Von Wolfram Schrems*
Im Anschluß an unsere vor kurzem veröffentlichte Serie über die dogmatische Stellung von Selig- und Heiligsprechungen einerseits und die Kritik an der Heiligsprechung von Papst Paul VI. und der anderen Konzilspäpste andererseits sei noch ein persönlicher und subjektiver Epilog angefügt.
Hier gehe ich vom ursprünglichen Thema weg zu einigen konkreten Fragen, die sich dem Leser möglicherweise stellen werden.
Wie geht man als traditionsverbundener Katholik mit „neuen“ Heiligen um?
Besteht überhaupt eine Notwendigkeit, sich als traditionsorienterter Katholik mit Selig- und Heiligsprechungen, die – sagen wir – nach dem Tod von Papst Pius XII. im Jahr 1958 vorgenommen worden sind, zu beschäftigen? Meines Erachtens muß man mit Ja antworten. Nach den Worten von Pater Matthias Gaudron, einem bedeutenden Theologen der Piusbruderschaft, darf man als Katholik keine „schismatische Gesinnung“ haben. Dem schließe ich mich an: Soviel wie möglich muß der kirchlichen Autorität an Vertrauensvorschuß zugestanden werden.
Man darf sich in einer Zeit, in der das Papsttum selbst verkündet, alle Religionen wären ein Weg zu Gott, selbstverständlich nicht dumm stellen.
Die Loyalität gegenüber der Kirche, so sehr sie derzeit in ihrem menschlichen Element Ärgernis gibt, verlangt jedoch grundsätzlich einen positiven Zugang etwa zu Heiligsprechungen, die dem Glaubenssinn entsprechen (das ist die überwältigende Mehrheit). Damit ist die Forderung nach einer interessierten Aufmerksamkeit gegenüber neueren Seligen und Heiligen gegeben.
Es wird sich auch empfehlen, zwischen selig- und heiliggesprochenen Personen zu unterscheiden, die noch vor der Implementation des II. Vaticanums verstorben, und den wenigen, die danach verstorben sind. Bei letzteren ist natürlich häufig der Verdacht der ideologischer und kirchenpolitischer Subversion gegeben, wie wir anhand des Falles der Konzilspäpste schon ausgeführt haben.
Der Sensus fidei – zu einem bestimmten Grad „subjektiv“
Was also sollen traditionsverbundene Katholiken mit Heiligsprechungen tun, die nach Pius XII. vorgenommen wurden bzw. die – mangels eines besseren Ausdrucks – „nachkonziliar“ sind?
P. Dr. Johannes Regele von der Piusbruderschaft schrieb in einem hochinteressanten, nicht-öffentlichen Manuskript mit dem Titel „Das neue Verfahren der Selig- und Heiligsprechungen im Vergleich zur alten Rechtslage der Kirche“ unter anderem:
„Die praktische Lösung zur Verehrung hat uns Erzbischof Lefebvre gegeben, dass wir uns bis auf weiteres nur auf private Verehrung bei den ‚neuen Seligen und Heiligen‘ beschränken, auch wenn viele von ihnen ohne Zweifel zu Ehre der Altäre im alten Sinne bestimmt sind.“
Eine sehr gute Zugangsweise zu unserer Frage eröffnet meines Erachtens Don Francesco Bachmann, der „Kalendermann“ vom Theresia-Verlag. Dieser trägt in dem von ihm produzierten Wandkalender mit dem traditionellen Heortologium auch ausgewählte neuere Selige und Heilige ein (hinter einer bestimmten Markierung). Diese Auswahl ist freilich „subjektiv“.
Dabei gilt eben der sensus fidei fidelium: Kein traditionsverbundener Katholik wird etwas gegen die Verehrung der zahlreichen von Papst Johannes Paul II. kanonisierten Märtyrer Spaniens des Jahres 1936 und folgende einwenden. Hier sind etwa sechstausend Opfer (oder mehr) unter Bischöfen, Priestern und Ordensleuten, sowie einige Hunderttausend katholische Laien zu verzeichnen, die von Anarchisten und Kommunisten, unter ihnen übrigens überproportional viele Juden, oft besonders grausam zu Tode gebracht wurden.
Kein traditionsverbundener Katholik wird gegen einen heiligen Pater Maximilian Kolbe oder einen heiligen Pater Pio Einwendungen machen.
Es wäre auch geradezu eine Beleidigung, die ugandischen Märtyrer (Karl Lwanga, Matthias Murumba und Gefährten, 1920 seliggesprochen) nicht als Heilige anzuerkennen, nur weil sie erst 1964 heiliggesprochen worden sind.
Die Zeit wird es weisen, wo ein cultus der neueren Heiligen und Seligen wächst und gedeiht oder eben nicht.
Festgefahrene oder ausbleibende Seligsprechungsprozesse – eine österreichische Perspektive
Verständlich ist, daß die derzeitige Kirchenhierarchie Österreichs kein Interesse an der Seligsprechung von hervorragenden Klerikern hat, die schon längst ehrwürdig und Diener Gottes sind, die aber dem relativistischen und synodalen Zeitgeist nicht entsprechen, unter ihnen der bedeutende Linzer Bischof Franz Joseph Rudigier (1811–1884), dessen Seligsprechungsprozeß 1895 eingeleitet wurde und der 2009 zum ehrwürdigen Diener Gottes erhoben wurde.
Oder der bedeutende Fatima-Apostel P. Petrus Pavlicek OFM (1902–1982), dessen Initiative Rosenkranz-Sühnekreuzzug für den Frieden der Welt wir letztlich den Abzug der Besatzungsmächte im Jahr 1955 zu verdanken haben. In seinen beiden letzten Lebensjahrzehnten wurde die Fatima-Botschaft bekanntlich seitens der Kirchenhierarchie unterdrückt und unsichtbar gemacht. Zudem beging Pater Petrus den unentschuldbaren Fehler, an einem Treffen mit Erzbischof Marcel Lefebvre im Jahr 1975 in Wien teilgenommen zu haben.
Für beide Diener Gottes gibt es einen bestehenden, mehr oder weniger intensiven öffentlichen cultus (der von den jeweils zuständigen Autoritäten aber meines Wissens nicht aktiv gefördert wird). Am Grab von Pater Pavlicek in der Wiener Franziskanerkirche gibt es auch einen gewissen cultus (wie an den vielen Eintragungen in dem aufliegenden Ringbuch erkennbar ist).
Für Bundeskanzler Engelbert Dollfuß wurde nach seiner Ermordung zwar noch kein Seligsprechungsprozeß eingeleitet, wohl aber „Vorerhebungen“. Hier gab es auch einen cultus. Der Heilige Stuhl erteilte die Erlaubnis, alljährlich am 25. Juli ein feierliches Requiem zu zelebrieren. Das ist aber mittlerweile unpopulär geworden. Der österreichische Bundeskanzler des Jahres 2010 schaffte sogar die jährliche Gedenkmesse im Bundeskanzleramt ab. Meinem Kenntnisstand gibt es jedoch immer noch einen gewissen cultus, unter anderem im katholischen Couleurstudententum von Mittelschülerkartellverband und Österreichischem Cartellverband (deren katholische Prägung in den letzten Jahrzehnten freilich bis zur Unkenntlichkeit beschädigt wurde). –
Kirchliche Eigeninitiative – eine weitere österreichische Perspektive
Da die Selig- und Heiligsprechungen bekanntlich den Zweck haben, den Gläubigen Vorbilder vor Augen zu führen, könnte beispielsweise die österreichische Kirchenführung aus eigenem Antrieb in folgenden Fällen tätig werden und Untersuchungen einleiten:
Nach den Ausführungen von P. Dr. Ildefons Fux OSB, Für Christus und Österreich, wären nämlich der Seminarist und Dichter aus böhmischem Adel Hanns Georg Heintschel-Heinegg, 1944 als Angehöriger der Österreichischen Freiheitsbewegung hingerichtet, und der ebenfalls böhmische Aristokrat, Gelehrte und Aktivist in der Vaterländischen Front Hans Karl Zessner-Spitzenberg, 1938 im KZ Dachau nach schweren Brutalitäten verstorben, geeignete Kandidaten der Seligsprechung. Nach meinem Kenntnisstand besteht allerdings für beide NS-Opfer kein cultus, das Grab des ersteren am Wiener Zentralfriedhof ist offenbar aufgehoben und war für mich bei einem Besuch vor einigen Jahren nicht auffindbar. Sollte die lokale Hierarchie aber von sich aus aktiv werden wollen, hätte sie hier ein lohnendes Betätigungsfeld.
Nach den Arbeiten von Pater Fux gebe es dazu noch einige andere Kandidaten, Priester und Laien, die zu Opfern des NS-Regimes geworden sind, und die den Gläubigen als Vorbilder vor Augen geführt werden könnten. Warum das nicht geschieht, hat wohl geschichtspolitische Gründe. Die Kombination aus katholischem Glauben und gesundem Patriotismus wird zudem heutzutage vom kirchlichen Apparat geradezu gebrandmarkt.
Vielleicht ist aber auch die Seligsprechung für die meisten unserer Bischöfe ohnehin eine irrelevante Kategorie geworden. –
Damit zum Schluß noch einmal auf die weltkirchliche Ebene:
Sechzig Jahre Konzilsdesaster – Neubewertung von Erzbischof Marcel Lefebvre
Selbstverständlich muß fünfunddreißig Jahre nach dem Tod von Erzbischof Marcel Lefebvre dessen Rolle seitens der Hierarchie völlig neu bewertet werden. Der Hintergrund für die Neubewertung ist natürlich der beinahe vollständige Zusammenbruch des Glaubens in der Kirchenhierarchie, in den Orden, in den Staaten und im Kirchenvolk.
Msgr. Lefebvres Werk hat offenbar viele gute Früchte gebracht, der Akt des formalen Ungehorsams im Jahr 1988 sicherte de facto das Überleben des überlieferten Glaubens und der überlieferten Liturgie. Weihbischof Athanasius Schneider äußerte sich vor einigen Tagen profund und ausgewogen dazu.
Zweifellos würde auch ein cultus bestehen, d. h. das erste Kriterium wäre erfüllt. –
Freilich wird sich zuerst vieles in der Kirche ändern müssen, bis ein objektiver Blick auf die kirchliche Wirklichkeit möglich wird.
*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro-Life-Aktivist, wundert sich sehr darüber, daß sich so viele Katholiken dumm stellen, wenn es um Konzil, neue Messe und deren Adepten in der Hierarchie geht.
Bild: Wikicommons
Hinterlasse jetzt einen Kommentar