend: Was wol­len wir von die­sen Kir­chen erhal­ten – die Gebäu­de, ihre Geschich­te, ihre kul­tu­rel­le Bedeu­tung oder auch ihren ursprüng­li­chen geist­li­chen Charakter?

Der Bericht der New York Times zeigt, daß die­se Fra­ge bereits nicht mehr theo­re­tisch ist. In der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, den Nie­der­lan­den und ande­ren euro­päi­schen Län­dern hat die Umwand­lung längst begon­nen. Zehn­tau­sen­de Kir­chen könn­ten in den kom­men­den Jah­ren vor der Ent­schei­dung ste­hen: neue Nut­zung, Ver­kauf, Auf­ga­be oder Abriß.

Die Kom­mis­si­on der Bischofs­kon­fe­ren­zen der Euro­päi­schen Uni­on (Come­ce) wird am 22. und 23. Sep­tem­ber in Brüs­sel ein inter­na­tio­na­les Sym­po­si­um ver­an­stal­ten, um über „die Neu­be­wer­tung und künf­ti­ge Nut­zung des reli­giö­sen Erbes“ zu beraten.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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