Die Verzweiflung unserer Zeit

Keine Träne entgeht dem Blick Gottes

Von Rober­to de Mattei*

In die­sen Tagen hat die Nach­richt von der Ver­ab­schie­dung eines Geset­zes in Vene­ti­en, das die assi­stier­te Selbst­tö­tung auf regio­na­ler Ebe­ne regeln soll, in den Medi­en gro­ße Auf­merk­sam­keit erregt. Vene­ti­en ist die vier­te Regi­on, die eine sol­che Rege­lung ver­ab­schie­det hat, zugleich aber die erste unter den von der poli­ti­schen Mit­te-Rechts regier­ten Regio­nen. Der Vor­gang erhält dadurch eine poli­ti­sche und kul­tu­rel­le Bedeu­tung, die weit über die Gren­zen der Regi­on hin­aus­weist: Er zeigt, wie sehr das Prin­zip der abso­lu­ten Selbst­be­stim­mung inzwi­schen auch in poli­ti­sche Lager ein­dringt, die sich zumin­dest dem Namen nach auf die Ver­tei­di­gung des Lebens, der Fami­lie und der natür­li­chen Ord­nung beru­fen sollten.

Die assi­stier­te Selbst­tö­tung besteht dar­in, daß ein Mensch, der meint, kei­ne Grün­de mehr zum Wei­ter­le­ben zu haben, bewußt den Tod sucht und öffent­li­che Ein­rich­tun­gen dar­um bit­tet, ihm dabei zu hel­fen, sei­nem Leben ein Ende zu set­zen. Es geht also kei­nes­wegs nur um eine pri­va­te Ent­schei­dung. Sobald der Staat gesetz­ge­be­risch ein­greift, wird der Sui­zid nicht mehr als eine Tra­gö­die betrach­tet, die ver­hin­dert wer­den muß, son­dern als eine Mög­lich­keit, die vom Staat aner­kannt und orga­ni­siert wird. Die­se Ent­schei­dung wird von den Medi­en als Aus­übung eines Rechts und als edler Akt der Selbst­be­stim­mung dar­ge­stellt, den das Gesetz weder ver­bie­ten noch des­sen mora­li­sche Beur­tei­lung miß­bil­li­gen soll­te. Man spricht von „Frei­heit“, „Wür­de“, „bewuß­ter Ent­schei­dung“ und „Recht“, wäh­rend man sorg­fäl­tig ver­mei­det, dar­an zu erin­nern, daß hin­ter jedem Wunsch nach Selbst­tö­tung, noch vor dem Wil­len zu ster­ben, ein ver­zwei­fel­ter Schrei des Schmer­zes steht.

Wenn der frei­wil­li­ge Tod als muti­ge und wür­de­vol­le Ent­schei­dung beschrie­ben wird, ist die Bot­schaft, die die Öffent­lich­keit erreicht, ver­hee­rend. Der alte Mensch, der sich als Bela­stung emp­fin­det, der Kran­ke, der fürch­tet, ver­las­sen zu wer­den, der Mensch mit Behin­de­rung, der die wirt­schaft­li­chen und see­li­schen Bela­stun­gen sei­ner Betreu­ung spürt, kön­nen zu der Über­zeu­gung gelan­gen, daß der Tod ein Akt der Groß­zü­gig­keit gegen­über den Ange­hö­ri­gen oder die wür­de­voll­ste Lösung für ihre eige­ne Lage sei.

Hier zeigt sich ein tie­fer Wider­spruch. Wenn ein ver­zwei­fel­ter Mensch ver­sucht, sich das Leben zu neh­men, setzt die Gesell­schaft Ärz­te, Psy­cho­lo­gen und Sicher­heits­kräf­te in Bewe­gung, um ihn zu ret­ten. Wenn der­sel­be Wil­le dage­gen unter bestimm­ten kli­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen geäu­ßert und in ein gesetz­lich gere­gel­tes Ver­fah­ren über­führt wird, wird er als Aus­druck der Frei­heit gefei­ert. Im einen Fall wird behaup­tet, das Leben müs­se vor der Ver­zweif­lung des Augen­blicks geschützt wer­den; im ande­ren akzep­tiert man eben die­se Ver­zweif­lung als Grund­la­ge eines Rechts.

In den­sel­ben Tagen, in denen das Regio­nal­ge­setz über die assi­stier­te Selbst­tö­tung ver­ab­schie­det wur­de, berich­te­ten die Titel­sei­ten der Zei­tun­gen über grau­sa­me Ver­bre­chen, die sich vor allem inner­halb der Fami­lie ereig­ne­ten: Väter, die ihre Ange­hö­ri­gen aus­lösch­ten, Müt­ter, die ihre Kin­der töte­ten, Män­ner, die ihre Ehe­frau­en oder Part­ne­rin­nen ermor­de­ten und anschlie­ßend sich selbst das Leben nah­men. Zwei­fel­los besteht ein mora­li­scher und recht­li­cher Unter­schied zwi­schen jeman­dem, der sei­ne Ange­hö­ri­gen tötet, und jeman­dem, der dar­um bit­tet, beim Ster­ben unter­stützt zu wer­den. Den­noch kann man an den Ursprün­gen bei­der Phä­no­me­ne das­sel­be Gefühl der Ver­zweif­lung erkennen.

Die Ver­zweif­lung ist die Abwe­sen­heit jeder Hoff­nung. Sie stellt eine der tief­grei­fend­sten Fol­gen des Mate­ria­lis­mus dar, der die heu­ti­ge Gesell­schaft beherrscht. Mate­ria­lis­mus besteht nicht nur in der Anhäng­lich­keit an Geld oder mate­ri­el­le Güter. Grund­le­gen­der ist er eine Auf­fas­sung von der Wirk­lich­keit, die den Men­schen auf sei­ne bio­lo­gi­sche, wirt­schaft­li­che und psy­cho­lo­gi­sche Dimen­si­on redu­ziert. Aus die­ser Per­spek­ti­ve hängt der Wert des Lebens von der Freu­de ab, die es berei­tet, von der Auto­no­mie, die es ermög­licht, von der Gesund­heit, deren man sich erfreut, und vom Erfolg, den man erringt. Wenn die­se Vor­aus­set­zun­gen weg­fal­len, ent­fällt auch der eigent­li­che Grund zu leben. In den schreck­lich­sten Fäl­len begnügt sich der­je­ni­ge, der jede Hoff­nung ver­lo­ren hat, nicht damit, sich selbst das Leben zu neh­men, son­dern ver­sucht, auch jene mit sich zu rei­ßen, die er als Teil sei­nes eige­nen Schick­sals betrach­tet. Die Fami­lie, die eigent­lich ein Ort des Schut­zes und der Lie­be sein soll­te, wird dann zum Schau­platz eines äußer­sten Herr­schafts­wil­lens: „Wenn mein Leben kei­nen Sinn mehr hat, soll auch eures nicht wei­ter­ge­hen.“ Dies ist die dämo­ni­sche Ver­keh­rung der Lie­be, die nicht mehr das Wohl des ande­ren sucht, son­dern ihn bis zu sei­ner Ver­nich­tung besit­zen will.

Die heu­ti­ge Gesell­schaft ver­spricht Glück durch Wohl­stand, Ver­gnü­gen, Erfolg und die Abwe­sen­heit jeg­li­cher Gren­zen. Doch gera­de die­ses fal­sche Ver­spre­chen berei­tet den Boden für die Ver­zweif­lung. Wer dazu erzo­gen wur­de zu glau­ben, Glück bestehe in der Erfül­lung der eige­nen Wün­sche, ist nicht dar­auf vor­be­rei­tet, Krank­heit, Ver­lust, Ver­las­sen­wer­den und Nie­der­la­ge zu bewäl­ti­gen. Wenn der Mensch die mate­ri­el­le Wirk­lich­keit als den ein­zi­gen Hori­zont sei­ner Exi­stenz betrach­tet, ist er nicht mehr in der Lage, sei­nem Leben einen Sinn zu geben. Eine Zivi­li­sa­ti­on, die dem Men­schen Auto­no­mie und die Erfül­lung jedes Wun­sches ver­spro­chen, ihm aber Gott und die Hoff­nung auf das ewi­ge Leben genom­men hat, läßt ihn ange­sichts von Schmerz und Tod hilf­los zurück.

Die Ver­zweif­lung ist daher weit mehr als ein indi­vi­du­el­ler psy­chi­scher Zustand: Sie ist die gei­sti­ge und gesell­schaft­li­che Krank­heit unse­rer Zeit. Die­ses tie­fe Übel läßt sich nicht durch recht­li­che oder poli­ti­sche Mit­tel hei­len. Zunächst muß dem Men­schen die wah­re Hoff­nung zurück­ge­ge­ben wer­den – jene über­na­tür­li­che Hoff­nung, die noch nie­man­den getäuscht hat. Doch um die Hoff­nung zurück­zu­ge­ben, muß man dem Men­schen zuerst den Glau­ben zurück­ge­ben, der das Fun­da­ment und die Vor­aus­set­zung der Hoff­nung ist.

Und wel­cher Glau­be könn­te dies sein, wenn nicht der Glau­be an Gott, den Schöp­fer und Herrn der Geschich­te; an Jesus Chri­stus, den Erlö­ser und Ret­ter der Mensch­heit; an sein Kreuz, das die Sün­de besiegt hat; an sei­ne Auf­er­ste­hung, die den Tod über­wun­den hat?

Wer die gewal­ti­ge und tröst­li­che Sicht des Glau­bens annimmt, ver­steht, daß er weder ein Pro­dukt des Zufalls noch ein Wesen ist, das dem Nichts ent­ge­gen­geht, son­dern ein von Gott gelieb­tes Geschöpf, das zum ewi­gen Leben beru­fen ist. Die Hoff­nung, die aus dem Glau­ben her­vor­geht, ist die Gewiß­heit, daß das Leben nicht inner­halb der engen Gren­zen des irdi­schen Daseins endet und daß der Mensch dazu beru­fen ist, die ewi­gen Güter zu besit­zen – auch dann, wenn um ihn her­um alles zusam­men­zu­bre­chen scheint.

Die christ­li­che Hoff­nung nimmt der Schwe­re der Prü­fun­gen nichts von ihrem Ernst. Sie lehrt jedoch, daß kein ange­nom­me­nes und Gott dar­ge­brach­tes Lei­den nutz­los ist, daß kei­ne Trä­ne dem Blick Got­tes ent­geht und daß die Vor­se­hung selbst aus den tief­sten Fin­ster­nis­sen ein grö­ße­res Gut her­vor­ge­hen las­sen kann. Wenn auf mensch­li­cher Ebe­ne alles ver­lo­ren zu sein scheint, bleibt der Hori­zont der Ewig­keit offen. Die­ser Hori­zont ver­hin­dert, daß die Ver­zweif­lung das letz­te Wort behält.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*