Kardinal Víctor Manuel „Tucho“ Fernández, den Papst Franziskus zum Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre ernannte und der unter seinem Pontifikat zu einem der einflußreichsten Männer der Römischen Kurie aufgestiegen ist, gab der spanischen Kirchenzeitschrift Vida Nueva ein Interview, das gestern veröffentlicht wurde. Anlaß war die bevorstehende Veröffentlichung des persönlichen Tagebuchs von Jorge Mario Bergoglio, das von seinem Lieblingsgünstling herausgegeben, redigiert und kommentiert wird. Das Gespräch bot Kardinal Fernández allerdings auch Gelegenheit, sich zum Gesundheitszustand von Papst Leo XIV. und zu dessen bevorstehender Lateinamerikareise zu äußern.
Das Buch, das am 24. November erscheinen soll, verspricht laut dem bergoglianischen Ghostwriter einen ungewöhnlich tiefen Einblick in die persönliche Gedankenwelt des verstorbenen Papstes. Fernández stellte dazu Aufzeichnungen Jorge Mario Bergoglio vom Moment seiner Bischofsweihe im Jahr 1992 bis 2024 zusammen. Dabei erhebt Fernández einen bemerkenswerten Anspruch: Erst durch diese bislang unveröffentlichten privaten Texte, so der Kardinal, werde es möglich, die Persönlichkeit von Franziskus vollständiger zu erfassen und gewissermaßen das Bild abzurunden, das sich aus den bisher veröffentlichten Äußerungen und Dokumenten ergeben habe. Fernández spricht von der „Seele“ und der bergoglianischen Innerlichkeit, die sich in diesen Aufzeichnungen erschließen ließen.
Doch das Interview enthält noch eine zweite, politisch und kirchlich nicht weniger interessante Botschaft. Auf die Frage nach der bevorstehenden Reise Leos XIV. nach Südamerika und der erst kurz zurückliegenden Lungenoperation des Papstes gibt der Kardinal eine demonstrativ beruhigende Antwort: „Der Papst ist in hervorragender Verfassung.“ Er habe sich bei einer persönlichen Audienz eigens nach dessen Gesundheitszustand erkundigt und die Begegnung mit völliger Beruhigung verlassen. Mehr noch: Er halte ein langes Pontifikat für durchaus realistisch.
Auch zu möglichen Einschränkungen des päpstlichen Arbeitspensums nahm der Glaubenspräfekt Stellung. Von einer notwendigen Neuordnung oder Anpassung des Arbeitsrhythmus könne eigentlich keine Rede sein. Leo XIV. habe nicht nur zu seinem gewöhnlichen Arbeitstempo zurückgefunden, sondern verdoppele vielmehr seine Initiative angesichts der anstehenden Herausforderungen. Als Beleg führt Fernández eine vom Papst am Vortag einberufene Besprechung an.
Nebenbei verrät der Kardinal auch etwas über seine eigene Gesundheit: Er sei vor einigen Wochen wegen einer gutartigen Talgzyste operiert worden. Die Heilung der Operationswunde habe ihn körperlich stärker beansprucht als den Papst, merkt er mit einer für ihn charakteristischen Spitze an.
Bei der Reise nach Argentinien stehe, so der Präfekt, nicht der verstorbene Franziskus im Mittelpunkt, sondern Leo XIV., der Franziskus‘ Volk begegne. Eine wenig verwunderliche Akzentsetzung angesichts Tatsache, daß Franziskus sich sein ganzes Pontifikat hindurch weigerte, seine Heimat zu besuchen. In diesem Zusammenhang verwundert auch nicht der Hinweis, daß Fernández, obwohl selbst Argentinier, Leo XIV. gebeten habe, ihn auf dieser Reise nicht begleiten zu müssen.
Es gilt in Erinnerung zu rufen, daß Jorge Mario Bergoglio zwar der Papst ist, der in seiner Amtszeit die meisten Bücher veröffentlichte, jedoch kein längerer, zusammenhängender Text bekannt ist, den er selbst verfaßte. Tucho Fernández war ab 1997 sein Ghostwriter, den Bergoglio nach seiner Wahl zum Papst mit nach Rom nahm. Vor diesem Hintergrund sind auch Aussagen des Kardinals zu sehen, daß die bergoglianischen Texte durch seine Kommentare „verständlicher“ würden.
Wir dokumentieren das vollständige Interview, das José Beltrán für Vida Nueva führte:
Das Interview mit Kardinal Víctor Manuel Fernández
Frage: Warum werden diese Aufzeichnungen des ersten lateinamerikanischen Papstes der Geschichte jetzt veröffentlicht?
Kardinal Fernández: Mit der Veröffentlichung meiner Arbeit über das Tagebuch von Papst Franziskus und weitere persönliche Texte, die er mir anvertraut hat, soll zunächst der Stimme von Franziskus selbst Vorrang eingeräumt werden. Ich bin allerdings aufrichtig davon überzeugt, daß mein zurückhaltender Kommentar wesentlich dazu beiträgt, den Sinn bestimmter Sätze und Formulierungen sowie ihren jeweiligen Zusammenhang genauer zu verstehen.
Für mich war das eine große Überraschung. Ich hatte das Material bereits gesehen und in Händen gehalten, es aber noch nicht gelesen. Nachdem ich es gelesen hatte, kann ich sagen: Es ist etwas Außergewöhnliches und wird unverzichtbar sein, um die Seele Franziskus‘, sein Innerstes, den Franziskus seines Herzens, zu verstehen.
Es finden sich darin so viele Dinge, die wir in dem bislang veröffentlichten Material nicht vorgefunden haben. Sie ermöglichen es uns gewissermaßen, das Bild seiner Persönlichkeit zu vervollständigen und genauer zu erfassen, wer er wirklich war.
Frage: Leo XIV. wird am 6. November seine erste Reise auf den amerikanischen Kontinent antreten. Sie schließt auch einen Besuch in Argentinien ein, der Heimat Bergoglios. Werden Sie ihn begleiten?
Kardinal Fernández: Ich habe dem Heiligen Vater erklärt, daß ich bei dieser bevorstehenden Reise lieber nicht dabei sein möchte, obwohl ich sehr gerne mitfahren würde.
Die Reise ist lang, und ich habe mehrere unerledigte Angelegenheiten, die mir Sorgen bereiten und gerade jetzt ihrer Lösung entgegengehen. Außerdem werde ich kurze Zeit später aus einem schon seit längerem bestehenden Verpflichtungsgrund nach Argentinien reisen müssen.
Das entspricht meiner Arbeitsweise. Ich bin nicht gerne länger als fünf Tage abwesend. Selbst meinen regulären Urlaubsmonat nehme ich in einzelnen Abschnitten: fünf Tage im Juni, fünf Tage im August und so weiter.
Das ändert jedoch nichts an der Sache, denn der einzige Protagonist ist der Papst gemeinsam mit dem Volk Gottes. Im Falle Argentiniens ist nicht einmal Papst Franziskus der Protagonist, sondern Papst Leo, der seinem Volk begegnet.
Frage: Diese Papstreise findet nach der unerwarteten Operation wegen eines Lungenkarzinoms statt. Kommt sie nicht zu früh? Sehen Sie den Papst wiederhergestellt und für ein derart anspruchsvolles Programm gerüstet?
Kardinal Fernández: Der Papst ist in hervorragender Verfassung. Heute morgen hatte ich eine Audienz bei ihm. Ich sehe, daß er aus dieser gesundheitlichen Herausforderung sogar mit noch größerem Enthusiasmus und noch mehr Eifer für die Evangelisierung hervorgegangen ist.
Außerdem habe ich die Gelegenheit genutzt, um mir sämtliche Fragen zu seinem Gesundheitszustand beantworten zu lassen. Ich habe die Audienz mit völliger Beruhigung verlassen.
Mehr noch: Für mich steht ganz klar fest, daß wir weiterhin mit einem langen Pontifikat rechnen können.
Frage: Manche sagen, daß der operative Eingriff einen Einschnitt bedeutet und sich der Arbeitsrhythmus von Robert Prevost dadurch grundlegend verändern könnte …
Kardinal Fernández: Wenn davon gesprochen wird, daß man die Dinge gewissermaßen „neu organisieren“ oder „anpassen“ müsse, bedeutet das lediglich, daß wir den Papst in diesen Tagen nach der Operation nicht bedrängen sollten, damit er an einem einzigen Tag all das erledigt, was sich während seiner Abwesenheit möglicherweise aufgestaut hat.
Das geschieht allerdings auch nach einer mehrtägigen Papstreise.
Ich selbst wurde vor einigen Wochen wegen einer gutartigen Talgzyste operiert. Dabei habe ich festgestellt, daß die Heilung und das Vernähen der Wunde dem Körper zusätzliche Anstrengungen abverlangen. Allerdings muß ich sagen, daß der Papst damit weniger Schwierigkeiten hatte als ich.
Wenn ich mir andererseits ansehe, wie die Dinge derzeit laufen, kann ich nicht erkennen, daß wir tatsächlich irgend etwas neu justieren müßten.
Gestern hat der Papst nämlich eine Besprechung zu einem Thema einberufen, mit dem sich bislang eine Gruppe von Personen beschäftigt hatte. Das zeigt, daß er nicht nur zu seinem gewöhnlichen Arbeitstempo zurückgefunden hat, sondern angesichts der Herausforderungen sogar seine Initiative verdoppelt.
Deshalb glaube ich, daß es sich inzwischen nicht einmal mehr lohnt, weiter über dieses Thema zu sprechen.
Einleitung/Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Vida Nueva (Screenshot)
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