Die Carbonari in Italien (Erster Teil)

"So wünsche ich, daß mein Körper in Stücke gerissen, sodann verbrannt werde..."

Die Car­bo­na­ri waren eine ita­lie­ni­sche Geheim­ge­sell­schaft im 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert und sehr erfolg­reich. Offi­zi­ell kämpf­ten sie für die Zie­le Frei­heit, natio­na­le Ein­heit und die Repu­blik. Sie spiel­ten eine wich­ti­ge Rol­le im ita­lie­ni­schen Risor­gi­men­to, wirk­ten aber auch spä­ter in repu­bli­ka­ni­schen, irre­den­ti­sti­schen, anti­kle­ri­ka­len und anti­fa­schi­sti­schen Bewe­gun­gen wei­ter. Pater Pao­lo Maria Sia­no, einer der aktu­ell besten Ken­ner der Frei­mau­re­rei und der Welt der Geheim­ge­sell­schaf­ten, wid­met den jün­ge­ren Car­bo­na­ri, die in den Geschichts­bü­chern kei­ne Erwäh­nung mehr fin­den, sei­ne neue Rei­he. Dabei spielt die Ven­dita eine zen­tra­le Rol­le: Eine Ven­dita (Plu­ral: Ven­dite) war eine ört­li­che Loge bzw. Zel­le der Car­bon­e­ria. Zur Alta Ven­dita sie­he hin­ge­gen hier:

Die Carbonari in Italien zwischen dem Ende des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts … 

Von Pater Pao­lo M. Siano*

Im Jah­re 2015 ver­öf­fent­lich­te der Ver­lag ETS in Pisa das Buch der Wis­sen­schaft­ler Gian Mar­co Caz­z­ani­ga (ehe­ma­li­ger ordent­li­cher Pro­fes­sor für Moral­phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Pisa) und Mar­co Mari­nuc­ci (For­scher auf dem Gebiet der radi­ka­len Demo­kra­tien des 19. Jahr­hun­derts) mit dem Titel „Car­bo­na­ri del XX seco­lo fra ritua­li adel­fi­ci e intran­si­gen­za repubbli­ca­na“ („Car­bo­na­ri des 20. Jahr­hun­derts zwi­schen adel­fi­schen Ritua­len und repu­bli­ka­ni­scher Unnach­gie­big­keit“).

Auf der vier­ten Umschlag­sei­te fin­det sich eine Zusam­men­fas­sung des Buches (Kur­siv­druck im Original):

„In den Schul­bü­chern spielt die ita­lie­ni­sche Car­bon­e­ria wäh­rend der Restau­ra­ti­on bei den libe­ra­len Auf­stän­den (1821–1831) eine wich­ti­ge Rol­le; danach scheint sie zu ver­schwin­den. Doch das ist nicht so. Dort, wo die natio­na­le Ein­heit noch zu errei­chen ist, ist die Car­bon­e­ria von Bedeu­tung. In volks­tüm­li­chen Krei­sen ver­wur­zelt, setzt sie in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts ihre Tätig­keit als unnach­gie­bi­ge Kraft der repu­bli­ka­ni­schen Bewe­gung fort. Ende des 19. Jahr­hun­derts fin­den wir sie im Ein­satz zugun­sten natio­na­ler Befrei­ungs­be­we­gun­gen, von Ser­bi­en bis Grie­chen­land, von Kre­ta bis Kuba, die sie för­dert und für die sie Frei­wil­li­ge orga­ni­siert. Wir fin­den sie in irre­den­ti­sti­schen Gesell­schaf­ten, in anti­fa­schi­sti­schen Netz­wer­ken und im Wider­stand. Nach der Befrei­ung nimmt die Car­bon­e­ria ihre gehei­me Tätig­keit in Ver­bin­dung mit der Ita­lie­ni­schen Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei wie­der auf und bewahrt dabei ihre Ver­an­ke­rung im Volk. Es han­delt sich um eine Geschich­te, die noch geschrie­ben wer­den muß. Um dazu bei­zu­tra­gen, ver­öf­fent­licht das Buch eine kom­men­tier­te Samm­lung unbe­kann­ter oder wenig bekann­ter Mate­ria­li­en, von Ritu­al­tex­ten und Poli­zei­be­rich­ten bis zu Abbil­dun­gen von Basi (Ritu­al­ge­gen­stän­den) und Diplo­men (Beschei­ni­gun­gen über den jeweils beklei­de­ten Rang) der car­bo­na­ri­schen Ven­dite zwi­schen dem zwei­ten Drit­tel des 19. Jahr­hun­derts und den sieb­zi­ger Jah­ren des 20. Jahrhunderts.“

Das Buch von Caz­z­ani­ga und Mari­nuc­ci ist in fünf Kapi­tel gegliedert:

  1. Die Car­bon­e­ria im in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts (S. 21–57).
  2. Die Car­bon­e­ria im frü­hen 20. Jahr­hun­dert (S. 59–103).
  3. Die Car­bon­e­ria in den Poli­zei­be­rich­ten (S. 105–175).
  4. Die Car­bon­e­ria unter dem Faschis­mus und im Wider­stand (S. 177–192).
  5. Die Car­bon­e­ria in der Nach­kriegs­zeit (S. 193–196).

Ich gebe ver­schie­de­ne Pas­sa­gen wie­der, die mei­nes Erach­tens sehr inter­es­sant sind.

1. Die Carboneria zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert

In der Ein­lei­tung stel­len die Wis­sen­schaft­ler Caz­z­ani­ga und Mari­nuc­ci fest, daß die Bedeu­tung der ita­lie­ni­schen Car­bon­e­ria nach den libe­ra­len Auf­stän­den von 1821–1831 von den Histo­ri­kern gewöhn­lich zugun­sten der mazz­inia­ni­schen und gio­ber­tia­ni­schen Netz­wer­ke (ab 1831) sowie der libe­ra­len Stra­te­gie Cavours ab 1849 zurück­ge­stuft wird.

Die Wirk­lich­keit sah anders aus:

„Die Car­bon­e­ria tritt in den Ver­schwö­run­gen Mit­tel­ita­li­ens zumin­dest bis zur Ein­nah­me Roms (1870) erneut als füh­ren­de Kraft her­vor und behält eine maß­geb­li­che Rol­le, wobei sie sich mit irre­den­ti­sti­schen Netz­wer­ken und Zir­keln in den ita­lie­nisch­spra­chi­gen Gebie­ten des öster­rei­chisch-unga­ri­schen Rei­ches ver­flicht, und zwar min­de­stens bis zum Ersten Welt­krieg. Sie setzt ihre Tätig­keit – wenn auch in Form einer Min­der­heits­be­we­gung und von wie­der­keh­ren­den Spal­tun­gen durch­zo­gen – bis in die sieb­zi­ger Jah­re der Nach­kriegs­zeit fort“ (S. 8).

Caz­z­ani­ga und Mari­nuc­ci unter­su­chen die Ritua­le der Car­bo­na­ri und die Poli­zei­be­rich­te, wich­ti­ge Quel­len für die Kennt­nis der Ideen und der Geschich­te der ita­lie­ni­schen Carboneria:

„Die Ritua­le, die in den car­bo­na­ri­schen Ven­dite des 20. Jahr­hun­derts in Gebrauch sind, stel­len eine Wei­ter­füh­rung jener dar, die in eini­gen süd­ita­lie­ni­schen Ven­dite des frü­hen 19. Jahr­hun­derts ver­wen­det wur­den und bereits von Ore­ste Dito (1905) ver­öf­fent­licht wor­den sind, der dabei salen­ti­ni­sche Mate­ria­li­en aus dem Staats­ar­chiv von Lec­ce ver­wen­de­te. Die Mate­ria­li­en, die wir unse­rer­seits ver­öf­fent­li­chen, stam­men zum größ­ten Teil von Miche­le Cam­pa­nel­li, einem Car­bo­n­a­ro und Repu­bli­ka­ner aus Bari zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts, und wur­den von Gino Valo­ri, dem ehe­ma­li­gen Gro­ßen Red­ner des GOI [Groß­ori­ent von Ita­li­en] in den fünf­zi­ger Jah­ren, zusam­men­ge­stellt. Erst vor kur­zem, im Jah­re 2009, erwarb die Biblio­thek des Gran­de Ori­en­te d’Italia die­se Mate­ria­li­en aus einem von Fran­ces­co Sinis­cal­chi gestif­te­ten Bestand.

Eine zwei­te Quel­le, die eben­falls erst in jün­ge­rer Zeit ver­wen­det wur­de, bil­det der Bestand Gua­sto­ni-De Ambris. Er ent­hält car­bo­na­ri­sche Mate­ria­li­en vom Beginn des 20. Jahr­hun­derts gemein­sa­men Ursprungs und bra­si­lia­ni­scher Her­kunft, die spä­ter von Ven­dite ita­lie­ni­scher Exi­lan­ten in Frank­reich in den zwan­zi­ger Jah­ren ver­wen­det wur­den. Es han­delt sich um einen Bestand, den Enri­co Ser­ven­ti Longhi ent­deckt und dem Zen­tra­len Staats­ar­chiv über­ge­ben hat; eine Teil­ko­pie wur­de 2010 der Biblio­thek des Gran­de Ori­en­te d’Italia über­ge­ben.“ (S. 9)

Caz­z­ani­ga und Mari­nuc­ci fah­ren fort:

„Die­se Ritua­le sind Kin­der einer dei­sti­schen phi­lo­so­phi­schen Kul­tur der spä­ten Auf­klä­rung, die die adel­fi­sche Tra­di­ti­on der Geheim­ge­sell­schaf­ten kenn­zeich­net – von den fran­zö­si­schen Phil­adel­phes über die fran­zö­sisch-pie­mon­te­si­sche Adel­fia bis zu den buo­nar­ro­ti­schen Gesell­schaf­ten.1 Es han­delt sich um eine Kul­tur, die von Ven­dite des König­reichs bei­der Sizi­li­en über­nom­men wur­de, die an den Car­bo­na­ri-Auf­stän­den von 1820–1821 betei­ligt waren, und schließ­lich von repu­bli­ka­ni­schen Ven­dite zwi­schen dem Ende des 19. und der ersten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts wie­der auf­ge­nom­men wur­de, wobei sie bereits vom ersten Grad an ver­mit­telt wurde.

Man ver­glei­che hier­zu den im Ritu­al der Arbei­ten im Lehr­lings­grad ent­hal­te­nen Eid, der lautet:

‚Ich schwö­re, mit allen mei­nen Kräf­ten auf die Abschaf­fung jedes Pri­vi­legs und jeder Tyran­nei, auf die Ver­nich­tung der kle­ri­ka­len Sek­te und allen reli­giö­sen Aber­glau­bens sowie auf den Tri­umph der Sozia­len Repu­blik hin­zu­wir­ken‘ (S. 9).

In der nea­po­li­ta­ni­schen Car­bon­e­ria schei­nen die Spra­che und die im ersten Grad ver­mit­tel­ten Wer­te vor­der­grün­dig jenen zu ent­spre­chen, die typisch für die katho­li­schen Bru­der­schaf­ten sind; in den höhe­ren Gra­den jedoch kon­zen­trie­ren sie sich auf die Gestalt Jesu, ver­stan­den als einen gegen die Tyran­nei rebel­lie­ren­den „Zelo­ten“, sowie auf die Rück­kehr zu einem Zustand para­die­si­schen Glücks.

In ande­ren Ritua­len, wie etwa jenen aus dem Salen­to, die von Ore­ste Dito ver­öf­fent­licht wur­den, und in wei­te­ren Ritua­len des frü­hen 19. Jahr­hun­derts wird die ach­rist­li­che, adel­fi­sche Kul­tur bereits vom ersten Grad an ver­mit­telt. Die­se Kul­tur wird seit dem spä­ten 19. Jahr­hun­dert von der neu­ge­grün­de­ten repu­bli­ka­ni­schen Car­bon­e­ria wie­der auf­ge­nom­men (vgl. S. 10f).

Nach der Ein­nah­me Roms und dem Fall der welt­li­chen Herr­schaft des Pap­stes orga­ni­sie­ren sich die car­bo­na­ri­schen Ven­dite (oder „Logen“) neu und sam­meln sich um repu­bli­ka­ni­sche Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten. Unter der Lei­tung Erme­ne­gil­do Ton­dis wird 1877/​1878 eine ober­ste römi­sche Ven­dita neu orga­ni­siert; 1882 wird eine natio­na­le Lei­tung der Car­bon­e­ria unter dem Namen „Sou­ve­rä­ne Ven­dita des Uni­ver­sums“ (Sov­ra­na Ven­dita dell’Universo) gebil­det, die die Ver­wirk­li­chung einer „Sozia­len Repu­blik“ anstrebt (vgl. S. 11).

Ita­lie­ni­sche Städ­te mit star­ken repu­bli­ka­ni­scher Tra­di­ti­on sind Rom, Anco­na und Terni.

In car­bo­na­ri­schen Doku­men­ten nimmt die repu­bli­ka­ni­sche Idee bezug auf die Gestalt Mario Paga­nos. Auf die­se Wei­se wird der Car­bon­e­ria ein gei­sti­ger Ursprung zuge­schrie­ben, der bis zur Par­the­no­päi­schen Repu­blik2 von 1799 zurück­reicht. Wei­te­re Bezugs­ge­stal­ten der Welt der Car­bo­na­ri sind Giu­sep­pe Mazzini und Giu­sep­pe Gari­bal­di.3

Der frü­he Faschis­mus von Sans­e­pol­cro, repu­bli­ka­nisch und anti­kle­ri­kal, führt sowohl in den car­bo­na­ri­schen Ven­dite als auch in den Frei­mau­rer­lo­gen zu Spal­tun­gen. Car­bo­na­ri­sche Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten wie Sal­va­to­re Bar­zi­lai, Costan­zo Pre­mu­ti und Sote­ro Fer­ri nähern sich dem sans­e­pol­cri­sti­schen Faschis­mus an.4

1923 [weni­ge Mona­te nach der faschi­sti­schen Macht­über­nah­me] beschließt die in Anco­na statt­fin­den­de Gene­ral­ver­samm­lung der Car­bo­na­ri die Auf­lö­sung der Car­bon­e­ria (vgl. S. 14).

Die car­bo­na­ri­schen Ven­dite set­zen ihre Tätig­keit wäh­rend der faschi­sti­schen Epo­che im Unter­grund fort. Eini­ge car­bo­na­ri­sche Sta­tu­ten schrei­ben die Ver­pflich­tung vor, der Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei beizutreten.

Zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts gibt es Car­bo­na­ri in den anar­chi­sti­schen Bewe­gun­gen, in der Sozia­li­sti­schen Par­tei und in der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei. Es gibt 1943–1945 sogar car­bo­na­ri­sche Bri­ga­den im anti­fa­schi­sti­schen und anti­deut­schen Wider­stand sowie Car­bo­na­ri im Par­ti­to d’Azione oder in der Bewe­gung Stel­la Ros­sa (Roter Stern) (vgl. S. 15).

Über die Zeit nach dem Zwei­ten Welt­krieg schrei­ben Caz­z­ani­ga und Marinucci:

„Nach der Befrei­ung nimmt die Car­bon­e­ria ihre gehei­me Tätig­keit wie­der auf, wobei sie die Ver­bin­dung zur Ita­lie­ni­schen Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei bevor­zugt und ihre tra­di­tio­nel­le Ver­an­ke­rung in Arbei­ter­vier­teln und unter Arbei­tern bewahrt: Gepäck­trä­ger, Mau­rer, Schif­fer, Kut­scher, Schuh­ma­cher und Metzger.

Das Auf­kom­men zunächst einer von Pac­ciar­di geführ­ten Lei­tung, die Koali­ti­ons­re­gie­run­gen mit der Christ­de­mo­kra­tie befür­wor­tet, und spä­ter einer gemä­ßig­ten, aus der Akti­ons­par­tei her­vor­ge­gan­ge­nen Lei­tung in der Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei führt zu Ver­schie­bun­gen im Wahl­ver­hal­ten der volks­tüm­li­chen Basis. Dort hat­te die Ver­an­ke­rung der Ita­lie­ni­schen Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei, auch dank der Wie­der­errich­tung von Ven­dite, dazu geführt, daß sie bei den Wah­len von 1946 nach der DC die zweit­stärk­ste Par­tei Roms war, mit fort­schrei­ten­den Wäh­ler­strö­men zum PCI [Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei] und zur PSI [Sozia­li­sti­sche Partei].

Unzwei­fel­haft bleibt jedoch ein bevor­zug­tes Ver­hält­nis der car­bo­na­ri­schen Füh­rungs­kräf­te zum PRI bestehen. Die von uns gesam­mel­te münd­li­che Über­lie­fe­rung (leben­de Car­bo­na­ri) und die mate­ri­el­len Zeug­nis­se (Diplo­me und Basi) wei­sen auf eine Tätig­keit von Ven­dite hin, die mit Sek­tio­nen der PRI ver­bun­den waren, und zwar min­de­stens bis zum Ende der sieb­zi­ger Jahre.

In die­sem Zusam­men­hang wäre die car­bo­na­ri­sche Betä­ti­gung eini­ger repu­bli­ka­ni­scher Füh­rungs­kräf­te zu über­prü­fen, dar­un­ter mög­li­cher­wei­se Pac­ciar­di. Dar­aus könn­te sich eine Ver­flech­tung zwi­schen dem poli­ti­schen Kampf inner­halb der Par­tei und Ver­su­chen ein­zel­ner Füh­rungs­kräf­te des PRI erge­ben, poli­ti­schen Ein­fluß auf die Ven­dite aus­zu­üben. Eine sol­che Ver­flech­tung wür­de dazu bei­tra­gen, das Schwei­gen über die Ven­dite jener Zeit bes­ser zu erklä­ren“ (S. 16).


Giu­sep­pe Dol­fi (1818–1869), ein flo­ren­ti­ni­scher Bäcker, Frei­mau­rer und Car­bo­n­a­ro sowie Grün­der der „Fra­tel­lan­za Arti­gia­na“ („Hand­werk­li­chen Bru­der­schaft“), war lan­ge Zeit eine füh­ren­de Per­sön­lich­keit der Mazzini-Bewe­gung. Er ver­such­te, die mazz­inia­ni­schen und gari­bal­di­ni­schen Netz­wer­ke zu ver­ei­ni­gen – was ihm jedoch nicht gelang –, um Rom dem neu­en König­reich Ita­li­en zuzu­füh­ren (vgl. S. 26).


Die Car­bon­e­ria bezeich­net den Kan­di­da­ten für den 1. car­bo­na­ri­schen Grad als „Paga­no“ („Hei­de“) (vgl. S. 27). Der Nicht-Frei­mau­rer und der Kan­di­dat für den 1. frei­mau­re­ri­schen Lehr­lings­grad wer­den von den Frei­mau­rern dage­gen mit dem Begriff „Pro­fa­ner“ bezeich­net.

Wie in der Frei­mau­re­rei erklärt auch der Kan­di­dat im Initia­ti­ons­ri­tus des 1. car­bo­na­ri­schen Gra­des des Lehr­lings, daß er „das Licht“ suche. Es gibt einen „schreck­li­chen“ Mei­ster, den Mae­stro Ter­ri­bi­le, der ihn emp­fängt, und es gibt das Sym­bol des Hahnes …

Hier der Eid der car­bo­na­ri­schen „Lehr­lin­ge“ aus der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts, ein Ritu­al, das unter den Papie­ren des oben erwähn­ten Giu­sep­pe Dol­fi gefun­den wurde:

„Ich schwö­re ewi­gen Haß auf die Tyran­nen und die Zer­stö­rung ihrer Thro­ne; ich schwö­re, nie­man­dem zu offen­ba­ren, was ich gehört habe und was ich noch hören und sehen wer­de; ich schwö­re, mich mora­lisch und poli­tisch gut zu füh­ren; ich schwö­re, alle Frau­en zu ach­ten, die den Car­bo­na­ri ange­hö­ren; soll­te ich die­sen Eid bre­chen, so soll mein Kör­per ersto­chen und ver­brannt und mei­ne Asche in den Wind gestreut wer­den, damit auf Erden kei­ne Erin­ne­rung an den­je­ni­gen zurück­blei­be, der die Geheim­nis­se der Car­bo­na­ri-Gesell­schaft ver­ra­ten hat“ (S. 28).

Giu­sep­pe Mazzini war Wür­den­trä­ger der Car­bon­e­ria, bevor er die Gio­vi­ne Ita­lia (Jun­ges Ita­li­en) grün­de­te (vgl. S. 29).


1896 wird Erne­sto Nathan5 neu­er Groß­mei­ster des Gran­de Ori­en­te d’Italia (GOI). Die römi­schen Repu­bli­ka­ner freu­en sich dar­über, daß ein Gesin­nungs­ge­nos­se ein sol­ches Amt erreicht hat, und hof­fen, daß unter Nathan die Frei­mau­re­rei weni­ger mit den mon­ar­chi­schen Regie­run­gen kom­pro­mit­tiert und ihren anti­kle­ri­ka­len Tra­di­tio­nen sowie ihrer über­par­tei­li­chen Aus­rich­tung treu­er sein wer­de (vgl. S. 39).

Zu den Füh­rungs­spit­zen des Groß­ori­ents von Ita­li­en gehö­ren fol­gen­de römi­sche Repu­bli­ka­ner: Bar­zi­lai, Etto­re Fer­ra­ri, Car­lo Mey­er, Feder­i­co Gatt­or­no und Anto­nio Frat­ti. Unter Nathan stärkt die repu­bli­ka­ni­sche Grup­pe Roms ihre Stel­lung und ihr Enga­ge­ment an der Spit­ze der Frei­mau­re­rei (vgl. S. 40f).

Gegen Ende des 19. Jahr­hun­derts nimmt sowohl die Zahl der Mit­glie­der der Frei­mau­re­rei als auch jene der Car­bon­e­ria und damit auch die Zahl der Repu­bli­ka­ner zu.6 Auch der Frei­mau­rer Etto­re Fer­ra­ri, der spä­ter Groß­mei­ster des Groß­ori­ents wird, ist Car­bo­n­a­ro (vgl. S. 43f).

Um 1894, wie aus einem auf den 31. Mai 1894 datier­ten Schrei­ben des Poli­zei­prä­si­den­ten Stro­ni an den Prä­fek­ten Casa­vo­la her­vor­geht, gibt es car­bo­na­ri­sche Sek­tio­nen auch in Alba­no, Gen­za­no, Frasca­ti und Mari­no, von denen jede nicht mehr als 20–21 Mit­glie­der zählt (vgl. S. 45).

Um 1878 gibt es in Anco­na etwa 1200 Car­bo­na­ri. Dort ver­öf­fent­li­chen die Repu­bli­ka­ner eine Zei­tung mit dem Titel „Luci­fe­ro“ („Luzi­fer“) (vgl. S. 46).

Nach der Besei­ti­gung des Kir­chen­staa­tes 1870 waren die ersten Füh­rer der römi­schen Car­bon­e­ria Dr. Cesa­re Ciat­ta­glia, Rechts­an­walt Feder­i­co Zuc­ca­ri, San­te Cia­ni und Lui­gi Coralizzi.

Nach der Sym­bo­lik der Car­bon­e­ria wird die pro­fa­ne Welt als Wald und die Unter­drücker als Wöl­fe dar­ge­stellt. Auf­ga­be der Car­bo­na­ri ist es folg­lich, den „Wald“ von den „Wöl­fen“ zu befrei­en, das heißt, gegen die Unter­drückung und die Unter­drücker zu kämpfen …

Zu den in den „Bar­ac­che“ (car­bo­na­ri­schen Logen) ver­wen­de­ten Sym­bo­len gehören:

  • das Kreuz – Sym­bol des Martyriums;
  • das Bün­del Holz – Sym­bol der Kraft und der Einheit;
  • der Herd – Sym­bol des Feu­ers der Nächstenliebe;
  • der Hahn – Sym­bol der Wach­sam­keit und der Mor­gen­rö­te der Frei­heit (vgl. S. 52).

Die alte römi­sche Car­bon­e­ria traf sich in der Gast­wirt­schaft „Il Giar­di­no del Lungo­te­ve­re“ (am Lungo­te­ve­re del­la Far­ne­si­na Nr. 7, unmit­tel­bar bei Pon­te Sisto), die spä­ter unter dem Namen „Orti Aure­lia­ni“ wei­ter­ge­führt wur­de (vgl. S. 51).

Von 1870 bis 1910 tra­fen sich die ange­se­hen­sten Ver­tre­ter der römi­schen Car­bon­e­ria vor­zugs­wei­se in drei Lokalen:

  • „Il Giar­di­no del Lungo­te­ve­re“, gegrün­det 1878 und ursprüng­lich von Bar­to­lo­meo Filip­pe­ri gemein­sam mit Gio­van­ni Man­ci­ni geführt; bei­de hat­ten zuvor das „Caf­fé di Geno­va“ an der Piaz­za San­ta Maria in Tra­ste­ve­re in Rom betrieben.
  • „Galit­ta“ bei den Zoc­co­let­te, das der Schlupf­win­kel der Repu­bli­ka­ner von Rego­la war, mit der berühm­ten Schlä­ger­trup­pe, die ins­be­son­de­re wäh­rend der Wahl­zei­ten an Hand­strei­chen und Über­grif­fen betei­ligt war.
  • Das Lokal „Mon­te de li coc­ci“, geführt von Anto­nio Cur­ti, wo sich die Car­bo­na­ri von Testac­cio und der „Ammaz­z­a­tora“ versammelten.

Die Orte der Initia­ti­on waren dage­gen eini­ge Höh­len oder alte Stein­brü­che im Vor­stadt­ge­biet von Appio-Casilino.

Der ori­gi­nell­ste Treff­punkt aber war der bereits genann­te „Giar­di­no del Lungo­te­ve­re“, wo sich eine lär­men­de Wirts­haus­kü­che und eine car­bo­na­ri­sche Ven­dita mit­ein­an­der ver­ban­den (vgl. S. 52f).

Bei der Beer­di­gung Giu­sep­pe Gari­bal­dis im Jah­re 1882 wur­den aus­schließ­lich römi­sche Car­bo­na­ri als Kut­scher ausgewählt.

Unter den Car­bo­na­ri, die das „Giar­di­no del Lungo­te­ve­re“ besuch­ten, ent­stand die Initia­ti­ve zur Grün­dung des Sata­na („Satan“), einer Zei­tung bezie­hungs­wei­se eines Wochen­blat­tes des kom­pro­miß­lo­sen Anti­kle­ri­ka­lis­mus.
Direk­tor, Ver­wal­ter und ver­ant­wort­li­cher Her­aus­ge­ber des „Sata­na“ war Age­si­lao Mila­no Filip­pe­ri, Sohn von Bar­to­lo­meo Filipperi.

Zu den „Mei­ster­fe­dern“, die am „Sata­na“ mit­ar­bei­te­ten, gehör­te auch Cesa­re Ber­ti­ni, der mit dem Namen „Ves­pa“ („Wes­pe“) zeich­ne­te und spä­ter Poli­zei­prä­si­dent von Rom und Staats­rat wurde.

Die Zei­tung „Sata­na“ ent­stand 1889, im hun­dert­sten Jahr der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on. Im sel­ben Jah­re, 1889, wur­de auf dem Cam­po de’ Fio­ri in Rom das Denk­mal für Giord­a­no Bru­no7 errichtet.

In dem Tra­ste­ve­ri­ner Lokal erschien auch Gio­suè Car­duc­ci8 für kur­ze Zeit.

1891, nach dem Tode Gio­van­ni Man­ci­nis, des Nach­fol­gers Filip­pe­ris, wur­de die Gast­wirt­schaft „Il Giar­di­no del Lungo­te­ve­re“ von Ago­sti­no Gio­van­no­li, genannt Ago­sti­nel­lo, über­nom­men, der eben­falls ein „car­bo­na­ri­scher Vet­ter“ war. Bereits seit eini­gen Jah­ren hat­te die Gast­wirt­schaft ihren Namen in „Orti Aure­lia­ni“ geän­dert (vgl. S. 56f).

2. Weitere Carbonari im frühen 20. Jahrhundert: Erinnerungen, Neugründungen, Grade

Im Buch von Caz­z­ani­ga und Mari­nuc­ci wer­den die „Erin­ne­run­gen“ von 1955 des Camil­lo Mara­bi­ni (Came­ri­no 1887–Paris 1965) wiedergegeben.

Mara­bi­ni gehör­te zu den Grün­dern der Federa­zio­ne Gio­va­ni­le Repubbli­ca­na (Repu­bli­ka­ni­scher Jugend­ver­band), die von Oddo Mari­nel­li [Frei­mau­rer des Groß­ori­ents] ins Leben geru­fen wor­den war.

Mara­bi­ni kämpf­te 1912/​1913 in Grie­chen­land, 1914/​1915 in Frank­reich, 1915–1918 in Ita­li­en, 1940 in Finn­land (im ersten fin­nisch-rus­si­schen Krieg) und spä­ter in Norwegen.

Er leb­te in Ame­ri­ka, Lon­don und Paris. Als gari­bal­di­ni­scher Oberst war er in Paris Ober­haupt der repu­bli­ka­ni­schen Gari­bal­di­ner und stand mit dem ita­lie­ni­schen Gari­bal­di­ner-Ver­band in Ver­bin­dung, des­sen Vor­sit­zen­der der Sena­tor Aldo Spal­lic­ci und des­sen Vize der Abge­ord­ne­te Giu­sep­pe Chi­ster­gi war, bei­de Ver­tre­ter der Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei.

Mara­bi­ni berich­tet, daß er nach sei­ner Auf­nah­me in die Car­bon­e­ria im Jah­re 1902 nach Rom zurück­kehr­te. Zu jener Zeit war Rom, die Haupt­stadt des neu­ge­schaf­fe­nen König­rei­ches Ita­li­en, poli­tisch in den Hän­den der repu­bli­ka­ni­schen Geheim­ge­sell­schaft Carboneria.

Nach Mara­bi­nis Dar­stel­lung hat­te die Car­bon­e­ria Tau­sen­de von Mit­glie­dern und war ein­fluß­rei­cher als die Frei­mau­re­rei, so sehr, daß in Rom die Frei­mau­rer den „Vet­tern“, den Car­bo­na­ri, den Vor­rang las­sen mußten.

Es gab, wie schon erwähnt, auch Car­bo­na­ri bei der Poli­zei. Der Poli­zei­kom­mis­sar von Tra­ste­ve­re war Car­bo­n­a­ro. In Rom wur­de die Repu­bli­ka­ni­sche Par­tei von der Car­bon­e­ria beherrscht (vgl. S. 60).

Mara­bi­ni berich­tet fer­ner, daß bestimm­te Berufs­ver­ei­ni­gun­gen, bei­spiels­wei­se jene der Kut­scher, voll­stän­dig in den Hän­den der Car­bo­na­ri waren. Daher sei­en auch die Kut­scher des Königs, der Kar­di­nä­le und der römi­schen Ade­li­gen (also auch die Coc­chie­ri mit den wei­ßen Perücken) Car­bo­na­ri gewesen.

Stein­met­ze, Pfla­ste­rer und Arbei­ter der öffent­li­chen Dien­ste sei­en sämt­lich Car­bo­na­ri gewe­sen; nur unter den Mau­rern, Metall­ar­bei­tern und Druckern hät­ten die Sozia­li­sten an Boden gewonnen.

Die Sozia­li­sti­sche Par­tei und die Repu­bli­ka­ni­sche Par­tei waren Geg­ner.

Im Jah­re 1904 war die Stadt Ter­ni in Umbri­en car­bo­na­risch und repu­bli­ka­nisch geprägt; dort fand in jenem Jah­re der erste Kon­greß der ita­lie­ni­schen repu­bli­ka­ni­schen Jugend statt (vgl. S. 60).


Im ersten Vier­tel des 20. Jahr­hun­derts lie­ßen sich ita­lie­ni­sche Car­bo­na­ri auch in Bra­si­li­en nie­der und grün­de­ten dort neue Ven­dite.

Alce­ste De Ambris, Car­bo­n­a­ro des V. Gra­des (Mei­ster) mit dem Initia­ti­ons­na­men „Guer­ra“ („Krieg“), war zugleich Frei­mau­rer der Gran­de Loge de France und stieg dort 1926 in den 2. Grad, den Gesel­len­grad, auf.

1929 erhielt De Ambris vom Gro­ßen Lei­ter der Ven­dita von São Pau­lo (Bra­si­li­en) die Unter­la­gen zur Grün­dung einer Ven­dita, nach­dem zuvor zwei Adep­ten in die car­bo­na­ri­schen Gra­de des Lehr­lings und des Mei­sters auf­ge­nom­men wor­den waren (vgl. S. 97–99).


Aus den „All­ge­mei­nen Kon­sti­tu­tio­nen der Car­bo­na­ri der Gro­ßen Ven­dita des Uni­ver­sums“ von 1908 geht her­vor, daß es neun Gra­de gibt, obwohl tat­säch­lich nur vier Gra­de über­tra­gen werden.

In Arti­kel 8 heißt es, daß die „Guten Vet­tern Car­bo­na­ri“ (Buo­ni Cugi­ni Car­bo­na­ri) in zwei Klas­sen ein­ge­teilt sind: Lehr­lin­ge und Meister.

Die Mei­ster haben drei Grade:

  1. Mei­ster (oder Fünf­te Meister);
  2. Gro­ße Mei­ster-Rit­ter von The­ben (oder Sieb­te Meister);
  3. Gro­ße Mei­ster, Gro­ße Erwähl­te (oder Neun­te Mei­ster bezie­hungs­wei­se Mei­ster des Hohen Lichtes).

In den car­bo­na­ri­schen Kon­sti­tu­tio­nen von 1908 (Art. 46) wie auch in jenen von 1912 ist die Mit­glied­schaft in der Repu­bli­ka­ni­schen Par­tei verpflichtend.

In den Kon­sti­tu­tio­nen von 1916 ist sie dage­gen frei­wil­lig; wei­ter­hin wird jedoch das Bekennt­nis zu repu­bli­ka­ni­schen Ideen ver­langt (vgl. S. 99).

2.1. Die Eide des Lehrlings und des Carbonari-Meisters

Caz­z­ani­ga und Mari­nuc­ci ver­öf­fent­li­chen die Eide des Lehr­lings und des Car­bo­na­ri-Mei­sters, wie sie in einer car­bo­na­ri­schen Bro­schü­re von 1909 wie­der­ge­ge­ben sind.

Zunächst der erste:

„[…] Die­ser Eid, den der Neo­phyt mit der lin­ken Hand auf einen Toten­schä­del gelegt und mit der rech­ten Hand einen Dolch hal­tend sprach, des­sen Spit­ze auf das Herz gerich­tet war, lautete:

‚Ich schwö­re und ver­spre­che, unter den Ein­rich­tun­gen des Ordens im all­ge­mei­nen und auf die­sem Eisen, das die Mein­ei­di­gen bestraft, das Geheim­nis der Ehr­wür­di­gen Car­bon­e­ria gewis­sen­haft zu wah­ren; nichts, was zur Car­bon­e­ria gehört, zu schrei­ben, ein­zu­gra­vie­ren oder abzu­bil­den, ohne zuvor eine schrift­li­che Geneh­mi­gung erhal­ten zu haben.

Ich schwö­re fer­ner, den BB…(uoni) CC…(ugini) im Fal­le der Not bei­zu­ste­hen, soweit mei­ne Kräf­te und Fähig­kei­ten rei­chen, und eben­so nicht die Ehre ihrer Fami­li­en anzutasten.

Und wenn ich zum Mein­ei­di­gen wer­de, so wil­li­ge ich ein, daß mein Kör­per in Stücke geris­sen, sodann ver­brannt und mei­ne Asche in den Wind gestreut wer­de, auf daß mein Name allen BB… CC… auf Erden als war­nen­des Bei­spiel diene.

So möge Gott mir hel­fen.‘“ (S. 80)

Der Text fährt fort:

„So lau­te­te der Eid des Neo­phyten. Der­je­ni­ge des Mei­sters, zu des­sen Wür­de man nach wei­te­ren Prü­fun­gen des Eifers und der Treue auf­stieg, lau­te­te dagegen:

‚Ich schwö­re und ver­spre­che auf die­ses Kru­zi­fix, G…M…D…U… (Gro­ßer Mei­ster des Uni­ver­sums), auf mein Ehren­wort und auf die­ses Eisen, das die Mein­ei­di­gen bestraft, die erha­be­nen Geheim­nis­se der R…(espektablen) C…(arboneria) gewis­sen­haft zu wah­ren; nie­mals die Geheim­nis­se des App…(rendente, Lehr­lings) den Paga­ni (Hei­den) zu offen­ba­ren und eben­so wenig die Geheim­nis­se des M…(aestro, Mei­sters) den App…(rendenti, Lehr­lin­gen); fer­ner nie­man­den auf­zu­neh­men und kei­ne V…(endita) zu grün­den ohne Erlaub­nis der dazu befug­ten carb…(onarischen) Hier­ar­chien oder ohne die erfor­der­li­che und voll­kom­me­ne Zahl.

Die genann­ten Geheim­nis­se weder nie­der­zu­schrei­ben noch ein­zu­gra­vie­ren; allen mei­nen BB…(uoni) CC…(ugini) bei­zu­ste­hen und nicht die Ehre ihrer Fami­li­en anzutasten.

Und soll­te ich zum Mein­ei­di­gen wer­den, so wil­li­ge ich ein und wün­sche, daß mein Kör­per in Stücke geris­sen, sodann ver­brannt und die dar­aus ent­ste­hen­de Asche in den Wind gestreut wer­de, auf daß mein Name allen BB… CC… auf bei­den Hemi­sphä­ren zum Abscheu gereiche.

So möge Gott mir hel­fen.‘“ (S. 80)

Unzwei­fel­haft erin­nert die im Ritu­al der car­bo­na­ri­schen Gra­de des Lehr­lings und des Mei­sters vor­ge­se­he­ne Stra­fe teil­wei­se an jene, die in den Initia­ti­ons­ei­den der Frei­mau­re­rei bereits seit dem 18. Jahr­hun­dert vor­ge­se­hen war …

(Fort­set­zung folgt.)

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. Durch sei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen bringt er den Nach­weis, daß die Frei­mau­re­rei von Anfang an eso­te­ri­sche und gno­sti­sche Ele­men­te ent­hielt, die ihre Unver­ein­bar­keit mit der kirch­li­chen Glau­bens­leh­re begründen.

Einleitung/​Übersetzung/​Fußnoten: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana


  1. Filip­po Buo­nar­ro­ti (1761–1837) aus Pisa, Nach­fah­re eines Bru­ders von Michel­an­ge­lo, war ein ita­lie­ni­scher Revo­lu­tio­när und Anhän­ger der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on. Er pro­pa­gier­te gehei­me, hier­ar­chisch orga­ni­sier­te revo­lu­tio­nä­re Gesell­schaf­ten und wur­de zum Ideen­ge­ber für ver­schie­de­ne spä­te­re Geheim­bün­de und revo­lu­tio­nä­re Bewe­gun­gen, dar­un­ter auch Strö­mun­gen der Car­bon­e­ria. ↩︎
  2. Die Par­the­no­päi­sche Repu­blik war eine kurz­le­bi­ge Repu­blik in Nea­pel im Jahr 1799. Sie ent­stand unter dem Ein­fluß der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und den in Ita­li­en ope­rie­ren­den fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­ons­trup­pen, wur­de von Repu­bli­ka­nern getra­gen und nach weni­gen Mona­ten von den bour­bo­ni­schen Trup­pen wie­der besei­tigt. Für die Car­bo­na­ri war sie spä­ter ein wich­ti­ges repu­bli­ka­ni­sches Vor­bild. ↩︎
  3. Giu­sep­pe Mazzini und Giu­sep­pe Gari­bal­di waren bei­de Frei­mau­rer. Mazzini war selbst Car­bo­n­a­ro, bevor er 1831 die revo­lu­tio­nä­re Orga­ni­sa­ti­on Gio­vi­ne Ita­lia (Jun­ges Ita­li­en) grün­de­te, die ein geein­tes und repu­bli­ka­ni­sches Ita­li­en anstreb­te. Gari­bal­di wur­de 1864 Groß­mei­ster des Groß­ori­ents von Ita­li­en (ab 1872 aufr Lebens­zeit). Bei­de ver­folg­ten das Ziel, die bour­bo­ni­sche, vor allem aber die habs­bur­gi­sche Herr­schaft und den Kir­chen­staat zu besei­ti­gen. ↩︎
  4. Der frü­he Faschis­mus bezieht sich auf das Jahr 1919. Bar­zi­lai, Pre­mu­ti und Fer­ri waren alle drei Car­bo­na­ri, Bar­zi­lai gesi­chert auch Frei­mau­rer.
    Sal­va­to­re Bar­zi­lai (1860–1939), Repu­bli­ka­ner, Poli­ti­ker und Frei­mau­rer, war im Ersten Welt­krieg 1915/​16 Mini­ster für „die zu erlö­sen­den Gebie­te“ und anschlie­ßend Sena­tor auf Lebens­zeit. Er gehör­te zu den bedeu­ten­den Ver­tre­tern des römi­schen Repu­bli­ka­nis­mus und stand mit der Car­bon­e­ria in Ver­bin­dung.
    Costan­zo Pre­mu­ti war ein ita­lie­ni­scher repu­bli­ka­ni­scher Poli­ti­ker und Publi­zist.
    Sote­ro Fer­ri war ein ita­lie­ni­scher repu­bli­ka­ni­scher Poli­ti­ker und Publi­zist; er war unter ande­rem stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der Unio­ne Magi­stra­le Nazio­na­le, eines Berufs- und Inter­es­sen­ver­ban­des der ita­lie­ni­schen Leh­rer. ↩︎
  5. Der Jude Erne­sto Nathan war ein repu­bli­ka­ni­scher Poli­ti­ker und Frei­mau­rer, von 1896 bis 1903 und erneut 1917 bis 1919 Groß­mei­ster des Groß­ori­ents von Ita­li­en sowie von 1907 bis 1913 Bür­ger­mei­ster von Rom. ↩︎
  6. Zwi­schen der Erobe­rung Roms im Jahr 1870 und der Macht­über­nah­me durch den Faschis­mus im Jahr 1922 ver­füg­te die ita­lie­ni­sche Frei­mau­re­rei über einen ent­schei­den­den Ein­fluß auf Poli­tik, Ver­wal­tung, Mili­tär und Bil­dungs­we­sen und bil­de­te dort ein weit­rei­chen­des Netz­werk. Ohne frei­mau­re­ri­sche Ver­bin­dun­gen blie­ben bestimm­te Ämter und beruf­li­che Auf­stiegs­mög­lich­kei­ten ver­schlos­sen. ↩︎
  7. Giord­a­no Bru­no (1548–1600) war ein vom Glau­ben abge­fal­le­ner Domi­ni­ka­ner, der 1600 von der Inqui­si­ti­on wegen Ket­ze­rei und Magie aus dem Domi­ni­ka­ner­or­den ent­las­sen und der welt­li­chen Gewalt aus­ge­lie­fert wur­de. Die­se ver­ur­teil­te ihn nach einem irr­lich­tern­den Leben, in dem er sich ein­mal als Cal­vi­nist, dann als Angli­ka­ner, schließ­lich als Luthe­ra­ner aus­gab, aber auch in Genf, Eng­land und Deutsch­land von Poli­zei- und Justiz­be­hör­den ver­folgt und aus­ge­wie­sen wur­de oder flüch­ten muß­te, und nach­dem er trotz Auf­ent­halts­ver­bots nach Ita­li­en zurück­ge­kehrt war, zum Tode und ver­brann­te ihn auf dem Cam­po de’Fiori in Rom. Damit ist Giord­a­no Bru­no ist einer der ganz weni­gen Fäl­le von Hin­rich­tun­gen, die auf die ins­ge­samt sehr mil­de römi­sche Inqui­si­ti­on zurück­ge­hen. Obwohl von den von ihn ver­tre­te­nen Posi­tio­nen kaum noch etwas bekannt ist, gilt er seit dem 19. Jahr­hun­dert als „Heros“ der Frei­mau­rer und ande­rer Kir­chen­fein­de, die ihm in Rom ein Denk­mal errich­te­ten und noch heu­te sei­ner geden­ken. ↩︎
  8. Gio­suè Car­duc­ci (1835–1907) war ein ita­lie­ni­scher Dich­ter und Pro­fes­sor, Frei­mau­rer und über­zeug­ter Anti­kle­ri­ka­ler, seit 1890 war er Sena­tor des König­reichs Ita­li­en, 1906 wur­de ihm der Lite­ra­tur­no­bel­preis ver­lie­hen. Zu sei­nen Wer­ken gehl­ört der „Inno a Sata­na“ („Hym­ne an Satan“). ↩︎

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