Rupniks Mosaiken: Während Lourdes sie verhüllt, feiert sie Aparecida

Vor wenigen Tagen wurde mit einem großen Fest die Neugestaltung der monumentalen Westfassade des Marienheiligtums von Aparecida in Brasilien der Öffentlichkeit übergeben. Sie zeigt auf einer gigantischen Fläche Rupnik-Kunst
Vor wenigen Tagen wurde mit einem großen Fest die Neugestaltung der monumentalen Westfassade des Marienheiligtums von Aparecida in Brasilien der Öffentlichkeit übergeben. Sie zeigt auf einer gigantischen Fläche Rupnik-Kunst

Von Lour­des bis Apa­re­ci­da zeigt sich ein bemer­kens­wer­ter Gegen­satz im Umgang der Kir­che mit den Wer­ken Mar­ko Ivan Rup­niks. Wäh­rend das fran­zö­si­sche Mari­en­hei­lig­tum die Mosai­ken des wegen schwe­rer Miß­brauchs­vor­wür­fe beschul­dig­ten ehe­ma­li­gen Jesui­ten inzwi­schen voll­stän­dig ver­hüllt hat, wur­de in Bra­si­li­en die letz­te monu­men­ta­le Fas­sa­de der Basi­li­ka von Apa­re­ci­da mit gro­ßem Auf­wand ent­hüllt – beglei­tet von Musik, Gebet und einem öffent­li­chen Fest. Fra­gen nach der Rol­le Rup­niks bei dem Pro­jekt blei­ben bis­lang unbeantwortet.

Es hät­te kaum gegen­sätz­li­cher kom­men können.

Wäh­rend in Lour­des die Mosai­ken von Mar­ko Ivan Rup­nik an der Fas­sa­de der Rosen­kranz­ba­si­li­ka inzwi­schen voll­stän­dig ver­hüllt sind, wur­de weni­ge Tage zuvor im bra­si­lia­ni­schen Natio­nal­hei­lig­tum von Apa­re­ci­da die letz­te Etap­pe eines gigan­ti­schen Mosa­ik­pro­jekts fei­er­lich abge­schlos­sen. Am 12. Sep­tem­ber wur­de die monu­men­ta­le West­fas­sa­de der Basi­li­ka mit einer auf­wen­di­gen Zere­mo­nie der Öffent­lich­keit über­ge­ben, die von TV Apa­re­ci­da und ande­ren Medi­en über­tra­gen wur­de. Musik, Gebet, Kate­che­se und eine fest­li­che Insze­nie­rung gehör­ten zum Programm.

Es han­delt sich nicht um irgend­ein Kunst­werk. Die vier Fas­sa­den der gewal­ti­gen Basi­li­ka von Apa­re­ci­da wur­den seit 2019 im Rah­men der soge­nann­ten Jor­na­da Bíb­li­ca mit Mosai­ken ver­klei­det. Die Arbei­ten umfas­sen nahe­zu 4.000 Qua­drat­me­ter und wur­den von 39 Mosa­ik­künst­lern, die mit dem Cen­tro Alet­ti ver­bun­den sind. Das Cen­tro Alet­ti wur­de von Rup­nik gegrün­det und ist eng mit sei­ner künst­le­ri­schen und theo­lo­gi­schen Tätig­keit ver­bun­den. Sie­he zum Zen­trum Alet­ti auch Mon­te­fi­o­lo.

Mit gro­ßem Spek­ta­kel wur­de in Apa­re­ci­da der Abschluß der Rup­nik-Gestal­tung der monu­men­ta­len West­fas­sa­de gefeiert

Die offi­zi­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on des bedeu­tend­sten bra­si­lia­ni­schen Hei­lig­tums spricht dabei auf­fäl­lig wenig über Rup­nik. Statt des­sen ist von den „39 Künst­lern“ und vom Cen­tro Alet­ti die Rede. Es läßt eine ent­schei­den­de Fra­ge offen, wel­che Rol­le Mar­ko Rup­nik selbst bei einem Pro­jekt spiel­te, des­sen künst­le­ri­sche Hand­schrift unver­kenn­bar mit ihm ver­bun­den ist.

Der Name, der möglichst nicht fallen soll

Die Geschich­te des Pro­jekts ist älter als die öffent­lich gewor­de­nen Miß­brauchs­vor­wür­fe. Die Arbei­ten an den ver­schie­de­nen Fas­sa­den wur­den über meh­re­re Jah­re hin­weg aus­ge­führt. Die erste Fas­sa­de wur­de 2022 voll­endet, wei­te­re folg­ten 2024 und 2025, als der Skan­dal um Rup­nik längst bekannt war; mit der West­fas­sa­de wur­de das Gesamt­pro­jekt nun abgeschlossen.

Wie konn­te ein kirch­li­ches Groß­pro­jekt mit einer der­art eng mit Rup­nik ver­bun­de­nen künst­le­ri­schen Kon­zep­ti­on nach Bekannt­wer­den der Vor­wür­fe wei­ter­ge­führt werden?

Das Hei­lig­tum selbst erklär­te seit 2024 auf ent­spre­chen­de Anfra­gen nicht, daß Rup­nik aus dem Pro­jekt aus­ge­schie­den sei. Viel­mehr teil­te es mit, die Arbei­ten stün­den wei­ter­hin unter der „Lei­tung und Aus­füh­rung“ von Rup­niks Cen­tro Alet­ti. Zugleich ver­wies man dar­auf, daß das Ate­lier des Cen­tro seit 2020 von Maria Campa­tel­li gelei­tet werde.

Damit ist die Fra­ge aller­dings nicht beant­wor­tet. Denn zwi­schen der Fest­stel­lung, daß ein Ate­lier orga­ni­sa­to­risch von einer ande­ren Per­son gelei­tet wird, und der Fra­ge nach dem per­sön­li­chen künst­le­ri­schen Anteil des Grün­ders besteht ein erheb­li­cher Unter­schied. Doch in Apa­re­ci­da hüllt man sich in Schweigen.

Wer ist der Mann mit dem „MIR“-Helm?

Für zusätz­li­che Irri­ta­ti­on sorgt ein Video, das im Umfeld der Arbei­ten ver­öf­fent­licht wur­de. Dar­in sind meh­re­re Per­so­nen zu sehen, die gemein­sam mit kirch­li­chen Wür­den­trä­gern letz­te Mosa­ik­stei­ne einsetzen.

Neben einem Prä­la­ten ist ein Mann zu sehen, der Anwei­sun­gen gibt. Er trägt einen Bau­helm mit den Buch­sta­ben „MIR“. Sei­ne Erschei­nung weist eine deut­li­che Ähn­lich­keit mit Mar­ko Ivan Rup­nik auf. Die Initia­len ent­spre­chen sei­nem voll­stän­di­gen Namen Mar­co Ivan Rupnik.

Die US-katho­li­sche Nach­rich­ten­agen­tur OSV News wand­te sich am 17. Sep­tem­ber an das Hei­lig­tum von Apa­re­ci­da und bat aus­drück­lich um eine Bestä­ti­gung, ob es sich bei dem Mann tat­säch­lich um Rup­nik han­delt. Zugleich frag­te die Agen­tur, wel­che Kri­te­ri­en für die Fort­set­zung des Pro­jekts maß­geb­lich gewe­sen sei­en, obwohl gegen Rup­nik ein kano­ni­sches Ver­fah­ren läuft und Opfer sei­ne Ent­fer­nung aus kirch­li­chen Kon­tex­ten gefor­dert haben. Eine Ant­wort liegt bis­her nicht vor.

Ist der Mann mit dem MIR-Helm bei den sym­bo­lisch letz­ten gesetz­ten Mosa­ik­stei­nen Mar­ko Ivan Rupnik?

Beson­ders bemer­kens­wert ist in die­sem Zusam­men­hang, daß das betref­fen­de Video inzwi­schen offen­bar nicht mehr unter dem ursprüng­lich ver­brei­te­ten Link abruf­bar ist. Eine unab­hän­gi­ge tech­ni­sche Veri­fi­zie­rung die­ser Ent­fer­nung ist der­zeit aller­dings nicht möglich.

Wie anders der Umgang mit den­sel­ben Mosai­ken aus­se­hen kann, zeigt Lour­des. Bischof Jean-Marc Micas von Tar­bes und Lour­des hat­te bereits 2025 ver­an­laßt, Tei­le der Rup­nik-Mosai­ken an der Rosen­kranz­ba­si­li­ka zu ver­hül­len. Inzwi­schen ist die gesam­te Fas­sa­de ver­deckt. Die Maß­nah­me erfolg­te vor dem Besuch von Papst Leo XIV. in Lour­des am 26. und 27. Sep­tem­ber. Nach Anga­ben des Hei­lig­tums sol­len die Abdeckun­gen auch nach dem Papst­be­such bestehen blei­ben. Es han­delt sich aus­drück­lich um eine län­ger­fri­sti­ge Maß­nah­me, wäh­rend über eine end­gül­ti­ge Lösung bera­ten wird.

Auch die Dimen­si­on des bra­si­lia­ni­schen Pro­jekts ver­dient Beachtung.

Die West­fas­sa­de umfaßt nach Anga­ben des Hei­lig­tums nahe­zu 4.000 Qua­drat­me­ter Mosa­ik. Finan­ziert wur­de das Gesamt­pro­jekt durch Spen­den der Fami­lia dos Devo­tos, also durch die groß­zü­gi­gen Bei­trä­ge der Gläu­bi­gen und Unter­stüt­zer des Heiligtums.

Über die tat­säch­li­chen Kosten der West­fas­sa­de gibt es kei­ne offi­zi­ell ver­öf­fent­lich­te Abrech­nung. OSV News errech­ne­te auf Grund­la­ge ver­füg­ba­rer Ver­gleichs­wer­te eine Grö­ßen­ord­nung von rund 4,5 Mil­lio­nen US-Dollar.

Wie konnte Marko Ivan Rupnik überhaupt so weit aufsteigen?

Mar­ko Ivan Rup­nik ist nicht ledig­lich ein ehe­ma­li­ger Jesu­it und Künst­ler eines längst abge­schlos­se­nen Kapi­tels. Gegen ihn ste­hen schwer­wie­gen­de Vor­wür­fe sexu­el­len, psy­chi­schen und geist­li­chen Miß­brauchs durch mehr als 20 Frau­en. Rup­nik wur­de 2023 aus der Gesell­schaft Jesu aus­ge­schlos­sen, nach­dem es zu Kon­flik­ten über gegen ihn ver­häng­te Maß­nah­men gekom­men war. Das kano­ni­sche Ver­fah­ren liegt inzwi­schen beim Dik­aste­ri­um für die Glau­bens­leh­re. Über den Fort­gang die­ses Ver­fah­rens dringt kaum etwas nach außen. Es ste­hen Ver­schlep­pungs­vor­wür­fe im Raum.

Im Juli 2026 muß­te der Vati­kan Berich­te zurück­wei­sen, wonach das Ver­fah­ren bereits mit einem Frei­spruch abge­schlos­sen wor­den sei. Eine Ent­schei­dung sei nicht getrof­fen wor­den, hieß es; das Ver­fah­ren daue­re an.

Im Raum steht auch eine bereits in einem ersten kano­ni­schen Ver­fah­ren fest­ge­stell­te Exkom­mu­ni­ka­ti­on, die dann aber wun­der­sa­mer­wei­se ver­schwun­den ist. Nur der Papst selbst, damals Fran­zis­kus, hät­te eine Exkom­mu­ni­ka­ti­on rück­gän­gig machen kön­nen. Auf den anhal­ten­den öffent­li­chen Druck hin, trat Fran­zis­kus schließ­lich die Flucht nach vor­ne an und ord­ne­te ein neu­es kano­ni­sches Ver­fah­ren an, das aber auch nach meh­re­ren Jah­ren nict vom Fleck zu kom­men scheint.

Rup­nik leb­te seit den 1990er Jah­ren in Rom und beweg­te sich dort zuneh­mend in jenen kirch­li­chen Krei­sen, die über Kunst, Lit­ur­gie und die sicht­ba­re Selbst­dar­stel­lung des Hei­li­gen Stuhls zu ent­schei­den hat­ten. Aus dem Künst­ler wur­de bin­nen weni­ger Jah­re ein bevor­zug­ter Auf­trag­neh­mer kirch­li­cher Insti­tu­tio­nen. Sei­ne Wer­ke fan­den Ein­gang in vati­ka­ni­sche Gebäu­de und Ein­rich­tun­gen; zu den bemer­kens­wer­te­sten Bei­spie­len gehört die Neu­ge­stal­tung einer Kapel­le im Apo­sto­li­schen Palast. Doch damit nicht genug: Rup­niks Mosai­ke wur­den in den bedeu­tend­sten katho­li­schen Hei­lig­tü­mern der Welt ange­bracht – in Lour­des, Fáti­ma, Apa­re­ci­da, San Gio­van­ni Roton­do und an zahl­rei­chen wei­te­ren Orten.

Das ist die eigent­li­che Dimen­si­on des Fal­les. Es geht um einen Mann, des­sen Name und des­sen Bild­spra­che durch kirch­li­che Auf­trä­ge zu einem gera­de­zu glo­ba­len Bestand­teil der zeit­ge­nös­si­schen katho­li­schen Sakral­kunst gemacht wurden.

Man muß sich die Grö­ßen­ord­nung vor Augen hal­ten: Die katho­li­sche Kir­che ver­fügt über zahl­lo­se Künst­ler, Archi­tek­ten und Mosai­zi­sten. Den­noch wur­de aus­ge­rech­net Rup­nik mit monu­men­ta­len Auf­trä­gen an den sicht­bar­sten Orten des katho­li­schen Lebens betraut. Sei­ne Kunst wur­de nicht ledig­lich gedul­det; sie wur­de von maß­geb­li­chen kirch­li­chen Stel­len geför­dert, mit pre­sti­ge­träch­ti­gen Auf­trä­gen aus­ge­zeich­net und welt­weit an pro­mi­nen­ter Stel­le installiert.

Wie konn­te es dazu kommen?

Wer ent­schied über die­se Auf­trä­ge? Wel­che per­sön­li­chen und insti­tu­tio­nel­len Netz­wer­ke mach­ten die­sen Auf­stieg mög­lich? War­um wur­de Rup­nik über Jahr­zehn­te hin­weg zu einem der­art bevor­zug­ten Künst­ler kirch­li­cher Auf­trag­ge­ber? Und wel­che Rol­le spiel­ten dabei sei­ne engen Ver­bin­dun­gen zu vati­ka­ni­schen Kreisen?

Die­se Fra­gen sind bis­lang kei­nes­wegs zufrie­den­stel­lend beantwortet.

Die Kir­che befin­det sich zeit­lich weit­ge­hend par­al­lel zum Auf­stieg Rup­niks in Rom in einer der schwer­sten Glaub­wür­dig­keits­kri­sen ihrer jün­ge­ren Geschich­te. Der welt­wei­te Miß­brauchs­skan­dal hat nicht nur ein­zel­ne Diö­ze­sen und Orden erschüt­tert, son­dern das Ver­trau­en in kirch­li­che Auto­ri­tä­ten und ihre Fähig­keit zur Selbst­kon­trol­le tief beschä­digt. Trans­pa­renz, Ver­ant­wort­lich­keit und der Vor­rang des Schut­zes der Opfer sind des­halb zu zen­tra­len For­de­run­gen kirch­li­cher Auf­ar­bei­tung geworden.

Und in die­sem Kon­text erscheint Rup­niks Auf­stieg in einem beson­ders grel­len Licht. Sei­ne Mosai­ke sind Teil des öffent­li­chen Erschei­nungs­bil­des der heu­ti­gen Kir­che gewor­den. Sein künst­le­ri­sches Erbe ist heu­te buch­stäb­lich in Stein und Glas in die Welt­kir­che eingeschrieben.

Wäh­rend die Kir­che den Opfern des Miß­brauchs immer wie­der ver­si­chert, daß ihre Stim­men gehört, ihre Wür­de geschützt und die Feh­ler der Ver­gan­gen­heit auf­ge­ar­bei­tet wer­den müs­sen, begeg­nen Gläu­bi­ge an den pro­mi­nen­te­sten Wall­fahrts­or­ten wei­ter­hin der Kunst jenes Man­nes, des­sen kirch­li­che Kar­rie­re gera­de durch die­sel­ben Insti­tu­tio­nen ermög­licht und geför­dert wurde.

Mit Apa­re­ci­da, einem zen­tra­len Ort im kirch­li­chen Leben von Papst Fran­zis­kus, schließt sich zugleich der Kreis zum argen­ti­ni­schen Papst. Fran­zis­kus stand nicht nur im Ver­dacht, Rup­nik vor einer bereits fest­ge­stell­ten Exkom­mu­ni­ka­ti­on bewahrt zu haben; viel­mehr gehör­te er bis zu sei­nem Tod zu den maß­geb­li­chen kirch­li­chen För­de­rern des Künstlerpriesters.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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