Von Caminante Wanderer*
Eines der bedeutendsten historischen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts war der Zusammenbruch des Kommunismus. Im Jahr 1991 hörte die Sowjetunion auf zu existieren. Doch die Ideologie, auf der der sowjetische Kommunismus beruhte, war bereits in den 1970er Jahren unter Breschnew zusammengebrochen und hatte diesen Niedergang unter Andropow ab 1982 endgültig besiegelt. In jenen Jahren glaubte niemand mehr an das sowjetische Paradies – nicht einmal die Apparatschiks. Dennoch lief die Maschinerie bis 1991 weiter, gelenkt von einem Gremium hochbetagter Funktionäre, das sich gegen die Unausweichlichkeit der Wirklichkeit stemmte. Zwischen dem Legitimitätstod und dem Systemtod lagen zwanzig Jahre. Das ist eine geschichtliche Regelmäßigkeit: Systeme überleben ihre eigene Legitimität noch etwa fünfzehn bis zwanzig Jahre. Sie bewegen sich weiter wie das Licht eines längst erloschenen Sterns.
Genau das geschieht heute mit dem Progressivismus innerhalb der Kirche – und, wie ich meine, auch im Westen insgesamt. Es war ein Experiment, das kürzer dauerte als die Sowjetunion, das aber bereits gescheitert ist. Nun befinden wir uns in einer Art Breschnew-Phase und warten darauf, daß die neomodernistischen Greise, hervorgegangen aus den unerquicklichsten Ausprägungen des Konzilsgeistes, von der Bühne abtreten. Die Babyboomer werden in nicht allzu ferner Zukunft sterben, und das Licht dieses erloschenen Sterns, das Zweite Vatikanische Konzil, wird aufhören zu leuchten. Es wird verlöschen und aus dem Horizont der Kirche verschwinden. Natürlich werden Rückstände bleiben, deren Beseitigung mühsam sein wird, doch das Licht wird unweigerlich erlöschen.
Was ich hier sage, ist keine Prophezeiung. „Ich bin kein Prophet und auch kein Prophetensohn“ (Amos 7,14). Ich bin lediglich ein Beobachter der Wirklichkeit. Und die Anzeichen für den Niedergang dieses Systems erscheinen mir eindeutig. Ich möchte zwei davon nennen, die leicht zu erkennen sind.
Das erste betrifft das Priestertum. Die katholische Kirche kann auf Priester nicht verzichten. Wenn sie verschwinden oder sich endgültig in etwas anderes verwandeln, hört auch die katholische Kirche auf zu existieren. Genau in diese Gefahr haben viele Bischöfe die Kirche geführt – und führen sie noch immer –, durch die Ausbildung, die sie in ihren ausgedünnten Seminaren vermitteln. Die Lösung dieser Tragödie besteht nicht darin, Parallelstrukturen aufzubauen. Die Lösung heißt Hoffnung und Geduld – zwei Grundtugenden in Zeiten der Krise.
Die Seminare leeren sich, und die Priester altern in Seniorenheimen, weil sie selbst, als Kinder dieses Systems, sich geweigert haben, Priester zu sein. Damit meine ich, daß sie sich weigerten, ihre munera, ihre priesterlichen Aufgaben, auszuüben. Sie weigerten sich zu heiligen, zu lehren und zu leiten. Stattdessen wollten sie Gemeinschaftsanimateure und Akteure des gesellschaftlichen Wandels sein – darin bestärkt von den höchsten kirchlichen Autoritäten. Sie verachteten die würdige Spendung der Sakramente und machten aus ihnen ein billiges und vulgäres Spektakel. Sie hörten auf, die katholische Lehre zu verkünden, und lehrten stattdessen Soziologie. Sie verschrieben sich einer dialogorientierten Synodalität. Sie weigerten sich, das zu sein, was sie waren. Nun sterben sie – denn die Natur ist unerbittlich –, und mit ihnen stirbt auch ihre Kaste.
Welcher normale junge Mann, dessen Verstand und dessen Triebe im Gleichgewicht sind, würde sein Leben und all die Freuden aufgeben wollen, die ihm die Welt im Überfluß anbietet, um zu einem unbedeutenden Clown zu werden – wie jene Boomer-Priester, die wir täglich erleben, wenn sie sich in den sozialen Netzwerken lächerlich machen? Ihre Tage sind gezählt. Die Zukunft gehört den Priestern, die im neuen Jahrtausend aufgewachsen sind. Sie haben einen anderen Blick auf die Dinge und werden die Lage nach und nach verändern – schon aus Gründen des institutionellen Überlebens.
Erst vor wenigen Tagen sagte Erzbischof Cordileone: „Die jungen Menschen lieben die Tradition, und das ist eine Bewegung, die sich nicht mehr aufhalten läßt.“ In diesem Jahr wurden in der ganze Bundesrepublik Deutschland lediglich 26 Priester geweiht. Allein die Priesterbruderschaft St. Petrus weihte im selben Jahr ebenso viele Priester; rechnet man die übrigen traditionellen Institute hinzu, sind es deutlich mehr. Und noch wesentlich mehr werden es, wenn man jene hinzunimmt, die man als „klassisch“ bezeichnen kann.
Gerade deshalb sind die Ausfälle von Kardinal Arthur Roche in der vergangenen Woche nichts anderes als der Schwanengesang eines aussterbenden Systems. Wie der Journalist Damian Thompson schrieb: „Ich möchte nicht unhöflich sein, aber er ist eine alte, giftige Kröte, verbittert darüber, daß sein Einfluß schon vor dem Tod von Franziskus zu schwinden begann.“ Die Wirklichkeit spricht eine allzu deutliche Sprache, und sie kennen diese Wirklichkeit. Doch wie Breschnew und Andropow werden sie das System weiter künstlich am Leben erhalten, bis der Tod sie endgültig hinwegrafft.
Wir haben gesagt, daß Systeme ihre Legitimität um fünfzehn bis zwanzig Jahre überleben. Hier erkenne ich das zweite Zeichen: Die mitratragenden Boomer wissen, daß sie ihre Legitimität in rasantem Tempo verlieren. Deshalb handeln sie so, wie sie handeln – zumindest in Argentinien.
Vor wenigen Tagen haben wir darauf hingewiesen, daß die Bischöfe besorgt sind. Der Grund ihrer Sorge ist die Wirklichkeit, die sich vor ihren Augen immer deutlicher abzeichnet. Daß der Erzbischof von Buenos Aires seine Bildungsabteilung angewiesen hat, Nachforschungen darüber anzustellen, welcher Priester an einer katholischen Schule der Stadt eine Messe in lateinischer Sprache gefeiert hat, ist ein unmißverständliches Zeichen der Verzweiflung. Es ist eine Maßnahme, wie sie für das sowjetische Regime typisch war, als dieses erkannte, dass seine Erzählung zu zerbrechen begann, und deshalb Alexander Solschenizyn, Andrei Sinjawski oder die Musiker Mstislaw Rostropowitsch und Galina Wischnewskaja verfolgte – allein deshalb, weil sie Solschenizyn Zuflucht gewährt hatten. (Die Ordensschwestern, die die Messe ermöglicht haben, werden von Erzbischof García Cuerva wohl ebenso bestraft werden wie der Priester, der sie gefeiert hat.)
Das Regime hatte seinen inneren Zusammenhalt verloren. Seine Erzählung war erschöpft, sein Gerüst zerfiel. Deshalb blieb ihm nur noch die Gewalt von Dekreten und Verfolgungen, um sich zu behaupten. Genau das tun heute die Bischöfe gegenüber Priestern und Gruppen von Gläubigen, die sich ihrer modernistischen Erzählung widersetzen: Sie verfolgen sie mit Dekreten und Verbannungen.
Ein System, das sich seiner Legitimität sicher ist, muß keine Dekrete gegen Priester erlassen, weil diese die Messe auf Latein feiern, oder gegen Laien, weil sie einen Blog schreiben. Das sind keine Zeichen von Stärke. Es sind die Reflexe eines Körpers, der weiß, daß er seine Legitimität verloren hat und dem der Tod bevorsteht.
Wie ist es sonst zu erklären, daß der Vorsitzende der Argentinischen Bischofskonferenz – synodal unter den Synodalen – die Kommentarfunktion seines X‑Kontos gesperrt hat? Oder daß die Pressestelle derselben Einrichtung auf ihrem Instagram-Konto jeden kritischen Kommentar löscht? Ganz einfach deshalb, weil sie von der Angst beherrscht werden, die Gläubigen könnten erkennen, daß sie – wie der König im Märchen von Andersen – nackt sind.
Es ist nur eine Frage der Geduld. Es wird Zeit brauchen, doch die Natur ist unerbittlich. Ich selbst werde den Zusammenbruch des progressiven Systems vermutlich nicht mehr erleben. Ich werde mich damit begnügen müssen, mein Leben lang dagegen gekämpft zu haben – sofern Gott mir die Gnade schenkt, dies bis zuletzt tun zu können. Aber die Generation der heutigen Kinder wird ihn erleben.
Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte ich eine weit apokalyptischere Sichtweise. Das war sowohl meinem Alter geschuldet als auch den Autoren, die mich geprägt haben – allesamt Zeugen des Niedergangs des Abendlandes. Heute bin ich nicht mehr so sicher, daß wir nicht vielmehr an der Schwelle einer neuen Blüte stehen. Und ich blicke dabei nicht nach vorn, wie es ein Prophet täte – der ich nicht bin –, sondern nach hinten.
Als nach dem Sieg des Kreuzes in den ersten Jahrhunderten jene Welt unter den barbarischen Invasionen zusammenbrach und das entstehende Europa in Trümmern lag, veränderten zwei unerwartete Ereignisse alles. Aus dem »fernen Westen«, wie Toynbee ihn nannte, strömten von der kleinen und vergessenen Insel Irland Missionare auf den Kontinent und entfachten die Glut des Christentums neu – die peregrinatio pro Christo. Wenig später gelang es Karl dem Großen, das politische und administrative Chaos zu ordnen, das die Invasoren hinterlassen hatten.
Als der schläfrige und sinnenfrohe Katholizismus des 16. Jahrhunderts durch die Reformation zerrissen wurde, trat das Konzil von Trient auf den Plan, das – mit all seinen Licht- und Schattenseiten, wie alles Menschliche – der Kirche neues Leben einhauchte. Und nach den Verwüstungen der Französischen Revolution, nachdem deren Ideen sich unter Napoleon über ganz Europa ausgebreitet hatten, entstand ein unerwarteter missionarischer Aufbruch. Zahlreiche neue Ordensgemeinschaften wurden gegründet und belebten das neu, was die Revolutionäre längst für tot gehalten hatten.
Warum sollten wir also annehmen, daß es in unserer Zeit anders sein wird?
*Caminante Wanderer ist ein argentinischer Philosoph und Blogger.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Wikicommons
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