Das Regionalparlament von Venetien stimmte für den Tod: Das sogenannte „Lebensende“-Gesetz – eine orwellsche Beschönigung für Euthanasie und assistierten Suizid – wurde mit 32 Ja-Stimmen gegen 14 Nein-Stimmen bei 5 Enthaltungen verabschiedet.
Damit ist Venetien die vierte italienische Region – nach den linksregierten Regionen Toskana, Sardinien und Emilia-Romagna –, die in diesem Bereich gesetzgeberisch tätig wird. Politisch besonders brisant ist jedoch ein anderer Umstand: Erstmals vollzog eine Regierung der politischen Rechten bzw. der rechten Mitte einen solchen Schritt.
Venetien galt lange als eine der besonders katholisch geprägten Regionen Italiens. Doch auch hier setzt sich die Kultur des Todes durch. Das ist der eine, tragische Aspekt dieser Entscheidung.
Der andere ist politischer Natur – und womöglich von weitreichenderer Bedeutung: Wieder einmal zeigt sich das strukturelle Defizit der sogenannten politischen Rechten. Sie tritt mit dem Anspruch an, der Linken entgegenzutreten, tut dies jedoch häufig nur selektiv. Gerade bei den entscheidenden Fragen der gesellschaftlichen Ordnung, der Anthropologie und des Naturrechts übernimmt sie nicht selten Positionen, die von denen der Linken kaum zu unterscheiden sind.
Das ist mehr als ein taktischer Fehler. Es ist ein grundsätzliches Problem. Denn eine Rechte, die in den entscheidenden Fragen der Zivilisation vor der Linken kapituliert, kann keine wirkliche Alternative sein. Sie wird allenfalls zur Verwaltung des Niedergangs mit anderen Parolen. Wo das Fundament nicht verteidigt wird, bleibt von der vielbeschworenen „Wende“ am Ende nur die Illusion einer Wende.
Solange sich sogenannte Rechtsparteien bei den zentralen Fragen der gesellschaftlichen Ordnung und des Naturrechts wie Linksparteien verhalten – offen oder mittelbar, aus Überzeugung oder aus Opportunismus –, werden sie auf Dauer scheitern. Sie werden gerade jene Anhänger enttäuschen und desillusionieren, die ihnen ihre Stimme gegeben haben, weil sie eine tatsächliche Abkehr vom herrschenden Zeitgeist erwarteten.
Der Fall Venetien ist deshalb weit mehr als eine regionale italienische Angelegenheit. Er berührt eine Grundfrage der europäischen Politik: Was ist die sogenannte „rechte Wende“ wert, wenn sie dort, wo es wirklich darauf ankommt, vor den Grunddogmen der Linken zurückweicht?
Bereits die europäischen Christdemokraten haben diesen Weg beschritten. Sie gaben den Kulturkampf faktisch verloren, beschränkten sich auf ein immer kleiner werdendes Minimalprogramm und überließen der politisch und agitatorisch entschlosseneren Linken das Feld. Der Niedergang und schließlich der faktische Zusammenbruch der Christlichen Demokratie als eigenständiger politischer Strömung waren die logische Folge.
Denn politischer Niedergang beginnt nicht an der Wahlurne. Er beginnt im Denken.
Wer geistig nicht mehr kämpfen will, wer kein Gegenmodell mehr formuliert, wer sich die Auseinandersetzung erspart, weil sie unbequem ist, hat den Kampf bereits aufgegeben. Dazu hätte man argumentativ gerüstet sein, Begriffe verteidigen, Widerspruch aushalten und dem Zeitgeist tatsächlich entgegentreten müssen. Stattdessen siegte die Bequemlichkeit. Man begnügte sich zunächst mit etwas politischer Kosmetik – und übernahm schließlich selbst die Positionen des Gegners. Bis hin zur Kultur des Todes.
Ein Versagen auf breiter Front.
Die entscheidende Frage lautet daher: Werden die heutigen Rechtsparteien denselben Weg gehen?
Wenn ja, werden sie auch dasselbe Schicksal erleiden wie die Christdemokraten. Sie mögen kurzfristig Wahlerfolge erzielen, Regierungen bilden und den Eindruck einer politischen Wende erwecken. Doch wenn sie in den Grundfragen unserer Zivilisation vor der Linken kapitulieren, wird sich ihre vermeintliche Wende als bloße Episode erweisen.
Den Preis dafür werden nicht nur die Parteien zahlen. Den Preis wird vor allem Europa zahlen – und mit ihm die europäischen Völker und ihr zivilisatorisches, insbesondere ihr christliches Erbe.
Der mögliche Schaden ist kaum abzuschätzen. Was heute als parteipolitische Konzession erscheint, kann sich morgen als weiterer Schritt in einem kulturellen und zivilisatorischen Niedergang erweisen, dessen Folgen weit über Europa hinausreichen und die ganze Menschheit betreffen.
Die Frage ist deshalb längst nicht mehr nur, ob die Rechte Wahlen gewinnen kann.
Die Frage ist, ob sie wirklich weiß, wofür sie steht; ob sie sich bewußt ist, eine Alternative sein zu müssen; ob sie imstande ist, diese zu formulieren und argumantativ abzusichern.
Hier nun der Kommentar von Prof. Massimo Viglione zum Fall Venetien – und zum Versagen der Lega.
Sie erwarteten sich die Autonomie – und bekamen die Euthanasie
Von Massimo Viglione*
Die Lega ist jene Partei, die mit der Forderung nach Autonomie angetreten ist und bei der Euthanasie gelandet ist – und das ohne Autonomie.
Sie war mit dem Ruf nach der Freiheit Padaniens gestartet und ist bei der Revolution des Impf-Totalitarismus gelandet.
Sie hatte ihren Weg mit Rosenkränzen und Kruzifixen fortgesetzt und ist schließlich bei den LGBTQ-„Rechten“ und beim Wokismus angekommen.
Die Anhänger der Lega riefen einst: „Roma ladrona!“ – „Rom, du Diebin!“ – und heute verschenken sie Milliarden Euro der Steuerzahler an die Ukraine.
Die Lega ist Luca Zaia. Und Zaia ist Pannella, Bonino, Coscioni und Bill Gates in einer einzigen Person.
Und es gibt immer noch Menschen, die sie wählen! Vielleicht wegen der Autonomie. Aber nicht mehr von Rom: von Gott. Und vom Menschen.
*Massimo Viglione, Historiker, Essayist, Hochschullehrer und katholischer Publizist, Jahrgang 1964, studierte Philosophie und Geschichte, promovierte an der Universität La Sapienza (Rom) in Geschichte und befaßt sich schwerpunktmäßig mit antirevolutionären Aufständen gegen Jakobiner und Napoleon, mit dem italienischen Risorgimento und dem Kreuzzugsgedanken.
Einleitung/Übersetzung: Giuseppe Nardi
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