Die Carbonari waren eine italienische Geheimgesellschaft im 19. und frühen 20. Jahrhundert und sehr erfolgreich. Offiziell kämpften sie für die Ziele Freiheit, nationale Einheit und die Republik. Sie spielten eine wichtige Rolle im italienischen Risorgimento, wirkten aber auch später in republikanischen, irredentistischen, antiklerikalen und antifaschistischen Bewegungen weiter. Pater Paolo Maria Siano, einer der aktuell besten Kenner der Freimaurerei und der Welt der Geheimgesellschaften, widmet den jüngeren Carbonari, die in den Geschichtsbüchern keine Erwähnung mehr finden, seine neue Reihe. Dabei spielt die Vendita eine zentrale Rolle: Eine Vendita (Plural: Vendite) war eine örtliche Loge bzw. Zelle der Carboneria. Zur Alta Vendita siehe hingegen hier:
Die Carbonari in Italien zwischen dem Ende des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts …
Von Pater Paolo M. Siano*
Im Jahre 2015 veröffentlichte der Verlag ETS in Pisa das Buch der Wissenschaftler Gian Marco Cazzaniga (ehemaliger ordentlicher Professor für Moralphilosophie an der Universität Pisa) und Marco Marinucci (Forscher auf dem Gebiet der radikalen Demokratien des 19. Jahrhunderts) mit dem Titel „Carbonari del XX secolo fra rituali adelfici e intransigenza repubblicana“ („Carbonari des 20. Jahrhunderts zwischen adelfischen Ritualen und republikanischer Unnachgiebigkeit“).
Auf der vierten Umschlagseite findet sich eine Zusammenfassung des Buches (Kursivdruck im Original):
„In den Schulbüchern spielt die italienische Carboneria während der Restauration bei den liberalen Aufständen (1821–1831) eine wichtige Rolle; danach scheint sie zu verschwinden. Doch das ist nicht so. Dort, wo die nationale Einheit noch zu erreichen ist, ist die Carboneria von Bedeutung. In volkstümlichen Kreisen verwurzelt, setzt sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Tätigkeit als unnachgiebige Kraft der republikanischen Bewegung fort. Ende des 19. Jahrhunderts finden wir sie im Einsatz zugunsten nationaler Befreiungsbewegungen, von Serbien bis Griechenland, von Kreta bis Kuba, die sie fördert und für die sie Freiwillige organisiert. Wir finden sie in irredentistischen Gesellschaften, in antifaschistischen Netzwerken und im Widerstand. Nach der Befreiung nimmt die Carboneria ihre geheime Tätigkeit in Verbindung mit der Italienischen Republikanischen Partei wieder auf und bewahrt dabei ihre Verankerung im Volk. Es handelt sich um eine Geschichte, die noch geschrieben werden muß. Um dazu beizutragen, veröffentlicht das Buch eine kommentierte Sammlung unbekannter oder wenig bekannter Materialien, von Ritualtexten und Polizeiberichten bis zu Abbildungen von Basi (Ritualgegenständen) und Diplomen (Bescheinigungen über den jeweils bekleideten Rang) der carbonarischen Vendite zwischen dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts und den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts.“
Das Buch von Cazzaniga und Marinucci ist in fünf Kapitel gegliedert:
- Die Carboneria im in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (S. 21–57).
- Die Carboneria im frühen 20. Jahrhundert (S. 59–103).
- Die Carboneria in den Polizeiberichten (S. 105–175).
- Die Carboneria unter dem Faschismus und im Widerstand (S. 177–192).
- Die Carboneria in der Nachkriegszeit (S. 193–196).
Ich gebe verschiedene Passagen wieder, die meines Erachtens sehr interessant sind.
1. Die Carboneria zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert
In der Einleitung stellen die Wissenschaftler Cazzaniga und Marinucci fest, daß die Bedeutung der italienischen Carboneria nach den liberalen Aufständen von 1821–1831 von den Historikern gewöhnlich zugunsten der mazzinianischen und giobertianischen Netzwerke (ab 1831) sowie der liberalen Strategie Cavours ab 1849 zurückgestuft wird.
Die Wirklichkeit sah anders aus:
„Die Carboneria tritt in den Verschwörungen Mittelitaliens zumindest bis zur Einnahme Roms (1870) erneut als führende Kraft hervor und behält eine maßgebliche Rolle, wobei sie sich mit irredentistischen Netzwerken und Zirkeln in den italienischsprachigen Gebieten des österreichisch-ungarischen Reiches verflicht, und zwar mindestens bis zum Ersten Weltkrieg. Sie setzt ihre Tätigkeit – wenn auch in Form einer Minderheitsbewegung und von wiederkehrenden Spaltungen durchzogen – bis in die siebziger Jahre der Nachkriegszeit fort“ (S. 8).
Cazzaniga und Marinucci untersuchen die Rituale der Carbonari und die Polizeiberichte, wichtige Quellen für die Kenntnis der Ideen und der Geschichte der italienischen Carboneria:
„Die Rituale, die in den carbonarischen Vendite des 20. Jahrhunderts in Gebrauch sind, stellen eine Weiterführung jener dar, die in einigen süditalienischen Vendite des frühen 19. Jahrhunderts verwendet wurden und bereits von Oreste Dito (1905) veröffentlicht worden sind, der dabei salentinische Materialien aus dem Staatsarchiv von Lecce verwendete. Die Materialien, die wir unsererseits veröffentlichen, stammen zum größten Teil von Michele Campanelli, einem Carbonaro und Republikaner aus Bari zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und wurden von Gino Valori, dem ehemaligen Großen Redner des GOI [Großorient von Italien] in den fünfziger Jahren, zusammengestellt. Erst vor kurzem, im Jahre 2009, erwarb die Bibliothek des Grande Oriente d’Italia diese Materialien aus einem von Francesco Siniscalchi gestifteten Bestand.
Eine zweite Quelle, die ebenfalls erst in jüngerer Zeit verwendet wurde, bildet der Bestand Guastoni-De Ambris. Er enthält carbonarische Materialien vom Beginn des 20. Jahrhunderts gemeinsamen Ursprungs und brasilianischer Herkunft, die später von Vendite italienischer Exilanten in Frankreich in den zwanziger Jahren verwendet wurden. Es handelt sich um einen Bestand, den Enrico Serventi Longhi entdeckt und dem Zentralen Staatsarchiv übergeben hat; eine Teilkopie wurde 2010 der Bibliothek des Grande Oriente d’Italia übergeben.“ (S. 9)
Cazzaniga und Marinucci fahren fort:
„Diese Rituale sind Kinder einer deistischen philosophischen Kultur der späten Aufklärung, die die adelfische Tradition der Geheimgesellschaften kennzeichnet – von den französischen Philadelphes über die französisch-piemontesische Adelfia bis zu den buonarrotischen Gesellschaften.1 Es handelt sich um eine Kultur, die von Vendite des Königreichs beider Sizilien übernommen wurde, die an den Carbonari-Aufständen von 1820–1821 beteiligt waren, und schließlich von republikanischen Vendite zwischen dem Ende des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wieder aufgenommen wurde, wobei sie bereits vom ersten Grad an vermittelt wurde.
Man vergleiche hierzu den im Ritual der Arbeiten im Lehrlingsgrad enthaltenen Eid, der lautet:
‚Ich schwöre, mit allen meinen Kräften auf die Abschaffung jedes Privilegs und jeder Tyrannei, auf die Vernichtung der klerikalen Sekte und allen religiösen Aberglaubens sowie auf den Triumph der Sozialen Republik hinzuwirken‘ (S. 9).
In der neapolitanischen Carboneria scheinen die Sprache und die im ersten Grad vermittelten Werte vordergründig jenen zu entsprechen, die typisch für die katholischen Bruderschaften sind; in den höheren Graden jedoch konzentrieren sie sich auf die Gestalt Jesu, verstanden als einen gegen die Tyrannei rebellierenden „Zeloten“, sowie auf die Rückkehr zu einem Zustand paradiesischen Glücks.
In anderen Ritualen, wie etwa jenen aus dem Salento, die von Oreste Dito veröffentlicht wurden, und in weiteren Ritualen des frühen 19. Jahrhunderts wird die achristliche, adelfische Kultur bereits vom ersten Grad an vermittelt. Diese Kultur wird seit dem späten 19. Jahrhundert von der neugegründeten republikanischen Carboneria wieder aufgenommen (vgl. S. 10f).
Nach der Einnahme Roms und dem Fall der weltlichen Herrschaft des Papstes organisieren sich die carbonarischen Vendite (oder „Logen“) neu und sammeln sich um republikanische Führungspersönlichkeiten. Unter der Leitung Ermenegildo Tondis wird 1877/1878 eine oberste römische Vendita neu organisiert; 1882 wird eine nationale Leitung der Carboneria unter dem Namen „Souveräne Vendita des Universums“ (Sovrana Vendita dell’Universo) gebildet, die die Verwirklichung einer „Sozialen Republik“ anstrebt (vgl. S. 11).
Italienische Städte mit starken republikanischer Tradition sind Rom, Ancona und Terni.
In carbonarischen Dokumenten nimmt die republikanische Idee bezug auf die Gestalt Mario Paganos. Auf diese Weise wird der Carboneria ein geistiger Ursprung zugeschrieben, der bis zur Parthenopäischen Republik2 von 1799 zurückreicht. Weitere Bezugsgestalten der Welt der Carbonari sind Giuseppe Mazzini und Giuseppe Garibaldi.3
Der frühe Faschismus von Sansepolcro, republikanisch und antiklerikal, führt sowohl in den carbonarischen Vendite als auch in den Freimaurerlogen zu Spaltungen. Carbonarische Führungspersönlichkeiten wie Salvatore Barzilai, Costanzo Premuti und Sotero Ferri nähern sich dem sansepolcristischen Faschismus an.4
1923 [wenige Monate nach der faschistischen Machtübernahme] beschließt die in Ancona stattfindende Generalversammlung der Carbonari die Auflösung der Carboneria (vgl. S. 14).
Die carbonarischen Vendite setzen ihre Tätigkeit während der faschistischen Epoche im Untergrund fort. Einige carbonarische Statuten schreiben die Verpflichtung vor, der Republikanischen Partei beizutreten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es Carbonari in den anarchistischen Bewegungen, in der Sozialistischen Partei und in der Kommunistischen Partei. Es gibt 1943–1945 sogar carbonarische Brigaden im antifaschistischen und antideutschen Widerstand sowie Carbonari im Partito d’Azione oder in der Bewegung Stella Rossa (Roter Stern) (vgl. S. 15).
Über die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg schreiben Cazzaniga und Marinucci:
„Nach der Befreiung nimmt die Carboneria ihre geheime Tätigkeit wieder auf, wobei sie die Verbindung zur Italienischen Republikanischen Partei bevorzugt und ihre traditionelle Verankerung in Arbeitervierteln und unter Arbeitern bewahrt: Gepäckträger, Maurer, Schiffer, Kutscher, Schuhmacher und Metzger.
Das Aufkommen zunächst einer von Pacciardi geführten Leitung, die Koalitionsregierungen mit der Christdemokratie befürwortet, und später einer gemäßigten, aus der Aktionspartei hervorgegangenen Leitung in der Republikanischen Partei führt zu Verschiebungen im Wahlverhalten der volkstümlichen Basis. Dort hatte die Verankerung der Italienischen Republikanischen Partei, auch dank der Wiedererrichtung von Vendite, dazu geführt, daß sie bei den Wahlen von 1946 nach der DC die zweitstärkste Partei Roms war, mit fortschreitenden Wählerströmen zum PCI [Kommunistische Partei] und zur PSI [Sozialistische Partei].
Unzweifelhaft bleibt jedoch ein bevorzugtes Verhältnis der carbonarischen Führungskräfte zum PRI bestehen. Die von uns gesammelte mündliche Überlieferung (lebende Carbonari) und die materiellen Zeugnisse (Diplome und Basi) weisen auf eine Tätigkeit von Vendite hin, die mit Sektionen der PRI verbunden waren, und zwar mindestens bis zum Ende der siebziger Jahre.
In diesem Zusammenhang wäre die carbonarische Betätigung einiger republikanischer Führungskräfte zu überprüfen, darunter möglicherweise Pacciardi. Daraus könnte sich eine Verflechtung zwischen dem politischen Kampf innerhalb der Partei und Versuchen einzelner Führungskräfte des PRI ergeben, politischen Einfluß auf die Vendite auszuüben. Eine solche Verflechtung würde dazu beitragen, das Schweigen über die Vendite jener Zeit besser zu erklären“ (S. 16).
Giuseppe Dolfi (1818–1869), ein florentinischer Bäcker, Freimaurer und Carbonaro sowie Gründer der „Fratellanza Artigiana“ („Handwerklichen Bruderschaft“), war lange Zeit eine führende Persönlichkeit der Mazzini-Bewegung. Er versuchte, die mazzinianischen und garibaldinischen Netzwerke zu vereinigen – was ihm jedoch nicht gelang –, um Rom dem neuen Königreich Italien zuzuführen (vgl. S. 26).
Die Carboneria bezeichnet den Kandidaten für den 1. carbonarischen Grad als „Pagano“ („Heide“) (vgl. S. 27). Der Nicht-Freimaurer und der Kandidat für den 1. freimaurerischen Lehrlingsgrad werden von den Freimaurern dagegen mit dem Begriff „Profaner“ bezeichnet.
Wie in der Freimaurerei erklärt auch der Kandidat im Initiationsritus des 1. carbonarischen Grades des Lehrlings, daß er „das Licht“ suche. Es gibt einen „schrecklichen“ Meister, den Maestro Terribile, der ihn empfängt, und es gibt das Symbol des Hahnes …
Hier der Eid der carbonarischen „Lehrlinge“ aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, ein Ritual, das unter den Papieren des oben erwähnten Giuseppe Dolfi gefunden wurde:
„Ich schwöre ewigen Haß auf die Tyrannen und die Zerstörung ihrer Throne; ich schwöre, niemandem zu offenbaren, was ich gehört habe und was ich noch hören und sehen werde; ich schwöre, mich moralisch und politisch gut zu führen; ich schwöre, alle Frauen zu achten, die den Carbonari angehören; sollte ich diesen Eid brechen, so soll mein Körper erstochen und verbrannt und meine Asche in den Wind gestreut werden, damit auf Erden keine Erinnerung an denjenigen zurückbleibe, der die Geheimnisse der Carbonari-Gesellschaft verraten hat“ (S. 28).
Giuseppe Mazzini war Würdenträger der Carboneria, bevor er die Giovine Italia (Junges Italien) gründete (vgl. S. 29).
1896 wird Ernesto Nathan5 neuer Großmeister des Grande Oriente d’Italia (GOI). Die römischen Republikaner freuen sich darüber, daß ein Gesinnungsgenosse ein solches Amt erreicht hat, und hoffen, daß unter Nathan die Freimaurerei weniger mit den monarchischen Regierungen kompromittiert und ihren antiklerikalen Traditionen sowie ihrer überparteilichen Ausrichtung treuer sein werde (vgl. S. 39).
Zu den Führungsspitzen des Großorients von Italien gehören folgende römische Republikaner: Barzilai, Ettore Ferrari, Carlo Meyer, Federico Gattorno und Antonio Fratti. Unter Nathan stärkt die republikanische Gruppe Roms ihre Stellung und ihr Engagement an der Spitze der Freimaurerei (vgl. S. 40f).
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nimmt sowohl die Zahl der Mitglieder der Freimaurerei als auch jene der Carboneria und damit auch die Zahl der Republikaner zu.6 Auch der Freimaurer Ettore Ferrari, der später Großmeister des Großorients wird, ist Carbonaro (vgl. S. 43f).
Um 1894, wie aus einem auf den 31. Mai 1894 datierten Schreiben des Polizeipräsidenten Stroni an den Präfekten Casavola hervorgeht, gibt es carbonarische Sektionen auch in Albano, Genzano, Frascati und Marino, von denen jede nicht mehr als 20–21 Mitglieder zählt (vgl. S. 45).
Um 1878 gibt es in Ancona etwa 1200 Carbonari. Dort veröffentlichen die Republikaner eine Zeitung mit dem Titel „Lucifero“ („Luzifer“) (vgl. S. 46).
Nach der Beseitigung des Kirchenstaates 1870 waren die ersten Führer der römischen Carboneria Dr. Cesare Ciattaglia, Rechtsanwalt Federico Zuccari, Sante Ciani und Luigi Coralizzi.
Nach der Symbolik der Carboneria wird die profane Welt als Wald und die Unterdrücker als Wölfe dargestellt. Aufgabe der Carbonari ist es folglich, den „Wald“ von den „Wölfen“ zu befreien, das heißt, gegen die Unterdrückung und die Unterdrücker zu kämpfen …
Zu den in den „Baracche“ (carbonarischen Logen) verwendeten Symbolen gehören:
- das Kreuz – Symbol des Martyriums;
- das Bündel Holz – Symbol der Kraft und der Einheit;
- der Herd – Symbol des Feuers der Nächstenliebe;
- der Hahn – Symbol der Wachsamkeit und der Morgenröte der Freiheit (vgl. S. 52).
Die alte römische Carboneria traf sich in der Gastwirtschaft „Il Giardino del Lungotevere“ (am Lungotevere della Farnesina Nr. 7, unmittelbar bei Ponte Sisto), die später unter dem Namen „Orti Aureliani“ weitergeführt wurde (vgl. S. 51).
Von 1870 bis 1910 trafen sich die angesehensten Vertreter der römischen Carboneria vorzugsweise in drei Lokalen:
- „Il Giardino del Lungotevere“, gegründet 1878 und ursprünglich von Bartolomeo Filipperi gemeinsam mit Giovanni Mancini geführt; beide hatten zuvor das „Caffé di Genova“ an der Piazza Santa Maria in Trastevere in Rom betrieben.
- „Galitta“ bei den Zoccolette, das der Schlupfwinkel der Republikaner von Regola war, mit der berühmten Schlägertruppe, die insbesondere während der Wahlzeiten an Handstreichen und Übergriffen beteiligt war.
- Das Lokal „Monte de li cocci“, geführt von Antonio Curti, wo sich die Carbonari von Testaccio und der „Ammazzatora“ versammelten.
Die Orte der Initiation waren dagegen einige Höhlen oder alte Steinbrüche im Vorstadtgebiet von Appio-Casilino.
Der originellste Treffpunkt aber war der bereits genannte „Giardino del Lungotevere“, wo sich eine lärmende Wirtshausküche und eine carbonarische Vendita miteinander verbanden (vgl. S. 52f).
Bei der Beerdigung Giuseppe Garibaldis im Jahre 1882 wurden ausschließlich römische Carbonari als Kutscher ausgewählt.
Unter den Carbonari, die das „Giardino del Lungotevere“ besuchten, entstand die Initiative zur Gründung des „Satana“ („Satan“), einer Zeitung beziehungsweise eines Wochenblattes des kompromißlosen Antiklerikalismus.
Direktor, Verwalter und verantwortlicher Herausgeber des „Satana“ war Agesilao Milano Filipperi, Sohn von Bartolomeo Filipperi.
Zu den „Meisterfedern“, die am „Satana“ mitarbeiteten, gehörte auch Cesare Bertini, der mit dem Namen „Vespa“ („Wespe“) zeichnete und später Polizeipräsident von Rom und Staatsrat wurde.
Die Zeitung „Satana“ entstand 1889, im hundertsten Jahr der Französischen Revolution. Im selben Jahre, 1889, wurde auf dem Campo de’ Fiori in Rom das Denkmal für Giordano Bruno7 errichtet.
In dem Trasteveriner Lokal erschien auch Giosuè Carducci8 für kurze Zeit.
1891, nach dem Tode Giovanni Mancinis, des Nachfolgers Filipperis, wurde die Gastwirtschaft „Il Giardino del Lungotevere“ von Agostino Giovannoli, genannt Agostinello, übernommen, der ebenfalls ein „carbonarischer Vetter“ war. Bereits seit einigen Jahren hatte die Gastwirtschaft ihren Namen in „Orti Aureliani“ geändert (vgl. S. 56f).
2. Weitere Carbonari im frühen 20. Jahrhundert: Erinnerungen, Neugründungen, Grade
Im Buch von Cazzaniga und Marinucci werden die „Erinnerungen“ von 1955 des Camillo Marabini (Camerino 1887–Paris 1965) wiedergegeben.
Marabini gehörte zu den Gründern der Federazione Giovanile Repubblicana (Republikanischer Jugendverband), die von Oddo Marinelli [Freimaurer des Großorients] ins Leben gerufen worden war.
Marabini kämpfte 1912/1913 in Griechenland, 1914/1915 in Frankreich, 1915–1918 in Italien, 1940 in Finnland (im ersten finnisch-russischen Krieg) und später in Norwegen.
Er lebte in Amerika, London und Paris. Als garibaldinischer Oberst war er in Paris Oberhaupt der republikanischen Garibaldiner und stand mit dem italienischen Garibaldiner-Verband in Verbindung, dessen Vorsitzender der Senator Aldo Spallicci und dessen Vize der Abgeordnete Giuseppe Chistergi war, beide Vertreter der Republikanischen Partei.
Marabini berichtet, daß er nach seiner Aufnahme in die Carboneria im Jahre 1902 nach Rom zurückkehrte. Zu jener Zeit war Rom, die Hauptstadt des neugeschaffenen Königreiches Italien, politisch in den Händen der republikanischen Geheimgesellschaft Carboneria.
Nach Marabinis Darstellung hatte die Carboneria Tausende von Mitgliedern und war einflußreicher als die Freimaurerei, so sehr, daß in Rom die Freimaurer den „Vettern“, den Carbonari, den Vorrang lassen mußten.
Es gab, wie schon erwähnt, auch Carbonari bei der Polizei. Der Polizeikommissar von Trastevere war Carbonaro. In Rom wurde die Republikanische Partei von der Carboneria beherrscht (vgl. S. 60).
Marabini berichtet ferner, daß bestimmte Berufsvereinigungen, beispielsweise jene der Kutscher, vollständig in den Händen der Carbonari waren. Daher seien auch die Kutscher des Königs, der Kardinäle und der römischen Adeligen (also auch die Cocchieri mit den weißen Perücken) Carbonari gewesen.
Steinmetze, Pflasterer und Arbeiter der öffentlichen Dienste seien sämtlich Carbonari gewesen; nur unter den Maurern, Metallarbeitern und Druckern hätten die Sozialisten an Boden gewonnen.
Die Sozialistische Partei und die Republikanische Partei waren Gegner.
Im Jahre 1904 war die Stadt Terni in Umbrien carbonarisch und republikanisch geprägt; dort fand in jenem Jahre der erste Kongreß der italienischen republikanischen Jugend statt (vgl. S. 60).
Im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts ließen sich italienische Carbonari auch in Brasilien nieder und gründeten dort neue Vendite.
Alceste De Ambris, Carbonaro des V. Grades (Meister) mit dem Initiationsnamen „Guerra“ („Krieg“), war zugleich Freimaurer der Grande Loge de France und stieg dort 1926 in den 2. Grad, den Gesellengrad, auf.
1929 erhielt De Ambris vom Großen Leiter der Vendita von São Paulo (Brasilien) die Unterlagen zur Gründung einer Vendita, nachdem zuvor zwei Adepten in die carbonarischen Grade des Lehrlings und des Meisters aufgenommen worden waren (vgl. S. 97–99).
Aus den „Allgemeinen Konstitutionen der Carbonari der Großen Vendita des Universums“ von 1908 geht hervor, daß es neun Grade gibt, obwohl tatsächlich nur vier Grade übertragen werden.
In Artikel 8 heißt es, daß die „Guten Vettern Carbonari“ (Buoni Cugini Carbonari) in zwei Klassen eingeteilt sind: Lehrlinge und Meister.
Die Meister haben drei Grade:
- Meister (oder Fünfte Meister);
- Große Meister-Ritter von Theben (oder Siebte Meister);
- Große Meister, Große Erwählte (oder Neunte Meister beziehungsweise Meister des Hohen Lichtes).
In den carbonarischen Konstitutionen von 1908 (Art. 46) wie auch in jenen von 1912 ist die Mitgliedschaft in der Republikanischen Partei verpflichtend.
In den Konstitutionen von 1916 ist sie dagegen freiwillig; weiterhin wird jedoch das Bekenntnis zu republikanischen Ideen verlangt (vgl. S. 99).
2.1. Die Eide des Lehrlings und des Carbonari-Meisters
Cazzaniga und Marinucci veröffentlichen die Eide des Lehrlings und des Carbonari-Meisters, wie sie in einer carbonarischen Broschüre von 1909 wiedergegeben sind.
Zunächst der erste:
„[…] Dieser Eid, den der Neophyt mit der linken Hand auf einen Totenschädel gelegt und mit der rechten Hand einen Dolch haltend sprach, dessen Spitze auf das Herz gerichtet war, lautete:
‚Ich schwöre und verspreche, unter den Einrichtungen des Ordens im allgemeinen und auf diesem Eisen, das die Meineidigen bestraft, das Geheimnis der Ehrwürdigen Carboneria gewissenhaft zu wahren; nichts, was zur Carboneria gehört, zu schreiben, einzugravieren oder abzubilden, ohne zuvor eine schriftliche Genehmigung erhalten zu haben.
Ich schwöre ferner, den BB…(uoni) CC…(ugini) im Falle der Not beizustehen, soweit meine Kräfte und Fähigkeiten reichen, und ebenso nicht die Ehre ihrer Familien anzutasten.
Und wenn ich zum Meineidigen werde, so willige ich ein, daß mein Körper in Stücke gerissen, sodann verbrannt und meine Asche in den Wind gestreut werde, auf daß mein Name allen BB… CC… auf Erden als warnendes Beispiel diene.
So möge Gott mir helfen.‘“ (S. 80)
Der Text fährt fort:
„So lautete der Eid des Neophyten. Derjenige des Meisters, zu dessen Würde man nach weiteren Prüfungen des Eifers und der Treue aufstieg, lautete dagegen:
‚Ich schwöre und verspreche auf dieses Kruzifix, G…M…D…U… (Großer Meister des Universums), auf mein Ehrenwort und auf dieses Eisen, das die Meineidigen bestraft, die erhabenen Geheimnisse der R…(espektablen) C…(arboneria) gewissenhaft zu wahren; niemals die Geheimnisse des App…(rendente, Lehrlings) den Pagani (Heiden) zu offenbaren und ebenso wenig die Geheimnisse des M…(aestro, Meisters) den App…(rendenti, Lehrlingen); ferner niemanden aufzunehmen und keine V…(endita) zu gründen ohne Erlaubnis der dazu befugten carb…(onarischen) Hierarchien oder ohne die erforderliche und vollkommene Zahl.
Die genannten Geheimnisse weder niederzuschreiben noch einzugravieren; allen meinen BB…(uoni) CC…(ugini) beizustehen und nicht die Ehre ihrer Familien anzutasten.
Und sollte ich zum Meineidigen werden, so willige ich ein und wünsche, daß mein Körper in Stücke gerissen, sodann verbrannt und die daraus entstehende Asche in den Wind gestreut werde, auf daß mein Name allen BB… CC… auf beiden Hemisphären zum Abscheu gereiche.
So möge Gott mir helfen.‘“ (S. 80)
Unzweifelhaft erinnert die im Ritual der carbonarischen Grade des Lehrlings und des Meisters vorgesehene Strafe teilweise an jene, die in den Initiationseiden der Freimaurerei bereits seit dem 18. Jahrhundert vorgesehen war …
(Fortsetzung folgt.)
*Pater Paolo Maria Siano gehört dem Orden der Franziskaner der Immakulata (FFI) an; der promovierte Kirchenhistoriker gilt als einer der besten katholischen Kenner der Freimaurerei, der er mehrere Standardwerke und zahlreiche Aufsätze gewidmet hat. Durch seine Veröffentlichungen bringt er den Nachweis, daß die Freimaurerei von Anfang an esoterische und gnostische Elemente enthielt, die ihre Unvereinbarkeit mit der kirchlichen Glaubenslehre begründen.
Einleitung/Übersetzung/Fußnoten: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
- Filippo Buonarroti (1761–1837) aus Pisa, Nachfahre eines Bruders von Michelangelo, war ein italienischer Revolutionär und Anhänger der Französischen Revolution. Er propagierte geheime, hierarchisch organisierte revolutionäre Gesellschaften und wurde zum Ideengeber für verschiedene spätere Geheimbünde und revolutionäre Bewegungen, darunter auch Strömungen der Carboneria. ↩︎
- Die Parthenopäische Republik war eine kurzlebige Republik in Neapel im Jahr 1799. Sie entstand unter dem Einfluß der Französischen Revolution und den in Italien operierenden französischen Revolutionstruppen, wurde von Republikanern getragen und nach wenigen Monaten von den bourbonischen Truppen wieder beseitigt. Für die Carbonari war sie später ein wichtiges republikanisches Vorbild. ↩︎
- Giuseppe Mazzini und Giuseppe Garibaldi waren beide Freimaurer. Mazzini war selbst Carbonaro, bevor er 1831 die revolutionäre Organisation Giovine Italia (Junges Italien) gründete, die ein geeintes und republikanisches Italien anstrebte. Garibaldi wurde 1864 Großmeister des Großorients von Italien (ab 1872 aufr Lebenszeit). Beide verfolgten das Ziel, die bourbonische, vor allem aber die habsburgische Herrschaft und den Kirchenstaat zu beseitigen. ↩︎
- Der frühe Faschismus bezieht sich auf das Jahr 1919. Barzilai, Premuti und Ferri waren alle drei Carbonari, Barzilai gesichert auch Freimaurer.
Salvatore Barzilai (1860–1939), Republikaner, Politiker und Freimaurer, war im Ersten Weltkrieg 1915/16 Minister für „die zu erlösenden Gebiete“ und anschließend Senator auf Lebenszeit. Er gehörte zu den bedeutenden Vertretern des römischen Republikanismus und stand mit der Carboneria in Verbindung.
Costanzo Premuti war ein italienischer republikanischer Politiker und Publizist.
Sotero Ferri war ein italienischer republikanischer Politiker und Publizist; er war unter anderem stellvertretender Vorsitzender der Unione Magistrale Nazionale, eines Berufs- und Interessenverbandes der italienischen Lehrer. ↩︎ - Der Jude Ernesto Nathan war ein republikanischer Politiker und Freimaurer, von 1896 bis 1903 und erneut 1917 bis 1919 Großmeister des Großorients von Italien sowie von 1907 bis 1913 Bürgermeister von Rom. ↩︎
- Zwischen der Eroberung Roms im Jahr 1870 und der Machtübernahme durch den Faschismus im Jahr 1922 verfügte die italienische Freimaurerei über einen entscheidenden Einfluß auf Politik, Verwaltung, Militär und Bildungswesen und bildete dort ein weitreichendes Netzwerk. Ohne freimaurerische Verbindungen blieben bestimmte Ämter und berufliche Aufstiegsmöglichkeiten verschlossen. ↩︎
- Giordano Bruno (1548–1600) war ein vom Glauben abgefallener Dominikaner, der 1600 von der Inquisition wegen Ketzerei und Magie aus dem Dominikanerorden entlassen und der weltlichen Gewalt ausgeliefert wurde. Diese verurteilte ihn nach einem irrlichternden Leben, in dem er sich einmal als Calvinist, dann als Anglikaner, schließlich als Lutheraner ausgab, aber auch in Genf, England und Deutschland von Polizei- und Justizbehörden verfolgt und ausgewiesen wurde oder flüchten mußte, und nachdem er trotz Aufenthaltsverbots nach Italien zurückgekehrt war, zum Tode und verbrannte ihn auf dem Campo de’Fiori in Rom. Damit ist Giordano Bruno ist einer der ganz wenigen Fälle von Hinrichtungen, die auf die insgesamt sehr milde römische Inquisition zurückgehen. Obwohl von den von ihn vertretenen Positionen kaum noch etwas bekannt ist, gilt er seit dem 19. Jahrhundert als „Heros“ der Freimaurer und anderer Kirchenfeinde, die ihm in Rom ein Denkmal errichteten und noch heute seiner gedenken. ↩︎
- Giosuè Carducci (1835–1907) war ein italienischer Dichter und Professor, Freimaurer und überzeugter Antiklerikaler, seit 1890 war er Senator des Königreichs Italien, 1906 wurde ihm der Literaturnobelpreis verliehen. Zu seinen Werken gehlört der „Inno a Satana“ („Hymne an Satan“). ↩︎
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