Einige Studien über den Satanismus (5. Teil)

Die deutsche Freimaurerei zwischen Dialog mit der Kirche und Gnosis und Magie


Der gefallene Engel, Illustration von Gustave Doré aus dem Jahr 1866 für John Miltons episches Gedicht „Das verlorene Paradies"
Der gefallene Engel, Illustration von Gustave Doré aus dem Jahr 1866 für John Miltons episches Gedicht „Das verlorene Paradies"

Eini­ge Stu­di­en über den Sata­nis­mus (1. Teil)
Eini­ge Stu­di­en über den Sata­nis­mus (2. Teil)
Eini­ge Stu­di­en über den Sata­nis­mus (3. Teil)
Eini­ge Stu­di­en über den Sata­nis­mus (4. Teil)

Von Pater Pao­lo M. Siano*

6. Einige Freimaurermeister, die Luzifer preisen

Obwohl ver­schie­de­ne Frei­mau­rer und auch das, was ich den Schwe­di­schen Kreis nen­ne (sie­he hier), bemüht sind, die Ver­bin­dung zwi­schen Frei­mau­re­rei, Gno­sis und Luzi­fer zu ver­harm­lo­sen oder gar zu leug­nen, gibt es den­noch frei­mau­re­ri­sche Zeug­nis­se, wel­che die­se Ver­bin­dung aus­drück­lich ein­ge­ste­hen oder doch zumin­dest deut­lich erken­nen las­sen, daß ein sol­cher Zusam­men­hang tat­säch­lich besteht.

Ich beschrän­ke mich hier dar­auf, zwei frei­mau­re­ri­sche Tex­te anzu­füh­ren. Der erste ist ver­hält­nis­mä­ßig neue­ren Datums (2016). Der zwei­te stammt aus den Jah­ren 1970/​1971 und wur­de von einem deut­schen Frei­mau­rer in einer Epo­che ver­faßt, die ich für beson­ders bezeich­nend hal­te: Unmit­tel­bar nach dem Kon­zil bemüh­te sich die Frei­mau­re­rei dar­um, von der Kir­che und der Römi­schen Kurie gewis­ser­ma­ßen eine Ver­ein­bar­keits­er­klä­rung zwi­schen der Zuge­hö­rig­keit zur Frei­mau­re­rei und dem katho­li­schen Glau­ben zu erlan­gen. Gera­de jener deut­sche Text zeigt jedoch, daß es für Frei­mau­rer­mei­ster wesens­ge­mäß ist, ritu­el­le Magie aus­zu­üben – sowohl inner­halb als auch außer­halb der Ritu­al­pra­xis der Frei­mau­rer­lo­ge – und Luzi­fer zu schät­zen, wenn nicht gar zu ver­eh­ren. Hier zeigt sich somit jene con­ci­lia­tio oppo­si­torum, die „Ver­ei­ni­gung der Gegen­sät­ze“, wel­che zum Wesen des frei­mau­re­ri­schen Gei­stes gehört. Bei­spie­le einer sol­chen frei­mau­re­ri­schen con­ci­lia­tio sind etwa:

Kir­che und Frei­mau­re­rei, Reli­gi­on und Magie, Licht und Fin­ster­nis, Gott und Luzifer …

6.1. MIZR und „Luzifer: der Träger des freimaurerischen Lichtes“

Wie ich bereits in der Zeit­schrift Cor­ri­spon­den­za Roma­na geschrie­ben habe, ist Fabri­zio Fio­ri­ni (ehe­ma­li­ger Sani­täts­of­fi­zier der Cara­bi­nie­ri) Mit­glied der Anthro­po­so­phie Rudolf Stei­ners, einer Frei­mau­re­rei ägyp­ti­schen Ritus sowie einer gno­sti­schen Kir­che. Unter sei­nem eige­nen Namen und auch unter dem Pseud­onym „Apis“ hat er Bücher über die „ägyp­ti­sche“ Frei­mau­re­rei und den Gno­sti­zis­mus veröffentlicht.

Ich habe außer­dem fest­ge­stellt, daß Fio­ri­ni die Zeit­schrift „MIZR – Zeit­schrift für frei­mau­re­ri­sche, mar­ti­ni­sti­sche und gno­sti­sche Stu­di­en“ („MIZR – Rivi­sta di Stu­di Libe­ro-Mura­to­ri, Mar­ti­ni­sti e Gno­sti­ci“) gegrün­det hat. In MIZR, Heft 6 (2. Jahr­gang), April 2016, fin­det sich der Auf­satz eines gewis­sen „ADM“ [Initia­len von Vor- und Fami­li­en­na­men? Pseud­onym? Admi­ni­stra­tor?] mit dem Titel „Luzi­fer: der Trä­ger des frei­mau­re­ri­schen Lich­tes“ („Luci­fe­ro: il por­tato­re del­la Luce masso­ni­ca“) (S. 59–68).

In dem Auf­satz von ADM (2016) erken­ne ich zahl­rei­che Inhal­te mei­ner eige­nen Stu­di­en wie­der, teils nahe­zu wört­lich zitiert, teils zusam­men­fas­send wie­der­ge­ge­ben: „Ein­füh­rung in das Stu­di­um des frei­mau­re­ri­schen Luzi­fe­ris­mus“ („Intro­du­zi­o­ne allo stu­dio del luci­fe­ris­mo masso­ni­co“), erschie­nen in der Zeit­schrift Fides Catho­li­ca, Nr. 2/​2006, sowie „Initia­ti­on, Eso­te­rik und Luzi­fe­ris­mus in der Frei­mau­re­rei des Groß­ori­ents von Ita­li­en (Erster Teil)“ („Ini­zia­zio­ne, Eso­te­ris­mo e Luci­fe­ris­mo nella Massoneria del G.O.I. (Pri­ma par­te)“), ver­öf­fent­licht in Fides Catho­li­ca, Nr. 1/​2007. Die­se bei­den Stu­di­en wur­den spä­ter – ohne mei­ne Zustim­mung ein­zu­ho­len – auf ver­schie­de­nen Blogs oder Inter­net­sei­ten veröffentlicht.

Ich neh­me an, daß ADM die­se Stu­di­en ent­we­der in Fides Catho­li­ca oder im Inter­net gele­sen hat. Die zwei­te Mög­lich­keit erscheint mir wahr­schein­li­cher. ADM erwähnt mich mit kei­nem Wort; das ist jedoch uner­heb­lich. Von Bedeu­tung ist viel­mehr, daß ADM mit sei­nem Auf­satz mei­ne Ein­sich­ten und Ent­deckun­gen hin­sicht­lich bestimm­ter Inhal­te der frei­mau­re­ri­schen Eso­te­rik bestä­tigt. Ich möch­te ledig­lich eini­ge der Über­ein­stim­mun­gen zwi­schen den Aus­füh­run­gen ADMs (2016) und mei­nen eige­nen, bereits frü­her ver­öf­fent­lich­ten Dar­le­gun­gen (2006/​2007) aufzeigen.

Wen­den wir uns also dem Auf­satz ADMs zu.

ADM beginnt mit einem Lob­ge­sang auf den „Hym­nus an Satan“ („Inno a Sata­na“) (1863), den der Frei­mau­rer und spä­te­re Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Gio­suè Car­duc­ci unge­fähr ein Jahr nach sei­ner Auf­nah­me in die Frei­mau­re­rei (1862) ver­faß­te. Der Satan Car­duc­cis ist das

„Prin­zip des Daseins; hier­in spie­gelt sich tref­fend der alte Dio­ny­sos wider, der Gott des unend­li­chen und unzer­stör­ba­ren Lebens, wel­cher die Gegen­sät­ze im Kreis­lauf der Natur ins Gleich­ge­wicht bringt“ (ADM, S. 59).

Der Satan Car­duc­cis ist außer­dem das „freie Den­ken“, „die Ver­nunft und die Natur“ (ADM, S. 59).

Sodann schreibt ADM:

„Unter der Vor­aus­set­zung, daß Sata­nis­mus und Luzi­fe­ris­mus ein­an­der nicht wider­spre­chen, beruht die Ver­eh­rung Luzi­fers als gei­sti­ger Wesen­heit (oder, ein­fa­cher gesagt, als ideel­les Sym­bol) auf den theo­lo­gi­schen und phi­lo­so­phi­schen Vor­aus­set­zun­gen der Iden­ti­tät von Gott und Erkennt­nis sowie folg­lich auf der Gött­lich­keit des Erkennt­nis­lich­tes im Men­schen; schließ­lich auch auf der wesent­li­chen Güte jeder Wesen­heit, die Licht­trä­ger, das heißt Trä­ger der Erkennt­nis ist“ (ADM, S. 59–61).

Wenig spä­ter führt ADM aus:

„In gno­sti­schen Krei­sen (die auch von der Theo­so­phie Madame Blava­ts­kys beein­flußt sind) gilt Luzi­fer als ‚Engel‘ des Lich­tes, als Dua­li­tät von Gut und Böse, als wohl­tä­ti­ger und zugleich unheil­vol­ler gött­li­cher Geist (Ver­ei­ni­gung der Gegen­sät­ze), des­sen höl­li­sches Feu­er in Wahr­heit erneu­ern­de Kraft besitzt. Luzi­fer ist der Logos in sei­ner höch­sten Erschei­nungs­form, zugleich aber auch des­sen Wider­sa­cher (Satan) in sei­ner nied­rig­sten Erschei­nungs­form (Gott–Satan = Luzifer–Satan). Luzi­fer, der Licht­trä­ger, der Mor­gen­stern, wel­cher das Ende der Fin­ster­nis und das Kom­men des Son­nen­rei­ches, des Rei­ches des Lich­tes, ankün­digt. Luzi­fer, Pro­me­theus, der­je­ni­ge, wel­cher aus dem Nichts das gött­li­che Feu­er der Weis­heit, der Macht und des Lich­tes her­vor­brach­te und es den Men­schen über­gab. Mit Luzi­fer wird die dunk­le Mate­rie erlöst“ (ADM, S. 61).

Fer­ner heißt es:

„Licht und Schat­ten, geheim­nis­vol­le Sym­bio­se des Son­nen­lo­gos, voll­kom­me­ne viel­fa­che Ein­heit; ‚Luci­fer‘ (mit der Schlan­ge der Gene­sis ver­bun­den) als Licht­we­sen, das den Men­schen hel­fen will, ihre inne­re Gött­lich­keit zu ent­decken“ (ADM, S. 62).

ADM erläu­tert sodann, daß der Satan Car­duc­cis „bei auf­merk­sa­mer Lek­tü­re“ als

„die demi­ur­gi­sche Intel­li­genz ver­stan­den wer­den kann, wel­che die Gegen­sät­ze geschaf­fen und mit­ein­an­der ver­bun­den hat: Him­mel und Erde, Son­ne und Mond, Männ­li­ches und Weib­li­ches, Obe­res und Unte­res … Dies ist das Gesetz des uni­ver­sa­len Gleich­ge­wichts, das es ermög­licht, jeden Gegen­satz und jeden Wider­spruch auf­zu­lö­sen, zu ver­schmel­zen und zu ver­ei­ni­gen; jeder Begriff kann in sein Gegen­teil umschla­gen. Die Leh­re oder das Gesetz von der Har­mo­nie und dem Gleich­ge­wicht der Gegen­sät­ze (ver­an­schau­licht durch frei­mau­re­ri­sche Sym­bo­le wie Waa­ge, Drei­eck, Win­kel­maß und Zir­kel) wird vor allem von Albert Pike, 33. Grad des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus, sowie von ande­ren ange­se­he­nen Frei­mau­rern klar dar­ge­legt. Sie erklä­ren, daß die­se Leh­re (die von der jüdi­schen Kab­ba­la inspi­riert ist) das König­li­che Geheim­nis dar­stellt, zu dem der Bru­der in den hohen Voll­kom­men­heits­gra­den gelangt: Gut und Böse (Him­mel und Unter­welt, Gott und Teu­fel), Licht und Fin­ster­nis, aktiv und pas­siv, männ­lich und weib­lich, Lie­be und Haß, Wahr­heit und Irr­tum, Gerech­tig­keit und Barm­her­zig­keit bil­den untrenn­ba­re Aspek­te des einen Geset­zes des Gleich­ge­wichts, das in Gott, im Uni­ver­sum und im Men­schen wirk­sam ist; des­halb sind bei­de Gegen­sät­ze not­wen­dig. Wir müs­sen ler­nen, die Ver­ei­ni­gung der Gegen­sät­ze – auch von Licht und Fin­ster­nis – zu voll­zie­hen“ (ADM, S. 62).

Nun kann der Leser hin­sicht­lich des (eso­te­ri­schen) Geset­zes des Gleich­ge­wichts und der Leh­ren Albert Pikes, 33. Grad, die oben zitier­te Stel­le aus dem Auf­satz ADMs (2016) mit dem ver­glei­chen, was ich bereits im Jah­re 2006 geschrie­ben und was spä­ter im Jah­re 2014 auf einer Inter­net­sei­te wie­der­ge­ge­ben wurde.

Anschlie­ßend preist ADM die Gno­sis Carl Gustav Jungs, wel­che auch „die Not­wen­dig­keit und die Güte des Teu­fels als eines dem Gött­li­chen imma­nen­ten Prin­zips“ leh­re (ADM, S. 62).

Wei­ter heißt es:

„Für Jung ist klar, daß im Gött­li­chen alle Gegen­sät­ze ent­hal­ten sind, auch Chri­stus und der Teu­fel. Jung weiß sehr wohl, daß der Mor­gen­stern Luzi­fer-Chri­stus ist, und er preist die Auf­leh­nung Luzi­fers als Prin­zip der Frei­heit des Men­schen“ (ADM, S. 63).

ADM schreibt ferner:

„Die Frei­mau­re­rei ist kei­ne Reli­gi­on, sie kennt kei­ne Dog­men, ach­tet jedoch alle ver­nünf­ti­ger­wei­se emp­fun­de­nen und auf­rich­tig bekann­ten Glau­bens­über­zeu­gun­gen. Gott als Quel­le der Lie­be, nicht des Has­ses; Satan als Geni­us des Guten, nicht des Bösen“ (ADM, S. 63).

Sodann zitiert ADM Pas­sa­gen aus dem Werk „Morals and Dog­ma“, in dem Albert Pike, 33. Grad, Luzi­fer als den Licht­trä­ger dar­stellt. ADM kom­men­tiert hierzu:

„Wenn wir also Luzi­fer als frei­es Den­ken, Ver­nunft und Natur ver­ste­hen, dann kann man von einem frei­mau­re­ri­schen Luzi­fe­ris­mus spre­chen. Am Anfang war der Mensch nicht Skla­ve, weil er der ‚Natur­re­li­gi­on‘ im Ein­klang mit den Rhyth­men der Natur folg­te und auch Son­ne und Mond ver­ehr­te. Erst spä­ter trat die ‚geof­fen­bar­te Reli­gi­on‘ hin­zu, wel­che den Men­schen durch ihre Gebo­te und Vor­schrif­ten Fes­seln auf­er­leg­te. Wir müs­sen danach stre­ben, nicht län­ger Skla­ven der geof­fen­bar­ten Reli­gi­on zu sein“ (ADM, S. 63).

ADM erwähnt sodann drei Arten des Satanismus:

  1. den „ratio­na­li­sti­schen“,
  2. den „okkul­ti­sti­schen“,
  3. den „luzi­fe­ri­schen oder gno­stisch-manich­äi­schen Sata­nis­mus“ (vgl. ADM, S. 63f),

wonach der Teu­fel oder Luzifer

„ein leuch­ten­des, gutes und not­wen­di­ges Prin­zip (per­sön­li­cher oder unper­sön­li­cher Art) des Hei­li­gen und Gött­li­chen ist, wes­halb er wahr­haft Trä­ger der Erkennt­nis und des Lich­tes (Luzi­fer) ist“ (ADM, S. 64).

ADM fügt hin­zu: „Und gera­de in die­sem letz­ten Punkt müs­sen wir uns wie­der­erken­nen“ (ADM, S. 64).

Wenig spä­ter erklärt ADM, Anton Szan­dor LaVey, der Grün­der der Kir­che Satans im Jah­re 1966,

„wer­fe dem Chri­sten­tum vor, Luzi­fer, den Trä­ger des Lich­tes, dämo­ni­siert und mit Schuld bela­den zu haben. LaVey behaup­tet, daß allein der ZWEIFEL die gei­sti­ge Eman­zi­pa­ti­on bewir­ken kön­ne; der Zwei­fel an den christ­li­chen Dog­men wer­de die Auf­er­ste­hung Luzi­fers ermög­li­chen“ (ADM, S. 64).

Ich wei­se dar­auf hin, daß ADM in der eben ange­führ­ten Pas­sa­ge – von eini­gen aus­ge­las­se­nen Anfüh­rungs­zei­chen abge­se­hen – wört­lich aus mei­ner bereits erwähn­ten Stu­die aus dem Jah­re 2006 schöpft. ADM fährt sodann fort:

„Luzi­fer kann nicht nur das Sym­bol des frei­mau­re­ri­schen Lich­tes und der Auf­leh­nung gegen die katho­li­schen Dog­men sein, son­dern auch der Geist des Lich­tes, des Lebens und der Frei­heit, gleich­sam ein Demi­urg oder Schöp­fer der Welt, der ‚Licht­trä­ger‘ (ein per­so­na­les Wesen oder eine unper­sön­li­che, kos­mi­sche Ener­gie, ein erleuch­te­ter Bewußt­seins­zu­stand, zu dem die Initi­ier­ten gelan­gen), der gött­li­che Geist der Gno­sis und des Lich­tes, der – frei­wil­lig oder vom Schick­sal bezie­hungs­wei­se vom Demi­ur­gen Adon­ai, das heißt dem von den Katho­li­ken ver­ehr­ten Schöp­fer­gott, gezwun­gen – in die Fin­ster­nis der irdi­schen Mate­rie (die Höl­le, den Hades) hin­ab­steigt, nach Art des Luzi­fer Dan­tes, mit dem sich der initi­ier­te Bru­der auf der Suche nach dem frei­mau­re­ri­schen Licht und bei des­sen Wei­ter­ga­be sowie beim Abstieg in die Unter­welt (mysti­scher Tod, Initia­ti­ons­tod), einer not­wen­di­gen Etap­pe für den Wie­der­auf­stieg zum Licht, aus­ein­an­der­set­zen und ihm begeg­nen muß“ (ADM, S. 64–66).

Ein Leser, der die Mög­lich­keit besitzt, am Com­pu­ter eine Stich­wort­su­che durch­zu­füh­ren, kann unschwer fest­stel­len, daß sich ver­schie­de­ne Gedan­ken aus der eben ange­führ­ten Pas­sa­ge ADMs bereits in mei­nem Text aus dem Jah­re 2007 fin­den, der 2011 auf einer Inter­net­sei­te wie­der­ge­ge­ben wurde.

Wenig spä­ter schreibt ADM:

„Luzi­fer wird auch als ein magi­sches Prin­zip ver­stan­den, das not­wen­dig ist, um zur Erkennt­nis und zu Gott, zum Licht, zu gelan­gen, oder als eine magi­sche Kraft, wel­che den frei­mau­re­ri­schen Initi­ier­ten auf sei­nem alche­mi­sti­schen Ver­voll­komm­nungs­weg (dem Gro­ßen Werk) unter­stüt­zen kann; eben­so als Sym­bol des Men­schen (des Initi­ier­ten), der das Werk der eso­te­ri­schen Alche­mie zur Voll­endung bringt und, erleuch­tet, in die Fin­ster­nis ein­dringt und sie über­win­det“ (S. 66).

Der Leser kann die oben ange­führ­te Pas­sa­ge ADMs (2016) mit dem ver­glei­chen, was ich bereits im Jah­re 2007 geschrie­ben habe und was spä­ter im Jah­re 2011 auf einer Inter­net­sei­te wie­der­ge­ge­ben wur­de.
ADM schreibt, die Alche­mie ermög­li­che es,

„zu einer posi­ti­ven Wür­di­gung Luzi­fers bezie­hungs­wei­se Satans zu gelan­gen“ (vgl. ADM, S. 66f).

Auch zu die­sem The­ma möge der Leser die Aus­füh­run­gen ADMs mit dem ver­glei­chen, was ich bereits in mei­nem Text aus dem Jah­re 2006 dar­ge­legt habe, der spä­ter hier wie­der­ge­ge­ben wur­de. ADM erklärt:

„Die kul­ti­sche und ritu­el­le Atmo­sphä­re der Loge ist ihrem Wesen nach vom phi­lo­so­phi­schen, initia­ti­schen und eso­te­ri­schen Illu­mi­nis­mus durch­drun­gen“, des­sen „untrenn­ba­re Bestand­tei­le reli­giö­ser Sub­jek­ti­vis­mus, Illu­mi­nis­mus, Meta­dog­ma­tis­mus (die Über­schrei­tung von Dog­men und reli­giö­sen Auto­ri­tä­ten) sowie Eso­te­rik (ritu­el­le ‚frei­mau­re­ri­sche‘ Magie, die von der Alche­mie, der jüdi­schen Kab­ba­la usw. inspi­riert ist)“ sei­en (ADM, S. 67).

Genau dies hat­te ich bereits in mei­nem Text aus dem Jah­re 2006 dar­ge­legt, der spä­ter im Jah­re 2014 wie­der­ge­ge­ben wur­de. Wenig spä­ter schreibt ADM:

„Der Mei­ster vom Stuhl sitzt in der Loge zwi­schen den Sym­bo­len der Son­ne und des Mon­des. Dies erin­nert an den alche­mi­sti­schen Mer­kur, den Sohn der Son­ne und des Mon­des. Die Loge gleicht einem mensch­li­chen Kör­per, und der Thron des Mei­sters vom Stuhl ent­spricht dem Haupt. Son­ne und Mond sind die Augen, und der Mei­ster vom Stuhl kann in der Mit­te (in sei­ner Funk­ti­on als Gestirn, das das frei­mau­re­ri­sche Licht spen­det und alle Gegen­sät­ze mit­ein­an­der ver­söhnt) dem drit­ten Auge Shi­vas ent­spre­chen, des hin­du­isti­schen Got­tes (oder einer Erschei­nungs­form Brah­mas), der die Gegen­sät­ze in sich ver­eint“ (ADM, S. 68).

Die vor­ste­hen­de Pas­sa­ge ADMs stimmt nahe­zu voll­stän­dig mit dem über­ein, was ich bereits 2006 in dem Text geschrie­ben habe, der spä­ter im Jah­re 2014 ohn mei­ne Erlaub­nis von einem Blog wie­der­ge­ge­ben wurde.

Fer­ner erklärt ADM:

„Die Loge erstreckt sich von Osten nach Westen, von Nor­den nach Süden, von der Erd­ober­flä­che bis zum höch­sten Him­mel und in der Tie­fe von der Erd­ober­flä­che bis zum Mit­tel­punkt der Erde … Somit begeg­net uns wie­der­um die Ver­ei­ni­gung der Gegen­sät­ze: Oben und Unten, Him­mel und Unter­welt … In der katho­li­schen Theo­lo­gie stel­len die Unter­wel­ten oder Tie­fen (der Mit­tel­punkt) der Erde den Auf­ent­halts­ort des Teu­fels, die Höl­le, dar … In der Ritu­al­pra­xis, der Sym­bo­lik und der Kul­tur der Loge fin­den wir objek­ti­ve Hin­wei­se (Eso­te­rik, frei­mau­re­ri­sche Magie, sym­bo­li­scher Mord, Tod und Grab, Wei­ter­ga­be des Lich­tes oder initia­ti­sche Mor­gen­rö­te, der Mei­ster vom Stuhl als Licht­trä­ger – Luzi­fer, der Mor­gen­stern – Luzi­fer, die coni­unc­tio oppo­si­torum …)“ (ADM, S. 68).

Ganz ent­spre­chend hat­te ich dies bereits im Jah­re 2006 dar­ge­legt, in dem Text, der spä­ter, wie zitiert, im Jah­re 2014 wie­der­ge­ge­ben wurde.

Ich dan­ke ADM (eben­so Fabri­zio Fio­ri­ni und den Frei­mau­rern der MIZR) dafür, daß sie im Jah­re 2016 auf die­se Wei­se bestä­tigt haben, was ich bereits in den Jah­ren 2006/​2007 hin­sicht­lich des frei­mau­re­ri­schen Luzi­fe­ris­mus erkannt und nach­ge­wie­sen hatte.

6.2. Br.·. Adolf Hemberger: regulärer Freimaurer, Martinist und Luziferianer (FS) …

Adolf Hem­ber­ger (1929–1992), Pro­fes­sor an der Phi­lo­so­phi­schen Fakul­tät der Uni­ver­si­tät Gie­ßen (BRD), war ein For­scher auf den Gebie­ten der Eso­te­rik und der Frei­mau­re­rei sowie der Fra­ter­ni­tas Satur­ni, über die er nicht weni­ger als fünf­zehn Bän­de mit „Doku­men­ten und Ritua­li­en“ zusam­men­ge­tra­gen hat. In eini­gen frü­he­ren Tei­len die­ser Unter­su­chung habe ich bereits auf die Fra­ter­ni­tas Satur­ni hin­ge­wie­sen, eine initia­ti­sche Orga­ni­sa­ti­on, die sich der Magie und der Ver­eh­rung des Saturn-Satan bezie­hungs­wei­se Luzi­fer wid­met (sie­he hier und hier).

Hem­ber­ger unter­hielt Ver­bin­dun­gen zur Fra­ter­ni­tas Satur­ni, zu dem Frei­mau­rer Ellic Howe (Loge Qua­tu­or Coro­na­ti Nr. 2076 United Grand Lodge of Eng­land), zu Oskar Schlag (Ordo Templi Ori­en­tis) sowie zu Joseph Metz­ger (Ordo Templi Ori­en­tis) (sie­he hier).

In einer Erklä­rung vom 14. März 1991 bezeich­net sich der Frei­mau­rer („Bru­der“: Br.·.) Adolf Hem­ber­ger selbst als „Ordens­ge­ne­ral des Deut­schen Mar­ti­ni­sten-Ordens“, als „Mei­ster einer regu­lä­ren blau­en Frei­mau­rer­lo­ge“ sowie als „Mit­glied der For­schungs­lo­ge Qua­tu­or Coro­na­ti“ (vgl. Peter‑R. König [Hrsg.], Mate­ria­li­en zum OTO, Arbeits­ge­mein­schaft für Reli­gi­ons- und Welt­an­schau­ungs­fra­gen [ARW], Hiram-Edi­ti­on 17, Mün­chen 1994, S. 192).

Ich neh­me an, daß damit nicht die Qua­tu­or Coro­na­ti Lodge Nr. 2076 in Lon­don gemeint ist, son­dern die gleich­na­mi­ge Qua­tu­or Coro­na­ti Nr. 808 in Bay­reuth (Ver­ei­nig­te Groß­lo­gen von Deutsch­land), die jedoch als Schwe­ster­lo­ge mit der genann­ten Lon­do­ner Loge ver­bun­den ist.

Zwi­schen 1970 und 1971 ver­faß­te Adolf Hem­ber­ger einen mehr als 300 maschi­nen­ge­schrie­be­ne Sei­ten umfas­sen­den Band mit dem Titel „Orga­ni­sa­ti­ons­for­men, Ritua­le, Leh­ren und magi­sche The­ma­tik der frei­mau­re­ri­schen und frei­mau­rer­ar­ti­gen Bün­de im deut­schen Sprach­raum Mit­tel­eu­ro­pas. Der mystisch-magi­sche Orden Fra­ter­ni­tas Satur­ni“. In die­sem Werk behan­delt Hem­ber­ger vor allem die Fra­ter­ni­tas Satur­ni, geht jedoch auch an meh­re­ren wich­ti­gen Stel­len auf die eso­te­ri­schen und magi­schen Aspek­te der regu­lä­ren Frei­mau­re­rei ein – und zwar aus­drück­lich der regu­lä­ren deut­schen Frei­mau­re­rei, der er selbst angehörte.

Br.·. Hem­ber­ger erklärt, der Saturn­kult der Fra­ter­ni­tas Satur­ni sei ein Kult Luzi­fers als des Licht­trä­gers (vgl. S. 6f).

Fer­ner führt Hem­ber­ger aus, der 32. Grad der Fra­ter­ni­tas Satur­ni ent­spre­che dem 32. Grad des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus (vgl. S. 83). Wer den 33. und höch­sten Grad der Fra­ter­ni­tas Satur­ni inne­ha­be, voll­zie­he magi­sche Ope­ra­tio­nen und reprä­sen­tie­re den Demi­ur­gen-Saturn (vgl. S. 84). Des­halb kön­ne nur der Trä­ger des 33. Gra­des der Fra­ter­ni­tas Satur­ni Saturn als Satan-Luzi­fer beschwö­ren (vgl. S. 85).

Wei­ter hin­ten hebt der Frei­mau­rer Hem­ber­ger die zen­tra­le Bedeu­tung der Licht­sym­bo­lik inner­halb der Frei­mau­re­rei her­vor und erwähnt eini­ge initia­ti­sche Krei­se, wel­che Luzi­fer als Licht­trä­ger und Mor­gen­stern ver­eh­ren. Zum Beleg hier­für ver­weist Hem­ber­ger sogar auf das anti­ma­so­ni­sche Werk von Msgr. Léon Meu­rin S. J., „Die Frei­mau­re­rei, Syn­ago­ge Satans“ („La Franc-Maçon­ne­rie Syn­ago­gue de Satan“) (vgl. S. 96). Hem­ber­ger erklärt, auch der Luzi­fe­ria­ner – also der Ver­eh­rer Luzi­fers – mache eine Tran­szen­denz­er­fah­rung, ins­be­son­de­re „in der luzi­fe­ri­schen Mes­se“ (vgl. S. 96).

Hem­ber­ger führt wei­ter aus, der Luzi­fer der Kab­ba­la und der Satan Car­duc­cis hät­ten nichts mit den Schwar­zen Mes­sen des Mit­tel­al­ters gemein. Nach sei­ner Auf­fas­sung habe die Ver­wechs­lung des sym­bo­li­schen, nicht­christ­li­chen Got­tes mit dem christ­li­chen Begriff des „Teu­fels“ zahl­rei­che Miß­ver­ständ­nis­se über die Frei­mau­re­rei her­vor­ge­ru­fen (vgl. S. 97). Sodann erklärt Hem­ber­ger, hin­sicht­lich des Luzi­fer­kul­tes hät­ten Autoren wie Léo Taxil, Batail­le und Dome­ni­co Mar­giot­ta zutref­fen­de Quel­len angeführt:

„Inso­fern haben Taxil, Rosen, Batail­le, Mar­giot­ta etc. rich­ti­ge Quel­len zitiert“ (S. 97).

Ich möch­te dar­auf hin­wei­sen, daß es sich hier­bei um Autoren han­delt, die über den frei­mau­re­ri­schen Luzi­fe­ris­mus geschrie­ben haben.

Spä­ter, im 14. Kapi­tel „Magi­sche Prak­ti­ken“ (S. 146–159), erklärt Br.·. Adolf Hem­ber­ger, daß sich in den Schrif­ten der Frei­mau­re­rei, die sich an ein pro­fa­nes Publi­kum rich­ten, kei­ner­lei Hin­wei­se auf magi­sche Arbeit fän­den. Dage­gen tre­te das magi­sche Den­ken in den Ritua­len und deren Erläu­te­run­gen sowie in den Schrif­ten über Gebräu­che und Sym­bo­le der Frei­mau­rer deut­lich her­vor. Dies gel­te bereits für die ersten drei Gra­de des Lehr­lings, Gesel­len und Mei­sters (vgl. S. 147–150).

Im Nach­wort („Nach­wort“) bekennt sich Hem­ber­ger aus­drück­lich zur Gno­sis, über­nimmt die Leh­re der Fra­ter­ni­tas Satur­ni und ver­wirft den Glau­ben an einen ein­zi­gen per­sön­li­chen Gott. Er ver­tritt die Auf­fas­sung, die heid­ni­schen Gott­hei­ten sei­en nichts ande­res als Tei­le des Alls bezie­hungs­wei­se Emana­tio­nen des Ain Soph der jüdi­schen Kab­ba­la (vgl. S. 303f).

Mit ande­ren Wor­ten: Der Frei­mau­rer Adolf Hem­ber­ger bekennt sich zugleich auch zum Luzi­fe­ris­mus der Fra­ter­ni­tas Satur­ni.

Somit bemüh­te sich die regu­lä­re deut­sche Frei­mau­re­rei in der Zeit nach dem Zwei­ten Welt­krieg sowie wäh­rend und nach dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil offi­zi­ell um den Dia­log mit der katho­li­schen Kir­che, um die­se zur Aner­ken­nung der Ver­ein­bar­keit zwi­schen der Zuge­hö­rig­keit zur Frei­mau­re­rei und dem katho­li­schen Glau­ben zu bewe­gen. Gleich­zei­tig war es jedoch inner­halb der­sel­ben Frei­mau­re­rei für den Frei­mau­rer mög­lich, Gno­sis und Magie zu pfle­gen – sowohl inner­halb als auch außer­halb der Frei­mau­rer­lo­ge. Und dies gilt nach Auf­fas­sung des Ver­fas­sers eben­so heu­te wie damals, und zwar kei­nes­wegs nur für die deut­sche Freimaurerei.

*Pater Pao­lo Maria Sia­no gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an; der pro­mo­vier­te Kir­chen­hi­sto­ri­ker gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei, der er meh­re­re Stan­dard­wer­ke und zahl­rei­che Auf­sät­ze gewid­met hat. Durch sei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen bringt er den Nach­weis, daß die Frei­mau­re­rei von Anfang an eso­te­ri­sche und gno­sti­sche Ele­men­te ent­hielt, die ihre Unver­ein­bar­keit mit der kirch­li­chen Glau­bens­leh­re begründen.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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