Einige Studien über den Satanismus (1. Teil)
Einige Studien über den Satanismus (2. Teil)
Einige Studien über den Satanismus (3. Teil)
Von Pater Paolo M. Siano*
5. Ein Buch von Per Faxneld und Johan Nilsson: „Satanism. A Reader“ (2023)
Im Jahre 2023 veröffentlichte die Oxford University Press das Buch „Satanism. A Reader“ („Satanismus. Ein Lesebuch“), eine Sammlung von zwanzig Aufsätzen über den Satanismus mit einem Gesamtumfang von 351 Seiten, herausgegeben von den schwedischen Religionswissenschaftlern Per Faxneld und Johan Nilsson. Faxneld ist uns bereits begegnet: In einem früheren Teil dieser Studie habe ich sein Buch „Satanic Feminism: Lucifer as the Liberator of Woman in Nineteenth-Century Culture“ („Satanischer Feminismus: Luzifer als Befreier der Frau in der Kultur des neunzehnten Jahrhunderts“) untersucht (siehe hier).
Faxneld und Nilsson vertreten erneut Thesen, die ich bereits im zweiten und dritten Teil dieser Studie dargestellt und kritisiert habe.
Im folgenden möchte ich auf einige der Beiträge eingehen, die in dem von Faxneld und Nilsson herausgegebenen Sammelband enthalten sind.
5.1. Der „explizite“, „öffentliche“ Satanismus: ein Produkt der Säkularisierung …
In der Einleitung („Introduction“, S. 1–23) vertreten die beiden schwedischen Gelehrten die Auffassung, der Satanismus sei ein Phänomen, das bereits zu Beginn des Christentums erfunden worden sei, als die Kirchenväter („Church Fathers“) an phantastische Erzählungen über Teufelsanbeter und makabre Rituale geglaubt hätten (vgl. S. 1).
Dieser These stimme ich selbstverständlich nicht zu. Zutreffend und bemerkenswert erscheint mir hingegen folgende Beobachtung der beiden schwedischen Forscher: Der Satanismus, verstanden als „offene“ Identität beziehungsweise als offenes Phänomen, also als etwas Offenkundiges oder Ausdrückliches, konnte erst in dem Maße in Erscheinung treten, wie die weltliche Macht der Christenheit geschwächt wurde; der Satanismus ist ein unmittelbares Produkt der Säkularisierung, welche die Bindungen zwischen Staat und Gesellschaft einerseits sowie Kirche und Religion andererseits löst:
„Naturally, Satanism as an open identity only became possible in a time when Christianity’s hold on legal systems and social norms had weakened. In that sense, Satanism is a direct product of secularization (understood primarily as the severing of ties between state/public sphere and religion).“ („Selbstverständlich wurde der Satanismus als offene Identität erst in einer Zeit möglich, in der der Einfluß des Christentums auf die Rechtssysteme und die gesellschaftlichen Normen geschwunden war. In diesem Sinne ist der Satanismus ein unmittelbares Produkt der Säkularisierung, verstanden vor allem als Lösung der Verbindungen zwischen Staat beziehungsweise öffentlicher Sphäre und Religion.“) (S. 5)
5.2. Eliphas Lévi und Lucifer
In dem Aufsatz „Eliphas Lévi, La Bible de la liberté“ („Eliphas Lévi, Die Bibel der Freiheit“, 1841, S. 24–40) zeigt Professor Julian Strube, daß Alphonse-Louis Constant (besser bekannt als Eliphas Lévi, französischer Sozialist und Okkultist) in seiner „Bible de la liberté“ „Lucifer“ als Befreier der Frau und als aus dem Paradies vertriebenen Märtyrer preist (vgl. S. 30).
Nach Constant ist Gott zugleich männlich und weiblich (vgl. S. 32, Anm. 34).
In seinem „Testament de la liberté“ („Testament der Freiheit“) stellt Constant Lucifer als Erlöser der Menschheit dar, der zunächst durch Leiden sich selbst erlösen müsse (vgl. S. 32).
Später spricht Constant beziehungsweise Eliphas Lévi in seinem Werk „Dogme et rituel de la haute magie“ („Dogma und Ritual der hohen Magie“) vom „Baphomet“, einer androgynen Gestalt, die das universale Gleichgewicht der Gegensätze symbolisiere (vgl. S. 35f).
In dem Buch „La clef des grands mystères“ („Der Schlüssel zu den großen Mysterien“, 1861) zitiert Constant beziehungsweise Lévi zahlreiche Stellen aus seiner früheren „Bible de la liberté“ und preist erneut „Lucifer“ als rebellischen und revolutionären Helden, als Engel des Lichtes und der Freiheit sowie als Vater der Intelligenz (vgl. S. 35).
Zwischen 2016 und 2024 lehrte Strube an den Universitäten Amsterdam, Heidelberg, Hamburg, Harvard und Wien; seit 2024 lehrt er an der Universität Göttingen.
5.3. Albert Pike 33° und der gnostische Luzifer [von Eliphas Lévi]
Fredrik Gregorius, Dozent an der Universität Linköping (Schweden), stellt in dem Aufsatz „Albert Pike, Morals and Dogma of the Ancient and Accepted Scottish Rite of Freemasonry“ („Albert Pike, Moral und Dogma des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus der Freimaurerei“, 1871, S. 62–68) zwar den Versuch an, nachzuweisen, daß der bekannte Freimaurer Albert Pike 33° weder luciferianisch noch satanistisch gewesen sei, muß jedoch zugleich einräumen, daß Pike in seinem Werk „Morals and Dogma“ in der Nachfolge von Eliphas Lévi eine Aufwertung sowohl Luzifers (vgl. S. 63, 65f) als auch des Baphomet (vgl. S. 65) vornimmt und zudem zwischen Luzifer und Satan unterscheidet (S. 66).
Zu Albert Pike – Eliphas Lévi – Luzifer habe ich bereits im dritten Teil dieser Studie geschrieben (vgl. Abschnitt 4.8.1.).
Fredrik Gregorius räumt hinsichtlich der Präsenz von Gnosis und Luzifer in den Schriften Pikes („Morals and Dogma“) ein:
„[…] it is at times possible to see a type of Gnostic undertone in his writings […]“ („[…] mitunter ist in seinen Schriften eine Art gnostischer Unterton erkennbar […]“) (S. 66);
„[…] it could be argued that there is a tendency in the book that can be regarded as Gnostic in the sense that it portrays the God of the Old Testament as the creator, but also as a lower form of existence. Lucifer, despite at times being ambivalent, seems to be a symbol of liberty and enlightenment“ („[…] es ließe sich argumentieren, daß in dem Buch eine Tendenz vorhanden ist, die als gnostisch betrachtet werden kann, insofern der Gott des Alten Testaments als Schöpfer, aber zugleich als eine niedrigere Seinsform dargestellt wird. Luzifer scheint, trotz seiner gelegentlichen Ambivalenz, ein Symbol der Freiheit und der Erleuchtung zu sein“) (S. 66).
Gregorius bemerkt ferner, daß sich luciferianische oder satanistische Gruppen zur Rechtfertigung ihrer Glaubensüberzeugungen auf Schriften Albert Pikes berufen, wobei er jedoch zugleich betont, daß diese Gruppen die entsprechenden Passagen aus ihrem Zusammenhang herausreißen (vgl. S. 67).
Es versteht sich, daß Gregorius mit der Verteidigung Pikes 33° zugleich die Freimaurerei verteidigt, vor allem den Alten und Angenommenen Schottischen Ritus.
Gleichwohl gesteht Gregorius selbst ausdrücklich zu, daß es in „Morals and Dogma“ Passagen geben kann, in denen Luzifer in einem gnostischen Sinne aufgewertet wird.
Wie ich bereits im Jahre 2012 in meinem Werk „Un manuale per conoscere la Massoneria“ („Ein Handbuch der Freimaurerei“) (S. 211f) geschrieben habe, existiert zudem ein weiterer bedeutender, jedoch kaum bekannter oder zitierter Text, der Albert Pike zugeschrieben werden kann. Es handelt sich um den Einweihungs- beziehungsweise Weihetext der rituellen Kammer des 30. Grades des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus, in dem Luzifer als Morgenstern, Engel des Lichts und der Freiheit gepriesen wird.
Der Verfasser dieses freimaurerischen Ritualtextes (ich halte es für wahrscheinlich, daß es sich tatsächlich um Pike 33° handelt) greift diese Lobpreisungen Luzifers aus dem bereits genannten Werk Eliphas Lévis „La clef des grands mystères“ auf. Zusammenfassend läßt sich sagen: Albert Pike 33° schätzte den Luzifer Eliphas Lévis, keineswegs jedoch den katholischen Gott der Dogmatik.
5.4. Die Gegensätze Luzifer und Satan … und das „reale Geheimnis“ des 32. Grades?
Wir kehren zurück zu dem Buch von Per Faxneld und Johan Nilsson, „Satanism. A Reader“. In dem Aufsatz „Léo Taxil, Le Palladium régénéré et libre“ („Léo Taxil, Das regenerierte und freie Palladium“, 1895, S. 93–100) weist Ruben van Luijk – den wir bereits im dritten Teil dieser Studie kennengelernt haben – auf einen wichtigen Sachverhalt hin: Eliphas Lévi vertritt eine grundlegende Unterscheidung („a fundamental distinction“) zwischen Luzifer [dem Licht] und Satan [der Finsternis], eine Unterscheidung, die auch von Madame Blavatsky übernommen wird (vgl. S. 97).
Leider heben van Luijk und andere Autoren (Faxneld, van Luijk usw.), die bei Oxford University Press publizieren, nicht ausreichend hervor, daß es genügend Hinweise darauf gibt, daß Albert Pike diese Lehre der Unterscheidung zwischen Luzifer und Satan ebenfalls aus Eliphas Lévi übernommen hat.
Zudem berücksichtigen diese Autoren nicht das „reale Geheimnis“ des 32. Grades des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus (wie es gerade Pike in „Morals and Dogma“ darlegt), nämlich das Gesetz (oder die Waage) der universalen Gegensätze in ihrer Einheit und Notwendigkeit, demzufolge die Gegensätze notwendig sind: Gut und Böse, Licht und Finsternis, Männlich und Weiblich usw.
Es ist nicht schwer zu erkennen, daß in diesem Gesetz – und dieser Gnosis – auch Gott [das Gute] und Satan [das Böse], Luzifer [der gnostische Gott des Lichts] und Adonai [der jüdisch-christliche Gott], Luzifer [Licht] und Satan [Finsternis] ihren Platz haben können.
5.5. Ben Kadosh und die Einheit der Gegensätze: Luzifer, die Finsternis, die das Licht trägt …
Ebenfalls interessant ist der Aufsatz von Johann Nilsson „Ben Kadosh (aka Carl William Hansen), Den ny morgens gry (1906)“ („Ben Kadosh (auch Carl William Hansen), Der neue Morgen dämmert (1906)“, 1906, S. 122–130). Über den Fall des Freimaurers Ben Kadosh habe ich bereits im vorhergehenden Teil dieser Studie geschrieben.
Nilsson gibt einige Passagen aus dem dänischen Werk des Freimaurers Ben Kadosh/Hansen „Den ny morgens gry“, das ins Englische als „The Dawn of the New Morning“ („Der Anbruch des neuen Morgens“) übersetzt wurde, wieder (vgl. Nilsson, a. a. O., S. 131–134).
Ben Kadosh behauptet, daß die Freimaurerei Magie praktiziere (vgl. S. 132). Er preist „Lucifer“ als die Finsternis, die das Licht trägt, als erhabene Energie und göttliche Majestät (vgl. S. 133).
5.6. Madame de Naglowska und die Einheit der Gegensätze: Satan dienen, um Gott zu dienen …
In bezug auf den Aufsatz „Maria de Naglowska, La Lumière du sexe (1932) and ‘Satanisme masculin, Satanisme féminin’ (1933)“ („Maria de Naglowska, Das Licht des Geschlechts und ‚männlicher Satanismus, weiblicher Satanismus‘“) (S. 135–147) von Hans Thomas Hakl und Michele Olzi läßt sich die satanische Gnosis der bekannten russischen Esoterikerin Madame de Naglowska wie folgt zusammenfassen:
Gott erzeugt die Gegensätze und enthält sie zugleich in sich selbst; Gott erzeugt Wahrheit und Irrtum; auch Satan ist innerhalb dieser Logik der Gegensätze notwendig; die Vernunft ist Satan; Gott verneint sich selbst im dialektischen Prozeß der Schöpfung; der Eingeweihte, der am dialektischen Prozeß teilnehmen will, muß Satan dienen, um schließlich Gott zu dienen – und dies sei die geheime Lehre der Königlichen Kunst.
Ferner wird nach Madame de Naglowska Satan mit Sexualität und insbesondere mit weiblicher Sexualität verbunden (vgl. S. 141), Satan ist männlich und weiblich (vgl. S. 144) und zugleich eine weibliche Kraft, eine göttliche Mutter (vgl. S. 145).
5.7. Der „Dragon Rouge“ erklärt sich nicht als satanistisch, preist jedoch Luzifer und praktiziert Schwarze Magie
In dem Aufsatz „Thomas Karlsson (Dragon Rouge), Kabbala, kliffot och den goetiska magin (2004)“ („Thomas Karlsson (Dragon Rouge), Kabbala, Qliphoth und die goetische Magie“, S. 306–313) behandelt der schwedische Religionswissenschaftler Fredrik Gregorius erneut den Orden Dragon Rouge („Roter Drache“), einen magischen Orden, der 1989 von dem damals noch sehr jungen Thomas Karlsson (geb. 1972) gegründet wurde. Karlsson arbeitete seinerzeit in der bekanntesten „New Age“-Buchhandlung Stockholms, „Vattumannen“ („Der Wassermann“), und war mit einer Gruppe von Personen in Kontakt gekommen, die sich mit tifonischer und jesidischer Magie beschäftigten („a group of people who were involved in ‘Typhonian and Yezidi magic’“) und in Göteborg tätig waren (vgl. S. 306).
Der Dragon Rouge betrachtet sich als magischen Orden und nicht als satanistische Organisation. Gleichwohl erklären seine Mitglieder, die „Left-hand Path“ („Linke-Hand-Pfad“) und die „Black Magic“ („Schwarze Magie“) zu praktizieren. Der „Linke-Hand-Pfad“ zielt auf Selbstvergöttlichung ab und stellt einen antinomistischen, transgressiven Weg dar.
Der Dragon Rouge preist sowohl Luzifer als auch Satan (vgl. S. 310f). Nach Auffassung des Ordens ist Luzifer die licht- und weisheitsbringende Schlange der Genesis (vgl. S. 311f).
Gregorius ist der Ansicht, daß der Dragon Rouge zwar kein satanistischer Orden sei, gleichwohl aber jener Denklogik zuzurechnen ist, aus der der moderne Satanismus hervorgegangen ist, nämlich der explizite und öffentliche Satanismus (vgl. S. 312).
5.8. Der Luziferianismus als Einbeziehung der Gegensätze von Licht und Finsternis [erneut die Vereinigung der Gegensätze]
Von großem Interesse ist ferner der Aufsatz „Michael W. Ford (The Order of Phosphorus, etc.), The Bible of the Adversary (2007)“ („Michael W. Ford (Der Orden des Phosphoros usw.), Die Bibel des Widersachers“) der schwedischen Religionswissenschaftlerin Olivia Cejvan (S. 317–326), welche die Schriften und Aktivitäten des Amerikaners Michael W. Ford untersucht.
Ford ist ein Vertreter des „Left-hand Path“ („Linken-Hand-Pfades“) sowie der „Luciferian Witchcraft Tradition“ („Luziferianischen Hexentradition“). Er ist Gründer des Order of Phosphorus (TOPH) („Ordens des Phosphoros“, d. h. Luzifers) sowie einer der führenden Köpfe der Assembly of Light Bearers (ALB) („Versammlung der Lichtträger“ beziehungsweise der Luziferträger), die früher unter dem Namen Greater Church of Lucifer (TGCL) („Größere Kirche Luzifers“) bekannt war (vgl. S. 317).
Ford vertritt die Auffassung, daß der „Luciferianism“ („Luziferianismus“) über den Dualitäten stehe („above dualities“, S. 318) und Licht wie Finsternis gleichermaßen einschließe:
„[…] Ford’s Luciferianism is inclusive, operating with both light and darkness.“ („[…] Fords Luziferianismus ist einschließend und wirkt sowohl mit Licht als auch mit Finsternis“, S. 318.)
Nach Ford soll ein Luziferianer nach Ausgewogenheit streben:
„It is often repeated that a Luciferian should strive for balance.“ („Es wird häufig wiederholt, daß ein Luziferianer nach Gleichgewicht streben soll“, S. 318.)
Ferner vertritt Ford die Ansicht, daß es keine Weiße Magie gebe; es existiere lediglich Schwarze Magie, welche die Magie der Verwandlung sei und sich aller Zwecke und aller Mittel bedienen könne (vgl. S. 318, Anm. 12).
Nach Olivia Cejvan erinnert der Eklektizismus, der den Luziferianismus Michael W. Fords kennzeichnet, an jene Verbindung und Synthese verschiedener esoterischer Strömungen, wie sie sich beispielsweise bei der Hermetic Order of the Golden Dawn („Hermetischer Orden der Goldenen Morgenröte“) findet (vgl. S. 319).
Weiterhin stellt Cejvan fest, daß einige magische Rituale Michael W. Fords den Ritualen der genannten Golden Dawn ähneln (vgl. S. 324).
Cejvan zitiert den schwedischen Religionswissenschaftler und Freimaurer Henrik Bogdan, dem zufolge die Golden Dawn freimaurerische Rituale übernommen und neu interpretiert habe. Darüber hinaus hätten die modernen westlichen Einweihungsrituale im allgemeinen ihre geschichtlichen Wurzeln in der Freimaurerei:
„modern Western rituals of initiation typically have their historical roots in Freemasonry“ („moderne westliche Einweihungsrituale haben typischerweise ihre geschichtlichen Wurzeln in der Freimaurerei“, vgl. S. 324).
5.9. Ein „menschlicher“, „altruistischer“, „solidarischer“ Satanismus?
Der letzte Aufsatz des von Per Faxneld und Johan Nilsson herausgegebenen Bandes „Satanism. A Reader“ trägt den Titel „Lucien Greaves (The Satanic Temple), Church of Satan vs. Satanic Temple (2017)“ („Lucien Greaves (Der Satanische Tempel), Kirche Satans gegen Satanischen Tempel“) und stammt von Fredrik Gregorius und Manon Hedenborg White (S. 333–341).
Letztere ist ebenfalls eine schwedische Esoterismusforscherin. Gregorius und Hedenborg White behandeln den The Satanic Temple (TST) („Satanischen Tempel“), eine neuere satanistische Organisation, die um das Jahr 2012 von Lucien Greaves gegründet wurde, dessen wirklicher Name Doug Mesner lautet und der 1976 geboren wurde (vgl. S. 333).
Der TST tritt offen gegen die politische Rechte in den USA auf, insbesondere gegen Donald Trump, dessen angeblich „theocratic tendencies“ („theokratische Tendenzen“) sowie dessen ablehnende Haltung gegenüber der Abtreibung kritisiert werden (vgl. S. 336).
Der TST übt auch Kritik an der von Anton Szandor LaVey gegründeten Church of Satan („Kirche Satans“), die aus seiner Sicht zu patriarchalisch und männerzentriert sei (vgl. S. 336).
Der TST betrachtet Satan als Symbol der Rebellion, der Freiheit und der Unabhängigkeit und beruft sich dabei ausdrücklich auf Schriftsteller und Denker wie John Milton, William Blake, Lord Byron und Michail Bakunin (vgl. S. 337).
Während die Church of Satan den Nachdruck auf Satan als Symbol der irdischen Genüsse legt, hebt der TST Satan als prometheischen Befreier der Unterdrückten sowie als feministische und antipatriarchalische Gestalt hervor (vgl. S. 338).
Im Unterschied zur Church of Satan legt der TST großen Wert auf soziales Engagement und Solidarität (vgl. S. 338), während die „Kirche Satans“ den politischen und sozialen Aktivismus ablehnt und den TST gerade deswegen kritisiert (vgl. S. 339).
Kurz gesagt präsentiert sich der TST als eine Form des Satanismus, die für Altruismus, Solidarität und menschliche Zusammenarbeit eintritt (vgl. „Satanism. A Reader“, a. a. O., S. 342–351).
5.10. Einige Überlegungen
So endet das von den schwedischen Religionswissenschaftlern Per Faxneld und Johan Nilsson herausgegebene Buch über den Satanismus, ohne weitere abschließende Bemerkungen. Obwohl es sich um eine akademische Untersuchung handelt, die eine Fülle sehr interessanter Informationen enthält, bleibt doch insgesamt der Eindruck zurück, daß es sich um ein Werk handelt, das dem Satanismus in der beziehungsweise der säkularisierten und entchristlichten Welt wohlwollend gegenübersteht.
Für bemerkenswert halte ich die Tatsache, daß seit nunmehr etwa einem Jahrzehnt – wenn nicht sogar noch länger – ein Kreis schwedischer Wissenschaftler tätig ist, der sich um die Oxford University Press sowie um den Religionswissenschaftler Henrik Bogdan gruppiert, dessen Zugehörigkeit zur Schwedischen Freimaurerei dem breiteren Publikum offenbar nicht sonderlich bekannt ist.
Es erscheint mir daher legitim, die Frage aufzuwerfen, ob die Wissenschaftler aus dem „schwedischen Umfeld“, die ich in diesem und in den vorangegangenen Teilen meiner Untersuchung erwähnt habe, ausschließlich akademische Forscher und Intellektuelle sind oder ob sich unter ihnen auch Personen befinden, die selbst irgendeine Form des Esoterismus praktizieren und somit das betreiben, was man in der Soziologie als „teilnehmende Beobachtung“ bezeichnet.
Was diese Forscher verbindet, die inzwischen meines Erachtens einen eigentlichen „Schwedischen Kreis“ bilden, scheint mir – teils ausdrücklich, teils unausgesprochen – die Absicht zu sein, die reguläre beziehungsweise offizielle Freimaurerei der drei symbolischen Grade und der Hochgrade gegen jeglichen Vorwurf oder Verdacht von Verbindungen, Berührungspunkten oder Verflechtungen mit dem Luziferianismus und/oder dem Satanismus (gnostischer, intellektueller oder anderer Art) zu verteidigen beziehungsweise zu entlasten.
Es erscheint daher logisch, berechtigt und sogar geboten, sich zu fragen, ob es unter den genannten Wissenschaftlern des „Schwedischen Kreises“
– Personen gibt, die der Freimaurerei angehören [Bogdan mit Sicherheit] und/oder Mitglied irgendeiner Gruppe, Vereinigung oder Gesellschaft sind, die eine Form von Esoterismus, Magie oder ähnlichen Praktiken pflegt;
– und ob sich unter diesen Wissenschaftlern, die de facto die Freimaurerei verteidigen, nicht auch solche befinden, die persönlich die gnostische Rehabilitierung beziehungsweise Neubewertung Luzifers als eines Licht, Freiheit, Unabhängigkeit und Erkenntnis bringenden Gottes, Engels oder Symbols teilen.
(Fortsetzung folgt.)
*Pater Paolo Maria Siano gehört dem Orden der Franziskaner der Immakulata (FFI) an; der promovierte Kirchenhistoriker gilt als einer der besten katholischen Kenner der Freimaurerei, der er mehrere Standardwerke und zahlreiche Aufsätze gewidmet hat. Durch seine Veröffentlichungen bringt er den Nachweis, daß die Freimaurerei von Anfang an esoterische und gnostische Elemente enthielt, die ihre Unvereinbarkeit mit der kirchlichen Glaubenslehre begründen.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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