Ein Verbleib im Amt?

Schwächelnde Personalpolitik

Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin (links) mit Papst Leo XIV.
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin (links) mit Papst Leo XIV.

Kar­di­nal Pie­tro Paro­lin ist erst 71 Jah­re alt, was sei­ne Ablö­sung alles ande­re als zwin­gend macht. Gera­de das Amt des vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­tärs ist eine per­sön­li­che Ver­trau­ens­ent­schei­dung des Pap­stes. Es ist aller­dings durch­aus üblich, daß ein neu­er Papst den bis­he­ri­gen Staats­se­kre­tär zunächst über­nimmt und spä­ter einen Mann des eige­nen Ver­trau­ens an die Spit­ze beruft.

Die beson­de­re Stel­lung des Staats­se­kre­tärs ergibt sich aus der Ver­fas­sung der Römi­schen Kurie. Die von Fran­zis­kus erlas­se­ne Kon­sti­tu­ti­on Prae­di­ca­te Evan­ge­li­um bezeich­net das Staats­se­kre­ta­ri­at als päpst­li­ches Sekre­ta­ri­at, das unter Lei­tung des Staats­se­kre­tärs dem Papst bei der Aus­übung sei­nes uni­ver­sa­len Petrus­dien­stes unmit­tel­bar zur Sei­te steht. Leo XIV. selbst beton­te bereits im Juni 2025 die Bedeu­tung der Zusam­men­ar­beit mit dem Staats­se­kre­ta­ri­at und dank­te Paro­lin aus­drück­lich für des­sen Unterstützung.

Seit­her ist auch klar, war­um ein Wech­sel an die­ser Stel­le mehr wäre als eine gewöhn­li­che Per­so­nal­ro­cha­de. Der Staats­se­kre­tär ist nicht ein­fach ein von meh­re­ren Kuri­en­lei­tern. Er gehört zum eng­sten Regie­rungs­ap­pa­rat des Pap­stes und ist gewis­ser­ma­ßen des­sen wich­tig­ster Mit­ar­bei­ter bei der Füh­rung der Welt­kir­che, in Fra­gen, die nicht direkt den Glau­ben und die Sakra­men­te betreffen.

Parolin als neuer Dekan des Kardinalskollegiums?

Nach dem Bericht der römi­schen Tages­zei­tung Il Tem­po könn­te für Kar­di­nal Paro­lin eine ande­re Lösung gefun­den wor­den sein. Statt ihn – wie wie­der­holt ver­mu­tet – nach Vene­ti­en und mög­li­cher­wei­se sogar auf den Patri­ar­chen­stuhl von Vene­dig zu ver­set­zen, könn­te Leo XIV. den Kar­di­nal­staats­se­kre­tär zum Dekan des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums machen.

Die­se Lösung hät­te meh­re­re Vor­tei­le. Sie wür­de Paro­lin eine her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung belas­sen, ohne ihn wei­ter­hin an die Spit­ze der täg­li­chen Regie­rungs­ge­schäf­te des Hei­li­gen Stuhls zu stel­len. Zugleich wäre die Ernen­nung mit sei­nem Alter und sei­ner her­aus­ra­gen­den Stel­lung inner­halb des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums vereinbar.

Das Amt des Dekans besitzt gera­de im Hin­blick auf ein künf­ti­ges Kon­kla­ve beson­de­res Gewicht. Der Dekan steht an der Spit­ze des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums und über­nimmt bei der Sedis­va­kanz und beim Kon­kla­ve pro­to­kol­la­risch und insti­tu­tio­nell eine her­vor­ge­ho­be­ne Rolle.

Il Tem­po erin­nert in die­sem Zusam­men­hang dar­an, daß Paro­lin bereits Anfang 2025, noch vor dem Kon­kla­ve, als mög­li­cher Nach­fol­ger des dama­li­gen Dekans Kar­di­nal Gio­van­ni Bat­ti­sta Re im Gespräch war. Die Ent­schei­dung fiel damals jedoch anders. Die Sache war zudem etwas kom­plex (sie­he auch Neue Manö­ver zur Wahl des Kar­di­nal­de­kans, da inter­es­sant bezüg­lich der dann erfolg­ten Wahl von Leo XIV.). Nach dem nun kol­por­tier­ten Sze­na­rio könn­te Leo XIV. die dama­li­ge Fra­ge mit erheb­li­cher Ver­zö­ge­rung neu beantworten.

Msgr. Rudelli wäre keine Überraschung

Beson­ders bemer­kens­wert ist der Name des mög­li­chen Nach­fol­gers als Staats­se­kre­tär: Erz­bi­schof Pao­lo Rudelli.

Leo XIV. ernann­te Msgr. Pao­lo Rudel­li erst am 30. März 2026 zum Sub­sti­tu­ten für die All­ge­mei­nen Ange­le­gen­hei­ten des Staats­se­kre­ta­ri­ats. Rudel­li löste Erz­bi­schof Edgar Peña Par­ra ab, der zum Apo­sto­li­schen Nun­ti­us in Ita­li­en und San Mari­no beru­fen wur­de. Msgr. Rudel­li war zuvor Apo­sto­li­scher Nun­ti­us in Kolum­bi­en und ver­fügt über lang­jäh­ri­ge Erfah­run­gen im diplo­ma­ti­schen Dienst des Hei­li­gen Stuhls.

Am 8. April trat er offi­zi­ell sei­nen Dienst im Staats­se­kre­ta­ri­at an; Paro­lin selbst stell­te ihn den Mit­ar­bei­tern der Sek­ti­on für die All­ge­mei­nen Ange­le­gen­hei­ten vor.

Soll­te Msgr. Rudel­li tat­säch­lich in abseh­ba­rer Zeit Staats­se­kre­tär wer­den, wäre sei­ne Ernen­nung kei­ne Über­ra­schung. Leo XIV. setz­te ihn bereits unmit­tel­bar in das Zen­trum der vati­ka­ni­schen Regierungsarbeit.

Der Sub­sti­tut ist inner­halb des Staats­se­kre­ta­ri­ats für die All­ge­mei­nen Ange­le­gen­hei­ten eine Schlüs­sel­fi­gur. Die Beru­fung Rudel­lis im März war daher bereits als eine der wich­tig­sten römi­schen Per­so­nal­ent­schei­dun­gen des Pon­ti­fi­kats zu werten.

Leo XIV. und die bislang zögerlichen Schritte

Der mög­li­che Wech­sel an der Spit­ze des Staats­se­kre­ta­ri­ats wäre auch des­halb bedeut­sam, weil die per­so­nel­le Erneue­rung der Römi­schen Kurie unter Leo XIV. bis­lang nur sehr lang­sam vor­an­kommt, weit lang­sa­mer als man­che Beob­ach­ter nach dem Ende des Pon­ti­fi­kats von Fran­zis­kus erwar­tet hatten.

Fünf­zehn Mona­te nach der Wahl Leos XIV. sind alle wich­ti­gen Schlüs­sel­po­si­tio­nen im Vati­kan wei­ter­hin mit Prä­la­ten besetzt, die von Fran­zis­kus ernannt wur­den. Noch mehr ent­täusch­te Leo XIV. mit sei­nen Bischofs­er­nen­nun­gen – nicht nur in den USA –, die jene hin­ter den Leo­ni­ni­schen Mau­ern, die sich ein Ende der berg­o­glia­ni­schen Ära erhofft hat­ten, die Haa­re rau­fen lassen.

Von einer umfas­sen­den per­so­nel­len Neu­auf­stel­lung der ehe­ma­li­gen Kon­gre­ga­tio­nen unter den römi­schen Dik­aste­ri­en kann bis­lang kei­ne Rede sein. Im Gegen­teil: Wäh­rend die Ernen­nun­gen von Diö­ze­san­bi­schö­fen viel­fach wei­ter­hin berg­o­glia­ni­sche Kon­ti­nui­tät erken­nen las­sen, wur­de in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land damit begon­nen, auch die letz­ten Bis­tü­mer, die sich dem „neu­en“ Kurs unter Fran­zis­kus wider­setzt hat­ten, durch ent­spre­chen­de Bischofs­er­nen­nun­gen umzuprägen.

Gera­de bei den klas­si­schen Kon­gre­ga­tio­nen, die im Zuge der Kuri­en­re­form in Dik­aste­ri­en umge­wan­delt wur­den, hat Leo XIV. mit sei­nen Per­so­nal­ent­schei­dun­gen bis­her nicht in dem Maße über­zeugt, wie es von einem neu­en Pon­ti­fi­kat erwar­tet wer­den konn­te – zumal nach einem so desa­strö­sen wie dem berg­o­glia­ni­schen. Wer eine ande­re Akzent­set­zung des Pon­ti­fi­kats erwar­tet, muß die­se letzt­lich auch an den Per­so­nen erken­nen kön­nen, denen der Papst die Lei­tung der wich­tig­sten römi­schen Insti­tu­tio­nen anvertraut.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Il Tem­po (Screen­shot)

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*