Der Fall des ehemaligen Jesuiten und Künstlerpriesters Marko Ivan Rupnik könnte noch vor der Reise von Papst Leo XIV. nach Lourdes Ende September eine Wendung erfahren. Darauf deutet zumindest eine Aussage hin, die der niederländische Vatikanist Hendro Munsterman in einem Gastkommentar für die französische Tageszeit La Croix veröffentlicht hat.
Unter Berufung auf einen hochrangigen, anonym bleibenden Vatikanvertreter schreibt Munsterman, es wäre „wünschenswert, daß diese Angelegenheit vor der Reise des Papstes nach Lourdes Ende September gelöst wird“. Hintergrund sei die besondere Symbolkraft des Marienwallfahrtsortes. Dort befinden sich an der Rosenkranzbasilika monumentale Mosaike Rupniks, die seit Bekanntwerden der Mißbrauchsvorwürfe zu einem Brennpunkt der Debatte geworden sind. Nach Angaben Munstermans ist zudem geplant, daß Papst Leo XIV. in Lourdes mit Opfern sexuellen Mißbrauchs in der Kirche zusammentrifft. In diesem Zusammenhang könnten die Werke Rupniks die Kontroverse erneut anfachen.
Ob diese Einschätzung tatsächlich auf einen baldigen Abschluß des kirchenrechtlichen Verfahrens schließen läßt, bleibt offen. Der Vatikan hat sich hierzu bislang nicht geäußert. Allerdings wäre ein Besuch des Papstes in Lourdes kaum frei von symbolischer Brisanz, solange die Frage nach dem Umgang mit den Kunstwerken des ehemaligen Jesuiten ungeklärt ist.
Der Fall Rupnik beschäftigt die Kirche seit Jahren. Gegen den international bekannten Mosaikkünstler wurden schwerwiegende Vorwürfe geistlichen, psychischen und sexuellen Mißbrauchs erhoben. Lange Zeit stand insbesondere das intransparente Verhalten der kirchlichen Behörden in der Kritik. Im offiziellen Narrativ heißt es dazu, daß erst durch Papst Franziskus, der die Verjährung aufhob, ein kirchenrechtliches Verfahren eröffnet werden habe können. Tatsächlich gab es aber bereits zuvor in einem Teilbereich ein Verfahren, in dem die Glaubenskongregation Rupniks Exkommunikation festgestellt hatte, das dann aber nie notifiziert wurde. Wer außer Past Franziskus hätte dies verhindern können? Diese Ambivalenz durchzog den gesamten Umgang des argentinischen Papstes mit der Mißbrauchfrage.
Bis heute liegt im Fall Rupnik kein Urteil vor.
Die Mosaiken in Lourdes stehen exemplarisch für ein weiter reichendes Problem. Zwar wurden sie zeitweise nicht mehr beleuchtet, dann teilweise verhüllt, doch geschieht dies keineswegs dauerhaft oder konsequent. Im Mai waren sie bei einer Wallfahrt des Malteserordens auf aktuellen Fotografien unverdeckt zu sehen. Eine endgültige Entscheidung über ihren Verbleib gibt es bis heute nicht.
Dasselbe Bild zeigt sich weltweit. Eine einheitliche kirchliche Linie im Umgang mit den Werken Rupniks existiert nicht. Während einzelne Diözesen und Heiligtümer seine Kunstwerke entfernen oder abdecken, bleiben sie andernorts unverändert bestehen. Teilweise werden sogar weiterhin neue Werke des Slowenen installiert. So wird etwa im brasilianischen Nationalheiligtum von Aparecida nach wie vor an Projekten mit Rupnik-Mosaiken festgehalten.
Auch im Vatikan selbst ist die Situation widersprüchlich. In den Vatikanischen Gärten befindet sich weiterhin das von Rupnik geschaffene Mosaik zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, das seinerzeit unmittelbar unter Papst Franziskus in Auftrag gegeben wurde. Seine Präsenz verdeutlicht, daß bislang weder für den Vatikan noch für die Weltkirche verbindliche Richtlinien zum Umgang mit dem künstlerischen Erbe Rupniks bestehen. Auch in diesem Fall war es Franziskus, der sich dafür maßgeblich verantwortlich scheint, denn der Papst zeigte sich wiederholt demonstrativ vor Rupnik-Werken und hatte selbst bis zuletzt eines in seinem Arbeitszimmer hängen.
Die nun aus dem Umfeld des Vatikans kolportierte Einschätzung, der Fall solle möglichst vor der Papstreise nach Lourdes abgeschlossen werden, könnte daher mehr sein als eine bloße Terminüberlegung. Sie verweist auf den wachsenden Druck, in einem Verfahren, das sich seit Jahren hinzieht und erhebliche Zweifel am kirchlichen Umgang mit Mißbrauch aufgeworfen hat, endlich zu einer Entscheidung zu gelangen. Ob dies tatsächlich noch vor Ende September geschieht, bleibt abzuwarten. Die Rupnik-Mosaike in Lourdes werden offenbar so oder anders den Papstbesuch begleiten.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL
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