Sind Heiligsprechungen unfehlbar? – Epilog

Es wird sich in der Kirche viel ändern müssen, bis ein objektiver Blick auf die kirchliche Wirklichkeit möglich wird

Heiligenhimmel von Giusto de' Menabuoi in der Taufkapelle der Kathedrale von Padua (1375). Wie aber steht es um die Heiligsprechungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil?
Heiligenhimmel von Giusto de' Menabuoi in der Taufkapelle der Kathedrale von Padua (1375). Wie aber steht es um die Heiligsprechungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil?

Von Wolf­ram Schrems* 

Im Anschluß an unse­re vor kur­zem ver­öf­fent­lich­te Serie über die dog­ma­ti­sche Stel­lung von Selig- und Hei­lig­spre­chun­gen einer­seits und die Kri­tik an der Hei­lig­spre­chung von Papst Paul VI. und der ande­ren Kon­zil­s­päp­ste ande­rer­seits sei noch ein per­sön­li­cher und sub­jek­ti­ver Epi­log angefügt.

Hier gehe ich vom ursprüng­li­chen The­ma weg zu eini­gen kon­kre­ten Fra­gen, die sich dem Leser mög­li­cher­wei­se stel­len werden.

Wie geht man als traditionsverbundener Katholik mit „neuen“ Heiligen um?

Besteht über­haupt eine Not­wen­dig­keit, sich als tra­di­ti­ons­ori­en­ter­ter Katho­lik mit Selig- und Hei­lig­spre­chun­gen, die – sagen wir – nach dem Tod von Papst Pius XII. im Jahr 1958 vor­ge­nom­men wor­den sind, zu beschäf­ti­gen? Mei­nes Erach­tens muß man mit Ja ant­wor­ten. Nach den Wor­ten von Pater Mat­thi­as Gau­dron, einem bedeu­ten­den Theo­lo­gen der Pius­bru­der­schaft, darf man als Katho­lik kei­ne „schis­ma­ti­sche Gesin­nung“ haben. Dem schlie­ße ich mich an: Soviel wie mög­lich muß der kirch­li­chen Auto­ri­tät an Ver­trau­ens­vor­schuß zuge­stan­den werden.

Man darf sich in einer Zeit, in der das Papst­tum selbst ver­kün­det, alle Reli­gio­nen wären ein Weg zu Gott, selbst­ver­ständ­lich nicht dumm stellen.

Die Loya­li­tät gegen­über der Kir­che, so sehr sie der­zeit in ihrem mensch­li­chen Ele­ment Ärger­nis gibt, ver­langt jedoch grund­sätz­lich einen posi­ti­ven Zugang etwa zu Hei­lig­spre­chun­gen, die dem Glau­bens­sinn ent­spre­chen (das ist die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit). Damit ist die For­de­rung nach einer inter­es­sier­ten Auf­merk­sam­keit gegen­über neue­ren Seli­gen und Hei­li­gen gegeben.

Es wird sich auch emp­feh­len, zwi­schen selig- und hei­lig­ge­spro­che­nen Per­so­nen zu unter­schei­den, die noch vor der Imple­men­ta­ti­on des II. Vati­can­ums ver­stor­ben, und den weni­gen, die danach ver­stor­ben sind. Bei letz­te­ren ist natür­lich häu­fig der Ver­dacht der ideo­lo­gi­scher und kir­chen­po­li­ti­scher Sub­ver­si­on gege­ben, wie wir anhand des Fal­les der Kon­zil­s­päp­ste schon aus­ge­führt haben.

Der Sensus fidei – zu einem bestimmten Grad „subjektiv“

Was also sol­len tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Katho­li­ken mit Hei­lig­spre­chun­gen tun, die nach Pius XII. vor­ge­nom­men wur­den bzw. die – man­gels eines bes­se­ren Aus­drucks – „nach­kon­zi­li­ar“ sind?

P. Dr. Johan­nes Rege­le von der Pius­bru­der­schaft schrieb in einem hoch­in­ter­es­san­ten, nicht-öffent­li­chen Manu­skript mit dem Titel „Das neue Ver­fah­ren der Selig- und Hei­lig­spre­chun­gen im Ver­gleich zur alten Rechts­la­ge der Kir­che“ unter anderem:

„Die prak­ti­sche Lösung zur Ver­eh­rung hat uns Erz­bi­schof Lefeb­v­re gege­ben, dass wir uns bis auf wei­te­res nur auf pri­va­te Ver­eh­rung bei den ‚neu­en Seli­gen und Hei­li­gen‘ beschrän­ken, auch wenn vie­le von ihnen ohne Zwei­fel zu Ehre der Altä­re im alten Sin­ne bestimmt sind.“

Eine sehr gute Zugangs­wei­se zu unse­rer Fra­ge eröff­net mei­nes Erach­tens Don Fran­ces­co Bach­mann, der „Kalen­der­mann“ vom The­re­sia-Ver­lag. Die­ser trägt in dem von ihm pro­du­zier­ten Wand­ka­len­der mit dem tra­di­tio­nel­len Heor­to­lo­gi­um auch aus­ge­wähl­te neue­re Seli­ge und Hei­li­ge ein (hin­ter einer bestimm­ten Mar­kie­rung). Die­se Aus­wahl ist frei­lich „sub­jek­tiv“.

Dabei gilt eben der sen­sus fidei fide­li­um: Kein tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ner Katho­lik wird etwas gegen die Ver­eh­rung der zahl­rei­chen von Papst Johan­nes Paul II. kano­ni­sier­ten Mär­ty­rer Spa­ni­ens des Jah­res 1936 und fol­gen­de ein­wen­den. Hier sind etwa sechs­tau­send Opfer (oder mehr) unter Bischö­fen, Prie­stern und Ordens­leu­ten, sowie eini­ge Hun­dert­tau­send katho­li­sche Lai­en zu ver­zeich­nen, die von Anar­chi­sten und Kom­mu­ni­sten, unter ihnen übri­gens über­pro­por­tio­nal vie­le Juden, oft beson­ders grau­sam zu Tode gebracht wurden.

Kein tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ner Katho­lik wird gegen einen hei­li­gen Pater Maxi­mi­li­an Kol­be oder einen hei­li­gen Pater Pio Ein­wen­dun­gen machen.

Es wäre auch gera­de­zu eine Belei­di­gung, die ugan­di­schen Mär­ty­rer (Karl Lwan­ga, Mat­thi­as Murum­ba und Gefähr­ten, 1920 selig­ge­spro­chen) nicht als Hei­li­ge anzu­er­ken­nen, nur weil sie erst 1964 hei­lig­ge­spro­chen wor­den sind.

Die Zeit wird es wei­sen, wo ein cul­tus der neue­ren Hei­li­gen und Seli­gen wächst und gedeiht oder eben nicht.

Festgefahrene oder ausbleibende Seligsprechungsprozesse – eine österreichische Perspektive

Ver­ständ­lich ist, daß die der­zei­ti­ge Kir­chen­hier­ar­chie Öster­reichs kein Inter­es­se an der Selig­spre­chung von her­vor­ra­gen­den Kle­ri­kern hat, die schon längst ehr­wür­dig und Die­ner Got­tes sind, die aber dem rela­ti­vi­sti­schen und syn­oda­len Zeit­geist nicht ent­spre­chen, unter ihnen der bedeu­ten­de Lin­zer Bischof Franz Joseph Rudi­gier (1811–1884), des­sen Selig­spre­chungs­pro­zeß 1895 ein­ge­lei­tet wur­de und der 2009 zum ehr­wür­di­gen Die­ner Got­tes erho­ben wurde.

Oder der bedeu­ten­de Fati­ma-Apo­stel P. Petrus Pav­li­cek OFM (1902–1982), des­sen Initia­ti­ve Rosen­kranz-Süh­ne­kreuz­zug für den Frie­den der Welt wir letzt­lich den Abzug der Besat­zungs­mäch­te im Jahr 1955 zu ver­dan­ken haben. In sei­nen bei­den letz­ten Lebens­jahr­zehn­ten wur­de die Fati­ma-Bot­schaft bekannt­lich sei­tens der Kir­chen­hier­ar­chie unter­drückt und unsicht­bar gemacht. Zudem beging Pater Petrus den unent­schuld­ba­ren Feh­ler, an einem Tref­fen mit Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re im Jahr 1975 in Wien teil­ge­nom­men zu haben.

Für bei­de Die­ner Got­tes gibt es einen bestehen­den, mehr oder weni­ger inten­si­ven öffent­li­chen cul­tus (der von den jeweils zustän­di­gen Auto­ri­tä­ten aber mei­nes Wis­sens nicht aktiv geför­dert wird). Am Grab von Pater Pav­li­cek in der Wie­ner Fran­zis­ka­ner­kir­che gibt es auch einen gewis­sen cul­tus (wie an den vie­len Ein­tra­gun­gen in dem auf­lie­gen­den Ring­buch erkenn­bar ist).

Für Bun­des­kanz­ler Engel­bert Doll­fuß wur­de nach sei­ner Ermor­dung zwar noch kein Selig­spre­chungs­pro­zeß ein­ge­lei­tet, wohl aber „Vor­er­he­bun­gen“. Hier gab es auch einen cul­tus. Der Hei­li­ge Stuhl erteil­te die Erlaub­nis, all­jähr­lich am 25. Juli ein fei­er­li­ches Requi­em zu zele­brie­ren. Das ist aber mitt­ler­wei­le unpo­pu­lär gewor­den. Der öster­rei­chi­sche Bun­des­kanz­ler des Jah­res 2010 schaff­te sogar die jähr­li­che Gedenk­mes­se im Bun­des­kanz­ler­amt ab. Mei­nem Kennt­nis­stand gibt es jedoch immer noch einen gewis­sen cul­tus, unter ande­rem im katho­li­schen Cou­leur­stu­den­ten­tum von Mit­tel­schü­ler­kar­tell­ver­band und Öster­rei­chi­schem Car­tell­ver­band (deren katho­li­sche Prä­gung in den letz­ten Jahr­zehn­ten frei­lich bis zur Unkennt­lich­keit beschä­digt wurde). –

Kirchliche Eigeninitiative – eine weitere österreichische Perspektive

Da die Selig- und Hei­lig­spre­chun­gen bekannt­lich den Zweck haben, den Gläu­bi­gen Vor­bil­der vor Augen zu füh­ren, könn­te bei­spiels­wei­se die öster­rei­chi­sche Kir­chen­füh­rung aus eige­nem Antrieb in fol­gen­den Fäl­len tätig wer­den und Unter­su­chun­gen einleiten:

Nach den Aus­füh­run­gen von P. Dr. Ilde­fons Fux OSB, Für Chri­stus und Öster­reich, wären näm­lich der Semi­na­rist und Dich­ter aus böh­mi­schem Adel Hanns Georg Hein­tschel-Hein­egg, 1944 als Ange­hö­ri­ger der Öster­rei­chi­schen Frei­heits­be­we­gung hin­ge­rich­tet, und der eben­falls böh­mi­sche Ari­sto­krat, Gelehr­te und Akti­vist in der Vater­län­di­schen Front Hans Karl Zess­ner-Spit­zen­berg, 1938 im KZ Dach­au nach schwe­ren Bru­ta­li­tä­ten ver­stor­ben, geeig­ne­te Kan­di­da­ten der Selig­spre­chung. Nach mei­nem Kennt­nis­stand besteht aller­dings für bei­de NS-Opfer kein cul­tus, das Grab des erste­ren am Wie­ner Zen­tral­fried­hof ist offen­bar auf­ge­ho­ben und war für mich bei einem Besuch vor eini­gen Jah­ren nicht auf­find­bar. Soll­te die loka­le Hier­ar­chie aber von sich aus aktiv wer­den wol­len, hät­te sie hier ein loh­nen­des Betätigungsfeld.

Nach den Arbei­ten von Pater Fux gebe es dazu noch eini­ge ande­re Kan­di­da­ten, Prie­ster und Lai­en, die zu Opfern des NS-Regimes gewor­den sind, und die den Gläu­bi­gen als Vor­bil­der vor Augen geführt wer­den könn­ten. War­um das nicht geschieht, hat wohl geschichts­po­li­ti­sche Grün­de. Die Kom­bi­na­ti­on aus katho­li­schem Glau­ben und gesun­dem Patrio­tis­mus wird zudem heut­zu­ta­ge vom kirch­li­chen Appa­rat gera­de­zu gebrandmarkt.

Viel­leicht ist aber auch die Selig­spre­chung für die mei­sten unse­rer Bischö­fe ohne­hin eine irrele­van­te Kate­go­rie geworden. –

Damit zum Schluß noch ein­mal auf die welt­kirch­li­che Ebene:

Sechzig Jahre Konzilsdesaster – Neubewertung von Erzbischof Marcel Lefebvre

Selbst­ver­ständ­lich muß fünf­und­drei­ßig Jah­re nach dem Tod von Erz­bi­schof Mar­cel Lefeb­v­re des­sen Rol­le sei­tens der Hier­ar­chie völ­lig neu bewer­tet wer­den. Der Hin­ter­grund für die Neu­be­wer­tung ist natür­lich der bei­na­he voll­stän­di­ge Zusam­men­bruch des Glau­bens in der Kir­chen­hier­ar­chie, in den Orden, in den Staa­ten und im Kirchenvolk.

Msgr. Lefeb­v­res Werk hat offen­bar vie­le gute Früch­te gebracht, der Akt des for­ma­len Unge­hor­sams im Jahr 1988 sicher­te de fac­to das Über­le­ben des über­lie­fer­ten Glau­bens und der über­lie­fer­ten Lit­ur­gie. Weih­bi­schof Atha­na­si­us Schnei­der äußer­te sich vor eini­gen Tagen pro­fund und aus­ge­wo­gen dazu.

Zwei­fel­los wür­de auch ein cul­tus bestehen, d. h. das erste Kri­te­ri­um wäre erfüllt. –

Frei­lich wird sich zuerst vie­les in der Kir­che ändern müs­sen, bis ein objek­ti­ver Blick auf die kirch­li­che Wirk­lich­keit mög­lich wird.

*Wolf­ram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Kate­chist, Pro-Life-Akti­vist, wun­dert sich sehr dar­über, daß sich so vie­le Katho­li­ken dumm stel­len, wenn es um Kon­zil, neue Mes­se und deren Adep­ten in der Hier­ar­chie geht.

Bild: Wiki­com­mons

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