Die Progressiven haben bereits verloren. Und sie wissen es

Es wird einen neuen Aufbruch geben. Warum sollte es in unserer Zeit anders sein?

Napoleons Rückzug aus Rußland von Adolf Northen, 1854
Napoleons Rückzug aus Rußland von Adolf Northen, 1854

Von Cami­nan­te Wanderer*

Eines der bedeu­tend­sten histo­ri­schen Ereig­nis­se des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts war der Zusam­men­bruch des Kom­mu­nis­mus. Im Jahr 1991 hör­te die Sowjet­uni­on auf zu exi­stie­ren. Doch die Ideo­lo­gie, auf der der sowje­ti­sche Kom­mu­nis­mus beruh­te, war bereits in den 1970er Jah­ren unter Bre­sch­new zusam­men­ge­bro­chen und hat­te die­sen Nie­der­gang unter Andro­pow ab 1982 end­gül­tig besie­gelt. In jenen Jah­ren glaub­te nie­mand mehr an das sowje­ti­sche Para­dies – nicht ein­mal die Appa­rat­schiks. Den­noch lief die Maschi­ne­rie bis 1991 wei­ter, gelenkt von einem Gre­mi­um hoch­be­tag­ter Funk­tio­nä­re, das sich gegen die Unaus­weich­lich­keit der Wirk­lich­keit stemm­te. Zwi­schen dem Legi­ti­mi­täts­tod und dem System­tod lagen zwan­zig Jah­re. Das ist eine geschicht­li­che Regel­mä­ßig­keit: Syste­me über­le­ben ihre eige­ne Legi­ti­mi­tät noch etwa fünf­zehn bis zwan­zig Jah­re. Sie bewe­gen sich wei­ter wie das Licht eines längst erlo­sche­nen Sterns.

Genau das geschieht heu­te mit dem Pro­gres­si­vis­mus inner­halb der Kir­che – und, wie ich mei­ne, auch im Westen ins­ge­samt. Es war ein Expe­ri­ment, das kür­zer dau­er­te als die Sowjet­uni­on, das aber bereits geschei­tert ist. Nun befin­den wir uns in einer Art Bre­sch­new-Pha­se und war­ten dar­auf, daß die neo­mo­der­ni­sti­schen Grei­se, her­vor­ge­gan­gen aus den uner­quick­lich­sten Aus­prä­gun­gen des Kon­zils­gei­stes, von der Büh­ne abtre­ten. Die Baby­boo­mer wer­den in nicht all­zu fer­ner Zukunft ster­ben, und das Licht die­ses erlo­sche­nen Sterns, das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil, wird auf­hö­ren zu leuch­ten. Es wird ver­lö­schen und aus dem Hori­zont der Kir­che ver­schwin­den. Natür­lich wer­den Rück­stän­de blei­ben, deren Besei­ti­gung müh­sam sein wird, doch das Licht wird unwei­ger­lich erlöschen.

Was ich hier sage, ist kei­ne Pro­phe­zei­ung. „Ich bin kein Pro­phet und auch kein Pro­phe­ten­sohn“ (Amos 7,14). Ich bin ledig­lich ein Beob­ach­ter der Wirk­lich­keit. Und die Anzei­chen für den Nie­der­gang die­ses Systems erschei­nen mir ein­deu­tig. Ich möch­te zwei davon nen­nen, die leicht zu erken­nen sind.

Das erste betrifft das Prie­ster­tum. Die katho­li­sche Kir­che kann auf Prie­ster nicht ver­zich­ten. Wenn sie ver­schwin­den oder sich end­gül­tig in etwas ande­res ver­wan­deln, hört auch die katho­li­sche Kir­che auf zu exi­stie­ren. Genau in die­se Gefahr haben vie­le Bischö­fe die Kir­che geführt – und füh­ren sie noch immer –, durch die Aus­bil­dung, die sie in ihren aus­ge­dünn­ten Semi­na­ren ver­mit­teln. Die Lösung die­ser Tra­gö­die besteht nicht dar­in, Par­al­lel­struk­tu­ren auf­zu­bau­en. Die Lösung heißt Hoff­nung und Geduld – zwei Grund­tu­gen­den in Zei­ten der Krise.

Die Semi­na­re lee­ren sich, und die Prie­ster altern in Senio­ren­hei­men, weil sie selbst, als Kin­der die­ses Systems, sich gewei­gert haben, Prie­ster zu sein. Damit mei­ne ich, daß sie sich wei­ger­ten, ihre mun­e­ra, ihre prie­ster­li­chen Auf­ga­ben, aus­zu­üben. Sie wei­ger­ten sich zu hei­li­gen, zu leh­ren und zu lei­ten. Statt­des­sen woll­ten sie Gemein­schafts­ani­ma­teu­re und Akteu­re des gesell­schaft­li­chen Wan­dels sein – dar­in bestärkt von den höch­sten kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten. Sie ver­ach­te­ten die wür­di­ge Spen­dung der Sakra­men­te und mach­ten aus ihnen ein bil­li­ges und vul­gä­res Spek­ta­kel. Sie hör­ten auf, die katho­li­sche Leh­re zu ver­kün­den, und lehr­ten statt­des­sen Sozio­lo­gie. Sie ver­schrie­ben sich einer dia­log­ori­en­tier­ten Syn­oda­li­tät. Sie wei­ger­ten sich, das zu sein, was sie waren. Nun ster­ben sie – denn die Natur ist uner­bitt­lich –, und mit ihnen stirbt auch ihre Kaste.

Wel­cher nor­ma­le jun­ge Mann, des­sen Ver­stand und des­sen Trie­be im Gleich­ge­wicht sind, wür­de sein Leben und all die Freu­den auf­ge­ben wol­len, die ihm die Welt im Über­fluß anbie­tet, um zu einem unbe­deu­ten­den Clown zu wer­den – wie jene Boo­mer-Prie­ster, die wir täg­lich erle­ben, wenn sie sich in den sozia­len Netz­wer­ken lächer­lich machen? Ihre Tage sind gezählt. Die Zukunft gehört den Prie­stern, die im neu­en Jahr­tau­send auf­ge­wach­sen sind. Sie haben einen ande­ren Blick auf die Din­ge und wer­den die Lage nach und nach ver­än­dern – schon aus Grün­den des insti­tu­tio­nel­len Überlebens.

Erst vor weni­gen Tagen sag­te Erz­bi­schof Cor­di­leo­ne: „Die jun­gen Men­schen lie­ben die Tra­di­ti­on, und das ist eine Bewe­gung, die sich nicht mehr auf­hal­ten läßt.“ In die­sem Jahr wur­den in der gan­ze Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ledig­lich 26 Prie­ster geweiht. Allein die Prie­ster­bru­der­schaft St. Petrus weih­te im sel­ben Jahr eben­so vie­le Prie­ster; rech­net man die übri­gen tra­di­tio­nel­len Insti­tu­te hin­zu, sind es deut­lich mehr. Und noch wesent­lich mehr wer­den es, wenn man jene hin­zu­nimmt, die man als „klas­sisch“ bezeich­nen kann.

Gera­de des­halb sind die Aus­fäl­le von Kar­di­nal Arthur Roche in der ver­gan­ge­nen Woche nichts ande­res als der Schwa­nen­ge­sang eines aus­ster­ben­den Systems. Wie der Jour­na­list Dami­an Thomp­son schrieb: „Ich möch­te nicht unhöf­lich sein, aber er ist eine alte, gif­ti­ge Krö­te, ver­bit­tert dar­über, daß sein Ein­fluß schon vor dem Tod von Fran­zis­kus zu schwin­den begann.“ Die Wirk­lich­keit spricht eine all­zu deut­li­che Spra­che, und sie ken­nen die­se Wirk­lich­keit. Doch wie Bre­sch­new und Andro­pow wer­den sie das System wei­ter künst­lich am Leben erhal­ten, bis der Tod sie end­gül­tig hinwegrafft.

Wir haben gesagt, daß Syste­me ihre Legi­ti­mi­tät um fünf­zehn bis zwan­zig Jah­re über­le­ben. Hier erken­ne ich das zwei­te Zei­chen: Die mit­rat­ra­gen­den Boo­mer wis­sen, daß sie ihre Legi­ti­mi­tät in rasan­tem Tem­po ver­lie­ren. Des­halb han­deln sie so, wie sie han­deln – zumin­dest in Argentinien.

Vor weni­gen Tagen haben wir dar­auf hin­ge­wie­sen, daß die Bischö­fe besorgt sind. Der Grund ihrer Sor­ge ist die Wirk­lich­keit, die sich vor ihren Augen immer deut­li­cher abzeich­net. Daß der Erz­bi­schof von Bue­nos Aires sei­ne Bil­dungs­ab­tei­lung ange­wie­sen hat, Nach­for­schun­gen dar­über anzu­stel­len, wel­cher Prie­ster an einer katho­li­schen Schu­le der Stadt eine Mes­se in latei­ni­scher Spra­che gefei­ert hat, ist ein unmiß­ver­ständ­li­ches Zei­chen der Ver­zweif­lung. Es ist eine Maß­nah­me, wie sie für das sowje­ti­sche Regime typisch war, als die­ses erkann­te, dass sei­ne Erzäh­lung zu zer­bre­chen begann, und des­halb Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn, And­rei Sin­jaw­ski oder die Musi­ker Mst­is­law Rostro­po­witsch und Gali­na Wisch­news­ka­ja ver­folg­te – allein des­halb, weil sie Sol­sche­ni­zyn Zuflucht gewährt hat­ten. (Die Ordens­schwe­stern, die die Mes­se ermög­licht haben, wer­den von Erz­bi­schof Gar­cía Cuer­va wohl eben­so bestraft wer­den wie der Prie­ster, der sie gefei­ert hat.)

Das Regime hat­te sei­nen inne­ren Zusam­men­halt ver­lo­ren. Sei­ne Erzäh­lung war erschöpft, sein Gerüst zer­fiel. Des­halb blieb ihm nur noch die Gewalt von Dekre­ten und Ver­fol­gun­gen, um sich zu behaup­ten. Genau das tun heu­te die Bischö­fe gegen­über Prie­stern und Grup­pen von Gläu­bi­gen, die sich ihrer moder­ni­sti­schen Erzäh­lung wider­set­zen: Sie ver­fol­gen sie mit Dekre­ten und Verbannungen.

Ein System, das sich sei­ner Legi­ti­mi­tät sicher ist, muß kei­ne Dekre­te gegen Prie­ster erlas­sen, weil die­se die Mes­se auf Latein fei­ern, oder gegen Lai­en, weil sie einen Blog schrei­ben. Das sind kei­ne Zei­chen von Stär­ke. Es sind die Refle­xe eines Kör­pers, der weiß, daß er sei­ne Legi­ti­mi­tät ver­lo­ren hat und dem der Tod bevorsteht.

Wie ist es sonst zu erklä­ren, daß der Vor­sit­zen­de der Argen­ti­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz – syn­odal unter den Syn­oda­len – die Kom­men­tar­funk­ti­on sei­nes X‑Kontos gesperrt hat? Oder daß die Pres­se­stel­le der­sel­ben Ein­rich­tung auf ihrem Insta­gram-Kon­to jeden kri­ti­schen Kom­men­tar löscht? Ganz ein­fach des­halb, weil sie von der Angst beherrscht wer­den, die Gläu­bi­gen könn­ten erken­nen, daß sie – wie der König im Mär­chen von Ander­sen – nackt sind.

Es ist nur eine Fra­ge der Geduld. Es wird Zeit brau­chen, doch die Natur ist uner­bitt­lich. Ich selbst wer­de den Zusam­men­bruch des pro­gres­si­ven Systems ver­mut­lich nicht mehr erle­ben. Ich wer­de mich damit begnü­gen müs­sen, mein Leben lang dage­gen gekämpft zu haben – sofern Gott mir die Gna­de schenkt, dies bis zuletzt tun zu kön­nen. Aber die Gene­ra­ti­on der heu­ti­gen Kin­der wird ihn erleben.

Noch vor nicht all­zu lan­ger Zeit hat­te ich eine weit apo­ka­lyp­ti­sche­re Sicht­wei­se. Das war sowohl mei­nem Alter geschul­det als auch den Autoren, die mich geprägt haben – alle­samt Zeu­gen des Nie­der­gangs des Abend­lan­des. Heu­te bin ich nicht mehr so sicher, daß wir nicht viel­mehr an der Schwel­le einer neu­en Blü­te ste­hen. Und ich blicke dabei nicht nach vorn, wie es ein Pro­phet täte – der ich nicht bin –, son­dern nach hinten.

Als nach dem Sieg des Kreu­zes in den ersten Jahr­hun­der­ten jene Welt unter den bar­ba­ri­schen Inva­sio­nen zusam­men­brach und das ent­ste­hen­de Euro­pa in Trüm­mern lag, ver­än­der­ten zwei uner­war­te­te Ereig­nis­se alles. Aus dem »fer­nen Westen«, wie Toyn­bee ihn nann­te, ström­ten von der klei­nen und ver­ges­se­nen Insel Irland Mis­sio­na­re auf den Kon­ti­nent und ent­fach­ten die Glut des Chri­sten­tums neu – die pere­gri­na­tio pro Chri­sto. Wenig spä­ter gelang es Karl dem Gro­ßen, das poli­ti­sche und admi­ni­stra­ti­ve Cha­os zu ord­nen, das die Inva­so­ren hin­ter­las­sen hatten.

Als der schläf­ri­ge und sin­nen­fro­he Katho­li­zis­mus des 16. Jahr­hun­derts durch die Refor­ma­ti­on zer­ris­sen wur­de, trat das Kon­zil von Tri­ent auf den Plan, das – mit all sei­nen Licht- und Schat­ten­sei­ten, wie alles Mensch­li­che – der Kir­che neu­es Leben ein­hauch­te. Und nach den Ver­wü­stun­gen der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, nach­dem deren Ideen sich unter Napo­le­on über ganz Euro­pa aus­ge­brei­tet hat­ten, ent­stand ein uner­war­te­ter mis­sio­na­ri­scher Auf­bruch. Zahl­rei­che neue Ordens­ge­mein­schaf­ten wur­den gegrün­det und beleb­ten das neu, was die Revo­lu­tio­nä­re längst für tot gehal­ten hatten.

War­um soll­ten wir also anneh­men, daß es in unse­rer Zeit anders sein wird?

*Cami­nan­te Wan­de­rer ist ein argen­ti­ni­scher Phi­lo­soph und Blogger.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Wiki­com­mons

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