Am 13. Oktober wird Leo XIV. in Castel Gandolfo erstmals die nach ihm benannte Pope Leo XIV. Sustainability Medal persönlich überreichen. Erster Preisträger ist Kardinal Michael Czerny SJ, jener Jesuit, der unter Papst Franziskus zu einem der maßgeblichen Protagonisten der vatikanischen Migrationspolitik aufgestiegen war und zugleich zu den exponiertesten Vertretern der Nachhaltigkeits- und Klimaagenda gehört.
Die Medaille wurde zwar nicht vom Papst selbst gestiftet, sondern von der Villanova University, an der Leo XIV. in den 1970er Jahren Mathematik studiert, und die im 2014 einen Ehrendoktortitel verliehen hatte. Da sie jedoch seinen Namen trägt und vom Papst persönlich überreicht wird, ist die symbolische Aussage kaum zu übersehen. Und auch die Wahl des ersten Preisträgers ist nicht zufällig. Mit Kardinal Czerny wird ein Mann ausgezeichnet, dessen gesamtes öffentliches Wirken geradezu exemplarisch für jene Verbindung von „Migration, Ökologie und globaler Verantwortung“ steht, die das Pontifikat von Franziskus prägte.
Damit stellt sich die Frage nach der vielbeschworenen Kontinuität oder Diskontinuität zwischen Franziskus und Leo XIV. Zumindest auf diesem Feld ist die Antwort eindeutig: Von einer Abkehr von den Leitlinien des Vorgängers kann keine Rede sein.
Kardinal Czerny als programmatisches Signal
Kardinal Michael Czerny war von 2022 bis zum 1. September 2026 Präfekt des vatikanischen Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen. Schon zuvor hatte er als Leiter der Sektion für Migranten und Flüchtlinge eine herausgehobene Stellung in der Migrationspolitik des Heiligen Stuhls inne. Franziskus hatte diesem Bereich besondere Bedeutung beigemessen und war mit seiner religiösen Autorität der weltweit wichtigste Unterstützer der globalistischen Migrationsagenda.
Czerny machte die Migration geradezu zu einem Kennzeichen seines kirchlichen Wirkens. In seinem Kardinalswappen ließ er Migranten darstellen. Seine Begründung lautete: „In den Migranten ist Jesus.“
Das ist theologisch durchaus deutbar. Problematisch wird es dort, wo aus der christlichen Pflicht zur Hilfe für Menschen in Not eine politische Agenda wird, die Migration nicht mehr primär als konkrete menschliche und politische Herausforderung, sondern als Bestandteil einer globalen Ordnung betrachtet und sogar fördert.
Genau diese Verschiebung ist bei Czerny immer wieder zu beobachten.
Hinzu kommt seine ausgeprägte Hinwendung zur sogenannten Nachhaltigkeit. Als Präfekt des Dikasteriums förderte er unter anderem die Verbreitung von Materialien zu Klimawandel, Biodiversität, Wasser, Lebensmittelproduktion, Luftverschmutzung und „nachhaltigem Konsum“. In einer Rede beim Internationalen Kongreß zur Bewahrung der Schöpfung in Lissabon 2023 forderte Czerny unter anderem weniger private Autos und einen raschen Übergang zu einer Politik des sogenannten „Net Zero“. Die wissenschaftlich hoch zweifelhafte These, daß CO2 verantwortlich für die Erderwärmung sei, speziell der menschengemachte Ausstoß, wurde unter Franziskus vom Vatikan unkritisch übernommen. Der Heilige Stuhl wurde auch in diesem Fall zu einer Plattform zu seiner Propagierung.
Es geht dabei längst nicht mehr nur um den traditionellen christlichen Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung. Es geht um eine umfassende gesellschaftliche Transformation.
Und genau hier schließt sich der Kreis zur globalen Nachhaltigkeitsagenda.
Franziskus und die UNO-Agenda 2030
Der entscheidende Bezugspunkt ist das Jahr 2015. Am 25. September dieses Jahres sprach Papst Franziskus als einziger Redner vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York und erteilte, der unmittelbar danach verabschiedeten „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ seinen Segen.
Für die Regisseure im Hintergrund kam ihm die Aufgabe zu, stellvertretend für die Religionen der Welt zu sprechen und in dieser Funktion, aber auch als Kirchenoberhaupt sein moralisches Gewicht für die UNO-Agenda in die Waagschale zu legen.
Die Agenda umfaßt 17 sogenannte Ziele für nachhaltige Entwicklung und reicht von Armutsbekämpfung und Bildung bis zu Klima, Konsum, wirtschaftlicher Entwicklung und globalen gesellschaftlichen Strukturen. Beobachtern fiel die die bemerkenswerte Nähe zwischen der päpstlichen Sprache und den Zielsetzungen der Vereinten Nationen auf, wie man sie bis dahin so von Päpsten nicht gehört hatte. Johannes Paul II. und Benedikt XVI. blieben vielmehr auf Distanz, da sie sich der in der UNO wirkenden gegenteiligen Kräfte bewußt waren. Unter Franziskus schienen diese Bedenken wie weggewischt und in einem unbekümmerten Optimismus führte er die Kirche in den Gleichschritt mit den internationalen Institutionen. Sein damals engster politischer Berater, der Argentinier Marcelo Sanchez Sorondo sprach 2017 von einem „magischen Moment“, den „die Menschheit“ erlebe, denn „erstmals stimmen Lehramt des Papstes und Lehramt der UNO überein“.
Franziskus trat in New York nicht als kritischer Beobachter dieser globalen Programme auf. So fand er auch kein Wort zur Verteidigung des Lebensrecht ungeborener Kinder, obwohl die UNO seit Jahrzehnten ein maßgebliches Instrument zur globalen Durchsetzung der Tötung ungeborener Kinder durch Abtreibung ist. Seine Rede war vielmehr von der Überzeugung getragen, daß die internationale Staatengemeinschaft gemeinsam globale Probleme lösen müsse und sich dabei überstaatlicher Institutionen bedienen solle. Die Vereinten Nationen erschienen dabei nicht als eine politische Institution unter anderen, sondern geradezu als moralischer Bezugspunkt einer neuen Weltordnung.
Das ist deshalb bedeutsam, weil sich hier eine Entwicklung abzeichnete, die sich während des gesamten Pontifikates von Franziskus fortsetzte: Die Kirche übernahm zunehmend die Terminologie internationaler Organisationen. „Nachhaltigkeit“, „globale Gerechtigkeit“, „Migration“, „inklusive Entwicklung“ und „ökologische Umkehr“ wurden zu zentralen Begriffen kirchlicher Verkündigung. Mit Franziskus erhielt der Vatikan eine neue Mission, über die Katholisches.info 2019 in folgendem Artikel berichtete: Er spricht wie die UNO, verfolgt dieselben Ziele wie die UNO, hat aber nichts mit der UNO zu tun. Oder doch?
Dabei ist gegen die Sorge um die Schöpfung oder gegen die Hilfe für Arme selbstverständlich nichts einzuwenden. Die Frage ist eine andere: Muß die Kirche dafür tatsächlich die politischen Leitbegriffe der Vereinten Nationen übernehmen und sich ihr scheinbar bedingungslos anschließen, obwohl die Vorgängerpäpste harte Kämpfe um die Ausrichtung eben dieser Institutionen in zentralen ethischen Fragen austrugen, unter anderem dem Lebensrecht. Franziskus unterlag in diesem Kampf nicht mehr, weil er ihn aufgab und sich stattdessen in den Chor einreihte (siehe dazu auch: Die UNO will die katholische Kirche unter ihre Kontrolle bringen.
Es wurde auch deutlicher formuliert: Franziskus liefert die Kirche der UNO aus.
Von der Schöpfungsverantwortung zur gesellschaftlichen Transformation
Die christliche Soziallehre kennt eine Verantwortung des Menschen für die Schöpfung. Sie kennt ebenso die Pflicht zur Solidarität mit den Armen und zur Hilfe für Menschen in Not. Daraus folgt jedoch keineswegs, daß jedes internationale politische Programm, das sich dieser Begriffe bedient, automatisch mit christlicher Lehre gleichzusetzen wäre.
Genau diese Unterscheidung scheint in der gegenwärtigen kirchlichen Sprache zunehmend zu verschwimmen.
Wenn Kardinal Czerny von weniger privaten Autos spricht, wenn „Net Zero“ gefordert wird und wenn Umweltpolitik mit globaler „sozialer Gerechtigkeit“ und Migration zu einem umfassenden Programm verbunden wird, dann geht es nicht mehr lediglich um christliche Nächstenliebe oder einen verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung. Es geht um die Gestaltung des gesamten gesellschaftlichen Lebens nach einer bestimmten politischen Agenda, einer Agenda, die weder von der Kirche formuliert wurde noch ihrem eigenen Auftrag entspricht.
Der Begriff „Nachhaltigkeit“ wird dabei zu einer Art säkularer Universalformel. Er kann nahezu alles umfassen: Energie, Verkehr, Ernährung, Konsum, Wirtschaft, Finanzwesen, Migration und soziale Ordnung. Damit sind aber illusionslos weder das Naturrecht noch das Göttliche Gesetz gemeint.
Eine Kirche, die diese Begriffe kritiklos übernimmt, läuft Gefahr, nicht mehr das Evangelium in die Welt hineinzutragen, sondern die jeweils aktuellen Programme der internationalen Politik religiös zu überhöhen.
Die Migration als Teil derselben Agenda
Besonders deutlich wird dies bei der Migration. Kardinal Czerny gehört zu jenen Kirchenmännern, die Migration nicht nur als humanitäre Herausforderung betrachten, sondern sie in einen umfassenden globalen Zusammenhang stellen. Das entspricht weitgehend jener Sichtweise, die auch in globalistischen Zirkeln und internationalen Organisationen vertreten wird: Grenzen sollen ihre Funktion verlieren, Mobilität wird grundsätzlich positiv bewertet, und nationale Interessen haben gegenüber einer global verstandenen Solidarität zurückzutreten. Doch in wessen Hand liegen dann die Entscheidungen, wer übt eine Kontrolle aus, während die Einflußnahme den Menschen entzogen wird. Je weiter die Institutionen vom Menschen entfernt sind, desto geringer ist sein Einfluß und desto größer seine Ohnmacht. Doch genau diese Ferne wird systematisch angestrebt und damit ein bewußter Machttransfer.
Hier liegt einer der entscheidenden Streitpunkte.
Christliche Nächstenliebe ist individuell und sie kennt sehr wohl politische Verantwortung für konkrete Gemeinwesen. Ein Staat trägt Verantwortung für seine Bürger, für seine Rechtsordnung, für seine soziale Stabilität und für die Bedingungen des Zusammenlebens. Daraus folgt nicht die Ablehnung von Flüchtlingshilfe oder humanitärer Aufnahme. Es folgt aber sehr wohl, daß Migration nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt moralischer Appelle betrachtet werden kann. Damit würde man sich und das eigene Gemeinwesen den unkontrollierbaren Interessen anderer ausliefern.
Wer diese politische Dimension ausblendet, macht aus einer komplexen politischen Frage eine moralische Einbahnstraße.
Gerade die Verbindung von Migration und globaler Nachhaltigkeit macht deshalb hellhörig. Denn hier entsteht ein Menschenbild, in dem der einzelne Mensch zunehmend als Bestandteil globaler Bewegungs‑, Wirtschafts- und Entwicklungsprozesse erscheint. Die konkrete Bindung an Volk, Nation, Heimat und gewachsene politische Gemeinschaften tritt dabei in den Hintergrund, wird untergraben und teils offen zersetzt, wenn nicht sogar zertrümmert. Es gibt im deutschen Sprachraum kaum mehr eine Großstadt, in der die einheimischen deutsche Kinder noch in der Mehrheit sind.
Leo XIV. setzt die Linie fort
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Auszeichnung Czernys durch Leo XIV. ihre eigentliche Bedeutung.
Man muß Leo XIV. nicht mit Franziskus gleichsetzen, um Kontinuitäten festzustellen. Es genügt, auf die konkreten Signale zu schauen. Der neue Papst distanziert sich in diesem Bereich nicht von der Sprache seines Vorgängers. Im Gegenteil: Mit der nach ihm benannten Nachhaltigkeitsmedaille und der Wahl Kardinal Czernys zum ersten Preisträger wird ein Mann ausgezeichnet, der wie kaum ein anderer für die bergoglianische Liaisson mit der globalistischen Agenda steht.
Der Name der Medaille ist dabei bezeichnend. Sie heißt nicht etwa „Pope Leo XIV. Medal for Christian Charity“ oder „Medal for the Defence of Human Dignity“, sondern „Sustainability Medal“.
Das Wort „Nachhaltigkeit“ steht seit 2015 für das weltweite politische Programm der UNO. Und dieses Programm ist keineswegs wertneutral. Es enthält konkrete Vorstellungen darüber, wie Menschen wirtschaften, konsumieren, sich fortbewegen und zusammenleben sollen.
Die Kirche als moralische Begleitinstanz der Weltpolitik?
Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage nach dem Selbstverständnis der Kirche.
Soll die Kirche die politischen Programme internationaler Organisationen übernehmen, weil diese sich auf Begriffe wie Frieden, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Menschenwürde berufen? Oder muß sie nicht gerade dort kritisch bleiben, wo solche Begriffe verwendet werden, um weitreichende politische und gesellschaftliche Veränderungen zu legitimieren?
Die Kirche hat einen Auftrag, der über die Tagespolitik hinausgeht. Sie muß den Menschen daran erinnern, daß er Geschöpf Gottes ist und nicht bloß Bestandteil einer globalen Bevölkerungs‑, Wirtschafts- oder Klimabilanz. Sie muß für die Würde des Menschen eintreten, aber ebenso für die Würde konkreter Gemeinschaften, für Familie, Heimat, Volk und gewachsene kulturelle Ordnungen.
Das schließt internationale Zusammenarbeit keineswegs aus. Es schließt auch nicht die Hilfe für Migranten, Flüchtlinge oder Menschen in Armut aus. Es verlangt vielmehr eine klare Unterscheidung zwischen christlicher Caritas und politischen Programmen.
Franziskus setzte 2015 in New York ein weithin sichtbares Zeichen der Nähe zur globalen Nachhaltigkeitsagenda. Leo XIV. setzt nun ein weiteres. Es ist ein Symbol für eine Kirche, die sich immer stärker in die Sprache und die Programme einer globalisierten Welt einfügt.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Wer bestimmt, was unter „Nachhaltigkeit“, „Gerechtigkeit“, „Migration“ und „globaler Verantwortung“ zu verstehen ist?
Wenn die Antwort zunehmend bei der UNO und ihren globalen Agenden gesucht wird, dann muß die Kirche sich fragen lassen, ob sie noch Maßstab der Welt sein will – oder zunehmend selbst die Maßstäbe der Welt übernimmt.
Die Verleihung der ersten „Pope Leo XIV. Sustainability Medal“ an Kardinal Czerny liefert darauf jedenfalls eine bemerkenswert eindeutige Antwort.
Leo XIV. wandelt weiter auf den Spuren von Franziskus.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Katholisches.info
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