Einige Studien über den Satanismus (1. Teil)
Einige Studien über den Satanismus (2. Teil)
Einige Studien über den Satanismus (3. Teil)
Einige Studien über den Satanismus (4. Teil)
Von Pater Paolo M. Siano*
6. Einige Freimaurermeister, die Luzifer preisen
Obwohl verschiedene Freimaurer und auch das, was ich den Schwedischen Kreis nenne (siehe hier), bemüht sind, die Verbindung zwischen Freimaurerei, Gnosis und Luzifer zu verharmlosen oder gar zu leugnen, gibt es dennoch freimaurerische Zeugnisse, welche diese Verbindung ausdrücklich eingestehen oder doch zumindest deutlich erkennen lassen, daß ein solcher Zusammenhang tatsächlich besteht.
Ich beschränke mich hier darauf, zwei freimaurerische Texte anzuführen. Der erste ist verhältnismäßig neueren Datums (2016). Der zweite stammt aus den Jahren 1970/1971 und wurde von einem deutschen Freimaurer in einer Epoche verfaßt, die ich für besonders bezeichnend halte: Unmittelbar nach dem Konzil bemühte sich die Freimaurerei darum, von der Kirche und der Römischen Kurie gewissermaßen eine Vereinbarkeitserklärung zwischen der Zugehörigkeit zur Freimaurerei und dem katholischen Glauben zu erlangen. Gerade jener deutsche Text zeigt jedoch, daß es für Freimaurermeister wesensgemäß ist, rituelle Magie auszuüben – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ritualpraxis der Freimaurerloge – und Luzifer zu schätzen, wenn nicht gar zu verehren. Hier zeigt sich somit jene conciliatio oppositorum, die „Vereinigung der Gegensätze“, welche zum Wesen des freimaurerischen Geistes gehört. Beispiele einer solchen freimaurerischen conciliatio sind etwa:
Kirche und Freimaurerei, Religion und Magie, Licht und Finsternis, Gott und Luzifer …
6.1. MIZR und „Luzifer: der Träger des freimaurerischen Lichtes“
Wie ich bereits in der Zeitschrift Corrispondenza Romana geschrieben habe, ist Fabrizio Fiorini (ehemaliger Sanitätsoffizier der Carabinieri) Mitglied der Anthroposophie Rudolf Steiners, einer Freimaurerei ägyptischen Ritus sowie einer gnostischen Kirche. Unter seinem eigenen Namen und auch unter dem Pseudonym „Apis“ hat er Bücher über die „ägyptische“ Freimaurerei und den Gnostizismus veröffentlicht.
Ich habe außerdem festgestellt, daß Fiorini die Zeitschrift „MIZR – Zeitschrift für freimaurerische, martinistische und gnostische Studien“ („MIZR – Rivista di Studi Libero-Muratori, Martinisti e Gnostici“) gegründet hat. In MIZR, Heft 6 (2. Jahrgang), April 2016, findet sich der Aufsatz eines gewissen „ADM“ [Initialen von Vor- und Familiennamen? Pseudonym? Administrator?] mit dem Titel „Luzifer: der Träger des freimaurerischen Lichtes“ („Lucifero: il portatore della Luce massonica“) (S. 59–68).
In dem Aufsatz von ADM (2016) erkenne ich zahlreiche Inhalte meiner eigenen Studien wieder, teils nahezu wörtlich zitiert, teils zusammenfassend wiedergegeben: „Einführung in das Studium des freimaurerischen Luziferismus“ („Introduzione allo studio del luciferismo massonico“), erschienen in der Zeitschrift Fides Catholica, Nr. 2/2006, sowie „Initiation, Esoterik und Luziferismus in der Freimaurerei des Großorients von Italien (Erster Teil)“ („Iniziazione, Esoterismo e Luciferismo nella Massoneria del G.O.I. (Prima parte)“), veröffentlicht in Fides Catholica, Nr. 1/2007. Diese beiden Studien wurden später – ohne meine Zustimmung einzuholen – auf verschiedenen Blogs oder Internetseiten veröffentlicht.
Ich nehme an, daß ADM diese Studien entweder in Fides Catholica oder im Internet gelesen hat. Die zweite Möglichkeit erscheint mir wahrscheinlicher. ADM erwähnt mich mit keinem Wort; das ist jedoch unerheblich. Von Bedeutung ist vielmehr, daß ADM mit seinem Aufsatz meine Einsichten und Entdeckungen hinsichtlich bestimmter Inhalte der freimaurerischen Esoterik bestätigt. Ich möchte lediglich einige der Übereinstimmungen zwischen den Ausführungen ADMs (2016) und meinen eigenen, bereits früher veröffentlichten Darlegungen (2006/2007) aufzeigen.
Wenden wir uns also dem Aufsatz ADMs zu.
ADM beginnt mit einem Lobgesang auf den „Hymnus an Satan“ („Inno a Satana“) (1863), den der Freimaurer und spätere Literaturnobelpreisträger Giosuè Carducci ungefähr ein Jahr nach seiner Aufnahme in die Freimaurerei (1862) verfaßte. Der Satan Carduccis ist das
„Prinzip des Daseins; hierin spiegelt sich treffend der alte Dionysos wider, der Gott des unendlichen und unzerstörbaren Lebens, welcher die Gegensätze im Kreislauf der Natur ins Gleichgewicht bringt“ (ADM, S. 59).
Der Satan Carduccis ist außerdem das „freie Denken“, „die Vernunft und die Natur“ (ADM, S. 59).
Sodann schreibt ADM:
„Unter der Voraussetzung, daß Satanismus und Luziferismus einander nicht widersprechen, beruht die Verehrung Luzifers als geistiger Wesenheit (oder, einfacher gesagt, als ideelles Symbol) auf den theologischen und philosophischen Voraussetzungen der Identität von Gott und Erkenntnis sowie folglich auf der Göttlichkeit des Erkenntnislichtes im Menschen; schließlich auch auf der wesentlichen Güte jeder Wesenheit, die Lichtträger, das heißt Träger der Erkenntnis ist“ (ADM, S. 59–61).
Wenig später führt ADM aus:
„In gnostischen Kreisen (die auch von der Theosophie Madame Blavatskys beeinflußt sind) gilt Luzifer als ‚Engel‘ des Lichtes, als Dualität von Gut und Böse, als wohltätiger und zugleich unheilvoller göttlicher Geist (Vereinigung der Gegensätze), dessen höllisches Feuer in Wahrheit erneuernde Kraft besitzt. Luzifer ist der Logos in seiner höchsten Erscheinungsform, zugleich aber auch dessen Widersacher (Satan) in seiner niedrigsten Erscheinungsform (Gott–Satan = Luzifer–Satan). Luzifer, der Lichtträger, der Morgenstern, welcher das Ende der Finsternis und das Kommen des Sonnenreiches, des Reiches des Lichtes, ankündigt. Luzifer, Prometheus, derjenige, welcher aus dem Nichts das göttliche Feuer der Weisheit, der Macht und des Lichtes hervorbrachte und es den Menschen übergab. Mit Luzifer wird die dunkle Materie erlöst“ (ADM, S. 61).
Ferner heißt es:
„Licht und Schatten, geheimnisvolle Symbiose des Sonnenlogos, vollkommene vielfache Einheit; ‚Lucifer‘ (mit der Schlange der Genesis verbunden) als Lichtwesen, das den Menschen helfen will, ihre innere Göttlichkeit zu entdecken“ (ADM, S. 62).
ADM erläutert sodann, daß der Satan Carduccis „bei aufmerksamer Lektüre“ als
„die demiurgische Intelligenz verstanden werden kann, welche die Gegensätze geschaffen und miteinander verbunden hat: Himmel und Erde, Sonne und Mond, Männliches und Weibliches, Oberes und Unteres … Dies ist das Gesetz des universalen Gleichgewichts, das es ermöglicht, jeden Gegensatz und jeden Widerspruch aufzulösen, zu verschmelzen und zu vereinigen; jeder Begriff kann in sein Gegenteil umschlagen. Die Lehre oder das Gesetz von der Harmonie und dem Gleichgewicht der Gegensätze (veranschaulicht durch freimaurerische Symbole wie Waage, Dreieck, Winkelmaß und Zirkel) wird vor allem von Albert Pike, 33. Grad des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus, sowie von anderen angesehenen Freimaurern klar dargelegt. Sie erklären, daß diese Lehre (die von der jüdischen Kabbala inspiriert ist) das Königliche Geheimnis darstellt, zu dem der Bruder in den hohen Vollkommenheitsgraden gelangt: Gut und Böse (Himmel und Unterwelt, Gott und Teufel), Licht und Finsternis, aktiv und passiv, männlich und weiblich, Liebe und Haß, Wahrheit und Irrtum, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit bilden untrennbare Aspekte des einen Gesetzes des Gleichgewichts, das in Gott, im Universum und im Menschen wirksam ist; deshalb sind beide Gegensätze notwendig. Wir müssen lernen, die Vereinigung der Gegensätze – auch von Licht und Finsternis – zu vollziehen“ (ADM, S. 62).
Nun kann der Leser hinsichtlich des (esoterischen) Gesetzes des Gleichgewichts und der Lehren Albert Pikes, 33. Grad, die oben zitierte Stelle aus dem Aufsatz ADMs (2016) mit dem vergleichen, was ich bereits im Jahre 2006 geschrieben und was später im Jahre 2014 auf einer Internetseite wiedergegeben wurde.
Anschließend preist ADM die Gnosis Carl Gustav Jungs, welche auch „die Notwendigkeit und die Güte des Teufels als eines dem Göttlichen immanenten Prinzips“ lehre (ADM, S. 62).
Weiter heißt es:
„Für Jung ist klar, daß im Göttlichen alle Gegensätze enthalten sind, auch Christus und der Teufel. Jung weiß sehr wohl, daß der Morgenstern Luzifer-Christus ist, und er preist die Auflehnung Luzifers als Prinzip der Freiheit des Menschen“ (ADM, S. 63).
ADM schreibt ferner:
„Die Freimaurerei ist keine Religion, sie kennt keine Dogmen, achtet jedoch alle vernünftigerweise empfundenen und aufrichtig bekannten Glaubensüberzeugungen. Gott als Quelle der Liebe, nicht des Hasses; Satan als Genius des Guten, nicht des Bösen“ (ADM, S. 63).
Sodann zitiert ADM Passagen aus dem Werk „Morals and Dogma“, in dem Albert Pike, 33. Grad, Luzifer als den Lichtträger darstellt. ADM kommentiert hierzu:
„Wenn wir also Luzifer als freies Denken, Vernunft und Natur verstehen, dann kann man von einem freimaurerischen Luziferismus sprechen. Am Anfang war der Mensch nicht Sklave, weil er der ‚Naturreligion‘ im Einklang mit den Rhythmen der Natur folgte und auch Sonne und Mond verehrte. Erst später trat die ‚geoffenbarte Religion‘ hinzu, welche den Menschen durch ihre Gebote und Vorschriften Fesseln auferlegte. Wir müssen danach streben, nicht länger Sklaven der geoffenbarten Religion zu sein“ (ADM, S. 63).
ADM erwähnt sodann drei Arten des Satanismus:
- den „rationalistischen“,
- den „okkultistischen“,
- den „luziferischen oder gnostisch-manichäischen Satanismus“ (vgl. ADM, S. 63f),
wonach der Teufel oder Luzifer
„ein leuchtendes, gutes und notwendiges Prinzip (persönlicher oder unpersönlicher Art) des Heiligen und Göttlichen ist, weshalb er wahrhaft Träger der Erkenntnis und des Lichtes (Luzifer) ist“ (ADM, S. 64).
ADM fügt hinzu: „Und gerade in diesem letzten Punkt müssen wir uns wiedererkennen“ (ADM, S. 64).
Wenig später erklärt ADM, Anton Szandor LaVey, der Gründer der Kirche Satans im Jahre 1966,
„werfe dem Christentum vor, Luzifer, den Träger des Lichtes, dämonisiert und mit Schuld beladen zu haben. LaVey behauptet, daß allein der ZWEIFEL die geistige Emanzipation bewirken könne; der Zweifel an den christlichen Dogmen werde die Auferstehung Luzifers ermöglichen“ (ADM, S. 64).
Ich weise darauf hin, daß ADM in der eben angeführten Passage – von einigen ausgelassenen Anführungszeichen abgesehen – wörtlich aus meiner bereits erwähnten Studie aus dem Jahre 2006 schöpft. ADM fährt sodann fort:
„Luzifer kann nicht nur das Symbol des freimaurerischen Lichtes und der Auflehnung gegen die katholischen Dogmen sein, sondern auch der Geist des Lichtes, des Lebens und der Freiheit, gleichsam ein Demiurg oder Schöpfer der Welt, der ‚Lichtträger‘ (ein personales Wesen oder eine unpersönliche, kosmische Energie, ein erleuchteter Bewußtseinszustand, zu dem die Initiierten gelangen), der göttliche Geist der Gnosis und des Lichtes, der – freiwillig oder vom Schicksal beziehungsweise vom Demiurgen Adonai, das heißt dem von den Katholiken verehrten Schöpfergott, gezwungen – in die Finsternis der irdischen Materie (die Hölle, den Hades) hinabsteigt, nach Art des Luzifer Dantes, mit dem sich der initiierte Bruder auf der Suche nach dem freimaurerischen Licht und bei dessen Weitergabe sowie beim Abstieg in die Unterwelt (mystischer Tod, Initiationstod), einer notwendigen Etappe für den Wiederaufstieg zum Licht, auseinandersetzen und ihm begegnen muß“ (ADM, S. 64–66).
Ein Leser, der die Möglichkeit besitzt, am Computer eine Stichwortsuche durchzuführen, kann unschwer feststellen, daß sich verschiedene Gedanken aus der eben angeführten Passage ADMs bereits in meinem Text aus dem Jahre 2007 finden, der 2011 auf einer Internetseite wiedergegeben wurde.
Wenig später schreibt ADM:
„Luzifer wird auch als ein magisches Prinzip verstanden, das notwendig ist, um zur Erkenntnis und zu Gott, zum Licht, zu gelangen, oder als eine magische Kraft, welche den freimaurerischen Initiierten auf seinem alchemistischen Vervollkommnungsweg (dem Großen Werk) unterstützen kann; ebenso als Symbol des Menschen (des Initiierten), der das Werk der esoterischen Alchemie zur Vollendung bringt und, erleuchtet, in die Finsternis eindringt und sie überwindet“ (S. 66).
Der Leser kann die oben angeführte Passage ADMs (2016) mit dem vergleichen, was ich bereits im Jahre 2007 geschrieben habe und was später im Jahre 2011 auf einer Internetseite wiedergegeben wurde.
ADM schreibt, die Alchemie ermögliche es,
„zu einer positiven Würdigung Luzifers beziehungsweise Satans zu gelangen“ (vgl. ADM, S. 66f).
Auch zu diesem Thema möge der Leser die Ausführungen ADMs mit dem vergleichen, was ich bereits in meinem Text aus dem Jahre 2006 dargelegt habe, der später hier wiedergegeben wurde. ADM erklärt:
„Die kultische und rituelle Atmosphäre der Loge ist ihrem Wesen nach vom philosophischen, initiatischen und esoterischen Illuminismus durchdrungen“, dessen „untrennbare Bestandteile religiöser Subjektivismus, Illuminismus, Metadogmatismus (die Überschreitung von Dogmen und religiösen Autoritäten) sowie Esoterik (rituelle ‚freimaurerische‘ Magie, die von der Alchemie, der jüdischen Kabbala usw. inspiriert ist)“ seien (ADM, S. 67).
Genau dies hatte ich bereits in meinem Text aus dem Jahre 2006 dargelegt, der später im Jahre 2014 wiedergegeben wurde. Wenig später schreibt ADM:
„Der Meister vom Stuhl sitzt in der Loge zwischen den Symbolen der Sonne und des Mondes. Dies erinnert an den alchemistischen Merkur, den Sohn der Sonne und des Mondes. Die Loge gleicht einem menschlichen Körper, und der Thron des Meisters vom Stuhl entspricht dem Haupt. Sonne und Mond sind die Augen, und der Meister vom Stuhl kann in der Mitte (in seiner Funktion als Gestirn, das das freimaurerische Licht spendet und alle Gegensätze miteinander versöhnt) dem dritten Auge Shivas entsprechen, des hinduistischen Gottes (oder einer Erscheinungsform Brahmas), der die Gegensätze in sich vereint“ (ADM, S. 68).
Die vorstehende Passage ADMs stimmt nahezu vollständig mit dem überein, was ich bereits 2006 in dem Text geschrieben habe, der später im Jahre 2014 ohn meine Erlaubnis von einem Blog wiedergegeben wurde.
Ferner erklärt ADM:
„Die Loge erstreckt sich von Osten nach Westen, von Norden nach Süden, von der Erdoberfläche bis zum höchsten Himmel und in der Tiefe von der Erdoberfläche bis zum Mittelpunkt der Erde … Somit begegnet uns wiederum die Vereinigung der Gegensätze: Oben und Unten, Himmel und Unterwelt … In der katholischen Theologie stellen die Unterwelten oder Tiefen (der Mittelpunkt) der Erde den Aufenthaltsort des Teufels, die Hölle, dar … In der Ritualpraxis, der Symbolik und der Kultur der Loge finden wir objektive Hinweise (Esoterik, freimaurerische Magie, symbolischer Mord, Tod und Grab, Weitergabe des Lichtes oder initiatische Morgenröte, der Meister vom Stuhl als Lichtträger – Luzifer, der Morgenstern – Luzifer, die coniunctio oppositorum …)“ (ADM, S. 68).
Ganz entsprechend hatte ich dies bereits im Jahre 2006 dargelegt, in dem Text, der später, wie zitiert, im Jahre 2014 wiedergegeben wurde.
Ich danke ADM (ebenso Fabrizio Fiorini und den Freimaurern der MIZR) dafür, daß sie im Jahre 2016 auf diese Weise bestätigt haben, was ich bereits in den Jahren 2006/2007 hinsichtlich des freimaurerischen Luziferismus erkannt und nachgewiesen hatte.
6.2. Br.·. Adolf Hemberger: regulärer Freimaurer, Martinist und Luziferianer (FS) …
Adolf Hemberger (1929–1992), Professor an der Philosophischen Fakultät der Universität Gießen (BRD), war ein Forscher auf den Gebieten der Esoterik und der Freimaurerei sowie der Fraternitas Saturni, über die er nicht weniger als fünfzehn Bände mit „Dokumenten und Ritualien“ zusammengetragen hat. In einigen früheren Teilen dieser Untersuchung habe ich bereits auf die Fraternitas Saturni hingewiesen, eine initiatische Organisation, die sich der Magie und der Verehrung des Saturn-Satan beziehungsweise Luzifer widmet (siehe hier und hier).
Hemberger unterhielt Verbindungen zur Fraternitas Saturni, zu dem Freimaurer Ellic Howe (Loge Quatuor Coronati Nr. 2076 – United Grand Lodge of England), zu Oskar Schlag (Ordo Templi Orientis) sowie zu Joseph Metzger (Ordo Templi Orientis) (siehe hier).
In einer Erklärung vom 14. März 1991 bezeichnet sich der Freimaurer („Bruder“: Br.·.) Adolf Hemberger selbst als „Ordensgeneral des Deutschen Martinisten-Ordens“, als „Meister einer regulären blauen Freimaurerloge“ sowie als „Mitglied der Forschungsloge Quatuor Coronati“ (vgl. Peter‑R. König [Hrsg.], Materialien zum OTO, Arbeitsgemeinschaft für Religions- und Weltanschauungsfragen [ARW], Hiram-Edition 17, München 1994, S. 192).
Ich nehme an, daß damit nicht die Quatuor Coronati Lodge Nr. 2076 in London gemeint ist, sondern die gleichnamige Quatuor Coronati Nr. 808 in Bayreuth (Vereinigte Großlogen von Deutschland), die jedoch als Schwesterloge mit der genannten Londoner Loge verbunden ist.
Zwischen 1970 und 1971 verfaßte Adolf Hemberger einen mehr als 300 maschinengeschriebene Seiten umfassenden Band mit dem Titel „Organisationsformen, Rituale, Lehren und magische Thematik der freimaurerischen und freimaurerartigen Bünde im deutschen Sprachraum Mitteleuropas. Der mystisch-magische Orden Fraternitas Saturni“. In diesem Werk behandelt Hemberger vor allem die Fraternitas Saturni, geht jedoch auch an mehreren wichtigen Stellen auf die esoterischen und magischen Aspekte der regulären Freimaurerei ein – und zwar ausdrücklich der regulären deutschen Freimaurerei, der er selbst angehörte.
Br.·. Hemberger erklärt, der Saturnkult der Fraternitas Saturni sei ein Kult Luzifers als des Lichtträgers (vgl. S. 6f).
Ferner führt Hemberger aus, der 32. Grad der Fraternitas Saturni entspreche dem 32. Grad des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus (vgl. S. 83). Wer den 33. und höchsten Grad der Fraternitas Saturni innehabe, vollziehe magische Operationen und repräsentiere den Demiurgen-Saturn (vgl. S. 84). Deshalb könne nur der Träger des 33. Grades der Fraternitas Saturni Saturn als Satan-Luzifer beschwören (vgl. S. 85).
Weiter hinten hebt der Freimaurer Hemberger die zentrale Bedeutung der Lichtsymbolik innerhalb der Freimaurerei hervor und erwähnt einige initiatische Kreise, welche Luzifer als Lichtträger und Morgenstern verehren. Zum Beleg hierfür verweist Hemberger sogar auf das antimasonische Werk von Msgr. Léon Meurin S. J., „Die Freimaurerei, Synagoge Satans“ („La Franc-Maçonnerie Synagogue de Satan“) (vgl. S. 96). Hemberger erklärt, auch der Luziferianer – also der Verehrer Luzifers – mache eine Transzendenzerfahrung, insbesondere „in der luziferischen Messe“ (vgl. S. 96).
Hemberger führt weiter aus, der Luzifer der Kabbala und der Satan Carduccis hätten nichts mit den Schwarzen Messen des Mittelalters gemein. Nach seiner Auffassung habe die Verwechslung des symbolischen, nichtchristlichen Gottes mit dem christlichen Begriff des „Teufels“ zahlreiche Mißverständnisse über die Freimaurerei hervorgerufen (vgl. S. 97). Sodann erklärt Hemberger, hinsichtlich des Luziferkultes hätten Autoren wie Léo Taxil, Bataille und Domenico Margiotta zutreffende Quellen angeführt:
„Insofern haben Taxil, Rosen, Bataille, Margiotta etc. richtige Quellen zitiert“ (S. 97).
Ich möchte darauf hinweisen, daß es sich hierbei um Autoren handelt, die über den freimaurerischen Luziferismus geschrieben haben.
Später, im 14. Kapitel „Magische Praktiken“ (S. 146–159), erklärt Br.·. Adolf Hemberger, daß sich in den Schriften der Freimaurerei, die sich an ein profanes Publikum richten, keinerlei Hinweise auf magische Arbeit fänden. Dagegen trete das magische Denken in den Ritualen und deren Erläuterungen sowie in den Schriften über Gebräuche und Symbole der Freimaurer deutlich hervor. Dies gelte bereits für die ersten drei Grade des Lehrlings, Gesellen und Meisters (vgl. S. 147–150).
Im Nachwort („Nachwort“) bekennt sich Hemberger ausdrücklich zur Gnosis, übernimmt die Lehre der Fraternitas Saturni und verwirft den Glauben an einen einzigen persönlichen Gott. Er vertritt die Auffassung, die heidnischen Gottheiten seien nichts anderes als Teile des Alls beziehungsweise Emanationen des Ain Soph der jüdischen Kabbala (vgl. S. 303f).
Mit anderen Worten: Der Freimaurer Adolf Hemberger bekennt sich zugleich auch zum Luziferismus der Fraternitas Saturni.
Somit bemühte sich die reguläre deutsche Freimaurerei in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sowie während und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil offiziell um den Dialog mit der katholischen Kirche, um diese zur Anerkennung der Vereinbarkeit zwischen der Zugehörigkeit zur Freimaurerei und dem katholischen Glauben zu bewegen. Gleichzeitig war es jedoch innerhalb derselben Freimaurerei für den Freimaurer möglich, Gnosis und Magie zu pflegen – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Freimaurerloge. Und dies gilt nach Auffassung des Verfassers ebenso heute wie damals, und zwar keineswegs nur für die deutsche Freimaurerei.
*Pater Paolo Maria Siano gehört dem Orden der Franziskaner der Immakulata (FFI) an; der promovierte Kirchenhistoriker gilt als einer der besten katholischen Kenner der Freimaurerei, der er mehrere Standardwerke und zahlreiche Aufsätze gewidmet hat. Durch seine Veröffentlichungen bringt er den Nachweis, daß die Freimaurerei von Anfang an esoterische und gnostische Elemente enthielt, die ihre Unvereinbarkeit mit der kirchlichen Glaubenslehre begründen.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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