Facta sunt potentiora verbis


Von Rober­to de Mattei*

Es ist die Pflicht des Chri­sten, die Über­ein­stim­mung zwi­schen sei­nen Wor­ten und sei­nen Taten zu bewah­ren. Doch was geschieht, wenn die Taten den Wor­ten wider­spre­chen? Wenn man bei­spiels­wei­se mit Wor­ten Respekt und Gehor­sam gegen­über dem Römi­schen Papst bekun­det, ihn aber in Wirk­lich­keit öffent­lich vor dem gan­zen christ­li­chen Volk her­aus­for­dert, wie es in Écô­ne bei den Bischofs­wei­hen vom 1. Juli 2026 gesche­hen ist?

Die Ant­wort dar­auf gibt uns eines der älte­sten Grund­sät­ze der west­li­chen Rechts­tra­di­ti­on: fac­ta sunt poten­tio­ra ver­bis, „die Tat­sa­chen sind stär­ker als die Wor­te“ (vgl. Dige­sta, 50, 17, 185). Die­ser Rechts­satz bringt eine grund­le­gen­de Regel der Gerech­tig­keit zum Aus­druck: Wenn zwi­schen dem, was ein Mensch behaup­tet, und dem, was er tut, ein Wider­spruch besteht, gibt das Recht den Tat­sa­chen den Vor­rang. Wor­te kön­nen zwei­deu­tig, rhe­to­risch oder sogar nur vor­ge­täuscht sein; Hand­lun­gen dage­gen brin­gen objek­ti­ve Wir­kun­gen her­vor und offen­ba­ren kon­kret den Wil­len des Handelnden.

Die­ses Prin­zip zieht sich durch die gan­ze Geschich­te des euro­päi­schen Rechts, vom Römi­schen Recht bis zu den heu­ti­gen Rechts­ord­nun­gen, und wird auch vom kano­ni­schen Recht aner­kannt. Des­halb beur­teilt das Recht der Kir­che, wie jede Rechts­ord­nung, vor allem die äuße­ren Hand­lun­gen. Die Erklä­run­gen einer Per­son kön­nen dazu bei­tra­gen, die Bedeu­tung einer Hand­lung zu ver­deut­li­chen, haben aber gewöhn­lich kei­nen Vor­rang vor dem objek­ti­ven Inhalt der Tat­sa­chen. Wäre es anders, so wür­de die Anwen­dung des Geset­zes von den erklär­ten Absich­ten des Urhe­bers einer Hand­lung abhän­gen und nicht von der objek­ti­ven Wirk­lich­keit sei­nes Verhaltens.

Im Recht der Kir­che muß die­ses Prin­zip mit einer ande­ren grund­le­gen­den Unter­schei­dung in Ein­klang gebracht wer­den, die von der scho­la­sti­schen Theo­lo­gie und der klas­si­schen Kano­ni­stik ent­wickelt wur­de: der Unter­schei­dung zwi­schen Sün­de und Delikt. Sün­de und Delikt kön­nen die­sel­be Wur­zel haben, gehö­ren aber zwei ver­schie­de­nen Ord­nun­gen an. Der hei­li­ge Tho­mas von Aquin lehrt, daß die Sün­de der sitt­li­chen Ord­nung ange­hört, weil sie in der frei­wil­li­gen Über­tre­tung des gött­li­chen Geset­zes besteht (Sum­ma Theo­lo­giae, I‑II, qq. 71–89). Das Delikt (cri­men) gehört dage­gen zur Rechts­ord­nung der Kir­che, weil es in der Ver­let­zung eines kirch­li­chen Geset­zes besteht, an das die kirch­li­che Auto­ri­tät eine Stra­fe geknüpft hat. Nicht jede Sün­de ist ein Delikt, und nicht jedes Delikt fällt ein­fach mit einer Sün­de zusam­men. Die erste betrifft das Ver­hält­nis des Men­schen zu Gott; das zwei­te schützt das Gemein­wohl der Kirche.

Dar­aus ergibt sich eine zwei­te, eben­so ent­schei­den­de Unter­schei­dung: jene zwi­schen dem Forum inter­num und dem Forum exter­num. Das inne­re Forum betrifft das Gewis­sen des Men­schen vor Gott und ist der eigent­li­che Bereich der sakra­men­ta­len Beich­te und der geist­li­chen Füh­rung. Das äuße­re Forum betrifft dage­gen die sicht­ba­re Gesell­schaft der Kir­che, in der die Auto­ri­tät die Tat­sa­chen beur­tei­len, die Nor­men anwen­den und, wenn not­wen­dig, Stra­fen ver­hän­gen muß. Die kirch­li­che Stra­fe wird nicht ver­hängt, um die Sün­de als sol­che zu bestra­fen, son­dern um das Delikt zu unter­drücken, die Gerech­tig­keit wie­der her­zu­stel­len, das Ärger­nis zu besei­ti­gen und die Bes­se­rung des Schul­di­gen zu för­dern (Feli­ce Cap­pel­lo, Sum­ma Iuris Cano­ni­ci, Bd. III, De delic­tis et poe­nis, Päpst­li­che Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na, Rom 1935; Matteo Con­te a Coro­na­ta, Insti­tu­tio­nes Iuris Cano­ni­ci, Bd. IV, Mari­et­ti, Turin 1955).

Die Unter­schei­dung zwi­schen Sün­de und Delikt sowie jene zwi­schen inne­rem und äuße­rem Forum erklärt, war­um das kano­ni­sche Recht den Tat­sa­chen gewöhn­lich den Vor­rang gibt. Der kirch­li­che Rich­ter muß von den äuße­ren Hand­lun­gen aus­ge­hen, denn nur die­se kön­nen bewie­sen wer­den. Das bedeu­tet jedoch nicht, daß das Recht die sub­jek­ti­ve Sei­te außer acht läßt. Im Gegen­teil: Canon 1321 § 2 des Codex des kano­ni­schen Rechts bestimmt: „Nie­mand wird bestraft, es sei denn, die von ihm began­ge­ne äuße­re Ver­let­zung von Gesetz oder Ver­wal­tungs­be­fehl ist wegen Vor­satz oder Fahr­läs­sig­keit schwer­wie­gend zure­chen­bar“. Man darf jedoch die sub­jek­ti­ve Zure­chen­bar­keit nicht mit der objek­ti­ven Ver­let­zung des Geset­zes verwechseln.

Aus die­ser Sicht kann das Schis­ma, das Canon 751 als „die Ver­wei­ge­rung der Unter­ord­nung unter den Papst oder der Gemein­schaft mit den die­sem unter­ge­be­nen Glie­dern der Kir­che“ bezeich­net, sowohl als Sün­de in der sitt­li­chen Ord­nung als auch als Delikt in der kano­ni­schen Ord­nung betrach­tet wer­den. Sicher ist jedoch, daß eine Bischofs­wei­he gegen den aus­drück­li­chen Wil­len des Römi­schen Pap­stes nie­mals als ein sitt­lich oder recht­lich neu­tra­ler Akt ange­se­hen wer­den kann.

Wie ein her­vor­ra­gen­der Kir­chen­recht­ler wie Kar­di­nal Vel­asio De Pao­lis erklärt, ist die Wei­he von Bischö­fen gegen das päpst­li­che Man­dat unab­hän­gig von den sub­jek­ti­ven Absich­ten des­sen, der sie voll­zieht, intrin­se­ce malus, also eine in sich schlech­te Hand­lung, eine Sün­de und ein Delikt, die durch kei­ne Umstän­de gerecht­fer­tigt wer­den kön­nen (Vel­asio De Paolis/​Davide Cito, Le san­zio­ni nella Chie­sa. Com­men­to al Codi­ce di Diritto cano­ni­co. Libro VI, Urba­nia­na Uni­ver­si­ty Press, Rom 2000, S. 296f).

Die grund­le­gen­de Schwä­che der Pre­dig­ten, Inter­views und Auf­sät­ze, die von der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. vor und nach den Bischofs­wei­hen vom 1. Juli ver­brei­tet wur­den, besteht in der Ver­wechs­lung von Moral­theo­lo­gie und Kir­chen­recht. Um eine Hand­lung von aus­ge­spro­chen recht­li­cher Natur zu recht­fer­ti­gen, wird eine Fra­ge des Kir­chen­rechts in eine mora­li­sche und pasto­ra­le Fra­ge verwandelt.

Man beruft sich auf die guten Absich­ten, auf das eige­ne Urteil und bis­wei­len – nicht ohne eine gewis­se Gefühls­be­to­nung – auf die eige­ne Glau­bens­er­fah­rung. Außer­dem wird ein ver­meint­li­cher Not­stand ange­führt, der durch das Bei­spiel vie­ler Prie­ster und gläu­bi­ger Lai­en wider­legt wird, die sich unter den­sel­ben Umstän­den befin­den, den Glau­ben voll­stän­dig bewah­ren und den­noch wei­ter­hin mit dem sicht­ba­ren Leib der Kir­che ver­bun­den bleiben.

Nicht beweis­bar ist fer­ner die Behaup­tung, daß die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. ohne die Bischofs­wei­hen not­wen­di­ger­wei­se dazu geführt wor­den wäre, die Irr­tü­mer des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils und der nach­kon­zi­lia­ren Zeit anzunehmen.

Die Fra­ge besteht nicht dar­in, fest­zu­stel­len, ob es in der Kir­che eine Kri­se gibt – eine sol­che ist für alle offen­sicht­lich –, noch dar­in, zu bestim­men, ob die Ver­ant­wort­li­chen der Wei­hen die Absicht haben, zum Wohl der Kir­che zu han­deln. Es geht viel­mehr dar­um zu prü­fen, ob ihr Ver­hal­ten mit dem gött­li­chen und kirch­li­chen Gesetz übereinstimmt.

Das recht­li­che Pro­blem kann nicht umgan­gen wer­den, denn wie Pius XII. erin­ner­te: „Das Leben der Kir­che und das kano­ni­sche Recht sind untrenn­bar mit­ein­an­der ver­bun­den“ (Anspra­che vom 3. Juni 1956).

Chri­stus, so beton­te der­sel­be Papst, „hat sei­ne Kir­che nicht als eine form­lo­se geist­li­che Bewe­gung gegrün­det, son­dern als eine gut geord­ne­te Gemein­schaft“ (Wie hei­ssen Sie, 3. Juni 1956); und: „Wer Gemein­schaft und Lei­tung durch eine Auto­ri­tät sagt, sagt damit zugleich die Macht des Rechts und des Geset­zes“ (Dans not­re sou­hait, 15. Juli 1950).

Die Weis­heit des Rechts der Kir­che besteht dar­in, daß es die sitt­li­che und die recht­li­che Ord­nung stets von­ein­an­der unter­schie­den, aber nie­mals von­ein­an­der getrennt hat. Das Recht bean­sprucht nicht, sich an die Stel­le des gött­li­chen Urteils über die See­len zu set­zen; den­noch ver­zich­tet es nicht dar­auf, jene Hand­lun­gen objek­tiv zu beur­tei­len, die die kirch­li­che Gemein­schaft berühren.

In die­ser Unter­schei­dung fin­det das Prin­zip fac­ta sunt poten­tio­ra ver­bis sei­ne tief­ste Bedeu­tung: Die Tat­sa­chen gehen den Wor­ten vor­an, wenn es dar­um geht, die objek­ti­ve Wirk­lich­keit einer Hand­lung festzustellen.

Andern­falls ver­wan­delt sich das recht­li­che Urteil in ein Gewis­sen­s­ur­teil, das Recht der Kir­che ver­schwin­det, und die Sicht­bar­keit des Mysti­schen Lei­bes Chri­sti läuft Gefahr, sich aufzulösen.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke , Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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