Der performative Widerspruch der Piusbruderschaft


Erzbischof Marcel Lefebvre und der Patron der von ihm gegründeten Priesterbruderschaft, Pius X.
Erzbischof Marcel Lefebvre und der Patron der von ihm gegründeten Priesterbruderschaft, Pius X.

Von Vigi­li­us*

„Das Papstamt ist keine absolutistische Monarchie“

Im Jah­re 2024 hat der Distrikt­obe­re der Pius­bru­der­schaft in Deutsch­land, Ste­fan Pfluger, in einem von Seba­sti­an Ost­rit­sch geführ­ten Inter­view der Deut­schen Tages­post erläu­tert, dass sich die Bru­der­schaft „als unter den Papst gestellt“ sieht.1 Von Ost­rit­sch im Anschluß an die Fra­ge nach den uner­laub­ten Bischofs­wei­hen auf „die punk­tu­el­le Ableh­nung eini­ger Lehr­do­ku­men­te des Zwei­ten Vati­ka­nums“ ange­spro­chen, erwi­dert Pfluger: „Das sind Punk­te, wo wir sagen: Da steht das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil nicht in Kon­ti­nui­tät mit der gan­zen Ver­gan­gen­heit der Kir­che. Erz­bi­schof Lefeb­v­re hat dazu sinn­ge­mäß gesagt: Was ist, wenn der Papst etwas ande­res sagt, als all sei­ne Vor­gän­ger? Dann muss ich mich ent­schei­den und ich ent­schei­de mich für die Vor­gän­ger.“ Auf die Nach­fra­ge Ost­rit­schs, ob der „dau­ern­de Unge­hor­sam“ nicht zei­ge, „dass man den Papst nicht wirk­lich aner­kennt“, erwi­dert Pfluger: „Nein, weil wir nicht aus Prin­zip und nicht grund­sätz­lich unge­hor­sam sind. Ich kann nur dar­auf ver­wei­sen, was Erz­bi­schof Lefeb­v­re immer wie­der betont hat: Der Gehor­sam steht im Dienst der Wahr­heit. Das Petrus­amt ist kei­ne abso­lu­ti­sti­sche Mon­ar­chie, son­dern ein Dienst an der Wahr­heit, ein Dienst an Chri­stus, ein Dienst an der Kir­che. Wir haben nur dann das Recht, den Gehor­sam gegen­über dem Papst zu ver­let­zen, wenn dies nötig ist, um den Dienst an Chri­stus und der Kir­che nicht zu verletzen.“

Die­se Aus­künf­te Pflugers bil­den die gewöhn­li­che Argu­men­ta­ti­on der Pius­bru­der­schaft ab. Peter Kwas­niew­ski hat den hier lei­ten­den Gehor­sams­be­griff in sei­nem wich­ti­gen Text „Wah­rer Gehor­sam in der Kir­che“ kon­zen­triert for­mu­liert.2 Im Kern geht es dar­um, dass der Gehor­sam kein Selbst­zweck ist, son­dern immer auf die Wahr­heit bezo­gen sein muß und nur unter die­ser Rück­sicht zu einer tugend­haf­ten Hal­tung wird. Die FSSPX appli­ziert die­sen Gehor­sams­be­griff auf die heu­ti­ge kirch­li­che Situa­ti­on, die nach dem Urteil der Bru­der­schaft durch eine nahe­zu sin­gu­lä­re glau­bens­mä­ßi­ge, sitt­li­che und lit­ur­gi­sche „Not­la­ge“ cha­rak­te­ri­siert ist. Eben die­se Not­la­ge macht es aus Sicht der Bru­der­schaft unum­gäng­lich, um des Hei­les der See­len als des höch­sten aller kirch­li­chen Güter wil­len wie­der Bischö­fe zu wei­hen, die ihrer­seits Prie­ster wei­hen kön­nen, ohne die die Ret­tung der See­len unmög­lich ist.

Die­se Ein­schät­zung ist jüngst vom Gene­ral­obe­ren der Pius­bru­der­schaft, Davi­de Pagli­a­ra­ni, erneut bekräf­tigt wor­den.3 Vor­weg möch­te ich sagen, dass ich Pagli­a­ra­nis Ein­schät­zung der kirch­li­chen Lage weit­ge­hend zustim­me und im Übri­gen auch davon über­zeugt bin, dass die Bru­der­schaft auf jeden Fall die Bischö­fe wei­hen soll­te. Gleich­wohl möch­te ich zur Gel­tung brin­gen, dass sich die FSSPX mit der von ihr vor­ge­tra­ge­nen Argu­men­ta­ti­on in einem per­for­ma­ti­ven Wider­spruch befin­det. Denn die Bru­der­schaft akzep­tiert jene Papst­kon­struk­ti­on, die sich im Lau­fe des zwei­ten Jahr­tau­sends her­aus­ge­bil­det und auf dem I. Vati­ca­num mit dem Doku­ment „Pastor Aeter­nus“ for­mel­le Gestalt gewon­nen hat. Hin­zu­fü­gen will ich an die­ser Stel­le noch, dass ich die­se Kon­struk­ti­on einer an sich selbst nicht-sakra­men­ta­len pote­stas abso­lu­ta kei­nes­wegs recht­fer­ti­gen möch­te; ich hal­te sie viel­mehr für ein den sakra­men­ta­len cor­pus Chri­sti mysti­cum kom­pro­mit­tie­ren­des Ver­häng­nis.4 Mir geht es jetzt nur um jenen per­for­ma­ti­ven Wider­spruch, der sich auf­tut, wenn man Pastor Aeter­nus akzep­tiert und sich gleich­wohl, wie etwa Ste­fan Pfluger, zur Recht­fer­ti­gung des eige­nen Unge­hor­sams den als sol­chen aner­kann­ten Päp­sten gegen­über auf die Dif­fe­ren­zie­rungs­mög­lich­keit zwi­schen Lega­li­tät und Legi­ti­mi­tät beruft, die die Kon­struk­ti­on des „tota­len Pap­stes“ gera­de zum Ver­schwin­den bringt.

Zur Begrün­dung die­ser Behaup­tung wer­de ich mich vor allem auf Pastor Aeter­nus bezie­hen, zunächst jedoch noch einen kur­zen Blick auf den neu­zeit­li­chen Kon­text von Pastor Aeter­nus wer­fen. Die Kon­zep­ti­on des tota­len Pap­stes ist frei­lich schon lang unter­wegs, sie reicht bis ins 11. Jahr­hun­dert zurück. Vor allem hat der hoch­mit­tel­al­ter­li­che Mönch Augu­sti­nus Tri­um­phus mit sei­ner „Sum­ma de pote­sta­te eccle­sia­sti­ca“ die Ent­wick­lungs­ge­schich­te des Papst­ver­ständ­nis­ses maß­geb­lich geprägt. Bei Tri­um­phus fin­det sich bereits eine Rede­wen­dung, die man bei neu­zeit­li­chen Papa­li­sten oder wäh­rend der Berg­o­glio-Ära bei Kar­di­nal Mara­dia­ga ver­mu­ten könn­te: „Im Papst leben wir, bewe­gen wir uns und sind wir“. Dass die Kir­che den päpst­li­chen Pri­mat aller­dings erst im 19. Jahr­hun­dert begriff­lich kon­se­quent durch­ge­bil­det und for­mell defi­niert hat, ist nicht zufäl­lig. Die Defi­ni­ti­on ent­spricht einer gewach­se­nen kirch­li­chen Bedürf­nis­la­ge. Sie muß man ver­ste­hen, um sich begreif­lich zu machen, war­um der Sie­ges­zug der Idee des tota­len Pap­stes zumin­dest inner­halb der Kir­che, von dem vor­neu­zeit­li­che Päp­ste bloß träu­men konn­ten, über­haupt mög­lich war und vie­le gera­de kon­ser­va­ti­ve Katho­li­ken bis auf den heu­ti­gen Tag ihr Herz an die­se Idee hän­gen, und zwar so sehr hän­gen, dass sie sich, was die Geschich­te des päpst­li­chen Ver­sa­gens betrifft, eigen­tüm­lich ver­drän­gungs­be­reit zei­gen oder gar, schein­bar umge­kehrt, Sedis­va­kan­ti­sten werden.

Die Neuzeitlichkeit der neuzeitlichen Kirche und ihrer Papstidee

Pius IX. war ein glü­hen­der Anti­mo­der­nist. Der berühm­te „Syl­labus errorum“, der der Enzy­kli­ka „Quan­ta cura“ ange­hängt ist, geht signi­fi­kan­ter­wei­se eben­so auf ihn zurück wie die För­de­rung der neu­scho­la­sti­schen Theo­lo­gie, zu deren zen­tra­len Auf­ga­ben die Wider­le­gung der Irr­tü­mer der „moder­nen Zeit“ – maß­geb­lich ab dem 17. Jahr­hun­dert – gehör­te. Es ist nun aber genau die­se moder­ne Zeit, die das Pon­ti­fi­kat Papst Fer­ret­tis und über­haupt die neu­zeit­li­che Papst­theo­lo­gie auch inner­lich präg­te. Die Moder­ne war also nicht bloß ein äuße­rer Geg­ner, mit dem man sich beschäf­ti­gen muß­te, son­dern wirk­te sich bereits in der Wei­se aus, wie man auf sie reagierte.

Wie oft in Indi­vi­du­al­bio­gra­phien, ste­hen auch an der Wie­ge der neu­zeit­li­chen Welt trau­ma­ti­sche Erleb­nis­se. Erwäh­nen möch­te ich zwei beson­ders ein­schnei­den­de Erfah­run­gen. Zum einen die der Schwar­zen Pest des 14. Jahr­hun­derts, die Euro­pa halb ent­völ­ker­te und alle bis­he­ri­gen reli­giö­sen Bewäl­ti­gungs­me­cha­nis­men von Kata­stro­phen spreng­te. Zum andern die der Reli­gi­ons­krie­ge der frü­hen Neu­zeit, in denen sich die christ­li­che Reli­gi­on nicht mehr als sozia­le Inte­gra­ti­ons­kraft, son­dern als Macht der Zer­stö­rung und fun­da­men­ta­len Ver­un­si­che­rung erwies. Seit­her ist das neu­zeit­li­che Bewußt­sein wesent­lich dadurch cha­rak­te­ri­siert, gera­de­zu obses­siv auf der Suche nach der Beherrsch­bar­keit der Welt zu sein, die, weil die Reli­gi­on ver­sag­te, durch die allei­ni­ge Kraft der natür­li­chen Ratio­na­li­tät erreicht wer­den muß. Die Ver­nunft ist, im Unter­schied zur strit­ti­gen Reli­gi­on, jene Instanz, die alle aner­ken­nen, weil sie von Anfang an allen Men­schen als sol­chen gemein­sam ist und sich zur Gül­tig­keit ihrer Sät­ze nicht mehr auf eine exter­ne Auto­ri­tät, son­dern ledig­lich auf empi­risch und begriff­lich über­prüf­ba­re Argu­men­te bezieht.

Das Beherrsch­bar­keits­pro­jekt benö­tigt epi­ste­misch ein „fun­da­men­tum abso­lu­tum incon­cuss­um veri­ta­tis“, und die­ses Fun­da­ment lie­fert die car­te­si­sche Phi­lo­so­phie. Das „abso­lu­te Fun­da­ment der unbe­zwei­fel­ba­ren Wahr­heit“ ist nach Des­car­tes allein das Ich, das auch als das irren­de unbe­dingt ist, weil es sich noch in sei­nen Zwei­feln unbe­zwei­fel­bar sel­ber gege­ben ist: „cogi­to ergo sum“ (ich den­ke, also bin ich). Die car­te­si­sche Phi­lo­so­phie lie­fert mit ihren „Medi­ta­tio­nes de Pri­ma Phi­lo­so­phia“ den ent­schei­den­den theo­re­ti­schen Boden für die moder­nen Wis­sen­schaf­ten und die vom Glau­ben eman­zi­pier­te Ratio­na­li­tät, die Zug um Zug ent­fes­selt wer­den, um die Welt für den Men­schen zu einem beherrsch­ba­ren, das heißt: siche­ren Ort zu machen. Die gro­ßen neu­zeit­li­chen Phi­lo­so­phen bewe­gen sich alle­samt auf die­ser Heer­stra­ße. Kants „Kri­tik der rei­nen Ver­nunft“ ist signi­fi­kan­ter­wei­se von der Fra­ge gelei­tet, wie Mathe­ma­tik und Natur­wis­sen­schaft mög­lich sind, denn in die­sen Dis­zi­pli­nen wird die unsi­che­re Welt beherrsch­bar gemacht. Das „Ding an sich“ tritt uner­kenn­bar in den Hin­ter­grund, wäh­rend sich der Ver­stand mit­tels sei­ner aprio­ri­schen Anschau­ungs­for­men und Begrif­fe das Objekt bil­det. Indem die Din­ge für den Men­schen zu sei­nen Ob-jek­ten wer­den, wird er sel­ber zu jenem sub­jec­tum, das allem zugrun­de­liegt und das zugleich allem gegen­über steht. Nun­mehr ver­mag er die Objekt­welt umfas­send zu beherr­schen, weil sie ein System­ge­bil­de sei­ner Ver­stan­des­set­zun­gen und daher mit wis­sen­schaft­li­chen Metho­den ver­läss­lich beschreib- und bere­chen­bar ist.

Der „Wil­le zur Macht“ ist das die Moder­ne zen­tral cha­rak­te­ri­sie­ren­de Motiv. Genau­er gesagt geht es um Selbst­er­mäch­ti­gung, um den Wil­len zum Wil­len zur Macht. Die­se alles ent­schei­den­de Wei­chen­stel­lung wird von Eber­hard Jün­gel als die spe­zi­fi­sche Adap­ti­on des berühm­ten Sat­zes des Prot­agoras, der Mensch sei das Maß aller Din­ge, iden­ti­fi­ziert: „Daß der Mensch das Maß aller Din­ge sei, ist eine zwar noch immer küh­ne, aber doch schon sehr früh gewag­te Behaup­tung. Man kann sie beja­hen oder ver­nei­nen. Daß der Mensch sich zum Maß aller Din­ge macht, ist hin­ge­gen eine das Wesen der Neu­zeit cha­rak­te­ri­sie­ren­de Fest­stel­lung. Sie läßt sich nicht ver­nei­nen. Denn dar­in, daß er sich zum Maß aller Din­ge macht, ist er der neu­zeit­li­che Mensch.“5 Damit hat sich die von Prot­agoras vor­ge­nom­me­ne Bestim­mung des Men­schen fun­da­men­tal ver­än­dert. Fin­det sich der Mensch dort als das Maß aller Din­ge immer schon seins­mä­ßig vor, kon­sti­tu­iert er jetzt die­se Posi­ti­on sel­ber. Denn die Selbst­er­mäch­ti­gung bedeu­tet, dass sich der Mensch nicht mehr als ein – wenn­gleich aus­ge­zeich­ne­tes – Sei­en­des im Zusam­men­hang der Sei­en­den im gan­zen ver­steht, son­dern exklu­siv den Sei­en­den maß­ge­bend gegen­über­steht. Aus­ge­zeich­net war der Mensch im alten Sin­ne dadurch, dass er die Sei­en­den in deren jewei­li­ger Wesens­ver­fas­sung erken­nen kann, so dass die Sei­en­den allein in ihm zu sich sel­ber, ihrer Wahr­heit, fin­den. Mit­nich­ten war der Mensch in die­sem Ver­ständ­nis den Sei­en­den gegen­über maß-gebend, son­dern bil­de­te umge­kehrt den pri­vi­le­gier­ten Ort, an dem sich das Maß, das die Din­ge in sich selbst tra­gen, erst zei­gen kann. Inso­fern wur­den die Sei­en­den so ver­stan­den, daß sie in einem fun­da­men­ta­len aprio­ri­schen Bezug zum Men­schen ste­hen – wie auch der Mensch auf das Sein der Sei­en­den ver­wie­sen ist.

Eben die­ser wech­sel­sei­ti­ge Bezug wird im Pro­jekt der Moder­ne auf­ge­löst. Es geht jetzt im Para­dig­ma der Selbst­er­mäch­ti­gung des Men­schen zum Maß aller Din­ge um eine Macht, die sich nicht mehr von einem Außer­halb ihrer selbst emp­fängt und so auch jedes Maß außer­halb ihrer selbst ver­lo­ren hat. Das Maß der Din­ge kann daher nur die sich aus sich selbst bezie­hen­de Macht des Sub­jek­tes sein. Das onto­lo­gi­sche Eigen­sein der Din­ge ver­schwin­det in der Macht des sich zum Maß aller Din­ge ermäch­ti­gen­den Sub­jekts, des­sen Wil­le zur Macht nun zum Sein der Din­ge sel­ber wird. Das hat Heid­eg­ger in sei­ner Nietz­sche­inter­pre­ta­ti­on geni­al beschrie­ben.6 Es gibt kein Vor­ge­fun­de­nes mehr, das die Macht begrenz­te. Die Maß­lo­sig­keit einer sich abso­lut set­zen­den Macht wird zum Signum der neu­en Zeit.

Die neu­zeit­li­che Kir­che ist von der moder­nen Sicher­heits- und Gewiß­heits­su­che sowie vom Prin­zip des Wil­lens zur Macht eben­falls zuin­nerst affi­ziert. Das ist des­we­gen nicht ohne Iro­nie, weil die kirch­li­che Ver­un­si­che­rung, die nach neu­en Absi­che­rungs- und Herr­schafts­maß­nah­men ver­langt, ja gera­de durch das aus der Ver­un­si­che­rung her­vor­ge­trie­be­ne Absi­che­rungs­pro­jekt der moder­nen Sub­jek­ti­vi­tät bedingt war – an wel­cher Ver­un­si­che­rung die Reli­gi­on sel­ber schon ent­schei­dend betei­ligt war. Es ist der soge­nann­te „Moder­nis­mus“, der mit sei­nen libe­ral-auto­no­mi­sti­schen, auf­klä­re­ri­schen, teils ratio­na­li­sti­schen, teils empi­ri­sti­schen Ideen die Kir­che kul­tu­rell und poli­tisch mas­siv bedrängt. In die­ser her­aus­for­dern­den Situa­ti­on mach­te sich auch die Kir­che auf die Suche nach einem „fun­da­men­tum abso­lu­tum incon­cuss­um veri­ta­tis“. Und die­ses untrüg­li­che Fun­da­ment der Wahr­heit und Glau­bens­ge­wiß­heit wird – der Papst. Er wird, ana­log zum car­te­si­schen Ich, zu jenem sub­jec­tum, das der Kir­che auf allen Ebe­nen des reli­giö­sen und sitt­li­chen Lebens zugrun­de­liegt und in den Fin­ster­nis­sen des neu­en Welt­al­ters leucht­turm­ar­tig Ori­en­tie­rung schen­ken soll. Und wie das car­te­si­sche sub­jec­tum der Welt, so steht der Papst der Kir­che gegen­über, er bedarf für sei­ne juri­di­schen und dok­tri­nä­ren Ver­fü­gun­gen kei­ner Zustim­mung der Kir­che mehr, das heißt: er wird ab-solut. Damit woll­te die neu­zeit­li­che Kir­che den petri­ni­schen „Fel­sen“ mas­si­ver denn je zur Gel­tung brin­gen und, auf die­se Macht gestützt, die Kir­che zu einer waf­fen­star­ren­den, unein­nehm­ba­ren Festung ausbauen.

Wie gesagt, ist die­ser Papst – nicht zuletzt kraft geschick­ter Pro­pa­gan­da­maß­nah­men sei­tens Pius IX. und sei­ner Entou­ra­ge – zu einem Gegen­stand from­mer Ver­eh­rung avan­ciert.7 Mit­tel­al­ter­li­chen Gläu­bi­gen wäre kaum in den Sinn gekom­men, so vom Papst zu reden, wie wir es im Papst­hym­nus des 1940 gestor­be­nen und von Papst Woj­ty­la hei­lig­ge­spro­che­nen Don Lui­gi Orio­ne fin­den: „Unser Cre­do ist der Papst, unse­re Moral ist der Papst, unser Leben ist der Papst, unse­re Lie­be, unser Herz, unser Lebens­sinn ist der Papst; für uns ist der Papst Jesus Chri­stus; den Papst lie­ben und Jesus lie­ben ist ein- und das­sel­be; den Papst hören und ihm fol­gen bedeu­tet Jesus Chri­stus hören und ihm fol­gen; dem Papst die­nen bedeu­tet Jesus Chri­stus die­nen; für den Papst das Leben geben bedeu­tet für Jesus Chri­stus das Leben geben.“8

Damit bin ich schon bei Pastor Aeter­nus ange­langt, in wel­chem Doku­ment der dop­pel­te päpst­li­che Pri­mat, also der juris­dik­tio­nell und dok­tri­när von der Zustim­mung der Kir­che unab­hän­gi­ge Papst defi­niert wird. Das Doku­ment besteht aller­dings nicht ein­fach nur aus der tech­ni­schen For­mu­lie­rung der bei­den Pri­mats­be­stim­mun­gen, son­dern ist inso­fern reich­hal­ti­ger, als es ein ein­drucks­vol­les spi­ri­tu­el­les Bild des Pap­stes zeich­net. Es ist für den „tota­len Papst“ der Neu­zeit ent­schei­dend, dass er nicht nur eine Maschi­ne zur Pro­duk­ti­on gele­gent­li­cher „Ex-Cathe­dra-Sät­ze“ und ein kal­ter Levia­than mit abso­lu­ter juris­dik­tio­nel­ler Gewalt, son­dern in einem viel tie­fe­ren Sin­ne als der Vica­ri­us Chri­sti schlecht­hin kon­stru­iert ist, dem als sol­chem der dop­pel­te Pri­mat zukommt. Der Papst wird von Pastor Aeter­nus als der gute Hir­te schlecht­hin vor­ge­stellt, dem, so ver­neh­men wir im Text, der „Gna­denvor­zug der Wahr­heit und des nie gebre­chen­den Glau­bens ver­lie­hen wor­den ist“. Pastor Aeter­nus und der neu­zeit­li­chen Papst­theo­lo­gie gilt der Papst als jene durch Gott sin­gu­lär pri­vi­le­gier­te Auto­ri­tät, die immer­fort ver­läss­lich „die gesam­te Her­de Chri­sti von der gif­ti­gen Spei­se des Irr­tums“ fern­hält und die Gläu­bi­gen „auf der Wei­de der himm­li­schen Leh­re“ nährt. Die­ser licht­um­kränz­te Pater uni­ver­sa­lis eccle­siae kann von kei­nem Schat­ten auch nur einer ent­fern­ten Glau­bens­un­si­cher­heit und Glau­bens­ver­un­si­che­rung jemals berührt wer­den; in sei­nen Hän­den ist die Kir­che bestens auf­ge­ho­ben. Ent­spre­chend behaup­tet Pastor Aeter­nus, dass „beim Apo­sto­li­schen Stuhl … stets(!) die katho­li­sche Reli­gi­on unver­sehrt bewahrt und die hei­li­ge Leh­re in Ehre gehal­ten (wur­de)“.

Die­se umfas­sen­de geist­li­che Papst­theo­lo­gie bil­det Lou­is Veuil­lots Arbeit über Pius IX. prä­zi­se ab: “Gott ist ihm durch einen ewi­gen Eid ver­bun­den und steht ihm in beson­de­rer Wei­se bei. Er ist der Mann, zu dem der Erlö­ser gesagt hat: „Ich bin mit dir“. In ihm birgt das sterb­li­che Fleisch mehr Unsterb­lich­keit als in uns. Die­ser Mann ist Petrus, der nie­mals stirbt (…) Die­ser Mann lehrt, sühnt, befreit, stirbt und regiert als Trä­ger eines Namens, der nicht mit­ge­teilt und nicht wei­ter­ge­ge­ben wer­den kann: Er ist der Papst, der Vater.”9 Es ist nach­voll­zieh­bar, dass die­se chri­stus­glei­che Gestalt für sich den tota­len Gehor­sam ein­for­dern darf. Er wird bereit­wil­lig erbracht von einer Lei­den­schaft, die ange­sichts der Epi­pha­nie des Pap­stes auf der Log­gia aus­ru­fen möch­te: „Seht das leib­haf­ti­ge fun­da­men­tum abso­lu­tum incon­cuss­um veri­ta­tis, den in wei­ßer Sou­ta­ne mit Mozet­ta auf Erden wan­deln­den Hei­li­gen Geist, den Pater uni­ver­sa­lis, der stets den Glau­ben rein bewahrt! Sicher­heit, untrüg­li­che Gewiß­heit! Wir lie­ben dich mit gan­zem Her­zen und gan­zer See­le, mit all unse­ren Gedan­ken und all unse­rer Kraft!“

Die potestas absoluta iurisdictionis

Nun zu den bei­den kon­kre­ten, juri­stisch objek­ti­vier­ten Modi, in denen sich die Abso­lut­heit des abso­lu­ten Pap­stes rea­li­siert. Zunächst zum Juris­dik­ti­ons­pri­mat. Mit ihm besitzt der Papst die unmit­tel­ba­re und uni­ver­sa­le Regie­rungs­ge­walt über die gesam­te Kir­che. Der Papst besitzt, so Pastor Aeter­nus, auf „unmit­tel­ba­re“ Wei­se „den Vor­rang der ordent­li­chen Voll­macht über alle ande­ren“, wel­cher Voll­macht gegen­über „die Hir­ten und Gläu­bi­gen jeg­li­chen Ritus und Ran­ges – sowohl ein­zeln für sich als auch alle zugleich – zu hier­ar­chi­scher Unter­ord­nung und zu wah­rem Gehor­sam ver­pflich­tet (sind), nicht nur in Ange­le­gen­hei­ten, die den Glau­ben und die Sit­ten, son­dern auch in sol­chen, die die Dis­zi­plin und Lei­tung der auf dem gan­zen Erd­kreis ver­brei­te­ten Kir­che betref­fen“. Es folgt aus jener „höch­sten Voll­macht des Römi­schen Bischofs, die gesam­te Kir­che zu len­ken, dass er das Recht hat, bei der Aus­übung die­ses sei­nes Amtes frei mit den Hir­ten und Her­den der gan­zen Kir­che zu ver­keh­ren“. Die­se frei­en Ver­fü­gun­gen kön­nen „nie­mals erlaub­ter­wei­se behin­dert wer­den“. „Und weil der Römi­sche Bischof kraft des gött­li­chen Rech­tes des Apo­sto­li­schen Pri­ma­tes der gesam­ten Kir­che vor­steht, leh­ren Wir auch und erklä­ren, dass er der höch­ste Rich­ter aller Gläu­bi­gen ist und man in allen Rechts­fra­gen, die der kirch­li­chen Prü­fung unter­lie­gen, sein Urteil ein­ho­len kann; das Urteil des Apo­sto­li­schen Stuh­les aber, über des­sen Auto­ri­tät hin­aus es kei­ne grö­ße­re gibt, darf von nie­man­dem neu erör­tert wer­den, und kei­nem ist es erlaubt, über sein Urteil zu urteilen.“

Mit die­sen Bestim­mun­gen avan­ciert der Papst zu dem Herr­schafts­sub­jekt kat­ex­ochen. Er wird ein abso­lu­ter Mon­arch, wie er für die säku­la­re Sphä­re in der abso­lu­ti­sti­schen neu­zeit­li­chen Staats­me­ta­phy­sik etwa durch Jean Bodin oder im zwei­ten Buch des „Levia­than“ von Tho­mas Hob­bes para­dig­ma­tisch ent­wickelt wor­den ist. Der abso­lu­te Mon­arch unter­schei­det sich vom klas­si­schen König dadurch, dass die den alten König noch immer cha­rak­te­ri­sie­ren­den Begren­zun­gen auf­ge­ho­ben wer­den. Die­ser König war nicht nur sel­ber an Geset­ze und ein­ge­spiel­te tra­di­tio­nel­le Usan­cen gebun­den, son­dern macht­po­li­tisch durch den Adel und Par­la­men­te limi­tiert. Der Staat gehör­te ihm nicht. Zugleich wur­de auch der dem König von den Unter­ta­nen zu lei­sten­de Gehor­sam nie unbe­dingt ver­stan­den; der Gehor­sam besaß sei­ne Wesens­ver­fas­sung in sei­ner Inte­gra­ti­on in ein nor­ma­ti­ves Koor­di­na­ten­ge­fü­ge, in das der König sel­ber ein­ge­ord­net war. Der König fand also ein eben­falls ihm von außen zukom­men­des und des­halb auch zumin­dest prin­zi­pi­ell ihm gegen­über zur Gel­tung bring­ba­res Maß vor. Er war eben nicht ab-solut.

In der neu­zeit­li­chen Staats­theo­rie und real in eini­gen Staa­ten wie Frank­reich, Däne­mark oder Nor­we­gen änder­te sich nun genau das. Der Mon­arch wur­de zum allei­ni­gen Inha­ber der Herr­schafts­ge­walt, der als unbe­ding­ter Gesetz­ge­ber sel­ber über dem Gesetz steht und oft in theo­lo­gi­scher Wen­dung als der maß­geb­li­che vica­ri­us Dei betrach­tet wur­de, so dass der Thron des Königs als Got­tes eige­ner Thron bezeich­net wur­de. Der abso­lu­te Mon­arch hat aber nicht nur die unbe­schränk­te Macht über den Staat, son­dern der Staat wird als ein sei­nen Tei­len vor­aus­ge­hen­des Gan­zes begrif­fen, das sich im Sou­ve­rän sei­ne buch­stäb­lich ent­schei­den­de Selbst­re­prä­sen­ta­ti­on, sein Haupt und sein Selbst­be­wußt­sein gibt. Der Staat gilt in der poli­ti­schen Theo­rie des Tho­mas Hob­bes als „Kör­per“ des Mon­ar­chen; der Mon­arch und der Staat ver­schmel­zen. Berühmt ist der Lud­wig XIV. zuge­schrie­be­ne Aus­spruch „l’État, c’est moi“. Der Staat besitzt als Kör­per des Mon­ar­chen über­haupt nur durch und im Mon­ar­chen Exi­stenz. Fol­ge­rich­tig wird aus dem klas­si­schen Gehor­sams­be­griff der Kada­ver­ge­hor­sam, die bedin­gungs­lo­se Unter­wer­fung unter den Wil­len des Sou­ve­räns. Zwar wird die blei­ben­de Unter­wor­fen­heit des Sou­ve­räns unter das gött­li­che Gesetz oder das Natur­recht wei­ter­hin aner­kannt, aber es gibt kei­ne Mög­lich­keit mehr, die­ses Prin­zip auf insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne poli­tisch oder juri­stisch zu ope­ra­tio­na­li­sie­ren. Und so rich­tet der abso­lu­te Herr­scher alle, wird sei­ner­seits aber von nie­man­dem gerich­tet. Der Sou­ve­rän rückt auf die Sei­te Got­tes sel­ber wie auch der Staat, der Kör­per des Mon­ar­chen, den Indi­vi­du­en gegen­über abso­lu­ten Cha­rak­ter bekommt. Es hat sich in der Ver­schmel­zung von Staat und Mon­arch ein Auto­ri­ta­ris­mus her­aus­ge­bil­det, in dem jede Auto­no­mie, die nicht die des Sou­ve­räns bzw. des Staa­tes als eines sol­chen ist, verschwindet.

Die­se Iden­ti­tät von Mon­arch und Staat repro­du­ziert sich im Ver­hält­nis von Papst und Kir­che. Wäh­rend noch Tho­mas von Aquin selbst­ver­ständ­lich davon aus­geht, dass der Papst an die Kir­che nor­ma­tiv rück­ge­bun­den sei, wird der neu­zeit­li­che Papst ab-solut. Er ist Haupt und Ver­kör­pe­rung des staats­ähn­lich gedach­ten Gan­zen der Kir­che, das über­haupt nur im Papst sei­ne Aktua­li­tas besitzt. Im Unter­schied zur pote­stas sacra oder ordi­nis der gewöhn­li­chen Bischö­fe, die die Bischö­fe über ihre jewei­li­gen Diö­ze­sen besit­zen, ist die päpst­li­che pote­stas iuris­dic­tion­is eine pote­stas abso­lu­ta, die, wie bereits zitiert, zustim­mungs­un­be­dürf­tig alle Belan­ge der uni­ver­sa­len Kir­che direkt regeln und damit die Lei­tungs­ge­walt der Orts­bi­schö­fe prin­zi­pi­ell in jedem Fal­le dis­pen­sie­ren kann.

Zugleich ist der neu­zeit­li­che Papst der Sou­ve­rän des Kir­chen­rechts; er ist in Per­so­nal­uni­on Legis­la­ti­ve, Judi­ka­ti­ve und Exe­ku­ti­ve. Wie beim welt­li­chen Mon­ar­chen wird natür­lich auch der Papst so begrif­fen, dass er dem gött­li­chen Wil­len – dem ius divinum – prin­zi­pi­ell unter­ge­ord­net ist. Es gibt aber wie­der­um kei­ne Mög­lich­keit mehr, die­se Unter­ord­nung insti­tu­tio­nell zu objek­ti­vie­ren und zu ope­ra­tio­na­li­sie­ren. Es kann im abso­lu­ti­sti­schen Bezugs­sy­stem kein kir­chen­recht­lich geord­ne­tes Ver­fah­ren geben, dem Sou­ve­rän gegen­über das ius divinum zur Gel­tung zu brin­gen. Des­we­gen kann es von der Sache selbst her auch kein juri­stisch geord­ne­tes Ver­fah­ren zur Abset­zung eines Pap­stes geben. Nach Pastor Aeter­nus rich­tet der Papst ja alle, wird sei­ner­seits aber von nie­man­dem gerich­tet. Aus­drück­lich aner­kennt die FSSPX die­ses Prinzip.

Gegen Ste­fan Pfluger muß des­halb ein­ge­wandt wer­den, dass der Papst des I. Vati­can­ums sehr wohl ein abso­lu­ter Mon­arch ist. Er erfüllt sämt­li­che Kri­te­ri­en für die­se juri­sti­sche Kate­go­ri­sie­rung; die ein­schlä­gi­gen Bestim­mun­gen von Pastor Aeter­nus las­sen kei­ne ande­re Inter­pre­ta­ti­on zu. Mit sei­ner Äuße­rung steht Pfluger aller­dings nicht allein. Auch Joseph Ratz­in­ger hat viel­fach behaup­tet, der Papst sei kein abso­lu­ter Herr­scher. Die­se The­se wird von vie­len kon­ser­va­ti­ven Autoren – von Kar­di­nal Mül­ler bis zu Dom Alcuin Reid10 – per­ma­nent wie­der­holt. Das Ärger­li­che an die­sen State­ments besteht dar­in, dass sie, wie ich mei­ne, zwar unter syste­ma­tisch-theo­lo­gi­scher Rück­sicht kor­rekt sind, es aber mit pein­li­cher Sorg­falt ver­mei­den, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass für Pastor Aeter­nus der Papst natür­lich auch ein abso­lu­ter Herr­scher ist. Dadurch las­sen die­se Theo­lo­gen den fal­schen Ein­druck ent­ste­hen, als sei die ein­schlä­gi­ge Rede vom Papst ein blo­ßes Hirn­ge­spinst derer, die sie – gleich­gül­tig ob in affir­ma­ti­ver oder kri­ti­scher Absicht – bemü­hen. Wenn man also die abso­lu­ti­sti­sche Sti­li­sie­rung des Pap­stes ablehnt, muß man mit intel­lek­tu­el­ler Red­lich­keit den dadurch ent­ste­hen­den Kon­flikt mit dem I. Vati­ca­num thematisieren.

Die potestas absoluta doctrinae

Struk­tur­iden­tisch zur juris­dik­tio­nel­len Sei­te besitzt der Papst eben­falls die pote­stas abso­lu­ta doc­tri­nae. Für das Nar­ra­tiv vom chri­stus­glei­chen Uni­ver­sal­hir­ten, des­sen Glau­be nie­mals wankt und auf den sich alle Gläu­bi­gen unver­brüch­lich ver­las­sen kön­nen, ist die­se Bestim­mung von beson­de­rer Rele­vanz. Die dok­tri­nä­re Abso­lut­heit des Pap­stes kommt in Pastor Aeter­nus vor­züg­lich dadurch zum Aus­druck, dass der Text behaup­tet, die von den Päp­sten defi­nier­ten dog­ma­ti­schen Sät­ze sei­en „ex sese“ – „aus sich selbst“ – unfehl­bar. Die­ses „aus sich selbst“ bezieht sich im Ver­ständ­nis von Pius IX. nicht etwa auf die Wahr­heit, die als Wahr­heit natur­ge­mäß „unfehl­bar“ ist. Es bezieht sich viel­mehr auf den Papst, des­sen Lehr­sät­ze ohne Zustim­mung der Kir­che – also unbe­dingt – unfehl­ba­re Wahr­heits­gel­tung für sich bean­spru­chen kön­nen. Das „ex sese“ wur­de von Pius IX. im bewuß­ten Gegen­zug zur Inter­ven­ti­on des Brix­ner Bischofs Vin­zenz Gas­ser in den Dog­ma­ti­sie­rungs­text ein­fügt. Gas­ser woll­te die geplan­te Dekla­ra­ti­on der Unfehl­bar­keit so mode­rat wie mög­lich hal­ten, indem er dafür plä­dier­te, eine defi­ni­ti­ve päpst­li­che Ent­schei­dung stün­de nur an, wenn die Bischö­fe hoff­nungs­los zer­strit­ten sei­en und die päpst­li­che Ver­kün­di­gung der Sicht der Kir­che als gan­zer ent­spre­chen wür­de. Im Grun­de rekla­mier­te Gas­ser hier die alt­kirch­li­che Inter­pre­ta­ti­on des päpst­li­chen Pri­ma­tes als Letzt­ent­schei­dungs­in­stanz bei theo­lo­gi­schen Streit­fra­gen, die die gan­ze Kir­che betref­fen. Die berühm­te Sen­tenz „Roma locu­ta, cau­sa fini­ta est“ stammt aus die­sem alt­kirch­li­chen Ver­ständ­nis der spe­zi­fi­schen Rol­le der Petrusnachfolger.

Nun wird gera­de von kon­ser­va­ti­ver Sei­te seit dem Woj­ty­la- und Berg­o­glio-Trau­ma so etwas wie ein Trak­tat „Über die Begrenzt­heit und Fehl­bar­keit des Pap­stes“ for­mu­liert. Man räumt nicht nur ein, dass auch die Päp­ste nur Men­schen sei­en und als sol­che cha­rak­ter­li­che, mora­li­sche und intel­lek­tu­el­le Begrenzt­hei­ten hät­ten, zu denen auch gehö­ren kön­ne, im per­sön­li­chen Glau­bens­le­ben Schwan­kun­gen und theo­lo­gi­schen Miß­ver­ständ­nis­sen zu unter­lie­gen, son­dern betont, dass erst dann ein ech­tes theo­lo­gi­sches Pro­blem auf­tau­chen wür­de, wenn ein Papst eine objek­tiv häre­ti­sche Posi­ti­on auch als eine sol­che begrei­fen wür­de und bewußt das depo­si­tum fidei mani­pu­lie­ren wol­le. Ekkle­sio­lo­gisch rele­vant sei­en bei den Päp­sten ohne­hin nur die for­mel­len Dog­ma­ti­sie­run­gen, und alle son­sti­gen Ver­laut­ba­run­gen und Tex­te wie Pre­dig­ten, Erklä­run­gen oder Enzy­kli­ken sei­en nur dann Bestand­teil des ver­bind­li­chen ordent­li­chen Lehr­am­tes, wenn sie mit der kirch­li­chen Lehr­tra­di­ti­on über­ein­stim­men. Nach die­ser neu­er­li­chen kon­ser­va­ti­ven Les­art sieht es also so aus, als ob der Papst zumin­dest auf dok­tri­nä­rer Ebe­ne nicht so selbst­herr­lich agie­ren kön­ne wie auf der Verwaltungsebene.

Die­se Stra­te­gie der ein­he­gen­den Reduk­ti­on ver­bind­li­cher päpst­li­cher Sprech­ak­te ist jedoch sowohl mit dem spi­ri­tu­el­len Gesamt­ent­wurf der Gestalt des Pap­stes als auch der eigent­li­chen Unfehl­bar­keits­be­stim­mung, die Pastor Aeter­nus for­mu­liert, unver­ein­bar. Dass die dok­tri­nä­re Auto­ri­tät des Pap­stes im Pastor-Aeter­nus-System gar nicht par­ti­ku­la­ri­siert wer­den kann, kommt bereits in einem bis­lang nicht für authen­tisch gehal­te­nen Aus­ruf von Pius IX. kon­zen­triert zum Aus­druck, des­sen Authen­ti­zi­tät mitt­ler­wei­le aber nach gewie­sen ist.11 Bei einem Streit zwi­schen dem Papst und Kar­di­nal Gui­di, der den von Pius IX. geplan­ten Pri­mats­be­stim­mun­gen gegen­über Tho­mas von Aquin und Robert Bell­ar­min zur Gel­tung zu brin­gen ver­such­te, rief Pius IX. aus: „Ich, ich bin die Tra­di­ti­on!“ Auch wenn die­ser Satz in der Hit­ze eines Wort­ge­fech­tes fiel, ist die durch ihn benann­te Sache nicht kon­tin­gent, denn Pius IX. hat, im Unter­schied zu vie­len sei­ner Anhän­ger, genau gewußt, was sein Begriff des Papst­am­tes tat­säch­lich bedeu­tet. Es han­delt sich hier in der Tat um eine „Unge­heu­er­lich­keit“12, die einer Iden­ti­fi­zie­rung der Kir­che mit dem Papst gleich­kommt. In der Sache hät­te Papst Fer­ret­ti auch sagen kön­nen: „Ich, ich bin die Kir­che“. Cami­nan­te-Wan­de­rer hat im Blick auf die­se Auf­sprei­zung des päpst­li­chen Lehr­am­tes von einer „Ver­schlin­gung der Tra­di­ti­on“ durch den Papst gespro­chen13, was nach Cami­nan­te bedeu­tet, dass es zu einer Iden­ti­fi­zie­rung des „quod“, dem Glau­bens­in­halt der Tra­di­ti­on, und dem „quo“, der Arti­ku­la­ti­ons­in­stanz die­ses Glau­bens, gekom­men sei – so dass das Lehr­amt nicht etwas sagt, weil es wahr ist, son­dern es wahr ist, weil das Lehr­amt es sagt.

Auch wenn es dar­auf hin­aus­läuft, muß man ein­räu­men, dass Pius IX. kei­nes­wegs behaup­ten woll­te, der Papst stün­de über der Tra­di­ti­on und habe die Kom­pe­tenz, das „quod“ zu pro­du­zie­ren. Aus­drück­lich sagt Pastor Aeter­nus, dem Papst sei kei­ne Voll­macht gege­ben, neue Leh­ren zu erfin­den. Die­ser Aspekt ist für den kor­rek­ten Begriff des Lehr­pri­ma­tes in der Tat zen­tral. Die Iden­ti­fi­ka­ti­on des Pap­stes mit der Tra­di­ti­on bedeu­tet näm­lich, dass der Papst mit dem Hei­li­gen Geist, der das gött­li­che Erkennt­nis­prin­zip der Wahr­heit Chri­sti und der spi­ri­tus rec­tor der Tra­di­ti­on ist, in dem Sin­ne auf abso­lut ein­zig­ar­ti­ge Wei­se iden­ti­fi­ziert wird, dass das in der Sache vom Papst prin­zi­pi­ell unab­hän­gig vor­ge­stell­te depo­si­tum fidei, also die Tra­di­ti­on, sich nur im Papst authen­tisch arti­ku­liert und inter­pre­tiert. Es han­delt sich also bei der Iden­ti­fi­ka­ti­on von quod und quo um ein her­me­neu­ti­sches Prin­zip. In die­sem Sin­ne ist nach Pastor Aeter­nus den Päp­sten der „Gna­denvor­zug der Wahr­heit und des nie gebre­chen­den Glau­bens ver­lie­hen wor­den“. Als die­se vom Hei­li­gen Geist dazu befä­hig­te nor­ma­ti­ve Deu­tungs­in­stanz der Tra­di­ti­on ist sie selbst ein inne­res Moment der von ihr ver­läss­lich gedeu­te­ten Leh­re und wird zum Gegen­stand einer dog­ma­ti­schen Defi­ni­ti­on durch den Papst selber.

Die ent­schei­den­den bei­den Kon­se­quen­zen bestehen dar­in, dass es zum einen neben die­sem Arti­ku­la­ti­ons- und Inter­pre­ta­ti­ons­sub­jekt der Tra­di­ti­on kei­ne ande­ren Wahr­heits­sub­jek­te mehr in der Kir­che geben kann, die vom Papst abwei­chen­de Tra­di­ti­ons­deu­tun­gen in der Kir­che noch nor­ma­tiv zur Gel­tung brin­gen könn­ten. Und zum ande­ren müs­sen sämt­li­che theo­lo­gi­sche Äuße­run­gen des Pap­stes, sofern der Papst sie als lehr­amt­li­che betrach­tet, als ver­bind­lich betrach­tet wer­den. Neben dem Papst gibt es nur noch theo­lo­gi­sche Pri­vat­mei­nun­gen. Ob etwa der hei­li­ge Robert Bell­ar­min irgend­ei­ner theo­lo­gi­schen Über­zeu­gung ist, ist, wenn­gleich er auch Erz­bi­schof von Capua war, irrele­vant. Die Mei­nun­gen der Bischö­fe sind nur „cum et sub Petro“ bedeut­sam, was nichts ande­res heißt, als dass sie an sich selbst über­haupt nicht bedeut­sam sind, wäh­rend die Mei­nung des Pap­stes ein­fach aus sich selbst bedeut­sam ist. Das hat Pius IX. dem Kar­di­nal Gui­di gegen­über unmiß­ver­ständ­lich zur Gel­tung gebracht. Fol­ge­rich­tig sind die Päp­ste immer mehr dazu über­ge­gan­gen, pri­mär sich sel­ber zu zitie­ren. Und das, was die Theo­lo­gie ange­sichts der mit dem Papst iden­ti­fi­zier­ten Tra­di­ti­on vor­züg­lich zu lei­sten hat, ist die nach­träg­li­che Lie­fe­rung von Argu­men­ten für die Sät­ze des päpst­li­chen Lehr­am­tes, die, ob außer­or­dent­lich oder ordent­lich, immer „ex sese“ unwi­der­steh­li­che Wahr­heits­gel­tung besitzen.

Die­ser Zusam­men­hang läßt sich auf der Bestim­mung, dass Ex-Cathe­dra-Ent­schei­dun­gen „ex sese“ unfehl­bar sei­en, sel­ber abbil­den. Denn weil der Papst durch kei­ne ande­re Auto­ri­tät in sei­nem Wil­len limi­tiert ist, sol­che „außer­or­dent­li­chen“ Sät­ze zu for­mu­lie­ren, könn­te er über­haupt jede sei­ner theo­lo­gi­schen Über­zeu­gun­gen sogleich in den Rang eines förm­li­chen Dog­mas erhe­ben. Dass die Päp­ste das bis­lang nicht getan haben, ist nur ein kon­tin­gen­ter, sub­jek­tiv beding­ter Umstand. Zur Klä­rung der Sache ist die Fra­ge irrele­vant, was die Päp­ste aus irgend­wel­chen per­sön­li­chen Grün­den fak­tisch tun oder nicht tun. Logisch rele­vant ist aus­schließ­lich die Fra­ge, was sie tun kön­nen. Und weil sie prin­zi­pi­ell belie­big vie­le ihrer theo­lo­gi­schen Sät­ze unwi­der­steh­bar mit dem Unfehl­bar­keits­vor­zei­chen ver­se­hen kön­nen, eröff­nen sie mit ihren son­sti­gen Äuße­run­gen den ande­ren kirch­li­chen Akteu­ren gewis­ser­ma­ßen nur eine Spiel­wie­se der Debat­te, bis sie mög­li­cher­wei­se die Dis­kus­si­on für been­det erklä­ren und sagen, ihr Urteil habe von jetzt an unbe­zwei­fel­ba­re Gel­tung. „Außer­or­dent­li­ches“ und „ordent­li­ches“ Lehr­amt sind ange­sichts der in theo­lo­gisch-dog­ma­ti­schen Fra­gen unbe­grenz­ba­ren päpst­li­chen Defi­ni­ti­ons­macht nicht mehr vali­de unterscheidbar.

Machen wir uns den Zusam­men­hang prak­tisch klar: Neh­men wir an, ein Papst deu­tet im Rah­men sei­ner gewöhn­li­chen Leh­re, etwa in Enzy­kli­ken und son­sti­gen Rund­schrei­ben, den Tra­di­ti­ons­be­fund auf eine Wei­se, die die Bischö­fe geschlos­sen ableh­nen. Dann tre­ten sämt­li­che Bischö­fe zusam­men und wen­den sich ein­stim­mig gegen die päpst­li­che Leh­re und for­mu­lie­ren wie­der­um gegen­läu­fi­ge Tex­te, die die päpst­li­che Inter­pre­ta­ti­on zurecht­rücken wol­len. Die­se Tex­te haben aus sich selbst kei­ner­lei nor­ma­ti­ven Wert. Im Übri­gen könn­te der Papst auf­grund sei­ner abso­lu­ten Gewalt über die Kir­che die Bischö­fe auch zu Irr­leh­rern erklä­ren, mit einem Feder­strich abset­zen und exkom­mu­ni­zie­ren. Und die­ses Urteil des Pap­stes, so belehrt uns ja Pastor Aeter­nus, wäre unan­fecht­bar; der Papst beur­teilt alle, wird sei­ner­seits aber von nie­man­dem beur­teilt. Es gibt kei­ne außer­päpst­li­che theo­lo­gi­sche Ver­nunft mehr, die vom Papst abwei­chen­de Inter­pre­ta­tio­nen des Tra­di­ti­ons­be­fun­des an irgend­ei­nem ver­bind­li­chen Ort zur Gel­tung brin­gen könnte.

Man muß sich ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass dies nichts gerin­ge­res als die Eli­mi­nie­rung des Kon­zils als nor­ma­ti­ver, das heißt beschluß­fä­hi­ger Insti­tu­ti­on bedeu­tet. Wenn der Papst allein aus sich selbst über die Tra­di­ti­ons­deu­tung ent­schei­den kann, kann das Kon­zil nicht mehr aus sich selbst ver­bind­lich spre­chen; es hat also sei­ner Degra­die­rung zu einem blo­ßen Debat­tier- und päpst­li­chen Bera­tungs­gre­mi­um zuge­stimmt. Das zeigt sich bereits im Text von Pastor Aeter­nus sel­ber, sofern Papst Fer­ret­ti hier ein­deu­tig als Ent­schei­dungs­sub­jekt auf­tritt und nur noch von einer Zustim­mung der Bischö­fe zu sei­ner Set­zung spricht. In der Lite­ra­tur wird die Fra­ge kon­tro­vers dis­ku­tiert, ob der Papst auch ohne Zustim­mung der Kon­zils­vä­ter defi­niert hät­te. Das ist jedoch nur noch eine Fra­ge von histo­ri­schem oder psy­cho­lo­gi­schem, aber nicht mehr von logi­schem Inter­es­se. Denn es ent­sprä­che dem Inhalt des Dog­mas prä­zi­se, wenn Pius IX. es auch gegen den Wil­len sämt­li­cher Bischö­fe defi­niert hät­te. In der Sache haben wir es bei die­sem Defi­ni­ti­ons­akt mit einer Selbst­er­mäch­ti­gung des Pap­stes zur cau­sa sui zu tun, die sich in dem als das rea­li­siert, was sie von sich behaup­tet: Der Papst sagt „ex sese“, es sei „ex sese“ wahr, dass es wahr ist, was er von sich sagt. Eine sol­che Zir­ku­la­ri­tät ist vor­neu­zeit­lich völ­lig undenk­bar; in ihr reflek­tiert sich der moder­ne Geist der Selbst­er­mäch­ti­gung der Sub­jek­ti­vi­tät zum Maß aller Din­ge in rei­ner Form. Wenn­gleich etli­che Bischö­fe vor der Pri­mats­de­fi­ni­ti­on abrei­sten, hat die Majo­ri­tät der päpst­li­chen Selbst­er­mäch­ti­gung jedoch zuge­stimmt. Denn sie ver­mein­ten, dass der Papst nur so jenes fun­da­men­tum abso­lu­tum incon­cuss­um veri­ta­tis sein kön­ne, als wel­ches die bedräng­te neu­zeit­li­che Kir­che ihn benötige.

Nur in die­sem Hori­zont wird ver­ständ­lich, dass Pius IX. bereits in sei­nem Brief „Tuas liben­ter“ an den Bischof von Mün­chen und Frei­sing im Jah­re 1863 dar­le­gen konn­te, die Gehor­sams­ver­pflich­tung der Theo­lo­gen bezö­ge sich kei­nes­wegs nur auf die for­mell defi­nier­ten dog­ma­ti­schen Sät­ze. Nicht nur das außer­or­dent­li­che, son­dern eben­so das ordent­li­che Lehr­amt der Päp­ste – etwa in den Ver­laut­ba­run­gen der päpst­li­chen Kon­gre­ga­tio­nen – sei Teil der ver­bind­li­chen Leh­re der Kir­che. Das ist kon­se­quent. Wenn der Papst die­ses car­te­si­sche sub­jec­tum auf­grund sei­nes pri­vi­le­gier­ten Inter­pre­ta­ti­ons­zu­gan­ges zur Tra­di­ti­on ist, kann sei­ne Auto­ri­tät gar nicht mehr par­ti­ku­lar – nur im Blick auf soge­nann­te „Ex-Cathe­dra-Ent­schei­dun­gen“ – beschrie­ben werden.

Ich möch­te noch ein­mal wie­der­ho­len: Natür­lich wür­de kein Papst jemals leug­nen, dass sei­ne Aus­sa­gen mit dem „quod“ über­ein­stim­men müs­sen. Pius IX. sagt es in „Tuas liben­ter“ aus­drück­lich: Auch die Sät­ze sei­nes ordent­li­chen Lehr­am­tes müs­sen „in all­ge­mei­ner und bestän­di­ger Über­ein­stim­mung“ mit der Leh­re der Tra­di­ti­on ste­hen. Wenn daher Rober­to de Mat­tei gedan­ken­stark zur Gel­tung bringt, dass „die Auto­ri­tät des Pap­stes dort endet, wo sie sich gegen die Wahr­heit rich­tet“14, kann man auf die­sen Satz nur mit der Fest­stel­lung reagie­ren, dass er eine Bin­se ist. Kein Papst und kein Papa­list, der noch alle Tas­sen im Schrank hat, hat das jemals bezwei­felt. Der sprin­gen­de Punkt ist jedoch, dass die nor­ma­ti­ve Ein­schät­zung der Über­ein­stim­mung päpst­li­cher Äuße­run­gen mit der Tra­di­ti­on bzw. der Wahr­heit wie­der­um in der her­me­neu­ti­schen Sou­ve­rä­ni­tät des Pap­stes selbst liegt.

Damit noch eine abschlie­ßen­de Anmer­kung zum Sedis­va­kan­tis­mus. Man muß die Sedis­va­kan­ti­sten zunächst dar­in wür­di­gen, klar zu erken­nen, dass sich der beschrie­be­ne kon­ser­va­ti­ve Reduk­tio­nis­mus, der ange­sichts der kata­stro­pha­len Päp­ste der letz­ten Jahr­zehn­te einen vor­geb­lich iso­lier­ba­ren Kern der neu­zeit­li­chen Papst­idee ret­ten möch­te, nicht mit dem umfas­sen­den Anspruch der Papst­kon­struk­ti­on von Pastor Aeter­nus ver­ein­ba­ren läßt. Will man sich tat­säch­lich auf dem Boden des I. Vati­can­ums bewe­gen, muß man den Ent­wurf zur Gän­ze anneh­men. Wenn man jedoch das Fer­ret­ti-System akzep­tiert, kann man gar nicht mehr kon­sta­tie­ren, dass Päp­ste durch Häre­sie ihres Amtes ver­lu­stig gegan­gen sind. Im Gefü­ge des tota­len Pap­stes, das die Sedis­va­kan­ti­sten ja gera­de auf­recht erhal­ten wol­len, ist eine Ableh­nung päpst­li­cher Leh­ren nicht mehr mög­lich. Das ist der per­for­ma­ti­ve Wider­spruch des Sedis­va­kan­tis­mus. Die Behaup­tung des päpst­li­chen Amts­ver­lu­stes durch Häre­sie ist eine des eige­nen ver­nünf­ti­gen Urteils der Sedis­va­kan­ti­sten, das sie nun gegen das Urteil eines Pap­stes zur Gel­tung brin­gen. In den mei­sten sedis­va­kan­ti­sti­schen Nar­ra­ti­ven hat die Sedis­va­kanz ent­we­der mit Ron­cal­li oder Mon­ti­ni begon­nen. Einer die­ser Päp­ste, der anfäng­lich noch ein sol­cher gewe­sen sein muß, hat natür­lich sel­ber sei­ne von den Sedis­va­kan­ti­sten inkri­mi­nier­ten theo­lo­gi­schen Inter­pre­ta­tio­nen der Tra­di­ti­on für die kor­rek­ten gehal­ten. Sie zu ver­wer­fen, stün­de allein in der Urteils­kom­pe­tenz eines nach­fol­gen­den Pap­stes – sofern es den in der sedis­va­kan­ti­sti­schen Per­spek­ti­ve über­haupt noch geben kann.

Sankt Pius X. und die Priesterbruderschaft Sankt Pius X.

Ich möch­te die Bru­der­schaft an eine Anspra­che ihres Namens­ge­bers erin­nern, in der Pius X. in kon­ge­nia­ler Ent­spre­chung zur Selbst­sti­li­sie­rung des Pap­stes durch Pius IX. einen Hym­nus auf den tota­len Papst anstimmt. Ich mei­ne die Anspra­che von Pius X. vom 18. Novem­ber 1912 an die Prie­ster­ver­ei­ni­gung „Unio Apo­sto­li­ca“. Die­se Anspra­che hat es sogar in die „Acta Apo­sto­li­cae Sedis“ geschafft. Pius X. ver­tritt hier die Ansicht, dass die „Lie­be zum Papst in wun­der­ba­rer Wei­se zur Hei­li­gung der Prie­ster bei­trägt“. Der Grund dafür besteht dar­in, dass der Papst nach Auf­fas­sung des Pap­stes „das Ober­haupt ist, unter dem sich nie­mand tyran­ni­siert fühlt, weil er Gott selbst ver­tritt; er ist der Vater schlecht­hin, der alles in sich ver­eint, was lie­be­voll, zärt­lich und gött­lich sein kann. Und wie soll man den Papst lie­ben? Non ver­bo neque lin­gua, sed ope­re et veri­ta­te. Wenn man einen Men­schen liebt, ver­sucht man, in allem … sei­ne Wün­sche aus­zu­füh­ren. (…) Und wenn unser Herr Jesus Chri­stus von sich selbst sag­te: si quis dili­git me, ser­mo­nem meum ser­v­a­bit, so ist es, um unse­re Lie­be zum Papst zu zei­gen, not­wen­dig, ihm zu gehor­chen. Wenn man also den Papst liebt, strei­tet man nicht dar­über, was er befiehlt oder ver­langt, oder wie weit der Gehor­sam gehen soll, oder in wel­chen Din­gen man gehor­chen soll; wenn man den Papst liebt, … stellt man sei­ne Anord­nun­gen nicht in Fra­ge …; man begrenzt nicht den Bereich, in dem er sei­ne Auto­ri­tät aus­üben kann und muss; man stellt nicht vor die Auto­ri­tät des Pap­stes die­je­ni­ge ande­rer Per­so­nen, wie gelehrt sie auch immer sein mögen …“ Schließ­lich gilt für Pius X.: „Wer hei­lig ist, kann nicht vom Papst abwei­chen.“15

Wie bei Chri­stus sel­ber gibt es also auch der Licht­ge­stalt des Pap­stes gegen­über nach Pius X. die Dif­fe­ren­zie­rungs­mög­lich­keit zwi­schen Legi­ti­mi­tät und Lega­li­tät nicht mehr; ille­ga­le Akte sind eo ipso auch ille­gi­tim. Der Aus­weis ille­ga­ler Akte – wie vom Papst uner­laub­te Bischofs­wei­hen – mit dem die­se Akte legi­ti­mie­ren­den Hin­weis auf eine kirch­li­che Not­la­ge bricht in sich zusam­men, weil der Papst die­se vor­geb­li­che Not­la­ge nicht sel­ber als eine Not­la­ge ver­steht. Und sein Urteil ist nicht nur wegen sei­ner Juris­dik­ti­ons­ge­walt, son­dern aus den dar­ge­leg­ten epi­ste­mi­schen Grün­den auch mate­ria­li­ter das allein nor­ma­ti­ve. Mit ande­ren Wor­ten: Der tota­le Papst for­dert den Ver­zicht auf das eige­ne Urteil, den der Sol­dat aus Loyo­la in sei­nen „Regu­lae ad sen­ti­en­dum cum Eccle­sia“ bis zum ulti­ma­ti­ven Punkt getrie­ben hat: „Das Wei­ße, das ich sehe, hal­te ich für schwarz, wenn die hier­ar­chi­sche Kir­che es so defi­niert.“ Das ist zwar objek­tiv wahn­sin­nig, aber im abso­lu­ti­sti­schen System nur kon­se­quent. Akzep­tiert man also das Fer­ret­ti-System und damit alle Päp­ste bis auf den heu­ti­gen Tag als sol­che, kommt man nicht umhin, die Anspra­che von Pius X. auch auf Jor­ge Berg­o­glio anzu­wen­den und etwa zu glau­ben, dass Berg­o­gli­os Posi­ti­on in der Inter­re­li­gio­si­täts­fra­ge mit der­je­ni­gen der Pius-Päp­ste über­ein­stimmt, und zwar schlicht des­we­gen, weil Papst Berg­o­glio als das sin­gu­lä­re nor­ma­ti­ve Inter­pre­ta­ti­ons­sub­jekt der Tra­di­ti­on die­se Kon­ti­nui­tät mög­li­cher­wei­se behaup­tet und die­se Behaup­tung von sei­nem Nach­fol­ger nicht ver­wor­fen wird. Man muß es im Fer­ret­ti-System aber schon des­we­gen glau­ben, weil die katho­li­sche Leh­re beim Papst ja stets in Ehren gehal­ten wird.

Die FSSPX arbei­tet gern mit der Spi­ri­tua­li­tät Igna­ti­us von Loyo­las. Des­we­gen möch­te ich, kor­re­lie­rend zur Anspra­che Giu­sep­pe Mel­chi­or­re Sar­tos, eine Aus­sa­ge Loyo­las zum Gehor­sam in Erin­ne­rung rufen, die sich in den Ordens­kon­sti­tu­tio­nen fin­den läßt und wie­der­um den neu­zeit­li­chen Abso­lu­tis­mus per­fekt reflek­tiert: Jeder von denen, so Igna­ti­us, die im Gehor­sam leben, muß „sich mit­tels des Obe­ren füh­ren und lei­ten las­sen als sei er ein toter Kör­per, der sich wohin auch immer brin­gen und auf wel­che Wei­se auch immer behan­deln lässt, oder wie ein Stab eines alten Man­nes, der dient, wo und wozu auch immer ihn der Mann benut­zen will.“ Im Hori­zont der Papst­theo­lo­gie von Pastor Aeter­nus ist der Papst der kirch­li­che Obe­re kat­ex­ochen. Die­sem ein­zig­ar­ti­gen Tra­di­ti­ons­in­ter­pre­ten und „Vater schlecht­hin, der alles in sich ver­eint, was gött­lich sein kann“, muß man bedin­gungs­los gehor­chen; das kann in der Logik der Sache gar nicht anders sein. Und ihm zu gehor­chen heißt nach Pius X. ihn zu lie­ben, und sol­che Lie­be soll in wun­der­ba­rer Wei­se zur Hei­li­gung der Prie­ster beitragen.

Nun sieht es nicht so aus, als wür­de sich der wacke­re Distrikt­obe­re aus Stutt­gart, der sich gewiß um sei­ne Hei­li­gung eif­rig bemüht und zugleich „als unter den Papst gestellt sieht“, anschicken, sich von Papst Pre­vost „füh­ren und lei­ten zu las­sen als sei er ein toter Kör­per“. Pfluger han­delt ja expli­zit davon, dem Papst nur fall­wei­se gehor­sam zu sein, und zwar abhän­gig von sei­nem eige­nen theo­lo­gi­schen Urteil. Ist das ange­sichts der papst­theo­lo­gi­schen Prä­sup­po­si­tio­nen der FSSPX konsequent?

Grund­sätz­lich fra­ge ich mich: Was folgt aus all dem für die FSSPX? Sua quem­que inco­hae­ren­tia per­dit.16

*Vigi­li­us ist ein deut­scher Phi­lo­soph und Blog­ger auf www​.ein​sprue​che​.sub​stack​.com, wo die­se Ana­ly­se auch erst­ver­öf­fent­licht wurde.

Bild: Ein­sprü­che


  1. „Der Sta­chel im Fleisch der Amts­kir­che“, in: Tages­post, 28.11.2025. ↩︎
  2. Peter Kwas­niew­ski, Wah­rer Gehor­sam in der Kir­che. Ein Leit­fa­den in schwe­rer Zeit, Lin­coln 2022. ↩︎
  3. „Wer zer­reißt das Gewand Chri­sti?“ – Inter­view mit dem Gene­ral­obe­ren der Bru­der­schaft St. Pius X., in: fsspx aktu­ell, 23.04.2026. ↩︎
  4. Vigi­li­us, Das König­tum Chri­sti und die Apo­rien der römi­schen Kir­che, in: Ein­sprü­che, 02.03.2026 ↩︎
  5. Eber­hard Jün­gel: Gott als Geheim­nis der Welt, Tübin­gen 1978, 16. ↩︎
  6. Vgl. Mar­tin Heid­eg­ger: Nietz­sche II, Gesamt­aus­ga­be (GA), Bd. 6.2, Die Meta­phy­sik Nietz­sches, 236ff. ↩︎
  7. Vgl. zu die­ser Pro­pa­gan­da: Hubert Wolf, Der Unfehl­ba­re, Mün­chen 2023, bes. 325ff. ↩︎
  8. Anto­nio Sica­ri, Saint Lui­gi Orio­ne: The life of the ’stran­ge priest‘, in: Mess­ag­gi di Don Orio­ne, 12.09.2016. ↩︎
  9. Lou­is Veuil­lot, Bio­grafía del Papa Pio IX, Imp. La Espe­ran­za, Madrid, 1865; 3. ↩︎
  10. Dom Alcuin Reid, Brea­king the dead­lock bet­ween Rome and the SSPX, in: The Catho­lic Herald, 10.03.2026. ↩︎
  11. Klaus Schatz hat mitt­ler­wei­le nach­ge­wie­sen, dass er tat­säch­lich von Pius IX. stammt: Klaus Schatz, Vati­ca­num I, Bd. III, Pader­born 1994, 312–322. ↩︎
  12. Schatz, 321. ↩︎
  13. Cami­nan­te Wan­de­rer, La Tra­di­ción devora­da por el Magi­sterio, in: Cami­nan­te Wan­de­rer, 14.08.2021. ↩︎
  14. Rober­to de Mat­tei: Die Gefahr der Papo­la­trie – Vom rech­ten Gehor­sam gegen­über dem Papst, in: Katho​li​sches​.info, 03.10.2013. ↩︎
  15. Dis­cor­so del San­to Pad­re Pio X ai sacer­do­ti del­l’U­nio­ne Apo­sto­li­ca in occa­sio­ne del cin­quan­tesi­mo anni­ver­sa­rio del­la fon­da­zio­ne, 12.11.1912, in: Vati​can​.va. ↩︎
  16. Hoch­mit­tel­al­ter­li­che latei­ni­sche Sen­tenz: Jeden rich­tet sei­ne eige­ne Wider­sprüch­lich­keit zugrun­de. ↩︎

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